DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
Startseite
Impressum
Urheberrecht OF
---
Wagnerjahr 2013
Gastkommentar
BILSING in Gefahr
PIONTEKs Bayreuth
Die STEINBACH-Seite
---
Der OF-Stern *
Die OF-Schnuppe #
----
Blühender Bockmist
Kontrapunkt
Vermischtes
----
Ausstellungen
PLATTEN & BÜCHER
BALLETT
KONZERT
-----
Oper:
Oper im Fernsehen
Aachen
Amsterdam
Andechs
Annaberg Buchholz
Antwerpen
Arnheim
Augsburg
Baden bei Wien
Baden-Baden
Bamberg Sommeroper
Basel
Basel - Casino
Bayreuth div.
Bayreuth Festspiele
Bergamo
BERLIN
Bern
Bielefeld
Bochum
Bonn
Bozen
Ära Weise 2003-2013
Bratislava
Braunschweig
Bregenz Festspiele
Bremen
Bremerhaven
Brüssel
Budapest
Chemnitz
Chicago
Coburg
Coesfeld
Colmar
La Coruna
DAMSTADT
Dessau
Detmold
Dortmund
Dresden
Dresden Operette
Duisburg
Düsseldorf
D Tannhäuser Skandal
Eisenach
Enschede
Erfurt
Erl 2012
Erlangen
Essen
Essen WA
Eutin
FRANKFURT
Freiberg
Freiburg
Fürth
Gelsenkirchen
Gent
Giessen
Görlitz
Graz Oper
Graz Styriarte
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
HAMBURG
Hannover
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Hildesheim TfN
Hof
Gut Immling
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Bad Ischl
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe WA
Kassel
Kiel
Kiew
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Köln
Kölner Kinderoper
Krefeld
Landshut
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leverkusen
Linz/Donau
Ljubljana/Laibach
Ludwigshafen
Lübeck
Lübeck Musikhochsch.
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Magdeburg
Mailand
Mainz
MANNHEIM
Maribor/Marburg
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Minden
Minsk
Mönchengladbach
Mörbisch
Monte Carlo
Moskau Bolschoi N St
MÜNCHEN
Münster
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Oldenburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Passau
Pesaro
St. Petersburg
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Regensburg
Rendsburg
Riga
Saarbrücken
Salzburg Festsp 2013
Salzburg Landesth.
Sankt Gallen
San Francisco
Sassari
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Solingen
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart WA
Tecklenburg
Trier
Triest
Turin
Ulm
Valencia
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Weimar
WIEN
Wiesbaden
Wildbad
Winterthur
Wunsiedel
Wuppertal
Würzburg
Zürich NP
Zürich WA
Zwickau
-----
Interviews-Porträts
In memoriam
Martin Achrainer
Julia Amos
Mikael Babajanyan
Sebastian Baumgarten
Nic. Beller-Carbone
Marcus Bosch
Johan Botha
Michelle Breedt
Thorsten Büttner
Arturo Chacón-Cruz
Miriam Clark
Yen Han
Gregor Hatala
Hansgünther Heyme
Stefan Herheim
Frank Hilbrich
Guido Jentjens
Hyuna Ko
Joseph E. Köpplinger
Lothar Krause
Michael Lakner
Bettina Lell
Aiste Miknyte
Vera Nemirova
Benedikt von Peter
Harie van der Plas
Marysol Schalit
AlexandraSamouilidou
Irina Simmes
Michael Spyres
---
ARCHIV A - D
ARCHIV E - K
ERL
Erl Archiv
Essen
Flensburg LT-SH
Frankfurt
Freiburg
Gießen
Graz
Hagen
Hamburg
Hannover
Heidelberg
Hildesheim TfN
Hof
Immling
Bad Ischl
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Kassel
Kiel
Koblenz
Köln
Krefeld
Archiv L - R
ARCHIV S - Z
ARCHIV weitere
Archiv Interviews
---
Unsitten i.d. Oper
Musikerwitze

THEATER FREIBURG

 

 

 

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Besuchte Aufführung: 01.05.12              (Premiere am 08.10.11)

Loslösung des kindlichen Ichs vom Überich der Eltern

Einmal mehr wurde einem am Theater Freiburg ein äußerst interessanter und spannender Opernabend geboten: Jarg Pataki hat sich über Mozarts „Zauberflöte“ tiefschürfende Gedanken gemacht und das Werk in einer Form auf die Bühne gebracht, wie man es vorher noch nie erlebt hatte. Seine hoch geistige und innovative Interpretation der Oper ist ausgesprochen psychologischer Natur. Nicht Äußerlichkeiten stehen bei ihm im Zentrum des Interesses, sondern das Seelenleben der Beteiligten, das von ihm mit großer Brillanz und sehr stringent unter die Lupe genommen wird. Entschlossen schlägt der Regisseur die Werke Sigmund Freuds auf und wirft durch die Brille des Psychologen einen fundierten Blick auf die Probleme junger Leute, die im Begriff sind, die Schwelle zum Erwachsenwerden zu überschreiten, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen, auch sexuellen. So steht das im oberen Bereich der von Anna Börnsen eingerichteten Bühne erscheinende Ährenfeld, in dem Pamina und Papageno im ersten Akt von „Männern, welche Liebe fühlen“, singen, als Symbol für Fruchtbarkeit und Fortpflanzung. Das Erwachen körperlicher Begierden, die „Umsetzung einer erotischen Objektwahl in eine Ichveränderung“ (so Freud in „Das Ich und das Es“) stellt aber nur eine Komponente von Patakis Deutung dar. Einfühlsam zeichnet er den Weg der Teenager Tamino, Pamina, Papageno und Papagena zur Selbstfindung nach, schildert prägnant ihr allmähliches Heraustreten aus dem übergroßen Schatten der älteren Generation, die durch Sarastro und die Königin der Nacht vertreten wird. Auf diese Loslösung des kindlichen Ichs vom Über-Ich der Eltern legt der Regisseur das Hauptgewicht.

Seine Berechtigung findet dieser bemerkenswerte Regieansatz nicht zuletzt in der Biographie Mozarts, der Zeit seines Lebens unter seinem übermäch- tigen Vater litt und sich von diesem zu emanzipieren suchte, was ihm erst in seinen letzten Jahren einigermaßen gelang. Indem er Tamino und Papageno zu Beginn als alter Egos zeigt, stellt Pataki nachhaltig klar, dass die Ausgangsvoraussetzungen jeder menschlichen Entwicklung im Prinzip identisch sind, dass der Reifungsprozess aber je nach individueller Veran-lagung unterschiedlich verlaufen kann. Papageno lebt gänzlich aus dem Bauch heraus, nimmt alles locker und er nähert sich auch einmal der Königin der Nacht in unmissverständlicher erotischer Absicht. Tamino hingegen tut sich mit dem neuen Status schwer, der an seinem während der Ouvertüre gefeierten 18. Geburtstag unvermittelt über ihn hereinbricht. Er ist nicht länger das sorgsam gehegte und behütete Kind, sondern zuneh- mend auf sich selbst gestellt. Indes zeigt er sich den Ansprüchen, die die von Margret Nisch zeitgenössisch eingekleidete Gesellschaft in dieser Beziehung an ihn stellt, nicht gewachsen und hat unter der an ihn gestellten Forderung, nun endlich erwachsen zu werden, erheblich zu leiden. Unter dem von allen Seiten auf ihn ausgeübten psychischen Druck bricht er zusammen. Der Pulk von Geburtstagsgästen um ihn herum versinnbildlicht die Schlange. Im Folgenden versucht er, auf rationale, verstandesmäßige Weise seine Situation zu meistern und hält häufig Zwiesprache mit sich selbst. So erscheinen die drei hier als Genien bezeichneten, auf den Hinter- grund projizierten drei Knaben, der Sprecher und die beiden Geharnischten als Stimmen seines Innern, als immer stärker voranschreitende Ausprägun- gen seines geistigen Reifungsprozesses, der erst mit der Feuer- und Wasse-rprobe abgeschlossen ist. Demgemäß erscheint es nur konsequent, dass die Zauberflöte hier nicht gegenständlicher Natur ist, sondern als Erscheinungs- form des sich ständig  fortentwickelnden menschlichen Gehirns mit all dessen Verzweigungen und Ganglien aufgefasst wird - eine erfrischende neue Sicht von großer Klarheit und Folgerichtigkeit.

Daneben kommt in dieser Produktion aber auch gesellschaftlich-soziologischen Gesichtspunkten wesentliche Bedeutung zu. Geschildert wird die aufkeimende erste Liebe zwischen jungen Leuten, ihr  von einem ambivalenten Gefühlschaos begleiteten Zueinanderfinden. Diesen Gefühlen, die ihnen noch unbekannt sind, versuchen sie reflektierend auf den Grund zu gehen. Da Gefühle und Reflexionen sich aber viel besser durch Gesang als durch gesprochenen Text transportieren lassen, hat Pataki sämtliche Dialoge kurzerhand gestrichen und die einzelnen Musiknummern nahtlos aneinandergereiht, wobei er nur den zweiten Auftritt der drei Knaben „Seid uns zum zweiten Mal willkommen“ weggelassen hat. Aus der dadurch erreichten Straffung der äußeren Handlung resultiert eine Konzentration auf das Wesentliche, nämlich ein durchgehendes sinnstiftendes Gemeinschafts-erlebnis als innere Grundvoraussetzung für eine neue Erwachsenen-Identi- tät. Von dieser kollektiven Vereinigung bleibt der ständige Außenseiter Monostatos indes ausgeschlossen. In krasser Weise zeigt die Regie hier die tragischen Folgen einer solchen ständigen Isolierung auf. Dass der Mohr in der vorgeführten Herrenwelt einen Fremdköper bildet, wird schon durch seine ständige Platzierung in der ersten Parkettreihe hinter dem Dirigenten augenfällig. Erst am Ende darf er die Bühne betreten. Monostatos möchte an der Suche nach Liebe teilhaben, was ihm aber rigoros verwehrt wird. Mangels eines vorgegebenen hehren Zieles steht im nur der Weg ins Abseits offen. Die Klänge des Glockenspiels am Ende des ersten Aktes werden vom unbarmherzigen Peitschenknallen Papagenas begleitet, unter denen sich der arme, ausgestoßene Schwarze symbolisch krümmt. An seinem Beispiel übt Pataki harsche Kritik an einer grausamen Gesellschaft, die anders Geartete rigoros ächtet, sie gnadenlos aus ihrer Mitte ausschließt und so an ihrem traurigen Schicksal erhebliche Mitschuld trägt. Den positiven Aspekten des Lebens korrespondieren leider immer auch negative, die für ihre Opfer oft böse enden. Der Mensch braucht einen Platz in der Gemeinschaft und ein Ziel, um sich angemessen entwickeln zu können. Wenn man ihm ein solches, wie hier, willkürlich verwehrt, wird er zum Outlaw. In dieser Hinsicht nimmt die Inszenierung den Charakter einer ausgemachten Sozialstudie mit ausgeprägtem warnendem Charakter an.Gut gefiel Johannes Knapp am Pult. Zusammen mit dem gut gelaunt und frisch aufspielenden Philharmonischen Orchester Freiburg setzte er auf einen unspektakulären, leichten Mozart-Klang, der sich durch große Klarheit und Transparenz auszeichnete.Gesanglich bewegte sich die Aufführung auf hohem Niveau. Emilio Pons, noch von seiner Heidelberger Zeit her in bester Erinnerung, sang mit vorbildlich focussiertem, sonorem und viril geführtem Tenor, der ihm leider beim hohen ‚a’ am Ende seiner C-Dur-Arie im ersten Akt einmal wegbrach, einen insgesamt vorzüglichen Tamino. Mit ebenfalls sauber gestütztem, emotional eingefärbtem Sopran sang Evgenia Grekova die Pamina. Sie vermochte insbesondere mit ihrer gefühlvoll vorgetragenen g-Moll-Arie zu punkten. Prächtig schnitt der über einen volltönenden und flexibel geführten Bariton verfügende Alejandro Lárraga Schleske als Papageno ab. Ihm stand in Susanna Schnell eine hervorragende Papagena zur Seite. Diese junge Sängerin wertete mit ihrem wunderbar kräftigen, ausdrucksintensiven und obertonreichen Sopran italienischer Schulung ihre kleine Partie stark auf. Hier wächst eine ausgezeichnete Pamina nach. An diesem Abend hat sie sich jedenfalls nachhaltig für größere Rollen empfohlen. Einen soliden Bass brachte Dirk Aleschus für den Sarastro mit. Bei Marlene Mild störte ein Registerbruch. In der Mittellage gab sie die Königin der Nacht mit ansprechender, sauber verankerter Tongebung. Zur Höhe hin und bei den extremen Spitzentönen der Partie verlor ihr flexibler, koloraturgewandter Sopran indes die nötige Körperstütze und nahm einen recht kopfigen Klang an. Der Monostatos von Christoph Waltle sollte sich um eine bessere Verankerung seines nicht unschönen Tenors im Körper bemühen. Auch Matthias Flohrs Sprecher und zweiter Geharnischter hätten rein vokal etwas fundierter ausfallen können. Tadellos harmonisierten die bestens im Körper singenden drei Damen von Jana Havranová, Sally Wilson und Anja Jung miteinander. Die von Eberhard Rex einstudierten drei Genien (Knaben) waren mit Solisten der Knabenkantorei Luzern besetzt. Auf hohem Niveau bewegte sich der von Bernhard Moncado präparierte Chor.

Ludwig Steinbach

 

 

 

DIE GÖTTERDÄMMERUNG

Besuchte Aufführung: 07.04.12       (Premiere am 16.05.10)

Aufarbeitung der Historie

Mit der „Götterdämmerung“ fand die dritte zyklische Gesamtaufführung von Wagners „Ring“ am Theater Freiburg ihren famosen Abschluss. Einmal mehr ist Frank Hilbrich eine gut durchdachte, ausgefeilte und spannende Inszenierung gelungen, deren künstlerischer Wert nicht hoch genug zu veranschlagen ist. Sowohl der große Zusammenhang als auch einzelne Details wurden von ihm scharf unter die Lupe genommen und stringent ausgelotet, wobei er sich auch diesmal wieder als Meister der Personenregie erwies. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden von ihm plastisch herausgearbeitet und gekonnt in das eindrucksvolle Gesamtgefüge der Handlung integriert. Hilbrich versteht es ausgezeichnet, aus den Sängern ein Maximum an Ausdrucksintensität und vielfältigen Emotionen herauszuholen, wobei er häufig bis an die archaischen Wurzeln der tragischen Figuren vordringt. Es wird nur allzu deutlich, dass es sich hier um eine Menschheitstragödie höchsten Grades handelt, die von sämtlichen Handlungsträgern ungemein intensiv und tiefschürfend dargeboten wird. Das ist es, was erstklassiges Musiktheater ausmacht. Da störte es auch nicht sehr, dass Hilbrich wieder einmal einige kleine Anleihen bei anderen Größen der Regiekunst machte. Dass Alberich im zweiten Aufzug - hier in einem Krankenbett liegend - das Zeitliche segnet, hat Peter Konwitschny in seiner berühmten Stuttgarter Inszenierung des Werkes ähnlich gemacht. Ebenfalls von Konwitschny entlehnt ist der Einfall, dass sich Brünnhilde nach ihrer Überwältigung durch den falschen Gunther trotzig das Höschen auszieht. Der drehbare Kubus, in dem sich das Ganze abspielt, ruft ebenfalls Assoziationen an die Produktion aus Stuttgart hervor. Und auf die Idee, Wotans Raben zu Menschen zu machen, hatte bereits Martin Schüler vor zwölf Jahren in Mannheim. Hier stellen sie schwarze Anzüge tragende Spione des Göttervaters dar. Einer ist augenscheinlich jüdischer Abstam- mung - hier wird an Wagners Antisemitismus Kritik geübt. Beide werden immer wieder zu wichtigen Zeugen des Geschehens. Insgesamt sind dem jungen Regisseur, der sicher einmal eine ganz große Karriere machen wird, einfühlsame Charakterzeichnungen gelungen. Hagen zeigt er als Zuhälter, der emsig darauf bedacht ist, dass die nur spärlich bekleidete Gutrune Siegfried bei dessen Eintritt in die Gibichungenhalle auch ja genug von ihren körperlichen Reizen zeigt. Mit großem Geschick manipuliert er seine Halbschwester, die mehr aus Naivität als aus böser Absicht seinem Willen genügt, woraus ihr am Ende von Brünnhilde ein Strick gedreht wird. Nicht umsonst wird Gutrune von Hilbrich als Ebenbild von Julia Timoschenko vorgeführt.

Auch den Lehren Siegmund Freuds wird wieder eindringlich Rechnung getragen. Wie vordem ihre Mutter Erda sind auch die Nornen nicht real, sondern psychischen Ursprungs. Sie erscheinen als Ausfluss der Phantasie Brünnhildes. Drei kleine Puppen erwachsen in der Vorstellung der zum biederen Hausmütterchen mutierten Walküre zu den Schicksalsgöttinnen. Wotans ehemalige Wunschmaid wird im Traum von ihrer eigenen Imagination überwältigt und von ihrem Wissen um die Geschichte eingeholt, dabei verfängt sie sich immer mehr in den Wirren des Seiles. Sie kann ihrem Schicksal nicht entrinnen. Auch sie wird so zu einem Opfer von Alberichs Fluch. Da hilft es auch nichts, dass sie das Seil jäh zerreißt, als ihre Halbschwestern auf die Verwünschung des Schwarzalben zu sprechen kommen - eine ausgesprochen kluge und schlüssige Interpretation der Szene. Auch um gute Symbolik ist Hilbrich nicht verlegen. Wenn sich Brünnhilde während ihrer großen Auseinandersetzung mit Hagen und Gunther am Ende des zweiten Aufzuges die Haare abschneidet und zu ihrem Schlussgesang mit einer Pagenfrisur erscheint, wird damit das Samson- Motiv bemüht. Gleich dem biblischen Helden aus dem Buch der Richter büßt sie mit den Haaren gleichzeitig auch ihre Stärke ein. Und den Vergessens- trank nicht mehr gegenständlich, sondern psychologisch zu deuten, gehört heutzutage für ernstzunehmende Regisseure längst zum guten Ton. Auch Hilbrich findet den Schlüssel zu dieser zentralen Szene in der Seele Siegfrieds. Eines Trankes bedarf es hier gar nicht. Allein der Anblick von sexy Gutrune lässt den Helden seine erste Liebe Brünnhilde vergessen und zu einem ausgesprochen flatterhaften Luftikus werden, der in Sachen Umarmen und Küssen der überaus attraktiven Gibichungentochter manchmal etwas zu viel Eifer an den Tag legt. Seine Libido ist schon sehr beweglich und springt mit großer Leichtigkeit von einem Objekt auf das andere über. Das ist aber auch kein Wunder, wird die alte Walküre doch vom Regisseur im Gegensatz zu der hoch erotisch gezeichneten Gutrune bewusst hässlich vorgeführt. Die von Hilbrich zur Schau gestellte Flatter-haftigkeit Siegfrieds mutet indes ziemlich heiter an. Anlass zum Schmunzeln gab auch das Miniatur-Stoffpferd Grane. Siegfrieds Rheinfahrt, bei der der Held schwimmend bis in die Behausung der Gibichungen vordringt, wurde mit filmischen Mitteln vorgeführt.

Durch die ganze Produktion zieht sich Hilbrichs Frage nach der Einstellung des Menschen zu seiner Geschichte, die in zahlreichen Büchern archiviert ist. Dementsprechend stellt der von Volker Thiele entworfene Bühnenraum ein riesiges Archiv dar, dessen gewaltige Ausmaße schier erdrückend sind. Eine gewissenhafte Aufarbeitung der Historie will indes keinem der Beteiligten gelingen. Diese Sisiphos-Arbeit ist angesichts ihrer enormen Dimensionen aber auch von vornherein schon nicht zu bewältigen. Zu gewaltig ist der Stapel von bis zum Rand gefüllten Bücherkisten. Letztlich muss jeder Protagonist an seiner eigenen Geschichte zugrunde gehen. Die Aussage ist klar: Es ist unerlässlich, sich mit der - persönlichen - Historie auseinander-zusetzen, denn sie stellt einen unverzichtbaren Bestandteil aller Individuen dar und ist für deren Entwicklung ein absolutes Muss. Dieser essentiellen Notwendigkeit ist sich insbesondere die junge Generation des Gibichungen-Reiches nicht bewusst. Sie will von ihren geistigen Wurzeln nichts wissen, schaut nur vorwärts und nicht zurück. Ihre Form der Vergangenheits-bewältigung besteht letzten Endes darin, die Bücherkartons umzustürzen und das Archiv zu zerstören. „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“, möchte man ihnen mit Goethes Faust ermahnend zurufen. Aber vergebens. Diese jungen Wilden sind nur nachhaltig darauf bedacht, allen unerwünschten Ballast von sich abzuwerfen und in eine neue Zukunft mit neuen, unbekannten Werten aufzubrechen. Hier setzt Hilbrich eindrucksvoll einen Kontrapunkt gegen jegliches Vergessen. Die Ähnlichkeit dieses Grundkonzeptes mit seinem Ansatzpunkt zum „Lohengrin“, der vor einigen Monaten über die Freiburger Bühne ging, war offenkundig. Dem Regisseur ist Geschichtstradition offenbar sehr wichtig. Und doppelt genäht hält ja bekanntlich besser. Das Ende zeigt nicht eine Götter-, sondern nur eine Menschendämmerung. Das haben auch andere Inszenatoren so gemacht. Nur die überlebende Gutrune wird verschont. Sie integriert sich wieder in die Menschenmenge - ein herzliches Plädoyer Hilbrichs an die Adresse der ukrainischen Regierung, der arg gebeutelten Julia Timoschenko Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - und schreitet in dieser aufgehend zum Orchestergraben vor. Zu den Klängen des finalen Erlösungsmotivs blickt die Masse fragend ins Publikum. Haben die Zuschauer aus dem Gesehenen etwas gelernt?

 

Am Pult setzte GMD Fabrice Bollon zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg auf französisch anmutende, grazile und klangfarblich ausgefeilte musikalische Tableaus, die stark impressionistisch angehaucht waren. Nicht nur an einer Stelle wurden an diesem Abend Ähnlichkeiten zu seinem längst verstorbenen, ebenfalls aus Frankreich gebürtigen Dirigentenkollegen André Cluytens auffällig. Leider fielen die Musiker im Vergleich zu den vorangegangenen Abenden etwas ab. Bereits der einleitende es-moll-Akkord lief etwas aus dem Ruder und auch im weiteren Verlauf der Vorstellung wäre seitens der in dieser Woche zugege-benermaßen stark geforderten Musiker etwas mehr Konzentration schön gewesen.

Fast durchweg auf ausgezeichnetem Niveau bewegten sich die sängerischen Leistungen. Als Brünnhilde war diesmal wie in der Premiere im Mai 2010 Sabine Hogrefe zu erleben, die eine in jeder Beziehung ansprechende Leistung erbrachte. Schon darstellerisch überzeugend, entsprach sie mit ihrem perfekt sitzenden, sonoren und ausdrucksstarken Sopran der Partie auch stimmlich ganz. Ihr erneuter Einsatz in dieser Rolle dürfte wohl daran gelegen haben, dass Sigrun Schell, die überzeugende Brünnhilde der vorangegangenen Abende, ihren Part in der „Götterdämmerung“ noch nicht - ganz - erarbeitet hatte. Dennoch brauchte man auch bei dieser Aufführung auf Frau Schell nicht zu verzichten, denn sie gab eine schauspielerisch hinreißende und mit dunklem, vollem und höhensicherem Sopran auch vokal sehr gefällige Gutrune. Obwohl wegen einer Indisposition angesagt, ist Christian Voigt eine gute Leistung zu bescheinigen. Trotz seiner Erkältung vermochte er dem Siegfried mit sauber focussiertem, substanz-reichem Tenor schon rein vokal beeindruckende Konturen zu verleihen. Auch darstellerisch wurde er seinem Part voll gerecht. Einen guten Tag hatte Gary Jankowski, der sowohl stimmlich als auch schauspielerisch alle Facetten des Hagen zog. Sein trefflich sitzender robuster Bass und sein eindringliches Spiel ergaben ein recht bedrohliches Rollenportrait des Nibelungensohnes. Seine Szene mit dem mit großer Kraft und Impulsivität singenden Alberich von Neal Schwantes war einer der Höhepunkte der Vorstellung. Von Wolfgang Newerlas Gunther hätte man sich manchmal mehr Körperstütze seines an sich kräftigen Baritons gewünscht. Sein Stimmsitz erwies sich als recht variabel. Stimmstark, aber wieder mit zeitweilig vergrübelter Tongebung bei einigen Vokalen gab Anja Jung die Waltraute und die erste Norn. Tadellose Stimmen brachten Roswitha C. Müller und Jana Havranová für die zweite und die dritte Norn mit. Einen wunderbar ebenmäßig dahinfließenden Mezzosopran italienischer Schulung wies die Wellgunde von Sally Wilson auf, und auch Qin Du machte als Flosshilde mit kräftigem Stimmklang auf sich aufmerksam. Nur die Woglinde war mit der äußerst dünn und in der Höhe etwas schrill klingenden Lini Gong unzureichend besetzt. Die junge Sängerin sollte dringendst daran arbeiten, ihren Sopran in den Körper zu bekommen und sich eine solide italienische Technik zulegen. Ort der richtigen Stütze ist das Brustbein bei gleichzeitiger, kaum spürbarer Gegenbewegung. Nur auf diese Weise wird der Focus des Gesangsapparates nach unten verlagert und stellt sich ein schönes appoggiare la voce ein. Ordentlich schnitt der von Bernhard Moncado einstudierte Chor ab. Die Stimmführer der Tenöre klangen bei der Mannenszene indes etwas dünn. Fulminanter gaben sich die Bässe.

Fazit: Ein ungemein spannender Opernabend von enormer Eindringlichkeit, an dem sich sogar die Aufführungen größerer Häuser messen lassen müssen. Der insgesamt schon glänzenden Qualität der vorangegangenen drei „Ring“-Abende wurde hier hochkarätig die Krone aufgesetzt. Dieser hoch geistige, sehr innovativ umgesetzte und geradezu preisverdächtige „Ring“, der mir persönlich fünf Sterne wert wäre, gehört wahrlich zum Besten. An dieser Stelle der dringende Appell an die Leitung des Freiburger Opernhauses, dieses äußerst kostbare Juwel des Spielplans, das in hohem Maße zur Rezeptionsgeschichte des Werkes beigetragen hat und sicher einmal in die Annalen des Theaters Freiburg eingehen wird, nicht abzusetzen und im Wagner-Jahr wieder zu zeigen. Angesichts des enormen Erfolges beim Auditorium wäre ein volles Haus vorprogrammiert. Jedem Opernfreund sei der Besuch des nächsten „Ring“-Zyklus zu Pfingsten stark ans Herz gelegt.

Ludwig Steinbach

 

 

SIEGFRIED

Besuchte Aufführung: 14.06.09        (Premiere am 05.04.09)  

Psychologische Selbstfindung eines Helden

Mit großen Erwartungen ging die erste zyklische Aufführung von Wagners „Ring des Nibelungen“ in dieser Spielzeit in die dritte Runde. Auch der „Siegfried“ hinterließ in jeder Beziehung einen bleibenden Eindruck. Frank Hilbrich wartete mit einer ganz eigenen, erfrischenden neuen Interpretation des Scherzos der Tetralogie auf, die in jeder Beziehung voll überzeugte und den Kern des Stückes voll traf. Volker Thiele hat dazu einen riesigen Bungalow entworfen, dessen Aussehen von Aufzug zu Aufzug leicht variiert, die Behausung sämtlicher Handlungsträger darstellt und gleichzeitig als ein Ort der Tarnung aufzufassen ist. In diesem Ambiente kann sich das Gesche- hen voll und ganz entfalten. Dabei lässt der Regisseur der psychologischen Komponente essentielles Gewicht zukommen. Gerade diese mit konventio-nellen Sehgewohnheiten nachhaltig aufräumende, auf den Lehren Freuds und Jungs beruhende Sichtweise ist es, was seine Inszenierung so interes- sant macht und diese als Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte des nicht gerade leicht auf die Bühne zu bringenden Werkes erscheinen lässt.

Er erzählt die gesamte Handlung durchgehend aus der Perspektive Siegfrieds und legt den Focus ganz auf dessen Seelenleben. Sein Heldentum wird von Hilbrich kritisch hinterfragt. Da findet sich nicht nur Glanz, sondern auch Schatten. Die Titelfigur wird von Hilbrich nicht zu einem simplen Haudrauf degradiert, sondern zu einem reflektierenden, sich der Fragwür-digkeit seiner Triumphe durchaus bewussten Menschen gemacht. Im Zentrum steht die Frage, wie Siegfried mit seinen nicht immer positiv zu wertenden Taten innerlich umgeht. Das ganze Musikdrama schildert praktisch nichts anderes, als den Weg des Wotan-Enkels zu seiner Selbs-tfindung, was in Hilbrichs ausgefeilter Produktion derart tiefenpsycholo-gische Dimensionen annimmt, das man nur staunen kann. Mit großem Können wird das Geschehen von einer äußeren auf eine mentale Ebene verlagert und durch die Brille des Psychologen betrachtet. Als Initialerlebnis für die geistige Entwicklung Siegfrieds ist die hier nur symbolische Schmiedung des Schwertes - an dessen Stelle tritt später ein kleiner Dolch - anzusehen, bei der er sich zum ersten Mal seiner selbst bewusst wird. Die ganze Szene stellt einen trefflichen Ausdruck seiner Charakterstärkung dar. Auf eindrucksvolle Art und Weise wird hier die Ich-Werdung, die Geburt eines Recken aus seiner Psyche heraus geschildert. Unterstützt wird dieser Prozess durch eine Reihe kindlicher, unterschiedlichen Entwicklungsstufen angehörender Alter Egos Siegfrieds, die nach wie vor Bestandteil seines Inneren sind und bleiben. Je mehr der Held zu sich selbst findet, desto stärker schreitet seine Entwicklung voran. Seine Beziehungen zu den anderen Protagonisten sind ebenfalls mehr geistiger als realer Natur. Den ihn manipulierenden alten Männern Mime und Wotan dient er als Projek-tionsfläche für deren gewaltigen Weltenentwürfe. Ganz phänomenal ist Hilbrich der zweite Aufzug gelungen, in dem er den unsichtbar bleibenden Waldvogel als innere Stimme Siegfrieds deutet. Psychologisch geht es auch bei Wotan zu, der bei einem Blick in den Spiegel die einem Schrank entstei- gende Erda - wie schon im „Rheingold“ - als sein geistiges Spiegelbild imaginiert. Die Urwala, die wie der Göttervater, der zuvor noch in moderner Wandererkluft aufgetreten ist, nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet ist, bildet einen Teil seines Selbst, ist als Ausfluss seines schlechten Gewissens zu begreifen. Konsequenterweise ist Wotans große Auseinandersetzung mit Erda als Selbstgespräch zu verstehen. Das alles wurde von Hilbrich mit dem ihm eigenen Gespür für Charakterisierungen hervorragend vermittelt.

Entsprechend dem Charakter des „Siegfried“ als heiterem Intermezzo arbeitete der Regisseur auch etliche wohldosierte komödiantische Elemente in seine Interpretation mit ein, die zu den vielfältigen ernsten Momenten ein recht vergnügliches Pendant bildeten. So gerieren sich der Wanderer und Alberich im zweiten Akt als alte Saufkumpane, deren Lieblingsgetränk Bier ist. Köstlich mutete auch Hilbrichs Sicht des Fafner an, der als arger Fettkloß zwischen lauter Müll haust. Seine Lieblingsspeise ist Pizza, was ein am linken Bühnenrand aufragender riesiger Haufen von Verpackungen dieses Gerichts nahe legt. Faul und träge will er nur in Ruhe gelassen werden und macht keinerlei Anstalten, sich gegen den ihn mit dem bereits erwähnten Dolch hart bedrängenden und zu guter Letzt erstechenden Siegfried zur Wehr zu setzen. Heiterkeit erregte auch Brünnhilde, die den Holzaufbau, auf dem sie am Ende der „Walküre“ sanft entschlummert war, mit einem simplen Stuhl vertauscht hat und sich auf diesem hin und her bewegend offenbar einem sinnlichen Traumerlebnis hingibt. Schließlich fängt sie sogar an schlaf-zuwandeln, wobei sie die für den Feuerzauber verwendeten Kerzen emsig umräumt. Im Folgenden geht es zwischen der ehemaligen Walküre und ihrem Erwecker hoch erotisch zu. Mit allen ihr zu Gebote stehenden weiblichen Reizen versucht sexy Brünnhilde, Siegfried zu verführen. Lasziv rekelt sie sich auf ihrem Stuhl und wälzt sich auf der Erde umher. Schließlich beginnt sie den verängstigten Helden ebenfalls zu entkleiden. Als sie sich seiner Hose nähert, nimmt er indes schleunigst Reißaus. Er ist noch nicht so weit. Aber schließlich kriegt ihn Brünnhilde doch noch rum. Bevor es aber am Schluss dann richtig zur Sache geht, schaltet sie noch schnell dezent das Licht aus. Einmal mehr haben wir es hier mit einer gut durchdachten, kurzweiligen, spannenden und stringenten Regiearbeit zu tun, zu der man Herrn Hilbrich nur gratulieren kann.

GMD Fabrice Bollon erbrachte am Pult eine ansprechende Leistung. Zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg vollführte er eine gelungene Gratwanderung zwischen dramatischer Schwere und kammermusikalischer Leichtigkeit der Musik, deren vielschichtige Farben er gekonnt herausarbeitete. Auch den Sängern machte er es nicht allzu schwer.

Hervorragend schnitten die Sänger ab. Christian Voigt erwies sich schon rein von seinem Äußeren her als idealer Siegfried, dem er auch schauspielerisch ein glaubhaftes Profil zu geben wusste. Gesanglich vermochte er ebenso zu überzeugen. Er nennt einen kräftigen, gut focussierten und farbenreichen Tenor sein Eigen, den er differenziert einzusetzen wusste. Nachdem er sich im ersten Aufzug noch ein wenig zurückgehalten und am Ende leider ein wenig gekiekst hatte, lief er ab dem zweiten Akt zu großer Form auf und bewies im weiteren Verlauf des Abends, dass er sich hinter berühmteren Rollenvertretern durchaus nicht zu verstecken braucht. Einige von denen übertraf er sogar. Übertroffen wurde er von Roberto Gionfriddo, der zwei Tage vorher noch den Siegmund gegeben hatte und nun einen Mime der Superlative sang. Weitab von herkömmlichen Rollenklischees verlieh der über einen ungemein prachtvollen, bestens focussierten, kraftvollen und obertonreichen Tenor italienischer Schulung verfügende Sänger dem hinterhältigen Nibelungen ein geradezu heldisches Profil von größtem Glanz. Nie habe ich einen besseren Mime gehört. Hier wächst ein ausgezeichneter Siegfried nach. Die Konfrontation dieser beiden hochkarätigen Tenorstimmen, von denen man in Zukunft noch viel erwarten darf, ließ den ersten Aufzug zu einem Hochgenuss werden, an dem auch der sonor, prägnant und ausdrucksstark singende Wanderer von Peteris Eglitis Teil hatte. Leider war der verdiente Bariton an diesem Abend nicht immer textsicher und hatte bei der Stelle „Welches ist das Geschlecht, dem Wotan schlimm sich zeigte“ leider einen bösen Hänger. Zu einer sehr intensiven Angelegenheit geriet im zweiten Aufzug seine Aussprache mit dem Alberich von Neal Schwantes, der seinen robusten Bariton markant und mit großer Ausdrucksstärke einzusetzen wusste, wobei er die Textverständlichkeit nie vernachlässigte. An das hohe Niveau seiner Kollegen vermochte Gary Jankowskis Fafner mit mächtigem Bass problemlos anzuknüpfen. Mit ihrer tiefen Altstimme verlieh Anja Jung der Erda große Autorität, wartete aber einmal mehr mit einer manchmal etwas eigenwilligen Formung der Vokale auf, die nicht immer schön klangen. Nach ihrem sensationellen Rollendebüt als Walküre zwei Tage vorher war Sigrun Schell jetzt auch im „Siegfried“ erstmalig als Brünnhilde zu hören und konnte auch hier auf der ganzen Linie überzeugen. Ihr gutes, mädchenhaftes Aussehen und ihre treffliche schauspielerische Ader ließen sie schon rein äußerlich zu einem Glücksfall für die Rolle werden, die sie auch gesanglich problemlos meisterte. Sie kam mit der schwierigen Tessitura bestens zurecht, sang durchweg intensiv und mit großer innerer Beteiligung, was eine vortreffliche Gesamtleistung ergab, mit der sie ebenfalls so mache berühmtere Kollegin in den Schatten stellte. Lediglich Lini Gong konnte als aus dem Off singender Waldvogel mit äußerst dünner Tongebung nicht überzeugen. Sie sollte dringendst daran arbeiten, ihren Sopran in den Körper zu bekommen.

Fazit zum Schluss: Auch dies eine sowohl szenisch als auch musikalisch und gesanglich absolut hochkarätige Aufführung, die sogar für Bayreuth nachhaltig Maßstäbe setzt und deren Besuch dringendst empfohlen wird.

Ludwig Steinbach

 

 

DIE WALKÜRE

Besuchte Aufführung: 03.04.12        Premiere am (08.06.08)

Wälsungennot und Generationenkonflikt

Das war eine echte Sternstunde hochkarätigen Musiktheaters: die Aufführung von Wagners „Walküre“ am Theater Freiburg, dessen hohe künstlerische Qualitäten einmal mehr offenkundig wurden. Was einem an diesem überaus gelungenen Abend geboten wurde, war in jeder Beziehung erstklassig. Szene, Musik und Sänger gingen eine Symbiose von höchstem Rang ein, wie man sie nicht alle Tage erlebt. Das schon oft bewährte Freiburger Opernhaus wartete mit einem Niveau auf, das man sogar an großen Häusern nur selten erlebt. Es ist schon außergewöhnlich, wie es dieses Opernhaus, das zu den ersten Adressen gehört, immer wieder schafft, sogar Bayreuth gekonnt in den Schatten zu stellen. Es hat sich wahrlich längst den A-Status verdient!

Nachdem Frank Hilbrich im „Rheingold“ den moralisch fragwürdigen Aufstieg der Götterfamilie geschildert hat, rückt er jetzt die Kinder Wotans ins Zentrum des Interesses. Mit großer Stringenz zeigt er in den Bildern von Volker Thiele das erstmalige Aufkeimen eines ausgeprägten Generationenkonfliktes auf und gemahnt an die Verantwortung der Väter gegenüber ihren Nachkommen - eine Pflicht, von der der ausgemachte Egomane Wotan indes nichts wissen will. Seine Kinder sind für ihn nur Mittel zum Zweck. Sie sollen seine Schuld sühnen und ihm bei der Bewältigung seines Traumas helfen. Ihre Tragik, ihr großes Leid dominieren den ganzen Abend und lassen die „Walküre“ als das menschlichste und rührendste Musikdrama Wagners erscheinen. Stark unter die Haut geht bereits der Anfang, an dem Wotan seine beiden kleinen Kinder Siegmund und Sieglinde in die rastlosen Stürme und Unbilden des Lebens entlässt. Ihr verzweifelter Aufschrei gegen ihre Fremdbestimmtheit, der jäh in das fulminante, mit filmischen Mitteln visualisierte Vorspiel mündet, ist Michael Schulz’ phänomenaler Weimarer Interpretation nachempfunden. Auch sonst lässt sich Hilbrich oft von Einfällen anderer Regiegrößen inspirieren.

Dass das Wälsungenpaar als äußeres Erkennungszeichen rote Haare trägt, ist Harry Kupfers ausgezeichneter Bayreuther Deutung entlehnt, ebenso der Schluss des zweiten Aktes, wenn Brünnhilde nach Wotans Abgang mit Sieglinde noch einmal zurückkommt und die Stücke des zerbrochenen Schwertes einsammelt. Die Pointe, die erschöpfte Sieglinde während der Todesverkündigung auf einmal erwachen zu lassen, hat man in Kasper Bech Holtens Kopenhagener „Ring“ ähnlich gesehen. Und der drehbare und bespielbare riesige Kubus, der den Walkürenfelsen bildete, rief starke Assoziationen an denjenigen aus Peter Konwitschnys bemerkenswerter Stuttgarter „Götterdämmerung“-Inszenierung hervor. Auch der Einfall, Hunding überleben zu lassen, ist nicht mehr neu. Ob er dieses plagiatorische Vorgehen Hilbrichs akzeptiert oder es fragwürdig findet, muss jeder für sich selber entscheiden. Tatsache ist, dass es sich dabei um großartige Bilder handelte, die einen mächtigen Eindruck hinterließen.

Insgesamt ist Herrn Hilbrich eine hoch innovative, ungemein spannende und handwerklich trefflich umgesetzte Produktion gelungen, die einen gänzlich in ihren Bann zog. Selten hat man bei diesem Werk eine derart ausgefeilte und kurzweilige Personenführung sowie so einfühlsame Charakterzeichnungen erlebt. Mit Sängern kann der Regisseur wirklich hervorragend umgehen. Es wurde wirklich nie langweilig. Der durchgehende szenische Spannungsbogen riss an keiner Stelle ab. Überzeugend war auch der geistige Überbau, den Hilbrich seiner Regiearbeit angedeihen ließ. Wotan hat seit dem Vorabend eine große Karriere gemacht. Gleich Joschka Fischer, dem er auch hier wieder angeglichen wird, ist er in die politische Führungsliga aufgestiegen und trägt nun einen eleganten, von Gabriele Rupprecht entworfenen schwarzen Anzug. Mit seinem Inneren steht er indes zunehmend auf Kriegsfuß. Zur seelischen Konfliktbewältigung sucht er seine Zuflucht häufig in roher Gewalt und wird gegenüber der ihm im zweiten Aufzug widersprechenden Brünnhilde sogar handgreiflich. Im Gegensatz zu sonstigen Produktionen, in denen der Walhall-Chef nach seinem Zornesausbruch gegenüber der Tochter in größtem Zorn davonstürmt, wankt er bei Hilbrich langsam und völlig gebrochen von der Bühne - ein ganz starkes Bild! Im dritten Akt lässt er seine Wut an riesigen Puppen und Stofftieren aus. Sie prägen fast den gesamten Zwischenaufzug, dessen erster Teil sich in Brünnhildes aus dem bildnerischen Grundgedanken des ersten Aufzuges weiterentwickelten Kinderzimmer abspielt. Die Walküre ist zu Beginn noch ein ziemlich ausgeflippter, unbekümmerter und blonde Zöpfe tragender Teenager in einem blauen Sternenkleid - so sind auch ihre Schwestern im dritten Aufzug gewandet -, der augelassen durch die Gegend tollt und übermütig mit ihren Stoffpuppen um sich wirft. Trotz der kriegerischen Funktion, die ihr der Vater aufgebürdet hat, scheint sie den Ernst des Lebens noch nicht kennengelernt zu haben. Mental ist sie noch ein Kind geblieben, dass sich großen Gefühlsstürmen noch nicht ausgesetzt sah. Erst das große Mitleid - ein ganz zentraler Punkt in Wagners Mentalität - mit ihren leidgeprüften Halbgeschwistern lässt sie zur Frau reifen. Ihr seelischer Zwiespalt, ihre Liebe zu dem als Rebellen gezeichneten Siegmund wird von der Regie mit enormer Vehemenz aufgezeigt und emotional tiefschürfend geschildert. Es fällt Brünnhilde ungemein schwer, dem Halbbruder den Tod zu verkünden. Mehrmals will sie dazu ansetzen, vermag es aber nicht und zieht sich immer wieder zurück, bis sie ihn schließlich heftig von hinten umarmt und anspricht. Das war eine der stimmigsten Augenblicke der ganzen Inszenierung. Die in dieser Szene aufeinander prallenden Emotionen wurden mit solcher Intensität ausgelebt, dass es einem fast den Atem verschlug. Zum ersten Mal entdeckt Wotans Wunschmaid hier ihr tiefstes Seelenleben, was für sie gänzlich neu ist. Wenn Siegmund sie als „arge, fühllose Maid“ bezeichnet, sie zum reinen Sexsymbol degradiert und ihr über die Hüfte hinaus das Kleid hochzieht, trifft sie das sehr schmerzlich. Der schwarze Mantel, den sie inzwischen übergestreift hat, symbolisiert nicht nur ihren Status als Schlachtjungfrau, sondern ebenso die große Verzweiflung der hier ganz Mensch gewordenen Walküre.

Von tiefen Emotionen ist auch die Beziehung des sich bereits zu Beginn inbrünstig küssenden Wälsungenpaares bestimmt. Diese Liebe zwischen den Geschwistern braucht keine Zeit, um sich zu entwickeln; sie ist von Anfang an vorhanden und nimmt zunehmend auch erotische Züge an. Bei den „Winterstürmen“ durchbricht Siegmund eine ihn von Sieglinde trennende Wand - die Behausung des Feldjägers Hunding besteht aus drei durch helle Planen voneinander getrennten Segmenten - und reißt der Schwester die Oberkleidung vom Leibe. Den weiteren Abend bewältigt Sieglinde im weißen Unterkleid; sie ist nun für immer der Zwangsjacke, in die sie Hunding gesteckt hat, entkommen. Das Schwert Notung zieht der Held aus einem aufklappbaren Sofa. Einen letzten Höhepunkt erreichte die Regie in dem ungemein packend durchinszenierten Schlussgespräch zwischen Wotan und Brünnhilde, in dem die beiden gefühlsmäßig noch einmal ganz aus dem Vollen schöpften und die große Liebe zwischen beiden offenkundiger wurde als bei so manch anderer Deutung. Gerade dieses ausgeprägte technische Können ist es, was Hilbrich zum Meister seines Fachs macht.

Eine gute Leistung erbrachte GMD Fabrice Bollon am Pult. Seit der Premiere hat er sich deutlich weiterentwickelt. Zusammen mit dem brillant aufspie-lenden Philharmonischen Orchester Freiburg setzte er auf eine abwechs-lungsreiche und differenzierte Auslotung von Wagners herrlicher Partitur in gemäßigten Tempi und klangfarblichen Schattierungen sowie feinen dynamischen Abstufungen. Die auf der Bühne vorherrschenden tiefen Emotionen fanden im Graben eine treffliche Entsprechung.

Sängerisch konnte man von einem Fest sprechen. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass in Freiburg ein ausgezeichnetes Wagner-Ensemble nachwächst, dem die Bayreuther Weihen sehr zu gönnen wäre. Vor allem zwei Rollendebüts waren es, denen man mit Spannung entgegensah: Sigrun Schell, die in diesem „Ring“ in den vergangenen Jahren bereits Sieglinde und Gutrune gab und am Vortag noch in der Mezzosopran-Partie der Fricka zu sehen war, sang an diesem Abend ihre erste Brünnhilde und landete einen phänomenalen Erfolg. Sie erwies sich in jeder Hinsicht als Idealbesetzung für Wotans Wunschmaid. Ein Bild von einer Frau, mit langen blonden Haaren, jung und schlank entsprach sie ganz dem Vorstellungsbild der Walküre, die sie auch mit ausgeprägtem jugendlichem Elan phantastisch spielte. Stimmlich kam die Rolle jetzt genau zur richtigen Zeit. Die sympathische Sängerin, deren Wurzeln im Mezzo-Fach liegen, hat ihre Stimme in den letzten zwei Jahren auch in der Höhe hervorragend in den Körper bekommen und sich zu einer trefflichen Vertreterin dramatischer (Wagner-) Partien entwickelt. In Mittellage und Tiefe dunkel, klangschön und tiefschürfend intonierend, kam sie auch mit den Spitzentönen der Rolle bestens zurecht. Bereits die einleitenden „Hojotoho“-Rufe präsentierte sie mit Feuer und Fulminanz. Ihre größten Momente hatte sie indes in der Todesverkündigung und in der Schlussszene mit Wotan, bei denen sie mit immens warmer und gefühlvoller Tongebung nachhaltig begeisterte. Das war eine ganz große Leistung. Es ist schon recht ungewöhnlich, wenn ein Tenor neben dem Loge und dem „Siegfried“-Mime innerhalb einer Woche auch noch den Siegmund singt. Nun, dagegen ist nichts zu sagen, insbesondere wenn der betreffende Sänger Roberto Gionfriddo heißt. Bei diesem Sänger, den man in Freiburg neben seinen eben genannten „Ring“-Partien u. a. auch als Hexe und Herodes erleben konnte, war der Wechsel ins Heldenfach nur eine Frage der Zeit. Auch ihm ist ein überaus gelungenes Debüt zu bescheinigen, dem eine kleine vokale Unebenheit bei der Stelle „So blühe denn, Wälsungen-Blut“ am Ende des erste Aufzuges keinen Abbruch tat. Mit prächtigem, bestens focussiertem, substanz- und obertonreichem sowie eine phantastische italienische Technik aufweisenden Tenor zog er alle Register des Wotanssohnes, dessen große Liebe zu der Schwester er nur allzu deutlich werden ließ. Nicht nur stimmlich, auch schauspielerisch harmonierte er bestens mit der Sieglinde von Mona Somm, die ihrer Rolle mit angenehm timbriertem, in jeder Lage tadellos ansprechendem profundem Sopran, der das Zeug zu einer Brünnhilde hat, mehr als gerecht wurde. Peteris Eglitis verdiente sich als Wotan an diesem Abend die höchsten Wotan-Weihen. Sowohl vokal als auch darstellerisch stürzte er sich mit enormer Intensität in seine Rolle und hat die ganze Tragik des Göttervaters auf sehr eindringliche Art und Weise vermittelt. Das ist ein Sänger, der seinen Stanislawski drauf hat. Dieser Bariton dürfte zur Zeit auf dem Höhepunkt seines Könnens stehen. Er bewältigte nicht nur die eklatanten Ausbrüche des Gottes mit Fulminanz, sondern fand auch zu sehr berührenden und innigen Tönen, die ihr Fundament in einer hervorragenden Pianotechnik fanden. Nicht zuletzt seine vielfältigen leisen Töne waren es, die sich einem tief in das Gedächtnis eingruben. Stimmstark und autoritär gab sich Anja Jung als Fricka, wobei sie indes wieder mit unschönen Vokalverfärbungen aufwartete. Einen bedrohlichen Hunding gab der mit großen Nachruck singende Gary Jankowski. Insgesamt ansprechend war der Kreis der aus Julia Thornton, Kyong-Eun Lee, Jana Havranova, Sally Wilson, Anna Vincken, Qin Du, Jelena Milovic und noch einmal Anja Jung gebildeten kleinen Walküren.

Fazit: Ein geradezu festspielwürdiger Opernabend, der dem Freiburger Opernhaus zu hohen Ehren gereicht und mir persönlich fünf Sterne wert wäre.

Ludwig Steinbach

 

 

DAS RHEINGOLD

Besuchte Aufführung: 02.04.12             (Premiere am 06.10.06)

Aufstieg einer jungen Familie

Sie ist schon ein Ruhmesblatt für das Freiburger Theater: Frank Hilbrichs geniale Produktion von Wagners „Der Ring des Nibelungen“, für die Volker Thiele das Bühnenbild und Gabriele Rupprecht die Kostüme beisteuer- ten. Seit 2006 ist an diesem „Ring“ kontinuierlich geschmiedet worden und die ersten zyklischen Gesamtaufführungen dieser Produktion im September 2010 und Januar 2011 waren derart erfolgreich, dass sich die Theaterleitung kurzerhand entschloss, die Tetralogie auch diese Spielzeit wieder auf den Spielplan zu setzen und dem Publikum zu Ostern und zu Pfingsten jeweils innerhalb von sechs Tagen zu präsentieren, wobei die Spielfolge derjenigen in Bayreuth angeglichen wurde. Herausgekommen ist in jeder Beziehung ein Fest. Dieser „Ring“ stellt wahrlich einen Meilenstein in der Rezeptions- geschichte des Werkes dar, der sogar die hervorragenden Deutungen in Weimar und Lübeck noch übertrifft und wirklich etwas ganz Besonderes ist.

Genau wie in Bayreuth pflegt man auch in Freiburg den Werkstattgedanken. Frank Hilbrich hat wie auch schon in der letzten Saison die Wiederauf-nahme-Proben selbst betreut und hier und da einige kleine Änderungen, Erweiterungen und Ergänzungen vorgenommen, aber auch manches, was früher zu sehen war, wieder entfernt. Auf diese Weise präsentiert sich die überaus bemerkenswerte Inszenierung frisch und lebendig, wozu auch die ausgezeichnete Personenregie ihren Teil mit beiträgt. Hilbrich vermag seine  Sänger hervorragend zu führen und lässt an keiner Stelle Leerläufe entstehen. Langatmig wurde es wirklich nie; alles wirkte wie aus einem Guss, kurzweilig und stringent. Seine ausgeprägten handwerklichen Fähigkeiten weisen den jungen Regisseur als Meister seines Fachs aus. Wenn dann noch ein gut durchdachtes und überzeugendes Konzept hinzukommt, ist das Glück vollkommen. Mit herkömmlichen Sehgewohn-heiten räumt Hilbrich nachhaltig auf. Kein altes Märchen stellt er auf die Bühne, sondern eine Tragödie heutiger Menschen. Die von ihm vorgenom- mene Entmythologisierung des Stoffes und seine Verlegung in die Jetztzeit zeigen die Relevanz der dargestellten Konflikte auch für das hic et nunc auf. George Bernard Shaws Postulat, dass es sich bei Wagners Werk „um ein Drama der Gegenwart und nicht um eines aus ferner und sagenhafter Vorzeit handele“, findet hier eine endrucksvolle Bestätigung. Sämtliche Gestalten des Zyklus, Götter, Zwerge, Riesen und Rheintöchter sind moderne Menschen, die von der Regie in all ihrer Hintergründigkeit und Widersprüchlichkeit gezeichnet werden und auf diese Weise eine überaus spannende und interessante Ausdeutung erfahren. Einfühlsam begibt sich Hilbrich auf die Fährte, die alle diese Personen hinterlassen und zeigt nachhaltig ihre enorme Zerrissenheit auf. Dabei gilt den Asen sein besonderes Interesse. Anhand der Götter zeigt er den Aufstieg einer Familie, bei der sich zunehmend politische Machtstrukturen herausbilden. Er wirft einen kritischen Blick auf eine Schar noch ziemlich naiv wirkender, durchweg blonder junger Leute, die sich nach Macht, Glanz und Bedeutung sehnen und dabei regelrecht größenwahnsinnige Züge annehmen. Die Genealogie dieser Sippe, die an den folgenden Abenden aufgezeigt werden wird, steht hier noch ganz am Anfang, durchläuft gleichsam ihre heiße Sturm-und-Drang-Phase. Zunehmend entwickeln die Götter aber ein Geschichts- und Biographiebewusstsein, das dem mentalen Beziehungsgeflecht, in dem sie zueinander stehen, nachhaltig korrespondiert. Im Augenblick stehen sie noch ganz am Anfang ihrer Karriere und sind noch nicht sonderlich ernst zu nehmen. Dem entspricht es, dass insbesondere der Joschka Fischer nachempfundene, langhaarige Rock’n Roll-Typ Wotan, auf dessen T-Shirt sein Name prangt, seitens der Regie bewusst etwas lächerlich vorgeführt wird. Leger mutet auch die Aufmachung von Donner und Froh an. Da sind die Damen schon mehr auf ihr Äußeres bedacht. Das wird bereits zu Beginn der zweiten Szene bei Freia offenkundig. Und auch Fricka macht einen recht damenhaften Eindruck. Doch legt die gesamte Familie in diesem Stadium ihrer Laufbahn noch ein manchmal sehr komödiantisches Verhalten an den Tag. Dem Übermut der Jugend wird insbesondere beim Gewitterzauber großer Tribut gezollt, bei dem die gesamte Sippschaft ausgelassen herumtollt. Die überaus attraktiven göttlichen Schwestern Fricka und Freia ertragen offenbar die das Wetter begleitende Schwüle nicht, entkleiden sich und werfen hemmungslos mit ihrer Garderobe umher. Aber Grenzen scheint diese familiäre Gemeinschaft sowieso nicht zu kennen. So sind Froh und Freia in einem inzestuösen Verhältnis miteinander verbunden - ein absoluter Tabubruch.

Auch um psychologische Momente ist Hilbrich nicht verlegen. So ist Erda als Alter Ego Wotans aufzufassen. Die Ur-Wala stellt einen Ausfluss seines schlechten Gewissens, seine innere Stimme dar. Sie erscheint demgemäß auch im selben Outfit wie der Göttervater - ein hervorragender Einfall, der das Ganze auf eine innovative geistige Ebene hebt und den Erkenntnissen Freuds und Jungs gekonnt Rechnung trägt. Darüber hinaus lässt der Regisseur auch einen gehörigen Schuss an Kapitalismuskritik in seine Deutung mit einfließen, die er anhand der in feine schwarze Anzüge gekleideten Bauriesen Fasolt und Fafner sowie im Nibelheim-Bild an dem neureichen Emporkömmling Alberich präsentiert. Das ist nicht mehr neu, aber ein zeitlos gültiger Aspekt der Tetralogie. Und wenn Freia nach ihrer Befreiung aus der Hand der Riesen zu den übrigen Göttern auf kritische Distanz geht, weil sie die Fragwürdigkeit von deren Tun erkannt hat, fühlt man sich an Patrice Chéreau erinnert. Aber auch dies war eine äußerst wirksame Idee, durch die Hilbrichs negative Sicht auf die Asen nur noch verstärkt wurde. Volker Thiele hat ihm gleichsam ein Theater auf dem Theater auf die Bühne gestellt, das während der Rheintöchter-Szene von mehreren roten Vorhängen eingenommen und dessen Boden von Gebäude-fragmenten sowie herumliegenden Wänden dominiert wird. Letztere werden zur dritten Szene hin aufgerichtet und bilden Nibelheim, in dem die Nibelun- gen - eine Schar roboterartig, mit eckigen und abgehackten Bewegungen umherlaufender junger verängstigter Menschen beiderlei Geschlechts - den Hort aufschichten, der hier aus farbigen Müllsäcken besteht. Mime obliegt es später, diesen zur Auslösung Alberichs an die Oberfläche zu bringen. Nach dieser hastig ausgeführten Arbeit kehrt er nicht mehr nach Nibelheim zurück. Während des Einzugs der Götter in Walhall beobachtet er seinen inzwischen zum Trinker gewordenen Bruder Alberich sowie den sich mit dem Abtransport des Hortes plagenden Fafner, der vorher noch seinen Bruder Fasolt im Kampf um den Ring erdrosselt hat, und macht sich Gedanken darüber, wohin ihn sein weiterer Weg führen wird. Hier hat das Menschheitsdrama einen vorläufigen Abschluss gefunden.

Nachdem das Vorspiel noch etwas verschwommen und zu bläserlastig erklungen war, weswegen man die Solovioline nicht sonderlich gut hören konnte, nahm Fabrice Bollons Dirigat immer mehr solide Konturen an. Im Gegensatz zu früher setzte der Freiburger GMD nicht mehr vornehmlich auf reine Lautstärke, sondern schenkte auch etwas subtileren Zwischentönen mehr Beachtung, wobei er entsprechend dem Charakter des Vorabends zusammen mit dem lustvoll aufspielenden Philharmonischen Orchester Freiburg manchmal auch recht kammermusikalische Töne anschlug. Die Sänger wurden diesmal an keiner Stelle zugedeckt. Hinsichtlich dynamischer Differenzierungen und Poesie hat sich Bollons Auffassung von Wagners Partitur seit September 2010 eindeutig verbessert.

Gesanglich bewegte sich der Abend auf hohem Niveau. Typmäßig trefflich besetzt war Peteris Eglitis als Wotan, den er vielschichtig spielte und mit kernigem, gut sitzendem Heldenbariton auch trefflich sang. Zu den ersten Kräften des Freiburger Ensembles zählt Roberto Gionfriddo, der mit phantastisch gestütztem, saftigem und ausdrucksstarkem Tenor dem Loge direkt ein heldisches Profil zu geben wusste. Mit großer Intensität und großer Textverständlichkeit gab Neal Schwantes einen robusten Alberich. Mit der Fricka kehrte Sigrun Schell in ihr früheres Mezzofach zurück und überzeugte auf der ganzen Linie. Mit volltönender und elegant geführter dunkler Stimme sowie beherztem Spiel gab sie keine Zicke, sondern eine hübsch aussehende, höchst erotische junge Dame, die Wotan aufrichtig liebt und sich von ihm auch gerne mal begrapschen lässt. Warum der Obergott diese schöne und sexy aussehende Frau später so häufig betrügt, ist nicht nachzuvollziehen. Profundes Sopranmaterial wies Jana Havranovás Freia auf. Einen autoritären, kräftigen und pastosen Alt, den sie indes manchmal etwas vergrübelt führte, brachte Anja Jung für die Erda mit. Mit einer hervorragenden italienischen Technik, wunderbarem sonorem Stimmklang und einfühlsamer Linienführung sang sich der schon oft bewährte Jin Seok Lee als Fasolt in die Herzen des begeisterten Publikums, währen der Fafner von Gary Jankowski die Sache etwas bodenständiger anging. Weiterentwickelt hat sich Christoph Waltle, dessen Mime über beachtliches Potential verfügte. Er machte aus dem Zwerg keine keifende Charakterstudie, sondern ging ihn mit lyrischer Eleganz an. Noch schöner wäre es aber gewesen, wenn seine Stimme in jeder Lage im Körper gesessen hätte. Daran sollte er arbeiten. In der Mittellage fülliger geworden ist der Bariton von Matthias Flohr, dessen Donner es in der Höhe indes ebenfalls noch an der erforderlichen Körperstütze fehlte. Letztere ging dem Froh von Sung-Kheun Park und Lini Gongs Woglinde gänzlich ab. Frau Gongs vor allem in der Höhe spitze und harte Tongebung störte den harmonischen Gesamtklang der Rheintöchter, die in der solide singenden Qin Du (Flosshilde) und der über einen äußerst prächtigen Mezzosopran verfügenden Sally Wilson (Wellgunde) ansonsten trefflich besetzt waren.

Fazit: Eine in jeder Beziehung sehr ansprechende Aufführung, aufgrund derer man den kommenden Abenden mit Spannung entgegenfiebert.

Ludwig Steinbach

 

 

 

LOHENGRIN

Besuchte Aufführung: 26.01.12             (Premiere am 21.01.12)

Die Werte der Vergangenheit

Zu einer spannenden Angelegenheit geriet am Theater Freiburg die Neuproduktion von Wagners „Lohengrin“. Einmal mehr wurde deutlich, dass dieses doch sehr beachtliche Haus in der deutschen Opernlandschaft einen vorderen Platz einnimmt und immer eine Reise wert ist. Frank Hilbrich räumt mit konventionellen Sehgewohnheiten nachhaltig auf. Er hat das Werk trefflich modernisiert, ihm ein innovatives geistiges Gewand von großer Überzeugungskraft übergestreift und das Ganze mittels einer ausgefeilten Personenregie stringent auf die Bühne gebracht. Dabei hat er die beteiligten Personen teilweise einer radikalen Umdeutung unterzogen, was seine Regiearbeit noch interessanter werden ließ. Die Lichtgestalt des Lohengrin wird vom Regisseur rigoros in Frage gestellt und das ursprünglich böse Paar dagegen in ein positives Licht gerückt.

Insbesondere die von ihm vorgenommene Rehabilitierung Ortruds und Telramunds ließ das Ganze, um es mal mit Goethe zu sagen, frisch, neu und durchaus auch gefällig erscheinen. So ganz neu war diese Sichtweise indes doch nicht. Aus der Taufe gehoben wurde sie bereits von Tilman Knabe in seiner genialen Mannheimer Inszenierung des Stückes im April letzten Jahres. Diese von Knabe so spektakulär begründete und von Hilbrich gekonnt aufgegriffene neue Deutungsart der Radbod-Tochter und des Grafen hat das Zeug dazu, ein Trend zu werden. Als frische Brise in der Interpretationsgeschichte mutete auch Hilbrichs Einfall an, die traditionellen Erscheinungsformen von Elsa und Ortrud umzukehren. Mit ihren feuerroten Haaren wirkt Elsa wie eine herkömmliche Ortrud, während letztere mit ihrem hübschen, gepflegten und damenhaften Äußeren und den langen blonden Haaren wie eine traditionelle Elsa erscheint - ein deutliches Zeichen für die Austauschbarkeit der beiden Charaktere.

Überzeugend ist auch das Grundkonzept des jungen Regisseurs: Einfühlsam stellt er die Frage, ob es für die Spezies Mensch eine Zukunft geben kann, wenn sie ihrer geistigen Wurzeln verlustig geht. Entsprechend diesem bemerkenswerten Ansatzpunkt der Regie stellt das von Stefan Heyne entworfene Bühnenbild eine riesige Bibliothek dar, in der deren gewissenhafte Leiter Telramund und Ortrud in zigtausenden von Büchern das Wissen vergangener Generationen aufbewahren. Sie sind sich der Bedeutung dieses geistigen Schatzes wohl bewusst, die breite Masse aber vermag mit ihm zunehmend nichts mehr anzufangen und begibt sich auf die Suche nach neuen Werten. In Gang gesetzt wird diese Entwicklung von der recht leger gekleideten - die gelungenen Kostüme hat Nicole von Graevenitz entworfen - Bibliotheksangestellten Elsa, die über den Inhalt eines von ihr aufgeschlagenen Bandes nur höhnisch lachen kann und im Folgenden einem Besucher der Bücherei nach dem anderen seine Lektüre abnimmt, was den Interessen ihrer den überkommenen Traditionen und Weisheiten verbundenen Chefs Ortrud und Telramund entschieden zuwiderläuft und die Anklage des Grafen nach sich zieht. Der Auslöser ihres Handelns ist psychischer Natur. Mit der von ihr initiierten mentalen Revolution untrennbar verbunden ist eine tiefschürfende Suche nach dem eigenen Ich. Einfühlsam hält sich Elsa mit einem gegenständlichen Spiegel gleichzeitig auch ein geistiges Spiegelglas vor und wird dadurch mit ihrer eigenen Geistesstärke konfrontiert.

Mit Hilfe ihrer durch zahlreiche Lichtblitze versinnbildlichten visionären Kraft, die sie gleichsam hypnotisch auf das Volk zu übertragen weiß, beschwört sie mit diesem gemeinsam den von ihr bereits im Traum erblickten Überwinder der alten Ordnung herauf. Lohengrin erscheint als Wunschbild einer kollektiven Sehnsucht nach einem neuen Anführer, der als eine Art Galionsfigur den intellektuellen Aufstand leiten und den Brabantern eine neue, zukunftsorientierte Perspektive geben soll. Telramund, der legitime Verfechter der alten Ideale, tritt unter einem Spruchband mit dem Motto „Wer ist unsere Zukunft?“ zum Kampf gegen den neuen Helden an. Er hat gegen diesen aber von vornherein keine Chance. Lohengrin wirft ihn gewaltsam zu Boden und tritt ihn brutal mit Füßen. Bereits jetzt wird deutlich, dass seine und Ortruds Opposition gegen den neuen Machthaber ihre Berechtigung haben wird. Als Zeichen seines Sieges lässt Lohengrin die Regale umstürzen. Der kostbare Wissenshort der Vergangenheit verteilt sich überall auf der Erde und macht Bekanntschaft mit dem Schuhwerk der Massen, die ungestüm auf ihm herumtrampeln. In diesem Durcheinander versucht Ortrud, einige wenige Bücher vor den Randalierern zu retten. Das bleibt aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Das neu etablierte, die alten Werte verachtende System ist schon von seiner geistig-sittlichen Legitimation her äußerst fragwürdiger Natur. Zunehmend machen sich auch bedenkliche völkische Tendenzen breit. Da wird von den Brabantern oftmals der Arm zum Hitlergruß erhoben. Hier führt Hilbrich mit erhobenem Zeigefinger dem Zuschauer den zu Adolf Hitler führenden Irrweg der deutschen Geschichte vor Augen und lässt dabei geschickt auch ein Stück Rezeptionsgeschichte in seine Deutung mit einfließen: Er erteilt jeglichem Missbrauch des geistigen Gehaltes des Werkes, wie er sich insbesondere bei dessen Bayreuther Neuproduktion von 1936 in äußerst krasser Weise äußerte, eine vehemente Absage. Faschistisches Gedankengut macht sich breit und Gewalt ist an der Tagesordnung. Ortrud, Telramund und die in dieser Inszenierung ungemein aufgewerteten vier Edlen tauchen in den Untergrund ab und formieren sich zum Widerstand. Gemeinsam versuchen sie, den alten geistigen Grundlagen wieder Geltung zu verschaffen. Dabei sieht sich nicht nur das „neue hehre Paar“, das seinen Bibliothekarposten eingebüßt hat, starken Anfeindungen ausgesetzt. Auch die mit ihnen sympathisierenden Edlen werden vom Volk angegriffen und schmählich misshandelt. Höhnisch und verächtlich werden ihnen auf Spruchtafeln die geistigen Leitlinien ihrer Mentalität um den Hals gelegt.

Darunter ist Kants „Kritik der reinen Vernunft“, die berühmte Grundlage seiner Transzendentalphilosophie. Auf einem anderen Schild prangt in großen Lettern Sokrates’ Ausspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, der einen dialektischen Weg zum wissenden Nichtwissen der absoluten Transzendenz eröffnet. Persifliert wird dieses Epigramm durch die von dem stellvertretenden Mitglied des Innenausschusses des Deutschen Bundestags Rudolf Körper vor zwei Jahren gewonnene Erkenntnis „Unwissenheit ist Macht“, die ebenfalls ein Edler zur allgemeinen Belustigung mit sich herumtragen darf. Als Quintessenz des Ganzen wird mit Joseph Beuys’ berühmter Erkenntnis „Ich denke sowieso nur mit dem Knie“ die angebliche Bedeutungslosigkeit und Labilität des konventionellen Denkens aufgezeigt. Auf diese Weise gnadenlos verspottet und gedemütigt, müssen die Edlen  die wahllos herumliegenden Bücher zu einem großen Haufen auftürmen, der von dem gewalttätig gewordenen Volk dann auch gleich wieder umgestoßen wird. Schließlich werden die Spruchtafeln vom Heerrufer entsorgt, während die Edlen den ganzen Büchermüll wieder zusammenkehren.

Nur gemeinsam ist man stark. Das ist eine alte Weisheit, die hier zunehmend nicht mehr beachtet wird. In dem Maße, wie die kreative kollektive Energie nachlässt, verselbständigt sich auch das Phantasieprodukt Lohengrin und entwickelt zunehmend eigene Machtinteressen. Der Held hält die Brabanter fest im Griff, hat ihnen gleichsam eine hypnotische Fessel umgelegt, die sie für alles rationale Denken blind und unempfänglich macht. Mit seinem Frageverbot geht er indes einen Schritt zu weit, was ihn schlussendlich scheitern lässt. Seine Einforderung von bedingungsloser Liebe um ihrer selbst willen ist für Elsa am Ende nicht mehr akzeptabel. So enthusiastisch, wie sie ihn zu Beginn heraufbeschworen hat, ergreift sie nun gleichermaßen radikal Partei gegen ihren widersprüchlichen Ehemann. Mit ihrer Frage nach seinem Namen, seiner Art und seiner Herkunft bekennt sie sich wieder zu den alten bewährten Grundlagen der Welt, die das Fundament jedes funktionierenden Herrschaftssystems bilden müssen. Vehement schlägt sie sich jetzt auf die Seite von Ortrud und Telramund, deren letzter Versuch, den neuen Machthaber mit einem kleinen Klappmesser zu beseitigen, scheitert. Nicht nur ein inzwischen ebenfalls einsichtig gewordener Teil des Volkes reagiert auf die Tötung des Grafen durch Lohengrin betroffen. Auch Elsa ist darüber sehr bestürzt. Weinend schmiegt sie sich, ein altes Buch in Händen haltend, an die Leiche ihres einstigen Chefs, gegen dessen hohe Ideale sie so lange opponierte, und weist sich eine Mitschuld an dessen Tod zu.

Bei der Gralserzählung vermag Lohengrin ein letztes Mal, die Massen gleichsam zu hypnotisieren und auf seine Seite zu ziehen. Indes gelingt es den Menschen, sich wieder aus seinem Bann zu lösen. Für eine Rückkehr zu alten Konventionen ist es jetzt allerdings zu spät. Mit der Negierung der weisen alten Lehren, ohne die ein Staat dem Untergang geweiht ist, hat sich Brabant sein eigenes Grab gegraben. Lohengrin, dessen Führungsanspruch für immer erloschen ist, lässt das Volk völlig desillusioniert und ohne jede Zukunftsperspektive zurück. Der Tod des kleinen Herzogs Gottfried nimmt den Menschen schließlich alle Hoffnung. Chaos bricht aus. In einem letzten großen Gemetzel, dem auch Ortrud zum Opfer fällt, mähen sich die jeder Illusion beraubten und im Stich gelassenen brabantischen Bürger sich gegenseitig nieder, während die überlebende Elsa allein und hilflos auf der Erde umherkriecht. Ihr Irrweg ist nicht wieder gut zu machen - ein sehr pessimistisches Ende von ausgesprochen beklemmender Wirkung. Mit dieser rundum gelungenen und sehr überzeugenden Inszenierung hat Frank Hilbrich einen ganz wesentlichen Beitrag zur Aufführungsgeschichte von Wagners romantischer Oper geliefert, der sicher einmal in die Annalen des Freiburger Theaters, das sich längst den A-Status verdient hat, eingehen wird.

Auch gesanglich bewegte sich der Abend auf hohem Niveau. Leider hatte an diesem Tag der Krankheitsteufel zugeschlagen und sich den ursprünglich für den Lohengrin vorgesehenen Christian Voigt als Opfer auserkoren. Gott sei Dank war in Marius Vlad ein adäquater Ersatz zur Stelle, der auch noch genug Zeit für eine ausführliche szenische Einweisung in die Produktion hatte und demgemäß, jung und blendend aussehend, schon darstellerisch sehr überzeugend war. Auch vokal schlug er sich hervorragend. Er verfügt über einen insgesamt gut focussierten, substanzreichen und ausdrucksstarken Tenor, den er differenziert einzusetzen wusste und damit seiner Rolle ein beachtliches Profil zu geben vermochte. Leider neigte er dazu - darin seinem Fachkollegen Jonas Kaufmann nicht unähnlich -, bei Piani in der Höhe die Körperstütze aufzugeben und den Atem etwas zu stauen, was einen leicht gaumigen Klang nach sich zog. Als Ortrud in ihr ursprüngliches Mezzofach zurückgekehrt war ihm Sigrun Schell eine in jeder Beziehung würdige Gegenspielerin. Schon schauspielerisch legte sich die junge Sängerin mächtig ins Zeug und ließ es im zweiten Aufzug auch an einer gehörigen Prise Erotik nicht fehlen. Und gesanglich hat sie sich im letzten Jahr enorm weiterentwickelt. Sie bewältigte die Radbod-Tochter mit gut sitzender und intensiv eingesetzter Stimme und bewältigte auch die dramatischen Höhenflüge ihrer Rolle sicher und mit großer Eleganz. Neben ihr gab Neal Schwantes, dessen stimmliche Fortschritte auch nicht zu überhören waren, einen bodenständigen, markant singenden Telramund. Mit klangvollem Bariton machte der Heerrufer von Juan Orozco nachhaltig auf sich aufmerksam. Einen an sich prächtig focussierten Bass italienischer Schulung brachte Jin Seok Lee für den König Heinrich mit, dessen schwierige, unangenehm hoch liegende Tessitura er tadellos bewältigte. Leichte Schwierigkeiten mit der deutschen Aussprache gingen aber leider etwas auf Kosten der Gesangslinie. Die Krone der Aufführung gebührte der Elsa von Christina Vasileva, die - noch von ihrer Desdemona in der letzten Saison her in allerbester Erinnerung - eine Sternstunde hochkarätigen Gesangs ablieferte. Mit einer phantastischen italienischen Technik gesegnet ließ die Sängerin ihren wunderbaren, aparten Sopran voll und elegant dahinfließen und bezauberte insbesondere durch einfühlsame Linienführung und die hohe Emotionalität ihres Vortrages. Dabei blieb sie stimmlich stets präsent und wartete darüber hinaus mit vielen Farben und Nuancierungen auf, was ein äußerst vielschichtiges Rollenportrait ergab. Das war eine wahrlich bayreuthwürdige Meisterleistung, die Frau Vasileva für die größten Häuser prädestiniert. Diese famose Sopranistin sei Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier ausdrücklich ans Herz gelegt. Von den vier Edlen sangen Se-Hun Jin und Sehun Park leidlich im Körper, während Moritz Kallenberg und Won Kim etwas dünn klangen. Prächtig entledigte sich der von Bernhard Moncado trefflich einstudierte Chor seiner Aufgabe.

Gemischte Gefühle hinterließ das Dirigat von GMD Fabrice Bollon. Er und das Philharmonische Orchester Freiburg gingen Wagners Werk recht weltlich und erdgebunden an. Teilweise drangen da durchaus schöne lyrische Töne aus dem Graben, die recht poetisch wirkten. Oftmals ging es bei den Musikern aber auch etwas zu rasant zu, weil der Dirigent wieder einmal Dramatik mit purer Lautstärke verwechselte, worunter besonders Neal Schwantes bei der Stelle „Den dort im Glanz ich vor mir sehe“ zu leiden hatte. Etwas mehr Sängerfreundlichkeit hätte dem Dirigat gut getan.

Ludwig Steinbach



 

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com