DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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La Calisto

Frivolitäten aus dem Barock

Die Aufführung fand nicht im Grand Théâtre de Genève statt, sondern im BFM (Bâtiment des Forces Motrices)  an der Rhône, das schon während des Theaterwiederaufbaus als Ausweichquartier gedient hatte. In eine Riesenmaschinenhalle ist hier ein großer Theaterraum ohne Ränge eingebaut. Aber offensichtlich hat der Raum keine gute Akustik, denn Sänger und Orchester werden hier verstärkt. Und das an diesem Abend mit etwas abdunkelnder Elektronik; Transparenz und Dynamik des Klangs litten darunter beträchtlich.

Himmelmann inszeniert das Dramma per musica „La Calisto“ als spritzig-amüsierliche Opera buffa mit Seria-Einlagen. Hier wird frivol und ironisch auf die Bühne gebracht, was die Menschen an erotischen Fantasien, List und Charakterschwäche so umtreibt, und das wird einfach den Göttern in die Schuhe geschoben: Der Mensch schuf die Götter nach seinem Bilde. Der Regisseur, der Hinter- oder Tiefgründiges in dem Stoff nicht sucht und dem auch einige Plattheiten unterliefen, inszeniert den Frivolitäten des Textes folgend teilweise sehr drastisch, bleibt dabei aber immer noch in den Grenzen des guten Geschmacks bei dieser köstlichen Verkleidungskomödie, die in Seria-Manier endet: Calisto wird in einen Bär verwandelt und zieht als solcher im Firmament seine Bahnen.

Das Einheitsbühnenbild von Johannes Leiacker zeigt eine breite Anlandeplattform aus Holzbohlen, die in der Mitte nach vorne eingekracht ist und die (sehr) schräge nach hinten ansteigende Spielfläche bildet. Zu beiden Seiten steht noch je ein Teil des Stegs mit vertäuten Holzpfosten. Dorthin kann man über steile Leitern gelangen. Links in der Schräge bleibt eine tellerförmige Fläche ausgespart, die als  kleine hebbare Spezialfläche über dem Bühnenboden steht. Dieses Bühnenbild zeigt somit den Schaden, den Phaeton bei seinem Absturz mit dem Sonnenwagen auf der Erde angerichtet hat.  In den Bühnenprospekt ist die Innenansicht der Kuppel mit  einer spätbarocken  Deckenmalerei projiziert, deren Wolken, Himmelfarben und Figuren mit wechselnden Stimmungen ausgestattet werden. Zum Schluss erscheint dort eindrucksvoll das Tagesgestirn schwarz mit einer flammenden Korona.

Im Prolog erscheinen die Allegorien Eternità und Destino als mollige große Puppen schwebend im Raum in besingen (eingespielt) das vorgezogene Ende der Oper: die Erhebung Calistos zum Gestirn. Damit hat man den  schwächsten Punkt der Inszenierung bereits hinter sich gebracht. Merkur (als Zirkusmoderator mit Zylinder mit kurzem Schulterumhang wie Supermann) und Jupiter (in schwarzer Kleidung, langem roten Perückenhaar und großen schwarzen Adlerschwingen) erscheinen am oberen Rand der Spielschräge und machen sich ein Bild über die Schäden, die Phaeton angerichtet hat. Sie treffen auf die traurige Calisto, die im kurzen hellorangenen Kleid beim Obergott sofort Verlangen auslöst. Diana erscheint in langem silberweißen Kleid und Flügelhelm, später Blondchen-Perücke. Später reitet die eifersüchtige Juno in schwarzem Rüschenkleid auf  Schimmeln vom Himmel herab. Endimione trägt ein trikot-artiges Artistenkostüm,  Pan und Satyr im Fell sind mit Hörnchen versehen. Petra Bongard zeichnet für die bunte Mischung von Fantasie-Kostümen verantwortlich,  die überwiegend in modern anmutendem Schnitt ohne barocke Aspekte daherkommen.

Das Orchestre de Chambre de Genève spielte das Werk überwiegend mit Standardinstrumenten, erweitert um barocke Continuo-Instrumente sowie Theorbe und Barock-Harfe. Wer die Partitur bearbeitet hat, ist auch dem Programm nicht zu entnehmen. Trotz weiter Entfernung von „historisch informierter Aufführungspraxis“ zog sich das Orchester unter der umsichtigen und präzisen musikalischen Leitung durch Andreas Stoehr ordentlich aus der Affäre. Die „Klangeffekte“ (s.o.) de Saals machten die Aufgabe nicht leichter.

Die Sänger zeigten sich homogen auf hohem Niveau. Dabei waren sie von der Regie dazu verurteilt, in teilweise sehr unbequemen Haltungen zu singen; auf dem Boden liegend, auf einer der steilen schwankenden Leitern stehend oder auf der schiefen Ebene sich an Seilen gegen das Abrutschen festhaltend. Anna Kasyan meisterte die Titelrolle, eine teilweise schon virtuose Partie, mit expressiv-warmem, agilem und dabei kraftvollem Sopran. Juno wurde von Catrin Wyn-Davies vom dramatischen Racheausbruch bis zum erschütternden Lamento überzeugend interpretiert. Christine Rice gab die Diana ausdrucksstark mit rundem geschmeidigem Mezzo. Für den erkrankten Bejun Mehta sang Matthew Shaw den Endimione mit großem Volumen und einem völlig natürlich klingenden Timbre mit klarer Diktion. Sami Luttinen brachte den Jupiter mit kräftigem ausgewogenen Bass, wobei er in Verkleidung als Diana im Falsett sang und dieses scheinbar ohne Anstrengung: eine großartige Vorstellung. Mark Milhofer erheiterte Publikum als Linfea mit seinem giftigen Tenor;  Bruno Taddia als Merkur überzeugte mit kernigem Bariton. Auch die kleineren Rollen waren gut besetzt: Kristen Leich als Satyr/Natura und Fabio Trümpy als Pan. 

Das Grand Théâtre de Genève zeigt „La Calisto“ als Koproduktion mit der Deutschen Oper am Rhein. Eine gelungene Regiearbeit auf künstlerisch gutem Niveau, die zu recht viel Beifall aus dem nicht besonders gut gefüllten Zuschauerraum erhielt.    

Manfred Langer            

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