DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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DER BARBIER VON SEVILLA

- 17.5. 2008

  Zickenalarm beim Schönheitschirurgen.

Die gelangweilte Damenwelt der Schickeria trifft sich gern in der gestylten Praxis von Schönheitschirurg Dr. Bartolo (ausgestattet von Herbert Janse, die Coiture stammt aus der Feder von Arien de Vries), schließlich gibt es Hochglanzlektüre zuhauf, das Gerangel um die ersten Plätze kann da nicht ausbleiben. Kein anderer begradigt die Näschen wie dieser joviale Bonvivant - denn die Klientel weiß ja nicht wie's dahinter aussieht. Während man sich nett plaudernd um die Patientinnen kümmert, hält man sein Mündel und vermeintliche Gattin in spe an der kurzen Leine. Denn Rosinas einziges Makel ist ihre Schönheit, hier gibt es nichts mehr zu begradigen, allenfalls die krummen Wege, wie sie letztendlich doch den Mann ihrer Träume ergattern kann, das Popidol Conte Almaviva. Kuppler und Vermittler ist Starcoiffeur "Figaro", der sein Geschäft in den flinken Knickhändchen seiner vier rosa Jungs best aufgehoben weiß, also kann man sich um Klatsch und Tratsch kümmern. Daß es dazwischen zu einigen Verwicklungen kommt und sich Tränchen in Gewitterbächen Bahn brechen, bleibt da nicht aus. Jetske Mijnssen hat für die Opera Zuid die alte Komödie von Rossini nach Beaumarchais gewaltig gegen den Strich gebürstet und der Erfolgsoper bekommt diese Frischzellenkur ausgezeichnet. Gespickt mit frechen aberwitzigen Gags, die auch schon mal circensische Ausmaße erreichen (beim Atemstockenden Stunt Bartolos auf der Ablage seines Empfangstresens) zündet die junge Regisseurin ein nie enden wollendes Feuerwerk - neben den immer frischen spritzigen Melodien Rossinis scheint es, als hätte man das Werk durch den komödiantischen Fleischwolf eines Dario Fo gedreht. Absoluter Höhepunkt ist die Gewittermusik: Wie herrlich auch die Schirmballette älterer Inszenierungen anzusehen waren, aber die Musik als Grundlage der Gefühlskrise Rosinas zu nehmen, die ihren (Liebes)kummer im Cognac Bartolos zu ertränken versucht, dann einen Schwips bekommt, der sie noch größere Trübsal blasen läßt, ist so urkomisch gezeichnet, daß man aus dem Lachen nicht mehr herauskommt. Für die Umsetzung einer solchen auf Schnelligkeit und Spritzigkeit ausgerichteten Regieansatzes bedarf es ein Ensemble der extraklasse und die Opera Zuid verfügt darüber.

Helen Lepalaan, die schon in der vergangenen Produktion von Massenets Cendrillon (wir berichteten) als müde schmachtender Prince Charmant ihr komödiasntisches Talent unter Beweis stellte, zieht nun als Rosina alle Register ihrer Kunst. Dabei singt sie die kokette, mit allen Wassern gewaschene Rosina, im perfkt stilsicheren Belcantostil ihres makellosen warmtimbrierten Mezzos, der sie schon jetzt als eine der besten Vertreterinnen dieses Fachs auszeichnet. Neben ihr triumphiert Piotr Micinski als umwerfend komischer Bartolo: Wie er den Tick mit seiner (nicht mehr vorhandenen) Haartolle als Running Gag förmlich auskostet, dabei den hilflos hintergründigen Spießbürger herauskehrt gehört zum köstlichsten dieses Abends. Seine große Arie weitet er nicht nur zu einer Charakterstudie eines von stolzer Eitelkeit Berstenden aus, sein (schon erwähnter) Stunt wäre filmreif - nein, er singt auch noch atemberaubend. In solch einer quirligen Geläufigkeit habe ich die Baßkoloraturkaskaden in letzter Zeit selten gehört, darüberhinaus gelingt ihm in der Gesangsstunde nouch ein Coup der Extraklasse: Die Einlagearie intoniert er in Gestik und Mimik eines Helmut Lotti aber so gewollt falsch, daß es einem die Tränen in die Augen treibt, dabei verzieht Piotr Micinski wie der große Buster Keaton keine Miene - grandios!

Raphael Pauß empfiehlt sich als Conte Almaviva in der Maske eines Popstars als ein Tenore di grazia der Extraklasse, der als Don Alonso mit Micinski mithalten kann, wenn er den vermeintlichen Musiklehrer als eine köstliche Parodie einer alternden Balett-Tucke zeichnet, die nicht mehr so ganz über die ehemalige Gelenkigkeit seines Beinapparates verfügt. Wie er den zum Quietschen komischen Schwuchtelton trifft, um in der gleichen Phrase mit Rosina im normalen Ton weiterzusingen gebührt ebenfalls größtes Lob. Willem de Vries hat es da als soignierter Figaro schon schwerer, aber letztendlich gefällt auch sein edler Kavaliersbariton. Blaß und leider auch von der Regie verschenkt, der Baß-Schlager schlechthin: "La Calunnia", da vermochten weder Henk van Heijnsbergen noch die Regie Funken zu schlagen, schade. Köstlich und zur stummen Hauptrolle aufgewertet, die blasierte, leicht pampig punkige Berta von Machteld Vennevertloo, die immer zur Unzeit mit ihrem Staubsauger dazwischenfunkt. Marcel van Dieren rundet als Fiorillo und nichts begreifender, dümmlich drein-

blickender Ufficiale das Ensemble ab. Het Zuidelijk Teaterkoor (Einstudierung: Tjalling Wijnstra) hatte ebensolchen Spaß an der Sache, wie das von Fabrice Bollon umsichtig geleitete Brabants Orkest. Bollon ließ es nicht an Verve fehlen aber ein bißchen mehr Brio hätte dem Ganzen noch das I-Tüpfelchen aufgesetzt. Bis zum 8. Juli zieht die Opera Zuid noch durch die Theater der Niederlande. Wer sich einen beschwingt vergnügten Opernabend gönnen möchte, sollte zu einem der Termine anreisen - ein Klick, der sich lohnt: http://www.operazuid.nl Auch in der nächsten Spielzeit hält die opera Zuid wieder drei Schmankerl parat: Gaetano Donizetti: La fille du regiment (ab 14.11.2008) Nikolai Rimsky-Korssakoff: Zar Saltan (in niederländisch) (ab 6.3.2009) Giuseppe Verdi: Falstaff (ab 17. 5 2009)
                                  
Dirk Altenaer

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com