LORIOT
und die Musik
5 DVD Set
Ohne Zweifel gehört Loriot zu den bedeutendsten
Karikaturisten und Humoristen des vergangenen Jahrhunderts. Aber auch zur Musik
pflegte der Enkel Hans von Bülows immer eine enge Beziehung. Er inszenierte
Opern, entwarf zu musikalischen Werken heitere Zwischentexte und präsentierte
sogar einen eigenen kleinen Opernführer. Vieles davon wurde in den 1980er und
1990er Jahren für das Fernsehen konserviert und jetzt von dem Label Warner in
einer fünf DVDs umfassenden Box „Loriot und die Musik“ auf den Markt gebracht.
Diese „glückliche Verbindung von Komik und Harmonie“ - so der Untertitel des
Schubers - ist von großem Reiz. Loriots große Liebe zur Musik wird nur allzu
offenkundig. Er nähert sich ihr mit viel Witz und Heiterkeit, egal ob er
inszeniert oder moderiert.
Loriots größter Opernerfolg
war seine im Jahre 1986 an der Württenbergischen Staatsoper Stuttgart aus der
Taufe gehobene Inszenierung von Flotows „Martha“. Die zeitnah zur Premiere
entstandene Aufzeichnung dieser Produktion ist auf der ersten DVD zu finden. Schaut
man sie an, wird nachvollziehbar, dass die „Martha“ damals in Stuttgart der
absolute Renner war und auch in dieser Spielzeit noch die Herzen des Publikums
am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz, wo sie seit nunmehr dreizehn Jahren
auf dem Spielplan steht, höher schlagen ließ. Was Loriot, der neben der Regie
auch für das wunderbare Bühnenbild und die gelungenen Kostüme verantwortlich
zeigt, ist Vergnügen pur. Der Regisseur verlegt die von ihm als Kindertheater
interpretierte Handlung, die immer wieder von den riesigen Händen eines
Puppenspielers vorangetrieben wird, vom Anfang des 18. in die Mitte des 19.
Jahrhunderts. Dieser kleine, aber unschädliche Eingriff wird v. a. an den
Kostümen deutlich, die wahrlich eine Augenweide darstellen und viel zum
Gelingen der mitgeschnittenen Vorstellung beitragen. Loriot greift tief in die
humoristische Trickkiste und bringt das Geschehen derart frisch, lebendig und
überaus witzig auf die Bühne, dass es eine Wonne ist. Leerläufe gibt es an
keiner Stelle. Langweilig wird es nie. Dafür kann Loriot viel zu gut mit den
Sängern umgehen, die er gekonnt zu darstellerischen Höchstleistungen animiert. Selten
hat man eine so ausgefeilte und abwechslungsreiche Personenregie erlebt. Dabei
geraten ihm die Charakterisierungen der einzelnen Personen äußerst amüsant. Auf
hohem Niveau entledigt sich das Orchester unter Wolf-Dieter Hauschild seiner Aufgabe. Dirigent und Musiker warten mit
einer lockeren, einfühlsamen und beherzten Interpretation auf, die dem Werk
voll entspricht. Für einen Teil der Sänger gilt dies allerdings nur mit
Einschränkungen. Krisztina Laki
singt die Lady Harriet mit leichtem, nicht sonderlich gut focussiertem Sopran.
Auch dem ziemlich dünnen Tenor von Rüdiger
Wohlers als Lyonel fehlt es in erheblichem Maße an der nötigen
Körperstütze. Etwas entfernt von ihrem sonstigen Fach wartet Waltraud Meier hingegen mit einem in
jeder Beziehung hervorragenden Rollenportrait der Nancy auf. Tadellos ist auch
die Leistung von Helmut Berger-Tuna,
der für den Plumkett einen angenehmen Bass mitbringt und auch darstellerisch
voll überzeugt. Schauspielerisch einfach köstlich und gesanglich einwandfrei
gibt Jörn W. Wilsing den Lord Tristan.
Rau und abgesungen präsentiert sich Fritz
Linke als Richter. Ein Extralob gebührt den vielen vom Regisseur sehr individuell
gezeichneten Statisten, die viel zu der ausgeprägten Komik beitragen.
Die zweite DVD enthält die
im Jahre 1988 bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen aufgezeichnete
Produktion des „Freischütz“. Zum zweiten Mal hat sich Loriot hier an eine Oper gewagt
und ebenfalls einen großen Erfolg
verbuchen können. Er nähert sich Webers Oper behutsam und konventionell. Insbesondere
das von ihm entworfene Bühnenbild ist sehr romantischer Natur. Den Höhepunkt
bildet die Wolfsschluchtszene. Er inszeniert gefällig und stückgerecht, wobei
er auch einige nicht von Weber und Kind stammende gelungene Ideen einfließen
lässt. Es ist ein hübscher Einfall, dass Ännchen Max ebenfalls liebt und ihre
Zuneigung zu dem Jäger kaum verbergen kann. Zum Schmunzeln ist der Dorfpfarrer,
der am Ende aus Protest gegen die Einmischung des Eremiten in seine
Angelegenheiten protestierend mit seiner Gemeinde das Weite sucht, während sich
der schwarze Jäger Samiel zu dem die Züge von Jesus tragenden Eremiten an den
Tisch setzt. Gut und Böse werden zusammengeführt. Wie sie sich im Folgenden
vertragen werden, wird man sehen. Auch musikalisch kann man insgesamt zufrieden
sein. Wolfgang Gönnenwein, der
damalige Intendant sowohl der Ludwigsburger Schlossfestspiele als auch der
Württembergischen Staatstheater, erweist sich als routinierter Kapellmeister,
der Webers Werk mit leichtem und lockerem Klang transparent und mehr kammermusikalisch
als dramatisch ausdeutet. Bis auf den äußerst flachen und nicht im Körper
sitzenden Tenor von Uwe Heilmann als
Max, sind die Sänger durchweg überzeugend. Mit vollem, dunklem Sopran und
warmer Tongebung wird Nancy Johnson
der Agathe mehr als gerecht. Einen wunderbaren Bass-Bariton mit noblem Timbre bringt
Siegmund Nimsgern für den Kaspar
mit. Eine Idealbesetzung für das Ännchen ist Ulrike Sonntag, die ihre Rolle nicht nur gewandt spielt, sondern
mit hervorragend gestütztem Sopran auch vorbildlich singt. Mit kernigem und
sonorem Bass verleiht Carsten H. Stabell
dem Eremiten große Autorität. Solide ist der Kuno von Waldemar Wild. Nichts auszusetzen gibt es auch an dem Ottokar von Michael Ebbecke. Thomas Mohr, damals noch Bariton, singt einen passablen Kilian. Als
Samiel bewährt sich der Schauspieler Albrecht
C. Dennhardt.
Zu Loriots größten Erfolgen
zählt weiter die von ihm bearbeitete Fassung von Leonard Bernsteins auf
Voltaire beruhender komischer Operette „Candide“. Ein Mitschnitt der konzertanten
Aufführung des Münchner Staatstheaters am Gärtnerplatz im Prinzregententheater zum
80. Geburtstag Loriots, der auch Wolfgang Wager - man sieht ihn in der ersten
Reihe sitzen - beiwohnte, füllt die dritte DVD. Einmal mehr kann man sich den
von Loriot mit viel Humor und Wortwitz vorgetragenen erläuternden und verbindenden
Texten des Stückes nur schwer entziehen. David
Stahl betont mit dem frisch aufspielenden Orchester nachhaltig den
Musical-Charakter von Bernsteins Partitur, die er dem Publikum mit viel Schwung
und Ausgelassenheit grandios vermittelt. Leider ist das gesangliche Niveau ziemlich
mäßig. Fast durchweg dominieren flache, nicht im Körper verankerte Stimmen ohne
große Tiefgründigkeit. Schade!
Die vierte DVD enthält „Loriots
Opernführer“ und „Wagners ‚Ring’ an einem Abend“, wo der Spross der Familie von
Bülow in bewährter Manier auf äußerst unterhaltsame Art und Weise die teilweise
sehr ernsten und tragischen Handlungen auf die Schippe nimmt und augenzwinkernd
verulkt. Die „Ring“-Texte werden von musikalischen Ausschnitten aus Wagners
großangelegter Tetralogie eingerahmt. Es singen u. a. Carol Yahr (Brünnhilde), Rene
Kollo (Siegfried) und Robert Hale
(Wotan). Beide Mitschnitte entstanden bei Festlichen Operngalas der Deutschen
Oper Berlin für die AIDS-Stiftung. Im Rahmen von Berliner Konzerten kamen „Der
Karneval der Tiere“, „Peter und der Wolf“ und „Die Geschichte von Babar, dem
kleinen Elefanten“ zu Gehör, die auf der fünften DVD von Loriot köstlich
erzählt und von Marello Viotto
zusammen mit dem blendend disponierten Orchester klangschön und intensiv
ausgelotet werden.
Fazit zum Schluss: Für diese
Veröffentlichung ist Warner sehr zu danken. Nicht nur für ausgeprägte
Loriot-Fans stellt diese herrliche DVD-Box ein absolutes Muss dar! Die Anschaffung
wird dringendst empfohlen!
Ludwig Steinbach
Sinfonien
Beethovens sinfonischer Zyklus mit Christian Thielemann
Wiener Philharmoniker praktizieren die hohe Schule des
Orchesterspiels
Er bekennt sich mehr oder weniger zum klassisch-romantischen
Repertoire. Natürlich steht er da nicht alleine da – denkt man an Riccardo
Muti, Zubin Mehta, Bernard Haitink, James Levine und andere. Christian
Thielemann – ein romantischer Schwärmer? „Mit dem kann man nicht“ kam einmal
aus dem Mund von Gérard Mortier. Doch was hat es mit dem Schwärmen auf sich?
Seinen Kritikern entgegnet der designierte musikalische Direktor der
Sächsischen Staatsoper gerne, dass ihn Beethoven, Brahms, Strauss, Schumann,
Wagner im Augenblick mehr interessierten als die Moderne. Die laufe ihm nicht
davon. Dass Thielemann eine charismatische Figur ist, ein großer Könner am
Pult, das bezweifelt wohl niemand. Mitunter tritt er bei Kritikern ins
Fettnäpfen – weil er Hans Pfitzner ins Herz geschlossen hat, jenen Komponisten
mit teutonischem Make-Up, dessen patriotische Einstellung oft als militant
konservativ ausgelegt wird? Eine komplizierte Sache, fürwahr Noch
komplizierter: Preussisch zackig, scharf gescheitelt….. Thielemann liebt auch
die Märsche. Und die präsentiert er sogar im Neujahrskonzert (in Nürnberg) den
Zuhörern. Draus drehten ihm einige sogar einen deutschnationalen Strick.
Vom Profil repräsentiert Christian Thielemann lupenrein den
Typ des Orchesterromantikers. Die Orientierung an große traditionelle Vorbilder
merkt man den Aufnahmen an – besonders denen mit Werken von Ludwig van
Beethoven. Nun gibt es ja in Sachen Beethoven zwei Traditionslinien – eine
spätromantische, repräsentiert von Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer, Bruno
Walter. Dann die antiromantische Richtung. Entscheidende Exponenten waren
Arturo Toscanini, Hermann Scherchen, Michael Gielen. Welche Spannweite öffnet
sich doch, wer die Historiker Roger Norrington, Nikolaus Harnoncourt, John
Eliot Gardiner einbezieht oder die im schlanken Klangbild mit Vollgas
abdüsenden Maestri vom Schlage Paavo Järvis oder des Amerikaners David Zinman,
der mit dem Zürcher Tonhalle-Orchester Beethoven in eine helles Licht stellte.
Herbert von Karajans Einspielungen, die frühen Mono Aufnahmen bei EMI, die
nachfolgenden beide analogen aus den Jahren l962, l977 sowie die digitale
Version der achtziger Jahre (Deutsche Grammophon) beanspruchen in der
hochvirtuosen spieltechnisch geschliffenen Diktion dank Berliner Philharmoniker
eine Sonderstellung.
Jetzt macht Christian Thielemann den sinfonischen Beethoven
Zyklus zum Schauplatz respektgebietender Dispositionskunst. Gefilmt in High
Definition (HD), akustisch gebannt im Surround Sound und live mitgeschnitten
mit den Wiener Philharmonikern im Goldenen Saal der Gesellschaft der
Musikfreunde in Wien, wird das traditionell geprägtes interpretatorische
Leitbild beschworen: der runde Wohllaut
und die zur Perfektion gesteigerte Fülle des Klangs der Wiener Philharmoniker -
unverwechselbar im seidigem Glanz der Streicher und großer instrumentaler
Virtuosität. Geschmeidig geformte melodische Bögen, wundervoll hervortretendes
Bläserspiel und akkurat ausgelichtete Überleitungen sind Qualitäten, die
Thielemann mit maximalem sportlichem Pulteinsatz von den Philharmonikern zu
entlocken versteht. Ein Klang von gestern? Sowohl als auch. Vollmundig,
muskulös, aufrauschend, doch immer ausgewogen in allen Orchestergruppen, so
inszeniert er in der Siebten im Finale einen trunkenen Wirbeltanz –
Beethoven-Glut mit dem Gespür für das richtige mit den Satzcharakteren
korrespondierende Zeitmaß. Beethovens „Schicksals-Sinfonie“, die Fünfte,
gleicht im Kopfsatz einem imponierenden Trotzgemälde, ein
ungehemmt-ungezügelter Ablauf , wie vom Komponisten gedacht. Mit
massiver Überredungskunst wird die C-Dur Apotheose inszeniert, kraftvoll
hochgeputscht - wie im Rausch wird der Siegestriumph gefeiert. Bullige Forti
sind es, die einen auf den Gedanken bringen, dass der hingebungsvoll sein
Beethoven-Projekt realisierende Dirigent gerade in der dritten Sinfonie
(Eroica) einen Romantizismus alter Schule vorführt – wie ein Relikt aus
vergangenen Zeiten. Im gebremsten Gang, ausladend, laut und wuchtig, zieht ein
richtiger Trauermarsch vorüber wie ein kolossales Gemälde, breitwandig
eindimensional abgelichtet. Der Tod kündigt sich mit Wucht an. Da wird
Furtwänglers romantische Poesie beschworen. Doch signalisiert der
„Eroica-Ablauf“ auch manche Feinheiten etwa im schattenhaft dahin huschenden
Scherzo mit fabelhaft geblasenen Signalen der Hörner im Trio. Beeindruckend
auch der tänzerische Schwung, die Leichtigkeit im Finale, auch wenn das „Poco
Andante“ doch ein wenig allzu besinnlich ausgebreitet erscheint.
Rhythmisch pulsierend lässt Thielemann Beethovens sechste
Sinfonie musizieren – stellenweise
fasziniert die auf Feinzeichnung der melodischen Linien und Spontaneität des
Rhythmischen abgestellte „Pastoral“-Version. Doch ganz unbelastet von Traditionshypotheken
ist der Stil nun auch wieder nicht, zumal sich der Maestro diverse Rubati
gönnt, auch klangverliebt Details herauskitzelt, ihnen besonderen Nachdruck
verleiht, was gerade im Finale recht aufgesetzt wirkt. Immerhin ereignet sich
das „Zusammensein der Landleute“ ausgelassen, rhythmisch scharf pointiert. Ist
es nötig, die…“frohen und dankbaren Gefühle“ noch durch Drücker in der
Sotto-voce-Coda zu sentimentalisieren? Auf diese Restbestände vom Pathos
früherer Zeiten, auf den Überdruck der Gestaltung, könnte man ruhig verzichten.
Immerhin dirigier Thielemann mit lobenswerter Frische die
erste Sinfonie – eine flotte, sympathische Vorwärtsstrategie mit der die Wiener
Philharmoniker ihre Spielfertigkeit nachdrücklich unter Beweis stellen. Auch
die gar nicht leicht zu spielende zweite Sinfonie durchweht eine frische Beethoven-Brise, die im
Larghetto (zweiter Satz) große Ruhe verbreitet und im Schlusssatz den
Philharmonikern einen virtuosen Sprint abverlangt.
Und die vierte Sinfonie? Die brilliert unter Hochspannung, funkelt, kommuniziert auf
mitreißende Weise. Schon das verhaltene, mit großem Spannungsbogen einheitlich
ausgeformte, verteufelt schwere Adagio des ersten Satzes wird zu einem
Meisterstück des dramaturgischen Aufbaus. Das folgende Allegro vivace nutzt
Thielemann als Sprungbrett für federnde Aktivitäten. Da werden Kontraste
plausibel, nie knallig, nie ohne Gespür für Übergänge gesetzt. Pulsierende Tempi (exakt die rhythmischen
Punktierungen) bannten im zweiten Satz jegliche Gefahr des
Auseinanderbröckelns. Und es macht Eindruck wie bei flottester Gangart
Nebenstimmen deutlich zu Wort kommen. Da gibt es kein wesenloses Dahinhuschen,
umso mehr wohl kalkulierte Ekstase auf
der ganzen Linie.
Spannung, stimmige Proportionen charakterisieren die
Wiedergabe der achten Sinfonie – eine Apotheose des Taktes. So kommen die
mächtigen rhythmisch-metrischen Ballungen mit der gebotenen Dynamik, auftrumpfend in den perkussiven
Einlagen. Und noch eine Feinheit lässt aufhorchen: Delikat ausgeformte Staccati
im Pianissimo vergegenwärtigen ein Taktgefühl für die Ironismen, die Beethoven
scharfsinnig auf die mechanisierte Zeitordnung von Mälzels Metronom münzte. Vom
„Klopf-Klopf-Stummsinn“ hält Thielemann nichts ebenso wenig von Donnergesten im
vertrackten, von den Wiener Philharmonikern spritzig rhythmisiertem Finalsatz. „Die funkelnde Lebendigkeit“
(Berlioz) und der Humor Beethovens treten im virtuosen Spiel der Philharmoniker
in allen Stimmen deutlich zutage.
Format hat die suggestive Beschwörung dionysischer Orgien in
Beethovens Neunter. Thielemann dirigiert mit einer unverwechselbaren Mischung
aus Enthusiasmus, Spontaneität und Intelligenz. Genüsslich schaut die Kamera
zu, wenn er den „überdimensionalen
Versöhnungskuss“ den Zuschauern und Hörern zu verabreichen sucht. Zwielichtig
blitzend, und aufregend zieht der zweite Satz vorüber, enthüllt so manche
rhythmische Bockigkeiten. Mag das Adagio auch ein wenig zerdehnt wirken, klar
und deutlich erscheinen stets die Stimmenfülle und die Kontrapunkte. Der erste
Satz wirkt im gemessenen Tempo transparent durch ziseliert. Thielemanns
Intensität treibt das Geschehen unaufhörlich bis zur Apotheose, in der neben
dem durchschlagskräftigen Wiener Singverein die gut ausgewählten Solisten
(Annette Dasch, Mihoko Fujimura, Piotr Beczala und Georg Zeppenfeld) ihre höher
gelegenen Linien trefflich meistern. Bemerkenswert diszipliniert uns klanglich
austariert wirkt das Pathos dieser affirmativen Beschwörung. Ekstase und
Exzentrik vergegenwärtigt der Wiener Chor stimmschlank, sauber in der
Intonation, metrisch sattelfest in der Doppelfuge.
Und wie nimmt sich die Realität der Bildeinstellungen (Video
Editor Thomas König) aus? Christian Thielemann wird in der Totale oder in
Ausschnitten aus verschiedenen Perspektiven gezeigt, mal von links, mal von
rechts, von vorne in Nah- und Ferneinstellungen. Mit umarmenden Bewegungen,
Kniebeugen und mitunter hektischem Zugriff befeuert er unaufhörlich das
musikalische Geschehen, damit sich ein Optimum an Klarheit in der Führung der
Stimmen einstellt. Aber von einer Ego-Show wie jüngere Dirigenten (Gustavo
Dudamel) in wahrlich sportlicher Hypertrophie das am Pult zu praktizieren
pflegen, ist Thielemann trotz seiner gelegentlich überfrachteten körperlichen
Einlagen weit entfernt. Abstand genommen wird auch von der übertriebenen
Zeigestock-Dramaturgie – „wer gerade spielt, ob wesentlich oder nicht, kommt
ins Bild – immer die gleichen Musiker“. Hier wird nicht einfach Musik des
Effektes wegen bebildert, sondern der Versuch unternommen, den Spuren der
musikalischen Spannung nachzuspüren.
Die rund einstündigen (!) Konversationen zwischen Joachim
Kaiser und Christian Thielemann zu den einzelnen sinfonischen Werken auf jeder
der drei blu-rays werden doch zu einer recht lang währenden Hörerfahrung. Hätte
eine komprimiertere Fassung dem Informationsgehalt geschadet? Die so gewonnene
Zeitersparnis für Zugaben von Ouvertüren zu nutzen - das hätte der Huldigung des Titanen gut
angestanden.
Egon Bezold