DER BARBIER VON SEVILLA
- 17.5. 2008
Zickenalarm beim Schönheitschirurgen.
Die
gelangweilte Damenwelt der Schickeria trifft sich gern in der gestylten
Praxis von Schönheitschirurg Dr. Bartolo (ausgestattet von Herbert
Janse, die Coiture stammt aus der Feder von Arien de Vries),
schließlich gibt es Hochglanzlektüre zuhauf, das Gerangel um die ersten
Plätze kann da nicht ausbleiben. Kein anderer begradigt die Näschen wie
dieser joviale Bonvivant - denn die Klientel weiß ja nicht wie's
dahinter aussieht. Während man sich nett plaudernd um die Patientinnen
kümmert, hält man sein Mündel und vermeintliche Gattin in spe an der
kurzen Leine. Denn Rosinas einziges Makel ist ihre Schönheit, hier gibt
es nichts mehr zu begradigen, allenfalls die krummen Wege, wie sie
letztendlich doch den Mann ihrer Träume ergattern kann, das Popidol
Conte Almaviva. Kuppler und Vermittler ist Starcoiffeur "Figaro", der
sein Geschäft in den flinken Knickhändchen seiner vier rosa Jungs best
aufgehoben weiß, also kann man sich um Klatsch und Tratsch kümmern. Daß
es dazwischen zu einigen Verwicklungen kommt und sich Tränchen in
Gewitterbächen Bahn brechen, bleibt da nicht aus. Jetske Mijnssen hat
für die Opera Zuid die alte Komödie von Rossini nach Beaumarchais
gewaltig gegen den Strich gebürstet und der Erfolgsoper bekommt diese
Frischzellenkur ausgezeichnet. Gespickt mit frechen aberwitzigen Gags,
die auch schon mal circensische Ausmaße erreichen (beim Atemstockenden
Stunt Bartolos auf der Ablage seines Empfangstresens) zündet die junge
Regisseurin ein nie enden wollendes Feuerwerk - neben den immer
frischen spritzigen Melodien Rossinis scheint es, als hätte man das
Werk durch den komödiantischen Fleischwolf eines Dario Fo gedreht.
Absoluter Höhepunkt ist die Gewittermusik: Wie herrlich auch die
Schirmballette älterer Inszenierungen anzusehen waren, aber die Musik
als Grundlage der Gefühlskrise Rosinas zu nehmen, die ihren
(Liebes)kummer im Cognac Bartolos zu ertränken versucht, dann einen
Schwips bekommt, der sie noch größere Trübsal blasen läßt, ist so
urkomisch gezeichnet, daß man aus dem Lachen nicht mehr herauskommt.
Für die Umsetzung einer solchen auf Schnelligkeit und Spritzigkeit
ausgerichteten Regieansatzes bedarf es ein Ensemble der extraklasse und
die Opera Zuid verfügt darüber.
Helen
Lepalaan, die schon in der vergangenen Produktion von Massenets
Cendrillon (wir berichteten) als müde schmachtender Prince Charmant ihr
komödiasntisches Talent unter Beweis stellte, zieht nun als Rosina alle
Register ihrer Kunst. Dabei singt sie die kokette, mit allen Wassern
gewaschene Rosina, im perfkt stilsicheren Belcantostil ihres makellosen
warmtimbrierten Mezzos, der sie schon jetzt als eine der besten
Vertreterinnen dieses Fachs auszeichnet. Neben ihr triumphiert Piotr
Micinski als umwerfend komischer Bartolo: Wie er den Tick mit seiner
(nicht mehr vorhandenen) Haartolle als Running Gag förmlich auskostet,
dabei den hilflos hintergründigen Spießbürger herauskehrt gehört zum
köstlichsten dieses Abends. Seine große Arie weitet er nicht nur zu
einer Charakterstudie eines von stolzer Eitelkeit Berstenden aus, sein
(schon erwähnter) Stunt wäre filmreif - nein, er singt auch noch
atemberaubend. In solch einer quirligen Geläufigkeit habe ich die
Baßkoloraturkaskaden in letzter Zeit selten gehört, darüberhinaus
gelingt ihm in der Gesangsstunde nouch ein Coup der Extraklasse: Die
Einlagearie intoniert er in Gestik und Mimik eines Helmut Lotti aber so
gewollt falsch, daß es einem die Tränen in die Augen treibt, dabei
verzieht Piotr Micinski wie der große Buster Keaton keine Miene -
grandios!
Raphael
Pauß empfiehlt sich als Conte Almaviva in der Maske eines Popstars als
ein Tenore di grazia der Extraklasse, der als Don Alonso mit Micinski
mithalten kann, wenn er den vermeintlichen Musiklehrer als eine
köstliche Parodie einer alternden Balett-Tucke zeichnet, die nicht mehr
so ganz über die ehemalige Gelenkigkeit seines Beinapparates verfügt.
Wie er den zum Quietschen komischen Schwuchtelton trifft, um in der
gleichen Phrase mit Rosina im normalen Ton weiterzusingen gebührt
ebenfalls größtes Lob. Willem de Vries hat es da als soignierter Figaro
schon schwerer, aber letztendlich gefällt auch sein edler
Kavaliersbariton. Blaß und leider auch von der Regie verschenkt, der
Baß-Schlager schlechthin: "La Calunnia", da vermochten weder Henk van
Heijnsbergen noch die Regie Funken zu schlagen, schade. Köstlich und
zur stummen Hauptrolle aufgewertet, die blasierte, leicht pampig
punkige Berta von Machteld Vennevertloo, die immer zur Unzeit mit ihrem
Staubsauger dazwischenfunkt. Marcel van Dieren rundet als Fiorillo und
nichts begreifender, dümmlich drein-
blickender
Ufficiale das Ensemble ab. Het Zuidelijk Teaterkoor (Einstudierung:
Tjalling Wijnstra) hatte ebensolchen Spaß an der Sache, wie das von
Fabrice Bollon umsichtig geleitete Brabants Orkest. Bollon ließ es
nicht an Verve fehlen aber ein bißchen mehr Brio hätte dem Ganzen noch
das I-Tüpfelchen aufgesetzt. Bis
zum 8. Juli zieht die Opera Zuid noch durch die Theater der
Niederlande. Wer sich einen beschwingt vergnügten Opernabend gönnen
möchte, sollte zu einem der Termine anreisen - ein Klick, der sich
lohnt: http://www.operazuid.nl
Auch in der nächsten Spielzeit hält die opera Zuid wieder drei
Schmankerl parat: Gaetano Donizetti: La fille du regiment (ab
14.11.2008) Nikolai Rimsky-Korssakoff: Zar Saltan (in niederländisch)
(ab 6.3.2009) Giuseppe Verdi: Falstaff (ab 17. 5
2009)
Dirk Altenaer