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GÖTTERDÄMMERUNG

Mailänder Scala Juni 2013

I: Guy Cassiers   ML: Daniel Barenboim

 

Arthaus 101 696

 

Besser als live

Wie bereits für Rheingold, Walküre und Siegfried gilt, dass die DVDs vom Mailänder „Der Ring des Nibelungen“ weitaus größeren Genuss bereiten können als der Besuch im Opernhaus, wenigstens in der Berliner Staatsoper- und warum sollte es in der Scala anders gewesen sein. Während der Zuschauer im Opernhaus dem ewigen Wabern, Wallen, Wogen der Videowand schutzlos ausgeliefert ist, konzentriert sich die Kamera auf die Solisten, die live oft in dem untergingen, was Waldeslust, Rheinesrauschen oder Feuersbrunst darstellen sollte. Auch das Relief „Die unendlichen Leidenschaften“ von Jef Lambeaux, das den Schluss“vorhang“ bildet, wirkt hier eher dezent, die menschlichen Gliedmaßen in Aspik, die als Tribüne, Bank oder Bahre für Siegfried dienten, bleiben erträglich wie die gequälten Fratzen im Hintergrund, die immer wieder die Fragen nach dem Wer, Wozu, Warum aufwerfen. So üppig die Videoprojektionen sind (Arjen Klerkx, Kurt D’Haeseleer), so dürftig fällt die Personenregie von Guy Cassiers aus, der Brünnhilde wie Tosca in die Tiefe und Hagen gleich hinterher springen lässt, das Treiben der Rheintöchter auf Röcke-,Schleppen-, Schleierschwenken beschränkt und die da am besten ist, wo sie die Sänger unbehelligt lässt. Die haben ohnehin genug mit dem Bändigen ihrer Kostüme (Tim van Steenbergen) zu tun, so Brünnhilde, deren endlos lange Schleppe gern einmal irgendwo hängenbleibt und sich nur nützlich macht, wenn sie auf hartem, schmalem Lager als Betttuch dienen kann.  Auch die bereits bekannten Tänzer (Choreographie Sidi Larbi Cherkaoui) erscheinen als überflüssig (Tarnhelm) bis peinlich (Kampf mit Brünnhilde).

Berliner und Mailänder Besetzung der Gemeinschaftsproduktion beider Häuser weichen in einigen Partien voneinander ab, haben aber als grandiose Brünnhilde Iréne Theorin gemeinsam. Sie singt ohne jede Schärfe in der leuchtenden Sopranstimme sicherer Höhe, textverständlich, unermüdlich und mit jeder Phrase dokumentierend, wie sehr sie die Rolle verinnerlicht hat. Ihre Darstellung zeigt soviel Leidenschaft wie Würde, soviel Verletzbarkeit wie Entschlossenheit und triumphiert über alle Misslichkeiten der Ausstattung. Wäre man boshaft, würde man behaupten, Lance Ryans Siegfried gefalle am meisten als schöne Leich‘, die er mit edlem Profil tatsächlich ist, oder wenn er das Waldvögelein nachahme. Zu grell, zu abgehackt, zu schrill und mit der Intonation auf Kriegsfuß ist er, als dass man bei allem beklagenswertem Mangel an guten Siegfrieden seinem Gesang etwas abgewinnen könnte. Darstellerisch kann er etwas von dem, was er dem Hörer zumutet, wettmachen. Ein eher hell- und schlankstimmiger, aber nicht weniger eindrucksvoller Hagen ist Mikhail Petrenko, in bleicher Missgunst sein übles Spiel treibend. Einen sehr sonoren, unangefochtenen Gunther singt Gerd Grochowski, und auch der zweite deutsche Sänger in der slawischen Übermacht, Johannes Martin Kränzle, ist ein vokal standfester, hochsolider Alberich. Anna Samuil ist die Barbiepuppe von Gutrune mit zunächst lieblichem, in der letzten Szene zu leichtem Sopran. In schöner Harmonie singen sowohl Rheintöchter (Aga Mikolaj,Maria Gortsevskaya und Anna Lapkovskaja) wie die Nornen Margarita Nekrasova, Waltraud Meier und Anna Samuil miteinander. Vokal wie schauspielerisch der Höhepunkt der Aufführung ist die Szene zwischen Brünnhilde und Waltraute, die durch Waltraud Meier zu tragischer Größe wächst und in deren Darstellung und Gesang sich das große Drama um den Ring eindrucksvoll widerspiegelt.

Teutonische Wildheit und italienische Gesangskultur vereinen sich im Chorgesang (Bruno Casoni), zurecht stürmisch gefeiert wie nur die Brünnhilde wird das Orchester unter Daniel Barenboim, das durchsichtiger, heller, detailverliebter klingt, als man die Berliner Götterdämmerung im Ohr behalten hat. Auch von seiner Einfühlsamkeit hängt die Möglichkeit zur pianoreichen Gestaltung der Brünnhilde ab.

5.3.2014,  Ingrid Wanja  

 

 

SIEGFRIED

Scala 2012        Mus. Ltg.: Daniel Barenboim;  Insz.: Guy Cassiers  

 

ARTHAUS

Best.Nr.: 101695       

Laufzeit: 253 Minuten

 

Ansprechende Psychologie

 

Kurz nach der Veröffentlichung der Mailänder „Walküre“ hat das Label ARTHAUS nun auch den im Oktober 2012 an der Scala aufgezeichneten „Siegfried“ auf DVD herausgebracht. Wie schon bei den beiden vorangegangenen Teilen ist die Personenregie von Guy Cassiers nicht sehr ausgeprägt. Insbesondere im dritten Aufzug und in der Rätselszene des ersten Aktes kommt es diesbezüglich zu Längen. Indes stimmt der geistige Gehalt, was schon viel ist. Was Cassiers, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, auf die Bühne bringt, ist gut durchdacht und durchaus nachvollziehbar. Und wieder setzt er bei seiner Arbeit gefällige Projektionen ein. Damit erreicht er insbesondere bei den grünen Waldimpressionen schöne Wirkungen.

Mime und Siegfried hausen in einer Art offenem, überdimensionalem Käfig. Einzelne kleine Käfige stehen herum, andere befinden sich noch unausgepackt in Kisten. Das Ganze wird von einem oben geborstenen Torrahmen überragt, der aus zahlreichen Schwertstücken besteht. Auf diese Weise hat Mime also die von seinem Zögling zerschlagenen Schwerter doch noch sinnvoll zu nutzen gewusst. Der Regisseur führt Siegfried als ziemlich ungezogenen Teenager vor, der in seinem im oberen Bereich des Käfigs gelegenen Zimmer gerne fernsieht und sich dabei besonders an Bildern ausgebombter Großstädte erfreut. Hier hat sich offensichtlich über Jahre hinweg seine Gewalttätigkeit ausgeprägt. Notung würde bei ungehindertem Verlauf der Entwicklung des Wotan-Enkels nur die erste von vielen Waffen darstellen, die er herstellt. Siegfried als potentieller Gründer einer Waffenindustrie? Cassiers sagt dazu eindeutig nein und lässt den Käfig als Keimzelle einer neuen Machtfabrik, die derjenigen von Alberich womöglich nicht unähnlich sein würde, am Ende des ersten Aufzuges kurzerhand in Flammen aufgehen. 

Im Folgenden geht es ihm darum, aufzuzeigen, wie Siegfried sich seiner selbst bewusst wird. Der zweite Aufzug stellt eine ausgezeichnete Psychoanalyse des Helden dar, an der Sigmund Freud seine helle Freude gehabt hätte. Die dunklen Abgründe in Siegfried werden durch Fafner symbolisiert. Das riesige Tuch, das den Wurm darstellt, wird von einer Anzahl schwarz gekleideter Bewegungsstatisten bewegt, die ebenfalls weniger realer Natur als vielmehr Ausfluss des Un- und Unterbewusstsein des Wälsung sind. Sie geben einer Anzahl von Schwertern die unterschiedlichsten Formen, darunter auch die eines Juden-Sterns. Dieser Einfall gilt wohl Mime, der trotz seiner Brille alles andere als intellektuell, sondern vielmehr recht karikativ anmutet. Mime ein Jude, der von dem Arier Siegfried getötet wird? Hier geißelt der Regisseur Wagners ausgeprägten Antisemitismus. Auch der Waldvogel, den Cassiers in eine im eleganten Abendkleid auftretende Darstellerin und eine unsichtbar bleibende Sängerin aufspaltet, ist Teil der Psyche des Helden. Er stellt eine in ihm schlummernde Vorahnung auf die Begegnung mit einer Frau, im konkreten Fall Brünnhilde, dar. Diese erweckt er auf einem baumstumpfförmigen Felsen. Hier geht es aber nicht um ein bestimmtes weibliches Wesen, das ist austauschbar, sondern allgemein um das Prinzip Frau.

Durchschnittlich sind die gesanglichen Leistungen. Nina Stemme hat als Brünnhilde eine enorme Bühnenpräsenz. Schade, dass sie bewegungsmäßig von der Regie nicht sonderlich gefordert wird. Stimmlich erweist sie sich mit ihrem gut sitzenden, stark emotional angehauchten und einen enormen Höhenglanz aufweisenden hochdramatischen Sopran als Idealbesetzung für die Rolle, deren unangenehm hohe Tessitura sie mit Bravour meistert. Neben ihr sind es insbesondere die tiefen Männerstimmen, die zu begeistern wissen. Terje Stensvold gibt trotz bereits vorgerückten Alters mit wunderbar italienisch focussiertem, ausdrucksintensivem und geradlinig geführtem Heldenbariton einen vorzüglichen Wanderer. In Nichts nach steht ihm Johannes Martin Kränzle, der mit ebenfalls hervorragendem, kräftigem Bariton vorbildlicher italienischer Schulung den Alberich ganz hervorragend gibt. Einen prächtigen sonoren und tiefgründigen Bass bringt Alexander Tsymbalyuk für den Fafner mit. Dieses hohe Niveau vermögen die anderen Solisten nicht zu erreichen. Anna Larsson kann als Erda an ihre gute Leistung im „Rheingold“ nicht anknüpfen. Hier klingt sie in Mittellage und Tiefe zwar auch recht profundiert. Indes macht ihr die Höhe zu schaffen. Insbesondere das hohe ‚gis’ rutscht ihr aus der Focussierung, woraus ein stark tremolierender Klang resultiert. In der Mittellage solide schneidet auch Rinnat Moriahs Waldvogel ab. Das hohe ‚a’ klingt indes immer etwas dünn. Ihr darstellerisches Pendant gibt Viviana Guadalupi. Einen ziemlich variablen Stimmsitz weist der Mime von Peter Bronder auf. Ohne Siegfried findet Wagners Musikdrama aber nicht statt, auch wenn Lance Ryan wieder einmal noch so maskig- knorrig, mit gestemmter enger Höhe, manchmal intonationsunsicher und insgesamt alles andere als gefällig singt.

Im Gegensatz zu den vorangegangenen Stücken wirken die Tempi von Daniel Barenboim beim „Siegfried“ etwas unausgeglichen. Manchmal dirigiert er ebenmäßig und langsam, an anderen Stellen dagegen rennt er urplötzlich mit dem Scala-Orchester davon. Davon abgesehen überzeugen die große Transparenz und die Differenziertheit seines Dirigats.  

Ludwig Steinbach, 1. 2. 2014

 

 

 

SIEGFRIED

Teatro alla Scala Milano                     

ML: Daniel Barenboim       R: Guy Cassiers

(Lance Ryan, Nina Stemme, Terje Stensvold)

 

Arthaus 101 695

 

Orchestraler und Sopranglanz

Wie bereits für seine Vorgänger "Das Rheingold" und "Die Walküre" gilt für die Video-Aufzeichnung von "Siegfried" aus der Mailänder Scala, dass sie weitaus besser wirkt, als das Live-Erlebnis (in der Berliner Staatsoper) es vermochte. Das liegt wieder daran, dass die Sänger vor der ewig flirrenden, flimmernden, schimmernden, wogenden und wabernden Video-Wand nicht verschwinden, sondern von der Kamera in den Vordergrund geholt werden. Dem Verfasser des Booklets der Arthaus-DVD, P. Steinberg, genügte offensichtlich die Bebilderung des Werks durch Regisseur und Bühnenbildner Guy Cassiers nicht, wenn er von den australischen Aborigines bis zum Weißen Hai einiges bemüht, um eine intellektuellere Deutung zu liefern. Dabei vergaloppiert er sich gewaltig wenn er meint, "eine sinnliche junge Frau erscheint auf der Bühne und leitet Siegfried mit ihren für ihn unsichtbaren Gesten dazu an,...." Siegfried lernt zwar, die Sprache der Tier zu verstehen, doch nicht, Unsichtbares zu sehen. Und wenn der Autor sich nicht entscheiden kann, ob er Wotans Satz "Wie besiegt die Sorge der Gott" psychoanalytisch oder formell deuten soll, könnte er es einmal mit den Gesetzen von Stabreim und Metrik und generell dem Sprachduktus Wagners versuchen.  

Die DVD beginnt optisch mit schönen Aufnahmen der einzelnen Instrumentengruppen, witzig, wenn sich in der blank geputzten Tuba die anderen Instrumente spiegeln. Ihr Vorzug gegenüber dem Live-Erlebnis liegt darin, dass man kleine Gesten wahrnehmen kann wie das gespielte Zurückweichen vor den Welpen, nach denen Siegfried greifen wollte - so ganz ohne Personenregie oder Einfälle der Sänger war die Produktion also doch nicht. Durch  Überblendungen  wird die Szene interessant, sehr schön ist der Wald vor Fafners Höhle, unzumutbar erscheint der Kletterfelsen, auf dem Brünnhilde ruht, der Siegfried bei "Das ist kein Mann" nicht nur erschrecken, sondern fast von demselben hinunter fallen lässt.  

Ein in er stimmlichen Qualität unterschiedlicheres Paar als diese Brünnhilde und diesen Siegfried dürfte es kaum wieder einmal geben. Italiener sind zwar grundsätzlich der Meinung, deutsche oder generell Stimmen für Wagner seien hässlich. Über Lance Ryan dürften sie trotzdem erstaunt gewesen sein. Sein Timbre ist unübertrefflich grell und kaum schöner als das Mimes, die Stimme wirkt seltsam eindimensional, im Parlando wie bei "wie sah meine Mutter wohl aus" kann sie den Ton nicht halten, aber der Sänger ist unermüdlich, höhensicher und optisch, wenn auch nicht gerade in den Großaufnahmen, geradezu ein idealer, auch spielfreudiger Siegfried. Ganz und gar trifft hingegen auf Nina Stemmes Brünnhilde zu :"Wie Wunder tönt, was wonnig du singst". Die Töne sind durchweg warm, rund, ebenmäßig und selbst der Spitzenton am Schluss sich wunderbar entfaltend.

Auf der ganz sicheren Seite ist man immer mit Anna Larsson als Erda, die auch hier in schönen dunklen Tönen die Stimme sich verströmen lässt. Ein anmutiges Gezwitscher gibt der Waldvogel von Rinnat Moriah von sich. Der Charaktertenor von Peter Bronder spricht in er Mittellage nicht besonders gut an, hat aber in der oberen Lage die richtigen Greinetöne besonders für "den kleinen Wurm" und spielt vorzüglich. Eine imposante Figur gibt der Alberich von Johannes Martin Kränzle ab, kraftvoll dunkel ist sein Bariton nicht nur in "Der Welt walte dann ich"; und das Höhnen in "und ruhig lebst du lang" klingt tatsächlich wie ein solches. Ob das stereotype Schwenken des rechten Arms Regieeinfall oder eigene Idee ist, lässt sich nicht erschließen, wirkt aber gar nicht gut. Rücksichtslos seine Raben und anderes Geflügel gerupft haben muss Wotan für sein abenteuerliches Kostüm. Terje Stensvold singt ihn mit warmem, farbigem Timbre, sehr vokalbetont, um nicht von Vokalverzerrungen zu sprechen, aber ohne Probleme in Höhe und Tiefe und mit viel Charisma. Ein sehr solider Fafner ist Alexander Tsymbalyuk, der von den für die Regie wohl unverzichtbaren, meistens eher lästigen Tänzern dargestellt wird. Die fummeln auch Siegfried im zweiten Akt vor dem Gesicht herum, jeder mit einem Nothung ausgestattet und wohl hoch symbolisch sein sollend.

Der allergrößte Schatz der DVD ist neben der Brünnhilde das Orchester der Scala unter Daniel Barenboim, vor dem "Heil dir, Sonne" mit geschmeidigem Streicherglanz, herrlich in er Beschwörung des Grauens durch Mime, durchgehend das vermittelnd, was die Bühne oft schuldig bleibt.    

Ingrid Wanja, 21.12.13

 

 

 

DIE WALKÜRE

ARTHAUS           -          Best.Nr.: 101 694          -          Laufzeit: 238 Minuten

Gute Symbolik

Mit der „Walküre“ geht die Veröffentlichung von Guy Cassiers „Ring“-Inszenierung auf DVD - sie stellt eine Co-Produktion zwischen der Mailänder Scala und der Deutschen Staatsoper Berlin dar - durch das Label ARTHAUS in die zweite Runde. Mitgeschnitten wurde eine Aufführung vom 7. 10. 2010 in der Mailänder Scala. Nach dem szenisch nicht sonderlich geglückten „Rheingold“ - wir berichteten - ist Cassiers Regiearbeit bei der „Walküre“ überzeugender ausgefallen. Das ebenfalls von ihm kreierte Bühnenbild stellt ein Gemisch aus Naturalismus, Symbolismus und Abstraktion dar. Naturalistisch muten die rindenförmige Rückwand, die grünen Büsche im zweiten Aufzug sowie die neben Hundings Hütte aufragende Esche an. Die Behausung von Hunding und Sieglinde ist abstrakter Natur. Sie wird in einen gläsernen, transparenten Kubus umgedeutet. Kurz vor den „Winterstürmen“ fahren dessen Wände auseinander und geben den Blick auf zahlreiche vom Schnürboden herabhängende Speere frei, die im zweiten Aufzug dann den stilisierten Wald bilden und im Schlussakt roten Laserstrahlen gleichen, die den Feuerzauber ausdrücken. Die Bedeutung ist klar: Dem Einfluss Wotans können sich die handelnden Personen zu keiner Zeit und an keinem Ort entziehen. Er ist der Drahtzieher des ganzen Geschehens. Bei Sieglindes Erzählung von ihrer Hochzeit erscheint eine Videoprojektion des Göttervaters auf dem Kubus. In gleicher Weise sieht man filmische Impressionen von Beteiligten des „Rheingolds“, als er Brünnhilde von den vergangenen Zeiten erzählt. Dieselbe Technik wendet Cassiers beim Walkürenritt an, bei dem man im Hintergrund aufgehäufte blaue Rösser und Helden sieht. Die steinernen Pferde, die im ersten Teil des zweiten Aufzuges die Bühe dominieren, sind entbehrlich und stören den ansonst starken Raum. Zentrales Requisit dieses Aktes ist ein aus Datenströmen bestehender Kreisel. Die ständig abwärts laufenden Buchstaben und Zahlen sind als Bausteine eines göttlichen Weltendiktats zu verstehen. Hier haben wir es mit guter Symbolik zu tun, genau wie bei dem gelungenen Einfall, Wotans Einäugigkeit dadurch zu versinnbildlichen, dass sein Gesicht zur Hälfte schwarz geschminkt ist. So weit so gut. Die Personenregie hätte indes an manchen Stellen etwas ausgefeilter und stringenter sein können.

Daniel Barenboim am Pult erweist sich als versierter Wagner-Dirigent. Er hat das sicher, intensiv und klangschön aufspielende Scala-Orchester sicher im Griff und setzt einen musikalischen Höhepunkt nach dem anderen. Bereits die einleitende Sturm-Musik gelingt ihm sehr fulminant. Im Folgenden wartet er aber auch mit herrlichen Lyrismen und wunderbar emotional angehauchten Klängen auf. Er schlägt recht bedächtige Tempi an, was der Transparenz des Ganzen sehr zugute kommt. Wo andere Dirigenten das Tempo stark anziehen, um Spannung zu erzeugen, legt er den Musikern auch mal die Zügel an, um den Solisten, insbesondere Sieglinde, eine ruhige, bedächtige und in sich gekehrte Tongebung zu ermöglichen.

Gemischte Gefühle hinterlassen die gesanglichen Leistungen. Der kräftig und prägnant singende Vitalij Kowaljow ist ein noch recht junger, stürmischer Obergott, der offenbar Freias goldene Äpfel reichlich genießt. Er ist mehr der Bruder als der Vater von Brünnhilde. Diese hat in Nina Stemme eine ausgezeichnete Vertreterin. Ihr dramatischer Sopran ist in jeder Lage gut focussiert und wird sehr gefühlvoll und ausdrucksstark geführt. Bei der Todesverkündigung hat sie gegenüber dem sehr halsig und nicht gerade tiefgründig singenden Siegmund von Simon O’ Neill ganz schön die Nase vorn. Waltraud Meiers Sieglinde überzeugt in erster Linie in der profunden Mittellage und der Tiefe. Zur Höhe hin wird ihr Mezzosopran aber zunehmend dünner. Die Soprantessitura ist ihre Sache nicht. Ausdrucksstark und sonor argumentierend gibt Ekaterina Gubanova die Fricka. John Tomlinson ist als Hunding im unteren Stimmbereich solide, neigt aber dazu, die hohen Töne von unten heraufzuschleifen, was nicht gerade ansprechend ist. Gute und weniger gute Stimmen vernimmt man bei dem aus Danielle Halbwachs (Gerhilde), Carola Hoehn (Ortlinde), Ivonne Fuchs (Waltraute), Anaik Morel (Schwertleite), Susan Foster (Helmwige), Leann Sandel-Pantaleo (Siegrune), Nicole Piccolomini (Grimgerde) undSimone Schroeder (Roßweiße) bestehenden Ensemble der kleinen Walküren.

Ludwig Steinbach, 26. 1. 2014

 

 

 

 

DIE WALKÜRE

Teatro alla Scala Milano 7.12.2010

Regie: Guy Cassiers, ML: Daniel Barenboim 

Arthaus 101 694

 

Große Stimmen

Dankeshymnen anstimmen können Sänger und DVD-Besitzer der Scala-Aufführung von Wagners „Walküre“ dem TV Director, denn er hat die Ersteren vor einem Schattendasein vor flimmernden Videowänden und die Letzteren vor dem Erregen von Schwindelanfällen beim Stieren auf dieselben oder die alberne Diskokugel bewahrt. Sogar die kümmerlichen Rotlichtlampen mit Tropfeffekt, die Brünnhilde vor feigem Zugriff schützen sollen, gewinnen durch Überblendungen und andere Kunstgriffe einige Größe - Emanuele Garofalo sei Lob und Dank. Viel, viel besser als in der Live-Aufführung in der Berliner Staatsoper kommen nun die Sänger zur Geltung, was nur zum Teil an dem liegt, was die Video-Regie leistet, mit der Brünnhilde von Nina Stemme und der Sieglinde von Waltraut Meier sind zwei einfach großartige Singschauspielerinnen auf der Bühne, so daß man sich wohl seiner Tränen angesichts ihrer großen Szene im 3. Akt nicht schämen muß.

Natürlich sind auch bei dieser Aufzeichnung der Scala-Eröffnung im Jahre 2010 die optischen Mängel der Produktion nicht zu übersehen, und es stört das Inszenieren (Guy Cassiers) gegen jedes Libretto und jede Vernunft, wenn am Schluß des ersten Akts Hundings Hütte abbrennt und der Wald dazu, der zum 2. Akt allerdings sich wieder aufgeforstet und dadurch noch einmal in australischem Ausmaß zum Abbrennen bereit sieht, während Brünnhildes Felsen fast jeden Schutzes entbehrt (Szene Enrico Bagnoli). Über Unsinn wie einen Siegmund, der mit den Worten „Wes Herd dies auch sei…“, aus Hundings Hütte ins Freie tritt, mag man eigentlich kein Wort mehr verlieren. Lächerlich sind einmal mehr die Roben, wenn Hunding Sieglinde offensichtlich in teuren Boutiquen einkaufen läßt, die Walküren durch immensen Cul de Paris am Reiten gehindert werden, Siegmund schwarze Spitze trägt und Wotan einen Stoffbuckel mit sich herum schleppen muß (Kostüme Tim van Steenbergen).

Schwamm drüber – Orchester und Sänger machen alles wieder wett. Die Professori im Orchestergraben erzeugen unter Daniel Barenboim einen im Vergleich zur Berliner Staatskapelle helleren, gleisnerischeren Klang, die Violinen im Vergleich zu den Bläsern scheinen präsenter, alles wirkt eher wie von fließender Eleganz, weniger markant und dunkel – und das Publikum dankt am Schluß Orchester und Dirigent mit Ovationen.    

Personenregie scheint kaum stattgefunden zu haben, womit sich die Damen weitaus besser auseinandersetzen, als es den Herren vergönnt ist. Nina Stemme dürfte momentan die beste Hochdramatische sein, die in vollkommener Weise eine dunkel-warm gefärbte Sopranstimme mit Mezzobeiklang ungefährdet in die höchsten Höhen führen kann, bei der man nie zittert, sondern einfach nur genießen kann, sogar.beim Hojotoho. Das ist zwar keine Mädchenstimme und schon gar nicht eine unerweckte, sondern eine durch und durch weibliche mit Erfahrungshintergrund. Dazu kommt als optische Ergänzung das schöne, ausdrucksvolle Gesicht, in dem sich das Geschehen auf der Bühne spiegelt. Waltraud Meier ist eine einfach wundervolle Sieglinde, zwar nicht mehr aus dem Vollen einer jugendlichen Stimme schöpfend, die wesentlich heller klingt als die ihrer Kollegin, die aber aus dem Piano oder der mezza voce schöne Forte-Kontraste entwickeln kann. Die Tessitura der Partie ist ausgesprochen angenehm für sie, und Mimik und Gestik passen ideal, sprechen von einer mitreißenden Intensität, mit der die Partie voller Nuancen gestaltet wird. Die dritte im Bunde ist hoheitsvoll und eine machtvolle Stimme in unerschütterlichem Ebenmaß strömen lassend die Fricka von Ekaterina Gubanova.

Während in Berlin René Pape seinen ersten Wotan sang, ist es hier Vitalij Kowaljow mit baßlastiger Stimme, farbig auch im Parlando, mit „Götternot“ gewaltig über das Orchester herrschend, in dunkler Resignation „das Ende – das Ende“ beschwörend. Wenn er Regiehilfe bekommen hätte, wäre Wotans Abschied nicht optisch peinlich in Standardgesten untergegangen, der gewaltige Strom der Stimme war nicht schuld daran, daß er weniger Eindruck erzielte, als er verdient hatte. Warum er ausssah, wie man sich Hunding vorstellt, bleibt auch ein Rätsel. Wie in Berlin an Staats- und auch an Deutscher Oper der Siegmund war Simon O’Neill, dem man zwar kaum die Zwillingsbruderschaft mit dieser Sieglinde abnahm, der aber grundsolide mit hellem Trompetenton sang und anständige „Winterstürme“ sowie machtvolle Wälse-Rufe zustande brachte. Ob John Tomlinson noch einen alten Vertrag mit der Scala erfüllte? Anders ist sein Engagement als Hunding kaum zu erklären. Von den vielen Ring-, speziell Walküre-Aufnahmen aus letzter Zeit ist dies eine insgesamt musikalisch sehr gute, was die Damen betrifft phänomenale Aufzeichnung.

29.10.2013    Ingrid Wanja

 

 

 

DAS RHEINGOLD

Mailänder Scala, 26. 5. 2010                 I: Guy Cassiers, M.L.: Daniel Barenboim

 

ARTHAUS   -    Best.Nr.: 101 693      

 

Verweigerung einer Neudeutung

 

Live aus der Mailänder Scala kommt ein am 26. 5. 2010 aufgenommener Live-Mitschnitt von Wagners „Rheingold“. Rein szenisch hätte man auf diese bei dem Label ARTHAUS erschienene DVD auch verzichten können. Die Inszenierung von Guy Cassiers, der neben der Regie auch für das in dunkle Nacht getauchte Bühnenbild vor einer Mondfinsternis - die Götterdämmerung dunkelt bereits herauf - verantwortlich zeichnet, hat ein erhebliches Problem, nämlich dass sie überhaupt nichts Neues zu sagen hat. Der Regisseur verweigert sich jeglicher Neudeutung und präsentiert ein Potpourri aus längst bekannten Ansätzen anderer Regisseure, was alles andere als originell ist. Cassiers siedelt das Werk in seiner Entstehungszeit an, wovon insbesondere die Kostüme von Tim van Steenbergen zeugen.

Hier betritt er das Fahrwasser Chéreaus, ohne dabei indes dessen Genialität zu erreichen. Die Chance zu einer sich hier anbietenden  Kapitalismuskritik wird von ihm gnadenlos vertan. Von dem Jahr 1853 ausgehend stellt er mit verschiedenen Mitteln Bezüge zu anderen Zeitaltern her. In die Welt des Mythos weist das ästhetisch schöne Bühnenbild mit dem ständig unter Wasser - das kühle Nass ist als Sinnbild des Lebens zu verstehen - stehenden Boden, in die Gegenwart die mit modernen filmischen Mitteln auf eine in verschiedenen Farben leuchtende Rückwand geworfenen riesigen Projektionen. Damit wird gleichzeitig die Zerstörung der Natur durch die Industrialisierung - Nibelheim wird wieder einmal als Industriemetropole vorgeführt - ausgedrückt und gleichzeitig ein eindringliches Plädoyer für den Naturschutz gehalten. Cassiers’ offensichtliche große Wertschätzung der Bildenden Kunst drückt sich in dem Zitat von Jeff Cambeaux’ Skulptur „Les passions humaines“ aus. Beeindruckend sind die von ihm ins Feld geführten Schattenspiele und Lichtstimmungen. Die Personenregie wirkt aber seltsam uninspiriert und vermag einen nicht gerade vom Hocker zu reißen. Der Regisseur inszeniert einfach nur an dem Stück entlang, ohne dabei einen klaren Standpunkt einzunehmen. Zudem weiß er mit seinen Sängern nicht gerade viel anzufangen, so dass oft szenische Längen entstehen. Erheblich besser kommt er mit den teilweise nur leicht bekleideten Mitgliedern der Dancers of the Eastman Ballet Company Antwerp zurecht, die allein der ansonsten recht langatmigen Produktion Leben einzuhauchen wissen. Neben ihrer Hauptaufgabe der Darstellung der Allegorien von Macht, Gold und Liebe, bildet sie nacheinander Alberichs Thronsessel, den Hort, den Riesenwurm und die Kröte. Dieses Mittel, Tänzer oder Bewegungsstatisten einzusetzen, ist aber auch ein alter Hut. Das hat man bei Andreas Kriegenburg in München oder bei La Fura dels Baus in Valencia ähnlich gesehen. Die Leistung dieser Tänzer ist sehr beachtlich, vermag die Inszenierung als Ganzes aber nicht zu retten. Die szenische Flaute im Übrigen ist einfach übermächtig.

Daniel Barenboim hat das „Rheingold“ schon oft dirigiert. Kennt man seine bisherigen Ausdeutungen des Werkes, kann man nur staunen, wie stark sich seine Auffassung von Wagners Musik geändert hat. Der Romantiker Barenboim hat sich zu einem ausgeprägten Analytiker gewandelt, dem es in erster Linie auf eine saubere Auffächerung von Strukturen, größtmögliche Klarheit sowie ausgeprägte Detailarbeit ankommt. Es ist kein emotional angehauchter musikalischer Rausch, den der Dirigent und das ungemein weich und filigran aufspielende Orchester hier entfesseln, sondern ein eher bedächtiges Hinterfragen des Inhalts der Partitur in insgesamt ausgewogenen Tempi. Lediglich der etwas zu langsam und träge genommene Auftritt der Riesen fällt etwas aus dem Rahmen. Barenboim war schon immer auch ein Freund retardierender Momente. Es gibt Stellen, an denen die Musik regelrecht stillzustehen scheint, wobei der Dirigent indes nicht die knisternde Spannung seines Kollegen Christian Thielemann erreicht. Insgesamt präsentiert er ein dynamisch etwas zurückgenommenes, viele Piani-Schattierungen aufweisendes und sängerfreundliches  „Rheingold“, was zur Folge hat, dass die wenigen großen Orchesterausbrüche umso fulminanter wirken.

Auf hohem Niveau bewegen sich die sängerischen Leistungen. René Pape sang in dieser Produktion zum ersten Mal den Wotan. Er gibt einen noch relativ jungen und leicht schwermütigen Göttervater, der sein Ende bereits vorauszuahnen scheint. Stimmlich setzt er weniger auf heldenbaritonale Attacke, sondern vielmehr auf die wunderbaren lyrischen Qualitäten seines ausdruckstarken und bestens italienisch geschulten Basses. Übertroffen wird er von Johannes Martin Kränzle, der als Alberich mit ebenfalls herrlich italienisch focussiertem, intensiv und wortdeutlich eingesetztem Bariton eine wahre Glanzleistung erbringt. Stephan Rügamer geht den E. T. A. Hoffmann nachempfundenen Loge mit größtmöglicher lyrischer Eleganz, frischem, gut gestütztem Stimmklang und schöner Linienführung an. Letzteres ist auch ein ganz großes Plus von Kwangchul Youn, der in der Rolle des Fasolt seinen sonoren, balsamischen Bass sehr gefühlvoll dahin fließen lässt. Seine Liebe zu der von Anna Samuil in der Mittellage ordentlich, zur Höhe hin aber zunehmend greller gesungenen Freia wird nur zu offenkundig. Solide der Fafner von Timo Riihonen. Über immer noch beträchtliches Mezzomaterial verfügt Doris Soffel, die eine tiefgründige Fricka singt. Mit voll klingendem, würdevollem Alt verleiht Anna Larsson der vor einem in ätherisches Blau gehüllten Kosmos in riesiger Gestalt aus dem Boden aufsteigenden Erda große Autorität. Jan Buchwalds kräftig und markant gesungener Donner empfahl sich nachhaltig für den Wotan. Etwas mehr Körperstütze hätte man sich von dem eigentlich nicht unschön singenden Mime von Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gewünscht. An dieser mangelt es dem den Froh reichlich dünn intonierenden Marco Jentzsch gänzlich. Von den Rheintöchtern vermag an erster Stelle die einen tiefsinnigen und sehr gefühlvollen Mezzosopran aufweisende Marina Prudenskaya in der Partie der Floßhilde zu überzeugen. Die kräftig singende Maria Gortsevskaya neigt als Wellgrunde manchmal etwas dazu, die Luft gegen den Kehlkopf zu schlagen. Die Woglinde von Aga Mikolaj klingt fast die ganz Zeit über gut. Nur beim Schlussgesang der Rheintöchter rutscht ihr beim hohen ‚c’ die Stimme aus der Focussierung, woraus ein sehr schriller Klang resultiert.

Fazit: Diese DVD ist in musikalischer und gesanglicher Hinsicht sehr zu empfehlen. Wer nur auf diese Aspekte Wert legt, wird an ihr seine helle Freude haben. Wem es indes in gleichem Maße auf die Regie ankommt, wird angesichts der starken inszenatorischen Schwächen sehr verärgert sein.

Ludwig Steinbach, 21. 9. 2013

 

 

 

DAS RHEINGOLD

Mailänder Scala 2010      R: Guy Cassiers, ML: Daniel Barenboim 

 

Arthaus 101 693

Muß man nun Abbitte bei Guy Cassiers leisten, nachdem man mit Vergnügen „Das Rheingold“ aus der Mailänder Scala gesehen und eine recht herbe Kritik über den „Ring“ an der Berliner Staatsoper geschrieben hat? Mitnichten, denn wenn die DVD einen weitaus positiveren optischen Eindruck hinterläßt, als es die Live-Aufführung vermochte, ist das vor allem das Verdienst der Sänger und das des Aufnahmeleiters. Während in den Vorstellungen wild bewegte Videowände, Abbilder der Skulptur „Les passions humaines“ von Jef Lambeaux und eine übermäßig präsente Ballettgruppe dominierten und die Sänger buchstäblich an die Wand drückten oder über unbequeme Stege über dem allgegenwärtigen Schwimmbecken balancieren ließen, richtet sich die Kamera häufig auf die Gesichter, hebt hervor, daß sich in Mimik und Gestik durchaus etwas abspielt, was vielleicht aus anderen Produktionen stammt. Das vermutet der Betrachter, da Interaktion kaum stattfindet, die überdies durch den schwierig zu bespielenden Bühnenboden auch fast unmöglich gemacht wird.

Die „Dancers oft he Eastman Company Antwerp“ sind sicherlich eine wackere Truppe, die sich nicht schont und die Berührung mit dem Wasser nicht scheut, aber abgesehen von der Funktion als Alberichs Thron und Fesseln erscheint sie als überflüssig, wenn nicht gar störend. Da ist man dankbar, wenn die Kamera nicht auf sie, sondern auf die Sänger gerichtet ist, was auch bei dem Gehampel zu „Vollendet das ewige Werk“ hätte geschehen sollen. Erfreulich ist immerhin, daß die dämliche Diskokugel nur sporadisch den Gesamteindruck stört.

Die Besetzung in Mailand, wo die erste Premiere stattfand, weicht in einigen Rollen von der in Berlin ab. So kann man sich beim Betrachten der DVD über den ersten Wotan von René Pape freuen, der seinen Baß strömen läßt, trotz der satten Tiefe auch Glanz ausstrahlt, und dessen „Walhall“ eine Burg von immensen Ausmaßen erahnen läßt. Ihm zur Seite steht Doris Soffel als Ideal einer Fricka, majestätisch und allzu „menschlich“ zugleich, mit einem Mezzosopran, der schmeicheln und locken, viel Falschheit in die Stimme legen und machtvoll auffahren kann. Enttäuschend hingegen wie auch in Berlin ist die Freia von Anna Samuil, zwar sehr hübsch anzusehen, aber zu scharf in der Tongebung. Ähnlich unterschiedlich in der Qualität des Singens wie die Göttinnen sind auch die beiden Riesen: Kwangchul Youn legt als Fasolt viel Liebessehnsucht in seinen satten, samtschwarzen Baß, während Timo Riihonen als Fafner eher Hohles und Knarzendes vernehmen läßt. Jan Buchwald singt fast schon zu gepflegt den Donner, Marc Jentzsch läßt seinen Tenor in „Zur Burg führt die Brücke“ strahlen. Vorzüglich besetzt ist das Nibelungen-Paar mit dem kraftvoll auffahrenden Alberich von Johannes Martin Kränzle, angsteinflößend in seinen Machtphantasien mit Brunnenvergiftertimbre; Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist ihm ebenbürtig als Mime. Der spiritus rector des üblen Geschehens ist Stephan Rügamer als überlegener Loge, gleisnerisch mit genau der richtigen Dosis Schöngesang eines lyrischen Tenors plus der angemessenen Prise „scharfer Charaktertenor“. Über die Erda von Anna Larsson und ihre Verdienste um die Partie braucht man kein weiteres Wort zu verlieren. Frisch und geschmeidig singen die Rheintöchter Aga Mikolaj, Maria Gortsevskaja und Marina Prudenskaja in schöner Harmonie ihre Partien. Seltsamerweise schlich sich auch hier wie in Berlin ein Fehler beim „Nur wer der Liebe Macht entsagt“ ein.

Was wäre die Aufnahme ohne Daniel Barenboim am Dirigentenpult, der aus dem Klangkörper der Scala ein Wagnerorchester gemacht hat! Das Mailänder Publikum weiß es zu schätzen und bedenkt ihn mit dem weitaus stürmischsten Beifall.

Ingrid Wanja,  04.09.2013

 

 

 

Nochmal einen Rückblick auf die Silberscheiben:

DER RING DES PATRICE CHÉREAU

Bayreuther Festspiele

Patrice Chéreau / Pierre Boulez

8 DVDs

 

Oft kopiert – nie erreicht - auf DVD

„Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ (Victor Hugo)

Seit Mitte 2005 gibt es nun den legendären Chereau-Ring wieder, neu aufgelegt und digital überarbeitet (5.1.DTS), im optisch ansprechend aufgemachten Schuber mit 8 DVDs incl. 1 bisher nicht auf DVD erschienenen 56-minütigen „Making of“. Ein Muss für jeden Wagner-Fan - ein echtes Juwel, wie ich finde. Im Gegensatz zur alten Philips-Edition, die immerhin noch gut 250 Euro kostete nun zum sehr günstigen Preis von knapp 100 Euro; außerdem liegt jetzt die hochinteressante DVD „The Making of the Ring“ dabei, die prachtvolle Hintergrundinfos und Zeitdokumente liefert. Ein umfassendes Booklet wäre wohl bei dem Preis zuviel verlangt gewesen.

Zwar darf man von einer über 25 Jahre alten Live-Aufnahme keine Wunder erwarten, doch was mit dem neuen Verfahren „AMSI II“ (= Ambient Surround Imaging) hier ins DTS-Format gesetzt wurde ist geradezu bahnbrechend. Diese neue ausgesprochen schonende Sound-Bearbeitungsmethode der EMIL BERLINER STUDIOS erlaubt die Konversion stereophoner Audiosignale in einen bemerkenswerten „5.1. Surround Sound“. Das Ergebnis ist so verblüffend, dass – eine entsprechend gute 5-Kanal-Anlage vorausgesetzt - sich der Zuschauer praktisch in die erste Reihe des Festspielhauses versetzt fühlt. Musik und Gesang blühen neu auf. Überhaupt kein Vergleich mehr mit dem platten, rein stereophonen Klangbild alter Tage. Wagner wird hier wirklich dreidimensional hörbar, ohne dass man glaubt – wie bei manchen ganz neuen Aufnahmen – völlig unnatürlich mitten im Orchester zu sitzen. Hier wurde mit großer Liebe und Engagement nahe am natürlichen Klangfeld gearbeitet. Das Ergebnis kann sich nicht nur hören lassen, sondern ist unerhört.

Im Zeitalter des Breitbildfernsehens (die DVDs sind trotz angegebenen 4:3 Formats voll kompatibel auf 16:9 abspielbar codiert) und der fortgeschrittenen Beamer-Technologie ist auch das optische Ergebnis jetzt hervorragend; kein Vergleich mehr mit der doch recht düsteren Kinofassung, die vor Jahren mal die Runde in den Programmkinos machte.Bei gutem Hardware-Equipment sitzt der Opernfreund geradezu beängstigend weit vorne. Durch die phänomenale Bildregie von Brian Large entstehen schon beinahe voyeuristische Perspektiven. Die beispielhaft bearbeiteten Bild- und Szenenübergänge in Zeitlupe beeindrucken mehr denn je, denn sie geben szenische Impressionen frei, die man auf dem Theater live im Festspielhaus so nie wahrgenommen hat, nicht wahrnehmen konnte.

Szenen wie jene beispielsweise (Finale 3. Akt, Walküre), wo die Kamera aus der Totale langsam und genau passend zur Musik auf den brennend vernebelten Brünhildenfelsen fährt und dann langsam Wotans schmerzverzehrtes Gesicht durch den Rauch sichtbar macht , bleiben genauso unvergesslich, wie das Götterdämmerungsfinale, wo die Kamera sich zum finalen Erlösungsthema dezent, fast fragend, wie die alleingelassenen Menschen, von der Bühne zurückzieht.
Und es sind die großen Künstler/Sängerdarsteller dieser Produktion, die es erlauben und aushalten, dass der Kameramann auch mal voll draufzoomen kann, fast auf Schweißperlen- bzw. Augenwimpernnähe. Large erkennt solche Momente und geht optisch bis zu einer fast schmerzlichen visualisierten Traumatisierung mancher Szenen. Das sind schon oscarreife Gipfel künstlerischer Darstellungskunst.

Brian Large erhöht und verstärkt damit den künstlerischen Wert dieser maßstabsetzenden Regiearbeit von Patrice Chéreau auf ein Niveau, der den Begriff „Jahrhundertwerk“ in jeder Phase seiner Realisation neu erlebbar macht. Angesichts dieser gewaltigen Bildästhetik stockt gelegentlich der Atem und der Begriff der „Werktreue“ bekommt einen tieferen menschlichen Bezugspunkt – hier spricht das Herz, oder es schweigt. Das schreibt jemand, der die Uraufführung anno 1976 in Bayreuth noch (als holdes Mitzwanziger-Bürschlein und unkritischer Wagner-Fanatiker) mit Buhs und Pfiffen begleitete und der mittlerweile – geläutert und deprimiert durch die unseligen Erfahrungen unzähliger Ringe im letzten Vierteljahrhundert – diese Fehleinschätzung spätjugendlicher Unerfahrenheit nun doch arg bereut. Es wäre schade, wenn dieser einmalige RING nur auf dem (sicher diskutablen!) Niveau des rein sängerisch-musikalischen abgehandelt werden würde. Aber hatten die Klangfeuerwerk-Studio-Produktionen von Solti/Karajan nicht auch ihre Macken? Was bleibt, ist immer der Gesamteindruck des Gesamtkunstwerkes. Was dem einen sein Hotter, war dem anderen sein Vickers; und natürlich gab und gibt es bessere Siegmunds als Peter Hofman, aber nie mehr einen darstellerisch so überzeugend echten menschlichen Helden, der in seiner Liebe, wie seiner Tragik, unzählige Opernfreunde zu Tränen gerührt hat. War es nicht genau das, Wagner wollte; wahre Liebe zeigen? Wer diesen Jahrhundert-Ring nun auf DVD noch mal durchleben darf, dem wird auch immer wieder die Ernsthaftigkeit und Seriosität dieser ungeheuren Regiearbeit vor Augen geführt und die Stringenz eines Konzeptes, dass 16 Stunden die Spannung hält und fesselt; wobei noch mal festzuhalten ist (man hört jetzt wirklich mehr!), dass die Balance von darstellerischer Leistung und gutem Gesang doch zu 100 Prozent stimmig ist. Von welchem RING kann man das guten Gewissens sonst sagen?

Wer also empört oder nur gelangweilt (pars pro toto!) z.B. vom Aldener „Ideen-Supermarkt“ (Münchner)“, dem Stuttgarter „Wagnerhasser-Küchen-Ring“, dem Schenkschen New Yorker Blümchen-Wald, den künstlerischen Ego-Devotionalien einer Mielitzchen Agit-Prop-Version (Meiningen/Dortmund) ist, und wer keine „Kletterdämmerung“ (Lehnhoff) mehr sehen kann, sich am „Zeit-Tunnel“ Konzept von Friedrich (Berlin) nicht erbaute bzw. Wagner-Müllhalden à la Köln hasst, der muß sich diesen RING noch einmal in Ruhe zu Gemüte führen. Er ist wie ein alter exzellenter Rotwein, der von Jahr zu Jahr besser wird.

Peter Bilsing, 10.10.13

 

 

DER RING DES NIBELUNGEN   Kurzfassung

C-major             

Best.Nr.: 713008

5 DVDs

 

Das Wunder vom Teatro Colón

 

Nachdem neulich bereits Hans Christoph von Bocks Film über die Entstehung des „Colón-Rings“ bei C-major auf DVD veröffentlicht wurde - wir berichteten - ist nun bei demselben Label auch die vollständige siebenstündige Kurzfassung von Wagners „Ring“ auf DVD herausgekommen. Der eben erwähnte Film ist in dieser Box enthalten. Sicher war dieses „Ring“-Experiment aus Buenos-Aires bedeutend für die Rezeptionsgeschichte, weil der Zyklus hier zum ersten Mal in dieser Form aufgeführt wurde. Daher mag die Veröffentlichung auf DVD als durchaus gerechtfertigt erscheinen. Indes kann ich mich mit dem Grundkonzept des Ganzen nicht anfreunden. Bei einer Zusammenstreichung von ca sechzehn Stunden Musik auf lediglich sieben Stunden muss naturgemäß auf sehr viele herrliche Stellen verzichtet werden. Die von dem Dirigenten und Pianisten Cord Garben erstellte Strichfassung vermag mich nicht zu überzeugen. Allzu viele schöne Stellen fielen seinem unbarmherzigen Rotstift zum Opfer, und auch die vorgenommenen Kürzungen an sich sind häufig sehr problematisch, entbehren oft aller Logik. Verfehlt ist es schon, die Partie der Erda wegzulassen, denn dadurch wird dem Werk die zentrale Motivation für Wotans Handlungen genommen. Hanebüchen ist im zweiten Aufzug der „Walküre“ auch die Eliminierung fast der gesamten Fricka-Szene, die doch die Katastrophe erst in Gang setzt. Dass im „Siegfried“ Mimes Erzählung von der Geburt des Helden und von Sieglindes Tod fehlt, ist ebenfalls ein großer Faux-Pas. Auch Anschlussfehler passieren: Wenn im zweiten Aufzug der „Götterdämmerung“ auf den Speereid Siegfrieds verzichtet wird, dann darf Hagen diesen doch nicht im dritten Aufzug als Legitimation für den Mord an dem Wotan-Enkel ins Feld führen. Vielfach wird hier ohne Sinn und Verstand gekürzt, so dass eine durchgehende klare Linie und jede innere Logik nachhaltig auf der Strecke bleiben. Wer den „Ring“ nicht genau kennt, wird mit dem Handlungsverlauf hier seine Schwierigkeiten haben. Einzelne Weglassungen mögen einem Unvoreingenommenen, der mit dem Werk nicht so sehr vertraut ist, vielleicht nicht unsinnig erscheinen, eingefleischten Wagnerianern, zu denen auch ich mich zähle, müssen die Striche aber sehr schmerzhaft anmuten. Von der musikalischen und dramatischen Warte aus ist dieses mir schon von vornherein fragwürdig erschienene Experiment gänzlich misslungen.

Nicht so indes die Inszenierung, die zu begeistern vermag. Valentina Carrasco, die die Regie von der ursprünglich vorgesehenen Katharina Wagner kurzfristig übernahm, hat damit einen Volltreffer gelandet. In das beim Ausstieg der Wagner-Urenkelin bereits fertige, von Frank P. Schlössmann und Carles Berga stammende Einheitsbühnenbild - eine heruntergekommene klassizistische Villa mit einer Stein- und Treppenlandschaft, in die nach Bedarf die verschiedenen Handlungsorte eingepasst werden - hat sie mit Bravour ihr Konzept integriert. Und angesichts der kurzen Zeit, die ihr zur Verfügung stand, ist es wohl nicht übertrieben, gleich der damaligen Presse vom „Ring-Wunder von Buenos-Aires“ zu sprechen. Ihre Konzeption ist gut durchdacht, in sich schlüssig, weist einiges Neues auf und wird mittels einer stringenten Personenregie einfühlsam umgesetzt. Das Rheingold ist in ihrer Deutung ein Baby und hat eine lebensspendende Funktion. Wenn sich der Ring am Ende der „Götterdämmerung“ in den Händen der Rheintöchter wieder in das kleine Wesen zurückverwandelt, ist das nur logisch. Konsequenterweise besteht auch der Hort aus Kindern in Unterwäsche mit Babys auf dem Arm. Wotan ist entsprechend dem Aufführungsort des Ganzen Argentinien Juan Perón nachempfunden. Er tritt in einer von Nidia Zusal entworfenen prachtvollen Uniform auf. Da ist es nur folgerichtig, dass Fricka Evita ist. Die Riesen sind moderne Bauunternehmer. Fafner sitzt im Rollstuhl. Jeder der beiden Brüder hat eine eigene Anhängerschaft um sich. Nachdem Fafner Fasolt ermodert hat, bringt seine Liga diejenige des toten Bruders um die Ecke. Im „Siegfried“ gibt es keinen Drachen. Siegfried trägt mit den Männern des auch hier wieder im Rollstuhl sitzenden Fafner einen kurzweiligen Faustkampf aus, an dessen Ende er den Riesen ersticht. Ein guter Regieeinfall ist, dass sich der seines eintönigen Lebens müde Fafner augenscheinlich fast gerne von Siegfried töten lässt. Der Waldvogel wird durch einige aus naturalistischem Gestrüpp herausragende Arme symbolisiert, während die Hort-Kinder hinter Gittern auf ihre Befreiung durch Siegfried warten, die ihnen aber nicht zuteil wird. Eine tolle Idee von psychologischer Tiefgründigkeit ist, dass sich Mime aus den blonden Haaren der toten Sieglinde eine Perücke angefertigt hat. Die Walküren sind Soldatinnen, die mit den sich am Boden wälzenden Helden, die schließlich ihre toten Kameraden forttragen, viel Mühe haben. Der Feuerzauber wird von weiß gekleideten Männern und Frauen gestaltet, die um die schlafende Brünnhilde zahlreiche brennende Kerzen platzieren. Etwas heiter geht es im dritten Aufzug der „Götterdämmerung“ zu, wenn sich Siegfried als Golfspieler versucht. Mit einem Golfschläger wird er schließlich von Hagen erschlagen, der gänzlich unter dem verderblichen Einfluss seines Vaters Alberich steht. So böse wie sonst scheint er hier gar nicht zu sein. Am Ende darf er überleben und geht in der Masse des Volkes auf. Während Brünnhildes Schlussgesang erscheint noch einmal Wotan. Familien finden zueinander. Kinder umarmen zu den Schlusstakten ihre Eltern - ein recht berührendes Ende.

Am Pult erweist sich Roberto Paternostro als ausgezeichneter Anwalt der vier Partituren. Das Teatro Colón Orchestra ist hörbar nicht das beste Wagner-Orchester, setzt aber die Intentionen des mit großer Intensität, Feuer, Elan und großer Transparenz dirigierenden Maestro trefflich um.

Auf unterschiedlichem Niveau bewegen sich die sängerischen Leistungen. Mit seinem ziemlich halsigen und klanglosen Bariton vermag Jukka Rasilainen als Wotan rein stimmlich nicht sonderlich zu überzeugen. Insgesamt solide bewältigt Linda Watson die Brünnhilde. Leider neigt sie dazu, in der Höhe manchmal vom Körper wegzugehen. In der „Götterdämmerung“ kommt ein zeitweiliges unschönes Hochschleifen im oberen Bereich liegender Töne dazu. Außerdem möchte man gerne an so mancher Stelle die richtige Tonhöhe hören. Eher dünner Natur ist der Siegfried von Leonid Zakhozhaev, dem ein wenig mehr solide Körperstütze seines Tenor nichts schaden könnte. Das gilt verstärkt auch für den überhaupt nicht gefälligen, mehr bellenden und deklamierenden Alberich von Andrew Shore. Da gefällt Kevin Connors Mime schon besser, aber auch ihm fehlt es am letzten Quantum Tiefgründigkeit. Daniel Sumegi ist ein vokal annehmbarer Hagen und Hunding, dem es indes noch etwas an dämonischer Ausdrucksstärke fehlt. Die Lyrismen des Fasolt stattet er mit viel Emotionalität aus. Robust legt Gary Jankowski den „Rheingold“-Fafner an, was auch für Fernando Radós „Siegfried“-Fafner gilt. Typmäßig sind sich beide Bassisten sehr ähnlich. Stig Andersen liegt der Siegmund gut. Gut focussiertes Sopranmaterial bringt Marion Ammann für die Sieglinde mit. Mit bester italienischer Technik singt Gérard Kim, den man von seinem Ludwigshafener Wotan noch in bester Erinnerung hat, den Gunther. Eine stimmkräftige, aber nicht gerade erotisch anmutende, ältliche Gutrune ist Sabine Hogrefe, die auch die Helmwige gibt. Mit bestens sitzendem Mezzosopran bewährt sich Simone Schröder in der Partie der Fricka. Ordentlich singt Stefan Heibach den Loge, und auch die Leistung von Silha Schindler als Woglinde, Waldvogel und Ortlinde ist gefällig. Leidlich sind Uta Christina Georg (Wellgunde), Bernadett Fodor (Floßhilde) und Sonja Mühleck-Witte (Freia, Gerhilde) anzuhören. In den kleinen Rollen von Waltraute, Siegrune und Roßweiße runden Susanna Geb, Adriana Mastrangelo und Manuela Bress das Ensemble ab. Gut bewährt sich der von Peter Burian einstudierte Chor.

Ludwig Steinbach, 7. 7. 2013

 

 

DER RING DES NIBELUNGEN

The Colón Ring - Wagner in Buenos Aires                  

Regie: Valentina Carrasco    ML: Roberto Paternostro

 

C-major              Best.Nr.: 712808

 

Es ist schon eine bemerkenswerte Publikation, die das Label C-major da jüngst auf DVD herausgebracht hat: Anhand des „Colón Ring“ wird offenkundig, wie spannend die Entstehungsgeschichte einer Opern-Produktion sein kann, insbesondere wenn sie nicht gerade unter einem guten Stern steht, wie es bei dieser siebenstündigen Kurzfassung von Wagners „Ring“-Zyklus der Fall war. Man erinnert sich noch gut an den Medienrummel, den es damals im Vorfeld gab. Als Katharina Wagner, die sich außerstande sah, ihr anspruchsvolles Regiekonzept angesichts der mangelhaften Probebedingungen zu verwirklichen, das Handtuch warf und abreiste, gaben viele das Projekt verloren. Wie atmete man dann in der Chefetage des riesigen Opernhauses  aber auf, als sich in Valentina Carrasco dann doch noch eine Regisseurin fand, die diesen Kurz-„Ring“ innerhalb kürzester Zeit bravourös auf die Bühne zu bringen verstand. „Aus dem Chaos geboren“ und „Ring-Wunder von Buenos-Aires“ titulierten die Zeitungen nach der Premiere am 27. 11. 2012. Allen Unkenrufen zum Trotz war das Unternehmen doch noch geglückt.

Der Weg dahin war freilich sehr steinig und reichlich mit Dornen gespickt, wie die von Hans Christoph von Bock stammende, 93 Minuten lange Dokumentation nachhaltig belegt. Hier werden nicht nur gefällige Impressionen des Bühnengeschehens aufgezeigt, sondern insbesondere Probenverläufe mit Nachdruck beleuchtet, die für sämtliche Beteiligte aufgrund der ungemein kurzen Probenzeit und der Auswechslung der Regisseurin zu einer echten Zerreißprobe gerieten. Davon war auch Roberto Paternostro nicht ausgenommen, der sich mit dem bei der musikalischen Einstudierung schlecht und manchmal sogar schlicht und ergreifend falsch spielenden Orchester köstlich herumschlägt und schließlich sogar einmal eine musikalische Probe abbricht und genervt das Weite sucht. Es wäre aber verfehlt, hier die Schuld allein bei dem Orchester, das dann bei der Premiere prachtvoll spielte, zu suchen. Sie lag mehr in der unzureichenden Fassung des berühmten Dirigenten und Pianisten Cord Garben, in der es von Fehlern anscheinend nur so wimmelte. In einer ungeheuren Fleißarbeit konnte das mangelhafte Orchestermaterial dann aber erfolgreich korrigiert werden, sodass auch der Dirigent schlussendlich zufrieden war. Ein Unglück kommt aber selten allein. Da dann noch der Siegmund aufgrund Krankheit des ursprünglich vorgesehenen Sängers neu besetzt werden musste, wackelte der Premierentermin, den die Leitung des Teatro Colón indes auf keinen Fall verschieben wollte, noch stärker. Aber schließlich ging doch noch alles gut. Auf spannende, recht kurzweilige und manchmal sogar heitere Weise erschließt sich so dem Betrachter der DVD das organisatorische Chaos bei der Probenarbeit. Man kann Katharina Wagners Entschluss, die Regie abzugeben, gut verstehen. Wenn sie von „enttäuschten Erwartungen“ spricht, hat das durchaus seine Berechtigung. Deutlich wird aber auch, dass das schlussendliche Gelingen des Projekts nur Frau Carrasco, ihrer großen Versiertheit und einem überzeugenden modernen Konzept, für das Ideen der Bayreuther Festspielleiterin noch mitverwendet werden konnten, zu verdanken ist. Von dieser vielversprechenden jungen Regisseurin wird man wohl in Zukunft noch einiges hören - und vor allem sehen. Zu dem demnächst erscheinenden gesamten Buenos-Aires-„Ring“ auf DVD stellt diese Dokumentation eine treffliche Ergänzung dar.

Ludwig Steinbach, 19. 5. 2013

 

 

DER RING DES NIBELUNGEN

Frisch aus Lübeck

 

Hervorragende Aufführungen von Wagners „Ring“ sind längst nicht mehr nur den großen Opernhäusern vorbehalten. Immer häufiger gelingen auch kleineren Bühnen ganz grandiose Deutungen der Tetralogie, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen. In diesem Zusammenhang sei nur das kleine Theater Lübeck genannt, dessen in den letzten vier Spielzeiten gestemmter „Ring“ wahrlich zum Besten gehört. Diese in Kooperation mit dem spartenübergreifenden Lübecker Gesamtprojekt „Wagner trifft Mann“ entstandene Produktion, die zahlreiche Besucher von nah und fern anzog, ist jetzt vom Klassic Center Kassel einem interessierten Publikum auf DVD zugänglich gemacht worden, wofür man diesem Label nicht genug danken kann. Das hohe szenische und gesangliche Niveau dieses „Ringes ist nachhaltig geeignet, Begeisterung auszulösen. Gekonnt wird hier ein inszenatorischer Spannungsbogen aufgebaut, der in „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ seine Höhepunkte erreicht. Und in Lübeck wächst augenscheinlich ein gutes Wagner-Ensemble nach.

Foto: GMD Broglie Sacher / Regisseur Anthony Pilavachi

Regisseur Anthony Pilavachi, sein Bühnenbildner Momme Röhrbein sowie Angelika Rieck (Kostüme) warten mit einem interessanten Stilgemisch auf, präsentieren sowohl konventionelle als auch moderne und sogar futuristische Elemente. Geschickt verbinden sie die gewaltigen Dimensionen des „Rings“ mit der Romanwelt des geborenen Lübeckers Thomas Mann.

Copyright aller Bilder, wenn nicht anders vermerkt: Bettina Stöß, stage pictures

Die Parallelen zwischen Wagner und Mann werden offensichtlich. Die Götter erscheinen im „Rheingold“ als gewaltsam und ohne Rücksicht auf Verluste in die Oberschicht aufstrebende Angehörige der Mittelklasse, die zu Beginn auf der Baustelle von Walhall zwischen ihren mitgebrachten Möbeln hausen. Wotan bringt es im Lauf der Zeit bis zum hochdekorierten Offizier der Wilhelminischen Ära, der zunächst als Arbeiter vorgeführte Alberich tut es ihm gleich. Einfühlsam identifiziert Pilavachi das Schicksal der Wälsungen mit demjenigen der Mann’schen Kaufmannfamilie Buddenbrooks - eine Parallele, die durchaus Sinn macht, steuern doch beide Sippen gleichermaßen unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen. Es ist trotz einiger märchenhafter Elemente kein mythisches Ambiente, das dem Zuschauer hier vor Augen geführt wird, sondern die Welt des Bildungsbürgertums und der reichen Kaufleute, deren oft fragwürdige Methoden vor den Augen des Publikums schonungslos ausgebreitet werden. Das Innere der Götterburg, wie man es ihm zweiten Aufzug der „Walküre“ zu sehen bekommt, stellt einen zeitlos anmutenden, sterilen weißen Raum dar, in dem der Göttervater anfangs von Alpträumen gequält wird. In Hundings von einer naturalistischen Esche und einem Busch eingenommener Behausung mit zahlreichen Möbeln der Kaiserzeit hätte sich Thomas Mann sicher wohl gefühlt. Indes wollen ein kleiner Fernseher aus den 1970er Jahren und eine moderne Mikrowelle nicht so recht in dieses Ambiente passen. Dem „Zauberberg“ trägt der Regisseur Rechnung, wenn er das „Ring“-Scherzo „Siegfried“ in einem dem Berghof nachempfundenem Sanatorium spielen lässt, dem Mime als größenwahnsinniger Dr. Faustus vorsteht. Die Halle der Gibichungen gleicht dagegen ein wenig der Rotunde des Saales von Wagners Villa Wahnfried, die Einrichtung gemahnt an das beginnende 20. Jahrhundert. Gunther, der zu Beginn des ersten Aufzuges der „Götterdämmerung“ im Rahmen eines eleganten Gesellschaftsabends eine vergnügliche Transvestitenshow veranstaltet, und der Vamp Gutrune sind die letzten Abkömmlinge eines abgedankten mittelalterlichen Königsgeschlechts. Die Kennzeichen ihrer alten Macht, die Krone und ein kleines Spielzeug-Schloss, sind zu Museumsstücken geworden und werden in Glasvitrinen aufbewahrt. Die in feine Anzüge gekleideten Mannen und ihre schicken Frauen bilden den eleganten Hofstaat, während Hagen und seine private Leibgarde faschistische Züge tragen. Der von Mann und dem Bildungsbürgertum gepflegte Wagner-Kult wird bereits im Vorspiel zur „Götterdämmerung“ betont, wenn sich die Nornenszene vor zwei riesigen Säulen mit den Büsten Wagners und Cosimas abspielt. An die Stelle des Seiles tritt hier eine dicke Weltenchronik. Auch sonst besteht kein Zweifel daran, dass das Personal des „Rings“ den Bayreuther Meister hoch verehrt: Hunding nennt Franz Konwitschnys Gesamtaufnahme des „Tannhäuser“ sein Eigen. Und Froh liest während der Erzählung des Handelsreisenden Loge begierig die Kritik einer Wagner-Aufführung im Fachmagazin „Das Opernglas“. Nicht nur Thomas Manns Wagner-Euphorie wird auf diese Weise von Pilavachi augenzwinkernd auf die Schippe genommen. Wagners Musikdramen lösen einfach zu jeder Zeit Begeisterung aus. Anthony Pilavachi versteht sein Handwerk. Technisch ist ihm nicht das Geringste vorzuwerfen. Er vermag die Sänger geschickt zu führen und zu ansprechenden darstellerischen Leistungen zu animieren. Seine ausgefeilte Personenregie ist unaufgesetzt und logisch. Leerläufe treten an keiner Stelle auf. Zu dem fast durchweg ernsten erzählerischen Grundton gesellt sich v. a. im „Siegfried“ ein ordentlicher Schuss heiterer Ironie, was gerade zu diesem Stück gut passt. Die Solisten scheinen sich unter Pilavachis Ägide sichtbar wohl zu fühlen; sie stürzen sich mit großer Intensität und Empathie in ihre Aufgaben, was der Regie einen äußerst vitalen Anstrich verleiht und das Ganze zu unerhört spannendem Musiktheater macht. Dazu tragen auch die vielfältigen gelungenen Regieeinfälle, die manchmal auch recht symbolischen Charakter aufweisen, einen gehörigen Teil bei. So steigt Nibelheim im dritten Bild des „Rheingolds“ als von einem großen Gitter gesäumtes Bergwerk aus dem Boden auf - gleichsam ein eiserner Käfig, in dem die Nibelungen von Alberich gefangen gehalten werden.

(alle Bilder aus dem Programmheft)

Die Hinterwand von Hundings Domizil weist ebenfalls Gitterstäbe auf. Sieglinde sitzt wie die Nibelungen in einem Gefängnis, aus dem sie der mit Rucksack, Cordjacke und Lederhose auftretende Siegmund schließlich befreit. Ein jedem von beiden auf die linke Schulter tätowiertes Schwert weist die Liebenden als Geschwister aus. Die Beziehung zwischen den Wälsungen-Zwillingen wird vom Regisseur von Anfang an überaus innig geschildert. Da sagen Blicke mehr als jedes Wort. Wenn sich Siegmund am Ende seiner Lebensbeichte traurig und resigniert an Sieglinde presst, will das dem mit einem Gewehr bewaffneten eleganten Wirtschaftsmagnaten Hunding gar nicht gefallen. Bei der Todesverkündigung legt Brünnhilde ihrem Halbbruder einen Militärmantel an und setzt ihm eine Offiziersmütze auf. Siegmund soll in Walhall in die Fußstapfen seines Offiziers-Vaters Wotan treten. Diese Insignien militärischer Macht nimmt Brünnhilde nach dem Kampf Siegmunds mit Hunding an sich und legt sie später - nachdem sie selbst das auf sie gekommene schwarze Kleid Erdas aus dem „Rheingold“ übergestreift hat - Siegfried an, um mit ihm zusammen das Erbe ihrer gemeinsamen göttlichen Vorfahren anzutreten. An diesen liegt dem als Rambo vorgeführten Helden aber überhaupt nichts. Er wirft alles wieder von sich und gibt sich lieber einem wilden Liebesrausch mit Brünnhilde hin. Diese wird in der „Walküre“ - durchaus passend - als Astronautin dargestellt - genauso wie ihre Schwestern, die sich beim Walkürenritt in einem Weltraumbahnhof treffen und ausgelassen die Champagnerkorken knallen lassen. Zum Zeichen des Endes ihrer Göttlichkeit reist Wotan seiner ehemaligen Wunschmaid schließlich ihren Astronautenanzug vom Leibe, unter dem sie ein weißes Unterkleid trägt, und versenkt sie in diesem Hangar für Weltraumschuttles in Schlaf. Dass Brünnhilde während ihres Schlafs augenscheinlich umgebettet wird und in einem Zimmer des Berghofes wieder erwacht, stört heutzutage nur noch penible Traditionalisten.

Auch um psychologische Aspekte ist der Regisseur nicht verlegen. Hier prägt sich in erster Linie das erste Zusammentreffen zwischen Siegfried und Gutrune ein: Noch bevor der Held den Vergessenstrank zu sich nimmt, küsst er die Gibichungentochter leidenschaftlich. In vollem Bewusstsein bricht er Brünnhilde die Treue. Irgendwelcher Zaubermittel bedarf es nicht. In Pilavachis Konzeption hätte Siegfried genauso gut reines Wasser trinken können. Für diesen Regieeinfall hat Thomas Manns Interpretation des tristan’schen Liebestrankes Pate gestanden. Mehr geistig-symbolisch geht es wieder beim ersten Auftritt der hier noch jungen Urwala im „Rheingold“ zu, der Wotan umgehend verfällt. Während Erda ihre Warnung verkündet, überqueren im Hintergrund die Nornen die Bühne und visualisiert Wotan das Kind Brünnhilde - ein sehr wirkungsvoller Einfall.

Dass ein Drache in diesem Konzept fehl am Platz ist, versteht sich von selbst. Fafner erscheint als fettleibiges, vergoldetes Monstrum, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Jabba aus den „Star-Wars“-Filmen aufweist. Ein altes Hausmütterchen hat bei seinem Anblick wohl schon vor langer Zeit das Zeitliche gesegnet. Ihre in einem Lehnstuhl vermodernde Leiche ist wohl bewusst nie entfernt worden und dient als Abschreckung. Siegfrieds Hornruf wird von einem Jäger gespielt. Der Waldvogel erfährt eine Verdoppelung: Siegfried denkt zuerst, dass der in einen Käfig gesperrte Piepmatz zu ihm sprechen würde. Dabei ist es eine Rote-Kreuz-Schwester, die ihm Weisungen und Warnungen zuruft. Wenn Siegfried im Folgenden zu ihr in Kontakt tritt, sie augenscheinlich sehr sexy findet und schließlich sogar umarmt, ist das dramaturgisch verfehlt. Er darf doch vor Brünnhilde keine Frau zu sehen bekommen, wenn die zentrale Stelle im dritten Aufzug, bei der der Held angesichts der schlafenden Brünnhilde zum ersten Mal in Angst verfällt, nicht ihren Sinn verlieren soll. Nicht mehr neu ist der Einfall, dass der Vogel im Dienste Wotans steht. Nach getaner Arbeit lässt sich die Schwester von Wotan bezahlen und küsst ihn heftig auf den Mund. Sie betreut auch die gealterte, in einem Rollstuhl sitzende Erda medizinisch und serviert auch mal Sekt. Sie scheint es aber mit ihrem Job nicht allzu ernst zu nehmen. Jedenfalls sieht sie ungerührt zu, wie der Göttervater die zuckend auf dem Boden liegende Kranke mit einem schwarzen Tuch erdrosselt. Bereits vorher hatte sie Dr. Mime Faustus eine riesige Spritze gereicht, mit der dieser seinen Bruder ruhig stellte. Auch an anderen Stellen geht es gewalttätig zu. So treten im „Rheingold“ Wotan und Loge den gefangenen Alberich brutal mit Füßen. Die nur mit einem spärlichen Nachthemd bekleidete Gutrune wird während des Trauermarsches der „Götterdämmerung“ von Hagens Leibwächtern vergewaltigt und verliert daraufhin den Verstand. In diesem Zustand tötet sie schließlich den bösen Nibelungensohn.

Im Vorspiel zur „Götterdämmerung“ verbreiten die in altbackene Germanenkluft gekleideten Kinder Siegfrieds und Brünnhildes Heiterkeit. V. a. kleine Walküren mit Speeren und Flügelhelmen sind in dem Bungalow des hohen Paares zahlreich vertreten. Knaben gibt es nur zwei. Brillant ist die Idee, in der „Götterdämmerung“ Brünnhilde von dem echten Gunther überwältigen zu lassen, während der Sänger des Siegfried unsichtbar den vokalen Part beisteuert. Im zweiten Aufzug wird die ziemlich mitgenommene ehemalige Walküre in einem Käfig hereingefahren und wie ein gefangenes Tier gnadenlos zur Schau gestellt. Auch ihre Sprösslinge werden nicht verschont. Gewaltsam lässt Hagen diese von seinen Mannen entführen. Siegfried ermordet er in einem zwielichtigen Nachtlokal, in dem die vordem romantischen, in goldene Gewänder gehüllten Rheintöchter nun als Animierdamen arbeiten, mit jedem - auch mit Hagen - flirten und sich auch gerne einmal einen antrinken. Von Konwitschnys großartiger Stuttgarter Produktion entlehnt sind die Einfälle, dass die Mädchen den von Siegfried gejagten Bären beschützen und sich später bei der Warnung des Wotan-Enkels als Nornen gerieren. Dass der Held im Sterben eine Vision der jetzt gänzlich schwarz gewandeten Brünnhilde hat, kommt einem auch irgendwie bekannt vor.

Beeindruckend ist das Ende gelungen: Nach ihrem Schlussgesang legt Brünhilde ihren schwarzen Mantel ab und gesellt sich zu Siegfried und ihren Kindern, die in einer klassizistisch anmutenden Halle still und regungslos an einer riesigen Tafel sitzen. Wie diese erstarrt auch sie gleichsam zu Stein. Der Eindruck eines klassischen Gemäldes drängt sich auf. Auf gefällige Art und Weise wird hier das Hohelied - vielleicht ist es aber auch das Sterbelied - der Familie gesungen. Im Gegensatz zu manch anderer Produktion kommt es bei Pilavachi nicht lediglich zu einer Menschen-, sondern wirklich auch zu einer echten Götterdämmerung: Das auf den Hintergrund projizierte Gesicht Wotans wird immer stärker von Flammen eingehüllt. Der Kreis schließt sich: Zu den letzten Takten erscheint im Hintergrund wieder das naturalistische Bühnenbild der ersten „Rheingold“-Szene. Der Ring schwebt herab und wird von den Rheintöchtern, jetzt wieder in ihren Kostümen des Vorabends, in Empfang genommen. Der ebenfalls wieder jung gewordene Alberich in seiner alten Arbeiterkleidung schließt den Vorhang. Geht das Ganze noch einmal von vorne los oder war alles nur ein Traum? Man kann es sich aussuchen.

Roman Brogli-Sacher präsentiert mit lockerer Hand einen entschlackten, aufgehellten Wagner, den er zusammen mit dem Philharmonischem Orchester der Hansestadt Lübeck kammermusikalisch und mit weicher Tongebung zum Besten gibt. Die von ihm angeschlagenen Tempi sind sehr flüssiger Natur. An manchen Stellen wirken sie gehetzt. Über einiges wird achtlos hinwegdirigiert und auf Details nicht immer Rücksicht genommen. Indes kommt diese Auffassung des Dirigenten von Wagners Musik den Sängern zugute, die an keiner Stelle zugedeckt werden.

Es ist schon phänomenal, wenn ein Haus von der Größenordnung des Lübecker Theaters in der Lage ist, fast alle Partien der Tetralogie aus dem hauseigenen Ensemble zu besetzen und mit nur wenigen Gästen auskommt. Da kann man nur gratulieren. Die gesanglichen Leistungen bewegen sich fast durchweg auf hohem Niveau. Allen voran ist Antonio Jang zu nennen, der hier auf phantastische Art und Weise beweist, dass man den Alberich auch mit einer vorbildlichen italienischen Technik singen kann. Wunderbar, wie der noch junge Sänger mit sonorem, warmem und volltönendem Stimmklang dem Schwarzalben mehr als gerecht wird, stets gut auf Linie singt und dabei eine vorbildliche Textverständlichkeit an den Tag legt. So und nicht anders muss der Alberich gesungen werden. Bravo! Es wäre interessant, diesen genialen Bariton, der Bayreuth dringendst empfohlen sei, einmal mit Verdi oder Puccini zu hören. Mit markantem, ebenfalls gut gestütztem Stimmmaterial stattet Stefan Heidemann den Wotan und den Wanderer aus. Rein gesanglich gibt es an ihm nichts auszusetzen, indes hat er manchmal mit Unsicherheiten rhythmischer und textlicher Art zu kämpfen. Die „Hojotoho“-Rufe fallen Rebecca Teem noch schwer. Indes singt sie sich bald frei und gibt im Folgenden mit solide focussiertem und ausdrucksstarkem dunklem Sopran eine gefällige Brünnhilde. Übertroffen wird sie von Marion Ammann, deren Sieglinde sich durch emotional eingefärbte Stimmführung, ausladende Jubelausbrüche und sichere Spitzentöne auszeichnet. Neben ihr fällt Andrew Sritheran, von dem man sich mehr solide Körperstütze gewünscht hätte, als Siegmund sichtlich ab. Die beiden Siegfried sind ihm da haushoch überlegen. Zu begeistern vermag insbesondere Jürgen Müller, der mit trefflich focussiertem, prägnantem und in der Höhe frei ausschwingendem Heldentenor den jungen Siegfried singt. Aber auch Richard Decker vermag als alter Siegfried mit seinem baritonal timbrierten und ausdrucksstarken Tenor gut zu gefallen. Gary Jankowski gibt mit robustem Bass einen an sich tadellosen Hagen, hat aber im dritten Aufzug bei „Rache rieten sie mir“ das hohe ‚g’ nicht. Auch dem „Rheingold“-Fafner gibt er ein glaubhaftes Profil. Stuart Patterson singt den großen Mime stark in der Maske und auch Patrick Busert kann mit nur einem Hauch von Stimme als kleiner Mime ebenfalls nicht überzeugen. Gerard Quinns heller Bariton weist beim Gunther eine bessere Verankerung im Körper auf als beim Donner. Insgesamt solides Sopranmaterial bringt Ausrine Stundyte für die Gutrune mit. Eine Luxusbesetzung ist die voll, rund und tiefsinnig singende Veronika Waldner für die Fricka, die beiden Waltrauten und die erste Norn. Die über eine profunde Altstimme verfügende Ulrike Schneider kommt mit der Erda insgesamt gut zurecht, hat aber im „Siegfried“ mit dem hohen ‚as’ Schwierigkeiten. Mehr schreiend als singend bewältigt Anna Baxter die Freia. Ein angenehm singender und darstellerisch versierter Loge ist John Pickering. Als Froh ist Kyung-Jin Jang keine schlechte Wahl. Andreas Haller gibt dem Hunding mit kernigem Bass ein bedrohliches Profil. Als Fasolt drückt er seine Liebe zu Freia durch weichere Töne aus, weiß sich indes auch im Disput mit Wotan nachdrücklich zu behaupten. Ordentlich schneidet in der Rolle des „Siegfried“-Fafner Daniel Lewis Williams ab. Mit schönem, italienisch geschultem Sopran wertet Andrea Stadel die kleine Partie des Waldvogels auf. Flach und in der Höhe hart geht Sonja Freitag die Woglinde an. Da weisen Roswitha C. Müller (Wellgunde und zweite Norn) und die beiden Floßhilden Sandra Maxheimer („Rheingold“) und Julie-Marie Sundal („Götterdämmerung“) schon kräftigere Stimmen auf, desgleichen Anne Ellersieks dritte Norn. Die Damen Baxter, Freitag, Elersiek, Müller, Maxheimer, Sundal sowie Wioletta Hebrowska sind auch in den Rollen der kleinen Walküren zu erleben. Von den Choristen des Mannenchors haben die Bässe gegenüber den Tenören die Nase eindeutig vorn.

Fazit: Diese DVD-Box, die beredtes Zeugnis von den hohen Fähigkeiten des Lübecker Theaters ablegt, ist wärmstens zu empfehlen und mit dem Prädikat BESONDERS WERTVOLL auszuzeichnen. Mein Motto VERACHTET MIR DIE KLEINEN HÄUSER NICHT hat sich angesichts dieser hochkarätigen Live-Mitschnitte einmal mehr bestätigt. Es ist sehr zu hoffen, dass auch die beachtlichen „Ringe“ anderer kleinerer Häuser demnächst mal auf DVD verewigt werden. Dabei sei der hochkarätige „Ring“ des Freiburger Theaters besonders erwähnt. Wäre dieser nicht eine interessante Option für Klassic Center Kassel und seinen Produzenten Dr. Rainer Kahleyss?

Ludwig Steinbach

 

 

 

 

DER RING DES NIBELUNGEN

Ein großes Werk großartig in Szene gesetzt

Oehms Classics 999

Schon viel von sich reden gemacht hat „Der Ring des Nibelungen“ aus Frankfurt- und das zurecht, sieht und hört man jetzt die DVDs, die von ihm entstanden und bei Oehms Classics zu haben sind. Oft rührt ein Sensations-erfolg nur vom Bühnenbild her, das hier geradezu genial zu nennen ist, zugleich aber ist auch die Regie eine bemerkenswert gute, die die sich aus fünf Ringen fügende Scheibe auf optimale Weise zu nutzen versteht. Mit Optimismus hatte man in der Einführungs-DVD zur Kenntnis genommen, daß Vera Nemirova „keine Angst, aber Respekt“ vor der Trilogie habe, und diesen Respekt kann man aus der Art, in der sie mit dem Stück umgeht, aufs schönste ersehen, aus der aufmerksamen, die Charaktere erfassenden Personenregie, der feinen Ironie und dem langen Atem, der nötig ist, um die Spannung über 16 Stunden hinweg aufrecht zu erhalten, sie sogar stets zu steigern. Jens Kilian ist der Schöpfer der Scheibe, die sich beugen läßt und deren einzelne Ringe sich gegeneinander verschieben lassen. So entstehen ineinander verschlungene Wege und Räume wie die Schmiede, Alberichs Reich, Hundings Hütte oder die Hausbar der Gibichungen. Durch Lichteffekte lassen sich eine blühende Wiese oder der blau dahin fließende Rhein zaubern, der Hintergrundprospekt kann durch die Annahme unterschiedlicher Farben ebenfalls verschiedene Stimmungen kreieren. Ingeborg Bernerth hat für die Personen charakterisierende Kostüme geschaffen, wobei sich Gewänder, die bereits bei der Uraufführung hätten eingesetzt werden können wie das der Walküren, mit moderner Kleidung am Burgunderhof oder zeitloser wie für Sieglinde und die Brünnhilde des zweiten und dritten Abends ein Stelldichein geben. Im Gedächtnis bleiben auch die Riesenkostüme aus Arbeitshandschuhen oder die Pin-Up-Aufmachung der Rheintöchter. Ein Verdienst der Produktion und natürlich auch der daran beteiligten Sänger ist es, daß gerade die Szenen, die dem Zuschauer sonst als besonders lang erschienen, die allerkurzweiligsten sind wie die Auseinandersetzung zwischen Fricka und Wotan und die darauf folgende Szene zwischen Wotan und Brünnhilde, ganz besonders aber der atemberaubende Auftritt der Waltraute in der „Götterdämmerung“. Stimmig ist auch der Einfall, gealterte Doppelgänger der Götter im „Rheingold“ wie in der Nornen-Szene einzusetzen, in der sämtliche mythischen Gestalten noch einmal auftauchen und in die Fäden der Schicksalsgöttinnen eingesponnen werden. Das sind ganz große Momente, wie auch viele eher beiläufig erscheinende Einfälle wie das Sterben Siegmunds in den Armen des Vaters, der Kuß erst im dritten Anlauf, mit dem Siegfried Brünnhilde weckt, das Bergen von Wotans Kopf im Schoß der schlafenden Erda. Und wenn Freia dem erschlagenen Fasolt die Augen zudrückt, dann sagt das viel nicht nur über sie, sondern die gesamte Götter- und Riesenwelt aus. In der „Götterdämmerung“ gibt es auch komische Elemente wie die „Rettet-den Rhein“-Töchter, das Kaffeetisch-Idyll auf dem Brünnhilde-Felsen, die joggende Gutrune. Aber trotz solcher „lustigen“ Einlagen, die kurzzeitig fürchten lassen, die Inszenierung kippe ins Billig-Modernistische , bleibt der tragische Atem, der sie durchweht, erhalten. Ein grandioser Einfall ist es auch, den „Trauermarsch“ zur Trauermusik des auf wundersame Weise gewandelten Gunther zu machen und Gutrune eine versöhnende Geste Brünnhildes zuteil werden zu lassen. . Am Schluß sehen sich die Figuren des „Ring“ und das Publikum im selben Licht vereint bei Weltuntergang und Neubeginn, während Alberich, der anstelle von Hagen „Zurück von dem Ring“ sang, höhnisch aus einer der Proszeniumslogen schaut.

Fast verschlägt es dem Zuschauer so nachhaltig die Sprache, daß Kritik an den Sängern als Sakrileg erscheint. Aber die Leistungen sind doch zu unterschiedlich, als daß dies unerwähnt bleiben könnte. Zwei Sopranstimmen entzücken den Hörer ganz besonders. Da ist einmal die Sieglinde von Amber Wagner mit einer mühelos fließenden, runden, warmen Stimme, die nie an Grenzen zu kommen scheint. Ebenso erfreuen kann der Sopran von Claudia Mahnke als beide Waltrauten und Zweite Norn, die in der „Götterdämmerung“ zu wundervoller Eindringlichkeit einer schönen, leuchtenden Stimme findet. Neben seiner Sieglinde fällt der Siegmund von Frank van Aken etwas ab, mit hellem, leicht flachem Tenor, in den Wälse-Rufen wie den „Winterstürmen“ ordentlichen, aber nicht beglückenden Leistungen. Nur Lob verdient der Alberich von Jochen Schmeckenbecher, der nicht nur einen durch Mark und Bein gehenden Fluch ins Publikum schleudert, sondern durchgehend an allen drei Abenden, an denen er beteilgt ist, höchste vokale und darstellerische Präsenz zeigt. Einen dunkel strömenden Bariton hat Johannes Martin Kränzle- vielleicht war es dieser, der die Regie dazu brachte, ihn am Schluß zu einem Beinahe-Helden zu machen. Ein ganz vorzüglicher Wotan/Wanderer ist Terje Stensvold mit guter Diktion, solidem Baßfundament für die Baritonpartie und neben vielen anderen bemerkenswerten Beiträgen einem machtvoll-tragischen „Leb‘ wohl!“ Daß der Text nicht durchgehend dem Libretto entspricht, ist entschuldbar bei einer insgesamt so bewundernswerten Leistung. Ideal ist auch die Besetzung des Loge mit einem lyrischen Tenor mit Charaktertenoranklängen ( Kurt Streit), der dazu noch herrlichen Zynismus und lockere Ironie ausstrahlt. Uneingeschränkte Freude (abgesehen von der schrecklichen Dauerwellenfrisur, wie sie auch Gutrune zuteil wurde) beschert auch die Fricka von Martina Dike mit gut konturiertem, ebenmäßigem Mezzosopran, der auch an den dramatischsten Stellen nie ins Keifen abgleitet. Mit sanftem, dunklem, raunendem Alt verkündet die Erda von Meredith Arwady erst von rotem, später von weißem Haar umwallt, Urweises und überzeugt auch als Dritte Norn. Eine Frohnatur von Dritter Norn mit klarer Sopranstimme ist Angel Blue. Mit tragfähigem Charaktertenor ist Peter Marsh ein wendiger Mime. Robin Johannsen singt einen feinen, klarstimmigen Waldvogel, der Tänzer Alan Barnes stellt ihn dar. Schön setzt sich Alfred Reiter als Fasolt akustisch von seinem mit weniger edlem Timbre begabten Bruder Fafner (Magnus Balvinsson) ab. Rollendeckend besetzt sind die Götter Donner mit Golfschläger anstelle des Hammers ( Dietrich Volle), der seifenblasende Froh ( Richard Cox) und Freia, für die die Riesen gleich das Brautkleid mitgebracht haben (Barbara Zechmeister). Eine angenehme lyrische Stimme hat Anja Fidelia Ulrich für die Gutrune. Der Hagen von Gregory Frank überwältigt nicht mit dunkler Baßfülle, sondern erfreut mit einer intelligenten Darstellung und einer höchst soliden stimmlichen Leistung. Schön aufeinander abgestimmt sind die Stimmen der Rheintöchter Britta Stallmeister, Jenny Carlstedt und Katharina Margiera. Trotz aller Aufgeregtheit bleibt der Eindruck von den Walküren ein harmonisch-angenehmer.

Und Brünnhilde und Siegfried? Letzterer ist optisch der germanische Held aus dem Bilderbuch, spielt den übermütigen Naturburschen so perfekt wie den blasierten vom Trunk Betörten und zeigt viel mehr Facetten als man von Siegfrieden anderer Inszenierungen gewöhnt ist. Die Stimme ist Geschmackssache- mir zu sehr Mime denn Siegmund als Vater bezeugend. Zu oft wird die Gesangslinie brüchig, werden zwar die Höhen erreicht, klingen aber unschön. Das Problem von Susan Bullock ist optischer Natur: bei den Großaufnahmen sieht man das Gesicht einer Mittfünfzigerin, die sie ist. Daß Lichtregie hier viel hätte bewirken können, sieht man beim Schlußgesang, wo die warmen Farben sie viel jünger erscheinen lassen und wo das schwarze Gewand viel günstiger ist als das helle Kleid zuvor. Der rote Kurzhaarschopf für die „Walküre“ war eine gute Idee, hätte aber natürlich der „heiligen Braut“ weniger gut angestanden. Sie legt, ihren Mitteln entsprechend, die Partie eher lyrisch an, teilt sie sich an allen drei Abenden gut ein, wird nie schrill und bietet insgesamt eine beachtliche, achtenswerte Leistung. In Berlin wird man im Herbst und Winter dem Paar an der Deutschen Oper wieder begegnen.

Tadellos ist der Chor (Matthias Köhler), sängerfreundlich das Orchester der Oper Frankfurt und das Museumsorchester unter Sebastian Weigle, der alles, was er in der einführenden DVD versprochen hatte, auch in schönster Weise einzulösen vermag.

Alles in allem ist dies ein „Ring“, der Maßstäbe setzt.

Ingrid Wanja, 23.3.13

 

 

DER RING DES NIBELUNGEN
Bayreuther Festspiele 1991/1992

Harry Kupfer / Daniel Barenboim

 

Warner Classics

7 DVDs

 

Oldie but Goldie

Sie ist bereits legendär: Harry Kupfers im Jahre 1988 in den Bühnenbildern von Hans Schavernoch für die Bayreuther Festspiele geschaffene Inszenierung von Wagners groß angelegter Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“. Wer die Produktion damals nicht auf der Bühne sehen konnte, hat jetzt Gelegenheit, das Versäumte im heimischen Wohnzimmer nachzuholen. Bei dem Label Warner Classics liegt die in den Jahren 1991 und 1992 aufgezeichnete Produktion seit einiger Zeit auf DVD vor. Dies ist sehr zu begrüßen. Zwar hätten die Tontechniker an manchen Stellen etwas bessere Arbeit leisten können. Die Bildqualität hingegen ist einwandfrei und gibt einen guten Eindruck von dem Bühnengeschehen. Einmal mehr erweisen sich Kupfers geniale Fähigkeiten im Umgang mit Sängern. Seine Personenregie gehört wahrlich zum Besten. Stets ist etwas los, langweilig wird es nie. Sogar bei leerer Bühne sind die vom Regisseur akribisch herausgearbeiteten Beziehungen der handelnden Personen zueinander von atemberaubender Spannung geprägt. Auch mit Tschechowschen Elementen geht Kupfer trefflich um. So beispielsweise, wenn er im ersten Aufzug von „Siegfried“ den schmiedenden Mime von Alberich und dem Wanderer belauern lässt oder später den den Waldvogel manipulierenden Gott praktisch während des ganzen zweiten Aktes auf der Bühne belässt. Deutlich wird: Hier ist ein Meister der Regiekunst am Werk.

Auch Kupfers Grundkonzept ist überzeugend. Seine Arbeit ist von effektvollen Bildern geprägt. Nachhaltig in Erinnerung bleiben v. a. die Laserstrahlen, mit deren Hilfe der Rhein und der Feuerzauber erzeugt werden. Brünnhilde schläft am Ende der „Walküre“ in einem roten Strahlen-Würfel ein. Hauptspielort ist die sogenannte Straße der Geschichte, die sich durch alle drei Abende und den Vorabend zieht. Auf ihr wird geliebt, gehasst, gelitten, gekämpft, getötet und intrigiert. Noch nie wurden die Verwandtschaftsverhältnisse der Sippe Wotans bildlich so klar aufgezeigt: Der Göttervater, Brünnhilde, Siegmund, Sieglinde und Siegfried tragen alle rote Haare, gehören deutlich sichtbar derselben Familie an. Auch die Riesen werden visuell erklärt. Auf großen Köpfen thronen verhältnismäßig kleine Köpfe. Die Aussage ist klar. Fasolt und Fafner mögen körperlich groß sein. In ihren Köpfen ist aber nicht viel drin. Ihr Verstand ist alles andere als ausgeprägt.

Bei Kupfer geht der Handlung eine Katastrophe voraus, deren Auswirkungen sich durch die ganze Tetralogie ziehen. Hell wird es nie. Die Bühne wird durchweg dunkel ausgeleuchtet. Für Optimismus bleibt hier kein Raum, Pessimismus herrscht vor. Zu Beginn des „Rheingolds“ versammeln sich die Überlebenden des vorangegangenen ersten weltgeschichtlichen Unglückes um einen tiefen, bedrohlichen Krater. Alberich liegt wie tot am Boden. Unvermittelt setzen sich die Menschen in Bewegung und gehen auf den Hintergrund zu. Ein neues Zeitalter bricht an. Der Abgrund spielt auch weiterhin eine entscheidende Rolle in Kupfers Deutung. So z. B. in der „Walküre“. Wenn Wotan verzweifelt sein Ende heraufbeschwört und seinen Speer in den Boden rammt, reist auf einmal die Erde auf. Alberichs Fluch hat den Gott im wahrsten Sinn des Wortes an den Rand des Abgrunds gebracht. In der „Götterdämmerung“ bricht der tödlich verwundete Siegfried an der Erdspalte zusammen und versinkt in ihr. Der Trauermarsch stellt den szenischen Höhepunkt in Kupfers Interpretation dar: Wotan betritt noch einmal die Bühne. Langsam schreitet er auf den Abgrund zu und wirft seine Speerstücke dem toten Enkel hinterher. Brünnhilde nähert sich. Ohne einander zu erkennen knien Vater und Tochter an dem Spalt und betrauern Siegfried - ein sehr starkes, emotional ungemein berührendes Bild, das man nicht so schnell vergisst. Auch sonst wartet Kupfer mit eindringlichen Regieeinfällen auf. Nibelheim sieht er als modernes High-tech-Unternehmen, das von totalitären Überwachungsstrukturen dominiert wird. Die Nibelungen sind schon dabei, die Fundamente Walhalls zu zersetzen, das nur durch einen in der Straße der Geschichte aufragenden Stützpfeiler angedeutet wird, und in dessen höchste Höhe ein Fahrstuhl führt, den die Götter am Ende des „Rheingolds“ besteigen. Die Gibichungen sind eine dekadente Großstadtgesellschaft, in der sich der schroffe Hagen wie ein Fremdkörper ausnimmt. Besonders die als Marilyn Monroe gezeichnete Gutrune wird zum Markenzeichen des schicken Großbürgertums, die mit Siegfried leichtes Spiel hat. Hier wartet Kupfer mit ausgeprägter Psychologie auf. Deutlich wird: Hier bedarf es keines Vergessenstrankes, um zu bewirken, dass Siegfried Brünnhilde vergisst und Gutrune verfällt. Ebenso gut hätte er klares Wasser trinken können. Am Ende betritt eine zeitgenössische Party-Gesellschaft die Bühne und beobachtet bei Sekt und Bier per Fernsehen den Untergang der Götter. Zwei Kinder, Inbegriff der neuen Hoffnung, suchen sich mit einer Taschenlampe ihren Weg aus dem Dunkel. Dabei treffen sie auf Alberich, den letzten Überlebenden der neuen Katastrophe. Hinter ihm senkt sich ein guillotineartiger Vorhang herab. Das Böse überlebt. Geht alles wieder von vorne los? Das war alles recht eindrucksvoll und von Kupfer phantastisch dargeboten.

Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt Daniel Barenboim am Pult. Teilweise gelingen ihm durchaus schöne Momente. Tempomäßig geht er indes zeitweilig etwas in die Extreme. Manchmal läuft er mit dem Orchester regelrecht davon, an anderer Stelle scheint er fast einzuschlafen. Oftmals wartet er mit retardierenden Momenten auf, ohne dabei die Spannung halten zu können. Der ganz große Atem für Wagner geht ihm hier etwas ab. Manche Stellen hätten zudem prägnanter klingen können. Nicht nur einmal plätscherte die Musik etwas belanglos vor sich hin.

Mit den Gesangssolisten kann man insgesamt zufrieden sein. Als phantastischer Sängerschauspieler erweist sich der Wotan/Wanderer von John Tomlinson. Mit einem Höchstmaß an Elan und Intensität stürzt er sich in seine Rolle, die er darstellerisch voll ausfüllt. Stimmlich vermag er v. a. in der Mittellage zu überzeugen. Dort klingt sein Bass mächtig und voll. Im oberen Stimmbereich tut er sich manchmal schwer. Die Spitzentöne werden manchmal zu stark im Hals produziert. Einen wunderbar weichen, dunkel timbrierten Sopran bringt Anne Evans für die Brünnhilde mit. Sie geht ihre Rolle sehr geradlinig an, singt durchweg sehr emotional und ausdrucksstark. Dramatische Ausbrüche wie auch lyrische Empfindsamkeit - hervorragend die Todesverkündigung - stehen ihr in gleichem Maße zur Verfügung. Ein darstellerisch sehr vitaler Siegfried ist Siegfried Jerusalem. Stimmlich schlägt er sich über weite Strecken mit seinem schönen, baritonal gefärbten Tenor hervorragend. Insbesondere sein junger Siegfried dürfte z. Z. der Aufnahme konkurrenzlos gewesen sein. In der „Götterdämmerung“ erreicht er dieses hohe Niveau nicht ganz. Dort rutschen ihm die beiden hohen ‚c’s im zweiten und im dritten Aufzug aus der Focussierung. Poul Elming stellt den Rebellen Siegmund glaubhaft auf die Bühne. Gesanglich kann er mit seinem stark maskigen, jeder soliden Körperstütze entbehrenden Tenor weniger überzeugen. Da verfügt die tadellos singende Sieglinde von Nadine Secunde über ein stabileres Stimm-Fundament. Ein in jeder Beziehung mächtig auftrumpfender, charismatischer Alberich ist Günter von Kannen. Bei Graham Clark als Loge und „Siegfried“-Mime beeindruckt in erster Linie die grandiose darstellerische Leistung. Der Mann hätte Schauspieler und nicht Sänger werden sollen - nicht zuletzt deshalb, weil sein greller Tenor nicht gerade der schönste ist. Dünn klingt auch der „Rheingold“-Mime von Helmut Pampuch. Zufriedenstellend gibt Philip Kang den Hagen und den Fafner. Übertroffen wird er von Matthias Hölle, der mit sauber dahinströmendem, elegantem Bass dem Fasolt und dem Hunding Format gibt. Bodo Brinkmann ist ein stimmstarker Gunther. Als Gutrune bewährt sich Eva-Maria Bundschuh. Mit vollem, ausdrucksstarkem Mezzosopran singt Linda Finnie die Fricka und die zweite Norn. Stimmlich perfekt präsentiert sich Birgitta Svenden als Erda und erste Norn. Nichts auszusetzen gibt es auch an der dritten Norn von Uta Priew. Eine Meisterleistung erbringt die sehr gefühlvoll und intensiv singende Waltraud Meier als „Götterdämmerungs“-Waltraute. Mit kräftigem Sopran stattet Eva Johansson die Freia aus. Gut gefällt Kurt Schreibmayer als Froh. Auf hohem Niveau bewegen sich auch die Rheintöchter von Hilde Leidland (Woglinde), Annette Küttenbaum (Wellgunde) und Jane Turner (Flosshilde). Frau Leidland macht auch in der kleinen Partie des Waldvogels nachhaltig auf sich aufmerksam. Die insgesamt ordentlich singenden kleinen Walküren sind mit Eva Johansson, Ruth Floeren, Shirley Close, Hitomi Katagiri, Eva-Maria Bundschuh, Linda Finnie, Birgitta Svenden und Hebe Dijkstra besetzt. Eine Klasse für sich ist der von Norbert Balatsch trefflich einstudierte Chor in der „Götterdämmerung“

Ludwig Steinbach

 

 

 

DER RING DES NIBELUNGEN

Aus dem Nationaltheater Weimar

Mus. Ltg.:    Inszen.: Michael Schulz

 

Arthaus - 4 Blu-rays

Ein Spiel aus dem Ernst wird

Michael Schulz inszeniert eine große brutale Familien-Saga - Ein operativer Geniestreich

 
Das ist also der Mensch…und das soll die Krone der Schöpfung sein?“ (Alf)

O. k. meine verehrten Leser! Sie sind Wagner-Kenner und -Liebhaber und besonders „Der Ring des Nibelungen“ hat es Ihnen angetan. Sonst würden Sie jetzt nicht weiterlesen. Das kann ich verstehen, denn mein persönlicher Einstieg in die Operwelt war genau dieses Monumentalwerk. Von 17 – 27 Jahren gab es für mich neben Deep Purple, Uriah Heep, Pink Floyd und den Stones nur dieses klassische Werk. Ich war Ring-verrückt. Ein Wagner-Freak. Der jährliche Besuch in der Rheinoper war Pflicht. Die Beatles waren für mich so weichgespülte Musik, wie ich Verdi als Zirkusmusik-Composer empfand. Der Mensch ändert sich gottseidank, heute spiele ich Klavier statt Schlagzeug, bringe eine eigene Opernzeitung heraus, und treibe mich unentwegt, auch vielfrustriert, in den Operhäusern dieses Landes herum, aber gewisse Fragen, gleich wie oft ich auch den Ring sehe oder mittlerweile durchschlafen habe, blieben stets:

Warum gibt es eigentlich nur drei Rheintöchter in diesem gigantischen, über 1300 Kilometer langen Strom? Was wurde aus den anderen Göttern nach dem „Rheingold“? Wo bleiben die böse betrogenen Nibelungen später in der Tetralogie? Was trieb Alberich noch nach seinem Kurzauftritten in „Siegfried“ und „Götterdämmerung“? Er ist doch schließlich eine der wichtigsten Figuren! Was wurde aus dem Waldvogel? Wieso gibt es nur einen? Im Text heißt es doch, daß Siegfried der Vöglein (Plural) Sprache verstehe! Was macht eigentlich Wotan, die treibende Kraft dieses Dramas, nach seinem schmählichen Abgang im „Siegfried“? Wo kommt so plötzlich, ohne jegliche Vorgeschichte, Alberichs Sohn Hagen her? Immerhin eine Hauptfigur, welche den Ausgang des Nibelungendramas mehr als nachhaltig bestimmt? Ist Hagen wirklich so ein bösartiger Psychopath, wie immer dargestellt? Warum wird seine schlimme Jugend nicht strafmildernd berücksichtigt? Sind Gunter & Gutrune tatsächlich nur unbedeutende Nebenrollen? Was ist mit Grane? Nur ein Pferd, oder hat es weiteren symbolischen Charakter? Was für eine Rolle spielen eigentlich die Menschen noch auf dieser Erde?

Regisseur Michael Schulz, jetziger Intendant an NRWs vielleicht zur Zeit interessantester Bühne, dem „Musiktheater im Revier“ (MiR), und sein Team (Bühne: Dirk Becker, Kostüme: Reneé Listerdal, Dramaturgie: Wolfgang Willascheck) haben viele dieser Fragen mit einer tollen Arbeit in der nun in bildlicher Perfektion und gehaltvollen DD 5.1. Ton vorliegenden Ring-Gesamtaufnahme (7 DVDs) aus dem Deutschen Nationaltheater in Weimar beinah perfekt beantwortet.

Der Firma Arthaus sei Dank, daß man sich (mal wieder) in die Gefilde der „Provinz“ gewagt hat, um diese außergewöhnliche und überragende Inszenierung zu dokumentieren. Nicht nur unser Fachkollege aus Weimar versicherte mir, daß man auf der nun erhältlichen DVD-Fassung erheblich mehr Einzelheiten sehe, als an den Live-Abenden. Insbesondere die szenische Emotionalität gewinnt durch die Nahaufnahmen der furiosen Darsteller. Nicht erste Reihe - wir sind mittendrin dabei! Gesichter, die sich fast alptraumhaft einprägen. Manches verfolgt den emotionalen Opernfreund noch im Schlaf. Was hat Schulz für Überzeugungsarbeit geleistet, daß ein riesiges Team von Künstlern sich so perfekt und individuell überzeugend in die Rollen einbringt, und so sein atemberaubendes Konzept realisiert, welches allerdings, insbesondere für Altwagnerianer, sicherlich erst einmal gewöhnungsbedürftig ist. Aber auch den härtesten Vertreter konservativer Aufführungskunst sollte diese intelligente Inszenierung überzeugen. Außerdem hat selten jemand sonst eine Wagner-Oper so textverständlich, so texttreu und so ernsthaft erarbeitet und zeitkritisch aktuell hinterfragt. Wie viele Ringe habe ich durchlitten, die wirklich zum Jammern waren...

Und eine der besten kommt nun auf DVD fürs Heimkino daher. Ich werde langsam in meinem ehernen Grundsatz schwankend, daß man eine Oper unbedingt live sehen muß. Was für eine tolle Inszenierung, fast eine Über-Inszenierung, noch dazu in optimaler Bildqualität! Es zittert die Seele, verkrampft sich das Herz! Schließlich steht man als Kritiker am Ende einsam aus seinem Ohrensessel auf und applaudiert, als befände man sich im Opernhaus. Vieles ist natürlich diskussionswürdig, aber nach Patrice Chereau (Bayreuth 1976) und John Dew (Krefeld/Mönchengladbach 1984) ist das für mich wirklich eine der mit Abstand besten und werktreu durchdachtesten Produktionen des Wagnerschen Rings. Durchgängig überzeugende Musiktheaterdarsteller – ein Jahrhundertring fürs 21.Jahrhundert, der nicht nur virtuos unterhält, sondern auch zum Denken anregt! Bilder, die bleiben.

Die Geschichte ist so spannend und ergreifend, daß ich die Frage der gesanglichen Qualität mancher Künstler stellenweise sogar als sekundär bezeichnen möchte, so sehr wird man aufgrund der überragenden darstellerischen Fähigkeiten in die Geschichte hineingezogen. Dennoch gibt es viel, viel zu entdecken. Pars pro toto Mario Hoff (Wotan, Alberich, Gunter), Erin Caves (Loge, Siegmund) und natürlich die unerhörte Brünnhilde von Catherine Foster; nicht zu vergessen der großartige Renatus Meszar (Fasolt, Wotan, Hagen). Bayreuth muß sich daneben teilweise schämen... Unfaßbar! Kaum zu glauben für ein 800 Seelen-Theater ist auch die musikalische Präsenz der Staatskapelle Weimar. Alles live aufgenommen und die moderne Digitaltechnik würde kleinste Fehler hörbar machen, wenn da welche wären. Wuchtige Bläser, makellose Hörner (kein einziger schräger Ton beim Siegfried-Motiv!) und ein vielgeteiltes unisono berauschendes Streichermeer, als säßen wir in der Wiener Staatsoper. Carl St. Clair wählt die passenden Tempi ohne zu verschleppen oder zu übereilen. Selten habe ich den Trauermarsch so einfühlsam spannungsgeladen gehört. Perfekter Wagner!

Im Zentrum steht Übervater Wotan, der Familien-Mogul, ein skrupelloser Egomane, ein echter Drecksack. Er entpuppt sich als eine Mischung zwischen Jack the Ripper und Josef Ackermann. Brandstifter und Biedermann; Big Boss und Gewalttäter zugleich, ein leidlicher Ehemann und Massenmörder, der sich mit Hilfe seiner Kumpane und Gleichgesinnten die Welt durch Totschlag und Vergewaltigung gefügig macht. Eines Welterbes in Form des Rheingolds bedarf er schon gar nicht mehr, Kapital ist bedeutungslos geworden – zwei Symbole, Ring und Tarnhelm, sind die Insignien der Macht. Und so wird logischerweise das Wald-Vöglein später auch den noch unbefleckten Siegfried einzig darauf hinweisen, während es die wertlosen Aktien und Geldscheine aus Fafners Hort wie welkes Laub im Wald verteilt. Kann man näher an die Gegenwart kommen? Was für ein verteufeltes Stück hat Richard Wagner da geschrieben? Wirklich zeitlos? Oh ja!

Es ist ein bitterböses Spiel, dessen Opfer auch immer wieder die Frauen sind, wie bei allen Wagner und Verdi-Opern, nebenbei bemerkt. Enttäuscht, geschlagen, belogen, betrogen, ausgebeutet, mißbraucht und nicht selten auch noch ermordet, wenn sie sich nicht selbst umbrachten. Man wundert sich, daß unsere islamistischen „Freunde“ Musik solcher Art und Weltanschauung nicht höher wertschätzen. Stop! Ich nehme diesen bösen Scherz natürlich sofort wieder zurück! Das war der Wotan in mir…

Das „Rheingold“ – der Vorabend - ist noch als eine Art fantastisches Märchen, voller Ironie und Witz inszeniert. Streng genommen wird der Mechanismus der Aufführungspraxis griechischen Theaters umgedreht; Schulz bringt das Fröhliche zuerst; danach hört der Spaß auf und es wird zappenduster. Schon in der Walküre, wo Dew in Krefeld noch eine ausgelassene Schneeballschlacht zwischen Wotan und Brünhilde inszenierte, gibt es bei Schulz nichts mehr zu lachen, und selbst, wenn sich die Wände im ersten Akt zu Liebe und Lenz öffnen, dräut dahinter nur schwarze Leere – ein Nichts, der Tod. Da bleibt wenig Raum für wahre Liebe. Ergreifend auch die noch musiklose Eröffnungssequenz, in der Rabenvater Wotan seine zwei Kinder im wilden Wald mit verbundenen Augen à la Hänsel und Gretel zurückläßt.

Die Oper „Siegfried“, der dritte Teil der Tetralogie, ist eine ganz böse und gerade in dieser Zeit durchaus realistisch und glaubwürdig in Szene gesetzte Sozialstudie. Vieles erinnert an Hitchcocks "Psycho", denn Psychos sind sie letztenendes alle, die hier auftreten, weil es keine echten Helden mehr gibt. Hat es die je gegeben? Was ist in der geheimnisvollen Kühltruhe, die Mime stets unheilschwanger umschleicht, deren Rätsel aber nicht aufgelöst wird, oder ist es gar kein Rätsel? Schulz produziert Spannung à la John Carpenter in „The Fog“ oder „Halloween“ – der Horror entsteht aus der furiosen, manchmal geradezu erschreckenden Darstellungskunst der Sänger oder einfach nur einer szenischen gut ausgeleuchteten Perspektive. Auch sind wir bei Wagner ja einer Filmmusik recht nahe.

Kinder degenerieren ohne die Liebe und das Vorbild der Eltern – da hilft dann auch keine Supernanny mehr, wenn sie zu herzlosen Mördern erzogen werden oder mit dem abgeschlagenen Kopf ihres Onkels Mime Fußballspielen müssen. So bleibt dann ein Hagen von Tronje nicht aus. Doch mildernde Umstände kennt die Inszenierung nicht. Wotan ist in Begleitung zweier wirklich übler Finger unterwegs – alte bekannte; er vernichtet alte Spuren und begleicht auf Mafia Art alte Rechnungen (Mime, Erda, Waldvogel). Doch wie alle Edlen dieser Welt macht er sich selten die Hände selbst schmutzig, dafür hat er seine psychopathischen Schergen Donner und Froh, mangels Erdas Apfelvitaminen nun zu Schlächtern degeneriert. Unfrohe Kerle – Alptraummörder! Lars Creuzburg & Steffen Bärtl sinnieren eine Düsternis und suggerieren ein Bedrohungspotential von einmalig beklemmenden Schrecken. Quentin Tarantino hätte seine Freude an ihnen.

Die „Götterdämmerung“ zeigt nun folgerichtig das miese Erbe, welches hier den Kindern übereignet wird. Die Welt ist kaputt, Helden und Götter degeneriert – Täuschung, Betrug, Mord und Totschlag beherrschen die Erde bzw. das, was übrig geblieben ist. Hier zitiert Schulz ausgiebig den Weltuntergangstreifen „Mad Max“ mit seinen kaputten Gestalten, und beantwortet ganz nebenbei noch die ungestellte Frage, was aus den Kindern wird, die solche Eltern haben. Hören diese am Anfang noch wie in einer Märchenstunde der Geschichte der drei Nornen friedlich und konzentriert zu, massakrieren sie dann im folgenden Akt schon Grane grauenvoll und werden später sich mit Siegfrieds Blut das Gesicht bemalen. Eine beklemmende Zukunftsvision! Das letzte Herrschergeschlecht, in Gestalt von Gunter & Gutrune, ist durch Inzucht debil verkindlicht. Ein Generalissimus namens Hagen hat das Sagen und die eigentliche Macht. Viel ist nicht geblieben.

Schulz enttäuscht traditionelle Wagnerklischees, aber nicht so einfallslos und simpel, wie beim so hochgepriesenen Stuttgarter Wagner-Hasser-Ring. Nein, indem er den Text und die Personage ernst nimmt, skelettiert er die Geschichte von unnötigem Brimborium, reduziert falsche epische Breite, und verzichtet auf jeglichen Bühnen-Mummenschanz – übrig bleibt eine Familien-Saga von brennender Spannung, psychopathischer Substanz, beißender Ironie und menschlicher Seelen-Abgründe. Hagens Mannen sind ein derartiger Haufen kaputter Figuren, wie man sie selten auf der Bühne sah; ein wahres Scheckensregiment. Doch ähnlich, wie bei Dew (wo im Finale zum Erlösungsmotiv aus dem Atomdunst der verbrannten Erde sich schließlich doch noch ein kleiner grüner Schößling im letzten Sonnenstrahl nach oben reckt) gibt es auch bei Schulz noch eine marginale Hoffnung vor dem kollektiven Selbstmord. Sie müssen sich also auf dem Nachhauseweg nicht notwendiger Weise erschießen oder zuhause zum Alkoholiker werden…

Die mieseste aller Welten öffnet sich, und es ergießt sich ein reinigender Schnürlregen - oder sind es die Reste des Rheines - über die bisher nur stets gequälten und geschundenen Frauen, jene letzten überlebenden Menschen, die ihre Hände hoffnungsvoll dem erlösenden Licht und Wasser entgegenstrecken. Welch eine Hommage an die Frau! Doch Achtung, das Böse lebt noch: Hagen und Alberich sitzen deprimiert an den Bühnen-Portalen, und im Hintergrund gibt es ja auch irgendwo noch den „advocatus diaboli“ Wotan. Man wird sich von dieser Schlappe erholen.

Schulz hat das „ewige Werk“ auf eine Art „vollendet“, die sich einbrennt. Bilder, die bleiben, aus dem Gruselkabinett unseres Lebens. Dabei beantwortete der Regisseur höchst fantasiereich auch Fragen, die bisher keiner stellte, und kittet Brüche, an die wir uns scheinbar gewöhnt haben. Ein unwiderlegbarer Beweis, daß Wagners 16 Stunden-Epos (egal, wie man zum Komponisten Wagner als Mensch steht) das größte Musiktheaterwerk aller Zeiten ist und bleibt.

Fazit: Lange Jahre hat mich eine Opernproduktion nicht so bewegt wie diese! Schön, daß sie nun in ewige Form gepreßt für die Unendlichkeit und für den mitdenkenden Wagnerfan, der seines Meisters Spruch „Schafft Neues, Kinder“ ernst nimmt, als Zeitdokument vorliegt. Bravissimo! Dafür gehen wir in die Oper, dafür lieben wir sie, und ist sie zu einem nicht unwesentlichen Teil unseres Lebens geworden.

Peter Bilsing / 21.7.2009

 

 

Oft kopiert – nie erreicht

DER RING DES NIBELUNGEN

 

 DG bringt den Bayreuther „Jahrhundert-RING“ von Patrice Chereau & Pierre Boulez auf DVD zeitgemäß aufgearbeitet in neuer Blüte

„Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ (Victor Hugo)

Seit Mitte 2005 gibt es nun den legendären Chereau-Ring wieder, neu aufgelegt und digital überarbeitet (5.1.DTS), im optisch ansprechend aufgemachten Schuber mit 8 DVDs incl. 1 bisher nicht auf DVD erschienenen 56-minütigen „Making of“. Ein Muss für jeden Wagner-Fan - ein echtes Juwel, wie ich finde. Im Gegensatz zur alten Philips-Edition, die immerhin noch gut 250 Euro kostete, nun zum sehr günstigen Preis von knapp 100 Euro; außerdem liegt jetzt die hochinteressante DVD „The Making of the Ring“ dabei, die prachtvolle Hintergrundinfos und Zeitdokumente liefert. Ein umfassendes Booklet wäre wohl bei dem Preis zuviel verlangt gewesen. Zwar darf man von einer über 25 Jahre alten Live-Aufnahme keine Wunder erwarten, doch was mit dem neuen Verfahren „AMSI II“ (= Ambient Surround Imaging) hier ins DTS-Format gesetzt wurde ist geradezu bahnbrechend. Diese neue ausgesprochen schonende Sound-Bearbeitungsmethode der EMIL BERLINER STUDIOS erlaubt die Konversion stereophoner Audiosignale in einen bemerkenswerten „5.1. Surround Sound“. Das Ergebnis ist so verblüffend, dass – eine entsprechend gute 5-Kanal-Anlage vorausgesetzt - sich der Zuschauer praktisch in die erste Reihe des Festspielhauses versetzt fühlt.

Musik und Gesang blühen neu auf. Überhaupt kein Vergleich mehr mit dem platten, rein stereophonen Klangbild alter Tage. Wagner wird hier wirklich dreidimensional hörbar, ohne dass man glaubt – wie bei manchen ganz neuen Aufnahmen – völlig unnatürlich mitten im Orchester zu sitzen. Hier wurde mit großer Liebe und Engagement nahe am natürlichen Klangfeld gearbeitet. Das Ergebnis kann sich nicht nur hören lassen, sondern ist unerhört. Im Zeitalter des Breitbildfernsehens (die DVDs sind trotz angegebenen 4:3 Formats voll kompatibel auf 16:9 abspielbar codiert) und der fortgeschrittenen Beamer-Technologie ist auch das optische Ergebnis jetzt hervorragend; kein Vergleich mehr mit der doch recht düsteren Kinofassung, die vor Jahren mal die Runde in den Programmkinos machte.
Bei gutem Hardware-Equipment sitzt der Opernfreund geradezu beängstigend weit vorne. Durch die phänomenale Bildregie von Brian Large entstehen schon beinahe voyeuristische Perspektiven. Die beispielhaft bearbeiteten Bild- und Szenenübergänge in Zeitlupe beeindrucken mehr denn je, denn sie geben szenische Impressionen frei, die man auf dem Theater live im Festspielhaus so nie wahrgenommen hat, nicht wahrnehmen konnte.

Szenen wie jene beispielsweise (Finale 3.Akt, Walküre), wo die Kamera aus der Totale langsam und genau passend zur Musik auf den brennend vernebelten Brünhildenfelsen fährt und dann langsam Wotans schmerzverzehrtes Gesicht durch den Rauch sichtbar macht , bleiben genauso unvergesslich, wie das Götterdämmerungsfinale, wo die Kamera sich zum finalen Erlösungsthema dezent, fast fragend, wie die alleingelassenen Menschen, von der Bühne zurückzieht.
Und es sind die großen Künstler/Sängerdarsteller dieser Produktion, die es erlauben und aushalten, dass der Kameramann auch mal voll draufzoomen kann, fast auf Schweißperlen- bzw. Augenwimpernnähe. Large erkennt solche Momente und geht optisch bis zu einer fast schmerzlichen visualisierten Traumatisierung mancher Szenen. Das sind schon oscarreife Gipfel künstlerischer Darstellungskunst.

Brian Large erhöht und verstärkt damit den künstlerischen Wert dieser maßstabsetzenden Regiearbeit von Patrice Chereau auf einen Level, der den Begriff „Jahrhundertwerk“ in jeder Phase seiner Realisation neu erlebbar macht. Angesichts dieser gewaltigen Bildästhetik stockt gelegentlich der Atem und der Begriff der „Werktreue“ bekommt einen tieferen menschlichen Bezugspunkt – hier spricht das Herz, oder es schweigt.Das schreibt jemand, der die Uraufführung anno 1976 in Bayreuth noch (als holdes Mitzwanziger-Bürschlein und unkritischer Wagner-Fanatiker) mit Buhs und Pfiffen begleitete und der mittlerweile – geläutert und deprimiert durch die unseligen Erfahrungen unzähliger Ringe im letzten Vierteljahrhundert – diese Fehleinschätzung spätjugendlicher Unerfahrenheit nun doch arg bereut.

Es wäre schade, wenn dieser einmalige RING nur auf dem (sicher diskutablen!) Niveau des rein Sängerisch-musikalischen abgehandelt werden würde. Aber hatten die Klangfeuerwerk-Studio-Produktionen von Solti/Karajan nicht auch ihre Macken? Was bleibt, ist immer der Gesamteindruck des Gesamtkunstwerkes. Was dem einen sein Hotter, war dem anderen sein Vickers; und natürlich gab und gibt es bessere Siegmunds als Peter Hofman, aber nie mehr einen darstellerisch so überzeugend echten menschlichen Helden, der in seiner Liebe, wie seiner Tragik, unzählige Opernfreunde zu Tränen gerührt hat. War es nicht genau das, Wagner wollte; wahre Liebe zeigen?

Wer diesen Jahrhundert-Ring nun auf DVD noch mal durchleben darf, dem wird auch immer wieder die Ernsthaftigkeit und Seriosität dieser ungeheuren Regiearbeit vor Augen geführt und die Stringenz eines Konzeptes, dass 16 Stunden die Spannung hält und fesselt; wobei noch mal festzuhalten ist (man hört jetzt wirklich mehr!), dass die Balance von darstellerischer Leistung und gutem Gesang doch zu 100 Prozent stimmig ist. Von welchem RING kann man das guten Gewissens sonst sagen?

Wer also empört oder nur gelangweilt (pars pro toto!) z.B. vom Aldener „Ideen-Supermarkt“ (Münchner), dem Stuttgarter „Wagnerhasser-Küchen-Ring“, dem Schenkschen New Yorker Blümchen-Wald, den künstlerischen Ego-Devotionalien einer Mielitzchen Agit-Prop-Version (Meiningen/Dortmund) ist, und wer keine „Kletterdämmerung“ (Lehnhoff) mehr sehen kann, sich am „Time-Tunnel“ Konzept von Friedrich (Berlin) nicht erbaute bzw. Wagner-Müllhalden à la Köln hasst, der muß sich diesen RING noch einmal in Ruhe zu Gemüte führen. Er ist wie ein alter exzellenter Rotwein, der von Jahr zu Jahr besser wird.

Peter Bilsing

 

 

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