TAMERLANO
Eine
erklärungsbedürftige Inszenierung
Händelfestspiele
Göttingen 2010
Im
Deutschen Theater, 17.05.2010
Die schwedische Regisseurin Johanna Garpe verortet die
Oper auf eine nackte rote Spielfläche fast ohne Requisiten, zwischen roten und
schwarzen Seitenwandscheiben und einer Hinterwand, auf der man zuerst einmal
eine antikisierende Weltkarte sieht, auf welcher Tamerlano mit Haftmagneten
seine Eroberungen markiert hat. Auf der Bühne werden zwei hohe quadratische
Prismen aus Lochplatten hin und her oder zur Seite heraus geschoben, wodurch
räumliche Abgrenzungen zwischen den einzelnen Szenen suggeriert werden und mit
denen hier und da interessante Lichteffekte generiert werden. Als Requisiten
gibt es einen großen Überseekoffer auf Rollen, den Trolley der anreisenden
Irene und zum Schluss als Denkmal schon zu Lebzeiten die Kopfplastik des
Tamerlano auf einer Säule. (Bühne: Martin Kukulies) „Dazwischen“ spielten und
sangen die Protagonisten in zeitgenössischer Kleidung: aktuelle Geschäftskluft,
Andronico mit gegeltem Haar; die beiden Türken Bajazet und seine Tochter
Asteria in orientalischer Kluft, wie man sie auch schon einmal am Cottbuser Tor
in Berlin erleben kann. (Kostüme: Erika Landertinger).
Der Raum der Inszenierung ist abstrakt; die
Personenführung darin zu großen Teilen unverständlich. Abgesehen von
punktuellen Deutungsansätzen werden in der Umsetzung eine Leitidee oder eine
schlüssige Interpretation nicht ersichtlich. Auch eine durchgängige
Charakterisierung der Protagonisten findet nicht statt. Außer Tamerlano und
Irene eiern die alle auf der Bühne herum. Sicher ist das Libretto selbst wenig
stringent; die Missverständnisse und Intrigen wenig tragfähig. Aber die Regie
hätte doch daraus eine durchgängige Geschichte unter Heraushebung einzelner
Konstellationen formen können. Stattdessen gibt es Verrenkungen und Wälzungen
der Darsteller, die zudem meistens alle auf der Bühne sind, auch wenn sie das
Libretto dort gar nicht anfordert. (Eine nun häufig zu „erlebende“ Masche
vieler Regisseure). Irgendwie klemmt es bei dieser Inszenierung.
Indessen lebt die Inszenierung aber vom intensiven
Spiel der Sängerdarsteller, so dass sie insgesamt doch besser ist als eine
konzertante Version in Kostümen.
In ihrer musikalischen Konstruktion ist die Oper den
gängigen Händel-Opern durchaus unähnlich. Es gibt eine ganze Reihe von
Ensembles (auch in da-capo-Form), die den sonst so beruhigenden Wechsel von
Rezitativ und Arie häufig unterbrechen. Es fehlen der Oper das ganz große Lamento
und die Jagdszene, wodurch das Orchester ohne Hörner auskommt. Auch mit den
Holzbläsern geht Händel hier sparsam um, so dass über weite Strecken lediglich
Streicher mit Continuo erklingen und die orchestrale Farbgebung für die
verschiedenen Affekte begrenzt ist. Ganz groß das Ende: Zwar gibt es beim Tamerlano zum Schluss eine
Doppelhochzeit, doch ein lieto fine sieht anders aus; Bajazet hat sich auf
offener Bühne vergiftet und haucht nun zum Diminuendo der Flötentöne und mit
einem letzten Ton der ersterbenden Theorbe sein Leben aus. Das ist musikalisch
höchst wirksam und für die Entstehungszeit ganz und gar ungewöhnlich.
Nicholas
McGegan, der die musikalische Leitung der Göttinger Händelfestspiele 2011
abgeben wird, leitete Orchester und Sänger souverän, wobei er bei den
Secco-Rezitativen selbst das Cembalo spielte. Besonders schön wurden die
Polyphonie in den Streicherbewegungen und deren Kontraste zu den Gesangslinien
herausgearbeitet.
Damit war musikalisch ein gutes Fundament gelegt für
die andere starke Seite der Aufführung: die Besetzung.
Christopher Ainslie sang den Tamerlano mit höchst
beweglichem, hell timbriertem Altus mit perfekter Leichtigkeit und Virtuosität;
dazu kam ein ebenso bewegtes Spiel, so dass er alle Facetten vom
jovial-fröhlichen Strahlemann im schwarzen Rollkragenpullover bis zum und
launisch anmaßenden Tyrannen in Galauniform perfekt darstellte. Das nächste
Glanzlicht setzte Franziska Gottwald als Irene mit ihrem hell klingenden klaren
Alt und ihrem Spiel als karrierebewusstem Biest. Der Rest war sehr solide und
qualitativ homogen besetzt. Clint van der Lint als zweiter Altus für den
Andronico gestaltete diesen mit kerniger, kraftvoller Stimme, wenn auch bei
weitem nicht mit der Eleganz des Tamerlano. Kristina Hansson mit leichter weicher
Intonation glänzte zugleich auch mit Kraft und strahlender Höhe. Warum sie die
Maske diese junge Sängerin so hergerichtet hatte, dass sie eher die Mutter des
Bajazet denn seine Tochter darzustellen schien, ist unbegreiflich. Bajazet im
Umkehrschluss wirkte für seine Rolle zu jugendlich, wobei ihm immerhin seine
türkisch-ländliche Festtagstracht ein wenig Würde verlieh. Eine der wenigen
großen originären Tenor-Rollen Händels, die Thomas Cooley darstellerisch und
sängerisch mit etwas abgedunkeltem Tenor gut transportierte. Der Leone wurde
von Lars Arvidson mit zuverlässigem gut artikulierendem Bass gesungen. Die
Regie erlaubte sich mit ihm platte Späße mit seiner Körpergröße. Zu keiner Zeit
wirkte einer der Sänger angestrengt, wozu natürlich auch das kleine Theater in
Göttingen gute Voraussetzungen bietet.
Das Göttinger Haus war ausverkauft; bei großer britischer Beteiligung herrschte
Festspielatmosphäre. Der Beifall war herzlich. Da es sich um die zweite
Aufführung handelte, erschien das Regieteam nicht zum Schlussapplaus.
Manfred Langer