Der leuchtende Fluss (UA)
31.10.2010
Fast scheint sie sich dafür zu entschuldigen, dass sie eine tonale Oper
komponiert hat. In der Pressekonferenz erklärt Johanna Doderer, dass für sie
die Tonalität mit Mahler kein Ende gefunden hat, sondern dass diese Art der
Musik nur weiterentwickelt werden muss. Ihre Oper „Der leuchtende Fluss“ ist
dann der Beweis für diese erfolgreiche Weiterentwicklung.
Nach Ausflügen in den Minimalismus, die East meets West Kompositionen und die
Atonalität zeigt Guy Montavon nun mit der 11. Uraufführung in seiner Amtszeit
eine Oper, die durchaus das Potenzial hat, auch den „normalen“ Operngänger zu
begeistern. Über die Geschichte von Ira Hayes, dessen Schicksal in jüngster
Zeit durch Clint Eastwoods Film „ Flags of our fathers“ in Erinnerung bleibt,
legt sie eine motivreiche, klug instrumentierte, aber auch singbare, Partitur,
deren Melodien sich im Kopf festsetzen.
Zusammen mit der Ausstattung von Peter Sykora schafft Guy Montavon eine Welt
voller Gegensätze. Einerseits die, auch in Kriegszeiten abgesicherte Welt der
Weißen, der gehobenen Militärs, andererseits das soziale Elend der Indianer,
deren Lebensgrundlage, das Wasser, von Neuansiedlern abgegraben wurde, und die
jetzt zum gesellschaftlichen Abschaum gehören. Alkohol- und Drogenprobleme
liegen an der Tagesordnung. Die einzige Möglichkeit dem Elend zu entfliehen
besteht für die wehrfähigen Männer beim Militär. So meldet sich auch Ira nach
anfänglichem Zögern und gegen den Willen seiner Geliebten May zur Armee.
Zusammen mit Taylor, dem Bruder von May, erlebt er die Schrecken um die
Schlacht von Iwo Jima. Captain Smith, Propagandaoffizierin und Geliebte von
General Curtis, sucht nach einem Helden um die schwindende Kriegsmoral in der
Bevölkerung zu heben. Ein patriotisches Foto wird Abhilfe schaffen. Hayes hilft
auf dem Gipfel des Suribachi die amerikanische Flagge zu hissen und wird dabei
Fotografiert. Das Bild erscheint auf allen Pressetiteln und entfacht
Begeisterung. Hayes selbst wird von der Truppe abgezogen und nach Washington
beordert. Smith erhält den Auftrag ihn für Propagandazwecke zu schulen und zu
überwachen. Trotz Iras qualvollen Erinnerungen an den Kampf und die toten
Kameraden, wird er als „Held von Iwo Jima“ präsentiert und auf Werbetour für
Kriegsanleihen geschickt. Die Versuche Mays Kontakt mit ihm aufzunehmen werden
von Militär unterbunden, man macht ihn glauben, May sei gestorben. Voller
Verzweiflung versuchen May und Taylor Ira in einer Kaserne zu besuchen. Beim
unerlaubten eindringen werden Taylor, aber auch Ira, erschossen. Durch das
Heldenhafte Verhalten Iras bekommt sein Stamm wieder Selbstvertrauen, der Fluss
wird wieder leuchten.
Peter Sykora schafft mit seinem Bühnenbild eine beklemmende Landschaft, auf den
Stelen sind Auszüge aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung
gebetsmühlenartig geschrieben, die unter Betrachtung des Schicksals der
Indianer als pure Ironie erscheinen. Dieser helle weiße Raum steht in Kontrast
zu der Enge und der Verkommenheit des Reservats. Aber dieser Raum verändert sich,
aus der strahlenden Sicherheit wird durch Stefan Winklers Beleuchtung auch
beklemmende Kriegsschauplätze und Iras Phantasmen.
Guy Montavon führt sein Personal distanziert, ergreift keine besonderen
Sympathien auf der einen Seite, andererseits verurteilt er auch niemanden in
Bausch und Bogen. Die schlichte Spiegelung der sozialen Verhältnisse in den
40er Jahren gibt dem Zuschauer genügend Gelegenheiten sich seine Meinung selbst
zu bilden
Mit Walter E. Gugenbauer am Pult des Philharmonischen Orchesters Erfurt gelingt
ein rundum gelungener Opernabend. Mit John Bellemer steht dem Theater Erfurt
ein Tenor zur Verfügung, dessen Stimme sowohl lyrische als auch heldenhafte
Töne hat. Seine Entwicklung vom einfachen Soldaten, über den Kriegshelden, hin
zum Alkoholkranken, ist schlicht weg berückend. Marisca Mulder als May steht
ihm darin nichts nach. Peter Schöne als General Smith verschleiert mit
strahlendem Bariton die üblen Machenschaften des Militärs. Stéphanie Müther leiht
Captain Smith wunderbar variablen Mezzo. Neben mütterlich- verständnisvollen
Klängen schafft sie auch die keifende Furie ebenso glaubhaft erklingen zu
lassen, wie das karrieregeile Betthäschen General Curtis. Unter den
hervorragend besetzten Nebenrollen seinen besonders erwähnt Florian Götz, der
dem Taylor Stimme und Figur gibt. Dario Süß verleiht dem Mann im Sack tragische
(Bass)Tiefe. Einen kurzen, aber umso intensiveren Auftritt hat Marwan Shamiyeh
als Verwundeter. Selten wurde das Leiden eines zum Tode Verletzten sängerisch
und darstellerisch so anrührend dargestellt.
Die Uraufführung in Erfurt war ein voller Erfolg, begeisterter Applaus belohnte
alle Mitwirkenden.
Alexander Hauer
IM WEISSEN RÖSSELIm November 1930, kurz bevor der braune Terror den Spaß auf
deutschen Bühnen gleichschaltete, erblickte ein seltsames Ding das
Scheinwerferlicht der Bühnenwelt. Das Weiße Rössel, gelegen am romantische
Wolfgangsee wurde zum Handlungsort für, ja, für was eigentlich?
Offiziell als Singspiel deklariert, traf es den so beliebten
Opernton recht wenig, für ein Schauspiel mit Musik zuviel „Musikalisches“, eine
Operette, nein, nicht wirklich, Berliner Posse, das kommt dann schon eher hin,
aber eigentlich ist es ein Musical, auch wenn es die Bezeichnung für ein
deutsches Stück damals noch gar nicht gab.
Das Originalmaterial der Uraufführung ging in den
Kriegswirren verloren, es fand sich kürzlich in Zagreb wieder auf, und so
geisterte das weiße Rössl als
kunterbunte Wiederaufbauoperette durch das Nachkriegsdeutschland, bis es auf
einmal eine wirklich interessante Neuerung gab. In einem Spiegelzelt in Berlin
spielte man eine stark verkürzte Fassung für sehr, sehr kleines Orchester. Und
in dieser Fassung eroberte dann das weiße Rössel das jüngere und das junge
Publikum. Straff auf Spielfilmlänge gestutzt wurde aus der verstaubten 50er
Jahre Klamotte lebendiges, witziges Musiktheater. Das Theater Erfurt brachte
nun diese Fassung auf die Bretter seines Studios.
Norman Heinrich (Ausstattung) und Aldora Farrugia (Regie)
bauten eine Bretterwand mit vielen Spielmöglichkeiten und belebte sie mit einem
vorzüglichen Ensemble. Dabei verzichten fast auf jedes österreichische Kolorit,
auch die Rollen werden gründlich durcheinander gewirbelt, die
Grundkonstellationen aber bleiben. Aldora Farrugia versucht auch nicht
österreichisch-deutsche Vorurteile aufzuräumen, nein im Grunde vertieft sie
sie. Der Spiegel, den sie den beiden Nationen vorhält, hier das gestrige
Kaiserreich, da das hektische Berlin aus den Piefkei, wirkt erschreckend. Eine
Ironie, die fast schon schmerzt.
Aber wer sind diese Typen, die die auf die Bühne bringt.
Herausgelöst aus der Zeit, eigentlich spielt das Rössl vor dem ersten
Weltkrieg, werden sie zu, immer noch, modernen Menschen, angeführt von Josepha
Vogelhuber. Stéphanie Müther gibt dieses dominante Prachtweib mehr als
überzeugend. Dann, als RA Otto Siedler, Richard Carlucci. Er gibt diesen
Frauen- und Sportbesessenen mit angenehmem Tenor und charmanten texanischen
Akzent. Fernando Blumenthal ist ein lauter, immer unzufriedener Berliner, der
gerne Äpfel mit Birnen, sprich Wolfgangsee mit Ahlbeck und Grunewald
vergleicht. Sein Töchterlein Ottilie, von Anna Buschbeck nicht als charmantes Großstadtkind,
sondern als kritiklos geile Schlampe, die sich jedem Kerl sofort zur Verfügung
stellt, gegeben, überzeugt stimmlich wie spielerisch. Da sind die beiden
Kellner, Jörg Ratmann als verliebter Depp Leopold und sein Piccolo Gregor
Nöllen, wenn es den Begriff „Schmierlappen“ nicht schon gäbe, die Beiden
könnten ihn sich patentiere lassen. Großspurig und arrogant, kombiniert mit
berechnender Faulheit, jeder noch so miese Kellnerwitz trifft auf die Zwei zu.
Aber es sind auch durchaus nette Gestalten auf der Bühne. Tobias Schäfer und
Christa Dalby sind das Buffopaar Sigismund und Klärchen. Er der Schnöselsohn
aus Thüringen, sie das arme, aber süße Girlie. Reinhard Friedrich gewinnt als
Prof. Dr. Hinzelmann spätestens beim „Erst wenn’s aus wird sein, mit einer
Musi“ alle Herzen. Ach ja, auch die kleinsten Rollen sind hervorragend besetzt.
Ina Mecke als rattenscharfes Stubenmadl, Elisabeth Veith als hochschwangere
Präsidentin des Jungfrauenvereins Kathi Weghalter und Dario Süß als Kaiser. Mit
unendlicher Basstiefe und dem Daherkommen als gealterter Buffalo Bill fügt er
die Liebenden zusammen. Johannes Pell hält die Zügel straff in der Hand. Seine
Combo schwelgt im Rausch der frischen Alpenluft, schafft Stimmung bei den
vielen zeitgenössischen Rhythmen genau so wie bei Ländler und dem Wiener Lied.
Nach knapp zwei Stunden war der pausenlose Alpenspaß viel zu
früh vorbei. Beschwingt verließ man das sommerliche St.Wolfgang in den kalten
Januar in Thüringen
Alexander Hauer
Bilder von Lutz Edelhoff
AGRIPPINA
Sie stammt aus Köln, machte in Rom Karriere und starb durch
die Hand ihres Sohnes. Dass das dramma per musica in tre atti dann doch zu
einer Buffooper geriet, lag unter anderen am genialen Libretto von Vicenzo
Grimani. Im Dienste Josef I. stehend schuf er mit der Agrippina eine Satire auf
den päpstlichen Hof Clemens IX. Der Protestant Händel schuf im Auftrag des
Kardinals Grimani die Agrippina für die Weihnachtspremiere 1709 am Teatro di S.
Giovanni Grisotomo in Venedig. Eine Handlung die im intriganten alten Rom
spielt, im intriganten Barock geschrieben wurde, was liegt da näher als sie in
die ebenso intrigante Zeit des Wiener Kongresses anzusiedeln. Michael Hampe
produzierte wieder mal seine Agrippina. Hank Irvin Kittel gestaltete seine Ausstattung
klassizistisch, wie die Vorgabe von Mauro Pagano es verlangte. Hampe drillte
seine Sänger auf barocken Gestus und lieferte Perfektion bis in die
Fingerspitzen. In den bewährten Händen von Samuel Bächli lag die musikalische
Leitung. Das Philharmonische Orchester Erfurt ertönte im Händelschem Wohlklang,
die Sänger, trotz Erkrankungen, auf gewohnt hohem Niveau. Mireille Lebel
überzeigte als Ottone, ihre Kollegin Julia Neumann spielte eine sinnliche
Poppea. Ihre Arien wurden krankheitsbedingt von Rebekah Rota vom Theater
Neubrandenburg aus dem Graben gesungen, während sie selbst die Rezitative sang.
Máté Sólyan-Nagy verlieh dem Diener Lesbus Charakter und baritonalen Wohlklang.
Florian Götz und Marvan Shamiyeh verliehen den beiden Höflingen Pallas und Narziss
komische Züge, aber auch hinterhältige Gerissenheit. Albert Pesendorf gab einen
basssicheren Claudius. Er spielte den alternden Stelzbock, dessen Johannistrieb
die Führung übernommen hatte. Peter Schöne, schon als Orfeo sensationell, sang
den jugendlichen Nero, dessen spätere Dämonie schon zu spüren war. „Dat kölsche
Mädschen“ gab Marisca Mulder. Was lässt sich da noch sagen außer stupend.
Hampe nimmt Text und
Musik ernst, produziert eine leichtfüßige Oper. Seine Figuren sind perfekt
inszeniert, geraten nie ins Lächerliche und bleiben immer Menschlich. Besonders
der Kampf zwischen den beiden intriganten Weibsbildern Agrippina und Poppea und
die Darstellung des Dieners Lesbus gelingen ihm aufs Beste.
Die Oper Erfurt brachte Agrippina in einer deutschen
Übersetzung von Berthold Warnecke und Samuel Bächli. Der Dramaturg und der
Dirigent schufen so eine sprachliche moderne Fassung, die sich der Musik
anpasste. Das gesamte Ensemble sang so präzise und deutlich, dass sich die
Frage nach Übertitel erübrigte. Nach knapp drei Stunden endete der Abend unter
tosendem Applaus. Nach dem Monteverdi Orfeo stellte Agrippina nun hoffentlich
die Weichen für weitere barocke Hochgenüsse in Thüringen.
Alexander Hauer
DAS WEISENKIND
East meets West
Der Stoff ist mehr als zweieinhalb tausend Jahre alt und
wurde schon mehrfach bearbeitet. Die bekannteste ist die von Metatasio „L’eroe
cinese“, erstmals vertont von Giuseppe Bonna für Wien 1752. Drei Jahre später schrieb
Voltaire sein „ L’orphelin de la Chine“ für Paris. 1781 vollendete Goethe sein
Schauspiel „Elpuar“, das die gleiche Vorlage hat.
Aber worum geht es? Dag Ngang Kagh lässt seinen Gegner
Osmingiti wegen angeblichen Verrats hinrichten. Mit ihm wird auch seine gesamte
Familie getötet, bis auf seine schwangere Frau Arfisa. Diese tötet sich aber
selbst nachdem sie ihren neugeborenen Sohn
dem Arzt der Familie ChenYing übergeben hat. ChenYing versucht das Kind
aus dem Palast zu schmuggeln wird aber von General Etan gestellt. Als er das
Kind entdeckt befiehlt er dem Arzt, das Kindgroß zu ziehen, bis es alt genug
ist um Rache zu üben. Um seine Treue zu Osminginti zu bestätige, tötet er sich
vor den Augen des entsetzten Chen Ying selbst. Als Dag Ngan Kagh erfährt, das
das Waisenkind entkommen ist, lässt er alle Säuglinge töten. Chen Ling findet
Zuflucht in den Bergen bei Alsingo, einem Osmininti ergebenen Minister im
Ruhestand. Sie beschließen Chen Lings eigens Kind als das Waisenkind auszugeben
und Alsingo bei Dag Ngan Kagh zu beschuldigen, das Waisenkind zu beherbergen.
Dag Ngan Kagh tötet zunächst das vermeintliche Waisenkind und dann Alsingo.
15 Jahre später. Der kinderlose Dag Ngan Kagh, der von Chen
Yings Loyalität überzeugt ist, hat dessen „Sohn“, das Waisenkind, als seinen
Erben adoptiert. Che Ying offenbart dem Waisenkind in dieser Situation seine
Herkunft und das Schicksal seiner Familie. Auf der Höhe seiner Macht empfängt
Dag Ngan Kagh ausländische Würdernträger. Das Waisenkind konfrontiert ihn mit
seinem Verbrechen und will ihn zunächst selbst Töten, übergibt ihn aber dann
der staatlichen Autorität. Deren Urteil: ein qualvoller Tod.
Der Harvard Absolvent Jeffrey Ching, 1965 in Manila geboren,
lebt seit seiner Lehrtätigkeit 1987 bis 1991 in London, als Komponist in
Berlin. In seiner Musik kombiniert und
konfrontiert er traditionelle wie künstlerische asiatische Musik mit spanischer
Renaissancemusik und europäischer Barockmusik.
Für seine Oper nimmt Ching Bezug auf die verschiedensten
Quellen. Sein Text, etwas 5 Prozent der Version von Ji Junxiang, wird in
Altchinesischer, italienischer, französischer, spanischer, englischer und
deutscher Sprache gesungen. Seine Musik orientiert sich an der Rhythmik
Rameaus, Purcells und Sacchinis, ebenso zitiert er öfters C. Ph. E. Bach.
Die musikalische Leistung der Erfurter Oper ist überragend.
Ein, für die meisten Operngänger sperriger Stoff, so stimmig „rüber zu
bringen“, so dass keinerlei Langeweile aufkommen kann, ist für ein Haus dieser
Größe mehr als bemerkenswert. Samuel Bächli hat seine geteilten, die
Schlagwerke stehen auf einer Brücke über der Bühne, Philharmoniker fest im
Griff. Keinerlei Dissonanzen erklangen aus dem Graben. Auf der Bühne agieren
die Sängerinnen und Sänger auf gewohnt hohem Niveau. Allen voran soll Peter
Umstadt erwähnt sein. Während Julien Feukket-Dolet die Rolle tänzerisch
interpretiert, spricht der Tenor den Chen Ying. Aber nicht nur die Rolle des
Chin Ying wird von ihm gegeben, seine Stimme und seine Stimmkunst dient auch
dazu die altchinesischen Texte quasi simultan zu übersetzen. Sebastian Pilgrim
gibt den üblen Dag Ngan Kagh, Sein seriöser Bass unterstreicht seine imposante
gebieterische Erscheinung. Der Countertenor Denis Laky, in Erfurt einbeliebter
Gast, brilliert in seiner viel zu kurzen Rolle des Osminginti. Ihm zur Seite
die bezaubernde Marisca Mulder als seine Gattin Arfisa. Der junge Bariton Matè
Sólyan-Nagy leiht sein wohlklingendes Organ General Etan. Marwan Shaminyeh gibt
dem alternden Alsingor Würde und Überzeugung. Andión Fernandez lebt das
Waisenkind. Ihr Sopran überzeugt in jeder Linie ihres Gesanges.
Jakob Peters-Messer lässt im Bühnenbild von Markus Meyer und
den Kostümen von Sven Bindseil einkunstvolles „China“ entstehen. Eine sich
perspektivisch verengende schwarze Bühne, ein paar wenige Bühnenelemente
genügen um ein Rokokochina entstehen zu lassen. Sven Bindseils Kostüme,
höfische Pracht des französischen Spätbarock und Rokoko konkurrieren mit
asiatisch anmutender Kleidung.
Jakob Peters-Messer gelingt eine stimmige Inszenierung, die
es ermöglicht der Handlung auch ohne die hilfreichen Übertitel zu folgen. Der
Premierenabend endete mit überdurchschnittlich langem Applaus. Ein begeistertes
Publikum fand sich zur Premierenfeier
ein. Bleibt zu hoffen, das sich weitere Opernhäuser finden, die dieses Werk
nachspielen und /der dass sich ein Verleger findet der dieses überragende Werk des modernen Musiktheaters auf CD oder
DVD bannt.
Alexander Hauer.
Le
Nozze di Figaro
Figaro meets
Musical
Die
Schauspielvorlage war verboten wegen revolutionären Gedankentums. Nach langer
Prüfung ging die Opernfassung dann am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater
dann doch über die Bühne. Seltsamer Weise hielt sich die wohl beste Oper aller
Zeiten nicht lange auf dem Wiener Spielplan. Erst bei einer Aufführung in Prag
konnte sie ihren Weltruhm erringen.
Nun brachte es
die Erfurter Oper am 27.September wieder einmal auf die Bühne, mit einem
doppelten Risiko: einerseits musste die Premiere gegen die Bundstagswahl
antreten, andererseits ist die Oper durch etliche CD und DVD-Aufnahmen so
bekannt, dass sie für jedes Theater ein Risiko in sich birgt, sie zu spielen.
Um es gleich
auf den Punkt zu bringen: Die Erfurter brauchen sich nicht hinter den
computerbereinigten Produkten zu verstecken. Es war ein Lifeerlebnis der
Sonderklasse.
Samuel Bächli
erschloss zusammen mit den Sängern, dem Chor unter Andreas Ketelhut und den
Philharmonischem Orchester Erfurt Mozartklänge in der Spitzenklasse.
Ilia
Papandreou
ist eine zarte lyrische Gräfin, ihr zur Seite stehen die congenialen Damen
Susanna (Julia Neumann), Mireille
Lebel( Cherubino) und Franziska Krötenheerdt als Barbarina. Stéphanie
Müther als Marcellina machte aus ihrer Arie“ Il capro e la capretta“ zusammen mit
ihrem Freund Jack Daniels aus einer Umbaupause einer musikalisch
wie szenisch köstlichen Einakter.
Auf der
Herrenseite ging es nicht minder glanzvoll zu. Peter Schöne gab einen sehr
angenehmen Grafen, Máté
Sólyom-Nagy war ein Figaro, wie man ihn selten hört, Jörg Rathmann
(Basilio), Reinhard
Becker (Don Curzio), Vazgen
Ghazaryan (Bartolo) waren zusammen mit Dario Süß als Antonio ein
stimmlich und spielerisch berückendes Männerquartett.
Doch nun zur
Inszenierung: Guy Montavon und sein Ausstatter Hank Irving Kittel gelang ein
mehrfacher Spagat. Die Bühne ein variables Labyrinth, das durch geschicktes
Umbauen immer wieder neue, transparente Räume schuf, bildete die Leinwand für
alle Bilder.
Die
modernisierten Rokokokostüme bekamen durch heutige Requisiten und Accessoires
eine zeitlose Dimension. Der Chor gewandet in Kostümen der französischen
Revolution brachte die gefährliche Dimension der Zeit ins Spiel, Cherubino hat
seine Perücke auch schon in den Farben der Trikolore einfärben lassen, Figaro
trägt gar eine Tricolore als Halstuch, ansonsten steht er aber in Eleganz
seines Dienstherren und früheren Kumpels nicht nach. Seine Susanna kleidet sich
charmant in ein Kleidchen aus Toile-de-Jouy einem beliebten Möbelbezugstoff des
französischen Adels aus der Rokokozeit, während la Contessa sich gerne in
aufwendiger Seide gewandet. Auch hier zeigt Montavon die sozialen Differenzen
und auch die Gründe für revolutionäre Tendenzen auf.
Bestechend auch
die perfekte Personenführung und Charakterisierung von Guy Montavon. Der Graf, ein selbstherrlicher Geck, Figaro
ein fast schon widerlicher Intrigant, Cherubino, die Pubertät in der Hose und
im Schädel, treffen das auf eine naive Barberina, eine bösartige Marcellina,
und zwei sehr kluge Frauen: Susanna und die Gräfin.
Der Abend
endete mit einem Happy End, einem Happy End mit einem bitterem Beigeschmack,
die Revolution lässt sich nicht mehr aufhalte, einige haben es abeicht
verstanden ,dass auch sie auf dem Schafott enden werden.
Dem
Schlussapplaus tat dies aber keinen Abbruch. Das Publikum feierte das
Orchester, die Sänger und das Regieteam.
Dieser Figaro
ist der Beweis dafür, dass modernes Regietheater keinesfalls verkopft oder
verblödet daher kommen muss, wer ihn verpasst ist selbst dran Schuld.
Alexander
Hauer
MEFISTOFELE
Dan Brown lässt grüßen
Warum Guy Montafon aus
Gott, Teufel und Faust Mitglieder einer Geheimsekte a la Illuminati macht
möchte ich gar nicht wissen. Tatsache ist, dass seine Umdeutung des Faust-, und
in diesem Falle, auch des Goethestoffes, die Oper Mefistofele von Arrigo Boito
nicht weiter gestört hat. Da hat Big Boss „Gott“ wahrscheinlich seinen Willen
doch noch durchgesetzt.
In der Ausstattung von
Peter Sykora, eine den Bühnenraum füllende Turbine, Antriebselement eines
Raumschiffes?, und einen gläsernen Wandelgang , die Kostüme, Faust im weißen
Forscherkittel, Mefisto im Dr. Evil Look aus den Austin Powers Filmen, wo war
eigentlich Mini-Me?, oder sollte er Blofeld aus den Bondfilmen sein, Margherita
in der Schuluniform des Goethegymnasiums, Marta im strengen Uniformkostüm, muss
sie sich ihren Lebensunterhalt als „ Zettelpuppe“ verdienen?, in der
klassischen Walpurgisnacht dann Griechisches, die Chorherren im Erich Honecker
Outfit, die Damen in sehr einfachen Kostümen. Ansonsten natürlich in
weihevollen Priestergewändern, passend zur Regievorgabe.
Gut bis hierhin klingt es
nach Verriss.
Montafon gelingt es aber,
die Bilderfolge nach Goethe klar und einleuchtend zu bebildern. Im stehen dabei
ein, wie immer in Erfurt, grandios geführter Chor unter Andreas Ketelhut und
das überdurchschnittlich gute Philharmonische Orchester mit Walter E.
Gugenbauer am Pult, zur Verfügung.
Richard Carlucci scheint
am Premierenabend etwas mit der Partie des Faust überfordert. Er forciert seine
Stimme, besonders in den Höhen zu sehr. Sein Gegenpart Vazgen Ghazaryan ist ein
sehr sympathischer Teufel, trotz seines Bösewichtsoutfit bleibt er der
Publikumsliebling unter den Männern. Scheinbar mühelos gelingt ihm die
Rollengestaltung mit wirklich teuflischem Bass. Marwan Shamiyeh hat mit den
Partien des Wagner und des Nereo leider wenig Gelegenheit seinen Tenor
nachhaltig zu präsentieren. Das gleiche
Problem hat Stéphanie Müther mit ihren Rollen der Marta und der Pantalis. Die
wenigen Momente werden aber von beiden sehr schön gestaltet. Die Entdeckung des
Abends ist aber Gweneth-Ann Jeffers als Margherita/ Elena. Die
sympathische Sopranistin gibt beiden
Rollen Tiefe und Gestalt. In den ersten Akten eine unschuldige, dem Verderben
preisgegeben Margarethe, die besonders in der Walpurgisnacht Mitleid erregt, dann im zweiten Teil eine
stolze, verführerische griechische Königin.
Boitos Mefistofele gilt zu
Unrecht als eine der langweiligsten Opern der Welt. Wenn man den italienischem
Blick auf das Deutschland der Vorromantik allerdings so gekonnt musiziert, wie
es in Erfurt geschah, und wenn eine moderne Deutung, wie sie Montafon
anstrebte, dann aber doch zu einer werksgetreuen, den Personen und der Handlung
der Oper verpflichtete Inszenierung gerät, werden die Unkenrufer, wie so
häufig, Lügen gestraft.
Alexander Hauer
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
Und plötzlich wieder ganz
aktuell
Opel ist pleite, Arcandor
geht es sehr schlecht, Wenigen geht es sehr gut und Vielen geht es sehr
schlecht. Als Brecht und Weill unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise ihre
Sozialkritik in Form einer Oper 1930 auf die Bühne der Leipziger Oper brachten,
lösten die braunen Horden einen Skandal aus. Nach dem Krieg, als man im Rausch
des Wirtschaftswunders Brecht und Weill wieder entdeckte geriet Mahagonny zu
einem oft belächelten Ausstattungsstück.
Philip Himmelmann
inszenierte seine Interpretation vor dem großen aktuellen Krach. Ewald
Donhoffer entlockt dem Philharmonischen Orchester Erfurt gekonnt jazzige
Klänge. Im Gegensatz zum Hot Jazz aus dem Graben herrscht auf der Bühne
Eiszeit. Keine Wüste mit unerträglichen Temperaturen, nein es schneit was das
Zeug hält. In dieser Situation gründen Leokadja Begbick, elektronisch verstärkt
und damit auch in der Stimme unmenschlich, Karan Armstrong zusammen mit Fatty,
Robert Wörle, und Dreieinigkeitsmoses, Juri Batukov, die Treibhausstadt
Mahagonny.
Dieses Mahagonny scheint
ein 70er Jahre Kurort zu sen. Es geht gesittet zu. Die Besucher bekommen einen
alle einen türkisblauen Trainingsanzug, die Leitung des Etablissements achtet
auf corporate Identity. Auch die „Damen“ tragen alle einen etwas peinlichen
Leopardenlook. In diese Situation brechen vier Holzfäller aus Alaska ein und
langweiligen sich in dieser durchorganisierten Scheinwelt. Erst die Bedrohung
von Außen kehrt die Situation um. Aus
dem geregelten Kururlaub wird eine wilde Orgie, an dem jeder teilnehmen kann,
der das nötige Kleingeld dafür hat.
Erik Fenton gibt mit
kraftvollem Tenor den Jimmy Mahoney, der sich in die Hure Jenny Hill verliebt.
Marisca Mulder gibt die Nutte sehr überzeugend, besonders als es zur Abrechnung
kommt, genauso wie Máté Sólyom-Nagy als
Sparbüchsenbill, der als es um ein wenig Geld gibt, seinem Freund den Todesstoß
versetzt.
Und das ist das
eigentliche Thema des Stücks und Himmelmanns Interpretation. Der Mensch ist schlecht,
Punkt um.
Und diese Schlechtigkeit
wird in allen Details auf die Bühne gebracht. Die drei Gangster sind von Anfang
an schlecht, die Holzfäller verrohen im Laufe des Abends. Der eine frisst sich
zu Tode, der andere wird in einem fingiertem Boxkampf, einem Selbstmord gleich,
zu Tode gebracht. Jim, der bis zu Letzt an das Gute im Menschen hofft, wird von
seinem Freund Bill im Stich gelassen. Und Jenny ist nun mal nicht die Hure mit
goldenem Herzen, sondern eine eiskalte Geschäftsfrau, die ihren Körper als Kapital einsetzt.
Aber Jim wird nicht nur
Opfer der „Gesellschaft“, sondern er trägt an seinem Schicksal selbst Schuld,
da er die Spielregeln, die er selbst mitgestaltet hat, missachtet.
Himelmanns Mahagonny, eine
tropische Insel in einer gefrorenen Welt, ist ein Goldglänzender Palast.
Elisabeths Pedross’ Bühnenbild zitiert Kuranstalten und Ballermann
gleichermaßen, die Kostüme Petra Bongard sind vor dem Hurrikan in den 70ern
ansässig, danach werden sie zeitgemäß. Himmelmann und sein Dramaturg Arne Langer
verzichten auf den Gott in Mahagonny, nehmen dem Stück dadurch etwas von der
Gesellschaftskritik, werden aber dadurch auch zeitnaher.
Der Abend endete mit, für
eine Repertoirevorstellung, ungewöhnlich langem Applaus. Die Gesangspartien
waren insgesamt hervorragend, besonders erwähnenswert sind Erik Fenton als Jim,
Marisca Mulder, die dem Moon of Alabama eigene Klänge verlieh, die einem Lenya
und Morrison vergessen ließen und natürlich Karan Armstrong, die dieser
Altersrolle besondere Tiefe verlieh. Nicht zu vergessen sei aber auch der Chor,
der wieder einmal unter Andreas Ketelhut sowohl sängerisch als auch
schauspielerisch überzeugte.
Philipp Himmelmann gelang
eine überzeugende Deutung des alten Stoffes, der leider wieder einmal ganz
aktuell wurde.
Man muss wachsam bleiben.
Alexander Hauer
PARSIFAL
Es ist nicht Wagners beste Oper, aber auch darüber
ließe sich streiten. Das Spätwerk des Meisters aus Bayreuth hat durchaus seine
Schwächen und Längen, aber auch berückende, fantastische Momente(, die die
Längen wieder Wett machen).
Die Wiederaufnahme von Guy Montafons Inszenierung
geriet zu einer zwiespältigen Veranstaltung. Das Schlechte zuerst: Die
Leistung, die Walter E. Gugenbauer seinem Philharmonischem Orchester abverlangte,
blieb an diesem Abend deutlich hinten den sonst Üblichen in Erfurt zurück. Was
nicht heiße soll, dass das Orchester schlecht war, es fehlte nur am Esprit und
die Genauigkeit, die man sonst gewöhnt war. Es ist halt übel, wenn man verwöhnt
ist. Ausgleich dafür war dann das Bühnengeschehen. Montafon und sein Ausstatter
René Myrha zauberten einen bunt naiven Parsifal auf die Bretter. Zu Beginn wird
der Bühneraum durch hohe Burgmauern begrenzt. Die Ritter und Knappen tragen
stilisierte Militärmäntel, Amfortas den gleichen Schnitt in leuchtenden Rot.
Parsifal trägt unschuldiges Weiß, Kundry ein Mischmasch aus Rot und Blau. Im
zweiten Akt dominiert eine drehbare runde Treppenkonstruktion und zwei hinein
geschobene Kulissenteile, die für die Erotik sorgen sollen. Die Blumenmädchen
sind naive Blümchen die mich sehr an Disneys „Alice im Wunderland“ erinnerten.
Kundry selbst trägt ein rotes Kleid mit einem blauen Umhang, eine blasphemische
Madonna, der die Versuchung des Jünglings doch misslingt. Ihr Herr und Meister,
Klingsor, ist auch kostümmäßig ein abgefallener Grasritter. Der dritte Akt
spielt dann in den Trümmern der Gralsburg. Giftiggelb ausgeleuchtet gehen drei
schwarz gewandete Gestalten über die Bühne. Parsifal, Kundry und Gurmemanz
reflektieren das Geschehene. Am Ende geht es dann doch gut aus, fast könnte man
Guy Montafon in die Nähe eines „Gutmenschen“ rücken, denn auch Klingsor
erscheint um am Erlösungszauber teilzuhaben.
Das Ganze wird dann durch Symbole, wie Gottes Hand
und viele Bilder im 70er Jahre Stil, die sich dann auch noch zu oft
wiederholten, bebildert.
Überdurchschnittlich gut waren dann die Solisten
und der Chor, einstudiert von Andreas
Ketelhut. Perfektion bis in die
kleinsten Rollen, von der Stimme von Oben, Janine Metzner, über die
wohlklingenden Blümchen Julia Neumann, Susanne Rath, Stéphanie Müther
(Blumenmädchen 1), Alexandra Steiner, Anja Augustin,
Janine Metzner (Blumenmädchen 2), die guten Ritter und Knappen ,Peter Umstadt
(Erster Gralsritter), Máté Sólyom-Nagy
(Zweiter Gralsritter), Susanne Rath (1.
Knappe), Janine Metzner (2. Knappe), Marwan Shamiyeh (3.
Knappe), Jörg Rathmann (4.
Knappe),bis hin zu den Größeren Und Großen Rollen. Juri Batukov gibt einen
überzeugenden Altkönig, Kay Stiefermann seinen Sohn, dem man das Leiden ansah
und anhörte. Albert Pesendof war ein lyrischer durchgehend faszinierender
Gurnemanz, der seine lange Gesangspartie ohne Einbrüche durchhielt. Thomas Mohr
sang und spielte den naiven Jüngling voller Inbrunst. Beeindruckend seine
Ausbrüche in Krisensituationen, etwa bei Kundrys Schilderung vom Tod seiner
Mutter. Genauso energiegeladen nimmt er dann am Ende sein schweres Amt an.
Carola Guber setzt mit ihrer Kundry deutliche Markierungen. Ihre stets reine,
stets unangestrengt klingende Stimme changiert vom erotischen Gesäusel bis hin
zum erschöpften Klang.
Über Montafons und Myrhas Parsifaldeutung kann man
verschiedener Meinung sein. Ihre Interpretation ist sicher nicht der Weisheit
letzter Schluss(, aber welche ist das schon), der Abend gab auf alle Fälle aber
Anregung über die tiefere Bedeutung des Parsifals nach zudenken.
Alexander Hauer, besuchte Vorstellung 29.03.2009
Das
Käthchen von Heilbronn
21.3.2009, Premiere
Es ist fast alles drin, nur das Femegericht fehlt
eigentlich. Ansonsten lieferten Carl Reinthaler und Heinrich Bulthaupt einen ziemlich genauen Abriss des
Kleist’schen Bühnenwerkes ab. Ja, auch Kunigunde ist nicht wirklich der
Automatenmensch, der nur noch aus Ersatzteilen besteht. Auch wird das Käthchen
von Kunigunde aus Eifersucht und Berechnung in den Tod geschickt, und nicht
weil „Miss Frankenstein“ von ihr im Bade erwischt wurde. Starke Stücke, und
dazu gehört das Käthchen allemal, vertragen durchaus eine Vertonung. Und genau
dies ist die diesjährige Wiederentdeckung des Theater Erfurts.
Karl Reinthaler wurde 1822 in Erfurt geboren. Auf Wunsch
seines Vaters, dem Theologen Carl Christian Reinthaler, absolvierte er zunächst
ein Theologiestudium in Berlin. Daneben nahm er privatem
Kompositionsunterricht. 1858 erhielt er in Bremen eine Anstellung als
Domorganist, Leiter des Domchores und städtischer Musikdirektor. Durch sein
Eintreten erhielt Johannes Brahms die Möglichkeit sein Deutsches Requiem in
Bremen uraufzuführen. Erwirkte in Bremen als Organisator des städtischen
Musiklebens bis zu seinem Tod 1896.
Rheintaler war ein Gegner der Wagnerschen Musikästhetik.
Seine musikalische Sprache ist eher Schumann, Mendelsohn und Brahms
verpflichtet. Sein Hauptwerk liegt in der Chormusik. Aber auch zwei Opern sind
von ihm überliefert: Die eher unbeachtete „Edda“ (1875, Bremen) und das jetzt
wieder entdeckte Käthchen.
Die Liebesgeschichtet um Käthchen und Ritter Friedrich spielt
während eines Bürgerkrieges. Beide sind sich schon im Traum begegnet, jedoch
nur das bürgerliche Käthchen erkennt in Friedrich denjenigen, der ein Engel ihr
versprochen hat. Friedrich denkt eher daran, die standesgemäße Kunigunde zu
ehelichen. Nach etlichen Irrungen und Wirrungen finden sie zusammen. Happy End.
In Hank Irwin Kittels Bühnenbild und den Kostümen von Uta
Meenen errichtet Peter Hailer eine Welt jenseits der Ritterromantik. Die Bühne
ist eher kahl, aber voll technischer Raffinesse. Uta Meenens Kostümbild
unterstützt die Dramaturgie der Inszenierung. Sie unterscheidet klar zwischen
Höflingen und Bürgertum, zwischen gut und Böse. Kunigunde ist durch
Lacklederaccessoires auch schon von
vorneherein als Böse gezeichnet. Ihr Hofstaat imitiert ihr Auftreten. Die
Bürger selbst sind einfacher Alltagskleidung gewandet.
Peter Hailers Personenführung hält sich genau an die
Vorlage, schlicht ohne psychologische Mätzchen, aber hervorragend geleitet,
erzählt er die dramatische Love Story. Die Sympathieverteilung ist von Anfang
an festgelegt. Käthchen ist die Gute, Kunigunde die Böse, die Bürger sind
ehrlich, der Adel eher berechnend, der Rheingraf ist der ganz Böse. Diese
Erzählweise dient aber dem gesamten Werk. Das Erscheinen von Friedrichs
verstorbener Verwandtschaft hat heute selbstverständlich eine andere Wirkung
als zu Zeiten der Hochromantik. Dennoch ist auch diese Szene, die man mit bösem
Willen heute schon als Parodie der Romantik, wie auch die gesamte Sprache von
1881, verstehen könnte, durchaus klar und verständlich in den Gesamtkontext
eingefügt.
Unter Samuel Bächli verstrahlt das Philharmonische Orchester
Erfurt romantischen Wohlklang. Aus dem Graben ertönen scheinbar bekannte
Melodiebögen, die sich leichtfüßig in die
Ohren schmeicheln. Auf der Bühne beeindruckt der Chor unter Andreas
Ketelhut während den musikalisch besten Stellen. Marisca Mulder ist ein
wohlklingendes Käthchen, voller Tiefe und sicheren Höhen, ihr Friedrich,
Richard Carlucci, ist ihr ebenbürtig. Ilia Papandreous Kunigunde, eine kalte,
beherrschende Gesellschaftsdame, besticht durch exzellente Stimmführung. Máté
Sólyom-Nagy überzeugt in der Rolle des Vaters genauso wie die Leonore von Alice
Rath. Vazgen Ghazaryans Bass gab dem Türmer eine angenehme Kontur. Die
Überraschung des Abends aber war der Gottschalk durch Jörg Rathmann. Sein
wohlklingender Tenor führte im Lied von
den vergangenen Zeiten zu romantischen Schauern.
Die aktuelle Ausgrabung der Erfurter Oper ist ein Schatz aus
der Zeit der Hochromantik. Warum die Wiederentdeckung fast 120 Jahre von den
Spielplänen verschwand und warum sie so lange auf sich warten lies ist
unverständlich. Auf die CD Einspielung kann man sich freuen.
Alexander Hauer
WERTHER
Um
es gleich zu sagen, die Premiere von Massenets Meisterwerk am 13. 12
2008 in Erfurt war eher zwiespältig. In einer stark gekürzten Form,
lieferten das Sängerensemble und das Orchester gewohnt gute Qualität
ab. Walter E. Gugerbauer ließ das Philharmonische Orchester in einem
ruhigen unaufgeregtem Ton aufspielen, steigerte sich aber dann im
zweiten Teil. Carola Guber gab eine mütterliche, stets bedächtige
Charlotte, zeigte aber im dritten und vierten Akt, was sie alles mir
ihrer Stimme vermag. Ihre Ausbrüche waren einer der Höhepunkte der
Premiere. Gleichwertig der Werther des Richard Carlucci, ein in sich
gekehrter junger Mann, der sich in die fixe Idee einer Liebe zu
Charlotte, ja die Vorstellung sie als Mutter zu sehen hineinsteigerte.
Sein Tenor brachte die ganze Verzweiflung eines unglücklichen Lebens
auf die Bühne. Máté Sólyom-Nagy legte seinen Albert als eine
berechnende Figur an, ergreifend die Stelle im dritten Akt, als er
erkennen muss, dass seine Frau ihn nicht liebt und er sie quasi
freigibt. Als sympathische „Nervensäge“ Julia Neuman als Sophie. Ihr
fröhlicher Sopran zog alle Register ihres Könnens und der Vater Vazgen
Ghazaryan gab seinem Bariton die notwendige Tiefe für die Rolle.
Aber
wieso zwiespältig. Ja zwei kleinere Rollen wurden dem
Inszenierungsprinzip des Regisseurs geopfert. Johann und Schmidt
passten nicht in sein Konzept. Also streicht man sie kurzerhand aus dem
Programm, gibt der Oper dadurch eine neue Deutung und scheitert dann
doch am Ende an seinen eigenen Vorstellungen.
Bei
Goethe und auch bei Massenet stammt Charlotte aus einfachen
Verhältnissen. Im Konzept von Andrejs Žagars, Intendant der Oper in
Riga, leben sie aber in einem Herrschaftshaus, das keinerlei Wünsche
offen lässt. Der weitläufige Palais inklusive alter Rokokomöblierung,
Bühne von Ieva Kauliņa , erinnert an die Dekoration an den wunderbaren
Doktor Schiwago Film von David Lean( USA 1965). In diesem Raum wird
sich das ganze Drama abspielen. Im ersten Akt zieht Werther beim
Amtmann ein (?!?), bleibt dann auch noch wohnen als sein Widersacher
Albert mit Charlotte das Herrschaftshaus übernehmen und den Rest der
Familie ausgezogen ist. Wirklich sehr seltsam. Aus dieser Konstellation
ergeben sich dann auch die übrigen Ungereimtheiten der Inszenierung.
Warum muss Werther Albert einen Brief schreiben, wenn er ihn um die
beiden Pistolen bittet, er bräuchte nur zu klopfen und zu fragen. Wieso
wundert sich Albert zwischendurch einmal, warum Werther überhaupt da
ist, er wohnt doch nebenan. Und wieso sprengt Werther, wenn er sich
selbst mit der Pistole richtet, das Anwesen in die Luft? Fragen, auf
die die Inszenierung keine Antworten gibt.
Auch
die Personenführung war eher suboptimal. So wird die Beziehungen
Werther- Charlotte, Charlotte- Albert und Albert-Werther nicht
eindeutig klar gestellt. Man lebt so nebeneinander her, freut sich das
es einem gut geht und die Welt bleibt außen vor. Damit tat sich de
Regisseur sich selbst und dem Stück keinen großen Gefallen. Zwar ist
die Möglichkeit das naturalistische Stück in einen Innenraum (der
Seele?) zu verlegen reizvoll, aber dann sollte man es auch konsequent
durchziehen. Durch Streichungen in er Musik ist dies nicht zu
erreichen, auch sind das Bühnenbild und die Kostüme (Kristine
Pasternaka) zu real um seelischen Räumen gestalt zu geben.
Dennoch
das musikalische Ensemble ließ nichts zu wünschen übrig, wenn man den
Werther nicht kennt, und Hand aufs Herz, wer hat ihn gelesen, geht das
Regiekonzept vielleicht auf. Es sind schön bebilderte Momente,
unterstrichen durch einen wunderbaren Soundtrack von Massenet, das
Sterben von Werther vollzieht sich im blutigen Realismus vor einem
schwelendem Bücherberg. Will uns de Regisseur damit mitteilen, dass die
Kunst gestorben sei? Fast möchte man es
glauben. Alexander Hauer