DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Fotos © Theodoro da Silva;

Christopher Ainslie (Tamerlano), Clint van der Linde (Andronico), Thomas Cooley (Bajazet);

Kristina Hansson (Asteria)
TAMERLANO

Eine erklärungsbedürftige Inszenierung

Händelfestspiele Göttingen 2010

Im Deutschen Theater, 17.05.2010


Die schwedische Regisseurin Johanna Garpe verortet die Oper auf eine nackte rote Spielfläche fast ohne Requisiten, zwischen roten und schwarzen Seitenwandscheiben und einer Hinterwand, auf der man zuerst einmal eine antikisierende Weltkarte sieht, auf welcher Tamerlano mit Haftmagneten seine Eroberungen markiert hat. Auf der Bühne werden zwei hohe quadratische Prismen aus Lochplatten hin und her oder zur Seite heraus geschoben, wodurch räumliche Abgrenzungen zwischen den einzelnen Szenen suggeriert werden und mit denen hier und da interessante Lichteffekte generiert werden. Als Requisiten gibt es einen großen Überseekoffer auf Rollen, den Trolley der anreisenden Irene und zum Schluss als Denkmal schon zu Lebzeiten die Kopfplastik des Tamerlano auf einer Säule. (Bühne: Martin Kukulies) „Dazwischen“ spielten und sangen die Protagonisten in zeitgenössischer Kleidung: aktuelle Geschäftskluft, Andronico mit gegeltem Haar; die beiden Türken Bajazet und seine Tochter Asteria in orientalischer Kluft, wie man sie auch schon einmal am Cottbuser Tor in Berlin erleben kann. (Kostüme: Erika Landertinger).

Der Raum der Inszenierung ist abstrakt; die Personenführung darin zu großen Teilen unverständlich. Abgesehen von punktuellen Deutungsansätzen werden in der Umsetzung eine Leitidee oder eine schlüssige Interpretation nicht ersichtlich. Auch eine durchgängige Charakterisierung der Protagonisten findet nicht statt. Außer Tamerlano und Irene eiern die alle auf der Bühne herum. Sicher ist das Libretto selbst wenig stringent; die Missverständnisse und Intrigen wenig tragfähig. Aber die Regie hätte doch daraus eine durchgängige Geschichte unter Heraushebung einzelner Konstellationen formen können. Stattdessen gibt es Verrenkungen und Wälzungen der Darsteller, die zudem meistens alle auf der Bühne sind, auch wenn sie das Libretto dort gar nicht anfordert. (Eine nun häufig zu „erlebende“ Masche vieler Regisseure). Irgendwie klemmt es bei dieser Inszenierung.

Indessen lebt die Inszenierung aber vom intensiven Spiel der Sängerdarsteller, so dass sie insgesamt doch besser ist als eine konzertante Version in Kostümen.

In ihrer musikalischen Konstruktion ist die Oper den gängigen Händel-Opern durchaus unähnlich. Es gibt eine ganze Reihe von Ensembles (auch in da-capo-Form), die den sonst so beruhigenden Wechsel von Rezitativ und Arie häufig unterbrechen. Es fehlen der Oper das ganz große Lamento und die Jagdszene, wodurch das Orchester ohne Hörner auskommt. Auch mit den Holzbläsern geht Händel hier sparsam um, so dass über weite Strecken lediglich Streicher mit Continuo erklingen und die orchestrale Farbgebung für die verschiedenen Affekte begrenzt ist. Ganz groß das Ende:  Zwar gibt es beim Tamerlano zum Schluss eine Doppelhochzeit, doch ein lieto fine sieht anders aus; Bajazet hat sich auf offener Bühne vergiftet und haucht nun zum Diminuendo der Flötentöne und mit einem letzten Ton der ersterbenden Theorbe sein Leben aus. Das ist musikalisch höchst wirksam und für die Entstehungszeit ganz und gar ungewöhnlich.

Nicholas McGegan, der die musikalische Leitung der Göttinger Händelfestspiele 2011 abgeben wird, leitete Orchester und Sänger souverän, wobei er bei den Secco-Rezitativen selbst das Cembalo spielte. Besonders schön wurden die Polyphonie in den Streicherbewegungen und deren Kontraste zu den Gesangslinien herausgearbeitet.

Damit war musikalisch ein gutes Fundament gelegt für die andere starke Seite der Aufführung: die Besetzung.

Christopher Ainslie sang den Tamerlano mit höchst beweglichem, hell timbriertem Altus mit perfekter Leichtigkeit und Virtuosität; dazu kam ein ebenso bewegtes Spiel, so dass er alle Facetten vom jovial-fröhlichen Strahlemann im schwarzen Rollkragenpullover bis zum und launisch anmaßenden Tyrannen in Galauniform perfekt darstellte. Das nächste Glanzlicht setzte Franziska Gottwald als Irene mit ihrem hell klingenden klaren Alt und ihrem Spiel als karrierebewusstem Biest. Der Rest war sehr solide und qualitativ homogen besetzt. Clint van der Lint als zweiter Altus für den Andronico gestaltete diesen mit kerniger, kraftvoller Stimme, wenn auch bei weitem nicht mit der Eleganz des Tamerlano. Kristina Hansson mit leichter weicher Intonation glänzte zugleich auch mit Kraft und strahlender Höhe. Warum sie die Maske diese junge Sängerin so hergerichtet hatte, dass sie eher die Mutter des Bajazet denn seine Tochter darzustellen schien, ist unbegreiflich. Bajazet im Umkehrschluss wirkte für seine Rolle zu jugendlich, wobei ihm immerhin seine türkisch-ländliche Festtagstracht ein wenig Würde verlieh. Eine der wenigen großen originären Tenor-Rollen Händels, die Thomas Cooley darstellerisch und sängerisch mit etwas abgedunkeltem Tenor gut transportierte. Der Leone wurde von Lars Arvidson mit zuverlässigem gut artikulierendem Bass gesungen. Die Regie erlaubte sich mit ihm platte Späße mit seiner Körpergröße. Zu keiner Zeit wirkte einer der Sänger angestrengt, wozu natürlich auch das kleine Theater in Göttingen gute Voraussetzungen bietet.

Das Göttinger Haus war ausverkauft; bei  großer britischer Beteiligung herrschte Festspielatmosphäre. Der Beifall war herzlich. Da es sich um die zweite Aufführung handelte, erschien das Regieteam nicht zum Schlussapplaus.

Manfred Langer

 

 

 

 

 

 

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