DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Nicht die Mama!

Baby will Satie hören!!!

Endlich ! Das langerwartete 1. Konzert für Babys findet am 18.4.2012 statt

Vorwort

Kennen Sie das süßeste Baby der Welt!? Nein? Es trägt den wirklich reizenden Namen "Aah-ah-ich-sterbe-Du-Idiot SINCLAIR". Warum?

Darum > http://www.youtube.com/watch?v=s5x14zfqMtM

Es gibt nur eine TV-Kinderserie, die nach Sesamstraße, Alf und der Muppet-Show - meine erklärten Lieblinge, ebenso die Lieblinge meiner vier Kinder, weil sie alle Folgen zwangsweise mit dem Vater anschauen mussten - die wirklich als absoluter "Kult" gilt, sie heißt: Die Dinos

Mehr > http://www.youtube.com/watch?v=rXkYO-AAVjk

Diese bezaubernde Dino-Family war einfach genial; auch im pädagogischen Sinne! Leider gibt es sie nicht auf DVD, zumindest nicht auf deutsch. Was für eine Kulturlücke: aufwachen Ihr DVD-Produzenten!

Stichwort "Kulturlücke"

Da schafft es doch die Essener Philharmonie (das Konzerthaus mit den bequemsten Sitzmöbeln Europas) in der Tat noch eine echte Kulturlücke zu schließen, und damit Besucherscharen, im weitesten Sinne, ganz neue (bisher unbeachtete!) zu requirieren. Man widmet sich endlich den Jüngsten. Sie denken jetzt an Kinder, stimmt´ s? Falsch! Jünger bitte! In Ihren schockierten Augen lese ich: "Etwa Kleinkinder?" Schon wieder falsch! Noch jünger bitte!

Es geht um ein Konzert für Babys. Nein, der erste April ist vorbei (aber was wäre das für ein superber Aprilscherz gewesen) und ich will Sie auch nicht verhohnepiepeln, wirklich nicht. Es findet am 18. April um 11 h tatsächlich statt, das "Konzert für Babys & ihre Eltern". Was für ein Geniestreich!

Achtung, liebe Rabenmütter! Das Kind abliefern und dann für eine Stunde Shoppen gehen, gilt nicht - geht nicht! An den Türen stehen sogenannte Kindergarten-Cops, kinderfreundliche Bodybuilder, die Sie im Auge behalten werden und die bisweilen auch gegen Frauen recht grob werden können.

Zurück zum Thema Babys und Musik - hier: klassische Musik. Ich fange einmal ganz früh an, weil es eines meiner Lieblingsthemen ist und ich als vierfacher Familienvater viel dazu, aus eigener Erfahrung, beisteuern kann. Sollten Sie Sprösslinge planen, sich etwaige schon im Aufbau befinden oder bereits das Licht der Welt erblickt haben, dann sind diese Zeilen für Sie wichtig und hoffentlich erkenntnisreich.

Die Ungeborenen und die Musik

Opernfreunde nun bitte vor dem Weiterlesen die Oper "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss auflegen!

Wie amerikanische Hochschulprofessoren in einer Studie schon vor 30 Jahren beschrieben (auch dies ist kein Scherz!) sollen Ungeborene bei Mozart-Musik ganz prächtig gedeihen und sich später (da fehlte allerdings dann der wissenschaftliche Beweis) zu sensiblen, kreativen und besonders freundlichen Menschen entwickeln. Beschallen ihre groben Eltern sie allerdings mit Wagner´s Werken, sollen die späteren Rotzlöffel sich wohl ausgesprochen aggressiv und hyperaktiv (ADHS) entwickeln. Stockhausen-geschädigte Kinder wurden häufig zu Autisten und zuviel Tschaikowsky... - au weiha, da können Sie ihren Jungs ja gleich Barbiepuppen schenken!

Das schrieben - wie gesagt - amerikanische Wissenschaftler. Aber ich kann Ihnen aus meiner Erfahrung ehrlichen Herzens bestätigen, daß weder Wagner noch Deep Purple, weder Elvis noch Bernd Alois Zimmermann, weder Pink Floyd noch Schostakowitsch, weder Verdi noch Ligeti oder gar Die Toten Hosen zu Frühgeburten, Spätschäden oder irgend welchen erkennbaren Defiziten geführt haben bei meinen Kindern. Zumindest bis jetzt! Selbst gelegentliches Heino-Hören im Mutterleib, wenn die Schwiegermütter zu Besuch waren, oder Heintje´s Maamaaaah evozierte keinerlei Schädigung.

Als die Kinder dann auf der Welt waren, entdeckten wir Eltern mit großem pädagogischen Spürsinn, auch der Eigenschaft geschuldet, daß wir beide nicht Singen konnten, die ganz prachtvolle CD-Reihe "Der Holzwurm in der Oper". Sie ist immer noch erhältlich und bekommt von mir das Prädikat "ewiglich besonders wertvoll":

http://www.amazon.de/Holzwurm-Oper-die-Zauberfl%C3%B6te-Ilja-Richter/dp/B000024CW1/ref=sr_1_sc_1?ie=UTF8&qid=1334242232&sr=8-1-spell

Auf ganz wunderbare Art und Weise erklärte der schon seit 300 Jahren im Gebälk der Oper hausende alte Holzwurm (Ilja Richter) seiner jungen Freundin, der Motte namens Mottadella (Silke Dornow), eine Oper; Dazu gab es passend die entsprechenden Originalszenen aus alten Karajan-Produktionen. Mit fünf Jahren kannten meine jeweiligen Kinder die wichtigsten Opern und die dazugehörigen Arien praktisch auswendig. So erzieht man den Kindern die Liebe zur Oper an!

Heute hören und schauen sie DSDS...

Doch jetzt endlich zum Hauptthema, nämlich dem Konzert für Babys

Original Pressetext:

"Zum ersten Mal bietet die Philharmonie Essen ein Konzert für Babys und ihre Eltern an: Am Mittwoch, 18. April 2012, um 11 Uhr findet ein speziell für diese Altersgruppe konzipiertes Programm im RWE Pavillon statt. Und die Nachfrage ist groß – längst gibt es für diesen Termin keine Karten mehr. Gestaltet wird der Vormittag von Nora Baldini (Harfe), Hermann Keller (Bass) und Jutta Behrwind (Moderation und Singspiele).

Die Harfe mit ihrem sanften Klang kommt dem feinen Gehör der Kleinen entgegen, unterstützt vom Bass wandert sie durch die musikalischen Welten der Tänze. Wie auf einer Gondel, die sich in den Kanälen Venedigs wiegt, erklingen Barcarole oder auch Musik von Erik Satie. Für Krabbelkinder einen ersten Versuch wert sind sicher die höfischen Schreittänze wie Menuett und Pavane. Der Klassiker unter den europäischen Tänzen, der Walzer, lädt zum Schaukeln ein – im heutigen Konzert aus den Federn von Brahms, Debussy und Strauß stammend. Welchem Kind die wilden Pferdchen jedoch lieber sind, dem werden die feurigen Tänze aus dem spanischen Raum, aus Ungarn und Irland ganz toll gefallen. In der kommenden Spielzeit bietet die Philharmonie Essen am 6. Februar 2013 erneut ein Konzert für Babys an."

Jau, datt isset!

Das klingt doch phantastisch, oder? Ich kann mir wirklich bildhaft vorstellen, welche Baby-Sause da am 18.4. abgehen wird, wobei ich mir allerdings die ketzerische Frage stelle, wie die Sache akustisch gelöst wird. Werden die beiden klassischen Instrumente elektronisch verstärkt?

Wie jeder Musiker weiß, können drei schreiende kleine Pupser schon ein halbes Sinfonieorchester deutlich übertönen und da frage ich mich natürlich: Was passiert, wenn gleich hundert süße kleine Knuddelkerlchen schreien? Babygeschrei steckt bekanntlich an. Und nach den Erfahrungen mehrerer Babykrippen hatte ich stets den Eindruck, daß all die kleinen Mümmelmänner schon das Musical "Annie get your Gun" kannten. Alles was du kannst, daß kann ich viel lauter...

Ich würde aber das ganze noch mit gymnastischen spielerischen Einlagen verbinden, wie z.B. das Mutter-und-Kind-Tanzen:

Mach mir den Windel-Walzer

Der Walzer lädt zum Schaukeln ein. Da stellt sich die Frage: Wie? Schaukeln die Torfnasen in der eigenen Wiege oder werden sie auf dem Boden liegend mit dem zarten Eltern-Füßlein angestüpst? Tanzen die Mütter mit den Säuglingen auf dem Arm gar Walzer alleine, oder gibt es auf den Elternarmen nur ein leichtes Schwing-Dubiduh? Lustig könnte auch sein, wenn man den Greifreflex nutzend - Babyfinger um den Eltern-Zeigefinger - die Kleinen so richtig dirigieren lassen würde. Das geht auch anders: man nimmt zwei Trommelstöcke und bindet jeweils ein Handgelenk der Kleinsten mit Seidenbändchen daran. Heia poppeia, was macht das Dirigieren dann Spaß! Mein absoluter Filmtipp hierzu "Der kleine Scheißer" . Diesen köstlichen französische Film muß man als Eltern eines Kleinkindes einfach gesehen haben; bitte nicht vom Titel abschrecken lassen! Humorvoller wurde ein Babydasein (aus der Sicht des Kindes) niemals zuvor gezeigt.

http://www.amazon.de/Der-kleine-Schei%C3%9Fer-Thierry-Lhermitte/dp/B0007XR3A0/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1334247672&sr=8-1

z. Zt. nur 5 Euro

"It´s just take a jump to the left...

Höfischen Schreittänze wie Menuett und Pavane... Einfach wunderbar, denn damit wenden wir uns dem Gehreflex zu. Was wird das für ein Bild geben, wenn hundert Kleinlinge (an den großen Elternhänden hängend) ihre Luftballett-Schrittchen tätigen. Hoffentlich ist wenigstens der WDR dabei und dreht ein paar Szenen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, daß so ein alter klassischer American-Square-Dance ebenso machbar wäre, wie der Jump-Dance aus Rocky Horror (mit den Süßen in Vorhalte); ist allerdings nicht so leicht nur mit Harfe & Bass zu spielen - aber dennoch. Der kreativen Tanz-Bewegungslehre sind schier keine Grenzen gesetzt.

"Feurige Tänze aus dem spanischen Raum

Dammp damma damp damp ... dahdamm daddamm - was für Möglichkeiten bietet z.B. der Paso-Doble. Weniger ängstliche Eltern könnten hier auch herrlich den Kindertausch - das Wechseln der Sprösslinge durch kurzes Zuwerfen - einbauen. Aber Vorsicht! Unter 9 Monaten ist die Rücken- und Halsmuskulatur noch etwas sehr schwach entwickelt.

Ja, da muß man manch allzu forschen Eltern schon auf die Finger gucken! Ich erinnere mich noch mit Grausen an einen nassforschen Vater beim Babyschwimmen, der mit seinem Sohn Arnold-Kevin doch glatt vom 5 Meter Turm springen wollte. GsD hatte es ein wachsamer Bademeister verhindert ("Immer nur einer auf dem Sprungturm!!!")! So sind sie, manche Eltern. Später stellen sie mir ihre Kinder dann mit den Worten vor: "Das ist unser Richard-Gustav! Er ist erst 11, hat aber schon fünf  Götterdämmerungen gesehen und war mit Papa vier Mal in  Tristan & Isolde. Zuhause hört er nur Mahler, Bruckner und Schostakowitsch...." Als ich dann das kleine Multitalent nach Schnittke fragte, glotzte er mich an wie ein Ölgötze...

"aus Irland"

Jeder Pampersheld wird ein kleiner Michael Flatley. Hei wie schön ist doch der Fluzeugkreisel, oder wenn Papa Dich hochwirft und Mama unseren Schatz wieder (hoffentlich!) auffängt. Den Doppelsalto kriegen wir dabei doch genauso hin, wie die dreifache Schraube. Wissen Sie was ein Barani ist? Antwort: Ein Salto vorwärts mit halber Schraube! Oder wie gut sieht ein Quadriffi aus. (Googlen!) Hoffentlich ziehen viele weitere Philharmonien, Tanzhäuser, Volkshochschulen und Schwimmbäder nach.

Auch denke ich, daß sich hier viele erfüllende Job-Perspektiven für arbeitslose Berufsmusiker ergeben könnten. Allerdings sollte für weiterer Veranstaltungen dieser Art, vielleicht schon beim nächsten Baby-Aktivkonzert am 6. Februar 2013, mehr Instrumente einbezogen werden.

Dann ergäben sich weitere tolle Bewegungsmöglichkeiten und rhythmische Kinderspiele, wie

- Fröhliches Hängen an der Zugposaune mit Beinchenschwingen zu Janacek

- Wir springen alle vom Flügel bei Haydns Paukensinfonie

- Klarinetten-Staffel

- Käserollen auf der Klaviatur

- Auf der Pauke liegend mit den Patschhändchen In-a-gadda-da-vida

   trommeln

- In die Tuba um die Wette kotzen

- Fechten mit der Piccoloflöte

- Irischer Step-Dance auf Bratschen

 

und nach dem Konzert:

Schluß jetzt! Viel Spaß am 18.April - Und:

"Vielen Dank für überhaupt Nichts!"

http://www.youtube.com/watch?v=HgZm2GWMXn0&feature=related

allen Beteiligten: Hals- und Beinbruch....

 

herzlichst     Ihr     Vatter Bilsing

P.S.

Danke Frank Becker für das süße Baby-Bild.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Viva LA GRUBEROVA - immer noch unerreicht...

Konzert in der Essener Philharmonie am 1.April 2012

„Alles Vollkommene in seiner Art muß über seine Art hinausgehen, es muß etwas Anderes, Unvergleichbares werden. In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel; dann steigt sie über ihre Klasse hinaus und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen, was eigentlich Singen heiße.“ (Goethe)

Kann man den Gesang dieser großen Diva besser beschreiben...? Natürlich ist sie keine "Assoluta", was in so großspurig, wie blöden und reißerischen Werbetexten öfter zitiert wird. Freunde ! eine "Primadonna Assoluta" ist eine Sängerin die ALLES gut bis sehr gut singen kann (Sic!) - Maria Callas war eine solche Sängerin, hat aber GsD nicht alles gesungen, was möglich war.

Edita Gruberova ist immer noch die "Königin der Koloraturen" oder auch zurecht die "slowakische Nachtigall" tituliert, wenn man Bilder bemühen möchte. Trotz ihrer 65 Jahre - mit 66 Jahren, da fängt das Leben an..., sang Udo Jürgens einst - hat sie aber immer noch so viel anzubieten, daß missgünstige Kolleginnen nicht nur vor Neid erblassen, sonder diese noch sehr viel von der großen Dame lernen könnten.

Erbsenzähler würden vielleicht sagen, (ich zitiere hier meinen Freund und Kollegen Martin Freitag), daß sie nicht mehr den endlos langen Atem ihrer Glanzzeit besitzt, die Belcantolinie nicht vollständig durchgebildet ist, die Höhe leichte Schärfen enthält, völlig egal, denn Gruberova wagte stimmlich Risiken, die sie sich früher nicht getraut hätte und gewinnt dabei auf ganzer Linie. Das ist einfach grandios.

Als wenn die Gruberova das Goethe Zitat beweisen wolle, gab sie als erstes die Vocalise aus Parysatis (Camille Saint-Saens - Le Rossignol et la Rose) und läßt uns den Atem stocken. Es gibt vielleicht eine handvoll Sängerinnen auf der Welt, welche dieses Stück überhaupt einigermaßen singen können, aber La Gruberova ist immer noch die Königin. So gab es im ersten Teil noch weitere Zirkusstückchen von Gounod für Kehlkopfartisten: "Je veux vivre dans ce Reve" (Romeo et Juliette) und "O legere hirondelle" (Mireille) danach Meyerbeers "Ombre Legere". Das sehr konzentrierte Publikum raste.

Im zweiten Teil bewies La Gruberova, daß sie ihren Donizetti (La Fille du Regiment) und Bellini (La Sonnambula) immer noch so gut beherrscht wie vor 30 Jahren. Eine hervorragende Werkauswahl auch ohne Norma, die sie gerade noch in Köln komplett konzertant  mit Riesenerfolg gesungen hatte. (Siehe unsere Kritik: http://www.deropernfreund.de/oper-koeln-neu.html). Wer jetzt die Philharmonie vorzeitig verließ und zum Parkhaus stürmte, verpasste die Sensationen des Abends, nämlich zwei Zugaben, die es in sich hatten: Bernstein & Strauß im Jovialen vereint.

Last but not least, wollen wir den Hausdirigenten des Stars, Andriy Yurkevych, nicht vergessen, der das Münchner Rundfunkorchester mit adäquatem Beiprogramm und als sensibler Begleiter der Diva kompetent leitete sowie mit gelassener Routine und Fröhlichkeit sympathisch überzeugte.

Fazit: Wer es schafft, nach einem durchaus schweren Konzert, als 2. Zugabe noch Bernsteins “Glitter and be gay” - in geradezu hinreißender, nicht nur gesanglicher, sondern auch absolut genialer musiktheatralischer Präsentation und kluger Interpretation - so zu bringen, ist nimmer zu alt für die Opern-Bühnen dieser Welt. Viva la Gruberova!

In meinem Leben noch nie – auch nicht nach über zwanzig Fledermäusen (die meisten waren Floddermäuse, nebenbei bemerkt) – habe ich eine Sängerin bei Adeles Arie “mein Herr Marquis” (als 1.Zugabe) so schlüpfrig herablassend und ironisch beißend, perfekt trillierend, lachen hören – was für eine Interpretation!

Das Publikum war perfectly amused. Ein toller, sehr beeindruckender Gala-Abend. Dank Unterstützung durch die Philharmonie-Stiftung und die Sparkasse Essen waren die Karten (teuerster Platz: 75 Euro) eigentlich preislich sehr demokratisch - keine elitäre Starveranstaltung: La Gruberova für alle!

Peter Bilsing

Dank für die wunderbaren Bilder an Sven Lorenz

P.S.

Glitter and be gay - Bratislawa 2008:

http://www.youtube.com/watch?v=5gCqBxA1h9c

 

Gesamtprogramm

1.) Camille Saint-Saëns “Le Rossignol et la Rose” Vocalise aus “Parysatis” Massenet

2.)“Air de ballet” aus der Orchestersuite Nr. 4 “Scènes pittoresques” Gounod

3.) “Je veux vivre dans ce Rêve” Walzerlied der Juliette aus “Roméo et Juliette” Gounod

4.)“O légère Hirondelle” Walzerlied der Mireille aus “Mireille” Massenet

5.) “Angelus” und “Fête bohème” aus der Orchestersuite Nr. 4 “Scènes pittoresques” Meyerbeer

6.) “Ombre légère” Arie der Dinorah aus “Dinorah, ou le Pardon de Ploërmel” Donizetti

---

7.) Ouvertüre zu “La Fille du Régiment” Gaetano Donizetti

8.) “C’en est donc fait … / Par le rang et par l’opulence … / Salut à la France!”

      Rezitativ, Cavatine und Cabaletta der Marie aus “La Fille du Régiment”

9.) Ambroise Thomas Ouvertüre zu “Raymond”

10.) Vincenzo Bellini “Oh! Se una volta sola rivederlo io potessi / Ah! non credea           mirarti … / Ah! non giunge uman pensiero …” Schlussszene der Amina

        aus “La Sonnambula”

Zugaben:

a) "Mein Herr Marquis" (Johann Strauß) "Die Fledermaus"

b) "Glitter an be gay" (Leonard Bernstein) "Candide"

 

 

Vorweg zu ANGELA GHEORGHIU:

Liebe Leser! Es gibt leider keine Bilder vom gestrigen Abend, obwohl die Diva in drei so schönen Kleidern erschienen und der Hausfotograf der Philharmonie sich die Finger geradezu wunde geknipst hat. Folgendermaßen lautet die Begründung der Pressestelle: Liebe Medienvertreter, für Ihre Berichterstattung zum gestrigen Konzert von Angela Gheorghiu in der Philharmonie Essen kann ich Ihnen bedauerlicherweise kein Material vom Live-Auftritt zur Verfügung stellen. Ich nenne auch gerne den Grund: Die Künstlerin wollte keines der von uns produzierten Bilder freigeben. An diese Vorgaben sind wir leider vertragsrechtlich gebunden.
 

Angela Gheorghiu

"Wohlklang... und ein toller Tenor"

Philharmonie Essen am Samstag, dem 11. Februar 2012

Jubel und "Hoch"- Rufe für Roberto Alagna den großen Tenor und Ehepartner des Abendstars, nicht auf der Bühne - nein, als er den Zuschauerraum betritt und erkannt wird. Vielleicht auch eine Art Entschuldigung für das schnöselige italienische Publikum, welches 2006 an der Scala (wo sonst?) während einer "Aida" diesen schönen Sänger erbarmungslos ausgebuht hat, worauf Alagna mitten in der Vorstellung die Bühne verließ. Recht so! Wir hier in Essen lieben diesen Mann - quod erat demonstrandum. "Hoch Roberto!"

Wenn der Rezensent über den rumänischen All-Star Angela Gheorghiu schreibt und ihr Konzert in der Essener Philharmonie kritisch würdigen möchte, dann muß er sich erst einmal von ihrem vielverbreiteten Presse-Image loslösen, denn die schöne Angela sie gilt als außerordentlich schwierig und man findet immer wieder das Wort "Zicke" in den Feuilletons.
Ich kann mit großer Freude nur Positives berichten und muß erst einmal bestätigen, daß sie für das Eintrittgeld von 100 Euro (für einen guten Platz) ihren Fans allein quantitativ enorm viel geboten hat. Das Konzert dauerte von 20 h bis 22 30 h (5 Zugaben!) und in der nach-konzertlich angehängten Autogrammstunde saß sie bestimmt noch bis spät in die Nacht für ihre Anhänger bereit, deren hunderte (viele ältere wohlsituierte Herren) auch nach Mitternacht wohl noch stundenlang ausharrten. Das nenne ich Treue! Ach hätten Sie nur solche tollen echten Freunde und Verehrer, Herr Bundespräsident Wulff!

Beim Begriff "Zicke" denke ich, nach meinen Erfahrungen in der Essener Philharmonie eher an einen großen Weltentenor, eine männliche Zicke wie einige behaupten, auch wenn ich das Wörtlein so niemals direkt verwenden würde. Ich habe immer noch das minimale Mager-Konzert von Herrn Diego Florez in Erinnerung, welches gut 45 Minuten kürzer war (incl. einer simplen Dacapo-Zugabe), aber bei erheblich höherem Eintrittspreis. Auch denke ich noch immer über die nach der Pause verkündete Drohung des Intendanten (!) verbunden mit der Vorwarnung des sofortigen Konzert-Abbruchs, wenn ihn weiterhin seine Fans aus dem Parkett hinterhältig fotografieren würden.

Doch zurück zu "La Gheorghiu"; sie bot ein buntes Kaleidoskop an Arien und Songs über die gesamte zeitliche Historie der Gattung Oper, bis hin zum heutigen Musical ("I could have danced all night...") - ein variantenreiches Programm:

"Lascia ch´io pianga" (Händel) RINALDO
"Amato Alfredo..." im Duett mit Manea (Verdi) LA TRAVIATA
"Vive amour qui rève" (Massenet) CHERUBIN
"O soave fanciulla" im Duett mit Manea (Puccini) LA BOHEME
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"Va, je t´ai perdonne..." im Duett mit Manea (Gounod) ROMEO & JULIETTE
Das Lied an den Mond (Dvorak) RUSALKA
"Ebben, ne andrò lontana..." (Catalani) LAWALLY
"Muzika" (Grigoriu) DONAUSWELLEN

Den im Programmheft avisierten Schlager "O mio babbino caro" aus Puccinis "Gianni Schicchi" ließ sie leider - zur Enttäuschung ihrer Fans - aus; einmal Puccini reicht ja auch eigentlich. Dafür gab es eine recht variantenreiche Zugabenmischung vom Volkslied über Traditionals (Granada) bis zum erwähnten Musical.

Als Kritiker hat man natürlich bei einem solchen Konzert die Ohren schon angefüllt mit dem Gesang vergleichbar großer Stars, wie Celia Bartoli, Anna Netrebko, Renée Fleming, Anja Harteros, Marlis Peterson, Mojca Erdmann oder Diana Damrau - um nur Einige zu nennen. Und da wird es dann schon schwierig zu beschreiben, welche Stücke heuer von dieser schönen Diva noch wirklich als absolut herausragend und gänsehauterzeugend zu bewerten sind, und warum es sie über die angesprochenen Kolleginnen aus der Premier-League stellt; hatte sie doch gerade eine CD, die sie als Hommage an die Callas betitelte, herausgebracht. Die Fans wollten "La Traviata" - Auszüge aus jener Oper mit der ihr internationaler Siegeszug 1992 begann und bei deren Interpretation der große Sir Georg Solti sogar Tränen in de Augen gehabt haben soll.

Niente! An diesem Abend war nichts solo Belcanteskes von Verdi oder Puccini dabei, außer dem unvermeidlichen Ab- und Ansingen des Verdi-Highlights "Bibiamo..." als quasi Abschiedsongs (letzte Zugabe) mit unerträglicher Klatschmarsch-Begleitung eines sich schon im Aufbruchstrubel befindlichen Publikums. Da kehrt man doch gerne nochmal ins Auditorium zurück um im Klatschmarsch unserem schönen Verdi den Rest zu geben. Übler und unsensibler kann man das Trinklied kaum klatschend zerhacken. Aber es schien den Künstlern zu gefallen! Und das edle Publikum gefiel sich ohnehin.

Stichwort "Künstler." Da möchte ich unbedingt eine große Lanze für einen der schönsten Tenöre brechen, die ich in den letzten Jahren gehört habe: Marius Manea. Bitte den Namen merken! Wenn mich nicht alles täuscht, hat der Rumäne noch eine große Zukunft vor sich. Der Mann singt grandios und hat eine stupende Atemtechnik. "E lucevan le stelle" - hatte man bei Pavarotti, zumindest im fortgeschrittenen Alter, stets die Angst, daß dem Weltstar bei den Spitzentönen gleich der Schädel platzt, gelangt Manea mit schier müheloser Leichtigkeit und kraftvoller Dramatik in die höchsten Töne. Seine Arie des Macduff "Ah, la paterna Mano" war eine Meisterleistung und auch als Duett-Partner hatte man durchgängig irgendwie den Eindruck, daß er seine Partnerin fast an die sprichwörtliche Wand sang.

Bild: Bayerische Staatoper

Hören Sie sich diesen wunderbaren Burschen an:

http://www.youtube.com/watch?v=X4D6xTodvFo

http://www.youtube.com/watch?v=z5i1mr1Pqgs

Tiberius Soare musizierte mit der Philharmonie Südwestfalen auf hohem Niveau, wenn auch manchmal etwas laut. Seine Musikalien-Auswahl an Highlights war einfach und herzerweichend: Forza-Ouvertüre, die berühmten Intermezzi von Puccini und Mascagni und ein Kaiserwalzer, der sich gewaschen hatte. Ja, da hätten Euch die Ohren geklungen, liebe Wiener Freunde...

Peter Bilsing
 

 

Vive la France! - Mahler 9. a la Bonheur!!!

"Verwehte Jugend, zerbrochene Liebe..."

Daniele Gatti & das Orchestre National de France setzen Maßstäbe

Philharmonie Essen am 7.Dezember 2011

 

"Zum letzten Abschied...."

Es gab viele großartige Mahlerkonzerte in der Essener Philharmonie. Allein die Bochumer Symphoniker unter Steven Sloane spielten im Laufe der Jahre alle Mahler Sinfonien mit Bravour ein und begeisterten, die zum Teil von großer Ferne angereisten, Musikfreunde. Das letzte Mahler-Highlight präsentierten die Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott noch vor ein paar Wochen. Wer hätte vor Jahren gedacht, daß ausgerechnet Essen einmal zur Mahler-Stadt Nr. 1 sich entwickeln könnte. Zur Zeit kann man das mit Fug und Recht behaupten. Die Konzertplanung und Realisierung unter Intendant Johannes Bulthaupt läßt kaum noch Wünsche offen.

Copyright: Marco Dos Santos

Jetzt setzte Daniele Gatti mit dem Orchestre National de France und einer Trauminterpretation von Mahlers 9. noch einen drauf; für mich das Beste Konzert, welches wir seit Bestehen der Neuen Essener Philharmonie im Jahre 2004 gehört haben. Gott sei Dank saßen auch viele junge Menschen im Konzert, aber leider war es trotz moderater Preise nicht ausverkauft, dafür begegnete man aber einem quasi handverlesenen Publikum, welches sich während der Aufführung als hochkonzentriert zuhörende Musikkenner und Genießer entpuppte. Was für eine angenehme Zuhörerschaft!

Im traumverlorenen vierten Satz z.B. wagte man an den Pianissimo-Stellen kaum zu atmen, nichts regte sich; kein Hüsteln, kein Rascheln - die Nerven waren zum Bersten gespannt. Die Luft wird eng wie auf hohen Berges Gipfeln - dabei hören wir nur zu. Und dennoch explodiert der Puls in spannungsvoller Erwartung. Hochspannung pur! Stille wird hörbar und nach dem letzten leisen, fast unhörbaren Ton hält die Dramatik noch fast eine schweigende Minute lang an - so etwas habe ich selten erlebt. Und wer gestern dabei war wird es nie vergessen. Ein Jahrhundertkonzert!

Dann senken sich die Arme dieses genialen Dirigenten und ein Orkan bricht los. Jeder Zuhörer (bis zur letzten Reihe) hatte realisiert, daß hier heute ein Ausnahmeabend von einmaliger Interpretation stattgefunden hatte. Mahler, wie man ihn vielleicht in all seiner Spannung, Dramatik, Zerrissenheit und Genialität so in diesem Leben nie wieder zu hören bekommen wird. Das Maß der Dinge an zeitgemäßer Mahlerinterpretation. Besser geht es nicht! Ein Traumabend... Musik aus tiefster Seele, die tief in unsere Seelen eindrang.

Im vierten Satz, dem vielleicht schönsten und ergreifendsten Stück Musik, das je komponiert wurde, haben viele Tränen in den Augen ob der eindringlichen Schönheit dieses unendlich scheinenden Abschieds. Des genialen Komponisten Lebenslied erklingt so nachvollziehbar, wie erschütternd vergänglich: "Mahlers Seele singt ihren Abschied. Er singt sein ganzes Inneres. Seine Seele singt - singt - zum letzten Abschied: Leb wohl! Sein Leben so voll und reich - ist jetzt bald beendigt." (W. Mengelberg).

Das Orchestre National de France spielt auf, als hätten sie nie etwas anderes gespielt. Irdisch verträumt die Holzbläser, fast schauerlich schön die Bratschen, die chromatischen Läufe und Crescendi der Streicher ergreifen das Herz und der Tod war noch nie so strahlend im goldenen Blech. Ob große Struktur in den Tanzrhythmen oder deren Zerfall in immer kleinere Mikrostrukturen, scheinbar Unzusammenhängendes fließt ineinander um gleich wieder aus- und aufzubrechen - welch Mikrokosmos von Weltenklang! Es ist ein stetiger Wechsel von Drängen und Zögern - die hochkonzentrierten Musiker folgen kongenial auch den kleinsten Handzeichen ihres Dirigenten. Selbst im absoluten Fortissimo bleibt eine unglaubliche Transparenz, auch die wuchtigsten Klankaskaden bleiben durchhörbar. Was für eine Probenarbeit steckt hinter dieser göttlichen Interpretation. Gatti zelebriert auch die Generalpausen derart, daß kaum einer in den wenigen Sekunden zu atmen wagt, als ob die Erde aufhören würde sich zu drehen. Wir halten die Luft an, als wenn unser Atem hörbar wäre auf dem Podium.

Der Maestro hat die acht Kontrabässe hoch oben hinten mittig platziert, wo sonst das komplexe Schlagwerk sitzt. So gewinnt die Interpretation eine profunde Tiefe und das Klangbild gewinnt an Dichtigkeit. Die Geigen dringen wie Blitze durch das Gewölk der Bässe. Es entsteht eine nie so gehörte Räumlichkeit. Und was für Hörner! Das Orchester mit dem vielleicht schönsten Hornensemble weltweit. Die Soloflöte scheint nicht von dieser Welt, geradezu ätherisch auch die Oboen. Was ist das für ein Orchester! Was für ein Einsatz und welch ein konzentriertes Spiel. Musik wird wahr.

Fazit: Einfach nur genial! Der Opernfreund vergibt 6 von möglichen 5 Sternen. Ein unvergesslicher Traumabend mit einem unvergesslichen Weltklasse-Orchester. Wir haben Musik nicht nur rezipiert - wir haben Mahler durchlebt in und mit allen seinen Emotionen. Beglückt jene, die den Weg an diesem stürmischen, kalten Abend in die Essener Philharmonie gefunden haben. Wer nicht dabei war, hat ein Megakonzert verpasst, für das auch der Kritiker in seiner Euphorie kaum noch Worte findet. Erschütterung hinterlässt der Gedanke, daß Mahler dieses, sein vielleicht tiefstes Werk, zu Lebzeiten nie gehört hat. Es wurde erst zwei Jahre nach seinem Tod uraufgeführt.

Dankenswerter Weise keine Zugabe.

Peter Bilsing

 

P.S. Opernfreund CD-Tipp (Wenn es live nicht klappt!)

 

 

Schostakowitsch 6. versus Tschaikowsky 5.

Valery Gergiev & London Symphony Orchestra in der Essener Philharmonie

Konzert vom 20.11.2011

Größer können symphonische Kontraste kaum sein

Valery Gergiev gehört schon heute, mit 58 Jahren, zu den profiliertesten Dirigenten für russische Musik - mittlerweile ein Pultstar mit der Aura eines Herbert von Karajan oder Georg Solti. Schon früh, mit 24 Jahren, wurde er zum Zweiten Dirigenten an der berühmten Kirov-Oper in Leningrad (ab 1992 wieder "St. Petersburg") berufen. Sein Bühnendebüt realisierte das Dirigententalent mit Prokofieffs Monster-Epos "Krieg und Frieden". 1981-85 war er Leiter des Armenischen Staatsorchesters. 1988 dirigierte er zum ersten Mal in London das berühmte "London Symphony Orchestra" und noch im gleichen Jahr wurde er Leiter der "Kirov-Oper" - die bald darauf (1992) auch wieder ihren alten Namen "Mariinsky Theater" bekam.

Photo Copyright: Alexander Shapunov / Philharmonie Essen

1992 hob er die St. Petersburger "Weißen Nächte" aus der Taufe. Mittlerweile hatte er sein Opernhaus zu internationalem Ruhm gebracht. 1993 gastierte der Maestro am "Royal Opera House Covent Garden" in London mit "Eugen Onegin" und feierte an der Metropolitain Oper New York mit "Boris Godunov" einen Sensationserfolg. 1994 gründete er ein Klassik Festival in Finnland, 1996 wurde Gergiev Leiter des Rotterdam Musik Festivals. Im selben Jahr engagierte er sich für die von ihm initiierten Festivals "Peace for the Caucasus" und das "Red Sea Festival" in Eilat. 1997 wurde er zum ersten Gastdirigenten an die MET berufen. 1998 rief er die von Alberto Vilar gesponserte "Mariinsky Academy for Young Singers" ins Leben. Er kooperierte von nun an regelmäßig mit den ganz großen internationalen Opernbühnen. Besonderes Aufsehen erregte seine phänomenale Ring-Interpretation, mit der er 2003 auch in Deutschland (Baden-Baden) gastierte. Valery Gergiev ist ab 2007 Chefdirigent des London Symphony Orchestra.

Zu den großen Entdeckungen (1994 - als "Susanna" in der "Hochzeit des Figaro"), gehört der heutige Mega-Star Anna Netrebko. Gergievs Schallplatteneinspielungen wurden und werden mit Preisen geradezu überhäuft. Unter seiner Einflussnahme entstand in St. Petersburg das neue Mariinsky-Konzerthaus (2006) und er debütierte 2009 sogar mit einem eigenen Mariinsky-Label. 2012 wird das Mariinsky-Theater mit neuer Bühne eröffnet.

Schostakowitsch muß man live hören. Ähnlich wie bei Gustav Mahler geht diese Musik - richtig und sensitiv interpretiert - unter die Haut. Eine Schostakowitsch Sinfonie hört der empfindsame Konzertbesucher nicht bloß, sondern durchleidet sie. Hier erklingt das Grauen, die Liebe und der Tod sowie das Elend jedweden Krieges. In jedem Ton schwingen, subkutan fühlbar, die Millionen Seelen mit, die von einem Monstrum wie Stalin rücksichtslos ermordet wurden. Die Bewohner ganzer Straßenzüge, ganzer Viertel mit Kindern und alten Leuten wurden tausendfach deportiert, ausgelöscht, nur weil ein oder zwei dort wohnende Menschen dem Diktator missfielen. In Russland herrschte nicht Sippenhaft, sondern Sippenmord. Und auch der große Dmitri Schostakowitsch mußte als einer der vielen eigenständigen Komponisten unter Stalin tagtäglich um sein Leben fürchten. Nachdem 1936 dem Gewaltherrscher seine Oper "Lady Macbeth von Mzensk" außerordentlich missfiel, hatte er stets seine Koffer gepackt - fürchtete immer und jederzeit von des Massenmörders Schergen abgeholt zu werden. Ein Leben in stetiger Angst, welches sich auch tief in die Gesichtszüge des vielleicht größten russischen Komponisten im Laufe der Jahre regelrecht eingebrannt hatte. Ein leidender Künstler bis zum Tod. Seine Sinfonien sind Klagelieder, sind der Aufschrei eines Jahrhunderte unterdrückten, eigentlich nur fröhlichen tanzen wollenden Volkes, das aber stets unendlich leiden mußte unter den verschienen Systemen, Diktatoren und in nicht nur einem furchtbaren Krieg.

Während Schostakowitsch 1938-39 seine 6.Sinfonie komponierte, ließ ihn die Obrigkeit in relativer Ruhe, da er gezielt das Gerücht verbreitet hatte, man arbeite an einer großen Lenin-Sinfonie. Eben jene scheinbar kleine 6.Sinfonie aber setzte Zeichen. Allein das Fehlen des ersten Satzes (diese 6. ist mit knapp 40 Minuten des Meisters kürzeste Sinfonie) war ein Memento Mori an die "großen Säuberungen" Stalins, denen auch viele von Schostakowitschs Freunden zum Opfer gefallen waren. Es ist die trauernde Masse der Hinterbliebenen, die sich in diesem unheimlich langen, bald 3/4 der Gesamtdauer des Werkes umfassenden Largo wiederfindet.

Die Londoner spielen dies geradezu sensationell. Celli und Bratschen erzeugen von der ersten Sekunde an eine Spannung und Unruhe, eine bedrohliche Stimmung, auch wenn gelegentliche Solisten (welch traumhaftes Englischhorn!) scheinbar fröhlich aufspielen. Das mehr als 5-minütige Solo der Flöte (Geradezu Husarenstück für Flötisten) bezirzt nur scheinbar. Selten hörte man die gespenstische Stimmung dieses Satzes so feinsinnig ausmusiziert. Es brodelt beständig. Erst im Allegro zeigt die Musik wieder feste Strukturen; die Rhythmik und Gegenrhythmik, welche an Werke von Strawinsky erinnert, wird mit der Präzision eines Uhrwerks wiedergegeben und man hat das Gefühl, daß die Musiker sogar bis auf die hundertstel Sekunde zusammenkommen. Gerade die Präsentation der Doppelbödigkeit dieser Musik gelingt den Londonern phänomenal. Es ist der "unechte Anstrich", jene "gebrochene Distanz" (Gery Bramall), welche dieses Musikergemeinschaft aufs Feinste und Exemplarischste hörbar macht. Die oberflächliche Melodik gallopiert ins Leere. Hinter jedem frohen Ton steht ein Grabstein. Mit welchem Fingerspitzengefühl hat der geniale Gergiev diese Sinfonie erarbeitet! Gerade der superbe letzte kurze Satz hätte es verdient, wie bei der Uraufführung 1939, vielleicht am Ende als quasi Dacapo-Stück noch einmal wiederholt zu werden.

Doch das wäre zuviel gewesen für ein Publikum, welche diese (in jeder Hinsicht!) überragende Interpretation, die selbst auf diversen CD-Einspielungen ihres Gleichen suchen kann, nur recht schütterer Höflichkeits-Beifall wert war. Mein lauthalses "Bravo!" fand nur wenige tapfere Unterstützer - echte Musikkenner ;-) natürlich!

Umso größer der Jubel im zweiten Teil nach Tschaikowskys Allerwelts-Sinfonie Nr.5. Das ist eben jene fröhliche Kirmesmusik, die das heutige Konzertpublikum hören will. Natürlich meisterhaft gespielt vom London Symphony Orchester - aber bar jeder Emotion. Knochentrocken, fast rubbatolos, wird der Publikumsrenner zelebriert. Am Ende großer Jubel für orchestrale Virtuosität und Perfektion. Und dennoch bleibt in mir der Eindruck zurück, daß eben das Herz des großen russischen Meisterdirigenten nicht unbedingt in diesem Teil des Konzertabends steckte. Das Publikum will seinen Tschaikowsky, also spielen wir ihn!

Das absolute Highlight des Abends, das Maß der Dinge an Einmaligkeit höchster Virtuosität und feinsinnigster Deutung blieb - zumindest für den Kritiker - der erste Teil, eben jene begnadete ehrliche Schostakowitsch-Ausdeutung. Ein Erlebnis ersten Ranges. Eine Weltklasse-Interpretation. Bravissimo!

Peter Bilsing

 

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Jonas Kaufmann - "Grande!"

Galaabend in der Philharmonie Essen am 10.10.2011

Allerhöchste Maßstäbe

Weltklasse-Tenor mit kleinen Einschränkungen

Liebe Opernfreundinnen! Auch wenn Ihr mir jetzt Morddrohungen schickt und mich zur Persona non grata erklärt - ich kann nicht anders. Eine gewisse Kritik muß auch bei einem Superstar sein. Ist er auch noch so sympathisch und herzerfrischend nett.

Bilder Copyright: Sven Lorenz

Jonas Kaufmann ist der beste deutsche Tenor, den ich in 50 Jahren live das Italienische Fach (Belcanto / Verismo) habe singen hören. Ein Grande des Italianita. Ein begnadeter Tenor in diesem Bereich. Geradezu unfassbar, was für ein Stimmvolumen der smarte, blendend aussehende Sänger hat. Sein Andrea Chenier ist unübertroffen! Sein Turridu klingt, als hätte Mascagni die Rolle genau für ihn geschrieben! Sein Maurizio (La Dolcissima Effigie) hat nie jemand toller gesungen! Was für ein Ausdruck bei Zandonais "Giulitta! Son io!" (Giulietta et Romeo) - man könnte mitweinen. Was hat dieser Ausnahmesänger für eine phänomenale Atemtechnik; seine Gesangstechnik, gerade die großen Bögen, sind wirklich atemberaubend. Wo nimmt er die Luft her? Wie entsteht die Stimme bei so einer eigentlich leichtgewichtigen Person. Er straft alle sogenannten Fachleute Lügen, die behaupten eine große Stimme brauche einen großen (gemeint ist die "dicke Wampe"!) Resonanzkasten. Unsinn! Da steht ein junger Kerl, der erheblich jugendlicher wirkt, als seine 42 Lenze vermuten lassen und singt zum Herzerweichen schön; noch dazu mit einem Ausdruck, der seinesgleichen suchen kann. Da tritt kein Pausenclown a la Villazon auf und kein sensibler Minimalsänger Florez, der in Essen vor kurzem wegen einiger weiblicher Fans (fotografierender, eigentlich liebenswürdiger älterer Damen, die teilweise über 200 Euro ausgegeben hatten) fast sein Konzert abgebrochen hätte bzw. darauf im zweiten Teil das Publikum mit Arienreduktion bestrafte.

Nein, Jonas Kaufmann ist eine Sensation - nicht nur auf Silberscheibe, sondern auch live.

Aber... !

Warum singt er teilweise im falschen Fach? Entschuldigt bitte, liebe goldene Wagner-Ketten-Träger (ich weiß, Ihr seid unbarmherzig), warum singt der Junge solche Kawenzmänner wie Siegmund, Parsifal oder auch Lohengrin - wobei letzterer ja nicht ganz so schwer ist, also ein zu bewältigende Part ist? Jonas Kaufmann gibt alles - er singt wie um sein Leben. Aber die "Winterstürme" sind - egal wie oberflächlich kühn es klingt - absolut nicht sein Fach! In der Gralserzählung arbeitet er schon clever mit Reduktion; das klingt dann nicht so stimmmordend. Man möchte ihm raten - vielleicht ist es ja auch eine Frage der Honorierung -:

"Junge, bitte lass die Finger von Wagner! Wir wollen Deine geniale Stimme auch noch in 20 Jahren hören! Das ist wirklich nicht Dein Fach, egal wie laut die Fans jubeln."

Drei Zugaben: 1) "L´anima stanca" (Adriana Lecoureur / Cilea) 2) "Du bist die Welt für mich" (Der singende Traum / Richard Tauber) 3) "Ombra di nube" (ebd.)

Wobei die Operetteneinlage sicherlich eher ein Dankeschön ans Publikum und eine Hommage an den großen Richard Tauber sein sollte, als ernstgemeinte Interpretation, denn für dieses Fach fehlt Kaufmann doch der nötige Schmelz, und die Stimme ist eigentlich zu schwer; dennoch war es der meistbejubelte Titel des Abends. Leider ist das scheinbar leichteste Fach aber immer noch das allerschwerste.

Besonderes Lob geht an die Bochumer Symphoniker (Nebenbei: eines der besten Mahler-Orchester Deutschlands, neben den Bambergern) unter dem jungen Ausnahmedirigenten Jochen Rieder. Selten hörte man bei Galakonzerten als quasi Begleitband ein so hervorragendes Orchester, welches die Ouvertüren zur Sizilianischen Vesper, die Wagner Vorspiele (1./3. Akt), Saint-Saens "Danse Bacchanale", das wunderbare Vorspiel zum 4.Akt von Catalanis "La Wally" und Mascagnis Intermezzo mit solcher Bravour, Eigenständigkeit und Feinschliff spielten. Intermezzi mit Genussfaktor. Bravo!

Fazit: Ein hinreißender Abend - ein Galaabend der Oper. Sehr anständig, dass selbst die teuren Karten (120 Euro) nur wenig über dem Preis einer guten Operkarte lagen. Kaufmann ist eben kein Abzocker, sondern eine ehrliche Haut und hochsympathische Erscheinung - ein Megastar mit wirklicher Weltstimme. Trotz meiner kleinen Einwände ein absoluter Sterne-Abend, den man nicht so schnell vergisst. 

Peter Bilsing             

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com