DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
Startseite
Impressum
Urheberrecht OF
---
Wagnerjahr 2013
Gastkommentar
BILSING in Gefahr
PIONTEKs Bayreuth
Die STEINBACH-Seite
---
Der OF-Stern *
Die OF-Schnuppe #
----
Blühender Bockmist
Kontrapunkt
Vermischtes
----
Ausstellungen
PLATTEN & BÜCHER
BALLETT
KONZERT
-----
Oper:
Oper im Fernsehen
Aachen
Amsterdam
Andechs
Annaberg Buchholz
Antwerpen
Arnheim
Augsburg
Baden bei Wien
Baden-Baden
Bamberg Sommeroper
Basel
Basel - Casino
Bayreuth div.
Bayreuth Festspiele
Bergamo
BERLIN
Bern
Bielefeld
Bochum
Bonn
Bozen
Ära Weise 2003-2013
Bratislava
Braunschweig
Bregenz Festspiele
Bremen
Bremerhaven
Brüssel
Budapest
Chemnitz
Chicago
Coburg
Coesfeld
Colmar
La Coruna
DAMSTADT
Dessau
Detmold
Dortmund
Dresden
Dresden Operette
Duisburg
Düsseldorf
D Tannhäuser Skandal
Eisenach
Enschede
Erfurt
Erl 2012
Erlangen
Essen
Essen WA
Eutin
FRANKFURT
Freiberg
Freiburg
Fürth
Gelsenkirchen
Gent
Giessen
Görlitz
Graz Oper
Graz Styriarte
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
HAMBURG
Hannover
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Hildesheim TfN
Hof
Gut Immling
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Bad Ischl
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe WA
Kassel
Kiel
Kiew
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Köln
Kölner Kinderoper
Krefeld
Landshut
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leverkusen
Linz/Donau
Ljubljana/Laibach
Ludwigshafen
Lübeck
Lübeck Musikhochsch.
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Magdeburg
Mailand
Mainz
MANNHEIM
Maribor/Marburg
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Minden
Minsk
Mönchengladbach
Mörbisch
Monte Carlo
Moskau Bolschoi N St
MÜNCHEN
Münster
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Oldenburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Passau
Pesaro
St. Petersburg
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Regensburg
Rendsburg
Riga
Saarbrücken
Salzburg Festsp 2013
Salzburg Landesth.
Sankt Gallen
San Francisco
Sassari
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Solingen
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart WA
Tecklenburg
Trier
Triest
Turin
Ulm
Valencia
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Weimar
WIEN
Wiesbaden
Wildbad
Winterthur
Wunsiedel
Wuppertal
Würzburg
Zürich NP
Zürich WA
Zwickau
-----
Interviews-Porträts
In memoriam
Martin Achrainer
Julia Amos
Mikael Babajanyan
Sebastian Baumgarten
Nic. Beller-Carbone
Marcus Bosch
Johan Botha
Michelle Breedt
Thorsten Büttner
Arturo Chacón-Cruz
Miriam Clark
Yen Han
Gregor Hatala
Hansgünther Heyme
Stefan Herheim
Frank Hilbrich
Guido Jentjens
Hyuna Ko
Joseph E. Köpplinger
Lothar Krause
Michael Lakner
Bettina Lell
Aiste Miknyte
Vera Nemirova
Benedikt von Peter
Harie van der Plas
Marysol Schalit
AlexandraSamouilidou
Irina Simmes
Michael Spyres
---
ARCHIV A - D
ARCHIV E - K
Archiv L - R
ARCHIV S - Z
ARCHIV weitere
Archiv Interviews
---
Unsitten i.d. Oper
Musikerwitze

Theater und Philharmonie Essen                                  

http://www.aalto-musiktheater.de/

 

 

 

 

LA STRANIERA       

Premiere am 2. März 2014

Vincenzo Bellinis frühe Oper „La Straniera“ ist ihrem Namen auf ungewollte Weise gerecht geworden, denn sie blieb im gängigen Repertoire eine „Fremde“. Nach einer ersten Erfolgssträhne im 19. Jahrhundert verschwand das Werk fast völlig von der Bühne, um erst 1935 (zur 100.Wiederkehr von Bellinis Tod) vereinzelt wieder aufzutauchen. Die jüngste Initiative verbindet sich mit dem Namen von Edita Gruberova, welche die zentrale Frauengestalt der Oper, Alaide, nicht nur bei Konzertaufführungen in München, Wien und Baden-Baden verkörperte, sondern 2013 für Zürich auch szenische einstudierte. Der ihr sehr vertraute Regisseur Christof Loy war sicher ein Entscheidungshelfer, aber wohl auch der Intendantenwechsel am Zürcher Haus, von dem sich die Künstlerin 2002 im Groll verabschiedet hatte. Die Produktion wurde jetzt (mit Marlis Petersen als Alaide) vom Aalto Musiktheater in Loys Geburtsstadt Essen übernommen und wechselt im Januar 2015 auch noch in das Theater an der Wien (nun wieder mit Edita Gruberova als “Alaide”).

 Bei italienischen Opern der frühen Romantik erwartet man in der Regel die „unendliche Melodie“, das Sich-Verlieren in filigranen Melismen und gewagten Koloraturen bei meist zurückhaltender Orchesterbegleitung. In der „Straniera“ ist das  auf erregende Weise ganz anders. Die Harmonik in diesem Werk beschreitet mitunter abenteuerliche Wege, außerdem dominiert eine ausgesprochen szenenbezogene Deklamation. Dem zentralen Tenor (Graf Arturo di Ravenstel) gönnt der Komponist keine einzige wirkungsvolle Arie, sondern gerade mal einige ariose Passagen. Warum diese dem traditionellen Belcanto-Ideal so abholde Werkdramaturgie? Es ging den Autoren (neben Bellini  der Librettist Felice Romani) bei diesem Sujet nicht um das geradlinige Erzählen einer Geschichte, sondern um die „Darstellung traumatisierter und sich selbst entfremdeter Personen“ (Anselm Gerhard). Das ist sicher nicht gänzlich untypisch für Bellini, wirkt bei „Straniera“ aber doch auf die Spitze getrieben.

 Dies heißt allerdings nicht, dass die Oper dem geschärften psychologischen Empfinden unserer Zeit gänzlich widerstandslos  entgegen käme. Es verbleiben genügend verweichlichende, pauschalisierende Romantizismen, welche von einer Inszenierung bedacht und bewältigt werden müssen. CHRISTOF LOY hat sich, oft genug in Zusammenarbeit mit Edita Gruberova, als szenischer Vermittler (und Versöhner) erwiesen, welcher Werke nicht auf den Kopf zu stellen braucht, um eine persönliche Regiesprache unter Beweis stellen zu können. So gönnt er bei „Straniera“ beispielsweise dem Chor die nun einmal üppig auskomponierten Tableaus, welche er freilich hin und wieder ironisierend einfärbt. Eine noch stärkere, generelle Distanzierung ergibt sich durch die Ausstattung von ANNETTE KURZ, eine Bühne aus der Entstehungszeit der Oper. Mit sichtbar bedienten Seilzügen werden immer wieder Hänger in die Szene herab gelassen, um einen Wechsel der Schauplätze zu kennzeichnen.

 Bei der Kostümierung der Frauen (URSULA RENZENBRINK) fühlt man sich an den 1971 entstandenen Fernseh-Mehrteiler „Die Frau in Weiß“ (mit Heidelinde Weiss und Christoph Bantzer) erinnert. In „La Straniera“ könnte man die junge Isoletta als solche ansehen, welche sich kurz vor ihrer Hochzeit bewusst wird, dass ihr künftiger Gatte (Arturo) sie nicht wirklich liebt. Der Grund hierfür scheint leicht eruierbar. Verborgen im Walde lebt nämlich Alaide, eine geheimnisvolle Frau (in Schwarz), welche von der Bevölkerung nicht nur als Fremde, sondern auch als hexenhafte Feindin angesehen wird. Ihre Behausung liegt ebenso im Dunkel wie ihr Schicksal. Die Vorgeschichte erläutert: Alaide ist die Geliebte des verheirateten Landeskönigs, der sie auf päpstlichen Befehl hin aber nicht auf den Thron erheben darf. In der Abgeschiedenheit des Waldes harrt sie künftiger Entwicklungen. Und da tritt Arturo in ihr Leben und lässt eine neue Leidenschaft in ihr aufleben. Dieser junge Schwarmgeist aber hat, in Loys Verständnis, „nie gelernt, erwachsen zu sein“. Er jagt Traumidealen nach, ergeht sich in übersteigerten Gefühlen, welche in der Realität keine Erfüllung finden können, schon gar nicht in der anberaumten Vernunftehe. Dass Arturo mit Selbstmord endet, ist bei der kruden Handlung nicht verwunderlich. Isoletta verzichtet voller Schmerz auf ihre Liebe. Für Alaide wird am Schluss zwar der Weg zum Thron frei, aber daran ist ihr nun nicht mehr gelegen. Großer, tränengetränkter Schlussgesang.

 Das Singen steht bei „Straniera“ – da kann Loy eine noch so verdienstvolle Arbeit geleistet haben – im Mittelpunkt. Für eine emotional empfindende Interpretin mit theatralischem Gespür bietet dies mannigfacher Möglichkeiten, sich massiv in Gefühlen von Glück und Schmerz auszudrücken. Belcanto-Primadonnen haben die Gelegenheit nur allzu gerne genutzt: Renata Scotto (Palermo 1968 – durch den Aufführungsmitschnitt hat Christof Loy das Werk für sich entdeckt), Montserrat Caballé (New York 1969), Elena Souliotis (Catania 1971), Lucia Aliberti (Triest 1990), Renée Fleming (New York 1993) sowie im Studio Patrizia Ciofi (London 2007). Ob irgendwann Edita Gruberovas Alaide auf Tonträger verfügbar sein wird, bleibt abzuwarten. Aber auch ohne Kenntnis dieser speziellen Rolleneroberung darf die Behauptung gewagt werden, dass MARLIS PETERSEN eine vielleicht weniger „raffinierte“ Interpretin ist, einem die etwas abgehobene Figur durch ihr natürliches Singen aber besonders nahe zu bringen weiß. Das Virtuose kommt bei ihr nicht zu kurz, die Spitzentöne explodieren mit dramatischer Leuchtkraft; überdies ist die Künstlerin eine Bühnenpersönlichkeit von Format.

 Der herbe, dennoch farbige Mezzo von IEVA PRUDNIKOVAITE (Isoletta) bildet einen überaus reizvollen vokalen Kontrast. Elektrisierend wirkt LUCA GRASSI mit seinem höhenflammenden Bariton (Valdeburgo), den Arturo gestaltet ALEXEY SAYAPIN mit einer vielleicht nicht direkt „schön“ zu nennenden Stimme, welche der Rolle stilistisch aber voll genügt und von intensiver Darstellung und einer sympathischen Erscheinung bestens unterstützt wird. Auch die weiteren Partien, deren Bedeutung für die Handlung nur weitschweifig darzulegen wäre, sind in Essen erstklassig besetzt: BENJAMIN BERNHEIM (Osburgo), TIJL FAVEYTS (Signore die Montolino) und BAURZHAN ANDERZHANOV (Priore degli Spedalieri). JOSEP CABALLÉ DOMENECH, künftiger GMD der Staatskapelle Halle, lässt die ihrem Ruf voll und ganz gerecht werdenden Essener Philharmoniker mit großer Verve und klanglich differenziert aufspielen. Der Premieren-Schlussbeifall war enorm. Ob er das weitere Schicksal von „La Straniera“ günstig beeinflussen wird?

Christoph Zimmermann 3.3.14

Bilder Aalto Theater Essen

 

 

 

 

WERTHER im Wunderland

Premiere 30.11.13

Leidenlos schöner Opernabend in Essen - wundervoller Massenet

Die Opernbühne ist ein Zauberkasten - von je her. Wurde früher die komplexe Bühnenmechanik von Hand gekurbelt oder gezogen und die Beleuchtung evozierte ihre Illuminationseffekte einfach nur durch subtil eingerichtetes Kerzenlicht, so finden wir heute hochmoderne Technik vor, die uns computergesteuert im Traumland Oper verblüfft und verzaubert, als wären wir bei David Copperfields Zaubershow. Nicht ohne Grund kosten deshalb Opernhäuser unzählige Millionen.

Wer Konzertantes braviert, gar fordert und sich an Einheits-Szenerien delektiert, der gräbt das Grab unserer Oper und liefert den Polit-Schwachmaten gute, handliche Argumente, städtische Musentempel, die ja ohnehin "viel zuviel Steuersubventionen erhalten", zu schließen und zu Schweinzuchtanstalten o.ä. umzuwandeln. Musikveranstaltungen der oben erwähnten Art lassen sich nämlich in jeder Fabrikhalle, im Bunker oder in alten Parkhäuser aufführen.

Leider machen uns nicht wenige heutige Produktionen dieses vergessen, weil viele Regisseure keine Ahnung mehr haben damit umzugehen, oder es aus Bequemlichkeit gar nicht wollen. Es dominiert die Einheitsbühne - nach dem Motto: Einmal hingestellt und fertig. Dabei zeigten viele Regisseure und Bühnenbildner gerade in den letzten Jahrzehnten eine besondere Vorliebe für Dreck, Müll, Abfall und Schäbigkeit; ein Präzedenzfall und negativer Meilenstein war der 93-er Tristan von Heiner Müller in Bayreuth; hier machte man sich erst gar nicht mehr  die Mühe des Nachbaus, sondern fuhr direkt mit großen LKWs den Dreck von der Müllhalde auf die Bühne. Dazu - perverser Weise ! - trug dann Isolde das 150 000 Euro-Ballkleid-Unikat eines japanischen Spitzen-Couturiers mit tollen schwarzen Intarsien auf schwarzer Seide, die man aber ab zwei Meter Entfernung schon nicht mehr erkennen konnte, da alles schwarz in schwarz.

Schluss mit Müll, Dreck, Kartons und einer bis auf die Brandmauern leer geräumten Bühne nun in Essen bei einem sehr fantasievoll eingerichteten "Werther". Anscheinend hat unter dem neuen Intendanten Hein Mulders nun eine neue Ära begonnen; eine neue Handschrift wird sichtbar: zurück zur schönen Oper, zu fantasievollen Bühnenbildern, zur Freude am Werk - die sich auch den Zuschauern vermitteln soll. Regisseure hassen nicht mehr die Oper, die sie für teures Geld inszenieren und auch nicht deren Komponisten (Koskie). Man entdeckt die Liebe zur Oper neu - und das ist gut so!

So haben Regisseur Carlos Wagner und sein Bühnen- und Kostümbildner Frank Philipp Schlößmann eine sehenswert schöne und fantasievolle Werther-Produktion auf die Bretter des Aalto-Theaters gezaubert. Die Bühnentechnik des Essener Hauses - einst die modernste Europas - lässt ganze Häuser verschwinden, generiert riesige Planeten oder fabriziert Winterstürme, in deren Verlauf auch schon einmal ein großer Baum das behagliche Domizil zerstört. Das ist sehr professionell gemacht, stimmig mit fabelhafter Lichtregie (René Dreher) eingesetzt und immer exakt alles passend sowie zielgenau zu Szene und Musik.

Die Sängerbesetzung ist ein Glücksfall:

Abdellah Lasri singt einen Traum von Werther, höhensicher, lyrisch und auch von tragender Dramatik; seine wunderbare hohe Tessitura passt blendend zur Stimmlage der fabelhaften Michaela Selinger - ein Paar, welches das Massenetsche Traumland einer Grand Opera hingebungsvoll und bravourös erfüllte.

Die in der Personenführung ggf. zu kritisierende Statuarik störte mich weniger als die eigentlich nur noch als Karikatur definierten Rollen der Comprimarii: Nervige Kinder, betrunkene Alte und ein sexsüchtig fummelnder Vater mit schlechter Maske - jung auf alt getrimmt klappt höchst selten und sieht meist lächerlich aus.

Warum dann keine Radikallösung - hier könnte man schon (die wahren Opernfreunde werden mich steinigen) Einiges ohne Gesamtwertverlust streichen. Prügelt mich, Ihr Opernpuristen, denn ich trete schon seit Jahren auch für eine Kürzung von Wagner´s "Ring" ein - würde mal alle Wiederholungen streichen, könnte man das Mammutwerk locker an zwei Abenden bringen, wie kürzlich in Buenos Aires.

Fazit: Ein wunderschöner Opernabend, nach welchem man - trotz Werthers tragischem Tod im Schnee - gutgelaunt nach Hause fährt. Ein Stück zur Weihnachtszeit; schön, wie die herrliche alte Purcarete-Boheme, die sich immer noch - WA 6.12. - sich dankenswerter Weise im Aalto-Repertoire befindet.

Prädikat des Opernfreunds: Besonders wertvoll!

P.S.

Und das Schönste zum Schluss: die Essener Philharmoniker spielen (auch ohne Soltesz) unter dem tadellosem Dirigat von Sebastien Rouland einfach betörend.

Peter Bilsing 2.12.12                                        Bilder: Aalto / Matthias Jung

 

Opernfreund DVD-Tipp

 

 

 

 

CINDERELLA 

Premiere Aalto am 2.11.13

Wunderbar gelungener Tanztheater-Abend zum Träumen

Video

Dass es vom Märchen „Aschenputtel“ nicht weniger als neun Opern-Versionenund sogar acht Ballette gibt (u.a. von Johann Strauss), ist bei der Popularität des Märchenstoffes der Brüder Grimm kein Wunder – wobei von den diversen Musical-Adaptionen mir eigentlich nur die 1957-er Fassung von Rodgers & Hammerstein einigermaßen erträglich erscheint. Nur ganz unsensible Eltern, oder rüde Splatter-Fans, lesen ihren Kindern die unsensible Originalversion des Grimmchen Märchens vor, wo sich am Ende die Schwestern durch unschöne Selbstamputation ihrer Zehen bzw. Ferse die Füße für den Prinzen-Schuh passend hacken (welch Alptraum!) und schließlich von Tauben noch die Augen ausgehackt bekommen.

Die wunderbare Ballettchoreografie von Stijn Celis, die gestern ihre begeistert aufgenommene Essener Premiere hatte, ist völlig jugendfrei ab sechs Jahren (oder sogar jünger) zu genießen. Zum Einschwingen in diesen herrlichen Ballettabend empfiehlt der Kritiker sich hier erst einmal einzuklicken (Lautsprecher am PC einschalten).  Wie und warum diese schöne Schnulze zur „modernen“ klassischen Prokofjew-Musik passt, wird hier natürlich nicht verraten, denn dies gehört zu den vielen Überraschungen, welche dieser höchst unterhaltsame Ballettabend bietet.

Der Opernkritiker fängt mit dem nichttänzerischen Aspekt an, nämlich der Musik. Die Cinderella-Partitur (für mich das vielleicht Schönste was Prokofjew überhaupt komponiert hat) ist ein filigranes Gemälde, welches höchste Konzentration und viel Probenvorarbeit benötig, wenn man die Musik nicht nur als „Filmmusik“ zum Ballett betrachtet, sondern ernst nimmt. Dies alles und mehr meistern die brillant aufspielenden Bochumer Symphoniker - eines der besten und viel zu wenig beachteten Top-Orchester NRWs! - unter der überragenden Leitung von Yannis Pouspourikas - auf superbe Art und Weise. Hier wird nicht nur Begleitmusik abgeliefert, sondern Prokofjew in höchste Konzertqualität, aufs Feinste ausziseliert, wiedergegeben. Die Bochumer liefern einen so ungeheuren Spannungsbogen in grandioser Koordination mit dem Bühnentanz, wie ich ihn selten erlebt habe. Und so ist allein schon wegen der sagenhaften Orchesterleistung der Abend, auch für nur reine Konzertfreunde, mehr als empfehlenswert.

Das Essener Ensemble gehört für mich zu den besten Deutschlands; eine Ballett-Gemeinschaft, die sich nicht nur an und ausschließlich (wie bei vielen Häusern) an der Qualität der Solotänzer/innen misst, sondern auch und vor allem im Chorgeist der Truppe, die mit Präzision, Präsenz, überzeugendem Darstellungsvermögen, Engagement und Tanzfreude immer wieder das Publikum begeistert. Ballett macht Spaß. Ballett kann so schön sein; intelligent unterhaltend und doch nicht publikumsanbiedernd. Hier geht das Publikum beglückt nach Hause und wird nicht noch mehr lebensdeprimiert oder schwermütig esoterisiert, wie am großen Nachbar-Haus am Rhein. Im Essener Aalto findet noch Ballett statt, das die Menschen mögen und die Zuschauer allabendlich begeistert oder zu Tränen rührt. Das Essener Aalto hat ein Herz für lebensfrohe Ballettomanen allen Alters. Danke!

Was für schöne Kostüme hat Catherine Voeffray da kreiert. In die schönsten, geradezu diamantenhaft funkelnden, steck sie drei Männer - der Clou dieser Produktion. Stiefmutter und -Schwestern werden auf geradezu furios unterhaltende Art und Weise von Artur Babajanyan & Liam Blair, Wataru Shimizu getanzt.

Im Finale spielen die roten Traum-Schuhe keine Rolle mehr - man tanzt barfuß

Hier liegt auch einer der grandiosen Gestaltungselemente dieser Choreographie, in welcher Stijn Celis nicht nur Momente betörend an Wilhelm Busch erinnernden Humors einbaut, sondern auch nostalgische herrliche Stimmungs-Bilder aus den Fünfzigern liefert, wobei er die Ballsaal-Athomphäre wiederum gekonnt bricht durch wirklich furios überraschende Bewegungsmomente in den Ensembles. Alles passt, alles ist stilsicher umgesetzt. Und auch das wechselnde Bühnenbild (ebenfalls vom Choreografen) überzeugt – beginnend mit einer famosen Szene, die im Finale wieder aufgenommen wird, wo ein stilisiert quasi eingefrorenes Wohnszenario wie im scheinbar auftauenden Eis zu verschwinden droht.

Yulia Tsoi in der Hauptpartie tanzt nicht nur wie eine filigrane Feder, sondern sie lässt uns  am Seelenleben der armen und enttäuschten Cinderella herzerwärmend teilhaben; zusammen mit sowohl Denis Untila (Vater), als auch dem Prinzen Breno Bittencourt bezaubert die Ballerina das Publikum in märchenhaften pas-de-Deuxs.

Tänzerische Aktion im Einklang mit bühnenbaulicher Perspektive - Wow!

Fazit: Hallo! Hiermit rufe ich die Ballettfreunde (nicht nur aus Düsseldorf und Umgebung ;-), sondern aus ganz NRW dringend auf, bevor all die vielen Abende wieder ausverkauft sind – was vorhersehbar ist – eilet nach Essen und freut Euch auf einen so wunderbaren Abend, wie ich ihn sowohl tänzerisch beglückender als auch musikalisch brillanter und dabei Herz & Seele bezaubernder, selten erlebt habe. Besser kann man den Elendigkeiten und Deprimierungen des Alltags nicht entfliehen – zwei Stunden höchst unterhaltsames Traumballett!

Peter Bilsing, 7.3.11.                                           Bilder: Bettina Stöß

 

 

 

MACBETH – erfolgreicher Start in die Nach-Soltesz-Ära

Premiere am 19. Oktober 2013

Ein großer Opernabend

Video

Vielen Unkenrufen zum Trotz geht es in Essen am Aalto auf hohem Qualitätsniveau weiter. Sehr beeindruckend startete die neue Saison mit MACBETH, sowohl im Schauspiel als auch in der Oper; ein sehr vernünftiges Zusammenspiel der Gattungen. Auf der Musiktheater-Bühne in der bedrückenden, geradezu kafkaesken, Inszenierung von David Hermann. Das Premierenpublikum erlebte großes Theater, wobei der Regisseur das Musik-Drama geradezu kammerspielartig reduzierte und alles überflüssige Brimborium verbannte – ungeheuer dichte, bestechende Arbeit an beiden Sparten des Hauses. So etwas ist vorbildlich.

Man verzichtet auf all zuviel plakatives Morden und Gemetzel zu "fröhlicher" Musik, zumindest auf der Vorder-Bühne; die Hexen sind nur vokal präsent, es gibt, Gott-sei-Dank, kein Ballett (Urfassung) und sogar die Ermordung Banquos wird vom wahnsinnigen MacBeth alleine vollbracht. Höchst beeindruckend singen am Ende die Chöre aus dem Rang – und das Regieteam läßt sie zum Finalakt (was im Aalto schon fast Kriterium ist) über den breiten Mittelsteg durchs Auditorium einmarschieren. Die grandiose, unvergleichliche Akustik des Prachtbaus gibt solchen Spielereien ernsthaften Raum und Fundament. Das klangliche Erlebnis ist jedes Mal wieder neu verblüffend und beeindruckend.

Im Vordergrund der düsteren, mit Herbstlaub bedeckten Einheitsbühne steht eine steinerne Opferbank; rechts eine Brücke über einer kreisrunden Bodenöffnung, aus dem sich fast majestätisch unheimlich schon in der Hexenszene des Anfangs ein gewaltiger Baumstumpf mit horrendem Wurzelwerk erhebt. Christoph Hetzer schafft das Milieu und Ambiente einer Gothic Novel; Nebelschwaden und dräuende Finsternis werden kongenial ausgeleuchtet, und wenn sich ein riesiger unheimlicher Kubus über den Brunnen senkt, dann spiegeln sich darin (fabelhafte Videografie von Martin Eidenberger) Projektionen surrealer Linien, Verzweigungen und Masken; gespiegelte Seelen- und Wahnzustände der Protagonisten.

Alles in allem eine sehr ernsthafte und hochkünstlerische Umsetzung, die den Ansprüchen an zeitgemäßes Musiktheater auch mit einem konservativen Bühnenrahmen voll gerecht wird; eine durchaus maßstabsetzende Inszenierung. Vergleichbar Beeindruckendes habe ich nur vor 30 Jahren an der Rheinoper vom jungen Günter Krämer erlebt.

Daß der "Neue" GMD, namens Tomas Netopil, sich übermächtig ins Zeug legen würde, war erwartete Ehrensache bei diesem großen Vorgänger (Stefan Soltesz), daß es aber ein so genialer Abend werden sollte, hatte kaum jemand erwartet. Verdi vom Feinsten! Dem sich auch der Opernchor unter Alexander Eberle, prächtig wie immer, anschloss.

Gun-Brit Barkmin entsprach als junge und hübsche Frau natürlich in nicht notwendiger Weise den "antiken" Ansprüchen der altvorderen Altar-Verdianer, von denen sich einige auch am Ende zu Buhs herabließen. Es gibt leider immer noch zu viele Opernfreaks, die den Tod von Callas & Pavarotti scheinbar noch nicht zur Kenntnis genommen haben und die weiterhin, geprägt von Gewaltgesang und matronenhaftem Körperoutfit der alten Rampensängerinnen, deren stimm-mordenden Gesangsstil ewiglich frönen werden und zu ihrem Maßstab machen.

Bei eben diesen, böse gesagt "Stimmpornofans", hat diese junge Sängerin keine Chance. Ich finde aber, daß sie es gut gemacht hat; natürlich in den Spitzentönen grenzwertig, denn mit dieser Partie kann man eigentlich NUR seine Stimme ruinieren. Die tiefen und mittleren Lagen beherrschte sie klangschön, überzeugend und relativ sicher, aber was mich mehr beeindruckte, war ihre ungeheure Bühnenpräsenz und Darstellungskunst. Selten hat jemand die Paranoia der Lady so menschlich überzeugend und realistisch dargeboten.

In den kompetenten Händen, besser "Kehlen", von Tommy Hakala (Macbeth) und dem alles überragenden Liang Li (Banquo) waren die anderen Hauptpartien glänzend aufgehoben, was die durchaus verbesserungswürdigen Sangesleistungen einiger Comprimarii durchaus kompensierte.

Fazit: Ein düsteres Gesamtkunstwerk, in welchem das ganze menschliche, erschütternde Elend in Form von Gier, Mord, Wahnsinn, Blutrausch und Machtgelüste kongenial in Bilder umgesetzt wird. Ein unter die Haut gehendes, brennend intensives Erlebnis eines Musiktheaterabends – kein Opernabend für Rampensteher-Fans und Anhänger zu bravierende Arienschmetterei – einfach nur große, ehrliche zeitgemäße und werktreue Oper. Man kann dieses Werk einfach nicht zeitgenössisch modern präsentieren; außer vielleicht wenn man Vera Nemirova heißt. Also ist dieser Andsatz der einzig richtige. Bravi per tutti.

Peter Bilsing / 20.10.13

Bilder: Alto Theater / Matthias Jung

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com