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www.tiroler-festspiele.at

 

ERL - TIROLER FESTSPIELE 2012

Es ist fünfzehn Jahre her, dass jemand auf die Idee kam, im Passionsspielhaus in Erl in Tirol Musikfestspiele zu veranstalten. Erl liegt unmittelbar an der bayerischen Grenze am Inn etwa gleich weit von Kufstein (17.000 Einw.) und Rosenheim (62.000 Einw.) München, Salzburg und Innsbruck sind die nächst gelegenen Großstädte in jeweils etwa 90 km Entfernung. Ein richtiges lokales Einzugsgebiet hat Erl nicht; es ist eben ein echter Festspielort. Bis vor einigen Jahren außerhalb der Region noch Geheimtipp, sind die Opern- und Konzertaufführungen in Erl nun größtenteils ausverkauft. Bayreuth-hassende Medienvertreter weisen immer häufiger und immer süffisanter auf die Wagner-Inszenierungen in Erl hin. Eine Erfolgsgeschichte, die zwei Namen hat. Einmal Gustav Kuhn als künstlerischer Leiter und Dirigent, der die Festspiele in der heutigen Form 1997 aus der Taufe hob und mit einem unverwechselbaren kantigen Profil versah,   und zum anderen Festspiel-Präsident Dr. Hans Peter Haselsteiner, Vorstandsvorsitzender der Strabag SE und mit seiner Familienholding einer von deren Hauptaktionären. Dass die Strabag einer der Hauptsponsoren der Festspiele ist, versteht sich.

Die diesjährigen Festspiele haben 18.000 Zuschauer angezogen; alle sechs Opernaufführungen im 1.500 Personen fassenden Passionsspielhaus waren ausverkauft! Natürlich überwiegen noch die oberbairischen und Tiroler Mundarten bei den Zuschauern; aber Piefke-Deutsch, Wienerisch und vor allem auch italienisches Parlieren weisen auf den sich vergrößernden Zuspruch zu den Festspielen außerhalb der Region hin. Und das keine „eh-da“-Gäste sind, die mal eben vom Urlaub in Ellmau herunter kommen, bringen sie der Grenzregion zusätzliche Einnahmen.

Mittlerweile rückt die Fertigstellung des neuen Festspielhauses mit futuristischer Architektur in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem markanten Passionsspielhaus näher. Die Finanzierung der Baukosten von fast 40 Mio EUR und der künftigen Unterhaltung wird zum größten Teil von der Haselsteiner Familien-Privatstiftung sichergestellt; aber auch Land und Bund werden sich maßgeblich beteiligen. Das neue Festspielhauswird mit 160 m² den größten Orchestergraben der Welt haben und über einen variablen Saal mit 730 bis 860 Plätzen verfügen. Die Einweihung wird zu den Winterfestspielen am 27.12.2012 mit der Aufführung von Mozarts Nozze di Figaro stattfinden (Regie und musikalische Leitung: Gustav Kuhn). Dann folgen Nabucco in der Regie des langjährigen Erler Dramaturgen Andreas Leisner sowie ein Konzertprogramm. Damit soll erstmalig eine Reihe von Winterfestspielen zwischen Weihnachten und Dreikönigstag begonnen werden. Nach Bekunden der Festspiele sollen im neuen Haus Mozart und Belcantoopern gespielt werden. Die Sommerfestspiele 2013 werden dann auch im neuen Festspielhaus stattfinden, da das Passionshaus zum 400-jährigen Jubiläum der Passionsfestspiele belegt sein wird.

Inzwischen geht die Expansion schon weiter: ein neues Parkhaus mit  450 Stellplätzen auf drei Ebenen wird ab dem Winter dafür sorgen, dass die Autos der Besucher nicht in Schotter und Schlamm stehen und die Besucher nicht durch Schneematsch waten müssen. Haselsteiner macht’s möglich und Strabag baut’s.

Manfred Langer

 

 

LOHENGRIN   zum 2.)

Vorstellung am 28.07.12 (Premiere am 06.07.2012)

Aus gutem Grund wird auch das Orchester inszeniert; komplett überzeugende Vorstellung

Mit dem Lohengrin haben die Tiroler Festspiele von den zehn Bayreuth-zugelassenen Wagneropern nun die letzte auf die Bühne gebracht. Da könnte man in einem Bayreuth-ähnlichen Rhythmus wieder mit neuen Inszenierungen von vorne anfangen oder das Wagner-Repertoire um dessen erste drei Opern erweitern, was wohl ein ebenso interessantes wie gewagtes Unterfangen wäre. Indes hat schon die Programmerweiterung auf Strauss und Puccini begonnen. Bedenken wird man‘s: wer weiss, was man tut!

Gustav Kuhn und sein Dramaturg Andreas Leisner bringen den Lohengrin in originaler Länge. Die notorisch begrenzten szenischen Möglichkeiten des Passionsspielhauses führen wieder zu einer ganz einfachen Bühnenrealisierung des Stücks, das über große Strecken einen halbszenischen Eindruck macht, aber dennoch oder gerade darum die Charaktere und deren Interaktion spannend charakterisiert. Das Bühnenbild von Jan Hax Halama bleibt naturgemäß auf die Vorderbühne beschränkt und kann keine großen Kulissen verwenden, weil sonst der Blick auf das hinten auf der Bühne aufgebaute Orchester verstellt würde. So stehen symmetrisch in sehr stumpfem Winkel zueinander zwei aufsteigende Bankreihen für den Chor auf der Bühne, die in der Mitte zwei große Stühle umschließen. Ganz vorn befindet sich eine breite muldenartige Vertiefung. Unter dem Bühnenhimmel hängt eine Vielzahl von Weihnachtskugeln. Durch die Anordnung der Bänke und Stühle ist die Personenführung weitestgehend festgelegt, was auch für die Schreitmuster des Chores gilt. Im zweiten Aufzug wird hinter die linken Chorbänke ein mit weißem Tuch verkleideter Kasten aufgestellt: das ist Elsas Kemnate. Die rechten Chorbänke verwandeln sich in die Treppe zur Kirche. So einfach ist das! Im dritten Aufzug wird das Spiel nach vorne über die Mulde verlagert, wo eine sehr schlichte Liege das eheliche Gemach darstellt.

Kuhn hat den Männerchor geteilt. König Heinrich hat sich seine eigenen Mannen mitgebracht, in orientalisch anmutende altweisse Kultgewänder gekleidet; ihnen gegenüber sitzen die Brabanter in nicht zu definierender, aber ebenfalls orientalisch angehauchter Ethno-Kluft. (Insgesamt bleiben die Choristen-Kostüme von Lenka Radecky eher schlicht.) Telramund ist mit einem großen halbprächtigen Schlabbermantel farblich den Brabantern angepasst; er scheint etwas eitel zu sein und trägt eine Reihe von Insignien, Ketten oder auch Amuletten – ebenso wie seine Mannen. Reichlich mit solchen Eisenwaren versehen ist auch Ortrud in schwarzem Kleid und Diadem, die aber erst ganz zum Schluss des ersten Aufzugs fast wie ein Gespenst über den brabantischen Chormassen erscheint. König Heinrich tritt in goldglänzendem Gehrock über zart hellblauer Weste auf. Elsa erscheint hier zur Stell in die gefühllose Männerwelt; sie steigt aus der Mulde hervor, trägt langes blondes Haar über einem himmelblauen goldbesetzten Gewand und holt dann zu ihrer Unterstützung den Frauenchor herbei. Man ist sich nicht ganz einig darüber, wer auf den beiden großen zentralen Stühlen sitzen darf. Elsa nimmt sich dieses Recht zuerst, dann begreift auch der König; Telramund muss stehen.) Zum Schluss des ersten Aufzugs sitzt aber Lohengrin neben Elsa.) Der Chor schaut gebannt in die Tiefe der Mulde („ein Wunder! Ein Wunder!“), um herauszufinden, wer da kommt. Es ist tatsächlich ein Schwan, von einer Tänzerin in schwarzem Ballettrock (ein Schwarzschwan?) und roten Strümpfen dargestellt (gekonnt: Claudia Czyz).  Um die Mulde tanzend zieht sie an einer Kette Lohengrin hinter sich her, eine wirklich jugendliche Erscheinung, mit langem braunen Mantel über goldbronzenem Rock. Der Kampf findet stilisiert in der Mulde statt. Mit Blicken, Handbewegungen und zwei Drehungen wird Telramund unschädlich gemacht. Der große Chor wendet sich nach seinem letzten Einsatz am vorderen Bühnenrand gen Orchester und schaut während der letzten Takte des ersten Aufzugs bewundernd zu ihm auf. Der Regisseur Kuhn lässt das Orchester des Dirigenten Kuhn bewundern.

Auch im Vorspiel zum zweiten Aufzug wird das Orchester mitinszeniert. Als die düstere Unheilsmusik von den Fanfaren und Trompeten der Feiergesellschaft unterbrochen wird, lässt er die Trompeter aufstehen und zusammen mit den dahinter stehenden vier Fanfaren von der Beleuchtung herausheben. In der ersten Szene des zweiten Aufzugs wird das an den analogen Musikpassagen nicht wiederholt. Zur morgenlichen Szene kommen die Choristen mit Kaffeetassen in der Hand. Die Inszenierung gewinnt im zweiten Aufzug mit dem Aufbäumen der finsteren Mächte und ihrem sich schon in der Musik abzeichnenden Sieg an Intensität. Schön wird die Isolation der Mannen des Königs herausgearbeitet: sie stehen einzeln da, während die Brabanter alle ein Weibchen um die Taille greifen können. Bei der finalen Szene des Kircheneintritts kommt die große Orgel des Festspielhauses eindrücklich zur Geltung. Starke Szenen gelingen auch im dritten Aufzug. Der lästige Brautchor erklingt hinter der Bühne. Elsas und Lohengrins Brautnacht wird durch eine Erler Kindergruppe zelebriert, zehn kleine Paare, er jeweils in Frack und Zylinder, sie jeweils im Hochzeitskleidchen schreiten die Bühnenbreite ab. Nach dem kurzen Handzeichengefecht mit Telramund wird die Trennung von Elsa und Lohengrin in beklemmender Weise (fast nach den Regieanweisungen) inszeniert. Auf dann leerer Bühne gehen nach Lohengrins Worten „Sie vor den König zu geleiten, schmückt Elsa, meine süße Frau!“ beide ganz langsam und unwiderruflich nach entgegengesetzten Seiten auseinander. Es gibt keinen zweiten Versuch! --- Die letzte Szene wird ebenfalls ungekürzt gespielt. Selbst die heute meistens unterschlagenen Textteile vom „öden Ost“ oder gar „Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!“ werden gebracht. Ebenfalls gebracht wird nach einem kleinen Täuschungsversuch des Regisseurs das von Wagner vorgesehene Ende, textgetreu inszeniert. Die Schwanentänzerin erscheint mit einem kleinen Kinde, das im ersten Aufzug schon einmal bei Elsas Traum aufgetreten war; das musste wohl Gottfried sein. Aber nein: die Schwanentänzerin verwandelt sich durch raffiniertes Wenden ihres Tanzkostüms in einen jungen, in Goldbronze gewandeten Prinzen: das ist Gottfried; das Kind hingegen nimmt die Kette und verschwindet mit Lohengrin in der Versenkung: es ist die Gralstaube. Schwäne sieht man ja wieder auch bei neueren Lohengrin-Inszenierungen; aber die Gralstaube?

Dutzende von Regisseuren greifen zu fragwürdigen Umdeutungen und Dekonstruktionen des Lohengrin, weil sie nach heutigem Geschmack den Stoff für unerträglich halten. Nur: die Musik will man noch gern hören. Kuhn geht mit seiner Lohengrin-Inszenierung einen anderen Weg, Reduktion nahe an den Szenenanweisungen, wobei ihm die Zeichnung der Charaktere mit stringenter Personenregie gelingt. Dieses ist eine beachtliche, in sich geschlossene Inszenierung, die zum Gesamtkunstwerk wird, weil bei ihm alles von der Musik ausgeht; absolut sehenswert!

Dabei konnte er wieder auf das große Festspielorchester zurückgreifen, mit welchem er einen faszinierenden Raumklang erzeugte. Das Vorspiel hat man sich schon aus filigraneren Anfangsklängen entwickeln hören; aber das gewaltige Crescendo des großen Spannungsbogens gab einen schönen Vorgeschmack auf die folgenden dreieinhalb Stunden Musikfest. Das Orchester musizierte die Partitur mit viel Inspiration und weitgehend ohne Pathos. Über sechzig Streicher gaben der Musik den grundierenden Schmelz, die jeweils vierfach besetzten Holzbläser und siebzehn Blechbläser die betörenden Farbgebungen. Gut präpariert und jederzeit bestens in diese Choroper par excellence eingebunden waren die stimmgewaltigen Chöre: vierzig Herren und dreißig Damen, die zu dem großartigen musikalischen Gesamteindruck wesentlich beitrugen. (Chorakademie der Tiroler Festspiele unter Mitwirkung der Capella Minsk, Einstudierung Marco Medved, Ljudmila Efimova)

Die solistische Besetzung an diesem Abend war in der Qualität nicht homogen. Das lag vor allem am Sänger des König Heinrich, Andrea Silvestrelli, der zwar in Statur und Auftreten einen guten König abgab, aber stimmlich den Anforderungen dieser an sich nicht schweren Rolle nicht gerecht werden konnte. Er agierte mit sichtbar großem Krafteinsatz, blieb aber schwach in den Tiefen und entwickelte in der Mittellage eine scheppernde Resonanz; zum Glück wirkten sich seine eigenartigen Vokalfärbungen nicht auf seine ordentliche Textverständlichkeit aus. Aus den Ensembles kleinerer Stadttheater könnte man diese Rolle besser besetzen. Ales Briscein sorgte hingegen mit seinem sauberen hellen Tenor von schöner Strahlkraft für eine positive Überraschung in der Titelrolle und überzeugte zudem mit seiner jugendlichen Bühnenerscheinung. Als Telramund war Thomas Gazheli besetzt, der am Vorabend den Landgraf im Tannhäuser gesungen hatte. Obwohl er als Telramund nicht ganz so gut zur Geltung kam, weil ihm die Partie vielleicht etwas zu hoch lag, wusste er doch mit schlanker sauberer Stimmführung und guter Diktion sowie mit unprätentiösem Spiel zu gefallen. Susanne Geb gab eine ordentliche Elsa. Ihr Vibrato passte bei den innigen Stellen nicht besonders zur Rolle; aber mit ihrer vorteilhaften Erscheinung und guter Textverständlichkeit wusste sie dann doch das Publikum für sich einzunehmen. Eine Luxusbesetzung ist beim Heerrufer mit Michael Kupfer zu vermerken. Er hatte am Vorabend den Wolfram gesungen und gab den Heerrufer mit für diese Rolle ungewohnter Geschmeidigkeit. Trotz seiner adretten Ausstaffierung hatte die Regie seine Rolle nicht mit zu viel eitler Ambition ausgestattet.

Zum Schluss gab es aus dem ausverkauften Haus einen Riesenbeifall für dieses Lohengrin-Erlebnis. Die starke Wiener Fraktion im Publikum drängte dann aber wie in den Wiener Häusern schnell hinaus, als ob man wie in der Donaumetropole nun schnell die nächste Tram nehmen müsste.

Manfred Langer, 06.08.2012               Fotos: Tiroler Festspiele Erl / Tom Benz

 

 

 

LOHENGRIN

Vorstellung am 28.07.2012

Der Zyklus der sogenannten „frühen“ Werke Wagners fand nun mit dem Lohengrin in der umsichtigen Regie und gehaltvollen musikalischen Einstudierung von Gustav Kuhn und dem Orchester der Tiroler Festspiele Erl seinen würdigen Abschluss. Ob Kuhn wohl einmal das Wagnis unternehmen wird, die auf dem grünen Hügel in Bayreuth verpönten drei Frühwerke des Meisters, die Feen, das Liebesverbot und Rienzi, in Erl zu zeigen?

Problematisch wie immer ist das Frauenbild in den Werken des Meisters. Objektiv betrachtet ist Elsa ja ein hilfloses dummes Weibchen. Sie willigt ohne zu zögern, besser gesagt, nachzudenken, in die unerhörte Forderung ihres künftigen Gatten und Retters ein, niemals die Frage nach dessen Namen und seiner Herkunft zu stellen. Das würde wohl keine halbwegs ihrer Sinne mächtige Frau unserer Tage tun. Aber Elsa ist ja ein völlig naiver Gutmensch und dadurch ein wehrloser Spielball in den Händen Ortruds und Friedrichs von Telramund. Sie ist vor allem leicht und ohne Gegenwehr zu bestricken. Aber der hehre Gralshüter Lohengrin kümmert sich ja auch kaum um sie, nachdem er ihre Unschuld im Gottesgericht erwiesen hat. Er denkt nun als Retter von Brabant nur mehr an seine politische Karriere, für die eine Gattin nach mittelalterlicher Vorstellung lediglich als Aufputz an der Seite eine gewisse Rolle zu spielen hat. Wäre da nicht die wunderbare Musik Richard Wagners, man würde diesen Stoff aus heutiger Sicht für schier unerträglich halten… Aber Kuhn verzichtet in seiner Deutung auf sämtliche mittelalterlichen Attribute, wie Speere, Schwerter oder Schilde. Und so findet das Gottesgericht dann auch im Halbdunkel und bloß pantomimisch angedeutet, in einem Graben auf der Vorderbühne, statt. Leider blieben auch andere Szenen im Verlaufe des Abends nur spärlich ausgeleuchtet.

Für die exzellente musikalische Umsetzung griff Gustav Kuhn wohl auch auf die originale Orchestergröße zum Zeitpunkt der Uraufführung unter Franz Liszt am 28.8.1850 im Hoftheater Weimar, mit ihrer markanten Basstuba, 16 ersten und 16 zweiten Geigen, 12 Bratschen und 12 Violoncelli, 8 Kontrabässen und dem riesigen Arsenal an Holz- und Blechbläsern, Harfe, Pauken und Schlagzeug, zurück.

Regisseur Kuhn und sein Dramaturg Andreas Leisner nahmen auch mit dem spartanischen Bühnenbild von Jan Hax Halama, das sich in gezimmerten Bänken erschöpfte, auf dem der von Marco Medved gemeinsam mit der Capella Minsk unter der Leitung von Ljudmila Efimova einstudierte Chor Platz nahm, vorlieb. Kleine metallische Kugeln, die wellenartig angeordnet, über der Bühne schweben, sollen wohl das Rätselhafte der Welt dieses Schwanenritters versinnbildlichen. Kostümbildnerin Lenka Radecky steuerte mondäne Roben bei den Damen bei und kleidete den Herrenchor in orientalisch anmutende Kaftane und Fes. Die wenigen Auf- und Abtritte des Chores erfolgten dann ebenso im Dunkel und nicht immer völlig geräuschlos. Die Erler Kinder durften im dritten Akt dann auch als kleine Brautpaare gekleidet den eher komisch anzusehenden Hochzeitsmarsch gestalten. Das statische Regiekonzept Kuhns verlieh dem Abend zusammengefasst betrachtet einen eher oratorienhaften Charakter.

Es lag also an den Protagonisten, durch ihr intensives Spiel dem Abend den notwendigen Drive zu verpassen. Und da hatte Hausherr Kuhn mit dem jungen attraktiven tschechischen Tenor Ales Briscein als Lohengrin wieder einmal einen Glücksgriff getan. Mit seinem schlanken, eher lyrischen Tenor, hatte er doch genügend Kraft, auch sämtliche Höhen klangsicher zu meistern. Sein Schwan wurde anmutig von Claudia Czyz getanzt. Allerdings trägt dieser Schwan ein bedrohlich wirkendes schwarzes Tutu und wird von Lohengrin an einer Kette aus der Bühnenversenkung nach Brabant gebracht. Am Ende der Oper wird dann der junge Gottfried diese Kette ergreifen und gemeinsam mit Lohengrin in eben dieser Bühnenversenkung unter den Wehrufen des Chores verschwinden. Die ewige Suche des Menschen nach Erlösung endet auch hier wie so oft in Enttäuschung und Verlassenheit… Der Schwan aber hüllt sich in ein goldenes Cape, um die vielleicht die Nachfolge in Brabant anzutreten…

Susanne Geb, die neben kleineren Rollen in Erl ihr großes Debüt im Vorjahr als Eva in den Meistersingern gefeiert hatte, verfügte über eine ausdrucksstarke, gefühlvolle Mittellage, mit der sie auch die gefürchteten Höhen dieser Partie solide meisterte. Aktiv wird sie nur, wenn sie den Damenchor auf die Bühne holt. Weshalb sie das tut, das könnte wohl nur Regisseur Kuhn einigermaßen zufriedenstellend erklären. Mit hellblauem Kostüm und blond wirkt sie schon rein optisch als naives Dummchen und für jede emanzipierte, selbstbewusste Frau unserer Tage ist eine so passive Figur wie die der Elsa nur schwer nachzuvollziehen. Aber es gibt diesen Typ Frau auch heute und es wäre völlig falsch ihn als unterwürfig und lebensunfähig aufzufassen. Es ist vielmehr jener liebende Typ Frau, der zu voller Entfaltung ihrer weiblichen Tugenden und Fähigkeiten nur an der Seite eines starken männlichen Fundamentes gelangen kann. Hat sie aber eine solche Basis gefunden, dann sind ihrer Entfaltung in jeder Richtung kaum Grenzen gesetzt… Sie wächst und gedeiht nicht im Schatten des Mannes, sondern in der fruchtbaren Symbiose mit dem Mann, ohne dessen Stütze sie freilich schwach und hilflos wird.

Thomas Gazheli verfügt für Rolle des Friedrich von Telramund sicherlich über eine gute Technik. Perfekte Diktion ist ja das Markenzeichen dieses Sängers, wobei seine Höhen sich dieses Mal etwas angestrengt anhörten. Der Telramund ist aber auch kein ausgesprochener Sympathieträger und vielleicht sollte diese Rollencharakteristik gerade durch eine eher markante scharfe Stimmfärbung noch zusätzlich unterstrichen werden.

Eine Spitzenleistung bot wiederum Michael Kupfer als Heerrufer, den er mit ausgezeichneter Diktion gesangsbetont gestaltete. Neben den beiden Sängerinnen der Elsa und der Ortrud konnte er auch den meisten Applaus einheimsen. Andrea Silvestrelli hörte sich als König Heinrich hingegen völlig abgesungen an. Eine schlampige Diktion, insbesondere bei den Konsonanten, wirkte auf Dauer geradezu störend.

Die aus St. Petersburg stammende Mezzosopranistin Elena Suvorova war rein optisch eine sinistre, wahrhaft boshaft agierende Ortrud. Im ersten Akt tritt sie viel zu spät auf, wofür es auch keine plausible Erklärung gibt. Die Stärke des Mezzos liegt bekanntlich darin, auf Grund einer satten Mittellage auch die tieferen Lagen und über kurze Strecken auch die hohen Register mühelos zu erreichen. Solche idealen Voraussetzungen brachte die Russin an diesem Abend mit sich. Brava!

Die brabantischen Edlen Joe Tsuchizaki, August Schram, Frederik Baldus und Michael Doumas sangen und spielten ebenso rollengerecht wie die vier Edelknaben Chiara Albano, Helena Lackner, Luana Maiorano und Irena Ripa.

Von kleineren Unsauberkeiten bei den Bläsern abgesehen bescherte der Abend ein eindrucksvolles Erlebnis, das jedes Wagner-Herz höher schlagen ließ.                      

Harald Lacina                            Alle Produktionsbilder sind von Tom Benz

 

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