Die
großmütige Tomyris
31.10.2010
Eine eindringliche Adaptation einer
barocken Dutzendoper
Reinhard
Keiser wirkte Anfang des 18. Jhdts. in Hamburg als Leiter des ersten großen
deutschsprachigen Opernhauses am Gänsemarkt, das von der Bürgerschaft
finanziert wurde und dessen Hauptaufgabe die Unterhaltung, Erbauung und
Erziehung der Bevölkerung war. Ganz in diesem Sinne schrieb Keiser Dutzende von
Opern für das Haus, in denen es auch immer um Ehre, Treue, Verlässlichkeit,
Tapferkeit und andere Tugenden ging, natürlich vermengt mit den Standardthemen
der Oper wie Liebe, Eifersucht, Hass, Rache. In der 1717 uraufgeführten Oper
„Die großmütige Tomyris“ liegt ein Stoff vor, in welchem alle diese Themen im
Rahmen einer typischen Barockoper abgehandelt werden konnten, Tomyris, Königin
der Messageten hat in einem Rachefeldzug den Perserkönig Kyros besiegt und ihm
den Kopf abgeschlagen (erste „freundliche“ Szene in der Oper). Sie liebt ihren
Feldherrn Tigranes, der aber seinerseits Meroё, die rachedürstige Tochter
des erschlagenen Perserkönigs liebt, während hinter Tomyris zwei standesgemäße
Freier her sind, die orientalischen Könige, Doraspe und Policares, die dem
jeweiligen Rivalen im Falle ihrer Nichtberücksichtigung zur Entschädigung ihre
jeweiligen Schwestern im heiratsfähigen Alter zur Verfügung stellen wollen.
Meroё schleicht sich
verkleidet ins Lager der Messageten ein, wird in einer Beschwörungsszene von
ihrem Geliebten Tigranes erkannt und bewegt diesen zum Mitmachen an ihrem Plan,
Tomyris zu ermorden. Stattdessen rettet der treue Tigranes aber seine Königin
vor dem Mordanschlag Meroёs, wird selber der Mordabsicht verdächtigt und
gefoltert. Das Geschehen bleibt recht übersichtlich, bis ein Götterbote zum Schluss
Tigranes als den verschwundenen Sohn der Tomyris vorstellt, was deren Gefühle
zu ihm erklärt. Diesen dramaturgisch völlig unglaubwürdigen Purzelbaum zum
lieto fine gestaltet der Regisseur dann aber ganz als beklemmenden Trugschluss.
Hovenbitzer
stellt in seiner Inszenierung nicht in erster Linie auf Läuterung durch
erhabene moralische Werte ab, sondern
zeigt eine Gesellschaft, in der Gewaltanwendung Dauerzustand ist. Kriegerische
Auseinandersetzungen haben dazu geführt, dass ein Kampfjet-Wrack in einem
teilweise zerstörten Barocktheater liegt:
das ist das Einheitsbühnenbild - eindrucksvoll erstellt von Lukas Noll. Ein
nicht unbeträchtlicher Teil der Handlung spielt auf einer noch intakten Tragfläche
des Fliegers, dahinter ein großer Schutthaufen vor den Resten der Theaterlogen.
Das abgeschlagene Haupt des Kyros wird an einem Gestell am rechten Bühnenrand
befestigt. Das Volk (der Chor) feiert den Sieg der Königin in rauen Gesängen
und Kampfspielen und wilden Tanzeinlagen zusammen mit Mitgliedern der
Tanzcompagnie Gießen (Choreographie: Tarek Assam). Dabei sind Chor und Tänzer
in schwarze knappe archaisierende Kostüme gekleidet – zwischen Rocker und Heavy
Metal. Hier sind nicht die gemessen und a kultiviert auftretenden edlen Griechen,
sondern alte Steppenvölker mit Hang zur Gewalt dargestellt: Kampfeslust, Folter
und Tötung, wobei die Gewaltdarstellung an der Grenze zum Drastischen Stilmittel,
aber nicht Zweck der Inszenierung ist. Die beiden orientalischen Könige werden
durch ihre Frisuren mit sehr hoher Stirn aus der Masse hervorgehoben. Auch sie
sind zum Kämpfen bereit: um Tomyris. Diese, in Rot lang gewandet, entledigt
sich jeweils ihres Brustharnischs, wenn sie die Liebende darstellt, legt ihn wieder
an, wenn sie die Herrschende darstellt. Meroё in Zottelkostüm und
gewagtem Hut und Latyrus, ihr Begleiter,
heben sich durch ihre andersartige Kleidung als Fremdlinge ab (Kostüme:
Bernhard Niechotz)
Das
Einheitsbühnenbild begleitet das Geschehen, wobei sich nur der Flugzeugflügel
ein wenig bewegt. Aber da wird noch ein Schleiervorhang mit der wolkigen
Darstellung einer barocken Theaterdarstellung
mit Tempeln und Wolken herunter gelassen, vor welchen Tomyris sich
begibt, wenn sie von einer besseren Welt und der Erfüllung ihrer Wünsche
träumt. Dabei singt sie zunächst allein vor dem Vorhang, bis durch
Beleuchtungswechsel der Raum hinter dem hinter dem Vorhang sichtbar wird, wo
sie als Figur gedoppelt in ihrem Tagtraum agiert. So auch am Schluss. Ein Götterbote,
Jupiter schweben im wolkigen Himmel und verkünden die überrasschende Wende und
göttlichen Willen zur Versöhnung. Doch der Vorhang fällt und dahinter wird
sichtbar, dass Meroё und Tigranes vom rachedurstigen Volk schon
hingerichtet worden sind. Das lieto fine ist von der Realität eingeholt worden;
Tomyris wankt in die Bühnentiefe; die Jubelgesänge verklingen gespenstisch.
Beklemmung über die Realität!
Keisers
Musik ist nicht so opulent wie die seines zeitweiligen Untergebenen Händel,
sondern kommt streckenweise etwas spröde daher. Die Oper ist nicht nur aus
Da-Capo-Arien aufgebaut, sondern enthält eine abwechslungsreiche Folge von Chören,
Duetten und Ballett-Einlagen. Einige der Arien werden auf Italienisch gesungen.
Bei Keiser werden Männerrollen von Männern und Frauenrollen von Frauen
gesungen. Das Philharmonische Orchester Gießen, verstärkt um das
Continuo-Ensemble Animus, musizierte mit deutlich spürbarer Spielfreude unter
der kundigen Anleitung des Barock-Spezialisten Michael Schneider jederzeit mit
hoher Präzision. Der kleine Chor war präzise einstudiert, wirkte aber etwas
spitz.
Bei
den überwiegend sehr jungen Sängern gab es neben Licht auch Schatten. Odilia
Vandercruysse als Königin und Carla Maffioletti als Meroё zeigten lebhaftes
Bühnenspiel und hatten wunderbare Momente in ihren mit großer Leichtigkeit
gesungenen Koloraturen. Die Rezitative dagegen waren scharf, unsauber und
unverständlich. Bei den teilweise sehr hoch gelegenen Passagen hätte man sich
selbst in dem kleinen Gießener Theater (600 Plätze) mehr Durchschlagskraft
gewünscht. Musikalischer Höhepunkt war
das Duett des gefolterten Tigranes mit seiner Geliebten Meroё. Das wirkte
anrührend. Christian Zenkers Tenor war in der großen Rolle des Tigranes sehr
gefordert; er bewältigte das sehr solide mit lyrisch ausgeformtem Gesang bei
gleichzeitig sehr forderndem Bühnenspiel.
Alexander Herzog, stimmkräftiger Tenorbuffo mit großem Spieltalent,
begeisterte das Publikum in der Rolle des Latyrus. In der Parodie einer
Beschwörungsszene, die zur Erkennung von Meroё durch Tigranes führt, trägt
Herzog mit seinen Tierstimmenimitationen zur allgemeinen Erheiterung bei. Die
beiden Könige gestalteten ihre Rollen wie Pat und Patachon. Patrick Henckens gab mit
solidem Tenor den Policares, Matthias Ludwig mit kräftigem warmem Bariton den
Doraspe. Sehr gut waren die Nebenrollen von Oronte/Götterbote und Jupiter mit
dem tiefen sonoren Bariton Tomi Wendt bzw. dem kernigen Bass Chi Kyung Him
besetzt.
Das
Publikum (viele junge Besucher!) in gut besetzten Gießener Haus war’s zufrieden
und dankte mit reichlichem Beifall
Manfred
Langer
LA FAVORITA
Ein (Alp-)Traum von Liebe, Macht und Ehre
besuchte Vorstellung 6.3.2010
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gehörte Gaetano Donizettis
Spiel um Liebe und Tod der "bella del re" Alfonso XI. "La
Favorita" zum festen Repertoirebestandteil, nicht nur der Grand Opera de
Paris. Diese "ganz und gar wunderbare Oper" wie Arturo Toscanini
einmal schwärmte, gehört vielleicht zum Grandiosesten aus der Feder des
bergamasker Maestros, zeichnet diese Oper
doch alles aus, was ein Werk des Belcantos bedarf: Liebesaffären,
Intrigen, stimmungsvolle Genreszenen und vor allem schmachtend schwelgerische
Melodien, in einer Fülle, um die Donizetti nicht nur viele seiner Zeitgenossen
beneideten. Heute führt sie eher ein Schattendasein, doch nicht nur bei
Connaisseurs macht sie bei den raren Gelegenheiten einer Begegnung nach wie vor
Effekt. Daß sie heute zu den großen Raritäten zählt, mag zum einen an den
anspruchsvollen Besetzungsanforderungen liegen, schwerer dürfte aber der
Moralin geschwängerte Stoff wiegen, der heutigen Intendanten und Regisseuren
ziemliche Kopfschmerzen bereitet. Gießens Intendantin Christine Miville hat
diese Bedenken nicht, im Gegenteil. Mit der im Januar gestarteten
Aufführungsserie konnte sie ihrem Theater ein weiteres Juwel bescheren, gilt
Gießen bei Kennern doch schon seit Jahren zu den Geheimtipps der
Belcantopflege. Eine sichere Bank war auch im Fall der "Favoritin"
wieder das bewährte Regieteam Helmut Polixa (Inszenierung) mit deinem
Ausstatter Stefan Rieckhoff nebst ihrem kongenialen Lichtdesigner Christopher
Moos. Während andernorts werkentfremdende Kopfgeburten an dcer tagesordnung
sind, gibt man in Giesßen den anvertrauten werken, das was ihnen gebührt.
Polixas Personenführung zeichnet sich durch ihre unprätentiöse Punktgenauigkeit
aus. Er erlaubt sich einzig bei den großen Arien kleine, die Aussage
unterstreichende Traumsequenzenn. Um den kleinen Bühnenraum am zweckmäßigsten
auszunutzen setzt Stephan Rieckhoff erneut auf seine bewährten Aufbauen auf der
dezent genutzten Drehbühne. Chorauftritte werden dabei zum Erlebnis und nur
durch eine kleine Drehung kommt es zu stimmungsvollen Szenarien. Wenige
Requisiten und Bildelemente reichen um Stimmung zu zaubern, der düstere
Klosterraum wird nur durch eine Heilig Geist Allegorie, einer bühnengroßen
Taube erhellt, für die Machtverliebtheit Alfonso XI. genügt dem Team eine umgekippte große Krone
in der sich der Monarch zu Beginn wie in einer Hollywoodschaukel räkelt.
Musikalisch braucht das kleine Gießener Haus den Vergleich
mit international rennomierten Häusern nicht zu scheuen, um Gießens
Belcanto-Diva, der Mezzosopranistin Giuseppina Piunti, gesellte sich ein
hervorragendes Männertrio. Victor Benedetti gab mit virilem Kavaliersbariton
einen vitriolgeschwängerten Monarchen in Machoattitüde. Den geistigen Mahner
zeichnete der blutjunge brasilianische Baß Jose Gallisa. Sein Baldassere war
ein strenger Kirchenfürst - eine Vorstudie zu den Kirchenherren Verdis.
Gallisas imposante Erscheinung ließ mit profunder Baßgewalt nicht nur den
sündigen Monarchen erzittern und mit Noblesse fand er die Tröstung für seinen
Zögling Fernando. Diesem Talent dürfte eine gewaltige Karriere bevorstehen.
Doch die Überraschung war der junge Spanier Xavier Moreno als Fernando, der mit
seinem noblem Spinto Erinnerungen an seinen großen Landsmann in dieser Rolle
wachrief. Morenos Timbre ist noch ein wenig runder als das Alfredo Kraus, doch
in der Tongebung ist er dem verstorbenen Grandseigneur nicht unähnlich. Schon
sein "E un angiol" ließ aufhorchen und seine stupende
Rollenausdeutung fand im süperben "Spirto gentil" seinen Höhepunkt.
Moreno war der geeignete Partner der Piunti, die das Gießener Publikum in wahre
Euphorie versetzte. Ihr schöner warmtimbrierte Mezzo hat an Kraft und Noblesse
noch gewonnen, ihre aufzehrende Leidenschaft der Gefühle ließ ihre Leonora zu
einer erschütternden Rollenstudie anwachsen. Stimmlich bewältigte sie alle
Klippen der dankbaren Rolle, gipfelnd im phänomenalen Liebesbeweis "O mio
Fernando". Mit Alexander Herzog, Preisträger "Musicalshowstar der
Herzen", fand sich eine Idealbesetzung des Intriganten Don Gasparo. Ein
belcantistisch pointierter Charaktertenor, der den sinistren Gedanken die
geeignete Aussagekraft und prägnantes Timbre verlieh. In der kleinen Partie der
Ines, Hofdame Leonoras, machte mit delikatem Sopran Odilia Vandercruysse auf
sich aufmerksam. Spielfreude und noble Stimmführung zeichnete einmal wieder
Chor- und Extrachor des Stadtttheater Gießens (Einstudierung: Jan Hoffmann)
aus. Eraldo Salmieri am Pult des Philharmonischen Orchesters Gießen liebte ein
packend spannungsgeladenen Zugang zu der Meisterpartitur Donizettis und der
dramatische Aplomb stand dem Werk durchaus gut an. Die Philharmoniker folgten
ihm dabei allzu gerne und nicht zuletzt trugen auch sie zu dem einzigartigen
Gelingen des Abends bei. Freunde eines spannungsgeladenen Belcantoabends
sollten den weiten Weg nach Hessen nicht scheuen und sich den noch verbliebenen
Termin am 1. April n Gießen unbedingt vormerken.
Dirk Altenaer