Eutiner Festspiele: Ende mit
Schrecken
Der Stadtvertreter Rudolf Behrendt (CDU) rechnet in den
nächsten Tagen mit der Eröffnung der Insolvenz. „Damit beginnt das letzte
Kapitel der einst erfolgreichen Eutiner Festspiele GmbH“, so Behrendt. „Mit
Verfahrenseröffnung beginnt die Verwertung der Vermögensgegenstände der
Gesellschaft“. Zufrieden zeigt sich Behrendt damit, dass nach seinem
Wissensstand die Stadt Eutin das Heimfallrecht unter den gegeben Umständen für die Opernscheune nicht
ausüben wird. Behrendt hatte sich bereits frühzeitig stets in der politischen
Diskussion gegen die Ausübung ausgesprochen. „Seit dem Insolvenzantrag habe ich
als Stadtvertreter keine Vorlage zu diesem Thema mehr bekommen“, verdeutlicht
Behrendt das Schweigen aus dem Rathaus zu diesem Thema. „Entweder wird das
Erbbaurecht mit der Opernscheune zwangsversteigert oder die
Grundpfandgläubigern erwirbt die Opernscheune selbst oder durch eine ihrer
Stiftungen“, vermutet der CDU StadtvertreterUnzufrieden zeigt sich Behrendt mit der Aufarbeitung der
Insolvenz. „Eine Aufklärung und Aufarbeitung der Insolvenz gibt es weder in der
Stadtverwaltung noch in der Politik“, erklärte Behrendt. Der Kommunalpolitiker ergänzt, dass er auf der Straße gefragt werde, wie es angehen
kann, dass nur wenige Tage vor dem Insolvenzantrag noch 280.000 € durch die
Stadt angewiesen wurde. „Was soll ich den Bürgern antworten?“fragt Behrendt
sich. „Für mich war weder die politische Entscheidung damals nachvollziehbar,
da aus der vorliegenden Bilanz des Vorjahres und den Zahlen aktuellen Spielzeit
die Sinnlosigkeit offensichtlich war, noch die schnelle Auszahlung durch die
Verwaltung“, erklärt Behrendt. Unter Hinweis auf den damals der Verwaltung
schon bekannten Gemeindeprüfungsberichtes und unter den Hinweisen der
Kommunalaufsicht zu der EU Beihilfe Problematik äußert sich Behrendt deutlich:
„Bei der Auszahlung ging Schnelligkeit vor Sorgfalt“. „Über die Problematik des
EU Beihilfe Rechtes wurden die Stadtvertreter erst durch die Presse informiert,
dieses ist ein Unding“, ärgert sich der CDU Politiker.
„Warum wurde dieses den Stadtvertretern nicht vor der
Entscheidung im September offenbart?“, fragt Behrendt laut. Für ihn ist klar:
„In der nächsten Stadtvertretung (19. Januar) muss über die Insolvenz der
Festspiele gesprochen werden und zwar nicht hinter verschlossenen Türen“.„Die
Öffentlichkeit hat einen Anspruch zu erfahren, wie es zu den verlorenen
Ausgaben von 1,4 Mio € kommen konnte“, meint Behrendt. Behrendt plädiert für einen Sonderausschuss:
„Wir brauchen einen Ausschuss der sich mit allen Handlungen und Entscheidungen
durch Verwaltung und Politik in Sachen Festspielen beschäftigt“. Behrendt
weiter: „Nur so werden wir erfahren, wie 1,4 Mio € verbrannt werden konnten und
wer dafür die Verantwortung hat.“ „Ich bin nicht bereit zu akzeptieren, dass
für die Fehlinformationen,
Fehlendentscheidungen und mangelnden Verwaltungsarbeit in den letzten 2 Jahren
niemand Verantwortung trägt, sondern nur versucht wird sich der politischen
Verantwortung zu entziehen“, erklärt Rudolf Behrendt.
Die Bestrebungen der WVE selbst eine Spielzeit 2011 durchzuführen bewertet
Behrendt positiv. „Es ist gut, wenn die Wirtschaft sich auch für die Kultur
einsetzt“. Behrendt mahnt dabei jedoch nicht zu sehr auf staatliche Hilfe zu
schielen. „Die Stadt kann höchstens mit kleinen Beträgen unterstützenden tätig
werden, sechsstellige Beträge sind unrealistisch“. Behrendt spricht sich wegen
der Erfahrung der abgelaufen Spielzeit für eine Unterschussschussfinanzierung
aus. „Das Risiko kann nicht weiterhin dem Steuerzahler aufgebürdet werden,
daher sollte die vorher festgelegte Förderung erst am Ende der Spielzeit
ausgezahlt werden, wenn klar ist, dass keine erneute Insolvenz droht“, stellt
Behrendt eine mögliche Förderung zur Diskussion.
Abschließend erklärt der Stadtpolitiker: „Wir werden es nach
den Erfahrungen in diesem Jahr schon schwer genug haben, nicht im Schwarzbuch
des Bundes Deutscher Steuerzahler zu stehen“.
Unterdessen wurde bekannt, dass der Vorläufige
Insolvenzverwalter Schmidt-Sperber vom letzten Geschäftsführer Josef Hussek und
dem Aufsichtsrat die Rückzahlung von
rund 386.000 Euro fordert. Das ist der Betrag, der nach der erkennbaren
Zahlungsunfähigkeit Ende
August noch gezahlt worden ist. Hussek hat die
Manager-Haftpflichtversicherung des Unternehmens eingeschaltet. Die Aussichten, dass es noch einmal Oper im Eutiner
Schlossgarten gibt, werden immer schlechter.
Horst Schinzel
Spielzeit 2010
schließt mit Verlust von 868.000 Euro
Von Horst Schinzel
Während in Eutin
Selbstverwaltung und Wirtschaft darüber diskutieren, wie es mit der Eutiner
Sommeroper weitergehen soll, hat der Vorläufige Insolvenzverwalter Reinhard
Schmid-Sperber die Zahlen für die abgelaufene Spielzeit vorgelegt. Und die sind
mehr als erschreckend! Danach schließt diese mit einem Verlust von 868.000
Euro. Dieser Betrag vermindert sich um die
öffentlichen Zuschüsse von 517.000 Euro, die Spenden von 110.000 Euro
und 23.000 Euro Sponsorenzuwendungen – gerechnet war mit auch schon
bescheidenen 90.000. Es bleibt also eine Deckungslücke von 218.000 Euro.
Bereits in der Vergangenheit
konnten die Abschlüsse nur durch die Zuschüsse gedeckt werden. 2007 betrug der
Verlust 368.000 Euro, denen rund 205.000 Euro Zuwendungen gegenüber standen. Reinhard
Schmidt-Sperber räumt mit der Mär auf, der höhere Verlust rühre von höheren
Personalkosten her. Die sind sogar gesunken, und auch das Wetter war nicht
schlechter als in früheren Jahrzehnten
„Schuld“ ist im Wesentlichen der Einbruch bei den Zuschauerzahlen. Kamen
2007 noch 42.000, waren es in diesem Sommer nur noch 22.000. Wobei während der
Spielzeit schon weit höhere Zahlen genannt worden sind…
Die bisherige Festspiel-GmbH
muss nach Ansicht von Schmid-Sperber abgewickelt und eine neue
Trägergesellschaft gegründet werden. Die müsste bis Anfang 2011 stehen. Der
Geschäftsführung sollte ein Beirat, aber kein Aufsichtsrat zur Seitegestellt
werden. Die neue Gesellschaft müsste die Opernscheue übernehmen – entweder kaufen
oder pachten. Das brächte eine jährliche Belastung von 40.000 Euro.
Nach Ansicht von
Schmid-Sperber muss die Selbstverwaltung
entscheiden, ob sie auch weiterhin Festspiele wollen. „Die kosten Geld“, so
Schmid-Sperber Für etwaige künftige
Festspiele liegen zwei Konzepte vor: Eins der bisherigen Künstlerischen Leitung
unter Josef Hussek, das andere der Wirtschaftsvereinigung Eutin, für das der
frühere – in die Wüste gejagte- Intendant Jörg Fallheier steht. Hussek schlägt
27 Vorstellungen vor, für die er 33.000 Zuschauer erwartet. Kosten von 1,9
Millionen Euro würden Erlöse von 1,2 Millionen Euro gegenüber stehen, so dass
jede Spielzeit 708.000 Euro Zuschüsse erfordert. Jörg Fallheier will sich mit
20 Vorstellungen und 23.000 Zuschauer begnügen. Bei ihm würden Kosten von 1,1
Millionen Euro 403.000 Euro Zuschüsse erfordern. Einige sind sich bei
Positionen darin, dass vor allem an den Produktionskosten gespart werden muss.
Hier könnte ein eigenes Orchester viel bewirken.
Fest steht, dass
Entscheidungen schnell getroffen werden müssen, wenn es eine Spielzeit 2011
geben soll.
Eutiner Festspiele
noch nicht gerettet
Von Horst Schinzel
Das war wohl übereilt: Vor
einigen Tagen machten die „Lübecker Nachrichten“ mit der Überschrift auf, dass
das steigende Zuschauerinteresse die Eutiner Festspiele gerettet habe. Dann nur
wenige Tage später die Ernüchterung: Die Lokalzeitung „Ostholsteiner Anzeiger“
berichtete, dass den Festspielen 150.000 Euro in der
Kasse fehlten. Dies trotz
einer Auslastung von 75 Prozent. Ende August wird sich der Hauptausschuss der
Stadtvertretung, am 1. September die Stadtvertretung selbst mit diesem Thema
beschäftigen. Wird Eutin noch einmal dieses Defizit schultern? Darüber diskutieren zurzeit die in der
Stadtvertretung beheimateten Parteien.
Dabei ist das Problem
keineswegs neu und überraschend. Bereits im zeitigen Frühjahr hatte
Interimsintendant
Daniel Kühnel einen
Wirtschaftsplan vorgelegt, der bei einer sehr mutigen Kalkulation von 75
Prozent einen Unterschuss in dieser Höhe vorsah. Einige Fehlentscheidungen in
der Programmplanung wie die nicht angenommene Literarische Gala „Zauberberg“
und die nicht sonderlich gut besuchte Kinderoper „Pinocchio“
haben dazu beigetragen, das das Defizit nicht stärker eingegrenzt
werden konnte. Und auch zusätzliche Sponsoren konnten kaum gewonnen werden.
Eigentliche bescheide 94.000 Euro sind nicht herein gekommen.
Wozu auch beitragen mag, dass
gerüchteweise die Sparkasse Ostholstein als Sponsoren keine Mitbewerber
duldet.
Der Stadt wird nichts übrig
bleiben, als die fehlenden 150.000 Euro zuzuschießen. Leisten kann sie sich es
ohnehin – es geht ihr finanziell ausgesprochen gut…-
„Lalla Rûkh“
höfische Wandeloper im Eutiner Schlossgarten
Von Horst Schinzel
Im Jahre 1821 besuchte der
russische Thronfolger Großfürst Paul mit seiner aus Preußen stammenden Ehefrau
seinen Schwiegervater Friedrich Wilhelm III.
In dieser Besuchszeit wie auch in späteren Jahren wurden in Berlin wie
in Peterhof glanzvolle Feste gefeiert. Einer
der Höhepunkte des Jahres 1821 war die Wandeloper „Lalla Rûkh“, die von niemand
Geringerem als Friedrich Wilhelm Schinkel nach einem Gedicht des Iren Thomas
Moore und mit der Musik von Gaspare Spontini – eines Rivalen Carl Maria von
Webers – eingerichtet worden war. Der Hofopernintendant Graf Brühl hatte die
szenische Einrichtung für immerhin 4.000 Teilnehmer geliefert.
Soviel kann Eutin nun
natürlich nicht liefern. Das nur dreimal aufzuführende Intermezzo in farbenprächtigen
Kostümen unter der Leitung der Chordirektorin Gabriele Pott war schon in der Woche vor der Premiere restlos
ausverkauft. Dies, obwohl das Spektakel an seine Hörer einige Anforderungen
stellt – zieht es doch rund eine Stunde zu sechs Stationen im Eutiner
Schlossgarten. Und der hat wohl seit dem Ende der Monarchie 1918 nie mehr
soviel Pomp gesehen. Wiebcke Warskulat verantwortet die prächtigen Kostüme, die
von der Deutschen Oper Berlin stammen.
Die orientalisch gewürzte Geschichte, die uns hier erzählt wird, erinnert irgendwie an „1001
Nacht“. Eine indische Prinzessin soll einen weit entfernt wohnenden Prinzen
heiraten. Ihrem Reisebegleiter ist aufgetragen,
sie auf den langen Touren mit Geschichten zu unterhalten. Und die mit zunehmender
Länge der Reise immer gewalt-erotischer.
1821 haben der Großfürst und
seine Frau selbst die Hauptrollen gespielt. So illustre Mitwirkende können die
Eutiner Festspiele natürlich nicht aufbieten. Hier spielt in der Regie von Martin Anhalt
Franziska Stürzel, Die einstige Zarenrolle hat Alexander Kruuse-Mettin
übernommen. Eine sechsköpfige
Musikertruppe führt durch die Handlung,
für neben Gabriele Pott Douglas Brown und Robert Krampe die Musik eingerichtet
haben, während Regisseur Martin E. G. Anhalt die Dialoge neu konzipiert
hat Zum Ensemble gehören noch Birgit Böckeler, Ella Aradowskaya, Max Börner und
Masanori Hatsuse. Dazu kommen noch Mitlieder des Festspielchors und des Kinder-
und Jugendchor.
Ein großartiger Spaß, der vom
Premierenpublikum begeistert aufgenommen worden ist. Weitere Vorstellungen am
3. August, 17 Uhr, 8. August, 11 Uhr.
Die letzte Vorstellung des
schlecht aufgenommenen „Zauberberg“ ist abgesagt worden. Dafür gibt es am 8.
August, 20 Uhr „La Traviata“
„Der Freischütz“
demonstriert die Schrecken des Krieges
Von Horst Schinzel
Hat wirklich niemand den
Regisseur der diesjährigen „Freischütz“-Inszenierung der Eutiner Festspiele
gewarnt?
Hat ihm niemand gesagt, dass
Webers Meisterwerk in Eutin sakrosankt ist? Die Eutiner wollen schöne bunte, zu
Herzen gehende Bilder sehen. So wie es der Mitbegründer der Festspiele Kurt
Brinck vor 60 Jahren vorgeben hat. Max und Kaspar leiden unter
posttraumatischen Belastungsstörungen? Das mag ja sein. Für die Eutiner
Freilichtbühne ist das kein Thema. Für Kay Kuntze doch. Dabei hätte ihm das
Schicksal der letzten Inszenierung vor fünf Jahren durch den glücklosen Jörg
Fallheier eine Warnung sein müssen. Die war auch durchaus stimmig.
In Eutin aber wurde sie
abgelehnt. Und damit der Anfang zu dem Fast-Zusammenbruch der Festspiele in den
letzten drei Jahren eingeläutet. Ob Kay Kuntze schon während der Proben höchst
umstrittene Einstudierung ein besseres Schicksal bereit sein wird? Stimmig ist
sie auf keinen Fall.
Der Regisseur breitet schon
zu den herrlichen Klängen der Ouvertüre ein Schreckensbild des Krieges vor
seinen Zuschauern aus: Standrechtliche Erschießungen und Gefechte. Und das hält
er konsequent rund drei Stunden ein. Da schießen seine Jäger auf eine barbusige
junge Frau als Reh, andere Frauen zeigen in der Wolfschluchtszene den
Kugelgießen den nackten Podex, Max und Kaspar werden in Bundeswehr-Uniformen
gesteckt. Das ist nicht die Idylle, die man in Eutin gewohnt war.
Auch wenn Kay Kuntze von sich
sagt, er sei kein Provokateur: Das Eutiner Stadtheiligtum hat er kräftig gegen
den strich gebürstet. Immerhin hat diese Diskussion im Vorfeld den für die
Festspiele angenehmen Effekt, dass an diesem Sonnabend die Besucher im zuvor
nicht mehr gekannten Umfang in den Schlossgarten strömen und die Tribüne zu gut
neunzig Prozent füllen Alen voran Schleswig-Holsteins
Landtagspräsident Torsten Gerdts, der in seiner Begrüßungsrede die Festspiele
als notwendiger Teil der Kulturlandschaft des Landes preist. . Die Zuschauer
werden vom Künstlerischen Direktor Josef Hussek darauf eingestimmt, dass sie
bisherige Sehgewohnheiten vergessen müssen. Der Regisseur wolle zeigen, wie
sich Menschen in extremen Ausnahmesituationen verhalten.
Ob sich Oper im Allgemeinen
und insbesondere „Der Ferischütz2 dazu überhaupt eigenen, wird man bezweifeln
dürfen. Auf jeden Fall hat Kay Kuntze viel zu tief in den Schmierentopf gegriffen.
Über weite Strecken wird die Aufführung zur Karikatur, zum spätbarocken
Hans-Wurst- und Rüpeltheater. Schade auch, dass er wichtige
Sprechszenen gestrichen hat. Darunter
leidet das Verständnis der Handlung.
Zum Schluss sind ihm dann herrliche Massenszenen gelungen, nachdem zuvor
die Jungfernkranz-Szene noch einmal zur Lucia-Feier mutiert ist. Gebuht hat
übrigens keiner Im Gegenteil: Der Beifall ist überaus herzlich, wenn auch kurz.…
Musikalisch ist die
Aufführung ohnehin großartig. Bis zur Pause spielen die Hamburger Symphoniker
unter Ulrich Windfuhr ohne Abdeckung. Die wird dann der Abendkühle doch
heruntergerollt. Das Orchester ist gut
aufgelegt und nach einigen Intonatiostrübungen in der Ouvertüre gelingt der
musikalische Part ausgezeichnet. Das gilt auch für das stimmlich herausragende Ensemble
mit Julia Sukmanova als Agathe, Martina Welschenbach als Ännchen. Matthias
Klein als Kaspar, Florian Rosskopp als
Ottokar, Martin Gäbler als Kuno-, John Heuzenroeder als Kilian und Hartmut
Bauer als Eremit. Der singt von der Tribüne aus. Clayton Nemrow ist ein
furchtenflößender Samiel.
Gabriele Pott hat den Eutiner
Festspielchor zuverlässig einstudiert, Achim Römer verantwortet die
minimalistische Bühne und die kaum weniger farblosen Kostüme. Überaus
eindrucksvoll die Lichtregie vor allem in der Schlussszene.
„La Traviata“
werkgetreu und anrührend
Von Horst Schinzel
Im Vorfeld der Premiere der Verdi-Oper 2La Traviata“ der Eutiner
Festspiele hatte Regisseurin Saskia Kuhlmann – durch ihre flotte Insznierung
der Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“ von einem Jahr ausgewiesen –
versprochen, sie werde Violetta als starke Frau zeigen. Ein Ansatz, der ihr im erfreulichen
Umfange gelungen ist. Diese Inszenierung wird vor fast ausverkauftem Haus, aber
leider nicht bei ganz trockenem Wetter wird zu d e m Abend der Sängerin der Titelrolle
Bernarda Bobro. Die Präsenz der aus Slowenien stammenden Sopranistin ist in
diesen 150 Minuten mehr als nur beeindruckend. Eine großartige Stimme, ein
anrührendes Spiel. Zu Recht wird die attraktive Slowenin am Schluss am meisten
und lang anhaltend gefeiert. Ihre Violetta Valéry ist keine männermordende
Kurtisane, sondern eine liebevolle und liebesbedürftige Frau.
Neben ihr gibt der junge
Kosovo-Albaner Rame Lahay den Alfredo Germont. Der noch sehr unerfahrene
Künstler ist vorab von der Lokalzeitung als ganz Hoffnung auf der Opernbühne
geiert worden. Er hat ohne Zweifel ein schönes Organ, das allerdings in den
Höhen und Tiefen ausbaufähig und –bedürftig ist. Vor allem aber ist sein
darstellerisches Spiel entwicklungsfähig. Seine mangelnde Erfahrung ist nicht
zu übersehen und zu überhören. Ohnehin steht der ganz großen Karriere der
Mangel an tenoralem Schmelz und das Fehlen der ganz überzeugenden Ausstrahlung entgegen Zu Hoffnungen gibt der Künstler auf jeden
Fall Anlass. An diesem Abend gibt er sich sehr bescheiden – eine ungewöhnliche
Rollenauffassung des Alfredo.
Die große Überraschung an
diesem Abend aber ist der aus Usbekistan stammende Bariton Alik Abdukayumov,
der für den erkrankten Marcello Lippi in der Rolle des Georgo Germont eingesprungen
ist. Eine voll schöne Stimme, ein ansprechendes Spiel. Schade, dass die Maske
ihn für diese Rolle als zu jung erscheinen läst.
Saskia Kuhlmann sind mit dem
von der Chordirektorin Gabriele Pott herausragend gut einstudierten Chor auf der von Dietrich von
Grebner ansprechend ausgestatteten Bühne und in dem von ihm entworfenen Kostümen herrliche Massenszenen gelungen. Vor
allem das dritte Bild beeindruckt durch seinen exotischen Farbenreichtum
Schade, dass teilweise heftiger Wind und nach der Pause einsetzende leichter
Regen die Aufführung beeinträchtigen. Die übrigen Solisten ordnen sich in das
großartige agierende Ensemble nahtlos ein.
Alle machen es dem Musikalischen Leiter Ulrich Windfuhr leicht. Den Hamburger Symphoniker gebricht es
allerdings an diesem Abend arg an der „Italinatá“.
Ein gelungener Wurf, der von
den Premierenzugschauern lang und anhaltend gefeiert wird. Schön, dass die neue
Festspielleitung diesmal auch an Blumen gedacht hat.
60 Jahre Eutiner
Festspiele
Beethoven im Regen
Von Horst Schinzel
Die Eutiner Festspiele haben
es nicht leicht: Erst geht ihnen zwei Tage vor Eröffnung der Spielzeit der
Geschäftsführer und Künstlerische Betriebsdirektor von der Fahne. Und am
Festtag selbst – dem 174. Todestag Carl Maria von Weber – zieht nach einem
witterungsmäßig recht schönen Nachmittag zwei Stunden vor dem Festkonzert ein
schweres Unwetter heraus. Zwar verzieht sich das Gewitter noch rechtzeitig, aber
es regnet sich ein, und während der ganzen Aufführung prasselt der Regen mehr
oder minder stark auf die in bunte Capes gehüllten rund 400 Zuhörer.
Bemerkenswert, dass noch so viel gekommen sind. Viel mehr sind es bei Konzerten
auf der Freilichtbühne nach den Erfahrungen früherer Jahre auch bei besserem
Wetter kaum. Erst als der kopfstarke Festkonzert-Chor zum 4. Satz von Beethovens 9. Sinfonie aufzieht,
reißt das Gewölk auf. Sehr romantisch werden einzelnen Wolken von der
untergehenden Sonne angestrahlt, und die Chorsänger bleiben davor bewahrt, dass
ihre Smokings und Abendkleider völlig durchnässt werden. Sonst aber sind die
Verhältnisse an diesem Abend mehr denn irregulär: Mehr als einmal werden den
Musikern die Noten vom Pult geweht.
Ein Konzert zu Webers
Todestag hatte es auch vor 60 Jahren gegeben. Damals im Schlosshof, auch mit
Beethovens „Neunter“ , damals mit dem aus ortsansässigen Musiker zusammengestellten
Carl-Maria-von-Weber-Orchester und dem nur aus lokalen Sängern bestehenden
Festspielchor. Diesmal also mit gestanden Profis, wobei der „Festkonzert-Chor“
unter Leitung von Eutins Chordirektorin Gabriole Pott mit fünfundzwanzig sangesfreudigen
Bürgern der Stadt ergänzt worden ist. Schön, denn die Laien hat man doch vor
einigen Jahren schmählich vom Hof gejagt. Was Programmheft und Pressemitteilung
wohlweislich verschweigen Den Kern des Chores bilden die Lübecker Singakademie
und der Hamburger Carl-Philipp.-Emanuel-Bach-Chor, Auch Letzterer ein Exilant. Der
war nämlich bis vor wenigen Jahren der Kirchenchor der Hamburger
Michaeliskirche. …
Dem Dirigenten des Abends
Hillary Griffith- am Morgen von einer Regionalzeitung als „Reisedirigent“ apostrophiert
– ist es anzusehen, dass es ihn freut, zu diesem Anlass an seine alte
Wirkungsstätte zurückkehren zu dürfen. Auch ihm hatten die damals
Verantwortlichen vor einigen Jahren schmählich den Laufpass gegeben.
Griffith ist mit den
Hamburger Symphonikern – seit 53 Jahren Hausorchester der Eutiner Festspiele –
wohl vertraut. Eine Vertrautheit, die beiden anzumerken ist, und unter den
Bedingungen dieses Abends dem Werk sehr dient. Griffith nimmt die Tempi sehr
gemessen, feierlich – im 3. Satz der „Neunten“ wohl zu langsam und feierlich.
Sonst aber kommt eine Aufführung, zustande die unter den Verhältnissen gar nicht genug gelobt werden
kann.
Besonders die vorab hochgelebte
Klarinettistin Shirley Brill – Schülerin von Sabine Meyer – hat in Webers
Vertracktem
Klarinettenkonzert Nr. 2 – einst für den damals berühmtesten Solisten Heinrich Joseph Baermann geschrieben – hat
mit den irregulären bedingungen sicht- und hörbar ihre Probleme Gut, dass es sich zum
Schlusschor der „Neunten“
soweit abgeregnet hatte, dass dieser zusammen mit den Solisten Claudia
Barainsky, Sopran, Ulrike Helzel, Alt, Thomas Mohr, Tenor – den wir später als Max im „Freischütz“ erleben
werden –
Und Franz Grundheber, Bass, voll
zur Wirkung kommt.
Ein Freiluftkonzert hat immer
so seine Besonderheiten. Da fliegen Enten über die Köpfe der Zuhörer dem
Seeufer zu. Und in den Bäumen des Philosophenweges sieht eine Amsel in den
Musiker offenbar Konkurrenz.
Heftig trillert sie dagegen
an. Die standhaften Hörer sind offenbar wenig mit den Verhältnissen in
Konzerten vertraut. Jeder Satz wird heftig beklatscht, ja, es gibt sogar
Bravo-Rufe. Normalerweise hätte das Stimmung und Konzentration aller
Beteiligten sehr gestört. An diesem Abend war es eh egal. Die Mitwirkenden und fast alle auf den Rängen
haben durchgehalten – dafür gibt es am Schluss herzlichen Beifall der Solisten.
Ein sehr ungewöhnliches, aber
doch irgendwie tolles Konzerterlebnis.
Segeberger
Ballettschule Ballett & Company stellte sich in Eutin vor
Von Horst Schinzel
Um es gleich vorweg zu sagen:
Ein Tanztheater in dieser Qualität hat
Eutin schon lange nicht mehr gesehen.
Die Ballettschule Ballett
& Company bot an diesem Sonnabendnachmittag
im Eutiner Theater am Schloss vor rund 600 Zuschauer – die meist eigens
aus Bad Segeberg angereist waren einen
Querschnitt durch das Ausbildungsangebot der Leiterin Sylvia Schmetje. Sie ist Schülerin des unvergessenen Heino
Heiden in Lübeck. In Bad Segeberg unterrichtet sie seit 2005 nach englischen
Lehrmethoden. Ihre Schule betreut sowohl Kinder, Jugendliche und Erwachsene,
die Tanz und Ballett aus reiner Freude lernen und ausüben wollen wie solche,
die eine professionelle Laufbahn anstreben.
Ihre Show „“Tanzreise durch
die Jahreszeiten“ ist die zweite überhaupt. Der Eutiner Premiere ist eine
einjährige Vorbereitung voran gegangen. In der Regie von Rolf Jeche hat Marne
Jöns die fantasievollen Kostüme gestaltet.
An der Choreografie haben
neben der Prinzipalin Jenny Jess, Gernot Graaf
- der im Irish Dance durch sein fantastisches Steppen begeisterte -und
Solvei Rocksien-Wellmann mitgewirkt.
In den 27 Nummern dieser
Schau sind an diesem Nachmittag alle 140 Eleven der Ballettschule zu erleben.
Sie allen bieten ein vorzuüglichen Eindruck – von den Erwachsenen mit Flamenco
und Irish Dance, den Jugendlichen als Studierende des Modern Dance bis hin zu
den ganz Kleinen im Vorschulalter. Als junge hoffnungssvolle Solotänzerinnen begeistern
Jenny und Isabelle Marie, Isabelle Rohlfs, Gesa Siemann und Carina Blohm-Sivers
mit Vorträgen in Vollendung. Das könnten gestandene Theater-Tänzerinnen nicht
besser.
Eine kleine Bemerkung soll
nicht verschwiegen werden: Das Programm wendet sich nicht zuletzt an Kinder.
Für die sind 150 Minuten arg
lang. Und weil es etliche von den Kleinsten es nicht mehr aushalten, verlassen
eine ganze Anzahl vorzeitig den Saal. Und dies über einen Notausgang. Unruhe,
die vermeidbar wäre. Die Darstellenden auf der Bühne haben sich nichts anmerken
lassen…
Mit frischem Wind in die 60. Spielzeit
Von Horst Schinzel
Die Eutiner Festspiele sind
in den letzten Jahren – wie man an der Küste sagen würde – hart vorm Wind
gesegelt. Aber nun soll es mit frischem
Wind munter in die 60. Spielzeit gehen. Um im Bilde zu bleiben: Auf der Brücke steht eine neue
Mannschaft mit dem Interims-Intendanten Daniel Kühnel und dem Künstlerischen
Betriebsdirektor und Geschäftsführer
Stephan Jöris. Letzterer bringt von den Bayreuther Festspielen profundes
Wissen mit.
Das Jubiläumsprogramm ist
erweitert worden. Neben dem Festkonzert zur Eröffnung am 11. Juni- Todestag
Carl Maria von Webers – den beiden Opern „Drei Freischütz“ und „La Traviata“ ,
der Gala „Der Zauberberg“ , dem Spontini-Spektakel „Lalla Rükh“ und den drei
Galaabenden wurde das Kinderprogramm mit „Pinocchio“ um einen Beitrag zur
Musikalischen Früherziehung mit „Der Waldvogel“ an drei Vormittsgsterminen im
August erweitert. Hinzugekommen sind vier Kammermuckabende im Rittersaal des
Schlosses und eine Lange Nacht des Vokal-Jazz
mit der Hamburgerin Ulita Kraus im Innenhof des Schlosses am 16. Juli.
Nie haben so viele Dirigenten
in Eutin den Taktstock gehoben: Für das Festkonzert wurde der renommierte
Christan Arming aus Berlin gewonnen. „Zauberberg“ und Opern dirigiert der aus
dem Vorjahr in Eutin bekannte Ulrich Windfuhr. Die Galaabende übernimmt wieder
Georg Fritzsch Die Kinderoper „Pnocchio“ übernimmt Anoon Song.
Beim Engagement der Solisten
ist dem Leitungsteam eine glückliche Mischung von gestandenen Sängern und
jungen Stimmen gelungen. Zum Festkonzert mit Beethovens „Neunter“ kehrt Franz Grundheber nach Eutin zurück. Auf
dem Grünen Hügel begann vor über vierzig Jahren seine Weltkarriere. Wiedersehen
gibt es auch mit Hartmut Bauer als „Eremiten“., Matthais Klein als „Kaspar“ und
Thomas Mohr als “Max“ und im Festkonzert
Ihr Eutin-Debüt werden Claudia Barainsky im Festkonzert, Bernarda Bobro
als "Violetta", Martin Gäbler als Kuno, Ulrike Heltzel im Festkonzert,
Rame Lahaj als "Alfredo", Marcello lippi als "Germont",
Clayton Memro als "Samiel", Katarina Nikolic als
"Flora", Florian Rosskopp als
"Ottokar", Julia Sukmanova als "Agathe" und Martina Welschenbach als
"Ännchen" geben. Den Waldvogel wird Heidi Wollprecht singen.
Neu sind Buszubringer aus Bad
Oldesloe, Bad Schwartau, Hamburg und Lübeck, die zusammen mit dem Eutiner
Reisebüro Behrens organisiert werden. Und auch die in „Kulissen-Restaurant“
umbenannte Kantine in der Opernscheune wird neu bewirtschaftet. Neuer Wirt ist
Arne Meier vom „Halbzeit“-Catering aus Bad Schwartau der in der Vergangenheit
sich bei den Spielen des VfL Bad Schwartau, der Travemünder Woche und der
IceWorld bewährt hat. Meier will unter anderem Thematische Büfetts anbieten.
OTELLO
22./25.07.
Mit den Openair Eutiner
Festspiele hatte Petrus kein Erbarmen, öffnete gnadenlos zu ungünstigsten Momenten seine Himmelsschleußen
und ließ den völlig durchweichten Rezensenten in der Pause ins Hotel flüchten.
Zur zweiten Aufführung schüttete es davor und die Ausläufer reichten noch bis
ins Liebesduett. Die Hamburger Symphoniker unter der
Leitung von Ulrich Windfuhr spielten völlig abgedeckt unter einer
Plane, versuchten sich in relativem Schönklang in freier Natur, doch wollte dieser
unter diesen Bedingungen nicht aufkommen und somit entziehe ich mich einer
objektiven Beurteilung. Die Sänger stehen auf der sehr kleinen Bühne, ohne
jeglichen Schutz von oben, den Naturgewalten ausgesetzt und müssen agieren und
singen! Man sollte die städtischen Kulturbanausen im Regen eben dahin stellen
und ich garantiere, die Sänger hätten sobald ein transparentes Schutzdach.
Es
grenzt schon an ein Wunder, dass unter
solchen Bedingungen, noch Künstler zu finden sind. John Treleaven
debütierte als Otello, schöpft seine Kraft aus den Erfahrungen seiner besonders
durch Wagner geschulten Stimme, überraschte mit dunklen Tenorfarben, viriler
darstellerischer Präsenz und setzte mit dieser Interpretation seiner Karriere
einen weiteren, eindrucksvollen Meilenstein hinzu. Wurde von Wind und Regen mal
ein Höhenton verweht, tut dies der beeindruckenden Gesamtleistung keinen
Abbruch. Ihm zur Seite die liebliche Desdemona von Christine Dunwoodie,
sehr kultiviert meistert die junge, englische Sopranistin in bester
Stimmführung, die Klippen der anspruchsvollen Partie. Fehlt der Stimme noch
etwas Volumen, gleicht es die Sängerin
mit sehr ansprechendem Timbre bestens aus. Welches Vergnügen müsste es sein,
dürfte man die beiden Künstler in einem Opernhaus erleben. Karsten Mewes (Jago)
konnte mit seinem raukehligen Bariton, diesem vokalen Niveau nicht standhalten,
glich dieses Defizit jedoch mit einer glaubhaften Darstellung aus. Aufhorchen
hingegen ließen Wioletta Hebrowska (Emilia) mit schönem, weichem Mezzo
sowie mit klangvollem Bass Tom Schmidt (Montano). Sehr hell und
knabenhaft erklang der Tenor von Mark Bowman-Hester als Cassio und
weniger spektakulär fügten sich die Stimmen von Steffen Doberauer
(Rodrigo), Till Bleckwedel (Lodovico), David Hieronimi (Herold) sowie der Kinderchor
und Chor der Eutiner Festspiele (Gabriele Pott) ins Geschehen.
Unter der Führung von Kay
Kuntze agierten die Sänger, dank ihrer reichen Erfahrungen meist in
Eigenregie, der Chor meist hilflos auf der kargen Bühne (Achim Römer) und
klapperte mit Metallstangen in Straßenkleidung (Ursula Wandaress). Ein undiszipliniertes Publikum dankte
dennoch allen Beteiligten mit Bravos und viel Beifall.
Gerhard Hoffmann