La
Calisto
Frivolitäten aus dem Barock
Die Aufführung fand nicht im
Grand Théâtre de Genève statt, sondern im BFM (Bâtiment des Forces
Motrices) an der Rhône, das schon
während des Theaterwiederaufbaus als Ausweichquartier gedient hatte. In eine
Riesenmaschinenhalle ist hier ein großer Theaterraum ohne Ränge eingebaut. Aber
offensichtlich hat der Raum keine gute Akustik, denn Sänger und Orchester
werden hier verstärkt. Und das an diesem Abend mit etwas abdunkelnder
Elektronik; Transparenz und Dynamik des Klangs litten darunter beträchtlich.
Himmelmann inszeniert das
Dramma per musica „La Calisto“ als spritzig-amüsierliche Opera buffa mit Seria-Einlagen.
Hier wird frivol und ironisch auf die Bühne gebracht, was die Menschen an
erotischen Fantasien, List und Charakterschwäche so umtreibt, und das wird
einfach den Göttern in die Schuhe geschoben: Der Mensch schuf die Götter nach
seinem Bilde. Der Regisseur, der Hinter- oder Tiefgründiges in dem Stoff nicht
sucht und dem auch einige Plattheiten unterliefen, inszeniert den Frivolitäten
des Textes folgend teilweise sehr drastisch, bleibt dabei aber immer noch in den
Grenzen des guten Geschmacks bei dieser köstlichen Verkleidungskomödie, die in
Seria-Manier endet: Calisto wird in einen Bär verwandelt und zieht als solcher
im Firmament seine Bahnen.
Das Einheitsbühnenbild von Johannes
Leiacker zeigt eine breite Anlandeplattform aus Holzbohlen, die in der Mitte
nach vorne eingekracht ist und die (sehr) schräge nach hinten ansteigende
Spielfläche bildet. Zu beiden Seiten steht noch je ein Teil des Stegs mit
vertäuten Holzpfosten. Dorthin kann man über steile Leitern gelangen. Links in
der Schräge bleibt eine tellerförmige Fläche ausgespart, die als kleine hebbare Spezialfläche über dem
Bühnenboden steht. Dieses Bühnenbild zeigt somit den Schaden, den Phaeton bei
seinem Absturz mit dem Sonnenwagen auf der Erde angerichtet hat. In den Bühnenprospekt ist die Innenansicht der
Kuppel mit einer spätbarocken Deckenmalerei projiziert, deren Wolken,
Himmelfarben und Figuren mit wechselnden Stimmungen ausgestattet werden. Zum
Schluss erscheint dort eindrucksvoll das Tagesgestirn schwarz mit einer
flammenden Korona.
Im Prolog erscheinen die
Allegorien Eternità und Destino als mollige große Puppen schwebend im Raum in
besingen (eingespielt) das vorgezogene Ende der Oper: die Erhebung Calistos zum
Gestirn. Damit hat man den schwächsten
Punkt der Inszenierung bereits hinter sich gebracht. Merkur (als
Zirkusmoderator mit Zylinder mit kurzem Schulterumhang wie Supermann) und
Jupiter (in schwarzer Kleidung, langem roten Perückenhaar und großen schwarzen
Adlerschwingen) erscheinen am oberen Rand der Spielschräge und machen sich ein
Bild über die Schäden, die Phaeton angerichtet hat. Sie treffen auf die
traurige Calisto, die im kurzen hellorangenen Kleid beim Obergott sofort
Verlangen auslöst. Diana erscheint in langem silberweißen Kleid und Flügelhelm,
später Blondchen-Perücke. Später reitet die eifersüchtige Juno in schwarzem
Rüschenkleid auf Schimmeln vom Himmel
herab. Endimione trägt ein trikot-artiges Artistenkostüm, Pan und Satyr im Fell sind mit Hörnchen
versehen. Petra Bongard zeichnet für die bunte Mischung von Fantasie-Kostümen
verantwortlich, die überwiegend in
modern anmutendem Schnitt ohne barocke Aspekte daherkommen.
Das Orchestre de Chambre de
Genève spielte das Werk überwiegend mit Standardinstrumenten, erweitert um barocke
Continuo-Instrumente sowie Theorbe und Barock-Harfe. Wer die Partitur
bearbeitet hat, ist auch dem Programm nicht zu entnehmen. Trotz weiter
Entfernung von „historisch informierter Aufführungspraxis“ zog sich das
Orchester unter der umsichtigen und präzisen musikalischen Leitung durch
Andreas Stoehr ordentlich aus der Affäre. Die „Klangeffekte“ (s.o.) de Saals
machten die Aufgabe nicht leichter.
Die Sänger zeigten sich homogen
auf hohem Niveau. Dabei waren sie von der Regie dazu verurteilt, in teilweise
sehr unbequemen Haltungen zu singen; auf dem Boden liegend, auf einer der
steilen schwankenden Leitern stehend oder auf der schiefen Ebene sich an Seilen
gegen das Abrutschen festhaltend. Anna Kasyan meisterte die Titelrolle, eine
teilweise schon virtuose Partie, mit expressiv-warmem, agilem und dabei
kraftvollem Sopran. Juno wurde von Catrin
Wyn-Davies vom dramatischen Racheausbruch bis zum erschütternden Lamento
überzeugend interpretiert. Christine Rice gab die Diana ausdrucksstark mit
rundem geschmeidigem Mezzo. Für den erkrankten Bejun Mehta sang Matthew Shaw
den Endimione mit großem Volumen und einem völlig natürlich klingenden Timbre
mit klarer Diktion. Sami Luttinen brachte den Jupiter mit kräftigem
ausgewogenen Bass, wobei er in Verkleidung als Diana im Falsett sang und dieses
scheinbar ohne Anstrengung: eine großartige Vorstellung. Mark Milhofer
erheiterte Publikum als Linfea mit seinem giftigen Tenor; Bruno Taddia als Merkur überzeugte mit
kernigem Bariton. Auch die kleineren Rollen waren gut besetzt: Kristen Leich
als Satyr/Natura und Fabio Trümpy als Pan.
Das Grand Théâtre de Genève
zeigt „La Calisto“ als Koproduktion mit der Deutschen Oper am Rhein. Eine
gelungene Regiearbeit auf künstlerisch gutem Niveau, die zu recht viel Beifall
aus dem nicht besonders gut gefüllten Zuschauerraum erhielt.
Manfred Langer