DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Gastkommentar

Christian Sist

Die Rettung der Musentempel

 

Christian Sist

 

Ein Plädoyer für die Rückkehr zu einem Opern- und Theaterbetrieb auf der Basis von Respekt, Solidarität und Teamwork zum Anlass des Düsseldorfer “Tannhäuser”.

Zumindest, wenn man in England Betriebswissenschaften studiert, lernt man ganz zu Beginn des Studiums die “Stakeholder Theorie” kennen und lieben. Weltbekannte Wirtschaftswissenschaftler haben in wegweisenden Werken, wie etwa Freeman, R. E. (1984) Strategic Management: A Stakeholder Approach, Pitman Publishing, Marsh®eld, MA.Porter, M.E. (1980) Competitive Strategy: Techniques for Analysing Industries and Competitors, New York, The Free Press, oder Grant, R.M. (2005) Contemporary Strategy Analysis (5th edn), Oxford, Blackwell, darüber geschrieben. Jeder halbwegs fähige Berater oder CEO nimmt sie als Basis für seine Arbeit und zahlreiche Therapie-, Coaching-, oder Persönlichkeitsentwicklungssysteme verwenden sie in abgewandelter Form.

Es geht darum zu untersuchen, wer oder was das eigene Projekt, oder das eigene Unternehmen beeinflusst und wen das eigene Projekt/Unternehmen beeinflusst. Die offensichtlichen Positionen sind Mitarbeiter, Kunden/Klienten, Lieferanten und der Mitbewerb. Aber es geht viel weiter und viel tiefer. Die werten Leser mögen überlegen, in welchem System ein Opernhaus oder ein Theater steht und mit wem oder was es verbunden ist. Rasch landet man bei der Politik, Gesetzgebung, Restaurants, Taxiunternehmen, Tankstellenpächter, öffentlichen Verkehrsmittel und deren Betreiber, Banken und Sponsoren, etc. Sie fragen sich vielleicht, warum ein Opernsänger in einem Opernmagazin über derartige Themen schreibt und was das ganze mit dem Tannhäuser in Düsseldorf zu tun hat. Die Antwort ist: sehr viel!

Aufgrund meiner langjährigen parallelen Berufsausbildung- und Ausübung als Opernsänger, Coach, Unternehmensberater und Projektentwickler, konnte ich verschiedene Berufe und deren Dynamik, Schwierigkeiten und Herausforderungen kennenlernen. Und überall gab es einen gemeinsamen Nenner: Stakeholder Theorie. Oder besser: das Verwenden jener, oder die Absenz jener! Ersteres hat meist zu Erfolg in der Unternehmung oder dem Projekt geführt, hat aber – so holistisch angewandt – vor allem zu einer hohen Zufriedenheit und einem Gefühl der Selbstverwirklichung bei allen am Projekt oder Unternehmen näher beteiligten Personen geführt. Zweites hatte fast immer zum Scheitern geführt, ganz sicher aber zu viel Frustration vieler Beteiligten.

Nun ist die Kunst allgemein und die Musik im Speziellen ein System, das sehr fragil ist, weil es einerseits abhängig von Förderungen ist und andererseits Menschen, die im aktiven Bereich darin arbeiten, als Berufsbild “sensibel” ganz oben stehen haben. Wir kehren täglich unser Innerstes nach außen, sind in Kontakt mit unseren Gefühlen und arbeiten stets an der Grenze – und manchmal auch über der Grenze – der totalen Selbstaufgabe, um der Kunst, dem Stück zu dienen und so für das geschätzte Publikum eine tiefe persönliche Erfahrung, eine “Verwandlung” – wie es der große österreichische Schauspieler Oscar Werner genannt hat – zu ermöglichen.

Die Entwicklung während der letzten Jahrzehnte hat dahin geführt, dass die Opernszene nicht mehr von Musikern, sondern von fachfremden Personen bestimmt, geführt und leider auch oft manipuliert wurde und wird. Wir Musiker haben die Kontrolle über das System vollkommen verloren, das wir – teils bewusst – den Regisseuren und Theatermachern überlassen haben, um einen “neuen Wind” in die teils vom Publikum in den 1980er Jahren nicht mehr angenommen “verstaubten” Aufführungen zu bringen. Ich sage es hier ganz klar: das oft heftig verurteilte “Deutsche Regietheater” hat damals die Zuseherzahlen wieder massiv gesteigert. Dabei blieb – und bleibt immer mehr – die fachliche Ebene, das Verständnis für das Genre und das Wissen um die Notwendigkeiten die wir Musiker haben, vor allem aber der Respekt vor den Ausführenden, besonders aber vor dem Werk auf der Strecke. Dies auch deswegen, da viele Regisseure heute das Basishandwerk nicht mehr beherrschen. ein Handwerk, das die “Erfinder” des Regietheaters im kleinen Finger hatten. Heute geht es oft nur mehr um Aktionismus, der vollkommen an der Essenz des Werkes vorbeiführt. Und, NEIN, über die Essenz eines Werkes kann man nicht diskutieren, oder anderer “Meinung” sein, denn sie ist in jeder Note, in jedem Akkord und in jedem Rhythmus eincodiert auf einer Ebene, die wir alle mit unserer beschränkten Aufnahmefähigkeit nicht rational begreifen können.

Dazu kommt der seit der sogenannten “Wirtschaftskrise”, die tatsächlich nur ein Resultat des staatlichen erlaubten Zockens von ein paar nicht erwachsen gewordenen Männern (selten Frauen), sprich “Bankern” ist, gefahrene Sparkurs der Kommunen, Länder und Sponsoren. Wenn nun Geld gekürzt wird, dann wird es immer zuerst dort weggenommen, wo es leicht geht. Das sind im Opernbetrieb die Sänger, die im Vergleich zu den Orchester- und Chorverträgen, weder Kündigungsschutz genießen, noch ernsthaft über Gagen verhandeln können, da es immer jemanden gibt, der noch billiger singt. Und da es keinen Kollektivvertrag gibt, gibt es auch kein Gagenminimum. Warum die Gewerkschaften, die auch wegen Nichtigkeiten, wenn es um beamtete Theatermitarbeiter geht, Theaterbetriebe für Tage lahmlegen, überhaupt keinen Finger ob der teils absurden Gagen- und Kündigungsbedingungen von Solisten rühren, bleibt ein Rätsel!

Nun lassen Sie mich bitte die beiden oben dargestellten Themen, also Stakeholder Theorie und die unter starkem finanziellen Druck stehenden Opernbetriebe, samt der besonders schlechten Situation für Sänger und alle anderen, die unter NV-Bühne arbeiten (also Kapellmeister, Repetitioren, Inspizienten, Assistenten, Maskenbildner, etc.) zusammenführen mit dem im Titel angeführten Stichwörtern “Respekt, Teamwork und Solidarität” und mit der konkreten Situation des Düsseldorfer “Tannhäuser”.

Erlauben Sie mir bitte, zuerst die Managementebene zu beleuchten:

Im Normalfall steht das Regiekonzept ein Jahr vor der Premiere und wird zu diesem Zeitpunkt auch der Intendanz (manchmal auch dem Dirigenten) vorgestellt. Danach gibt es Bauproben, zahlreiche Gespräche mit den Dramaturgen, bis es schließlich nach der musikalischen Einstudierungsphase zu sechs bis acht Wochen Bühnenproben kommt. Das Management kennt das Konzept also etwa ein Jahr vor der Premiere, die musikalische Leitung meist viel später, aber auch noch rechtzeitig genug und die werten Kolleginnen und Kollegen der hohen Sangeskunst spätestens bei dem “Konzeptionsgespräch” am Tag der ersten Probe, also sechs bis acht Wochen vor der Premiere. Also kennt jeder der Beteiligen, jeder der Kern-Stakeholder, das Konzept früh genug, um noch einzuschreiten, so man eine totale Katastrophe befürchtet. In Düsseldorf ist niemand eingeschritten. Dass die Sänger nicht eingeschritten sind, erklärt sich teils damit, dass man schlicht um seinen Job fürchtet – und, werte Leser, dies sind oft berechtigte Existenzängste. Oder vielleicht war man sogar von dem Konzept überzeugt, oder hat sich überzeugen lassen. Wenn man mitten drinnen steht, sieht man die Probleme oft nicht!

Was war aber nun mit dem Management, also der Theaterleitung und der Dramaturgie? (Ich weiß zwar, dass dieser Artikel wohl dazu führen könnte, dass ich unter der gegenwärtigen Intendanz nie in Düsseldorf singen werde, was ein weiters Zeichen für die Machtverhältnisse im Opernbetrieb wäre, doch diese Dinge müssen endlich einmal ausgesprochen werden. Und vielleicht hat man ja auch in Düsseldorf die Größe, diese Krise als Chance zu sehen und in einen aktiven Dialog einzusteigen – und es dem Herrn Sist nicht übel zu nehmen, dass er als Sänger und Betriebswirt für das Theater brennt…)

Also, was war nun mit den Mitarbeitern in den leitenden Positionen? Aus der Reaktion der Absetzung des Stückes, bzw. der Umstellung auf konzertante Aufführungen, kann man schließen, dass man nicht hinter dem Konzept gestanden ist. Dann frage ich mich, warum es überhaupt zugelassen wurde. Wenn man aber hinter dem Stück steht, dann war es eine extrem opportunistische Entscheidung es nicht weiter zu spielen. Beides ist, wie mein Strategie-Professor in England zu sagen pflegte, “bad news”! Denn bei beiden Varianten hat sich niemand um das System und die involvierten Stakeholder gekümmert, war sich niemand der Verantwortung bewusst, die man als Entscheidungsträger hat. Verantwortung für das anvertraute Geld, für die Mitarbeiter, das Publikum, das ganze System. Und, mit Verlaub, das ist respektlos! Respektlosigkeit führt jedoch zu Verrohung und letztendlich zum Verfall jeder Organisation, jedes Systems, jeder Gemeinschaft, jeder Gesellschaft und letztlich jeder Kultur!

Wenn wir nun die künstlerische Ebene betrachten, spiegeln sich hier in abgewandelter Form ähnliche Themen wider:

Sowohl die Musiker, als auch der Regisseur und die Dramaturgie beschäftigen sich monatelang mit einem Werk. Für uns Musiker steht es außer Frage, dass wir uns mit höchstem Respekt dem Werk nähern. Spätestens seit Harnoncourt ist der Begriff “Werktreue” der heilige Gral jeder musikalischen Einstudierung. Es wird exzessiv Quellenforschung betrieben, wir beschäftigen uns auch emotional mit jeder Note, jedem Takt einer Oper und tun unser Bestes, die Essenz des Werkes zu erfassen und sie durch unsere Kunst dem Publikum und letztlich aus uns selber möglichst authentisch zu vermitteln. Kommunikation auf höchstem Niveau!

Daher, denke ich, ist es nicht zu viel verlangt ist, wenn auch Regisseure und Dramaturgen sich mit der Essenz des Werkes beschäftigen. Einfach ein “Konzept” drüber zu stülpen ist meiner Meinung nach nicht zulässig, wenn es ohne “Anker” in der Materie geschieht. Und leider geschieht das zu oft! Dazu kommt dann noch die Arroganz, dass man quasi alle anderen der Unwissenheit oder manchmal sogar der Dummheit bezichtigt, wenn sich das Konzept in einer Aufführung nicht gleich offenbart. Ich vertrete den schlichten Standpunkt, dass, wenn ich als Publikum nicht mehr verstehe, um welche Geschichte es sich in Figaro, Tannhäuser oder anderen Meisterwerken handelt, die Regie versagt hat und es vor allem dem Regisseur und der Dramaturgie an Respekt vor dem Werk bzw. am Vertrauen in die Musik oder am Verständnis derselben gemangelt hat.

Gute Regisseure erzählen eine Geschichte, nehmen die Ausführenden und das Publikum mit auf eine Reise. Und selbstverständlich wählen sie für die Reise ihr ganz individuelles Fahrzeug, doch die Reise in Tannhäuser kann nie und nimmer zu mordenden Nazis führen, sondern kann immer nur eine Reise in die Höhen und Tiefen der Liebe, der bedingungslosen Liebe und der Freiheit und des Ringens darum führen – natürlich in der jeweiligen individuellen Sprache des jeweiligen Regisseurs.

Ich habe mit zahlreichen bekannten und international tätigen Regisseuren gearbeitet und habe nie erlebt, das – auch sehr moderne Inszenierungen – vom Publikum nicht angenommen wurde, wenn sie die Essenz des Werkes erzählt haben, wenn sie eine Geschichte erzählt haben. Dazu bedarf es eines soliden Regiehandwerkes UND unendlichen Respekt für das Werk, sowie Vertrauen in die Musik. Nur so kann etwas entstehen, dass das Herz und – für jene die daran glauben – auch die Seele berührt. Wir wollen verwandelt werden! Denn es ist eine Gnade auf einem Planeten zu leben, auf dem man eine Poppea, einen Figaro, einen Don Carlos oder einen Parsifal erleben darf. Wenn wir davor den Respekt verlieren, zerstören wir über 400 Jahre Operngeschichte und alles was bisher mühsam aufgebaut wurde.

Abschließend möchte ich noch meine Version eines optimalen Opernbetriebs skizzieren, da es nicht ausreicht nur zu kritisieren, ohne Ideen für eine Verbessrung einzubringen.

Der “Klebstoff” der einen optimalen Opernbetrieb garantiert, muss Respekt heißen! Respekt bedeutet, dass sich alle Abteilungen und deren Mitarbeiter mit dem Produkt identifizieren und ihren jeweiligen Teil dazu beitragen. Auf finanzieller Ebene bedeutet Respekt, dass alle Mitarbeiter in einer Umgebung arbeiten können, die eine gewisse Sicherheit garantiert und ein der Ausbildung und den teils extremen Arbeitsbedingungen entsprechendes Honorar bereitstellt. Viele Kollegen, Solisten die erste Partien in großen Häusern singen, arbeiten für Honorare, die nur leicht höher sind, als jene der “berühmten” Dame an der Kasse im Supermarkt. Dies nach etwa zehn Jahren Studium, permanenter Notwendigkeit zur Weiterbildung (Gesangsstunden, Coaching), Nacht- und Wochenendarbeit und einfachster Kündigungsmöglichkeit durch die Theaterleitung.

Die Schere zwischen Gehältern vom Management und den Vertretern des Kerngeschäftes, also den Musikern, ist viel zu groß. Zudem ist es nicht nachvollziehbar, dass fast alle Mitarbeiter eines Opernhauses sicherere und besser bezahlte Jobs als die Solisten und Assistenten haben. Es darf aber auf keinen Fall eine Neiddebatte entstehen. Die Kollegen im Orchester und im Chor verdienen sicher nicht zu viel und sind sicher nicht zu gut abgesichert. Die Konditionen für die unter NV-Bühne beschäftigten müssen aber angeglichen werden. Das würde auch nicht die Welt kosten. Meine Kalkulationen ergeben, dass eine “Fairmachung” der Gehälter jener Gruppe etwa 3% des Jahresbudget eines A-Orchesters, oder etwa zwei Intendantengehälter betragen würde, also durchaus verkraftbar wäre.

Auf künstlerischer Ebene, müssten die Musiker wieder mehr an Gewicht und Einfluss gewinnen und gemeinsam mit den Regisseuren und Dramaturgen ein sich gegenseitig befruchtendes Team bilden, das dem Werk auf den Grund geht und so dem Publikum die Essenz präsentiert, es verzaubert, berührt und bewegt, nachdenklich macht und auch herausfordert. Immer mit dem größten Respekt vor dem Schöpfer des Werkes und der in jedem Meisterwerk codierten “größeren” Botschaft.

Auf Managementebene müssten Personen sitzen, die erstens für einen Kulturbetrieb brennen und sich der Verantwortung bewusst sind, die sie für dieses – durch öffentliche Gelder gefördertes – sensible und höchst wertvolle Kulturgut haben und die zweitens substantielle Ahnung von Management haben. Dazu gehört vor allem Mitarbeiterführung und Motivation, das Verstehen von komplexen Zusammenhängen (Stakeholder Analyse, finanzielle Strategie, Strategisches Management, Marketing), sowie die Begabung und der Wille sich aktiv für die Akquisition von Sponsoren einzusetzen.

Wenn diese Faktoren gegeben sind, ist das Risiko für Fehlentscheidungen sehr gering. Es entsteht dann vor allem eine Unternehmenskultur des Respekts und der Solidarität; es entsteht ein Team, das in der Lage ist gleichberechtigterweise Entscheidung zu treffen und so im Kollektiv etwas schafft, das mehr ist, als die Summe der möglichen Einzelleistungen. Es entsteht ein Klima in dem Kritik, ohne Angst den Job zu verlieren, möglich ist. Ein Musentempel im allerbesten Sinne des Wortes!

Es gab und gibt Beispiele dafür und Ziel muss es sein, diese Leuchttürme wieder mehr und mehr werden zu lassen, sodass die deutsche und internationale Opern- und Theaterszene wieder so hell leuchtet, dass sie nicht mehr übersehen werden kann und so eines der wichtigsten Kulturgüter eines aufgeklärten und humanistischen Europas langfristig gesichert ist.

In diesem Sinne, werte Leser, bedanke ich mich für Ihr Interesse an meinen Zeilen und wünsche mir, dass sie mit Ihrem zahlreichen Besuchen unsere Theater unterstützen und ehren. Vielleicht auch einmal das Theater Dortmund, in dem ich selber zur Zeit in guter Atmosphäre wirken darf. Wenn Sie mit mir in Kontakt treten wollen können Sie dies gerne etwa über meine Facebook Page “Christian Sist – Bass” oder auch per email: web72@mac.com

Christian Sist

 


P.S.

*Christian Sist ist Opernsänger (Bass) und an der Oper Dortmund engagiert. Seine Ansichten und Meinungen habe ich im Vorfeld gern, aber leider nur anschnittsweise, diskutiert. Daraus ergab sich meine Bitte an ihn, seine Gedanken in einem Kommentar zusammenzufassen. Ich danke Christian Sist sehr für diesen ausführlichen, nachdenkenswerten und in die Tiefe gehenden Artikel auf meinem Opernblog.

 

 

Detlef Obens                   opernmagazin.de

 

 

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