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Rusalka

Premiere am 29.4.2012

Bilder: Pedro Malinowski

Besuchte Premiere am 29.04.12

Männer und Frauen...

"...passen einfach nicht zusammen" hatte der verstorbene Vicco von Bülow (Loriot) einmal etwa flapsig formuliert. Ein Satz der auch recht gut auf die neue "Rusalka" im MiR passt, obwohl es eine sehr ernste, ja ergreifende Produktion geworden ist. Elisabeth Stöppler hatte im letzten Jahr in Gelsenkirchen erfolgreich ihre Britten-Trilogie abgeschlossen. Wer in ihrer Dvorak-Inszenierung ein Nixenmärchen voller Romantik erwartet hatte, wurde sicherlich enttäuscht, bis auf wenige Zitate in den traumhaften Kostümen Frank Lichtenbergs und wenigen Requisiten finden wir eine weiße, entrümpelte Guckkastenbühne von Annett Hunger vor, lediglich das Element Wasser findet sich in anspielungvoller Weise auf der Bühne. Stöpplers Inszenierung erzählt zwar die Geschichte der kleinen Seejungfrau, doch auf ein inneres, psychisches Drama verknappt,

quasi auf eine aphoristische Art und Weise wie Roland Barthes in seinen "Fragmenten einer Sprache ..." die Liebe seziert. Die handelnden Personen werden in Typen aufgefächert, so ist Dong-Won Seos Wassermann zu Rusalka eine Vaterfigur, zu den Elfen der lüsterne Mann, zu Jezibaba der x-te Ehemann, sowie insgesamt ein abgeklärter Vertreter der soziologischen Spezies "Mann"; Jezibaba sieht in Rusalka die jüngere Konkurrentin, wie die Tochter, sie selbst ist eine unzufriedene, ältere "Frau". Das Männliche wird gegen das Weibliche gestellt, die zunächst einfache Liebe zwischen Nixe und Prinz scheitert an den Ansprüchen der Geschlechterrollen, die von der Gesellschaft gestellt werden, diese Deutung reibt sich vortrefflich mit der spätromantischen Musik Dvoraks und fordert eine hohe, emotionale Beteiligung an die Darsteller; grandios die Arbeit Stöpplers, wie der Sänger, denn selten erlebt man so intensives "Musiktheater", wie an diesem Abend.
An allererster Stelle steht für mich die atemberaubende Verkörperung der Titelfigur durch Petra Schmidt.

Eine Selbstentäußerung voller Poesie, zumal die Sopranistin eine feine. lyrische Stimme aufbietet, die den Mut hat im Piano zu verweilen, wo es stimmlich bequemer wäre ins Mezzopiano zu gehen, so wird das "Lied an den Mond" nicht als Arie gesungen, sondern wirklich als Lied gestaltet, freilich kann Schmidt auch die dramatischeren Stellen aufbieten, wo es nötig tut, exzellent!

Lars-Oliver Rühl geht als Prinz gesanglich wie darstellerisch ebenso auf´s Ganze, traut sich in den irrsinnigen Höhen der Partie eher auf die Emotion zu gehen als nur auf die gesangliche Linie zu achten, insgesamt gelingt ihm jedoch der anspruchsvolle Spagat zwischen jugendlicher Lyrik und heldischer Attitude der fordernden Rolle. Dong-Won Seo nimmt sehr über das Spiel ein, stimmlich scheint ihm der Wassermann nicht ganz zu liegen, denn sein eigentlich gut fundierter Bass neigt zu einer etwas wobbeligen Tonbildung in der Höhe. Gudrun Pelker schöpft vokal aus dem Vollen und straft mit jugendfrischen Mezzo/Alttimbre die gespielte "alte Frau" ihrer Jezibaba. Majken Bjerno darf als Fremde Fürstin eine differentierte Studie einer recht emanziperten Frau geben, die mit ihrer "Verführung" Rusalka wohlwollend die Augen öffnen möchte, gesanglich eine ausgeglichene Leistung ganz auf gepflegter Linie.

Dorin Rahardja, Suzanne Pye und Silvia Oelschläger geben ein stimmlich wunderbar ausgeglichenes Elfentrio, darstellerisch vom naiv Sinnlichen bis zum ausgenutzt Geschundenen drei traurige Menschenkinder. Piotr Prochera mit kernigem Bariton und Alfia Kamalova als frischer Küchenjunge singen gekonnt Buffo, doch spielen passenden Realismus. Rafael Brucks Bariton glänzt als Jäger in ersten Akt in der kurzen Romanze, spielt szenisch als Anführer des gesellschaftlichen Drucks alles andere als eine Nebenrol le. Der Chor sekundiert, man muß sagen wie gewohnt, auf dem guten Niveau, was das Gelsenkirchener Theaterkollektiv ausmacht. So wird eine der sicherlich traurigsten und schönsten Opern absolut aufregend und modern erzählt.

Mit Rasmus Baumann besitzt das MiR sicherlich einen DER Hoffnungsträger der jungen Dirigenten, mit der Neuen Philharmonie Westfalen scheint er sich in jeder neuen Produktion zu übertreffen. Der Dvorak klingt leicht, sinnlich, knüpft klanglich durchaus an die französischen Impressionisten an. Die Sänger werden gleichsam auf Händen getragen, was zu den feinen Nuancierungen der Rollenbilder führt. Das Orchester schwebt wie in einem Taumel durch die geniale Meisterpartitur, so ein Spiel hört man sehr selten. Die Instrumentalfarben werden auf das Feinste ausgekostet, niemand drängt sich in den Vordergrund, als Zuhörer vergisst man glatt auf Details zu hören, so stimmig klingt das alles.

Beim Schlussapplaus scheiden sich dann doch die Geister für die Szene, heftige Buhs stehen genausovielen leidenschaftlichen Bravos entgegen, die musikalische Seite erhält uneingeschränkten Jubel, allen voran natürlich die wundervolle Petra Schmidt, die mit der Rusalka IHRE Partie gefunden hat und sichtlich ALLES gegeben hat. Für mich schon jetzt eine der wichtigsten Produktionen der Saison.

Martin Freitag

P.S.

Bitte beachten Sie auch unseren OF-Sternetipp

 

LA GRANDE MAGIA

Premiere am 24.03.12, besuchte Aufführung am 15.04.12.

Konservativer Mut

Als zweites Haus nach der Uraufführung 2008 in Dresden spielt das MiR in Gelsenkirchen Manfred Trojahns "La grande magia" nach,Eduardo de Filippos gleichnamiges Schauspiel ist eine eigentlich stille Geschichte um eine zerrüttete, italienische Großfamilie, in der der obskure Trick eines Illusionisten die offizielle Kruste zum Platzen bringt, Komisches und Tragisches durchmischen das Zwischenmenschliche. Trojahn gelang dazu eine sehr feine, an historische Vorbilder anspielende Partitur, die zum aufmerksamen Hinhören zwingt, dabei das konventionelle Opernpublikum nicht verschreckt, weil die Musik neben ihrer "Modernität" immer wieder zum Wohlklang neigt, die Struktur durchaus herkömmliche Formen wie Arien und Ensembles beschreitet.

Gabriele Rechs handwerklich gediegene Inszenierung, die ganz auf die konventionelle Erzählstruktur einsteigt, wird durch das realistische Bühnenbild von Dieter Richter und die charakterisierenden Kostüme Reneé Listerdals bestens abgerundet, der Zuschauer kann sich also leicht auf Trojahns Musik und die vielen Solisten der verzweigten Familie einlassen.

Das Hauptpaar Calogero Spelta und Frau Marta, eine Opernsängerin, wird durch den Trick des "Magiers" Otto Marvuglia getrennt, während Marta ihre Freiheit wieder auf der Bühne sucht, wird Calogero weisgemacht, sie befinde sich außerhalb von Zeit und Raum in einer kleinen Kiste. Jahre später hat dieser Wahn die Familie, wie Marvuglia geeint und bezwungen, denn Calogero verfällt dem Wahn an diesem Glauben oder ist er sich der Täuschung bewußt, und spielt eine doppelbödige Farce?

Daniel Magdal singt mit strahlend heldentenoralem Ton diesen Calogero auf sehr anrührende Weise, wie Urban Malmberg den Antipoden Maravuglia mit sehr feinem Kavaliersbariton voller Zwischentöne gibt. Gleich drei lyrische Koloratursoprane weist das Ensemble auf: Alfia Kamalovas voller Sopran erfreut in allen Lagen als Marta, die Sängerin als Sängerin, die junge Sopranistin zeigt in dieser Partie welch´erfreuliches Potential in ihr steckt. Mit dramatischerem Ton singt Alexandra Lubchansky die mädchenhafte Amelia, ihre Sterbeszene gelingt sehr realistisch und berührend. Sylvia Koke als Rosa Intrugli dagegen darf leicht ordinäre Töne komödiantisch einsetzen, was hervorragend zu Lars-Oliver Rühls gescheitertem Provinzpolitiker Oreste Intrugli passt. Sehr schön charakteristisch die anderen Partien im Ensemble besetzt: Christa Platzers Megäre an italienischer Mamma, das Duo Marcello und Gregorio Polvero von Piotr Prochera und E.Mark Murphy, William Saetres leicht schmieriger Arturo Recchia. Die Zaira von Noriko Ogawa-Yatake erinnert ein wenig an Giulietta Masina in Fellinins "La Strada". Mit schönem sanglichem Bariton gibt Sejong Chang den jugendlichen Liebhaber. Und wirklich alle sind von Text her recht gut verständlich, die Übertitelung bleibt da eine reine Sicherheitsmaßnahme für das Publikum.

Lutz Rademacher weiß aus der interessanten Musik Trojahns mit der Neuen Philharmonie Westfalens eigentlich alle Nuancen herauszukitzeln, so wird auch diese ambitionierte Produktion ein nicht gerade kleiner Erfolg für das MiR, und vor allem für sein Ensemble

Martin Freitag

Alle Bilder: Charly Forster

 

LA TRAVIATA
 

Premiere am 17.12.11, besuchte Aufführung am 05.02.12


Die Mobbing-Traviata

Gelsenkirchen: Zum Vorspiel von Verdis Traviata hebt sich der Vorhang auf den Chor, der in zeitgenössischer Kleidung (Martina Feldmann) ins Publikum schaut; sei es die Gesellschaft oder der Zuschauer an sich, ein würfelförmiger Raum wird gedreht und gibt den Blick auf eine Art Showroom( Dirk Becker), in dem eine in ein schickes, gelbes Fashionkleid angezogene Violetta wartet, doch der Chor scheint sie nicht zu mögen, denn man lacht über sie, kopiert ihre Husterei, verdreht kollektiv die Augen, "Jetzt macht diese Kuh schon wieder einen auf Drama", die Personenregie selbst steht fast immer frontal auf der Bühne und singt ins Publikum.

Im zweiten Bild gibt der Aussenkubus ein Gebäude, recht eine große Mauer auf der immer wieder, wie im Kasperletheater agiert wird, Germont Pere bringt das Leid ins Rollen, sieht jedoch aus wie ein auf Alt verkleideter junger Mann. Floras Fest ist ein Maskenball im Belle Epoche- Stil, während der nicht allzu inspiriert inszenierten Chöre, darf sich Gastone in Violettas Paradekleid ordentlich einen "abtunten", in sämtlichen Akten wird dazu mit viel Papiergeld herumgeschmissen;schnöde, käufliche Welt! Finale im beliebten "schwarze, leere Bühne mit vielen Stühlen", auf denen gleich einer "Reise nach Jerusalem", der theatralischen Tante, wiederum augenrollend, beim Sterben (?) zugeschaut wurde. Intendant Michael Schulz hat anscheinend großes Kopftheater, endlich "Traviata" mal ganz anders, inszenieren wollen, herausgekommen ist eine der uninspiriertesten Verdi-Inszenierungen meines Lebens, ich halte diese Interpretation für unnötig wie einen Kropf.

Rasmus Baumanns musikalische Leitung ist dagegen ausgewogen, voller Feinheit und mit gesegneter Italianita, die neue Philharmonie Westfalen folgt aufmerksam. Die Chöre machen das Beste aus der Szene und sind musikalisch einfach klasse.
Alexandra Lubchansky hatte am gleichen Ort vor etwa drei Jahren in Morton Feldmans "Neither" mit nahezu stratosphärischen Höhen auf sich aufmerksam gemacht, interessant wie sich eine Stimme in dieser Zeit verändern kann, denn gerade die stupende Höhe läßt die Leichtigkeit im Tonansatz jetzt vermissen, was sehr zu Kosten der ersten Arie geht, dagegen ist die Stimme schwerer und voluminöser geworden, die cremige Mittellage und die Tiefen sind betörend. Wenn man bedenkt, daß die Sängerin augenblicklich vor allem Violetta, Lucia und Donna Anna singt, so würde ich nach diesem Abend einen Fachwechsel innerhalb des Sopranfachs empfehlen, denn die Leistung als Violetta ist zwar akzeptabel, doch ich könnte mir andere Aufgaben, Richtung Puccini eventuell, besser geeignet für diese Stimme vorstellen. Daniel Magdal hatte in den ersten beide Bildern als Alfredo hörbar zu kämpfen und ließ sich nach der Pause als indisponiert entschuldigen, hielt jedoch dankenswerterweise den Abend durch. Günter Papendell sang einen absolut belkantistischen, jugendlichen Vater Germont, gesanglich erfreulich, doch passt er wirklich auf diese Partie? Die kleineren Partien waren durch die Bank weg auf gutem Niveau besetzt, daher ein Pauschallob.

Ein volles Haus und Publikumjubel bei einer Lieblingsoper mit ein paar schönen Kostümen sagen eindeutig, daß es ein Erfolg war. Doch rein künstlerisch empfand ich die Regie als sehr gequält und unbefriedigend. Keine Katastrophe, doch nach dem scheußlichen "Rössl" kein gutes Aushängeschild für das MiR.

Martin Freitag

Das Copyright aller Produktions-Bilder liegt beim Musiktheater im Revier
 

 

nochmal

LA TRAVIATA

Premiere am 17.12.2011

http://www.deropernfreund.de/of-warnungen.html

Unsere Freunde vom Online Musik Magazin haben die Aufführung komplett besprochen: http://omm.de/veranstaltungen/musiktheater20112012/GE-la-traviata.html
 
 
 

IM WEISSEN RÖSSL

 
Besuchte Premiere am 12.11.11.
 

Im greisen Rössl auf Schalke

 
Einen großen Erfolg mit Premierenjubel hat das MiR mit Ralph Benatzkys Dauerbrenner "Im weissen Rössl" zu verzeichnen, doch was soll der Rezensent schreiben, wenn er trotz der Publikumsakklamation, den Abend selbst als äußerst medioker empfindet: die Wahrheit natürlich, auch wenn ich hinterher gesteinigt werde. Zunächst die Erklärung, daß ich selbst ein großes Faible für das Unterhaltungstheater, respektive die Operette habe, daran liegt es eigentlich nicht. Doch Peter Hailer hat in seiner Inszenierung eine Grundvoraussetzung für eine gute Operettenaufführung vergessen: Charme, Charme und nochmals Charme !

Copyright: All die wunderschönen Bilder sind von Pedro Malinowski
 
Etienne Plus Bühnenbild ist dabei durchaus ansehnlich mit seinen schnellen Verwandlungsmöglichkeiten, doch warum das "Rössl" eine solche Bruchbude ist, und warum dort ein Kaiser absteigt, diese Frage sei gestellt, auch die vielen Plastikmöbel, die den zehn Tänzern den Raum nehmen, so ramschig ist Österreich auch in der Vergangenheit nie gewsen. Uta Meenens Kostüme sind mit viel Freude zum trashigen Detail da durchaus richtig am Ort. Leider kann man auch Kati Farkas Choreographie nicht mehr als das Prädikat "nett" auf den Weg geben. Die Spielführung von Peter Hailer geriert sich durchaus munter, doch die Dialoge kommen recht hölzern aufgesagt daher, doch Hauptproblem des Abends sind die eklatanten Fehlbesetzungen der beiden Hauptpartien. Wahrscheinlich auch der Grund warum alle, auch der Chor, an diesem Abend unnötigerweise mit Mikroport ausgerüstet sind. Mit richtigen Stimmen wäre das bei der schlanken Orchsterfassung gar nicht nötig gewesen. Dazu kommt die gräßliche Manie, einzelne Musiknummern, die mit einer Strophe beginnen, bis zum Einsatz des Refrains sprechen zu lassen, das klingt einfach dürftig.

Debakel Nummer 1: Christa Platzer als Rösslwirtin mit einer dünnen, essigsauren Stimme, die wie die Parodie einer Fünfziger-Jahre-Operettendiva klingt. Warum sich der Zahlkellner Leopold in so eine charmfreie, dauerkeifende Zone verliebt, bleibt mir ein Rätsel.

Debakel Nummer 2: Thomas Weber-Schallauer wirkt als Leopold so jugendlich wie Jopie Heesters, zugegeben nach einer Vitaminkur, stimmlich mit dürftigem Tenor ausgestattet, gibt er sich redlich Mühe, doch so eine Bombenpartie geht auf diese Art einfach durch die Lappen. Man kann beide Partien gerne mit älteren Semestern besetzen, doch das nötige Charisma sollte schon mitgebracht werden.

Michael Dahmen singt den Doktor Siedler mit schönem lyrischen Tenor auf Weise des Revellergesanges der Zwanziger Jahre, doch etwas mehr Ausstrahlung müsste mit dem jungen Sänger noch erarbeitet werden, was Aufgabe eines Regisseurs wäre. Uwe Schönbeck ist als knarziger Berliner Giesecke eine Oase an trockenem Humor. Tochter Ottilie bleibt der Neuen Sachlichkeit verpflichtet, wer Anke Sielaff aus früheren Bühnen-Produktionen kennt, weiß was für eine Chance vergeben wurde, gesanglich bildet sie mit Michael Dahmen mit den Höhepunkt des Abends. E.Mark Murphy macht das Beste aus dem Showstopper Sigismund, sehr liebreizend mit leicht perligem Sopran Dorin Rahardja als sein Klärchen, Papa Hinzelmann muß von Joachim Gabriel Maass unnötig ruppig gespielt werden. Tomas Möwes als Kaiser bleibt blaß. Warum der, von mir sonst durchaus geschätzte, Rüdiger Frank als Piccolo besetzt ist, bleibt mir ein Rätsel, er macht seine Sache jedoch gut. Die vielen Solopartien aus dem Chor sind prächtig, Birgit Brusselmans bekommt als Jodlerin für drei Takte verdienten Applaus. Die Chöre werfen sich mit der stets vorhandenen Naturgewalt auf die Bühne und versuchen, das Beste aus dieser Aufführung zu machen. Die Tänzer sind in ihren knappen Kostümen eine Augenweide und sorgen gutgelaunt für Revue-Touch.

Bernhard Stengel am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen macht gute Figur, wenngleich ich einige Unkorrektheiten im Orchesterspiel heraushörte. Warum das, anfänglich sehr schwer angängige, Publikum die Neuproduktion dennoch so feierte, bleibt mir ein Rätsel, naja, das Stück funktioniert halt wirklich gut, die Dialoge sind witzig und die Musiknummern von Benatzky, Stolz, Gilbert und Granichstädten sind enorm zündend. Das Leichte bleibt halt das Schwere.
 
Martin Freitag

 

MERLIN

Besuchte Premiere am 08.10.11

Es ist immer wieder schön, wenn einem die Theater in dieser geldlastigen Zeit Möglichkeiten geben, Opern abseits des gängigen Spielplans kennenzulernen. Am MiR galt die Saisoneröffnung der Deutschen Erstaufführung von Isaac Albeniz Oper "Merlin", die erst nach einem guten Jahrhundert Schubladenschlummer 2003 in Madrid uraufgeführt wurde und bei Decca in einer guten Aufnahme vorliegt. Für ein großes Opernhaus konzipert, stellt sie für eine mittlere Bühne, wie Gelsenkirchen, eine enorme Anstrengung dar: großer, spätromantischer Orchesterapparat, enorme Ansprüche an die vier Hauptpartien, wie an den Chor. Man merkt , daß Wagners Mythenopern nicht spurlos an Albeniz vorbeigegangen sind, doch gewinnt der Komponist durchaus seine eigene Tonsprache, die sich sehr an die englische Spätromantik anlehnt, der Spanier lebte schließlich auch in London.

Copyright aller Produktionsbilder: Thilo Beu / Musiktheater im Revier

Wenn sich der Vorhang hebt schauen wird auf eine nebelumwaberte, mythische Landschaft, die von der Bühne an nach hinten von einer Autobahn durchschnitten wird, ein Straßenkreuzer liegt mit Warnblinker im Straßengraben , Frank Fellmanns Bühnenbild sieht imposant aus und lädt zum Träumen ein, denn Roland Schwab sieht den Merlin/Arthur-Stoff als einen Kulturmythos der menschlichen Zivilisation. Ein Neubeginn eines Systems über einen Denker (Merlin) und einen Charismatiker (Arthur), dem sich durch Unruhen (Morgan Le Fay und Mordred) eine Festigung bietet. Schwab lädt dazu archaische Mittelalterkostüme ( schön und effektvoll von Renee Listerdal) auf die Szene, die Zeitlosigkeit der Handlung zu betonen. Dem Regisseur geraten wundervolle Bilder und Chortableaus, während die Personenführung eher konventionell daherkommt. Eine Lichtprojektion gerät zur Kathedrale, die Bildfolge gelingt äußerst abwechslungsreich. Doch Sättigung führt zur Degeneration, Arthur denkt nur noch an Triebbefriedigung, ein Frühling gefriert zum Winter, Merlin wird über das Naturwesen Nivian durch Verführung gebannt, die Intriganten stürzen die Welt wieder ins Chaos. Gerade die Verführungsszene, musikalisch wunderbar tänzerisch komponiert, wird leider etwas unbeholfen dargestellt, was nicht an den Sängern, sondern an der Personenführung liegt, der Schluß kommt dann etwas plötzlich daher, was am Werk liegt. Immerhin zweieinhalb interessante Stunden mit einem unbekannten Stück, vielleicht kein Meisterwerk, doch durchaus spielenswert. 

Wie bereits gesagt, führt die Oper an die Grenzen: Heiko Mathias Förster gelingt am Pult der Neuen Philharmonie Westfalen ein großartiger Musiktheaterabend aus einem Guß, er achtet, stets den Sängern nötigen Freiraum zu geben, das Werk hat allerdings auch eine hervorragende Faktur. Beim Bläserapparat muß man bei den gewaltigen Anforderungen doch kleine Abstriche machen.

Bjorn Waag singt mit gewaltigem Bariton die markante Titelpartie, noch schöner wäre es jedoch, wenn er nicht so oft die Töne von unten ansingen würde, da kollidiert die Intonation schon mal mit dem Orchester. Lars-Oliver Rühl wirkt als König Arthur absolut überzeugend, denn im heldischen Tenorfach beginnt seine Stimme erst ihren Glanz zu entwickeln. Morgan Le Fay findet eine impulsive Verkörperung durch Majken Bjerno, leidet unter den Mängeln ihrer Stimme gleichermaßen: keine gut fokussierte Tiefe und Mittellage, während die Höhe durch starken Wobbel beeinträchtigt wird. Petra Schmidt erweist sich mit wandlungsfähigem Sopran erneut als wichtige Ensemblestütze, immer zu eine emphatischen Steigerung fähig, singt und spielt sie eine wahrhaft betörende Nymphe Nivian. Piotr Prochera punktet als Mordred mit frischen Bariton und intensivem Spiel. Dong-Won Seos Bass klingt als Erzbischof von Canterbury in der Höhe etwas fahl. William Saetre (Gawain), Joachim G. Maass (König Lot), Michael Dahmen (Pellinore mit fatalem Blondschopf) und Nikolai Mjasojedov (Sir Ector) unterstützen die Gesamtwirkung hervorragend, Hongjae Lim als Kay sticht mit frischem Tenor besonders hervor. Die Chöre des MiR beweisen mit erneuter, grandioser Leistung, warum sie vom Publikum so geliebt werden.

Ein Premierenabend, der durch den gebündelten Leistungswillen des gesamten Hauses überzeugt und in der emphatischen Darbietung einfach mitreißend ist. Allen Opernkennern sei nahe gelegt, die Möglichkeiten solcher Rarität sich nicht entgehen zu lassen und sich dem aufbrandenden Premierenapplaus der Gelsenkirchener Operngänger anzuschließen.

Martin Freitag

 

Besonderer Dank für die tollen Bilder geht an:

Thilo Beu
Hochkreuzallee 104
53175 Bonn

Fon: 0228 / 31 57 00

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com