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Kann denn Oper schöner sein?
EUGEN ONEGIN
Premiere im Essener Aalto am 25.Februar 2012

"Onegin funktioniert auch so, er braucht uns nicht.“ Dankenswerter Weise versuchen Regisseur Michael Sturminger und sein Team gar nicht erst uns eine neue Geschichte zu erzählen, den moralischen Zeigefinger zu erheben, oder oberlehrerhaft das Publikum zu schulmeistern. Keine Mätzchen, keine Verfremdungen oder sogenannte "Regiegags" - man spielt diesen Tschaikowski sehr werktreu und mit Respekt, sowie Achtung vor der Vorlage des großen Nationaldichters Alexander Sergejewitsch Puschkin, der ja wie, sein sympathischer Protagonist Lenski, auch bei einem Duell starb. Allerdings versetzen Andreas Donhauser und Renate Martin (Bühne und Kostüme) die Geschichte ins scheinbar postkommunistische Russland heutiger Tage. Man ließ sich von durchaus realen Bildern des Heute, des heutigen Russland, inspirieren. Doch blieben auch mit dem Zeitsprung aus dem 19.Jahrhundert die "Lyrischen Szenen" - wie Meister Tschaikowki sein Werk ja untertitelt hatte - erhalten. Die feine poetische Wirkung des Originals sollte erhalten bleiben, daher war dem Komponisten dieser Begriff so wichtig. Er wollte keine wuchtige Oper schaffen, sondern diese "Szenen" musikdramatisch bebildern.

"Er wollte etwas ganz Intimes und zudem dem Menschen Nahes schaffen." so Srboljub Dinic, der Dirigent der Produktion. "Das Ergebnis finde ich als überaus berührend und stellt für mich den Höhepunkt innerhalb der Bühnenwerke dieses russischen Komponisten dar." Sein Credo "Belcanto gilt nicht nur für die Sänger, sondern auch für das Orchester." zeichnet und benennt wunderbar eine Interpretation, die wir beglückend als neuen, luftig leichten und lebendigen Tschaikowski genossen haben. Die Essener Philharmoniker spielten dies alles grandios - weg von Schwulst und übermäßigen Rubato. Vieles klingt kammermusikalisch; selten wurde die Partitur dermaßen transparent durchleuchtend zum Strahlen gebracht. Ich hatte irgendwie den Eindruck die Musiker spielten gestern Abend für diesen prachtvollen Dirigenten, dessen Name sicherlich zurecht als Nachfolger von Stefan Soltesz gehandelt wird. Unsere Unterstützung hat er sich redlich verdient für diese musikalische Leitung und Leistung. Mein lauthalses "Bravo" vor dem letzten Teil riss dann doch einige Musikfreunde mit.

Mit einer Art Garagenfest beginnt die Oper. Schon da beweist Regisseur Sturminger, daß er mit Menschen und größeren Personengruppen, Massenszenen auf der Bühne meisterhaft umgehen kann. Es herrscht ein leichtfertiges lockeres Partytreiben. In perfekter Raumchoreografie wird die riesige Aalto-Bühne bespielt und selbst die Tanzszenen wirken nicht hausbacken peinlich aufgesetzt, wie so oft, sondern zeigen uns zeitgenössische Stil-Vielfalt; Bilder die wir in den Tanzsälen und Diskotheken durchaus so nachvollziehen könnten. Hier trifft sich Modernes mit Traditionellem - was für ein kunterbuntes Bild. Gleiches gilt auch für die Kostüme von Renate Martin - bitte schauen Sie sich die Bilder an! Ist das nicht phantasiereich schön gelungen?

Eine technische Meisterleistung ist endlich einmal wieder die technische Nutzung des Zauberkasten Opernbühne. Naht- und lautlos versinken die Bauten im Unterboden, lassen Mädchenzimmer erscheinen und geben dann ein grandioses Bild vernebelter Taiga-Ödnis für die Duell Szene frei. Andreas Donhauser ist ein ausgefuchster Bühnenprofi, dem es sogar gelingt während des Todesschusses das Gebäude so schnell hochfahren zu lassen, daß man den toten Lenski ins Wohnzimmer noch hereinschaffen kann. Eine tolle, eine berauschend inszenierte Szene, wobei jenes im Wohnzimmer hängende, großformatig berühmte, alte Duell-Bild Repins zum ergreifenden Kommentar des Geschehenen wird. Man hat schon Tränen in den Augen; auch weil Zurab Zurabishvili seine Lenski Abschiedsarie von wirklich selten schöner lyrischer Emphase gesungen hat; ein wenig Puccini-Belcanto paßt in jeden Tschaikowski. Da haben bestimmt auch die Götter auf dem Olymp geweint - man konnte es irgendwie spüren. Selten hatte ich so viel Gänsehautfeeling in einer Oper.

Die blutjunge Victoria Yastrebova (Tatjana) ist eine Entdeckung! Sie wird sich noch zu einem großen Star weiterentwickeln. Ich finde, daß sie für diese Partie und in dieser Inszenierung wo eben diesen Jungmädchenträumen soviel Empathie entgegen gebracht wird, die absolute und überzeugende Idealbesetzung ist. Die Größe und Tragfähigkeit ihrer Stimme wird wachsen, so daß wir sie, sicherlich noch vor Ablauf einer Dekade, auch in Welthäusern wie Wien und anderen großen Opernzentren hören werden können. Da bin ich ganz sicher. Und! Diese Künstlerin ist auch optisch ein Juwel. Als wenn Tschaikowski oder Puschkin die Partie genau für so ein zartes Mädchen geschrieben hätten. Marie-Helen Joel (Larina) bringt sich ebenso bravourös und überzeugend, sowohl gesanglich, als auch darstellerisch, in diese Inszenierung ein, wie die großartigen Anja Schlosser (Olga) und Ildikó Szönyi (Filipjewna). Was hat man für tolle Sängerinnen auch für die Comprimarii an diesem Aalto! Ein wirklich bewundernswertes Ensemble.
Fabelhaft gestaltete der stets zuverlässige Heiko Trinsinger die Hauptpartie; die von der Regie diesmal durchaus menschlich angelegt war. Ein wenig hatte man am Schluß, wenn er vom Fürsten die Pistole in die Hand gedrückt bekommt, doch Mitgefühl. Die Frage ob er sich tatsächlich erschießt bliebt offen. Albrecht Kludszuweit gab einen höhensicheren Triquet.

Der letzte Teil mit dem gefürchteten Walzer-Opening ist ein wirklich bühnentechnisch sensationell gestaltetes Szenario. Ganz im Hintergrund sehen wir ein Fest - es ist das so typische Fest eines russischen Oligarchen im Prunk und Neoklassizismus antiker Monumente; klassische Säulen (nicht die Schicki-Gesellschaft) drehen sich auf einem langsam nach vorne fahrenden Plateau, welches dann nahtlos an die Vorderbühne andockt. Wow! Was für eine Millimeterleistung bühnenbautechnischer Handwerksarbeit. Nichts knarrt, nichts knirscht - obwohl sich sicherlich unzählige hydraulische Zylinder und Rädchen innerlich drehen und bewegen. Das ist - ich wiederhole mich gerne - ganz großer phantastischer Bühnenzauber. Andreas Donhauser ist der David Copperfield der Aalto Bühne an diesem Abend; er läßt uns staunen. Nicht zu vergessen die fabelhafte Lichtregie (Rene Dreher).
Fürst Gremin ist eine fabelhafte Rolle: kurz, schön und immer ergreifend. Von geradezu kulinarischer Schönheit sang Roman Astakhov, der kurzfristig für Almas Svilpa eingesprungen war, seine Partie.

Last but not least: mal wieder eine tolle Chorleistung; Alexander Eberle gehört zum festen Qualitätsgerüst des Aalto-Theaters. Er hatte seine Choristen (auch sprachlich) mal wieder aufs Beste präpariert. Gratulation! Wir sind immer wieder von diesem Chor sehr beeindruckt.
Fazit: Diesmal brauche ich kaum "Hinfahren!!!" zu schreiben, denn die Essener wissen mittlerweile, was sie an dieser ihrer Oper haben und es werden für die Folgevorstellungen nur schwer Karten zu bekommen sein. Und schon gar nicht mehr, wenn sich herumspricht was hier (mal wieder!) für wunderbare lebendige und zeitgemäße Oper auf hohem Niveau geboten wird. Das Essener Haus spielt weiterhin ganz vorne im Reigen der Deutschen Top-Opernhäuser. Und nun die Anfangsfrage (Titel) am Ende zu klar beantworten: Nein, liebe Opernfreunde, Oper kann wirklich nicht schöner und lebendiger sein!
Peter Bilsing
P.S.
Gratulation auch an Ina Wragge für so ein schönes, informatives und bilderreiches Programmheft, welches ich unbedingt zum Kauf empfehlen möchte. Großes Lob geht in diesem Zusammenhang gleichzeitig auch an Matthias Jung, den Theaterfotografen für seine aussagekräftigen Bilder.
Das Copyright aller Produktionsbilder liegt beim Aalto-Theater Essen
BUTTERFLY zum Letzten (27.Jänner)
Besser geht es nicht!
Gestern gab es in Essen zum vorerst letzten Mal diese ultimative Kultinszenierung von Tilman Knabe. Ein Meilenstein in der Geschichte Moderner Inszenierungen. Besser, spannender und hautnäher kann man die Geschichte kaum erzählen. Das ist wahre Werktreue. Geht es nach dem OPERNFREUND würde dies Produktion zur Mega-Inszenierung der letzten Jahre gewählt. Einhellige Zustimmung von 5 unabhängigen Kritikern! Mit Ausrine Stundyte diesmal in der Hauptrolle müßten wir fast einen neuen Stern auspacken; aber 7 Sterne nimmt uns natürlich keiner mehr ab, oder? Wolfram-Maria Märtig statt Stefan Soltesz am Pult begeistere ähnlich, wie sein Chef. Eine Dirigentenentdeckung! Die Essener Musici spielten mal wieder (!) traumhaft. Zurab Zurabishvili hatte ebenfalls einen absoluten Glanzabend und bewies sich erneut als "der Corelli unserer Zeit". Besser kann man diese Oper kaum singen! Weltklasseoper im Kohlenpott. Bravissimo!
Peter Bilsing
MADAMA BUTTERFLY zum 3.)
Prädikat: Besonders wertvoll!
(Siehe auch WA)
Sie geniest schon jetzt Kultstatus: Tilman Knabes bereits in der vergangenen Saison entstandene Produktion von Puccinis „Madama Butterfly“ am Aalto Theater Essen. Die äußerst stimmige Inszenierung, ein Weltklasse-Dirigent, ein fulminantes Orchester sowie phänomenale gesangliche Leistungen hoben diesen außergewöhnlichen Abend, der mir persönlich FÜNF STERNE wert wäre, weit über das Durchschnittsniveau hinaus und sichern ihm das PRÄDIKAT: BESONDERS WERTVOLL! Diese hochkarätige „Butterfly“ ist wahrlich ein Juwel im Essener Opernrepertoire, das seinesgleichen sucht und auf das die Theaterleitung mit Recht stolz sein kann. Seit letzter Spielzeit ist diese meisterhafte Aufführung sogar weiter gewachsen. Sämtliche Beteiligte legten sich noch stärker ins Zeug als bei meinem letzten Besuch im Juni. Alles wirkte noch routinierter, noch flüssiger und noch ausgefeilter als damals. Hier sei der wackeren Marijke Malitius, die für die szenische Leitung der Wiederaufnahme verantwortlich zeigte, ein besonderes Lob auszusprechen. Es kommt nicht oft vor, dass Regieassistenten bei Wiederaufnahmen ein höheres Niveau erreichen als der Regisseur selbst bei der Premiere. Nun, Frau Malitius, die über hervorragende handwerkliche Fähigkeiten zu verfügen scheint, ist es gelungen, und zwar auf höchstem Niveau. Hier wächst eine ausgezeichnete Regisseurin nach, die mit Sängern augenscheinlich gut umzugehen versteht.
Begeisterung vermochte bereits die Inszenierung von Tilman Knabe auszulösen. Wie er es geschafft hat, die Oper zu modernisieren und dabei gleichzeitig ausgesprochen werktreu zu bleiben, ist schon einmalig und sichert ihm einen vorderen Platz in der Liga zeitgenössischer Regisseure. Es gab wirklich nichts, was dem Sinn des Stücks widersprach, sämtliche Regieeinfälle ließen sich aus dem Libretto heraus begründen. Und gerade diese jeden Kitsch vermeidende Aktualisierung des Stückes in Verbindung mit einer gewissenhaften Respektierung des Textbuches war es, die dieser Produktion ein ganz besonderes Flair verlieh. Wenn dann noch eine stringente Personenregie dazukommt, ist das Glück vollkommen. Knabe fordert von seinen Sängern schon sehr viel, indes behindert er sie an keiner Stelle am Singen, was heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Dem Regisseur gelingen treffliche Charakterisierungen. Insbesondere Butterflys Seelenleben, ihre Verzweiflung und Resignation kommen phantastisch zur Geltung. Sie macht im Verlauf des Abends eine Wandlung durch. Zu Beginn erscheint sie inmitten der von Gabriele Rupprecht modern eingekleideten Hochzeitsgesellschaft im japanischen Kimono, was sie als Fremdkörper inmitten der illustren Gäste erscheinen lässt. Das Aufeinanderprallen zweier diametral entgegengesetzter Lebenswelten wird hier einfühlsam vorgeführt. Die Liebe zu Pinkerton, den der Regisseur als gänzlich unsympathischen, Jeans und Lederjacke tragenden Macho mit Schirmmütze und Sonnenbrille darstellt, lässt sie aber sehr schnell ihr japanisches Outfit ablegen. Am Ende des ersten Aktes erscheint sie im Unterkleid. Im zweiten Akt haben sie und Suzuki sich dann total dem amerikanischen Way of Life angepasst. Cio-Cio-San trägt einen rosa Hausanzug, während die Dienerin inzwischen gleich Pinkerton Jeans bevorzugt. Übermäßiger Genuss von amerikanischem Fast-Food sind nicht ohne Wirkung geblieben: Die ehemalige Geisha ist dick geworden und hat Speckfalten bekommen. Sie raucht und frönt dem Alkohol. Jetzt ist sie ebenso verlottert wie Sharpless, der, ständig leicht betrunken und unordentlich gekleidet, ein recht armseliger Repräsentant der USA in Nagasaki ist. Butterfly hat sich den Lebensstil ihres Gatten ganz zu Eigen gemacht. Auch der von Alfred Peter stammende moderne Wohncontainer, in dem sie, Suzuki und das Kind hausen, ist amerikanisch eingerichtet. An der Wand prangt ein Bild von Barak Obama. Unter diesem erblickt man eine Miniatur-Freiheitsstatue und daneben hängt die Flagge der Vereinigten Staaten. Wenn die Titelfigur diese im zweiten Akt bei der Meldung von Pinkertons Schiff an sich reist und ausgelassen schwingt, werden Assoziationen an das berühmte Bild „La Liberte“ von Delacroix heraufbeschworen. Die amerikanische Unabhängigkeit verbindet Butterfly-Marianne in einer imposanten Geste mit der Freiheit der Französischen Revolution - ein sehr beeindruckendes Bild, das an die Stelle des hier oft anzutreffenden kitschigen Kirschblütensammelns tritt. Ihren Sohn erzieht Cio-Cio-San nach amerikanischer Manier, sie hat ihm die Liebe zu Superman, Micky-Mouse und Football vermittelt. Daneben hängt sie auch Tagträumen nach, die sich aus der Liebe zum geliebten Mann speisen. Es gehört zu den mächtigsten und eindrucksvollsten Bildern der Produktion, wenn sich ein Pinkerton-Double während des Vorspiels zum dritten Akt vom obersten Rang an einem Seil herablässt und Butterfly durch das Parkett auf ihn zueilt und ihn stürmisch umarmt. Dass Knabe mit Tschechow’schen Elementen umzugehen versteht, wird nicht nur an dieser Stelle deutlich. Der Figur der Kate lässt er eine ungemeine Aufwertung zuteil werden. Sie ist aufrichtig darum bemüht, die Zuneigung ihres künftigen Stiefsohnes zu gewinnen. Das Stofftier, das sie dem Kind in einem rührenden Moment schenkt, entreißt ihm die eifersüchtige Suzuki. Auch Kate behandelt sie recht grob. Überaus packend gelingt Knabe das Schlussbild: Nachdem sich Ci-Cio-San die Halsschlagader aufgeschnitten hat und blutüberströmt auf der kalten Erde des inzwischen gänzlich leeren Raumes liegt, stürzt ihr kleiner Sohn entsetzt auf sie zu, nimmt seiner toten Mutter die Perücke vom Haupt und streichelt ihr liebevoll über das Gesicht. Die „Butterfly“-Rufe Pinkertons, die aus dem hinteren Parkett zu kommen scheinen, lassen ihn aufmerken. Er zieht Butterfly das blutige Messer aus dem Leib und schreitet mit bedrohlicher Miene in die Richtung der Schreie und damit direkt auf das Publikum zu. Sein Gesicht drückt Mord aus. Wird er seinen Vater töten? Jedenfalls wird er ihn für immer hassen - ein überaus effektvolles und schockierendes Bild, das die Zuschauer nach Verklingen der Musik noch lange beklommen schweigen ließ, bevor sie in geradezu frenetischen Applaus ausbrachen. Gerade solche Bilder sind es, die ganz große Regiekunst ausmachen. Und dass Tilman Knabe inzwischen in der Spitzenliga der Regisseure spielt, kann nach diesem grandiosen Abend nicht mehr bezweifelt werden.
Auch in musikalischer Hinsicht wies der Abend regelrecht Festspielniveau auf. Wenn man Stefan Soltesz und den bestens disponierten und stets sehr intensiv aufspielenden Essener Philharmonikern lauschte, konnte man regelrecht ins Schwärmen geraten. Der Höreindruck war einmal mehr ein vollkommener. Soltesz und die Musiker entfachten einen Gefühlssturm von solcher Brillanz, dass es einem geradezu den Atem verschlang. An keiner Stelle irgendwie süßlich oder kitschig anmutend, war der Klangteppich derart von feurigen Emotionen und wohl dosiertem Vibrato durchwebt, dass sich einem nachhaltig der Eindruck aufdrängte, bei diesem Werk noch nie einen solchen musikalischen Glanz erlebt zu haben. Dazu trugen nicht zuletzt Soltesz’ vielfältige Differenzierungen, der große Farben- und Nuancenreichtum seines impulsiven Dirigats sowie seine große Steigerungskunst bei, die in dem größten musikalischen Glanz und erlesene Pracht atmenden Vorspiel zum dritten Akt einen geradezu majestätischen Höhepunkt fand. Alles, was man im Allgemeinen mit Puccinis Musik verbindet, fand unter Soltesz’ versierter Leitung eine vollendete Erfüllung. Mit diesen herrlichen Klängen konfrontiert, hätte auch das Herz des Komponisten höher geschlagen.
Eitel Wonne herrschte auch bei den Sängern. Das Aalto Theater hatte ein Ensemble aufgeboten, das höchsten Ansprüchen genügte und selbst im internationalen Vergleich mit Bravour bestehen könnte. Es war insbesondere Annemarie Kremer in der Titelpartie, auf die man gespannt war. Ängstlich fragte man sich, ob die Salome, an der sie sich im Oktober an der Wiener Volksoper versucht hatte, ihrer Stimme geschadet hatte. Diese Befürchtungen erwiesen sich indes als unbegründet. Frau Kremer sang so wunderbar wie eh und je, bezauberte mit teilweise sehr inniger und emotional eingefärbter Tongebung und beeindruckte im nächsten Moment wieder durch enorme dramatische Höhenflüge und prächtige Spitzentöne, die sie dank einer vorbildlichen italienischen Technik - diese hat sie nach Wien Gott sei Dank wiedergefunden - und auf der Grundlage einer gesunden Atemtechnik mehr als meisterte. Und auch ihre Darstellung war grandios. Die Wandlung Butterflys hat sie mit unglaublicher Intensität vermittelt, wobei sie ständig voll präsent war und eine große innere Beteiligung spüren ließ. Wieder einmal erwies sich Frau Kremer als ein wahres Bühnentier, das hundertprozentig in seiner Rolle aufging und diese in jeder Beziehung auszuloten verstand. Auch bei dem Sharpless von Mikael Babajanyan gingen vokale und schauspielerische Leistung eine Symbiose von großer Eleganz ein. Köstlich, wie er dieses heruntergekommene und nicht gerade Achtung gebietende Subjekt von Konsul darstellte. Und sein sehr wohltönender, bestens gestützter, ausdrucksstarker und sauber dahinfliessender Bariton hat wirklich Weltklasseformat. Äußerlich ideal war Corby Welch für den Pinkerton, dessen schleimigen und fiesen Charakter er ausgesprochen glaubhaft zu vermitteln verstand. Und auch gesanglich konnte man mit insgesamt ihm zufrieden sein. Nachdem er zu Beginn seinen Tenor nur steif und maskig eingesetzt hatte, fand er spätestens im Liebesduett mit Butterfly die Körperstütze seiner Stimme und lief im Folgenden zu ganz großer Form auf. Auch Marie-Belle Sandis vermochte als Suzuki durch beherztes Spiel und einen gut sitzenden, gefühlvoll eingesetzten Mezzosopran zu gefallen. Und was für ein ausgezeichneter Goro war doch Albrecht Kludszuweit. Man erlebt es wahrlich auch an großen Häusern nicht oft, dass ein Vertreter dieser Rolle so schön im Körper singt. Passabel entledigte sich Rene Aguilar seiner Aufgabe. Der Fürst Yamadori liegt für seinen ansprechenden Tenor aber etwas zu tief. Große stimmliche Bass-Autorität verbreitete der Onkel Bonze von Marcel Rosca. Eine solide Kate Pinkerton war Marion Thienel und aus dem süßen Kinderstatisten, dessen Name laut Auskunft des Essener Pressebüros aus rechtlichen Gründen hier leider nicht genannt werden darf, wird sicher einmal ein großer Schauspieler.
Fazit zum Schluss: Das war die beste „Butterfly“, die ich je gesehen habe und die garantiert einmal in die Annalen des Essener Opernhauses eingehen wird. Das Ende aller Zeiten mag denkbar sein, nicht aber, dass diese phänomenale Produktion ihre Gültigkeit verliert. Meinen allerherzlichsten Dank an alle Beteiligten für eine Vorstellung, die man so nicht alle Tage erlebt. Die Leitung des Aalto Theaters sollte sich überlegen, ob man diese grandiose Aufführung nicht auf DVD veröffentlichen sollte. Diese würde sicher ein Verkaufsschlager werden!
Ludwig Steinbach
DIE FLEDERMAUS

Besuchte Premiere am 10.12.11
Operetta goes Musical
Am Aalto-Theater ist Musical-Spezialist Gil Mehmert eine flotte Neuinszenierung von Johann Strauß S. Überoperette "Die Fledermaus" gelungen, die den alten Muff hinwegfegt, ohne die älteren Zuschauer zu verprellen. Eigentlich erzählt Mehmert die Handlung völlig gerade, sorgt aber durch unerwartete Ideen immer wieder für neue Sichtweisen, den Freunden des Kalauer-Urtextes wird dabei Genüge getan, dabei findet immer wieder eine intelligente Brechung der Theatermittel statt, die der Komödie unabdingbar sind.

Copyright aller Produktionsbilder: Aalto Theater / Iko Freese
Ungewohnt leer findet sich Adele auf der Bühne wieder, erst nach und nach werden Versatzstücke des bürgerlichen Salons der Jahrhundertwende hereingefahren, die die Eisensteinsche Ehekomödie umrahmen. Mehmert sorgt für einen geschwinden Handlungsablauf und musikalisches Agieren. Im Orlofsky-Ballsaal mit Fin de Siecle-Elementen nutzt Bühnenbildner Jens Kilian die modernen Mittel einer heutigen "Event-Location" in einem historischen Ambiente, so kann sich auch das junge Publikum im Champagnertaumel der Strauß-Melodien wiederfinden, Dagmar Morell steuert dazu farbenfreudige Kostüme bei, die sich auf keine Zeit festlegen lassen, da finden sich Belle-Epoque-Anklänge neben dem schicken Fünfziger-Jahre Prada-Kostüm bis zum spektakulären Glam-Rock der Achtziger, dem Auge macht es jedenfalls Freude. Das Pausenfinale krönt dann noch ein veritables Feuerwerk. Der ernüchternde Knast wirkt dann in zeitloser Tristesse bis zum bunten Schluss. Das macht alles Spaß anzusehen, die Zeit vergeht wie im Fluge, welches Wunder, denn Stefan Soltesz wäre auch meine erste Wahl für Johann Strauß. Endlich ein Dirigent, der weiß wie im musikalischen eine Pointe gesetzt wird, was ein Rubato ist und nicht alle Taktteile eines Walzers auf Eins-Zwei-Drei herunterpinselt. Seine Essener Philharmoniker blitzen nur so vor Vernügen, denn hier wird das Leichte mit dem nötigen Ernst behandelt. Schon die Ouvertüre rückt von den Tempi in die Nähe einer Meisterinterpretation a la Kleiber.

Gesanglich bleiben leider doch ein paar Wünsche offen: Alexandra Reinprecht ist zwar eine echt wienerische Rosalinde, die traumhaft maliziös ihr "Oh, je, wie rührt mich dies" anzustimmen weiß, wie sie ein punktgenaues, schauspielerisches Timing verfügt, doch die Höhe wird mit Mühe genommen, sonst wäre Reinprecht perfekt. Auch das muntere Stubenmädchen Adele gefällt in der textverständlichen Interpetationvon Hulkar Sabirova, die cremige Tiefe und Mittellage punkten, doch der Höhe fehlt einfach die nötige Anbindung und Brillianz. Dagegen besteht Peter Bording mit schon tenoralen Höhen seines leichten Baritons, wie blendender Lebemann-Erscheinung als bester Sänger des Abends, Heiko Trinsinger als dunklerer Falke kommt ihm schon sehr nahe. Andreas Hermanns Sänger Alfred weiß sich mit stupender Höhe, bei nicht immer gelungenem Schönklang, ebenfalls zu behaupten. Ob man den Orlofsky, wie in der Essener Premiere,mit einem Counter-Tenor besetzen sollte bleibt Geschmackssache, Matthias Rexroth gefällt beim "Ich lade gern mir Gäste ein", doch ansonsten bewegt er sich recht frei, teils oktavierend, im Notentext. Stark der Tenor Rainer Maria Röhr als stotternder Dr Blind, schwach der Gefängnisdirektor Frank mit recht schütterer Stimme von Michael Haag. Yara Hassan ist eine sehr präsente und ungemein sexy Ida. Tom Zahner hat als Frosch relativ wenig Text, doch bringt mit fast schon akrobatischem Spiel und enormer Mimik die Zuschauer zum Lachen. Dem Essener Opernchor machen seine spielerischen Aufgaben sichtlich Freude, rein vokal kommt das "Duidu" bei "Brüderlein und Schwesterlein" grober daher, als es müßte.

Mit der neuen "Fledermaus" hat das Aalto-Theater jedenfalls eine kurzweilige, amüsante Produktion am Start, die vielen Zuschauern Vergnügen bereiten wird, den älteren Abonennten, wie den jungen Theaterschnupperern.
Martin Freitag
Charme-lose FLEDERMAUS zum 2.)
Unter den Disco-Kugeln...
Eine FLEDERMAUS auf gutem Stadttheater-Niveau - da hat Kollege Freitag die Geschichte schon ganz gut beschrieben. Keine radikalen Ausfälle! Doch ist "Stadttheater" jetzt das Niveau mit dem wir wieder in Essen rechnen müssen, nachdem Stefan Soltesz seinen Vertrag nicht verlängert bekam?
Wir sind eigentlich Weltklasse-Niveau am Aalto gewohnt gewesen in den letzten Jahren. Sind das die Vorboten der Zukunft? Taucht man, nach der Ära Soltesz, so langsam wieder in die Tiefengefilden der Provinz ein. Es scheint so. Besonderen Charme hatte diese Inszenierung nicht. Die Pause mitten im zweiten Akt schien nicht schlecht gesetzt, aber danach kam keine Stimmung mehr auf. Alle wirkten irgendwie müde, man lieferte Theaterroutine ab.

Eine maue Inszenierung - allzu seichter Humor - am Ende mäßiger Beifall.
Zwar brachte das Regieteam ein paar nette Gags und auch das herausfahrende Gefängnis mit Anspielungen auf "Fidelio" war ganz witzig gemacht, aber sonst? Es fehlte ein vernünftiger roter Faden. Immerhin war diese Produktion noch besser als die letzte, die noch gar nicht so lange her ist. Wenigstens hat man nicht am Text herummodernisiert und gemurxt. Aber irgendwie wird man nicht glücklich.
Und sängerisch? Na ja! Der Kritiker kennt natürlich seine Texte, aber wer das erste Mal das Stück sah, hat doch einiges nicht verstanden - aber brauchen wir wirklich Übertexte bei der Fledermaus? Mikroports gar? Oder gibt es keine richtig guten Sänger seit Otti Schenks Wiener Prachtinszenierungen mehr? Mein einziger sängerischer Lichtblick in dieser Produktion war Heiko Trinsinger (Bild unten rechts).

Stefan Soltesz ist zwar immer der Souverän, aber manches gefällt weniger. Da natürlich jeder Kleibers geniale Leichtigkeit des Seins bei der Ouvertüre im Kopf hat, was Maßstäbe setzt, also drückt der Noch-Hausherr aufs Tempo. Im Finale der Ouvertüre beschleunigt er auf Formel-Eins-Temponiveau und bringt die Musiker fast an den Kollaps. Und richtige schmalzige Wiener Töne (Sorry, aber die müssen sein!) habe ich nur wenige gehört. So ist das Doppelbödige dieser genialen Musik kaum reflektierbar. Alles zu glatt, alles zu perfekt! Schön gespielt.
Note "3" gibt der Kritiker PB und das bedeutet bei einem ehemaligen Dauer-Einserkandidaten praktisch "ungenügend". Maue Zeiten brechen anscheinend in Essen an. Diese "Fledermaus" war ein unheilschwangerer Vorbote. Keine Option auf die Zukunft!
Natürlich könnte man boshaft sagen:
"Ihr Volltrottel von Lokalpolitikern! Ihr Kulturbanausen, damische! So mies wie ihr mit dem großen Stefan umgegangen seid, da habt ihr nichts anderes mehr verdient. Ihr hab ja ohnehin keine Ahnung!"
Könnte man sagen...
Traurig wäre das, traurig - wenn mein Kritikergefühl Realität werden sollte.
Dann: Goodbye yellow brick road....
Peter Bilsing
HOFFMANN ERZÄHLUNGEN zum 2.)
Premiere am 22.10.11,
besuchte Aufführung am 17.11.11
Hilsdorfs Wiederholungen
(Bilder siehe unten)
Regisseur Dietrich W. Hilsdorf steuert am Essener Aalto-Theater seine zwanzigste Inszenierung an, gerne erinnern wir uns vergangener Meistertaten wie "Aida", "Luisa Miller" und anderer, doch mit dem letzten Streich, Jaques Offenbachs genialem Fragment "Hoffmanns Erzählungen", ist ihm nurmehr ein müder Aufguss alter Ideen gelungen. Schon im Prolog in Luthers Weinstube, der wie der Epilog bei vollem Saallicht gespielt wird, bekommt man ständig das Gefühl von "Deja-Vues": da werden Horden von Choristen und Statisten durch die Zuschauer gescheucht, die handelsübliche Nackte darf sich entblättern, et cetera, P.P. Manche Ideen brauchen sich einfach ab, bei inflationärer Benutzung. Leider liegt auch über der Personenregie ein unglaubwürdige Müdigkeit wie Mehltau. Nach der leeren, offenen Bühne werden von Ausstatter Johannes Leiacker erst zu den Erzählungen, Fensterelemente gesäumt von Theatervorhängen hereingefahren, ganz offensichtliche Kulissen darstellend. Nur zu Antonias Tod, wie sei nicht verraten, und zur schlichten Lösung im Finale läßt der Bühnentiger Hilsdorf seine großartige Imaginationskraft spielen und erschafft packende Szenen.
Jede Aufführung des "Hoffmann" bildet sowieso ein neues Experiment, ob es Sinn macht an einem deutschen Opernhaus in französischer Sprache eine Version zu spielen, die mit vielen gesprochenen Texten und Melodramen der französischen Opera-Comique-Tradition arbeitet, wobei das Gros des Publikums sicherlich kein Französisch spricht, sondern die Oper mittels Übertiteln als Lesedrama funktioniert, wage ich zu bezweifeln.
Stefan Soltesz am Pult der Essener Philharmoniker bemüht sich ebenfalls um einen leichten, französischen Zugriff mit federnden Rhythmen und nahezu einer Diskretion der Orchestrierung, da wird immer fein und nie laut gespielt. Die Orchestermusiker vollziehen das mit viel Delikatesse, ebenso wie der Chor selbst bei seinen verschiedenen Aufstellungen im gesamten Theaterraum stets präzise und klangschön im Takt bleibt, was keine Leichtigkeit bei Soltesz teilweise doch sehr geschwinden Tempi ist; bei den Solisten bringt es mehr als einen zum Schleudern.
Thomas Piffka ist ein sehr intelligenter Sänger, als Hoffmann erinnert er an die späten Zeichnungen des romantischen Dichters, kein tenoraler Liebhaber, sondern ein gebeutelter, dem Alkohol zugetaner Enttäuschter. Grundsätzlich hat Piffka alle Töne der heiklen Partie, die enorme Stamina erfordert, doch durch das leicht heldische Fach der letzten Jahre fehlt es doch an Leichtigkeit ab dem Passagio und an Eleganz mancher Phrasierung, die Höhen werden öfters unter Druck angegangen, bei dem Lied des "Klein Zack" droht die Stimme gar zu brechen. Sehr idiomatisch mit samtigen, in der Höhe leicht dramatischen Mezzo die Muse/Niklausse von Marie-Belle Sandis. Thomas Gazheli gefällt mir nicht in den Rollen der vier Bösewichte, sein Bariton klingt knarzig und wird sichtlich mit viel Druck eingesetzt. Michael Haag singt Luther und die verschiedenen Väter, sein Spalanzani hat einfach zu viele falsche Töne, der Rest ist in Ordnung. Rainer Maria Röhr hat eigentlich keinen Buffo, sondern einen Charaktertenor, und verleiht den Dienerrollen interessante Profile. Die Damen sind in Essen einzeln besetzt: Rebecca Nelsen macht als Olympia mit nuanciertem Koloratursopran Furore. Olga Mykytenkos Antonia kommt mit leichter Primadonnenattitude daher, die Höhen ihres Sopranes habe ich leichter in Erinnerung, als es an diesem Abend klingt. Ursula Hesse von den Steinen ist als Giuletta eine absolut faszinierende Darstellerin, rein stimmlich finde ich ihren vollen Mezzo als etwas zu dramatisch für diese Partie. Almuth Herbst als Antonias Mutter überzeugt durch satten Mezzo/Alt.
Insgesamt ein Abend, der zwar das Stück gut über die Rampe bringt, doch bei den beteiligten Künstlern, hätte ich mir mehr erwartet. Die Zuschauer freuen sich über die romantische Oper und ihre zündenden, bekannten Melodien , daher ein freundlicher Applaus .
Martin Freitag
HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
PR am 22.Oktober 2011
Brotlose Kunst + Wein + blinde Liebe
Meine Sitznachbarin ist sichtlich verärgert: Können die Leute nicht mal zur Premiere pünktlich kommen? Denn die Vorstellung läuft schon seit gut 10 Minuten und immer noch quetschen sich einige Paare zwischen den Stuhlreihen durch und suchen nach ihren Plätzen. Peinlich, so was. - Es sind doch die Statisten, flüstert mein Sitznachbar von links, der Bescheid weiß. - Sehen Sie nicht ihre Eintrittskarten? Die sind für doch Don Giovanni. Und die Sitznachbarin rechts: Na hören Sie mal! Nicht nur, dass sie zu spät kommen, sondern auch noch zur falschen Vorstellung. Eine Katastrophe das. Ja!

Copyright aller Bilder: Thilo Beu
Nein. Die Katastrophe ist hier die erzählte Geschichte, eine Geschichte von einem glücklosen Künstler, der zu sehr dem Wein und der Liebe zu seinen erotischen Phantasien frönt. Er sitzt auf der leeren Bühne, sinniert über sein Verlangen, und irgendwo in einem Opernhaus singt seine Ersehnte im Don Giovanni. Hoffmann erzählt sich selbst.
Das Prinzip der Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf am Aalto-Theater in Essen ist einfach und bewährt: Der Anfang der Geschichte ist eine Einführung in Hoffmanns Leben. Man erfährt, wer er ist, wo und was er macht, welche Nöte ihn plagen – und man erfährt das alles in einem Weinlokal, das sich mit ausgelassen trinkenden Männern füllt. Der Chor jubelt, will trinken und singen. Das tun die Chöre auf der ganzen Welt, umso emphatischer, je bekannter die Trinklieder sind. Das ist so gewöhnlich, wie gewöhnlich das Jahreskonzert jedes Gesangsvereins ist. Der Chor ergötzt sich an sich selbst, das Publikum gähnt. Diese lange und langweilige Einführung überbrückt Hilsdorf geschickt, indem er Unruhe im Publikum stiftet. Das sind diese verspäteten und herumirrenden Platzsucher, das ist der Chor, der sich langsam in den Gängen im Parkett sammelt, und die Kellner, die für Weinnachschub sorgen. Der Saal bleibt voll beleuchtet, es ist noch nicht so weit, dass man etwas Interessantes auf der Bühne sehen müsste. Diese füllt sich erst im Laufe des Abends nach und nach, so wie sich die Erzählung nach und nach verdichtet.

Es sind die drei Liebesgeschichten, Hoffmanns Liebesphantasien, die diese Oper ausmachen. Die erste Phantasie, Olympia, ist bei Hilsdorf eine aufblasbare Puppe. Bekannte Beispiele zeigen, wie Regisseure Olympia bemüht puppenhaft und mechanisch spielen lassen. Ein Kardinalfehler. Denn - wie schon Stanislawski lehrt - je menschlicher die Puppe, je perfekter ihre Rolle. Schließlich sorg sie für die beste Täuschung der Sinne, für das Trugbild der Liebe. In einer beachtenswerten Choreographie singt diese Rolle Rebecca Nelsen.
Antonia, die zweite Liebesphantasie. Die Sterbende will nichts vortäuschen, sie will nur lieben und leben, oder lieben und singen. So ehrlich wie naiv. Nur Hoffmann weiß nicht so genau, was er lieber hätte. Er hat heute wohl schon zu viel getrunken, und von der Weinflasche in der Rechten trennt er sich immer noch nicht. Olga Mykytenko in der Antonia-Rolle ist die beste Stimme des Abends.

Schließlich Giulietta, die Kurtisane, die Erfahrene, die nicht auf die Liebesschwüre hereinfällt, obwohl sie diese - berufsbedingt - oft selbst benutzt. Sie leitet mit ihrer kaum wahrnehmbaren, und doch noch in der 9. Reihe gut erkennbaren Mimik den Spott ein: Der Schlusschor singt ausgerechnet eine Hymne auf die Liebe. Der Pathos im Gesang ist ein Hohn.- Ja ja, mein Lieber Trottel, die Liebe… Ieva Prudnikovaite meistert selbstsicher ihre Rolle, verzichtet auf übertriebene Attribute eines Freudenmädchens. Überflüssig nur, dass Reiner Maria Röhr in dieser Episode mit einem gewaltigen Penis herumläuft. Dass Männer ins Bordell nicht zum Skatspielen kommen, weiß man ja ohnedies.
Den Part der Muse & Niklausse singt und spielt Michaela Selinger. Mittlerweilen empfinde ich es als einen besonderen Reiz, dass sie zuweilen um 1/16-, vielleicht nur um 1/32-Ton tiefer singt. Es fasziniert, mit welcher Präzision sie diesen kaum hörbaren Unterschied immer wieder schafft. Dies verleiht der Sängerin und der Rolle eine subtile und doch unverkennbare Laszivität. Sie ist in Hoffmanns Geschichten seine Muse, sein Mentor - und der ruhende Punkt dieser Inszenierung -, und das einzige wirklich erotische Wesen. Nun, der Trottel merkt es nicht, so sehr ist er mit seiner Phantasie, mit dem Wein und mit seiner blinden Liebe zu Illusionen verfallen.
Thomas Piffka in der Titelrolle hat zu seiner Bestform als Sänger noch nicht zurück gefunden. Das macht er mit seinem Schauspiel wieder gut.#

Und doch ist der Gesamteindruck dieser Inszenierung etwas betrübt. Schwer zu sagen, woran es liegt, aber ich werde nicht das Gefühl los, dass hier etwas stört. Wahrscheinlich… Ja, es ist durchaus vorstellbar, dass dem Witz und der Ironie, die sowohl Offenbach als auch Hilsdorf eigen sind, der Ernst des Orchesterklangs im Missverhältnis gegenüber steht. Zu viel Wagner in diesem Klang. Dass Offenbach Mozarts Don Giovanni im Kopf hatte, ist schon im dramaturgischen Aufbau Hofmanns Erzählungen nicht zu übersehen, und in Mozartzitaten nicht zu überhören. Und dass er sich über Wagner stets lustig machte, könnte man hier den Klang für die Absicht eines musikalischen Witzes halten. Wenn das gemeint war, dann reichte der Wagner in der Offenbach-Musik für eine Parodie nicht aus. Stefan Soltesz hat sich zu sehr auf die so gelobte Qualität seines Orchesters verlassen. Nun, in dieser Interpretation fehlen dem Orchester das französische Esprit und die Wiener Leichtigkeit. Der Klang liegt zu schwer im Orchestergraben.

Dass diese „Hoffmanns Erzählungen“ ein Publikumsmagnet wird, ist sicher. Dafür stehen schon der Bekanntheitsgrad des Werkes, die geschätzte subtile Ironie der Hilsdorfschen Inszenierung, und der allgemein gute Ruf des Aalto-Musiktheaters. Probleme bereitet die Produktion den Opernkritikern, die auf eine Provokation, einen Skandal, auf noch nie dagewesenen „Hoffmans Erzählungen“ aus sind. Das Schwierige dabei ist, dass Offenbach mit seinem Werk weder provozieren, noch die Musiktheatergeschichte neu schreiben wollte. Er hat eine unterhaltsame Erzählung geschaffen. Dass der Stoff heute nicht bei jedem zieht, muss man bei ihm reklamieren. Wenn man‘s könnte. Und es ist gut so, dass das Original, diese unterhaltsame Erzählung, als eine solche gespielt wird.
Jan Ochalski
Weitere Vorstellungen: 29. Oktober, 1., 4., 6., 10., 13., 17., 19., 27., 30. November, 26. Dezember 2011, 13., 15. April, 17., 20. Juni 2012.