DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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ERL 2015

 

 

DAS RHEINGOLD

30. Juli 2015

Tiroler Wagner zum Hören

Richard Wagners Ring-Tetralogie bleibt einfach der Publikumshit Nummer 1 bei Gustav Kuhns Sommerfestspielen im Tiroler Unterinntal. Auch heuer standen wieder zwei Serien auf dem Programm, diesmal nicht mit dem effekthaschenden Anspruch den Ring in 24 Stunden aufzuführen (was eigentlich nie wirklich gemacht wurde!), sondern in der Art und Weise, wie es Wagner einst idealerweise vorgeschwebt war: An vier aufeinanderfolgenden Abenden!

Immer wieder begeistert es mich, mit welch einfachen szenischen Mitteln es Kuhn als Regisseur gelingt, im Erler Passionsspielhaus Opernaufführungen zu gestalten. Das Orchester sitzt auch diesmal wie gewohnt erhöht auf der Hinterbühne, nur durch einen durchsichtigen Vorhang abgetrennt, im Vordergrund sorgen einfache, aber effektvolle Requisiten (Bühnenbilder kann man das ja fast nicht nennen, was Jan Hax Halama minimalistisch verwendet) und sehr geschmackvolle Kostüme (Lenka Radecky) für Ästhetik und logische Handlungsabläufe. Da stört es auch nicht wenn – schon traditionellerweise – immer wieder die Kinderstatisterie aus der Umgebung beschäftigt wird, im Falle der von Alberich geschundenen Kreaturen erzielt Kuhn damit sogar einen Gänsehauteffekt.

Auch die vielen kleinen aktuellen Regie-Gags sind eher zum Schmunzeln anregend, als dass sie für Publikumsproteste sorgen könnten. Insgesamt bleibt die Personenführung ja schlüssig, die Handlung spielt im hier und heute, die Götterfamilie verkörpert eine Mischung zwischen Neureich und Halbseiden. Ohne jetzt näher auf alle Einzelheiten von Kuhns Interpretation einzugehen, da sie ja schon in genügend Rezensionen beschrieben wurden, konnte man auch heuer wieder neue Feinheiten entdecken. Etwa die witzigen Charaktere der "Spitzensportler" Donner (als eitler Hammerwerfer) und Froh (als tumber Golfer). Oder den reichlichen Alkoholkonsum der Göttergattin Fricka. Eine Spitzenleistung gelang Johannes Chum, als Wotan-Berater Loge in Business-Kleidung, aber der größte Beifall galt natürlich am Ende dem fulminanten Thomas Ghazeli, der einen bitterbösen, burlesken Alberich mit unglaublich wortdeutlicher Diktion sang. Michael Kupfer-Radecky als Wotan stand da fast ein wenig im Schatten, Ferdinand von Bothmer (als Froh) und Frederik Baldus (als Donner) reichten auch nicht an Ghazelis Standard heran. Völlig unterschiedliche Timbres hörte man bei den beiden Riesen: Franz Hawlata als verliebter American Footballer Fasolt und Andrea Silvestrelli als eishockeyspielender Fafner, Giorgio Valenta war ein unauffälliger Mime. Bei den Damen mauserte sich Hermine Haselböck zu einer mehr als souveränen Fricka und Alena Sautier trumpfte mit ihrer satten Tiefe als Erda auf. Etwa schrill wirkte Susanne Geb in der wenig dankbaren Rolle der Freia, von den drei Rheintöchtern überzeigte Misaki Ono als Floßhilde besser als Yukiko Aragaki (Woglinde) und Michiko Watanabe (Wellgunde).

Nach anfänglichen Hornunsicherheiten steigerte sich das Orchester der Festspiele Erl gewaltig und breitete einen herrlichen Wagner-Sound aus. Gustav Kuhn beschränkte sich auf minimalste Zeichengebungen, er hat das Werk ja im kleinen Finger. Erstaunlich schaumgebremster Jubel des Publikums nach einem symphonischen Finale, bei dem keine Regenbogeprojektionen oder Brückenkonstruktionen die Sehnerven beschäftigten und es mir daher perfekt gelang mich dieser wunderbaren Schlussmelodie hinzugeben, wäre da nicht das flackernde Smartphone-Display links neben mir gewesen, dessen Besitzer hektisch nach dem Textbuch blätterte und offenbar nicht mitbekam, dass der "Vorabend" schon zu Ende ist.

 

DIE WALKÜRE

31. Juli 2015

Bei der sogenannten Todesverkündigung schien der Faden gerissen, extrem langsam nahm Gustav Kuhn diese Szene und der große Bogen, den er mit seinem Festspielorchester bislang so perfekt aufbauen konnten, kam abhanden. Aber nur kurzfristig, denn spätestens beim Walkürenritt bewies der spiritus mentor der Tiroler Festspiele Erl, dass dieser "Ring" zu Recht vom Publikum gestürmt wird. Wie er hier die acht Walkürenstimmen mit der üppigen Orchesterpracht vereinigte, das war große Klasse. Aber auch die szenische Umsetzung stimmte in dieser Szene perfekt, nur statt den Pferden (die Ebbser Haflinger konnten in Pause 2 vor dem Haus gestreichelt werden) mussten die Wunschmädchen mit Fahrrädern vorlieb nehmen. Noch nie verstand ich ihre Reaktionen auf die Ansinnen ihrer Schwester Brünnhilde und des Göttervaters Wotan besser, als an diesem Abend – choreographische Spitzenklasse!

Aber beginnen wir von vorne, oder noch besser blenden wir auf den ersten Tag und das Vorspiel zurück, denn da hatte es geharnischte Proteste gegen die Übertitelanlage gegeben, die in englischer Sprache gehalten war. An sich eine brillante Idee bei dem immens hohen Anteil der Besucher aus Großbritannien, USA und Australien. Außerdem bin ich der Meinung, dass so wortdeutlich gesungen wird, dass dieses vermeintliche Manko in Wirklichkeit keines ist. Aber man kann es ja nicht allen Recht machen, daher gibt es im Jahr 2016 (es wird ein kompletter Zyklus gespielt) die Einblendungen auf englisch UND deutsch.

Noch ein Kommentar zu einem Teil des Publikums: Wenn bei Erscheinen des Dirigenten VOR den ersten Takten ein "Bravo Maestro" von den teuersten Plätzen gebrüllt wird, nur um Aufsehen zu erregen - und das auch noch Anklang findet - dann stört mich das mindestens genauso wie etwaige Buhs beim Schlussvorhang. Aber wie gesagt, nur meine persönliche Meinung.

Kommen wir endlich zu Wagners Walküre, deren erster Akt offensichtlich in Tirol spielt, nämlich in einer ländliche Bauernstube, wie sie in jedem zweiten Gasthaus hier zu sehen ist. Hunding ist ein Motorradpolizist und der Macho mokiert sich sogar daran, dass ihm Sieglinde im Wege steht, wenn er beim Abendessen Fernsehen möchte. Seinen Nebenbuhler Siegmund erschießt er am Ende des zweiten Aktes bei einer Art Familienaufstellung mit seiner Dienstpistole, das Schwert Nothung bleibt in Siegmunds Händen unversehrt und kehrt in Akt 3 in Scherben in den Händen Brünnhildes auf die Bühne zurück. Man sieht, auch beim sonst so librettotreuen Kuhn ist nicht alles logisch! Raphael Sigling gibt diesem Hunding mit kräftigem, schwarzem Bass genügend eigenes Profil. Als Siegmund humpelt Andrew Sritheran (ein junger gebürtiger Neuseeländer) über die Bühne, die Stimme sitzt zwar richtig, aber sein abgedunkelter Tenor (sehr Kaufmann-like) und das mangelnde Stimm-Volumen werden dem großen Haus nicht ganz adäquat. Schade, denn seine nette Art machte ihn zum absoluten Sympathieträger. So wirkte es dann aber doch seltsam, wenn Marianne Szivkova als seine Zwillingsschwester um zwei Köpfe kleiner ist, ihn aber mit Riesenröhre an die Wand singt. Ich glaube, ihren Namen muss man sich merken.

Und einen ebensolchen formatfüllenden Bassbariton besitzt Vladimir Baykov als Wotan. Herrliche Legato-Phrasierungen und dramatische Attacken mit Wohlklang gelingen ihm mit Leichtigkeit. Hermine Haselböcks Fricka wurde schon im Rheingold entsprechend gelobt, heute kam noch ihre tolle Körperbeherrschung dazu, denn mit solchen Stöckelschuhen und Plateausohlen in ihrem Leder-Biker-Outfit über die Würfel und Quader des zweiten Aktes zu schreiten, das hatte schon was. Zwiespältig blieb der Eindruck von Bettine Kampp, die bei den exponierten hohen Stellen der Brünnhilde an ihre Grenzen gelangte. Schade, denn mit ihrem jugendlichen Esprit war sie eher eine sexy Göre, die ihrem Vater das Leben schwer machte und meilenweit weg von den oft schwergewichtigen Brünnhilde-Heroinen. Besonders hervorgehoben sei Wotans Abschied, bei dem es Kampp und Baykov gelangen, eine der schönsten und berührendsten Stellen der Opernliteratur so zu gestalten, dass mir Tränen in den Augen standen. Das alles vor schwarzem Vorhang, nur mit persönlicher Rollengestaltung. Als dann der Vorhang zur Seite geschoben wurde und die sechs Harfinistinnen in wallenden rotgoldenen Gewändern das flammende Inferno musizierten, schien die Schwelle zum Kitsch beinahe erreicht.

Bleiben nur noch pauschal die Walküren zu loben, die mit außerordentlicher Spielfreude unterwegs waren und auch sängerisch keine Wünsche offen ließen: Susanne Geb, Martina Bortolotti, Leonora Del Rio, Veronika Farkas, Anna Lucia Nardi, Rita Lucia Schneider, Michela Bregantin und Alena Sautier. Großer Jubel für alle Mitwirkenden!

 

 

SIEGFRIED

1. August 2015

Tenorale Durchhaltekraft wurde nicht belohnt

Zäumen wir einmal das Pferd von hinten auf und beginnen wir mit dem Schlussapplaus nach Richard Wagners Siegfried bei den Tiroler Festspielen Erl. Denn da ließ es das Publikum an Fachkenntnis und Fingerspitzengefühl mangeln, als Michael Baba in der Titelrolle bestenfalls einen Gefälligkeitsapplaus erhielt. Dabei hatte der in Potsdam geborene Sänger in zahlreichen Wagner'schen Tenor-Schlachten gemeinsam mit Gustav Kuhn seinen Mann und Helden gestanden - und auch diesmal hielt er in dieser mörderischen Partie bravourös durch. Nicht nur das, im zweiten Akt gelangen ihm sogar wunderbare lyrische Passagen und die Stimme wechselte mühelos ins piano nach dem strahlenden forte im Wettstreit des ersten Aktes mit Mime. Natürlich, ein allzu charismatischer Sänger ist der in Mannheim unter Vertrag stehende Baba nicht, aber man sah schon berühmtere Tenöre in dieser Rolle "eingehen".

Wie überhaupt der Siegfried die bisher wohl beste Gesangsensembleleistung bei diesem Ring brachte. Symptomatisch dafür die erste Szene des zweiten Aktes, als man sich an drei satten tiefen Männerstimmen erfreuen konnte: Werner van Mechelen gab diesmal nicht nur einen stimmlich dunklen, sondern auch szenisch stets im Finsteren agierenden Alberich, Thomas Gazheli sang mit aller Kraft und Fortune einen akzentuierten Wotan und Andrea Silvestrellis kohlrabenschwarzer Bass hätte als Wurm Fafner gar keine Trichterverstärkung notwendig gehabt. Wolfram Wittekinds Mime zeigte sich hier von der eher seriösen, intellektuellen Seite, der Witz und das typische Charaktertenor-Timbre fehlte ein wenig, was man aber weniger dem Sänger, als dem Besetzungschef (wohl der Maestro himself) vorwerfen konnte.

Da in Erl die Besetzungen immer wieder wechseln und kaum Stimmen während des ganzen Rings in derselben Rolle durchgängig zu hören sind, erlebte man im Siegfried nach Bettine Kampp Nancy Weißbach als strahlende Brünnhilde mit metallenem Kern in der wunderbar phrasierenden Stimme und als Erda hatte Rena Kleifeld nur mit der Schleppe ihres wunderschönen Kleides zu kämpfen, sowohl die vielen tiefen, als auch die wenigen hohen Töne kamen lupenrein. Lyrischer hätte man sich den Waldvogel gewünscht, Joo-Anne Bitter versuchte Sanftheit durch Lautstärke zu ersetzen, was leider ein wenig schrill wirkte.

Nun ein paar Worte zum Orchester der Tiroler Festspiele Erl, das in physischer und psychischer Hinsicht hier Schwerarbeit zu verrichten hat. Mit der entschuldbaren Ausnahme des Hornrufes spielten die Damen und Herren wiederum ganz ausgezeichnet. Eine Besonderheit, die sich durch die treppenartige Platzierung des Orchesters im Hintergrund der Bühne ergibt, ist die enorme Transparenz, die immer wieder ungewohnte neue Hörerlebnisse beschert. Gustav Kuhn ist ein Meister darin, mit solchen Effekten auch zu spielen und scheut auch vor Generalpausen nicht, die dramaturgisch Sinn machen. Übrigens, Kuhns Accademia di Montegral wird im Herbst einer Einladung nach China folgen und die Festspielproduktionen Tristan und Isolde sowie Die Meistersinger von Nürnberg in Peking und den 24-Stunden-Ring in Shanghai aufführen.

Über das Szenische sei diesmal der Mantel des Schweigens gebreitet, da Minimalismus übertrieben werden kann und Siegfried ohnedies als Regiehorrorszenario gilt. Die Drachenszene ist wahrscheinlich heute ohne Videoprojektion unspielbar, aber auch andere Details wie der Papiervogel und das An-der-Rampe-Singen (besser eigentlich Auf-dem-Podest-Stehen-und-Singen) im Finale wirkten doch ziemlich hanebüchern. Die fackeltragenden Kinder beim Walkürefelsen seien hingegen positive erwähnt, ebenso die Lehrschmiede vor dem Opernhaus, wo sich die Zuseher in den Pausen in die Schmiedekunst einführen lassen konnten.

Alle Fotos: Copyright Tiroler Festspiele Erl / APA-Fotoservice / Xiomara Bender

Ernst Kopika 2.8.15

 

DIE GÖTTERDÄMMERUNG

2. August 2015

Mona Somm begeistert als Brünnhilde

 

Es ist vollbracht: Die Tiroler Festspiele Erl stemmten heuer zweimal Richard Wagners Ring des Nibelungen! An jeweils vier aufeinanderfolgenden Tagen fand dabei der Besucher genügend Regenrationsmöglichkeit, wurde allerdings nie ganz aus dem Fluss der Handlung und der Musik Wagners gerissen. Fazit des letzten Abends: Kurzweiliger kann man eine Götterdämmerung wahrscheinlich gar nicht musizieren, woran sicherlich auch die Pausenlänge (eigentlich müsste man Pausenkürze sagen) ihre Anteil hatte, denn zweimal 25 Minuten ist für ein auch lukullisch anspruchsvolles Festspielpublikum wahrscheinlich die absolute Untergrenze und auch so mancher Sänger hätte sich vielleicht mehr Regenerationszeit gewünscht. Aber so ging es flott dahin, von den bedächtigen Nornen im Prolog (von Rena Kleifeld, Junhua Hao und Marianna Szivkova prägnant und klangschön gesungen) bis zum feuerträchtigen Finale, bei dem der Vorhang zwischen Orchester und Szene fiel und deren rund 120 Musiker in voller Pracht zu sehen waren – 5 Stunden 10 Minuten Bruttospielzeit! Das von Gustav Kuhn minutiös vorbereitete und mit enormer Leidenschaft dirigierte Orchester war der eigentliche Star der vier Abende – 15 Stunden hochkonzentriertes Musizieren, Chapeau für die durchwegs jungen Künstlerinnen und Künstler.

Aber auch im sängerischen Bereich gibt es vom Schlussabend durchaus erfreuliches zu berichten. Zum ersten ließ der vorwiegend in den USA tätige Andrea Silvestrelli seinen beiden Fafner-Partien einen tiefschwarzen, auch schauspielerisch bedrohlichen Hagen folgen, mit dem er zum Publikumsliebling avancierte. Egal ob im Nadelstreif die Gibichungen einlullend oder in Phantasieuniformen seine Mannen befehlend, hier stand ein stets präsenter Hagen seinen Mann. Und zum anderen sah man mit der Schweizerin Mona Somm eine hochdramatisch überzeugende und leidenschaftliche Brünnhilde, die mit wesentlich berühmteren Namen der aktuellen Heroinnen-Opernlandschaft mit Leichtigkeit mithalten kann. Schon von ihrer äußeren Erscheinung ist sie ein (man verzeihe mir diesen Ausdruck) "Vollblutweib" und sie verfügt über eine Wahnsinnsröhre, die "absolutely wobble-free" ist. Ihr kam natürlich zugute, dass Kuhn bei aller Versuchung ins forte zu gehen, immer wieder einen Gang zurückschaltete und so die Sänger "überleben" konnten.

Ihr Siegfried hieß George Humphrey, stammt aus Amerika und hinterließ einen gespaltenen Eindruck. Anfangs klang sein nicht allzu großer Tenor sehr angestrengt, dann hatte er sich endlich freigesungen, aber der richtige Funken wollte dennoch nicht überspringen. Für das Geschwisterpaar Gunther und Gutrune kamen der Australier James Roser und Susanne Geb zum Einsatz. Roser spielte den Gibichungen-Herrscher in der von Wagner geforderten zögernden Art und Weise und wirkte – wie man auf Wienerisch so schön sagt – daher wie ein unscheinbares "Zniachtl". Aber das Psychogramm, das er in der Folge zeichnete, stimmte zu 100 % und auch sein Bariton konnte sich – besonders im Terzett mit Hagen und Brünnhilde – durchaus hören lassen. Geb lag die Gutrune um Häuser besser in der Gurgel als die Freia, sie überzeugte auch als liebestolle Frau und setzte farbige Akzente, anfangs durch ihr Kleid, später durch ihr Temperament. Nicht ganz so stark wie im Rheingold sang – wohl auch partiturbedingt – Thomas Ghazeli den Alberich, der zu Beginn hoch über der Bühne schwebte (das Warum dieser Aktion konnte ich nicht entschlüsseln) – allein für seine Schwindelfreiheit bekam er aber von mir einen Sonderapplaus. Wunderbar gelang Svetlana Kotina als Waltraute eine lyrisch-zarte Erzählung über Wotans Einsamkeit. Wie im Rheingold mussten die drei Rheintöchter Woglinde (Yukiko Aragaki), Wellgunde (Michiko Watanabe) und Floßhilde (Misaki Ono) ein paar Mal ihre Leitern auf- und abklettern – und dazu noch singen und Siegfried umgarnen!


In diesem Zusammenhang ein Wort zu den Bühnenarbeitern, welche nicht nur die drei Aufbauten der Rheintöchter elegant über die Szene steuerten (und dafür auch einen Schlussapplaus einheimsen durften), sondern auch über alle anderen fleissigen Herren in Schwarz. So leise und der Musik angepasst sieht und hört man Umbauten auf offener Bühne nämlich sehr, sehr selten! Beim Einrollen eines Riesenteppiches hielten die beiden Herren sogar bei einem pianissimo des Zwischenspiels inne und setzten ihre Arbeit erst beim Anschwellen der Musik fort – ein besonderes Danke dafür und dem weltweiten Opernpublikum zur Nachahmung empfohlen.

Über den Festspielchor fanden sich auf dem Abendzettel leider keine detaillierten Angaben, erwähnt werden muss er aber auf jeden Fall, denn er beschränkte sich nicht auf das in der Götterdämmerung häufige Dauer-Forte, sondern die Mannen reizten den ganzen Dynamikumfang aus.

Unterstreichen kann ich nach diesem Ring die bisherigen Rezensionen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben: Keine Vergewaltigung des Librettos, eine durchgängig logische Personenführung, die Geschichte wird im Heute erzählt, ästhetisch wunderbare Kostüme sind kongeniale Unterstützung dafür, die Szenenbilder sind durch die Besonderheit der Bühne manchmal allzu simpel, manche Gags überflüssig und die einzige "Interpretation" zu der sich Kuhn regiemäßig bekennt, ist im Schlussbild zu erkennen, als die Kinder unbedarft von allen Vorgängen ihr Leben noch unschuldig vor sich haben. Gewiss, keine allzu origineller Ansatz, aber durch das Einbeziehen der lokalen Jugend und Kinder während des ganzen Rings ein in sich logischer.


Bleibt noch abschließend festzustellen, dass auch Erl schön langsam zum Jahrmarkt der Eitelkeiten wird (Pelzmäntel und Nerzcapes im Hochsommer ließen mich schmunzeln), aber von Bayreuth und Salzburg immer noch Lichtjahre entfernt ist. Und dass auch das Drumherum immer professioneller wird (vor vier Jahren parkte ich noch auf einer Almwiese, diesmal in einem dreistöckigen ultramodernen Parkhaus), kann ja auch positiv betrachtet werden.

Fotos: Copyright Tiroler Festspiele Erl / APA-Fotoservice / Xiomara Bender

Ernst Kopica 3.8.15

 

 

 

 

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