DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Eutiner Festspiele: Ende mit Schrecken

Der Stadtvertreter Rudolf Behrendt (CDU) rechnet in den nächsten Tagen mit der Eröffnung der Insolvenz. „Damit beginnt das letzte Kapitel der einst erfolgreichen Eutiner Festspiele GmbH“, so Behrendt. „Mit Verfahrenseröffnung beginnt die Verwertung der Vermögensgegenstände der Gesellschaft“. Zufrieden zeigt sich Behrendt damit, dass nach seinem Wissensstand die Stadt Eutin das Heimfallrecht unter den  gegeben Umständen für die Opernscheune nicht ausüben wird. Behrendt hatte sich bereits frühzeitig stets in der politischen Diskussion gegen die Ausübung ausgesprochen. „Seit dem Insolvenzantrag habe ich als Stadtvertreter keine Vorlage zu diesem Thema mehr bekommen“, verdeutlicht Behrendt das Schweigen aus dem Rathaus zu diesem Thema. „Entweder wird das Erbbaurecht mit der Opernscheune zwangsversteigert oder die Grundpfandgläubigern erwirbt die Opernscheune selbst oder durch eine ihrer Stiftungen“, vermutet der CDU StadtvertreterUnzufrieden zeigt sich Behrendt mit der Aufarbeitung der Insolvenz. „Eine Aufklärung und Aufarbeitung der Insolvenz gibt es weder in der Stadtverwaltung noch in der Politik“, erklärte Behrendt.  Der Kommunalpolitiker ergänzt, dass er  auf der Straße gefragt werde, wie es angehen kann, dass nur wenige Tage vor dem Insolvenzantrag noch 280.000 € durch die Stadt angewiesen wurde. „Was soll ich den Bürgern antworten?“fragt Behrendt sich. „Für mich war weder die politische Entscheidung damals nachvollziehbar, da aus der vorliegenden Bilanz des Vorjahres und den Zahlen aktuellen Spielzeit die Sinnlosigkeit offensichtlich war, noch die schnelle Auszahlung durch die Verwaltung“, erklärt Behrendt. Unter Hinweis auf den damals der Verwaltung schon bekannten Gemeindeprüfungsberichtes und unter den Hinweisen der Kommunalaufsicht zu der EU Beihilfe Problematik äußert sich Behrendt deutlich: „Bei der Auszahlung ging Schnelligkeit vor Sorgfalt“. „Über die Problematik des EU Beihilfe Rechtes wurden die Stadtvertreter erst durch die Presse informiert, dieses ist ein Unding“, ärgert sich der CDU Politiker.

„Warum wurde dieses den Stadtvertretern nicht vor der Entscheidung im September offenbart?“, fragt Behrendt laut. Für ihn ist klar: „In der nächsten Stadtvertretung (19. Januar) muss über die Insolvenz der Festspiele gesprochen werden und zwar nicht hinter verschlossenen Türen“.„Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch zu erfahren, wie es zu den verlorenen Ausgaben von 1,4 Mio € kommen konnte“, meint Behrendt.  Behrendt plädiert für einen Sonderausschuss: „Wir brauchen einen Ausschuss der sich mit allen Handlungen und Entscheidungen durch Verwaltung und Politik in Sachen Festspielen beschäftigt“. Behrendt weiter: „Nur so werden wir erfahren, wie 1,4 Mio € verbrannt werden konnten und wer dafür die Verantwortung hat.“ „Ich bin nicht bereit zu akzeptieren, dass für die  Fehlinformationen, Fehlendentscheidungen und mangelnden Verwaltungsarbeit in den letzten 2 Jahren niemand Verantwortung trägt, sondern nur versucht wird sich der politischen Verantwortung zu entziehen“, erklärt Rudolf Behrendt.

Die Bestrebungen der WVE selbst eine  Spielzeit 2011 durchzuführen bewertet Behrendt positiv. „Es ist gut, wenn die Wirtschaft sich auch für die Kultur einsetzt“. Behrendt mahnt dabei jedoch nicht zu sehr auf staatliche Hilfe zu schielen. „Die Stadt kann höchstens mit kleinen Beträgen unterstützenden tätig werden, sechsstellige Beträge sind unrealistisch“. Behrendt spricht sich wegen der Erfahrung der abgelaufen Spielzeit für eine Unterschussschussfinanzierung aus. „Das Risiko kann nicht weiterhin dem Steuerzahler aufgebürdet werden, daher sollte die vorher festgelegte Förderung erst am Ende der Spielzeit ausgezahlt werden, wenn klar ist, dass keine erneute Insolvenz droht“, stellt Behrendt eine mögliche Förderung zur Diskussion.

Abschließend erklärt der Stadtpolitiker: „Wir werden es nach den Erfahrungen in diesem Jahr schon schwer genug haben, nicht im Schwarzbuch des Bundes Deutscher Steuerzahler zu stehen“.

Unterdessen wurde bekannt, dass der Vorläufige Insolvenzverwalter Schmidt-Sperber vom letzten Geschäftsführer Josef Hussek und dem Aufsichtsrat die Rückzahlung von  rund 386.000 Euro fordert. Das ist der Betrag, der nach der erkennbaren Zahlungsunfähigkeit Ende

August noch gezahlt worden ist. Hussek hat die Manager-Haftpflichtversicherung des Unternehmens eingeschaltet.  Die Aussichten,  dass es noch einmal Oper im Eutiner Schlossgarten gibt, werden immer schlechter.

Horst Schinzel



Spielzeit 2010 schließt mit Verlust von 868.000 Euro

Von Horst Schinzel

Während in Eutin Selbstverwaltung und Wirtschaft darüber diskutieren, wie es mit der Eutiner Sommeroper weitergehen soll, hat der Vorläufige Insolvenzverwalter Reinhard Schmid-Sperber die Zahlen für die abgelaufene Spielzeit vorgelegt. Und die sind mehr als erschreckend! Danach schließt diese mit einem Verlust von 868.000 Euro. Dieser Betrag vermindert sich um die  öffentlichen Zuschüsse von 517.000 Euro, die Spenden von 110.000 Euro und 23.000 Euro Sponsorenzuwendungen – gerechnet war mit auch schon bescheidenen 90.000. Es bleibt also eine Deckungslücke von 218.000 Euro.

Bereits in der Vergangenheit konnten die Abschlüsse nur durch die Zuschüsse gedeckt werden. 2007 betrug der Verlust 368.000 Euro, denen rund 205.000 Euro Zuwendungen gegenüber standen. Reinhard Schmidt-Sperber räumt mit der Mär auf, der höhere Verlust rühre von höheren Personalkosten her. Die sind sogar gesunken, und auch das Wetter war nicht schlechter als in früheren Jahrzehnten  „Schuld“ ist im Wesentlichen der Einbruch bei den Zuschauerzahlen. Kamen 2007 noch 42.000, waren es in diesem Sommer nur noch 22.000. Wobei während der Spielzeit schon weit höhere Zahlen genannt worden sind…

Die bisherige Festspiel-GmbH muss nach Ansicht von Schmid-Sperber abgewickelt und eine neue Trägergesellschaft gegründet werden. Die müsste bis Anfang 2011 stehen. Der Geschäftsführung sollte ein Beirat, aber kein Aufsichtsrat zur Seitegestellt werden. Die neue Gesellschaft müsste die Opernscheue übernehmen – entweder kaufen oder pachten. Das brächte eine jährliche Belastung von 40.000 Euro.

Nach Ansicht von Schmid-Sperber  muss die Selbstverwaltung entscheiden, ob sie auch weiterhin Festspiele wollen. „Die kosten Geld“, so Schmid-Sperber  Für etwaige künftige Festspiele liegen zwei Konzepte vor: Eins der bisherigen Künstlerischen Leitung unter Josef Hussek, das andere der Wirtschaftsvereinigung Eutin, für das der frühere – in die Wüste gejagte- Intendant Jörg Fallheier steht. Hussek schlägt 27 Vorstellungen vor, für die er 33.000 Zuschauer erwartet. Kosten von 1,9 Millionen Euro würden Erlöse von 1,2 Millionen Euro gegenüber stehen, so dass jede Spielzeit 708.000 Euro Zuschüsse erfordert. Jörg Fallheier will sich mit 20 Vorstellungen und 23.000 Zuschauer begnügen. Bei ihm würden Kosten von 1,1 Millionen Euro 403.000 Euro Zuschüsse erfordern. Einige sind sich bei Positionen darin, dass vor allem an den Produktionskosten gespart werden muss. Hier könnte ein eigenes Orchester viel bewirken.

Fest steht, dass Entscheidungen schnell getroffen werden müssen, wenn es eine Spielzeit 2011 geben soll. 


Eutiner Festspiele noch nicht gerettet

Von Horst Schinzel

 

Das war wohl übereilt: Vor einigen Tagen machten die „Lübecker Nachrichten“ mit der Überschrift auf, dass das steigende Zuschauerinteresse die Eutiner Festspiele gerettet habe. Dann nur wenige Tage später die Ernüchterung: Die Lokalzeitung „Ostholsteiner Anzeiger“ berichtete, dass den Festspielen 150.000 Euro in der

Kasse fehlten. Dies trotz einer Auslastung von 75 Prozent. Ende August wird sich der Hauptausschuss der Stadtvertretung, am 1. September die Stadtvertretung selbst mit diesem Thema beschäftigen. Wird Eutin noch einmal dieses Defizit schultern?  Darüber diskutieren zurzeit die in der Stadtvertretung beheimateten Parteien.

Dabei ist das Problem keineswegs neu und überraschend. Bereits im zeitigen Frühjahr hatte Interimsintendant

Daniel Kühnel einen Wirtschaftsplan vorgelegt, der bei einer sehr mutigen Kalkulation von 75 Prozent einen Unterschuss in dieser Höhe vorsah. Einige Fehlentscheidungen in der Programmplanung wie die nicht angenommene Literarische Gala „Zauberberg“ und die nicht sonderlich gut besuchte Kinderoper „Pinocchio“

haben dazu beigetragen,  das das Defizit nicht stärker eingegrenzt werden konnte. Und auch zusätzliche Sponsoren konnten kaum gewonnen werden. Eigentliche bescheide 94.000 Euro sind nicht herein gekommen.

Wozu auch beitragen mag, dass gerüchteweise die Sparkasse Ostholstein als Sponsoren keine Mitbewerber duldet. 

Der Stadt wird nichts übrig bleiben, als die fehlenden 150.000 Euro zuzuschießen. Leisten kann sie sich es ohnehin – es geht ihr finanziell ausgesprochen gut…-



„Lalla Rûkh“

höfische Wandeloper im Eutiner Schlossgarten

Von Horst Schinzel

 

Im Jahre 1821 besuchte der russische Thronfolger Großfürst Paul mit seiner aus Preußen stammenden Ehefrau seinen Schwiegervater Friedrich Wilhelm III.  In dieser Besuchszeit wie auch in späteren Jahren wurden in Berlin wie in Peterhof  glanzvolle Feste gefeiert. Einer der Höhepunkte des Jahres 1821 war die Wandeloper „Lalla Rûkh“, die von niemand Geringerem als Friedrich Wilhelm Schinkel nach einem Gedicht des Iren Thomas Moore und mit der Musik von Gaspare Spontini – eines Rivalen Carl Maria von Webers – eingerichtet worden war. Der Hofopernintendant Graf Brühl hatte die szenische Einrichtung für immerhin 4.000 Teilnehmer geliefert.

Soviel kann Eutin nun natürlich nicht liefern. Das nur dreimal aufzuführende Intermezzo in farbenprächtigen Kostümen unter der Leitung der Chordirektorin Gabriele Pott war schon  in der Woche vor der Premiere restlos ausverkauft. Dies, obwohl das Spektakel an seine Hörer einige Anforderungen stellt – zieht es doch rund eine Stunde zu sechs Stationen im Eutiner Schlossgarten. Und der hat wohl seit dem Ende der Monarchie 1918 nie mehr soviel Pomp gesehen. Wiebcke Warskulat verantwortet die prächtigen Kostüme, die von der Deutschen Oper Berlin stammen.

Die orientalisch gewürzte  Geschichte, die uns hier  erzählt wird, erinnert irgendwie an „1001 Nacht“. Eine indische Prinzessin soll einen weit entfernt wohnenden Prinzen heiraten. Ihrem Reisebegleiter ist aufgetragen,  sie auf den langen Touren mit Geschichten zu unterhalten. Und die mit zunehmender Länge der Reise immer gewalt-erotischer.

1821 haben der Großfürst und seine Frau selbst die Hauptrollen gespielt. So illustre Mitwirkende können die Eutiner Festspiele natürlich nicht aufbieten. Hier  spielt in der Regie von Martin Anhalt Franziska Stürzel, Die einstige Zarenrolle hat Alexander Kruuse-Mettin übernommen.  Eine sechsköpfige Musikertruppe  führt durch die Handlung, für neben Gabriele Pott Douglas Brown und Robert Krampe die Musik eingerichtet haben, während  Regisseur  Martin E. G. Anhalt die Dialoge neu konzipiert hat Zum Ensemble gehören noch Birgit Böckeler, Ella Aradowskaya, Max Börner und Masanori Hatsuse. Dazu kommen noch Mitlieder des Festspielchors und des Kinder- und Jugendchor.

Ein großartiger Spaß, der vom Premierenpublikum begeistert aufgenommen worden ist. Weitere Vorstellungen am 3. August, 17 Uhr, 8. August, 11 Uhr.

Die letzte Vorstellung des schlecht aufgenommenen „Zauberberg“ ist abgesagt worden. Dafür gibt es am 8. August, 20 Uhr „La Traviata“

 

 „Der Freischütz“

demonstriert die Schrecken des Krieges

Von Horst Schinzel

 

Hat wirklich niemand den Regisseur der diesjährigen „Freischütz“-Inszenierung der Eutiner Festspiele gewarnt?

Hat ihm niemand gesagt, dass Webers Meisterwerk in Eutin sakrosankt ist? Die Eutiner wollen schöne bunte, zu Herzen gehende Bilder sehen. So wie es der Mitbegründer der Festspiele Kurt Brinck vor 60 Jahren vorgeben hat. Max und Kaspar leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen? Das mag ja sein. Für die Eutiner Freilichtbühne ist das kein Thema. Für Kay Kuntze doch. Dabei hätte ihm das Schicksal der letzten Inszenierung vor fünf Jahren durch den glücklosen Jörg Fallheier eine Warnung sein müssen. Die war auch durchaus stimmig.

In Eutin aber wurde sie abgelehnt. Und damit der Anfang zu dem Fast-Zusammenbruch der Festspiele in den letzten drei Jahren eingeläutet. Ob Kay Kuntze schon während der Proben höchst umstrittene Einstudierung ein besseres Schicksal bereit sein wird? Stimmig ist sie auf keinen Fall.

Der Regisseur breitet schon zu den herrlichen Klängen der Ouvertüre ein Schreckensbild des Krieges vor seinen Zuschauern aus: Standrechtliche Erschießungen und Gefechte. Und das hält er konsequent rund drei Stunden ein. Da schießen seine Jäger auf eine barbusige junge Frau als Reh, andere Frauen zeigen in der Wolfschluchtszene den Kugelgießen den nackten Podex, Max und Kaspar werden in Bundeswehr-Uniformen gesteckt. Das ist nicht die Idylle, die man in Eutin gewohnt war. 

Auch wenn Kay Kuntze von sich sagt, er sei kein Provokateur: Das Eutiner Stadtheiligtum hat er kräftig gegen den strich gebürstet. Immerhin hat diese Diskussion im Vorfeld den für die Festspiele angenehmen Effekt, dass an diesem Sonnabend die Besucher im zuvor nicht mehr gekannten Umfang in den Schlossgarten strömen und die Tribüne zu gut neunzig Prozent füllen  Alen voran Schleswig-Holsteins Landtagspräsident Torsten Gerdts, der in seiner Begrüßungsrede die Festspiele als notwendiger Teil der Kulturlandschaft des Landes preist. . Die Zuschauer werden vom Künstlerischen Direktor Josef Hussek darauf eingestimmt, dass sie bisherige Sehgewohnheiten vergessen müssen. Der Regisseur wolle zeigen, wie sich Menschen in extremen Ausnahmesituationen verhalten.

Ob sich Oper im Allgemeinen und insbesondere „Der Ferischütz2 dazu überhaupt eigenen, wird man bezweifeln dürfen. Auf jeden Fall hat Kay Kuntze  viel zu tief in den Schmierentopf gegriffen. Über weite Strecken wird die Aufführung zur Karikatur, zum spätbarocken Hans-Wurst- und  Rüpeltheater.  Schade auch, dass er wichtige Sprechszenen  gestrichen hat. Darunter leidet das Verständnis der Handlung.   Zum Schluss sind ihm dann herrliche Massenszenen gelungen, nachdem zuvor die Jungfernkranz-Szene noch einmal zur Lucia-Feier mutiert ist. Gebuht hat übrigens keiner Im Gegenteil: Der Beifall ist überaus herzlich, wenn auch  kurz.…

Musikalisch ist die Aufführung ohnehin großartig. Bis zur Pause spielen die Hamburger Symphoniker unter Ulrich Windfuhr ohne Abdeckung. Die wird dann der Abendkühle doch heruntergerollt. Das Orchester  ist gut aufgelegt und nach einigen Intonatiostrübungen in der Ouvertüre gelingt der musikalische Part ausgezeichnet. Das gilt auch für das stimmlich herausragende Ensemble mit Julia Sukmanova als Agathe, Martina Welschenbach als Ännchen. Matthias Klein als Kaspar,  Florian Rosskopp als Ottokar, Martin Gäbler als Kuno-, John Heuzenroeder als Kilian und Hartmut Bauer als Eremit. Der singt von der Tribüne aus. Clayton Nemrow ist ein furchtenflößender Samiel.

Gabriele Pott hat den Eutiner Festspielchor zuverlässig einstudiert, Achim Römer verantwortet die minimalistische Bühne und die kaum weniger farblosen Kostüme. Überaus eindrucksvoll die Lichtregie vor allem in der Schlussszene. 


„La Traviata“

werkgetreu und anrührend

Von Horst Schinzel

 

Im Vorfeld der Premiere  der Verdi-Oper 2La Traviata“ der Eutiner Festspiele hatte Regisseurin Saskia Kuhlmann – durch ihre flotte Insznierung der Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“ von einem Jahr ausgewiesen – versprochen, sie werde Violetta als starke Frau zeigen. Ein Ansatz, der ihr im erfreulichen Umfange gelungen ist. Diese Inszenierung wird vor fast ausverkauftem Haus, aber leider nicht bei ganz trockenem Wetter wird  zu d e m Abend der Sängerin der Titelrolle Bernarda Bobro. Die Präsenz der aus Slowenien stammenden Sopranistin ist in diesen 150 Minuten mehr als nur beeindruckend. Eine großartige Stimme, ein anrührendes Spiel. Zu Recht wird die attraktive Slowenin am Schluss am meisten und lang anhaltend gefeiert. Ihre Violetta Valéry ist keine männermordende Kurtisane, sondern eine liebevolle und liebesbedürftige Frau.

Neben ihr gibt der junge Kosovo-Albaner Rame Lahay den Alfredo Germont. Der noch sehr unerfahrene Künstler ist vorab von der Lokalzeitung als ganz Hoffnung auf der Opernbühne geiert worden. Er hat ohne Zweifel ein schönes Organ, das allerdings in den Höhen und Tiefen ausbaufähig und –bedürftig ist. Vor allem aber ist sein darstellerisches Spiel entwicklungsfähig. Seine mangelnde Erfahrung ist nicht zu übersehen und zu überhören. Ohnehin steht der ganz großen Karriere der Mangel an tenoralem Schmelz und das Fehlen der ganz überzeugenden  Ausstrahlung entgegen  Zu Hoffnungen gibt der Künstler auf jeden Fall Anlass. An diesem Abend gibt er sich sehr bescheiden – eine ungewöhnliche Rollenauffassung des Alfredo.

Die große Überraschung an diesem Abend aber ist der aus Usbekistan stammende Bariton Alik Abdukayumov, der für den erkrankten Marcello Lippi in der Rolle des Georgo Germont eingesprungen ist. Eine voll schöne Stimme, ein ansprechendes Spiel. Schade, dass die Maske ihn für diese Rolle als zu jung erscheinen läst.

Saskia Kuhlmann sind mit dem von der Chordirektorin Gabriele Pott herausragend gut  einstudierten Chor auf der von Dietrich von Grebner ansprechend ausgestatteten Bühne und in dem von ihm entworfenen  Kostümen herrliche Massenszenen gelungen. Vor allem das dritte Bild beeindruckt durch seinen exotischen Farbenreichtum Schade, dass teilweise heftiger Wind und nach der Pause einsetzende leichter Regen die Aufführung beeinträchtigen. Die übrigen Solisten ordnen sich in das großartige agierende Ensemble nahtlos ein.  Alle machen es dem Musikalischen Leiter Ulrich Windfuhr leicht.  Den Hamburger Symphoniker gebricht es allerdings an diesem Abend arg an der „Italinatá“.

Ein gelungener Wurf, der von den Premierenzugschauern lang und anhaltend gefeiert wird. Schön, dass die neue Festspielleitung diesmal auch an Blumen gedacht hat.

 



60 Jahre Eutiner Festspiele

Beethoven im Regen

Von Horst Schinzel

 

Die Eutiner Festspiele haben es nicht leicht: Erst geht ihnen zwei Tage vor Eröffnung der Spielzeit der Geschäftsführer und Künstlerische Betriebsdirektor von der Fahne. Und am Festtag selbst – dem 174. Todestag Carl Maria von Weber – zieht nach einem witterungsmäßig recht schönen Nachmittag zwei Stunden vor dem Festkonzert ein schweres Unwetter heraus. Zwar verzieht sich das Gewitter noch rechtzeitig, aber es regnet sich ein, und während der ganzen Aufführung prasselt der Regen mehr oder minder stark auf die in bunte Capes gehüllten rund 400 Zuhörer. Bemerkenswert, dass noch so viel gekommen sind. Viel mehr sind es bei Konzerten auf der Freilichtbühne nach den Erfahrungen früherer Jahre auch bei besserem Wetter kaum. Erst als der kopfstarke Festkonzert-Chor zum  4. Satz von Beethovens 9. Sinfonie aufzieht, reißt das Gewölk auf. Sehr romantisch werden einzelnen Wolken von der untergehenden Sonne angestrahlt, und die Chorsänger bleiben davor bewahrt, dass ihre Smokings und Abendkleider völlig durchnässt werden. Sonst aber sind die Verhältnisse an diesem Abend mehr denn irregulär: Mehr als einmal werden den Musikern die Noten vom Pult geweht.

Ein Konzert zu Webers Todestag hatte es auch vor 60 Jahren gegeben. Damals im Schlosshof, auch mit Beethovens „Neunter“ , damals mit dem aus ortsansässigen Musiker zusammengestellten Carl-Maria-von-Weber-Orchester und dem nur aus lokalen Sängern bestehenden Festspielchor. Diesmal also mit gestanden Profis, wobei der „Festkonzert-Chor“ unter Leitung von Eutins Chordirektorin Gabriole Pott mit fünfundzwanzig sangesfreudigen Bürgern der Stadt ergänzt worden ist. Schön, denn die Laien hat man doch vor einigen Jahren schmählich vom Hof gejagt. Was Programmheft und Pressemitteilung wohlweislich verschweigen Den Kern des Chores bilden die Lübecker Singakademie und der Hamburger Carl-Philipp.-Emanuel-Bach-Chor, Auch Letzterer ein Exilant. Der war nämlich bis vor wenigen Jahren der Kirchenchor der Hamburger Michaeliskirche. …

Dem Dirigenten des Abends Hillary Griffith- am Morgen von einer Regionalzeitung als „Reisedirigent“ apostrophiert – ist es anzusehen, dass es ihn freut, zu diesem Anlass an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren zu dürfen. Auch ihm hatten die damals Verantwortlichen vor einigen Jahren schmählich den Laufpass gegeben.

Griffith ist mit den Hamburger Symphonikern – seit 53 Jahren Hausorchester der Eutiner Festspiele – wohl vertraut. Eine Vertrautheit, die beiden anzumerken ist, und unter den Bedingungen dieses Abends dem Werk sehr dient. Griffith nimmt die Tempi sehr gemessen, feierlich – im 3. Satz der „Neunten“ wohl zu langsam und feierlich. Sonst aber kommt eine Aufführung, zustande die unter den  Verhältnissen gar nicht genug gelobt werden kann.

Besonders die vorab hochgelebte Klarinettistin Shirley Brill – Schülerin von Sabine Meyer – hat in Webers

Vertracktem Klarinettenkonzert Nr. 2 – einst für den damals berühmtesten Solisten  Heinrich Joseph Baermann geschrieben – hat mit den irregulären bedingungen sicht- und hörbar ihre Probleme  Gut, dass es sich zum

Schlusschor der „Neunten“ soweit abgeregnet hatte, dass dieser zusammen mit den Solisten Claudia Barainsky, Sopran, Ulrike Helzel, Alt, Thomas Mohr, Tenor – den  wir später als Max im „Freischütz“ erleben werden –

Und Franz Grundheber, Bass, voll zur Wirkung kommt.

Ein Freiluftkonzert hat immer so seine Besonderheiten. Da fliegen Enten über die Köpfe der Zuhörer dem Seeufer zu. Und in den Bäumen des Philosophenweges sieht eine Amsel in den Musiker offenbar Konkurrenz.

Heftig trillert sie dagegen an. Die standhaften Hörer sind offenbar wenig mit den Verhältnissen in Konzerten vertraut. Jeder Satz wird heftig beklatscht, ja, es gibt sogar Bravo-Rufe. Normalerweise hätte das Stimmung und Konzentration aller Beteiligten sehr gestört. An diesem Abend war es eh egal.  Die Mitwirkenden und fast alle auf den Rängen haben durchgehalten – dafür gibt es am Schluss herzlichen Beifall der Solisten.

Ein sehr ungewöhnliches, aber doch irgendwie tolles Konzerterlebnis.




Segeberger Ballettschule Ballett & Company stellte sich in Eutin vor

Von Horst Schinzel

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Ein Tanztheater  in dieser Qualität hat Eutin schon lange nicht mehr gesehen.

Die Ballettschule Ballett & Company bot an diesem Sonnabendnachmittag  im Eutiner Theater am Schloss vor rund 600 Zuschauer – die meist eigens aus Bad Segeberg angereist waren  einen Querschnitt durch das Ausbildungsangebot der Leiterin Sylvia Schmetje.  Sie ist Schülerin des unvergessenen Heino Heiden in Lübeck. In Bad Segeberg unterrichtet sie seit 2005 nach englischen Lehrmethoden. Ihre Schule betreut sowohl Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die Tanz und Ballett aus reiner Freude lernen und ausüben wollen wie solche, die eine professionelle Laufbahn anstreben.

Ihre Show „“Tanzreise durch die Jahreszeiten“ ist die zweite überhaupt. Der Eutiner Premiere ist eine einjährige Vorbereitung voran gegangen. In der Regie von Rolf Jeche hat Marne Jöns die fantasievollen Kostüme gestaltet.

An der Choreografie haben neben der Prinzipalin Jenny Jess, Gernot Graaf  - der im Irish Dance durch sein fantastisches Steppen begeisterte -und Solvei Rocksien-Wellmann mitgewirkt.

In den 27 Nummern dieser Schau sind an diesem Nachmittag alle 140 Eleven der Ballettschule zu erleben. Sie allen bieten ein vorzuüglichen Eindruck – von den Erwachsenen mit Flamenco und Irish Dance, den Jugendlichen als Studierende des Modern Dance bis hin zu den ganz Kleinen im Vorschulalter. Als junge hoffnungssvolle Solotänzerinnen begeistern Jenny und Isabelle Marie, Isabelle Rohlfs, Gesa Siemann und Carina Blohm-Sivers mit Vorträgen in Vollendung. Das könnten gestandene Theater-Tänzerinnen nicht besser.

Eine kleine Bemerkung soll nicht verschwiegen werden: Das Programm wendet sich nicht zuletzt an Kinder.

Für die sind 150 Minuten arg lang. Und weil es etliche von den Kleinsten es nicht mehr aushalten, verlassen eine ganze Anzahl vorzeitig den Saal. Und dies über einen Notausgang. Unruhe, die vermeidbar wäre. Die Darstellenden auf der Bühne haben sich nichts anmerken lassen…  



Mit frischem Wind in die 60. Spielzeit

Von Horst Schinzel

Die Eutiner Festspiele sind in den letzten Jahren – wie man an der Küste sagen würde – hart vorm Wind gesegelt.  Aber nun soll es mit frischem Wind munter in die 60. Spielzeit gehen. Um im Bilde zu  bleiben: Auf der Brücke steht eine neue Mannschaft mit dem Interims-Intendanten Daniel Kühnel und dem Künstlerischen Betriebsdirektor und Geschäftsführer  Stephan Jöris. Letzterer bringt von den Bayreuther Festspielen profundes Wissen mit.   

Das Jubiläumsprogramm ist erweitert worden. Neben dem Festkonzert zur Eröffnung am 11. Juni- Todestag Carl Maria von Webers – den beiden Opern „Drei Freischütz“ und „La Traviata“ , der Gala „Der Zauberberg“ , dem Spontini-Spektakel „Lalla Rükh“ und den drei Galaabenden wurde das Kinderprogramm mit „Pinocchio“ um einen Beitrag zur Musikalischen Früherziehung mit „Der Waldvogel“ an drei Vormittsgsterminen im August erweitert. Hinzugekommen sind vier Kammermuckabende im Rittersaal des Schlosses und eine Lange Nacht des Vokal-Jazz  mit der Hamburgerin Ulita Kraus im Innenhof des Schlosses am 16. Juli.

Nie haben so viele Dirigenten in Eutin den Taktstock gehoben: Für das Festkonzert wurde der renommierte Christan Arming aus Berlin gewonnen. „Zauberberg“ und Opern dirigiert der aus dem Vorjahr in Eutin bekannte Ulrich Windfuhr. Die Galaabende übernimmt wieder Georg Fritzsch Die Kinderoper „Pnocchio“ übernimmt Anoon Song.

Beim Engagement der Solisten ist dem Leitungsteam eine glückliche Mischung von gestandenen Sängern und jungen Stimmen gelungen. Zum Festkonzert mit Beethovens „Neunter“  kehrt Franz Grundheber nach Eutin zurück. Auf dem Grünen Hügel begann vor über vierzig Jahren seine Weltkarriere. Wiedersehen gibt es auch mit Hartmut Bauer als „Eremiten“., Matthais Klein als „Kaspar“ und Thomas Mohr als “Max“ und im Festkonzert  Ihr Eutin-Debüt werden Claudia Barainsky im Festkonzert, Bernarda Bobro als "Violetta", Martin Gäbler als Kuno, Ulrike Heltzel im Festkonzert, Rame Lahaj als "Alfredo", Marcello lippi als "Germont", Clayton Memro als "Samiel", Katarina Nikolic als "Flora",   Florian Rosskopp als "Ottokar", Julia Sukmanova als "Agathe"  und Martina Welschenbach als "Ännchen" geben. Den Waldvogel wird Heidi  Wollprecht singen.

Neu sind Buszubringer aus Bad Oldesloe, Bad Schwartau, Hamburg und Lübeck, die zusammen mit dem Eutiner Reisebüro Behrens organisiert werden. Und auch die in „Kulissen-Restaurant“ umbenannte Kantine in der Opernscheune wird neu bewirtschaftet. Neuer Wirt ist Arne Meier vom „Halbzeit“-Catering aus Bad Schwartau der in der Vergangenheit sich bei den Spielen des VfL Bad Schwartau, der Travemünder Woche und der IceWorld bewährt hat. Meier will unter anderem Thematische Büfetts anbieten.

 


OTELLO

22./25.07.

Mit den Openair Eutiner Festspiele hatte Petrus kein Erbarmen, öffnete gnadenlos zu  ungünstigsten Momenten seine Himmelsschleußen und ließ den völlig durchweichten Rezensenten in der Pause ins Hotel flüchten. Zur zweiten Aufführung schüttete es davor und die Ausläufer reichten noch bis ins Liebesduett. Die Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Ulrich Windfuhr spielten völlig abgedeckt unter einer Plane, versuchten sich in relativem Schönklang in freier Natur, doch wollte dieser unter diesen Bedingungen nicht aufkommen und somit entziehe ich mich einer objektiven Beurteilung. Die Sänger stehen auf der sehr kleinen Bühne, ohne jeglichen Schutz von oben, den Naturgewalten ausgesetzt und müssen agieren und singen! Man sollte die städtischen Kulturbanausen im Regen eben dahin stellen und ich garantiere, die Sänger hätten sobald ein transparentes Schutzdach.

Es grenzt schon an ein Wunder, dass  unter solchen Bedingungen, noch Künstler zu finden sind. John Treleaven debütierte als Otello, schöpft seine Kraft aus den Erfahrungen seiner besonders durch Wagner geschulten Stimme, überraschte mit dunklen Tenorfarben, viriler darstellerischer Präsenz und setzte mit dieser Interpretation seiner Karriere einen weiteren, eindrucksvollen Meilenstein hinzu. Wurde von Wind und Regen mal ein Höhenton verweht, tut dies der beeindruckenden Gesamtleistung keinen Abbruch. Ihm zur Seite die liebliche Desdemona von Christine Dunwoodie, sehr kultiviert meistert die junge, englische Sopranistin in bester Stimmführung, die Klippen der anspruchsvollen Partie. Fehlt der Stimme noch etwas  Volumen, gleicht es die Sängerin mit sehr ansprechendem Timbre bestens aus. Welches Vergnügen müsste es sein, dürfte man die beiden Künstler in einem Opernhaus erleben. Karsten Mewes (Jago) konnte mit seinem raukehligen Bariton, diesem vokalen Niveau nicht standhalten, glich dieses Defizit jedoch mit einer glaubhaften Darstellung aus. Aufhorchen hingegen ließen Wioletta Hebrowska (Emilia) mit schönem, weichem Mezzo sowie mit klangvollem Bass Tom Schmidt (Montano). Sehr hell und knabenhaft erklang der Tenor von Mark Bowman-Hester als Cassio und weniger spektakulär fügten sich die Stimmen von Steffen Doberauer (Rodrigo), Till Bleckwedel (Lodovico), David Hieronimi (Herold) sowie der Kinderchor und Chor der Eutiner Festspiele (Gabriele Pott) ins Geschehen.

Unter der Führung von Kay Kuntze agierten die Sänger, dank ihrer reichen Erfahrungen meist in Eigenregie, der Chor meist hilflos auf der kargen Bühne (Achim Römer) und klapperte mit Metallstangen in Straßenkleidung (Ursula Wandaress).  Ein undiszipliniertes Publikum dankte dennoch allen Beteiligten mit Bravos und viel Beifall.

Gerhard Hoffmann

 

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com