Landestheater
Schleswig Holstein,
Theater Flensburg, 1.10.2010
Der
Liebestrank
Die
Regisseurin Renate Liedtke siedelt das Geschehen in einem Friseursalon an;
Adina die Besitzerin sitzt in der Mitte und liest, während um sie herum
Bedienstete und Kunden behandeln und sich behandeln lassen. Das einfache, aber
schön gebaute Bühnenbild zeigt moderne orangenfarbene Stühle und Sitzbänke vor
einer ebenso modernen Frisierstubeneinrichtung aus Möbeln mit schwarzem Korpus
vor einer kastanienbraunen Dekorplattenverkleidung. Nach hinten steigt das
Bühnenbild in einigen Treppenstufen zu einer großen doppelflügeligen Glastür
auf, in welcher meist durch das häufige Auf- und Abtreten des Chores großes
Gedränge herrscht. (Bühnenbild: Sibylle Meyer). Ganz zwanglos lässt sich das
Geschehen nicht in diesen Salon verorten (Was macht eigentlich Nemorino die
ganze Zeit in einem Friseurladen, und warum kommt ein Trupp Soldaten da herein?
Nur um auf Anweisung des Offiziers Liegestütze zu machen?).
Im
zweiten Akt dient dann der nunmehr mit Girlanden und Lampions und kleinen
Partystehtischchen zum Festraum geschmückte Salon weitestgehend losgelöst vom
Geschehen nur noch als bunte Umgebung des noch bunteren Geschehens. Die Kostüme
von Martina Lüpke stellen das Glanzlicht des Abends dar: jede(r) Chorist(in)
ist farbenprächtig und fantasiereich in ein anderes aktuelles Kostüm gekleidet,
als ob H&M gerade mal eine individualisierte Sonderkollektion zur Verfügung
gestellt hätte. Dazu Nemorino in weißer Jacke und ganz aktuellen Jeans mit
blauweiß kariertem Hemd und rot-weißen Sporttretern, Belcore mit seinen
Soldaten in schicke aktuelle Ausgehuniformen gekleidet, Dr. Dulcamara, mit großem
Alu-Koffer auftretend mit riesiger weißer Mähne in schwarzem Anzug mit grünen
Revers, grüner Glitzerweste und grünen Schuhen, Adina im duftigen Kleidchen. - In
der Personenregie hat sich Frau Liedtke beim Chor und dessen bunter Bewegung
mehr einfallen lassen als bei den etwas statisch geführten Hauptdarstellern,
die ziemlich häufig an der Rampe angeordnet werden. Das wirkt ziemlich bieder.
Dafür gibt es aber eine ganze Reihe launiger Einfälle, die die Aufführung
witzig-ironisch aufmischen, wozu das moderne Ambiente genügend Vorlagen
leistet.
Auch
etwas bieder wirkte die einfach strukturierte Donizetti-Musik unter der Leitung
von Merijn van Driesten. Das Orchester musizierte sauber, und sollte es einmal
zwischen Graben und Bühne etwas auseinander gehen, wurde das mit einigen
kräftigen Beckenschlägen gleich wieder in die Reihe gebracht. Aber die richtige
Spritzigkeit fehlte an diesem Abend. Der Chor wirkte immer präzise, was gar
nicht so selbstverständlich war, da die Chorsänger fast immer völlig
durchmischt auftraten.
Die
Sänger erledigten ihre Aufgaben in Flensburg sehr ordentlich, wenn auch die
sonst in kleineren Theatern gelegentlich auftretende positive Überraschung
ausblieb. Sophie Witte gab die Adina mit klarem klangschönem Sopran bei
adrettem Auftreten; allerdings gehört sie wohl mehr ins dramatische Fach,
wodurch ihre Textverständlichkeit (es wurde auf Deutsch gesungen) gerade in den
Rezitativen zu wünschen übrig ließ. Beim Nemorino des Jin.Hak Mok war das
gerade anders herum: Er sang mit der gebotenen Leichtigkeit. Seine etwas kleine
Stimme reicht für das kleine Stadttheater in Flensburg (etwa 500 Plätze) gut
hin; etwas matt seine Romanze, die auf Italienisch vorgetragen wurde. Beide
Hauptdarsteller konnten auch schauspielerisch überzeugen und erhielten zum
Schluss reichlich Beifall. Der Bariton des Jörg Sandig als Belcore blieb etwas
schmal und war nicht höhenfest, das Spiel wirkte gehemmt: Dagegen brachte
Markus Wessiak den Dulcamara mit mächtigem Bass und großer Spiellaune .
Das
Publikum im nur mäßig gut besuchten Haus dankte die Vorstellung mit viel
Applaus, den es selbst aufgrund seiner enormen Geschwätzigkeit nicht verdient
hatte. Die Landesbühnen Schleswig Holstein geben den Liebestrank noch bis zum
24.11.2010 in den Theatern Flensburg, Schleswig, Itzehoe und Rendsburg
Manfred Langer