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http://www.mittelsaechsisches-theater.de/

 

STURMHÖHE

Besuchte Vorstellung: 08.04.2012

Anschauen! Nachspielen!

Von Emily Brontë’s Roman „Wuthering Heights“ war ich, nachdem ich das Buch in meiner Studentenzeit erstmals gelesen hatte, sogleich wie von einem erstklassigen Opern-Sujet gefesselt – ja, eigentlich glaubte ich darin schon Musik zu hören. Musik an der Kippe zwischen Romantik und Moderne. Und hörte sie auch, als ich den Originalschauplatz in den Yorkshire Moors, mit dem Geburtshaus der drei Brontë-Schwestern im entlegenen Dorf Haworth besuchte: der Wind, der über die menschenleere Moorlandschaft blies, die dunklen, zerfetzten Wolken, die das Land überzogen – ich fühlte mich in heidnische Urzeiten versetzt und jede Menge Gespenstergeschichten ging mir durch den Kopf. Der ideale Schauplatz für im Verborgenen schwelende Konflikte, leidenschaftliche Liebestragödien, ungelöste Lebensrätsel, einen engstirnigen Sittenkodex und das Verlangen nach Freiheit...

Nahezu 50 Jahre später bringt das kleine Stadttheater von Freiberg, das, am Rande des Erzgebirges gelegen, im Mittelalter als die reichste sächsische Stadt galt und sowohl als Sitz der ältesten Bergakademie der Welt als auch durch seine prachtvolle Silbermann-Orgel im prächtigen Dom bekannt ist, die europäische Erstaufführung der Oper von Carlisle Floyd – in englischer Sprache. Und ich erlebe zum zweiten Mal in jener unheilvollen und zugleich faszinierenden Atmosphäre das Seelendrama zweier Menschen, die aus der Enge der Dorfgemeinschaft ausbrechen wollen und sich doch immer tiefer in Beziehungen verstricken, die nur fatal enden können. Gemeinsamkeiten mit der Tristan-und-Isolde-Story sind nicht von der Hand zu weisen.

Das wird in der Inszenierung von Judica Semler, in den Bühnenbildern von Tilo Staudte, unter der musikalischen Leitung von Jan Michael Horstmann und mit Lilia Milek als Cathy und Guido Kunze als Heathcliff mit der allergrößten Eindringlichkeit auf die Bühne gebracht. Und ich zögere nicht, zu behaupten, dass es sich dabei um eine der besten Opern des 20.Jhs. handelt, die sich eine Unzahl an Aufführungen in großen und kleinen Theatern verdient!

Natürlich lauschte ich zunächst begierig der Musik, die den Musikern der Mittelsächsischen Philharmonie hörbar ein persönliches Anliegen war: Schroffe Klänge mit viel Blecheinsatz, die seelische Wirrnis andeuten mochten, dann wieder beruhigendes Streicherweben als Ausdruck der in sich ruhenden Natur, dann immer wieder Aufbrüche und Einbrüche, in schrillen Dissonanzen kulminierend – bis ich, ohne es zu merken, vergaß, auf die Instrumentierung, auf Tempi oder Dynamik zu achten, sondern nur mehr am Schicksal der auf der Bühne agierenden Personen Anteil nahm. Und schon zur Pause sagte ich mir: Wenn das kein Kriterium für die Qualität eines Musikdramas ist, dass man nur mehr ganzheitlich dem Bühnengeschehen folgt, auch nicht mehr einzelne Töne der Sänger registriert, sondern gefühlsmäßig in sich aufnimmt, was sie singen und tun? Und nach Schluss der Aufführung konnte ich diesen Eindruck nur noch vielfach bekräftigen.

Am Werk waren Theatermenschen, die uneitel und ohne Bestreben nach sensationellen „Neuerungen“ das Stück präsentierten. Dass der jetzt 86-jährige amerikanische Komponist Carlisle Floyd sich sein Libretto, wie auch bei seinen anderen 10 Opern, selber geschrieben hat, trägt wohl zur gelungenen Verschmelzung von Text und Musik bei.

Dass sich auf der winzigen Bühne keine große Show abziehen lässt, zwingt das Regie-Team, sich auf Wesentliches zu beschränken. Eine Drehbühne, auf der verschiedene Schrägen aufgebaut sind, reicht zur raschen Verwandlung von Außenszenen in Innenräume. Die Vorderbühne, auf der das Geschehen im Haus der Earnshaws oder die Vorgänge im wohlbestallten Anwesen der Familie Linton spielen, weist Ecken und Kanten auf und grenzt die Aktionsfreiheit der Bewohner durch Stufen und halbhohe Wände ein, wobei der Hintergrund dunkel bleibt. Die Szenen im Freien werden durch einen einzigen zentralen felsartigen Block mit stark abgeschrägter Oberfläche und einen hellen Rundhorizont sinnfällig: Das ist der höchste Punkte im Moor, der Lieblingsaufenthalt von Cathy und Heathcliff, wo sie ihren Träumen von Freiheit und seelischer Harmonie nachgehen können.

Er beinhaltet aber auch die Abrutschgefahr für die beiden. Damit lassen sich wunderbar eindrucksvolle Bilder gestalten. So etwa, nachdem sich Cathy von dem im Dorf geächteten Waisenknaben Heathcliff vorübergehend abgewandt und dem begüterten Nachbarsohn Edgar die Heirat zugesagt hat, flüchtet sie dennoch wieder auf diesen „Fels“, auf dessen Rückseite, mit dem Rücken zum Publikum, als stumme Silhoutte, der Verlassene zu erkennen ist. Überaus gelungen ist auch die Konfrontation der sog. „guten Gesellschaft“, quasi eingenäht in ihre strengen viktorianischen Kostüme, die ihnen kaum Bewegungsfreiheit lassen, höchstens einmal für einen streng normierten Tanz taugen, mit den Protagonisten. Das leidenschaftliche Naturell der Cathy Earnshaw wird durch lockerere Kostümierung unterstützt, belässt der jungen Frau aber ihre Würde. Ihr Ex-Geliebter, der es in den drei Jahren des Ausgestoßenseins aus dem Haus der Adoptiveltern mit unredlichen Mitteln zu Ansehen und Geld gebracht hat, um endlich seiner Geliebten auch in den Augen der Dorfbewohner würdig zu sein, tritt nun in buntem Frack und Zylinder auf. In unschuldigen, duftigem Weiß geht die schwangere Cathy zuletzt in den Armen des Heathcliff ins Jenseits hinüber.

Das sind eigentlich Selbstverständlichkeiten (oder: sollten es sein!), die zwar keine Schlagzeilen machen, aber dafür gutes Theater!

Die Personenregie ist großartig. Da „rührt“ sich etwas, und es wird wirklich jede Seelenregung der handelnden Personen handgreiflich. Was die Darstellerin der Cathy alles durchmachen muss, grenzt schon an Wahnsinn: vom Unbehagen im Elternhaus, der beginnenden Zuneigung zum Adoptivbruder Heathcliff, der Eifersucht des leiblichen Bruders Hindley (mit sicheremTenor: Jens Winkelmann), auf den seiner Meinung nach Bevorzugten, dem Tod des Vaters, den Hindley auf dem Gewissen hat, über die Fußverletzung auf dem Liebesfels und dem folgenden Aufenthalt im fernen Nachbarhaus, wo sich eine Beziehung zu Edgar Linton und eine von dessen Schwester zu Heathcliff anspinnt, dann die vielen Gefühlsver-wirrungen, Ratlosigkeiten, Zusammenbrüche, die Unglücksehe, die Rückkehr Heathcliffs, der im Glücksspiel den inzwischen dem Trunk verfallenen Hindley das Anwesen „Wuthering Heights“ abgewinnt, und Heathcliffs Bedingung, nur dann das Haus zu verlassen, wenn Cathy mit ihm ginge, seine Drohung, mit Isabella Linton durchzugehen, wenn Cathy es nicht tue - die Arme, di ezueltzt auch noch ein Kind von ihrem Ehegatten erwartet, ist zuletzt wirklich mit ihren Kräften am Ende. Lilia Milek kann das alles spielen und mit ebenso viel lyrischem Verweilen in durchaus sangbaren Kantilenen wie auch hochdramatischen Ausbrüchen sängerisch gestalten. Guido Kunze hat zwar keine edle Baritonstimme, aber für den Heathcliff braucht er das auch nicht – mit Kraft und Höhensicherheit kann er den Charakter gut umreißen. Das fast kindliche Timbre von Susanne Engelhardt passt gut zur naiven Isabella. Die in all diese Verwicklungen involvierte, treulich das Beste für Alle versuchende Haushälterin Nelly macht Zsuzsanna Kakuk mit wohlklingendem Mezzo und viel Einfühlungs-vermögen zu einer weiteren zentralen Figur. Der alte, an einem Herzinfarkt sterbende Mr. Earnshaw von Juhapekka Sainio mit solidem Bass und der frömmelnde Diener Joseph, Klaus Kühl, mit scharfem Tenor, sowie Mark Schreck als Mr. Lockwood und die stumme Cathy II, das bessere, unschuldige Ich der Protagonistin darstellend, Susann Schulze, vervollständigen das treffliche Ensemble. Ein kleiner Chor vermittelt einen Eindruck jener Gesellschaft, in der eine Cathy Earnshaw auf Dauer nicht leben kann.

Man nimmt das 1958 an der New York City Opera uraufgeführte Werk, um das sich das Mittelsächsische Theater Freiberg-Döbeln, dank der Initiative des Intendanten Ralf-Peter Schulze, kräftig unterstützt durch seinen Dramaturgen Christoph Nieder, nun so verdient gemacht hat, als kostbare Neuerwerbung in die Reihe der Top-Opern auf, in der Hoffnung, ihm so bald wie möglich wieder zu begegnen.

Wenn ich mir nun gar vorstelle, dass eine Anna Netrebko und ein Erwin Schrott die dankbaren Hauptrollen singen – das müsste doch der Hit für alle führenden Opernhäuser sein...

Sieglinde Pfabigan

Alle Produktionsbilder sind von Detlev Müller

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