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www.oper-graz.com/

 

 

 

Celebrating Sacre

Ballett-Premiere am 16.3.2013

Zwiespältiger Erfolg

Innerhalb nur eines Jahres wurden in Paris drei exemplarische Werke der Ballettgeschichte uraufgeführt. Den Beginn machte „L’après-midi d’un faune“ am 29. Mai 1912, am 8. Juni 1912 folgte „Daphnis et Chloé“ und schließlich erschütterte mit „Le sacre du printemps“am 29. Mai 1913 der Skandal aller Skandale die Theaterwelt.  Ein überzeugender Gedanke des Grazer Ballettchefs Darrel Toulon, diese drei Meisterwerke  in den  Fokus des diesjährigen Tanzabends der Oper Graz zu stellen! Toulon ist seit 2001/02 Ballettdirektor und Chefchoreograph der Tanzkompanie der Oper Graz und hat in diesen über zehn Jahren eine eigenständige Ausdruckssprache für das von ihm verantwortete Tanztheater gefunden. Am besten, man lässt Toulon selbst seine Intentionen beschreiben:

„Im klassischen Ballett ist das Vokabular vorgegeben, auch im Umgang mit der Musik und in der Struktur der choreographischen Sätze. Im Tanztheater lässt man sich nicht einschränken, sondern man versucht im Gegenteil, Emotionales, Psychologisches durch die Körperhaltung auszudrücken. Man erzählt also nicht nur plakativ eine Geschichte, sondern stellt psychologische Zustände und Zusammenhänge dar. Auch in der Interpretation der Musik achtet man nicht nur auf die Motorik und Melodie, sondern bemüht sich, Farbe und tiefen Ausdruck zu illustrieren. Allerdings gibt es auch einige Parallelen zwischen Ballett und Tanztheater, wie zum Beispiel die Pantomime als Ausdruck eines stilisierten Realismus.“

Der regelmäßige Besucher der Grazer Ballettabende wusste also, was ihn erwartet. Die drei Stücke dieser Premiere waren zwar drei verschiedenen Choreographen übertragen, aber der Grundansatz aller drei Choreographien entspricht dem, was Toulon als Tanztheater sieht. Und so waren jedenfalls die drei musikalischen Meisterwerke zu einem geschlossenen Ganzen zusammengefügt – wenn auch nach meiner Überzeugung mit ganz unterschiedlichem Erfolg.

Die Klammer für die drei Tanzstücke waren die ausgezeichnet disponierten Grazer Philharmoniker unter der Leitung des jungen Venezolaners Domingo Hindoyan, der die vielfältigen Klangfarben aus der Ravel- und Debussy-Partitur wunderbar ausbreitete und dann auch Strawinski die nötige rhythmische Stringenz verlieh. Alle drei Stücke bieten dem Orchester reiche Gelegenheit, sich auch in Instrumentalsoli zu präsentieren – und diese Chance wurde genutzt! Bei Ravel flimmern und flirren die Streicher, die Glissandi der Harfen mischen sich mit den Silberlichtern der Celesta (geschickt durch die Postierung in der Proszeniumsloge gefördert), das gestopfte Horn raunt, eine warme Cellolinie taucht auf und die Flöte charakterisiert die Schäferin Chloé, bis alles in den erregenden Schlagzeugrhythmen des Bacchanals mündet. Bei Debussy führt uns die einleitende Flötenarabeske in eine schwebend-schwülstige von den Holzbläsern getragene Atmosphäre. Bis dann bei Strawinski nach der in extrem hoher Lage des Fagotts vorgetragenen Eingangsmelodie alles in einer barbarischen Klangexplosion endet. Da gibt es keinen „schönen Klang“ mehr – das rhythmische Element siegt über das melodische. Das Orchester hat dies exzellent umgesetzt – bei Ravel ebenso überzeugend unterstützt durch die Vokalisen des Opernchors unter Bernhard Schneider. Bühne und Kostüme für alle drei Choreographien schuf Vibeke Andersen – bei Ravel und Debussy in poetischer Klarheit und Sparsamkeit, dies gilt auch für Strawinski - allerdings hier einer meiner Meinung nach wenig überzeugenden Interpretation des Werks dienend.

Und nun zu den drei Choreographien: Ich beginne mit dem Finale des Abends – wohl als Höhepunkt gedacht. „Tanzstück von James Wilton“ – Musik: „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinski“. So steht es im Programmheft – und tatsächlich: Von Strawinski stammte nur mehr die Musik – der junge englische Choreograph James Wilton hat dazu eine völlig neue Geschichte erfunden. Er verlegt die heidnische Opferung einer Jungfrau in ein Straflager mit geschlechtslosen Strafgefangenen, wo es um Macht und Unterdrückung geht. „Mich hat die Idee der Opferung interessiert, aber ich wollte das neu interpretieren: Weg vom rein körperlichen Opfer, hin auch zu einem moralischen Opfer“, so Wilton. Ich gestehe allerdings: die – zweifellos gekonnten und körperlich anstrengenden – Gymnastikübungen der einheitlich gekleideten, Mann und Frau nicht unterscheidende Tanzkompanie waren schlichtweg langweilig. Das heidnische Opferritual ohne Mann-Frau-Spannung  das war ganz sicher nicht Strawinskis Ziel!Wesentlich Erfreulicheres ist über die ersten beiden Stücke zu berichten. Der Abend wurde mit Ravels „Daphnis et Chloé“ in der Choreographie von Darrel Toulon eröffnet. Mag das Konzept durch die Vielzahl der von Toulon erdachten zusätzlichen Figuren auch ein wenig von den beiden zentralen Figuren ablenken -  es ging offenbar wohl  auch darum, alle 16 Mitglieder der Grazer Tanzkompanie einzusetzen - , so gelingt es doch,  recht stimmungsvoll die Ravel-Klänge in eigenständiges, nicht bloß die Handlung illustrierendes Tanztheater umzusetzen. Michael Munoz als Pan sowie Bostjan Ivanjsic und Jura Wanga als Titelpaar überzeugen durch Intensität.

Nach der Pause sah man zuerst „Fauno“ mit Debussys Musik als Tanzstück des portugiesischen Altmeisters Vasco Wellenkamp. Das war eine kostbare Miniatur expressiven Tanztheaters – vor allem getragen durch Bostjan Ivanjsic , der sich nun vom unerfahrenen Daphnis des ersten Teils überzeugend in den von seinen erotischen Phantasien geplagten und virtuos verkrampften Faun verwandelt hatte. Für mich war dies der überzeugendste Teil des ganzen Abends.

So bleibt also von dieser Premiere ein durchaus zwiespältiger Eindruck: Meisterwerke in wirklich überzeugender musikalischer Wiedergabe, ein sehr engagiertes und intensives Tanzensemble – und leider gerade das Hauptwerk des Abends ohne erotische Spannung und ohne die Vision einer großen heidnischen Feier, wie sich das Strawinski gewünscht hat – schade!

Viel – und wenig differenzierter – Beifall im vollen Haus.

Hermann Becke                                 

 

 

FALSTAFF

Premiere: 19.1.2013, besuchte Vorstellung: 15.2.2013

Großartige Steigerung der Ensembleleistung seit der Premiere!

In der bei Publikum und Presse weitgehend gelobten Premiere war James Rutherford als Falstaff der Mittelpunkt (siehe dazu den Bericht des OF). Aber auf der Homepage der Oper Graz steht auch: „Und einen weiteren Rollendebutanten darf die Oper Graz stolz verkünden: Ensemblemitglied David McShane wird erstmals in seiner beeindruckenden Karriere die Titelpartie verkörpern.“ Anlass genug, um nochmals über die Produktion zu berichten, umso mehr als es nicht nur in der Titelpartie eine Neubesetzung gab – nein: auch Meg, Nannetta, Cajus waren neu und vor allem gab es auch einen neuen Dirigenten.

Kurz nach der Falstaff-Premiere hatte nämlich der Grazer Chefdirigent Johannes Fritzsch überraschend und kurzfristig seinen Vertrag aufgelöst. Für die Falstaff-Aufführungen hatte die Grazer Intendantin Elisabeth Sobotka - selbst sozusagen auf dem Absprung von Graz, da sie ab 1.1.2015 die Leitung der Bregenzer Festspiele übernimmt - den 40-jährigen Matthias Foremny gefunden - ab 2013/14 Chefdirigent des renommierten Stuttgarter Kammerorchesters. Das bedeutete einen wesentlichen Gewinn gegenüber der Premiere. Foremny sorgte für einen wesentlich transparenteren Orchesterklang, das Orchester deckte die Sänger nicht mehr zu. Zwar gab es in den diffizilen Ensembles durchaus rhythmische Ungenauigkeiten, aber es herrschte Musizierfreude und kräftiges Zupacken – und das übertrug sich auch auf das gesamte Ensemble.

David McShane war ein ganz anders gearteter Falstaff als Rutherford. Mit seiner schlanken, durchaus italienisch-belkantesk geführten Stimme bewältigt er die Partie hervorragend – lediglich im ersten Bild gab es einige (wenige) unnötig forcierte Höhen. Er ist ein Komödiant, steckt mit seiner Spielfreude alle an und ist am Ende selbst merklich gerührt, wie gut es ihm gelungen ist, in köstlich gespielter Eitelkeit, aber in Wahrheit uneitel im Mittelpunkt zu stehen. Graz kann sich freuen, neben dem heldenbaritonalen, etwas schwerblütigen Rutherford mit dem quicklebendigen David McShane eine zweite, ebenso überzeugende Facette der Falstaff-Figur präsentieren zu können. Um den neuen Interpreten der Titelfigur herum wächst das Ensemble zu einer prächtigen und geschlossenen Gesamtleistung.

Durch Dshamilja Kaiser als prächtige und kraftvolle Meg gewinnt die Damenriege eindeutig an Gewicht – überzeugend ziehen sie und die ausgezeichnete Alice von Margareta Klobucar die Fäden. Die neue Nannetta ist die Ukrainerin Tatjana Miyus – auch sie ein Gewinn! Speziell ihre Szene als „Regina delle Fate“ im letzten Bild mit klarer, unmaniriert silbriger Stimme erfüllte höchste Ansprüche. Der erfahrene Manuel von Senden war ein stimmlich sehr präsenter, scharf gezeichneter Cajus. Aber auch jene, die seit der Premiere dabei sind, haben sich deutlich gesteigert. Allen voran Andrè Schuen als Ford, der in der Premiere - wohl auch durch eine eben erst überstandene Erkrankung – recht blass geblieben war. Nun trumpft er mit seinem dunklen Bariton eindrucksvoll auf und hat auch deutlich an darstellerischem Gewicht gewonnen. Souverän ist auch die Quickly von Silvia Beltrami - auch sie hat sich zu einer eindrucksvollen Leistung gesteigert. Das Buffo-Paar Martin Fournier und Wilfried Zelinka war stimmlich deutlich profilierter als in der Premiere und dem Fenton des Marokkaners Abdellah Lasri (عبدالله العسري)‎ gelangen überzeugende lyrische Phrasen. 

Die rasante und farbenfrohe Inszenierung des australischen Teams Tama Matheson und Peter Corrigan hat in dieser Repertoire-Vorstellung ihre Bewährungsprobe bestanden. Das Publikum – im sehr gut besuchten Haus – spendete reichen Beifall für eine exzellente und geschlossene Ensembleleistung. Ein Besuch der restlichen sechs Aufführungen ist unbedingt zu empfehlen. Da alle Rollen aus dem Ensemble (teilweise sogar doppelt) besetzt sind, wäre eine Übernahme in die nächste Spielzeit sehr zu wünschen!

Hermann Becke

 

 

FALSTAFF

Grelles Zirkusspektakel mit gutem Sängerensemble

Premiere am 19.01.2013

Die Grazer Intendantin Elisabeth Sobotka erfrischt in dieser Saison mit einer Vielfalt von Regiewelten: Nach den Größen des sogenannten „Regietheaters“ Stefan Herheim (Manon Lescaut) und Peter Konwitschny (La traviata), nach mediterranem Esprit des aufstrebenden Damiano Michielleto (Elisir d’amore) und Fassbaenders Hänsel und Gretel ist nun der kaum 34-jährige englisch-australische Regisseur Tama Matheson zu Gast. Er steht dem »Brisbane Shakespeare Festival« als Künstlerischer Leiter vor – und so hat sich wohl der Kontakt zu Graz ergeben, ist doch der Grazer Chefdirigent Johannes Fritzsch seit 2008– parallel zu seiner Grazer Verpflichtung – auch Chefdirigent des  Queensland Symphony Orchestra in Brisbane. Matheson ist Schauspieler und Regisseur und kommt aus einem musikalischem Umfeld: sein Vater war ein international tätiger Dirigent und sein Bruder ist Pianist. Parallel zu seiner Schauspieltätigkeit war er an den Opernhäusern von London, Madrid, St.Petersburg mehrfach als Regieassistent tätig. Der Falstaff ist nun seine erste selbstständige Operninszenierung in Europa. Nach Graz wird er "La forza del destino“ an der Opera Australia und der South Australian State Opera, „Pagliacci“ an der Victorian Opera, sowie "Hamlet“ beim Brisbane Shakespeare Festival inszenieren. Mit Tama Matheson und dem erfahrenen australischen Bühnen-und Kostümbildner Peter Corrigan erlebt Graz erstmals britischen Regiegeist auf der Opernbühne. Und das war durchaus anregend und vom Publikum positiv aufgenommen.

Das sehr gut zusammengestellte Programmheft enthält in einem ausführlichen Beitrag des Regisseurs eine schlüssige Begründung, warum die Inszenierung aus der Taverne in den Zirkus verlegt ist. Der Feiste Ritter erscheint „als der Zeremonienmeister seines eigenen Zirkus“ … „Sein Eintreffen in der Handelsstadt Windsor schafft die Vorbedingung für die Oper. Doch dem Zirkus haftet auch ein Moment des Vulgären und Schäbigen an, eine Karnevalsatmosphäre, deren Odium jedem ehrbaren Bürger verdächtig ist.“ Matheson stellt eine geradezu perfekt durchchoreographierte und temperamentvolle Fassung auf die grell dekorierte Bühne mit einer Unzahl von Gags. Manchmal schießt er in jugendlicher Begeisterung wohl etwas über das Ziel hinaus – so zum Beispiel, wenn Falstaff als Drahtzieher das Stück eröffnet und zunächst mit den Anfangstakten von „Hänsel und Gretel“ und dann von „Le Nozze di Figaro“ beginnen lässt, bis tatsächlich Verdi beginnen darf, wenn im 1.Bild die zahlreichen Zirkusstatisten allzu sehr von der Handlung ablenken oder wenn zu Beginn des dritten Akts ein Fischer an seiner Angel Falstaff aus der Themse zieht. Und vor allem: die Zirkusidee kann nicht bis zum Schluss durchgezogen werden, wobei gerade das letzte Bild allerdings besonders stimmig umgesetzt wird. Zusammenfassend kann man sich aber durchaus dem anschließen, was die in Graz und in ihrer Rolle debutierende Quickly Silvia Beltrami auf ihrer Facebook-Seite schreibt: „Secondo me regia azzeccatissima!“ - also eine geradezu perfekt passende Regie.

Falstaff ist eine Ensembleoper – und es ist eine Stärke des Grazer Hauses, ein ausgezeichnet auf einander eingestelltes, junges Stammensemble zu haben und die Ensemblekultur bewusst zu pflegen: ich denke dabei daran, dass z.B. die Darsteller von Cajus, Bardolfo, Ford und Pistola erst unlängst als perfektes  A-cappella-Quartett mit Schubert-Ensembles aufgetreten sind. Für alle Solisten war Verdis Falstaff ein Rollendebüt – und es sicher zu erwarten, dass die Unebenheiten, die bei der Premiere nicht zu überhören waren, in den folgenden zwölf Aufführungen „ausgebügelt“ werden können.

An der Spitze des Ensembles stand James Rutherford, der in den letzten Jahre mit eine Reihe von bedeutenden Rollen (Sachs, Barak, Jago, Giorgio Germont) von Graz aus auf die großen Bühnen gestartet ist. Sein erster Falstaff war sehr schön gesungen und auch liebenswert gestaltet – sicher wird er auch in dieser Rolle bald international gefragt sein. Seinen ersten Walküren-Wotan wird er demnächst in London konzertant singen – vielleicht wäre das ein Anstoß für Graz, ihm die Chance der ersten szenischen Aufführung hier in Graz zu geben. Die Grazer Opernfreunde würden sich freuen! Andrè Schuen hat ein Prachtmaterial – allerdings fehlt ihm mit seinen 28 Jahren  ganz einfach noch das stimmliche und darstellerische Gewicht für den Ford. Aber er wird Erfahrung sammeln und sich hoffentlich weiter so positiv entwickeln, wie dies seit der vorigen Saison zu beobachten ist. Der Intendanz ist zu danken, dass einem blutjungen Sänger konsequent die Entwicklungschance mit Jeletzki, Belcore, nun Ford und demnächst im Operettenfach mit Gasparone gegeben wird.

Die Damenriege führt Silvia Beltrami als Quickly mit schönem Mezzo abseits von dröhnendem Rollenklischee und jugendlichem Charme an. Margareta Klobucar ist mit jugendlichem Charme und strahlender Stimme sehr überzeugend die, „die das ganze Pack anführt“ (Verdi an Ricordi). Nazanin Ezazi überzeugt diesmal als Nanetta mit sehr schön angesetzten Piani in der Höhe (in der Mittellage wird – auch an der Intonation – noch zu arbeiten sein. Xiaoyi Xu ist eine charmant-pittoreske Meg – stimmlich hörte man einige brustige Tiefen, die aufhorchen ließen, sonst zu wenig, um ihre Leistung beurteilen zu können – wie nachher zu erfahren war, wohl auch durch eine Indisposition bedingt. Der junge Marokkaner Abdellah Lasri war ein guter, noch ein wenig unausgewogener Fenton mit ausbaufähigen Anlagen. Der Chor unter Bernhard Schneider war verlässlich und solid wie immer.Die Buffopartien Cajus, Bardolfo und Pistola waren mit Taylan Reinhard, Martin Fournier und Wilfried Zelinka in bewährten Händen – gerade sie litten allerdings besonders unter dem Schwachpunkt der Premiere:

Das Grazer Philharmonische Orchester unter Johannes Fritzsch konnte an diesem Abend leider so gar nicht das vermitteln, was Verdis Falstaff erfordert und was in einem Beitrag im Programmheft so wunderbar zum Orchesterpart ausgeführt ist: „wispernd“, „kichernd“, „Durchsichtigkeit“, „größte Sparsamkeit“, „äußerste Durchhörbarkeit des Satzes“, „intimer Charakter“...  Speziell im ersten Bild war das Orchester nur derb und laut, dazu gab es so manche „Wackler“ zwischen Orchester und Bühne. Im Verlauf des Abends verbesserte sich die Situation – und so bleibt zu hoffen, dass in den folgenden Aufführungen auch das Orchester und sein Chefdirigent Johannes Fritzsch zu dem sonst gewohnten Niveau und der nötigen Falstaff-Eleganz finden werden!

Noch ein Hinweis für Spezialisten: Die Grazer Premiere war die Erstaufführung der Kritischen Neuausgabe, herausgegeben von Michael Rot (http://www.rotmusic.at/index.html ), von dem auch die Johann-Strauß-Gesamtausgabe stammt. Zitat aus der Homepage des Musikverlags Hermann (Wien), bei dem die Neuausgabe erschienen ist:  

 

 

„In der Kritischen Neuausgabe von „Falstaff“ wird erstmals die autographe Urfassung des Werkes veröffentlicht. Diese von G. Verdi in seiner autographen Partitur dokumentierte Fassung wurde bisher noch nicht in spielbarer Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.“

Ich räume gerne ein, dass ich nicht feststellen konnte, worin der Unterschied zum bisher verwendeten Orchestermaterial besteht – aber jedenfalls kann man die Grazer Aufführung im Bewusstsein hören, dass es sich dabei um die Urfassung handelt.

Intensiver, aber kurzer Beifall am Ende!

Hermann Becke                                   

 

 

 

 

HÄNSEL UND GRETEL

Premiere am 13.12.2012

Wenn man Brigitte Fassbaenders Lebenslauf im Programmheft liest - http://www.oper-graz.com/ensemble.php?bereich=2&person=2634 – und wenn man noch dazu selbst das Glück hatte, sie ihn bedeutenden Rollen ihres Fachs auf der Bühne erlebt zu haben, dann wird einem so recht bewusst, was für eine Chance es für die Oper Graz und ihr junges ambitioniertes Ensemble bedeutet, wenn die Fassbaender mit ihrer immensen Erfahrung hier inszeniert. Und nach der Generalprobe sah man die strahlenden Gesichter aller: Man kam also mit großen Erwartungen in die Premiere!

Und diese Erwartungen wurden vom Sängerensemble voll und ganz erfüllt. An der Spitze standen Dshamilja Kaiser mit ihrem wunderschönen, in so mancher Belcanto-Rolle erprobten, reifen Mezzo als Hänsel und vor allem Sieglinde Feldhofer als ideale Gretel. Sie spielte diese Rolle nicht, sie war sie ganz einfach, und vor allem wusste sie ihren zarten Sopran intelligent einzusetzen – ohne je zu forcieren und ohne jede Schärfe, bestand sie mit vorbildlicher Artikulation und schlanker Stimmführung jederzeit „gegen“ den von Humperdinck doch recht üppig konzipierten Orchesterklang. Wahrlich eine weitere hervorragende Leistung der jungen Sängerin, die am Ende mit reichem Beifall des Premierenpublikums belohnt wurde!

Das Elternpaar war mit Hermine Haselböck und David McShane sowohl stimmlich als auch darstellerisch deckend besetzt. Manuel van Senden gab eine gebührend drastische Knusperhexe. Nazanin Ezazi war ein reizend kostümiertes, uraltes Sandmännchen und ein skurril (nicht schlüssig) konzipiertes Taumännchen in Militäruniform mit Wasserspritzpistole – leider konnte sie mit unausgeglichener Stimme nicht an die Qualität des Titelpaars anschließen. Reizend spielte und sang die Singschul‘ der Oper Graz unter Andrea Fournier. Der junge venezolanische Dirigent Domingo Hindoyan stürzte sich mit Elan in die Humperdinck-Partitur. Im 1.Bild dominierte das gut disponierte Orchester allzu sehr gegenüber den Solisten. Ab dem zweiten Bild war die Balance wesentlich besser – über schön gestaltete Instrumentalsoli konnte man sich freuen (Violoncello, Viola).

Zurück zu Brigitte Fassbaender: Sie hat als Regisseurin mit ihrem Bühnenbildner Helfried Lauckner und der Ausstatterin Elisabeth Rauner das Stück in eine nüchterne Gegenwartsatmosphäre verlegt. Das erste Bild ist ein schäbiges Sparherdzimmer mit Stockbetten und leerem Kühlschrank. Das Spiel aller Akteure wirkte in diesem ersten Bild seltsam künstlich-aufgesetzt. Stimmung kommt erst im zweiten Bild auf – vor allem ganz einfach deshalb, weil hier Hänsel und Gretel durch ihre persönliche Ausstrahlung überzeugen, aber auch, weil der umgestürzte Baum und die Hintergrundprojektionen Waldstimmung überzeugend vermitteln. Die eingebauten „Effekte“ eines aus einem Erdhaufen lugenden Erdhörnchens und einer über die Bühne krabbelnden Riesenameise sind wohl einer Verbeugung gegenüber der heutigen Fantasy-„Kultur“ geschuldet, tragen aber nichts zu einer märchenhaften Atmosphäre oder Verdichtung des Geschehens bei. Anstatt der vierzehn Schutzengel treten  vierzehn weißgekleidete, den Kindern offenbar im Traum erscheinende Gestalten auf, die bürgerlich-gütig auf die schlafenden Kinder einwirken. Engel zu zeigen, ist wohl nicht mehr zeitgemäß – schade.

Natürlich gibt es dann im letzten Bild kein Lebkuchenhaus, sondern eine fabrikartige Installation mit vielen technischen Mätzchen und Effekten, aber auch mit sehr netten Lebkuchenkindern und einem unnötig herumtorkelnden Lebkuchenmann. Dazu kommen Details, wie die mit „Adelheid Wette Weizen“ beschrifteten Säcke – ein Zeichen dafür, dass das Libretto von Adelheid Wette zermahlen wurde ?? Also kurz und gut: Dem Inszenierungsteam sind viele Gags eingefallen, um das zu demonstrieren, was Brigitte Fassbaender im Programmheft „ironisches Augenzwinkern“ nennt - mehr (leider) nicht. Und so kann man sich nur dem anschließen, was Fassbaender am Ende ihres Beitrags schreibt: „Eins ist sicher: ,…und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute…‘ – ich nehme an, musikalisch, dank Humperdinck, bis in alle Ewigkeit.“

In musikalischer Hinsicht hat die Fassbaender Recht: Musikalisch war es eine vorbildliche Aufführung! Am Ende gab es uneingeschränkten Beifall des Premierenpublikums. Aber ich kann mir letztlich einen Hinweis nicht verkneifen: Dass man auch in unserer Zeit dieses Stück mit heutigen Bühnenmitteln durchaus glaubhaft, märchenhaft und stimmungsvoll auf die Bühne bringen kann, hatten die erfahrenen Opernprofis Christian Pöppelreiter und Hanna Wartenegg in Graz vor vier Jahren in ihrer Produktion mit Studierenden (übrigens mit der heutigen wunderbaren Gretel Sieglinde Feldhofer als Sandmännchen!) eindrucksvoll bewiesen:

Fotos der damaligen Produktion und Pressestimmen finden Sie unter http://musiktheater.kug.ac.at/ Dieser Konkurrenz hatte sich die Neuinszenierung gestellt – nicht mit Erfolg, wie ich aus so manchen Publikumsstimmen gehört habe...

Hermann Becke                                       

 

 

MANON LESCAUT

Premiere: 6.10.2012,                       Besuchte Vorstellung: 30.11.2012

Herheim-Produktion im Alltag mit neuen Protagonisten

 Im deutschen Edelfeuilleton (FAZ, Die Welt) hatte die Grazer Eröffnungspremiere ein ausgezeichnetes Echo – mein vom Konzept Stefan Herheims nur mäßig begeisterter Premierenbericht ist im OF nachzulesen. Bei derart ausgeklügelten Inszenierungen ist es immer interessant zu beobachten, wie sie sich vor dem Alltagspublikum bewähren. Diesmal ist der nochmalige Besuch zusätzlich auch deshalb interessant, weil es für die letzten Auffüh-rungen der Grazer Serie (die Inszenierung übersiedelt dann nach Dresden) nicht nur einen neuen Dirigenten, sondern auch ein neues Protagonisten- paar gab. Die allseits gelobte Premierenbesetzung Manon/des Grieux singt derzeit an anderen Häusern Puccini: Gal James ist in Valencia Mimi und Gaston Rivero ist Rodolfo in Leipzig.Durch das neue Bühnenpaar entstand tatsächlich eine ganz andere Gewichtung – anstelle von jugendlicher Unbefangenheit trat dramatische Schwere.

Die Sopranistin Katrin Kapplusch  ist ab 2013/2014 am Aalto Theater in Essen engagiert, wo Rollendebuts als Lady Macbeth, Leonore ("Fidelio"), Ariadne und Kostelnička ("Jenůfa") geplant sind. Schon aus dieser Ankün-digung war zu entnehmen, dass sie als Manon Lescaut nicht das 15-jährige Mädchen aus der Textvorlage von Abbé Prévost sein würde. Kapplusch überzeugt vor allem im 4.Akt – hier entspricht sie dem, was Puccini gewollt hatte: „Massenet fasste Manon auf wie ein Franzose: mit Puder und Menuetten. Ich werde sie so auffassen wie ein Italiener: mit verzweifelter Passion“. Und in dieser verzweifelten Passion war Kapplusch stimmlich und darstellerisch am Schluss eine überzeugende Puccini-Tragödin. Man hört ihre Erfahrung als Tosca-Darstellerin und versteht, dass die Turandot als eine ihrer nächsten Partien folgt. In den ersten Akten gestaltete sie die Partie mit damenhafter Eleganz – fast ein wenig an eine resignative Rosenkavalier-Marschallin erinnernd.Ihr Partner war Roy Cornelius Smith, der bereits internationale Erfolge auf großen Bühnen feierte, so z.B. an der Metropolitan Opera, der Deutschen Oper Berlin, der Lyric Opera of Chicago und der New Israeli Opera. Im Sommer 2011 gab er sein Debüt bei den Bregenzer Festspielen mit der Titelpartie in "Andrea Chénier". Derzeit ist er Ensemblemitglied in Mann- heim (Don Carlos, Cavaradossi, Riccardo und gerade zuletzt Dick Johnson). Smith beindruckte mit voluminöser Heldenstimme und mit metallisch-glänzenden Spitzentönen – dies allerdings in permanenter und undiffe-renzierter Einheitslautstärke. Lyrische Puccini-Bögen – und die gibt es in dieser Partie sehr wohl – fehlten leider. Im (fallweise doch versuchten….) Mezzaforte und Piano wirkte die Stimme fahl und seltsam ungestützt. Aber die dramatischen Spitzentöne machten offenbar beim Publikum Eindruck, sodass er am Schluss am meisten Beifall hatte. Auch darstellerisch war er eher der statische Held und so gar nicht der 17-jährige adelige Heißsporn des Abbé Prévost.

Neu war auch die Madrigalistin der blutjungen Xiaoyi Xu – sauber gesun- gen, wenn auch (noch) nicht mit der nötigen pastosen Breite. Wie bei der Premiere spielt und singt Wilfried Zelinka als Géronte den etwas blassen Lescaut von Javier Franco an die Wand. Sehr gute und scharf pointierte Chargen sind Taylan Reinhard und Konstantin Sfiris in mehreren kleinen Rollen. Als stummer Puccini, der immer wieder in die Handlung eingreift und dirigierend durch das Stück wandert, bewährt sich János Mischuretz. Nach der Premiere unter Michael Boder hat nun José Miguel Esandi die musikalische Leitung übernommen – solid, mit (manchmal zu) kräftigem Zugriff.

Auch beim zweiten Besuch der Herheim’schen Inszenierung bleibe ich – durchaus in Kenntnis der eingangs erwähnten Kritikerhymnen – dabei: für mich ist diesmal das Ganze viel zu intellektuell und mit zu wenig Theatergespür auf die Bühne gebracht. Zwar gibt es ein aufwändiges, sich ständig drehendes Bühnenbild und üppige Rokoko-Kostüme – aber für mich sind die Ideen allzu aufgesetzt, sie eröffnen keine neuen, dem Werk innewohnenden Perspektiven. Und vor allem: die Bildfülle und die ständige Hektik lässt keine der Musik entsprechende Beziehung zwischen dem Liebespaar entstehen. Das Alltagspublikum, darunter viele Halbwüchsige, wirkte im nur schütter besetzten Haus ratlos. Schon in der Pause sah man so manche ihre Mäntel in der Garderobe holen und am Schluss gab es nur kurzen, wenn auch durchaus freundlichen Applaus.

Hermann Becke

 

 

L'ELISIR D'AMORE

in grell-buntem Badeort

Premiere am 17.11.2012

Eine Produktion macht in Graz Zwischenstation

Sie hatte in Valencias Palau de les Arts im März 2011 ihre Premiere (mit Ramon Vargas und Erwin Schrott), wanderte dann im Juni 2012 nach Paler- mo und geht nach 17 Aufführungen in Graz weiter an das Teatro Real in Madrid. Die Inszenierung stammt von Damiano Michieletto, der nach seiner Salzburger Festspiel-Bohème gerade auf dem Wege zu einer inter-nationalen Spitzenkarriere ist: an der Mailänder Scala folgt der Ballo in Maschera und im Sommer 2013 wird er bei den Salzburger Festspielen Ver- dis Falstaff inszenieren. Nach Graz kam er nur zu den Schlussproben. Die Einstudierungsarbeit leistete für ihn seine Assistentin Eleonora Grava-gnola. Und das ist ihr mit einem ausgezeichnetem Ensemble hervorragend gelungen. Dabei gab es zum Schluss noch eine ernsthafte Hürde: Vor Beginn der Vorstellung trat die Intendantin Elisabeth Sobotka vor den Vorhang und verkündete eine schlechte und eine gute Nachricht:

Die junge persische Sopranistin Nazanin Ezazi hatte sechs Wochen mit vollem Einsatz die Adina geprobt und auch noch die Generalprobe erfolg- reich gesungen). Am Vormittag der Premiere wurde sie von einem Infekt befallen und musste absagen. Und nun die gute Nachricht: Das Ensemble-mitglied Margareta Klobucar übernahm um vier Uhr nachmittags  und nach einer Traviata am Vortag  die Adina und rettete die Premiere. Klobucar hatte schon vor zehn Jahren als blutjunge Anfängerin in Graz die Gianetta und (nach Alexandra Reinprecht) auch die Adina gesungen. Hier ein Bild aus der Produktion des Jahres 2002: Die damalige – recht biedere, um nicht zu sagen langweilige – Produktion beließ das Stück dort, wo es vom Librettisten ursprünglich vorgesehen war – nämlich in dörflichem Umfeld des 19.Jahrhunderts. Man sieht es auf dem damaligen Foto sehr gut.

Michieletto und sein Ausstattungsteam mit Paolo Fantin (Bühne),Kostüme (Silvia Ayomino, in Graz durch Barbara Häusl und Vera Perantoni Giua unterstützt)  und Alessandro Carletti (Licht) verlegten die Geschichte an einen belebten Badestrand unserer Zeit, wo Adina eine Bar betreibt. Nemorino ist der ein wenig unglückselige Bademeister, der die Dusche reinigt, die Papierkörbe ausleert, die Liegestühle ordnet und die Luftmatrat- zen für die Kinder aufbläst. Belcore ist ein eben ans Land gegangener Matrose, der so viele Mädchen wie möglich treffen will und Dulcamara fährt mit dem Auto samt Werbedamen auf die Bühne als ein Vertreter von „Energy Drinks“, der nicht nur seine Dosen vertreibt, sondern zusätzlich mit Päckchen „illegaler Substanzen“ handelt.Adina ist eine erfolgreiche Unternehmerin, die die sie umgebenden naiven Männer manipuliert. Klobucars Spiel trifft diesen leicht hochmütigen Frauen-charakter, der letztlich dem Charme des unbeholfenen Nemorino erliegt, hervorragend – eine wunderbare Weiterentwicklung gegenüber der recht hausbackenen Sichtweise der zehn Jahre zurückliegenden Premiere. Sie überzeugt aber nicht nur im Spiel, sondern auch durch eine souveräne stimmliche Gestaltung in allen Facetten, die in dieser Partie liegen – eine exzellente Gesamtleistung nicht nur unter dem Gesichtspunkt, des kurz- fristigen Einspringens. Zu Recht betonte die Intendantin, sie sei stolz, solche Künstler im Grazer Ensemble zu haben – und zu Recht jubelte das Publikum.

Aber auch die drei männlichen Partien waren ausgezeichnet mit einem jungen Team besetzt – alle drei debutierten in ihren Rollen: Wilfried Zelinka hat im Dulcamara eine ideale Rolle gefunden. Sein schön timbrierter Bass tendiert immer mehr zum Bassbariton und so bewältigte er die heikle Lage dieser Partie mit Bravour. Die Stimme ist im Volumen gewachsen, sodass er nicht mehr unnötig forcieren muss. Noch dazu ist Zelinka (wie immer) ein sehr guter Schauspieler, der in dieser Rolle das richtige Gleichgewicht zwischen aufgeblasener Eitelkeit, hintergründiger Bosheit und charmanter Glattheit eines Showmasters findet. Graz freute sich, dass Antonio Poli (26 Jahre jung!) nach seinem glanzvollem Debut als Mozarts Don Ottavio vor zwei Jahren hier wieder mit einer neuen Rolle zu erleben war. Den Nemorino wird er demnächst auch in Madrid und in Berlin singen und man muss kein besonderer Prophet sein, um ihm eine große internationale Karriere vorherzusagen. Die warme (gar nicht „weiße“!) Stimme ist in allen Lagen ausgewogen, wird nie forciert und wird in bester Belcanto-Manier geführt. Dazu ist er ein charmanter und uneitler Darsteller. Die Szenen zwischen Dulcamara und Nemorino waren ein Hochgenuss!

Das männliche Trio komplettierte der 28-jährige Andrè Schuen - ein ladinischer Südtiroler mit begnadetem, dunkel timbriertem (Bass)Bariton, der (nach dem Jeletzki in Pique Dame) in seiner zweiten großen Rolle in Graz neuerlich für begeisterten Beifall sorgte. Mit seiner kernigen, in allen Lagen ausgezeichnet sitzenden Stimme war er ein prächtiger Belcore, der mit gehöriger Selbstverleugnung eine überzeugende Figur auf die Bühne stellte. Auch ihm kann man zweifellos eine schöne Karriere prophezeien.

Die blutjunge Tatjana Miyus als Gianetta ergänzte das glänzende Solisten- team mit einer stimmlich sauberen, in der Aktion oft gar zu hektisch-aktiven Leistung. Dazu kam der Opernchor (Leitung: Bernhard Schneider) mit klangschöner Präzision und besonderer Spielfreude. Das Grazer Philhar- monische Orchester spielte unter der Leitung von José Miguel Esandi spannungsreich und garantierte Italianità und Brio. Und so war ein rundum gelungener Abend gesichert. Die Inszenierung hatte das Stück völlig überzeugend und mit grellem Schwung in unsere Zeit verlegt, ohne dabei auf die Musik zu vergessen. Wunderbar gelang es ihr auch, die lyrischen Momente der Partitur zur Geltung zu bringen – da hielt das Treiben inne und der jeweilige Solist stand im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Also: Was kann sich der Opernfreund Schöneres wünschen als eine zeitgemäße szenische Umsetzung mit Respekt für die Musik und ein exzellentes Solistenteam. Das ist mit dieser Produktion der Grazer Oper hervorragend gelungen. Daher die dringende Empfehlung: Unbedingt hingehen und schauen und hören!

Hermann Becke

 

 

 

FAME

25.10.2012

lives forever....

Alan Parkers Film „Fame – der Weg zum Ruhm“ aus dem Jahre 1980 ist die Grundlage des Musicals, das 1988 in Miami uraufgeführt und seither in rund 25 Ländern, darunter auch mehrfach in Deutschland und Österreich, erfolgreich nachgespielt wurde. Nun ist es erstmals in Graz in einer Serie von 25 Aufführungen zu erleben – die Dialoge auf deutsch, die Songs in englischer Sprache . Die Premiere war ein eindeutiger Publikumserfolg und es ist wohl anzunehmen und zu wünschen, dass die Produktion in den folgenden Aufführungen ein volles Haus finden wird – bei der Premiere waren überraschend viele Plätze frei.Intendantin Elisabeth Sobotka hat das Ensemble klug zusammengestellt – praktisch alle der erfrischend jungen Truppe geben ihr Rollendebut. Dazu kamen als erfahrene Koordinatoren Ricarda Regina Ludigkeit (Inszenierung & Choreographie) und Hans Kudlich (Bühnenbild), die das Stück schon vor über sieben Jahren auf die Bühne von Gelsenkirchen gebracht hatten.

Dazu ein Zitat aus der damaligen Besprechung von Peter Bilsing:

„FAME ist ein Musical über junge Menschen und deren zwischenmenschliche Beziehungen, über Herz, Schmerz & Liebe, aber auch über Freundschaft und Intrigen. Erzählt wird in kaleidoskopartigen Bildern der harte Ausbildungs-Weg angehender Theater-Talente; quasi episodenhaft wird gezeigt, wie junge Künstler an der „Highschool of Performing“ (die gibt es interessanter Weise tatsächlich – nennt sich jedoch heute nach dem Filmtitel) über die Dauer von 4 Jahren sich dem knochenharten Training und der strengen Alltags-Pädagogik ihrer Lehrer unterwerfen müssen. Ohne Fleiss & Schweiß kein Preis ! Motivationsfaktor aller ist der Traum vom ewigen Ruhm:

„Fame ! I´m gonna live forever. I´m gonna learn how to fly"

Nach den Fotos zu schließen, orientiert sich die Grazer Produktion weitgehend an dem Gelsenkirchen-Konzept aus dem Jahre 2005 - und es ist uneingeschränkt zu bestätigen, was damals berichtet wurde: “…..das grandiose Bühnenbild von Hans Kudlich, ein raffiniertes Treppen-ambiente, welches ausreichend Raum und Bewegungsflächen für die unzäh- ligen Auf- und Abblendungen in die diversen Spielebenen bietet, die Regisseurin (+ Choreographin !) Ricarda Regina Ludigkeit noch spannender und lockerer als im altbekannten Film erzählt….“

Aber es gibt diesmal eine wesentliche Änderung gegenüber allen früheren Aufführungen – und damit gleichsam eine musikalische Uraufführung:Über Ersuchen der Grazer Oper hatte der musikalische Leiter Jeff Frohner eine Fassung für großes Orchester erstellt, die in Graz das erste Mal erklungen ist. Im Orchestergraben saß daher nicht nur eine neunköpfige Band (Drums, E-Bass, Gitarre und Keyboard), sondern auch das Grazer Philharmonische Orchester in voller Besetzung. Und dieses Konzept war der einzige Schwachpunkt einer insgesamt ausgezeichneten jugendlich-schwungvollen Produktion.Das Orchester spielte zwar animiert und präzis, der volle Orchesterklang war aber einfach zu dick für die Stimmen auf der Bühne. Dem Sounddesign und der elektroakustischen Einrichtung gelang es nicht, die richtige Balance zwischen Orchester und Stimmen herzustellen. Mit einem Wort: das Orche- ster war schlichtweg zu laut – ob man nun im Parterre oder auf der Galerie saß. Möge man die Erfahrungen der Premiere nutzen und in den folgenden Aufführungen das Orchester „zurückdrehen“, damit die Stimmen „durchkommen“ und den Text besser vermitteln können.

Das rund dreißigköpfige Ensemble – in phantasievollen Kostümen von Bettina Breitenecker - bestand einerseits aus der ambitionierten Tanzkom- panie der Oper Graz und andererseits aus Solistinnen und Solisten, die alle schon etliche Musical-Erfahrung aufweisen. Wenn man im Programmheft die Lebensläufe liest, stellt man erfreut fest, dass da in den letzten 10 bis 20 Jahren ein erfreulicher Qualitätsschritt in der Ausbildung gelungen ist. Tanzen, Singen, Sprechen und Agieren ist bei den jungen Leuten wirklich zu einer schönen und selbstverständlichen Einheit zusammengewachsen. Die Damen schienen mir insgesamt in ihrer Gestaltungskraft noch profilierter als die Herren.

An der Spitze des Lehrerteams stand mit überzeugender Bühnenpräsenz Dagmar Hellberg – mit differenzierter Stimme und ausgezeichneter Artikulation ihre reiche Musical-Erprobtheit nutzend. Katja Reichert als Tanzlehrerin ist mit Erfolg und Charme von ihren jugendlichen Rollen (in schöner Erinnerung ihre Maria in der Grazer West Side Story) ins „Zwischenfach“ gewechselt.Aus der bunten Schar der Studierenden ragten Nina Weiß, Miriam Mayr, Susanne Seimel und Katharina Lochmann (auch durchaus eindrucksvoll auf der Geige) mit klug voneinander abgesetzten Charakteren heraus. Sie überzeugten auch durch Wortdeutlichkeit in den Dialogen. Die bezaubernd aussehende Brasilianerin Myrthes Monteiro war in durchaus passender Schablonenhaftigkeit die tragisch endende Carmen.

Unter den Herren stach Otto Jaus als stimmlich sichere und darstellerisch berührende Figur hervor. Hannes Muik war der bieder-brave Nick – beide mit guter Textartikulation. Diese fehlte leider den sympathischen Außensei- tern Maickel Leijenhorst und Kevin Perry – letzterer mit einer beeindruk-kenden Stepeinlage.Erfreulich die Geschlossenheit des gesamten Tanz-und Singensembles – da gab es keinen schwachen Punkt!

Am Schluß gab es lautstarken Applaus für das gesamte Team –- „Fame“ wird zweifellos zu einer positiven Auslastungstatistik in dieser Saison beitragen. Graz hat mit dieser Musical–Produktion ein Werk auf dem Spielplan, das ohne übertriebenen technischen Aufwand vor allem durch die Begeisterung aller Ausführenden überzeugt und das allen Musiktheater-interessierten zu empfehlen ist – auch jenen, die eigentlich immer nur Oper sehen wollen…. Lassen Sie sich positiv überraschen – es lohnt sich!

Hermann Becke                                          

 

 

 

 

 

Wiederaufnahme von Konwitschnys

LA TRAVIATA

großes Musiktheater!

11.10.2012

Konwitschnys Traviata-Deutung hatte im Jänner 2011 ihre umjubelte Premiere in Graz, man konnte sie seither im Fernsehen erleben, es gibt sie auf DVD, sie war ebenso umjubelt in Nürnberg und wird ab Februar 2013 in London zu sehen sein – es gibt eine ausführliche Dokumentation der internationalen Pressestimmen. Warum also darüber neuerlich berichten ??Der nochmalige Besuch hat eindrucksvoll bewiesen, was jeder Opernfreund weiß: Gültiges modernes Musiktheater hat seine wahre Stärke im Moment der Aufführung. Die Grazer Oper hat daher völlig zurecht die Produktion wieder aufgenommen: gerade mit einer teilweise neuen Besetzung erweist sich das Konwitschny-Konzept als überzeugender Wurf. Das Stück konzentriert sich auf die Titelfigur – auf „die vom Weg Abgekommene“, wie Konwitschny schreibt.

Glaubte man in der Premierenbesetzung, dass das Konzept ganz auf die wunderbare kapriziös-zerbrechliche Marlis Petersen zugeschnitten und von ihr getragen ist, so erlebte man nun, dass Margareta Klobucar das Stück genauso erfüllt und dabei eine ganz andere, viel „erdigere“ Violetta auf die Bühne stellt. Hatte man im ersten Aufzug noch den Eindruck, dass Klobucar an diesem Abend stimmlich nicht ganz disponiert sei, so stellte man am Ende fest, dass das geradezu als Bestandteil ihrer Interpretation gesehen werden kann: ihre Violetta gehört nicht in die genußsüchtige Ballgesell-schaft, sondern ist eine berührend-einsame Figur, die ihre vokalen Stärken in den wunderbaren lyrischen Phrasen zeigt. Jedenfalls eine bedeutende Leistung, die durchaus gleichberechtigt neben der von Marlis Petersen besteht.

Ihr Alfredo war (die Premierenbesetzung) Giuseppe Varano, der wiederum bestes italienisches Stilgefühl ohne Eitelkeit bot. Als Girogio Germont debutierte der junge Slowake Ales Jenis, für den diese Rolle wohl zu früh kommt. Es fehlt ihm mit seinen 35 Jahren ganz einfach das darstellerische und stimmliche Gewicht, um diese Partie zu erfüllen. Die schön-timbrierte Stimme ist sauber geführt und wird nie forciert – das ist positiv. Aber den „vecchio genitore“ kann er nicht vermitteln.

Einen äußerst erfreulichen Einstand am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters feierte der junge Venezulaner Domingo Hindoyan. Gerade die verknappende und ohne Pause ablaufende Inszenierung verlangt vom Orchester eine nie nachlassende Spannung – und diese gelang an diesem Abend hervorragend. Hindoyan ging auch ideal auf die Stimmen ein – (fast) alle Rubati waren in idealer Balance zwischen Bühne und Orchester und das praktisch ausverkaufte Haus erlebte federnden Verdi-Klang mit einer Reihe schöner Instrumentalsoli ( Klarinette, Oboe). Nach diesem ersten Eindruck: dieser junge Dirgent wird seinen Weg machen!

Alle Nebenrollen waren gut besetzt, der Chor war geradezu schneidend präsent – damit erwies sich: Konwitschny hat einen eindrucksvollen Rahmen für aktuelles Musiktheater geliefert - unbedingt anschauen !

Hermann Becke

 

 

 

Stefan Herheims

MANON LESCAUT

Saisoneröffnung in der Oper Graz am 6.10.2012

Nein, es war nicht Herheims Manon Lescaut – es war der Abend der Gal James!

Als die israelische Sopranistin im Jahre 2007 unter Barenboims Leitung an der Berliner Staatsoper in der kleinen Rolle der Javotte neben Netrebko und Villazon in Massenets „Manon“ ihr Bühnedebut hatte, war nicht abzusehen, wohin sie ihr Weg führen wird. Dann ging es aber sehr schnell: nach dem Berliner Opernstudio und einem ersten Engagement in St.Gallen ist sie seit 2009 in Graz engagiert und hat sich hier nach ihrer noch etwas zwiespäl-

tigen Meistersinger-Eva in vielen Rollen des ersten Fachs ( Contessa im Figaro, Donna Anna, Marguerite, Desdemona, Chrysothemis) äußerst erfreulich weiter entwickelt. Die Manon Lescaut war wohl ihre bisher geschlossenste und durchaus internationalen Ansprüchen genügende Leistung. Da stimmte alles: in wunderschönen Kostümen und mit (vor allem im 3.und 4.Akt) bewegendem Spiel ließ sie ihre Stimme frei strömen ohne je zu forcieren – das war wunderbare Puccini-Kantilene.

Stefan Herheim präsentiert nach Carmen und Rusalka seine dritte Insze- nierung in Graz – diesmal in Koproduktion mit der Semperoper Dresden, wo seine Interpretation ab März 2013 zu sehen sein wird. Herheim erarbeitete seine Sichtweise der Puccini-Oper mit dem vertrauten Team Heike Scheel (Bühne), Gesine Völlm (Kostüme) und Alexander Meier-Dörzenbach (Drama- turgie). Und diesmal scheint mir in dieser Teamarbeit der intellektuell-theoretische Werkzugang zu Lasten des genuin Theatralisch-Komödiantischen allzu sehr zu dominieren. In Interviews, Einführungsveranstaltungen und im Programmheft gab und gibt es durchaus interessante Gedanken, aber auf der Bühne wirkt doch alles allzu künstlich und aufgesetzt. Wie zu erwarten, wird das Werk verändert – drei markante Eingriffe werden vorgenommen:

-  Puccini tritt leibhaftig auf und wandert mit Notenblättern durch das ganze Stück, teilweise vor sich hin dirigierend, am Ende Manon umarmend

-  Des Grieux trägt offenbar den Roman von Abbé Prévost mit sich, blättert darin und lässt auch die anderen Akteure darin lesen

-   Die Bühne wird von Modellen der Freiheitsstatue dominiert (das weibliche Denkmal wurde als Geschenk von Frankreich nach Amerika verschifft – aha: auch Manon wird per Schiff aus Frankreich nach Amerika gebracht…)

Diese drei Elemente der Inszenierung sind zwar in allen Begleittexten klug begründet, bringen aber für die theatralische Aktion nichts - stattdessen nur ständige Unruhe und Ablenkung von der Beziehung Manon/ Des Grieux. Dazu kommt, dass die beiden ersten Akte ganz bewußt karikierend gestaltet werden, alle sind marionettenhafte Kunstfiguren, die das Publikum nicht anrühren. Erst im dritten und vierten Akt vertraut das Inszenierungsteam den menschlichen Emotionen, die Puccini vertont hat. Aber auch da wird nicht die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren sichtbar – Des Grieux wendet sich der Freiheitsstatue zu und Manon hält sich an die Puccini-Figur, bevor sie „verendet“ (so der Ausdruck des Dramaturgen im Programmheft).

Erfreulicherweise gelingt die musikalische Umsetzung auf hohem Niveau. Das Ensemble wird durch die schon eingangs gewürdigte Manon von Gal James angeführt. Ihr Des Grieux ist der argentinische US-Tenor Gaston Rivero, der sich nach einem verwackelten Beginn (vor allem in den lyrischen Passagen) zu einer recht guten Leistung steigert. Seine dramatischen Ausbrüche mit sicheren metallischen Höhen beeindrucken dann durchaus. Javier Franco ist ein solider Lescaut . Unter den Nebenrollen sticht die stimmliche Luxusbesetzung der Madrigalistin mit Dshamilja Kaiser hervor.

Wilfried Zelinka als Geronte und später Sergeant, Taylan Reinhard als Edmondo,Tanzmeister und Laternenanzünder sowie Konstantin Sfiris (Wirt und Kommandant) demonstrieren das gute Niveau des Grazer Ensembles und liefern die von Herheim gewünschten schablonenhaften Figuren. Der stimmkräftige (diesmal nicht immer ganz präzise) Chor (Leitung: Bernhard Schneider) komplettiert.

Am Pult steht – erstmals in Graz bei einer Premiere – der sehr erfahrene Michael Boder (seit heuer Chef in Kopenhagen). Das Orchester spielt unter ihm konzentriert und mit sehr schönen großen Puccini-Phrasen. Musikalisch war also eine gediegene Aufführung gesichert – schade, dass diesmal die szenische Umsetzung allzu intellektuell-gewollt wirkte - und damit letztlich ohne das von Herheim gewohnte theatralische Feuer blieb. Am Ende einhelliger Beifall – James und Rivero wurden am meisten gefeiert.

Hermann Becke

 

 

 

DER MANN VON LA MANCHA

15.7.2012

Dernière einer hervorragenden Musicalproduktion auf dem Grazer Schloßberg

Die Eindrücke der Generalprobe (siehe den vorangegangenen Bericht) haben sich bestätigt – der Oper Graz ist mit dieser Produktion ein eindeutiger und verdienter Erfolg bei Publikum und Presse gelungen! Das „Theater der Schloßbergkasematten“ (so die offizielle Bezeichnung bei der Eröffnung vor genau 75 Jahren) ist eine Spielstätte mit großer Tradition. Es gab hier denkwürdige Aufführungen vor allem von „Salome“ und immer wieder von „Fidelio“. Die große Martha Mödl sang hier gemeinsam mit Anton Dermota und lobte den Aufführungsort als besonders geeignet und stimmungsvoll.

Natürlich ist eine Freiluftbühne wetterabhängig – also baute man vor 25 Jahren ein Schiebedach darüber. Aber großes Musiktheater wurde leider immer seltener. Das Schloßbergtheater wurde in der letzten Zeit primär für Pop-, Jazz- oder Gesellschafts“events“ genutzt.Intendantin Elisabeth Sobotka ist es sehr zu danken, daß die Kasemattenbühne wieder für eine professionelle Musiktheaterproduktion genutzt wurde, wenn dies auch mit einem beträchtlichem technischen und organisatorischen Aufwand verbunden ist.

Vor 75 Jahren hieß es im festlichen Programm, die Schloßbergbühne würde nur Werke bringen, die mit dem naturgegebenen Schauplatz „so verwachsen scheinen, daß das Theater nahezu Wirklichkeit wird“. Der Regisseur Josef Ernst Köpplinger hat diesen Gedanken in zeitgemäßer Form aufgegriffen und schreibt mit seiner „Co-Regisseuse“ Nicole Claudia Weber im Programheft: „Es ist ein Geschenk, diese wundervolle Geschichte vom Mann von La Mancha in dem einzigartigen Ambiente der alten Gemäuer der Kasematten unter freiem Himmel erzählen zu dürfen“.

Daniel Prohaska ist ein jungenhafter Diener Sancha mit ausgezeichneter Körpersprache – wunderbar z.B. sein Sitzen auf dem Esel als Kontrast zur stolzen Reithaltung Don Quijotes. Auch er ist erfreulich wortdeutlich. Im Mittelpunkt des Publikumsjubels stand Erwin Windegger als berührender Don Quijote.Windegger wandelt sich überzeugend vom aktiven Cervantes zum Ritter von der traurigen Gestalt, besticht durch Wortdeutlichkeit sowohl im gesprochenen Text als auch im Gesang und vermittelt die ideale Balance zwischen Realität und seiner Vorstellungswelt der ritterlichen Ideale. Aber auch in den Kampfszenen gelingt ihm eine besondere Ausgewogenheit zwischen perfekter Choreographie (für die Boris Nebyla sehr zu danken ist!) und Spontaneität.Carin Filipcic ist eine derbe Aldonza und wächst am Sterbebett von Don Qujote zu einer anrührenden Dulcinea.  

Die beiden gehören zu einer erprobten Gruppe von ausgezeichneten Musicaldarstellern, die Josef Ernst Köpplinger wiederholt in seinen Produktionen versammelt. Junge Mitglieder des Grazer Opernensembles ergänzen diese „Kerntruppe“ sehr gut – stimmlich ragt der erst 28-jährige André Schuen heraus (man kann sich auf seinen Belcore und Ford im nächsten Jahr freuen!). Aber auch Martin Fournier überzeugt stimmlich und darstellerisch als Padre. Michael Brandstätter leitet das kleine Instrumentalensemble schwungvoll und hat offenbar ausgezeichnete Probenarbeit geleistet: trotz turbulenter Bühnenaktionen bleibt der musikalische Gesamtzusammenhalt immer gewahrt!

Im übrigen kann ich mich ganz dem Bericht über die Generalprobe anschließen. Bleibt zum Schluß nur der ausdrückliche Wunsch an die Intendanz: Möge die Schloßbergbühne wieder vermehrt genutzt werden!

Hermann Becke

 

 

DER MANN VON LA MANCHA

Premiere am 24.6., besucht wurde die Generalprobe am 23.6.

Nicht auf der Guckkastenbühne des altehrwürdigen Fellner- und Helmerhauses am Kaiser-Josef-Platz 10 in Graz, sondern unter freiem Himmel im alten Gemäuer der Schlossbergbühne Kasematten wurde dieses Musical von Dale Wasserman (1914-2008) mit den Liedtexten von Joe Darion (1917-2001) und der Musik von Mitch Leigh (1928*) spannend und zugleich ironisch in Szene gesetzt.

Die Uraufführung des Man of La Mancha fand am 22. November 1965 am ANTA Washington Square Theatre in Greenwich Village, New York (Quelle: Internet Broadway Datebase IBDB), statt. Im Theater an der Wien erfolgte dann am 4. Januar 1968 die deutschsprachige Erstaufführung in der Fassung von Robert Gilbert (1899-1978) mit Josef Meinrad (1913-96) in der Titelrolle, Fritz Muliar (1919-2009) als Sancho Panza und der unvergesslichen Blanche Aubry (1921-86) als Aldonza. Josef Meinrad übernahm die Partie dann auch bei der Wiederaufnahme 1978, ihm zur Seite dieses Mal Dagmar „Daggi“ Koller in einer ihrer besten Rollen und Heinz Petters. 1996 folgte dann eine Neuinszenierung dieses mit insgesamt fünf Tony Awards ausgezeichneten Musicals an der Wiener Volksoper mit Karlheinz Hackl in der Titelrolle, Robert Meyer als Sancho Panza und wiederum Dagmar Koller als berührende Aldonza.

Joseph „Sepp“ Ernst Köpplinger, der ab der Saison 2012/13 die Intendanz des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München übernimmt, und dem man hierzulande exemplarische Inszenierung von Sweeney Todd, Ariadne auf Naxos, der Evangelimann und die Wiederentdeckung von Cherubinis Kougourgi, um nur einige wenige zu nennen, verdankt, wählte gemeinsam mit Nicole Claudia Weber für seine Interpretation das Ambiente des Shakespeare Globe Theatres. Bühne und Kostüme stammen noch von dem am 20. April 2012 viel zu früh verstorbenen großen Ausstatter Rolf Langenfass, dem diese Aufführung auch in ehrenvollem Gedenken gewidmet ist. Der Bühnenraum hat einen quadratischen Grundriss mit stufenförmigen Aufgängen zu allen vier Seiten. Die Rahmenhandlung, wonach die spanische Inquisition den Dichter Miguel de Cervantes (1547-1616) ins Gefängnis wirft, verlegt das Regieduo zeitgemäß in ein Auffanglager für Asylwerber. Statt der Inquisition droht den Asylanten nun mehr die Inschubhaftnahme und Abschiebung. In dieser lebensbedrohlichen Situation stellt der Dichter nun einige Szenen aus seinem Romanmanuskript „Don Quixote“ dar und schlüpft selber in die Gestalt des alternden Edelmannes Alonso Quijana.

Der Auftritt schwarz uniformierter und Sturmmützen tragender Soldaten sowie die zu Beginn stattfindende „Bücherverbrennung“ machen klar, wir befinden uns in einem totalitären System. Herumstehende Koffer, in denen die Asylanten ihre Habseligkeiten vielleicht zusammengetragen haben, dienen dann im Verlauf der Handlung als Sitze und Podeste. Eine Leiter findet rasch drapiert Verwendung als Windmühle, zwei andere mit einer Querstange verbunden markieren das Kastell. Besonders humorvoll wurden die beiden Reittiere durch die Tänzer Pál Szepesi als das Pferd Don Quixotes und Caspar Hees als der Esel Sanchos, vorgeführt. Aber auch die Vergewaltigungsszene Aldonzas und der Überfall durch die Mauren wurden vom ehemaligen Solisten der Wiener Staatsoper Boris Nebyla stimmungsvoll choreographiert.

Der in Meran geborene Schauspieler und Sänger Erwin Windegger gab einen würdigen und äußerst textverständlichen Cervantes und Don Quixote ab. Dieser Ritter von der traurigen Gestalt trotzte gerade durch seine aufrechte Haltung allen Fahrnissen seines kurzen Bühnenlebens. Ihm zur Seite war Daniel Prohaska der mitfühlende Diener Sancho mit wohltimbriertem Tenor in der Kehle. Carin Filipčić, in Wien noch in guter Erinnerung als Mrs. van Hopper im Musical Rebecca, lief nach einigen Anlaufschwierigkeiten zu einer respektablen Leistung auf. Allerdings wirkte sie nicht sehr authentisch, da es ihr in der Umsetzung der Rolle doch an den feinen Zwischentönen fehlte.

Die Überraschung des Abends in gesanglicher Hinsicht war der junge südtiroler Bariton Andrè Schuen als Barbier. Mit einer sonoren ausdrucksstarken und gehaltvollen Tiefe empfahl er sich schon jetzt für die großen Opernpartien seines Faches. Als Gouverneur und Gastwirt gab es ein Wiedersehen mit Roger Murbach, einer der großen Stützen des Volkstheaters. Seine Stimme ist unverkennbar und ebenso sein Spiel und es ist jedes Mal eine große Freude seine Auftritte vom Zuschauerraum aus gebannt verfolgen zu dürfen.

Rollengerecht agierten Martin Fournier als Padre, Frank Berg als Herzog und Dr. Carrasco, Nazanin Ezazi als Antonia, Fran Lubahn als Haushälterin, Uschi Plautz als Maria, die kubanische Tänzerin Kenia Bernal Gonzales als Maurin sowie Katherina Lochmann als Dienstmädchen Femina. Michael Duregger als Hauptmann hörte sich an diesem Abend etwas verquollen an. Hoffentlich legt sich das in den Folgevorstellungen. Stimmlich und darstellerisch hervorragend waren die sechs Maultiertreiber Florian Peters/Pedro, Hannes Muik/José, Christoph Graf/Anselmo, Peter Neustifter/Tenorio, Maurice Klemm/Juan und Alexander Moitzi/Paco, die auch ihr tänzerisches Können als Mauren eindrucksvoll unter Beweis stellten.

Für die musikalisch schwungvolle Umsetzung sorgte Michael Brandstätter am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters. Er wird in der kommenden Saison als erster Kapellmeister an das Staatstheater am Gärtnerplatz im München wechseln.

Verdienter Applaus für alle Beteiligten beendete einen äußerst kurzweiligen, spannenden Musicalabend, den es sich, schönes Wetter vorausgesetzt, lohnt, in einem Lokal in der Grazer Innenstadt ausklingen zu lassen.

Harald Lacina

 

 

CARMEN

16.6.2012

Die Grazer Saison 2006/07 eröffnete mit Stefan Herheims Carmen. Das Ergebnis war damals ein Publikumserfolg und eine sehr freundliche Presse – auch überregional.

Und nun fünfeinhalb Jahre später geschieht etwas, was im heutigen Opernbetrieb leider nur mehr ganz selten geworden ist: Eine erfolgreiche Inszenierung wird wieder auf den Spielplan gesetzt – die phantasievolle Ausstattung von Heike Scheele, mit der Herheim auf allen Bühnen zusammenarbeitet, wird aus dem Depot geholt. Für Carmen und Don Jose werden wie damals Kirstin Chavez und Jean-Pierre Furlan engagiert. Die szenische Wiederaufnahme übernimmt Christiane Lutz, die minutiös das in großen Teilen neue Ensemble in Herheims Konzept einführt. Und nun sitzt man wieder in Herheims Phantasiewelt und stellt etwas betroffen fest, daß sich der Zauber der Premiere nicht mehr so ganz einstellen will. Neuerlich erlebt man zwar erfreut die sinnenfreudige Kunstwelt, in der eine Museumsputzfrau plötzlich zur Carmen wird und ein komplexbehafteter Museumswärter sich in eine tragische Heldenfigur verwandelt.

Aber irgendwie fügen sich die einzelnen Teile (und Gags) nicht mehr so recht zu einem Ganzen. Vieles wirkt plötzlich allzu kopfig und gewollt und – zumindest im Vergleich zu meiner Erinnerung – ist das Lebendigwerden der Museumsbilder nicht mehr so fließend und märchenhaft wie dies fünf bis sechs Jahre davor war. Dennoch ist die Aufführung im ausverkauften Haus wiederum ein voller Publikumserfolg – und dieser wird primär von der elementaren Kirstin Chavez mit schön timbriertem, modulationsfähigem und im entscheidenden Moment auch durchschlagskräftigem Mezzo und der vor allem ab dem zweiten Akt überzeugenden Leistung von Jean-Pierre Furlan mit metallischem Tenor getragen. Beide spielen wahrhaft intensiv – besonders ihre große Szene im zweiten Akt ist modernes und spannendes Musiktheater. Da gibt es auch keine szenischen Ablenkungen, sondern präzise Personenführung.

Escamillo ist David McShane, der schon vor fünf Jahren als Zweitbesetzung eingesetzt war. Auch diesmal gilt das, was ich schon damals notierte: „zieht sich klug mit Eleganz aus der Affaire in einer Rolle, die außerhalb seines Faches liegt“. Gal James ist die neue Micaela. Wie in all den letzten Produktionen ist sie stimmlich auch diesmal durchaus erfreulich, aber eigentlich kann sie weder stilistisch noch als Figur die reine Naivität der Micaela vermitteln. Köstlich Ivan Orescanin und Taylan Reinhard als Transvestiten, sozusagen schmugglerische Grenzgänger. Frasquita und Mercedes waren mit den blutjungen Opernstudiomitgliedern Tatjana Miyus und Xiaoyi Xu sehr gut besetzt. Konstantin Sfiris war wie schon 2006 der dröhnende Zuniga.

Der groß besetzte Chor – im zweiten Bild statt in der Schenke in einem Museumsdepot, aus dem Kunstfiguren aus allen Epochen von Mona Lisa, Salome, Queen Elizabeth bis Marilyn Monroe und Andy Warhol hervorquellen – singt wie seit Jahren unter der Einstudierung von Bernhard Schneider klangschön und konzentriert. Optisch und stimmlich eindrucksvoll das bedrohliche Tableau im letzten Akt, das Don Jose in den Mord treibt.

Das Orchester wird (erstmals) vom jungen Marius Burkert schwungvoll geleitet. Im ersten Akt gab es zwar noch beträchtliche Schwankungen zwischen Bühne und Graben, dann konsolidierte sich alles und beispielweise das heikle Schmugglerquintett gelang sehr gut (vielleicht mehr geprobt als anderes ??). Im Orchester hörte man auch so manche schöne Solopassage – zum Beispiel die erste Föte.

Insgesamt bleibt der Eindruck einer lebendigen und sinnenfreudigen Musiktheaterproduktion – und vor allem auch die Ermunterung an die Opernleitung, öfter erfolgreiche Produktionen wieder auf den Spielplan zu bringen. Seit Jahren ist es ja für jeden Opernfreund ein Manko der durchaus respektablen und interessanten Grazer Spielpläne, daß pro Spielzeit nur fünf bis sieben verschiedene Opern gezeigt werden. Für ein Haus des Rangs von Graz ist das doch zu wenig!

Hermann Becke

 

 

 

MARIA STUARDA

Premiere am 30.3.2012

Vor fast 40 Jahren - im Oktober 1972 - hatte unter der Intendanz von Carl Nemeth in Graz die Wiederbelebung der großen Belcanto-Opern in Österreich begonnen. Der unvergessene Marcel Prawy schrieb über Carl Nemeth: „Als er mit „I Puritani“ (lange vor Bregenz!) eröffnete und mit „La Gioconda“ (lange vor Wien!) fortsetzte, war ihm vielleicht selbst nicht bewußt, daß er damit der weltweiten Renaissance der Belcanto-Oper endlich Österreich erschlossen hatte.“ Daran denke ich beim Besuch der Grazer Erstaufführung von „Maria Stuarda“ – einem Werk Donizettis, das in dieser Spielzeit bereits das Landestheater Linz herausgebracht hatte und dessen konzertante Aufführung im Tiroler Landestheater (auf der Bühne in Kostü- men!) zwei Wochen nach Graz bevorsteht - Belcanto-Oper also heute allerorts in Österreich.

Die Grazer Intendantin Elisabeth Sobotka macht heute genau das, was bereits Nemeth/Prawy vor 40 Jahren gesagt, ja gewagt hatten: Man brauche für die Belcanto-Oper eine gute Besetzung, aber keine „Parade von Welt- stars“. Und Graz hat heute tatsächlich eine sehr gute hauseigene Besetzung für die beiden Königinnen anzubieten. Der erste Akt gehört der Elisabeth von Dshamilja Kaiser. Die 30-jährige deutsche Mezzosopranistin hat vor drei Jahren ihr Engagement in Graz mit der Magdalene in den Meistersingern (eher unauffällig) angetreten.Schon damals interessierte sie sich für die großen Belcantorollen - siehe ihr Interview:

Und ihre Wünsche sind in Erfüllung gegangen. 2011 sang sie in „I capuleti e i Montecchi“ einen recht guten Romeo und ein Jahr später hat sie sich weiter höchst erfreulich gesteigert. Ihre Elisabeth überzeugt vollends und wurde vom Publikum stürmisch gefeiert. Kaiser hat ein reiches und bis zu den Spitzentönen ausgewogenes Mezzomaterial – zu Beginn registrierte man ein offenbar der Premierennervosität zuzuschreibendes allzu großes Vibrato, dann aber hörte man sehr schöne Belcanto-Phrasen. Einige (wirklich nur wenige) Male möchte man ihr raten, das Material nicht nur „ungebremst“ strömen zu lassen, sondern noch mehr auf den Stimmkern zu zentrieren. Aber insgesamt: eine große Leistung !

Margareta Klobucar ist die berührende Maria. Sie ist schon das elfte Jahr ein unverzichtbares und beliebtes Grazer Ensemblemitglied und auf ihrem Weg von Musetta, Adina, Zdenka, Susanna,Sophie, aber auch Lulu nun zu den großen Belcanto-Partien gelangt. Wenn auch zunächst in den dramatischen Ausbrüchen einige Spitzentöne nicht ganz die gewohnte Brillanz hatten, so überzeugte sie speziell im großen Finale mit sehr schönen, schwebenden Tönen und großer gestalterischer Intensität. Es gilt auch für sie: eine große rollenadäquate Leistung!

Roberto, Graf von Leicester ist der moldawisch-rumänische Tenor Iurie Ciobanu, der diese Partie bereits in Linz gesungen hatte. Er ist höhensicher und hat eine sehr helle, fast „weiße“ Stimme - für mich ehrlich gesagt doch eher eine verlässliche, aber nicht wirklich überzeugende Besetzung. David McShane als finsterer und polternder Lord Cecil und Wilfried Zelinka als wahrhaft belcantesker und nie forcierender Talbot ergänzen auf hohem Niveau. Kristina Antonie Fehrs als Anna ist bildschön, aber - nicht zuletzt durch ihre Positionierung auf der Bühne – leider kaum hörbar.

Der Chor unter Bernhard Schneider ist gewohnt verlässlich und klangschön. Das Grazer Philharmonische Orchester steht unter der Leitung von Gaetano d’Espinosa. Ihm gelang eine sehr frische und animierte Interpretation. Da klingt nichts beiläufig oder bloß routiniert. Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht liegen in einer einzigen Hand. Dem Trientiner Stefano Poda ist es wichtig, dadurch „die ästhetische Einheit seiner Arbeiten für das Musiktheater zu gewährleisten“. In seinem aufschlussreichen Beitrag im Programmheft betont er die szenischen Probleme der Gattung Oper: „Es wurden ihr zuerst die Usancen des Sprechtheaters auferlegt, dann die des Kinos und letztlich die eines konzeptorientierten Theaters, welches mit viel List einen Inhalt erklärt und ‚aktualisiert’.“ Und weiter: „Die Welt, in welche uns die Musik versetzt, ist nicht jene der herkömmlichen Gedanken. Dazwischen liegt ein Abgrund. Wie der Schlaf, so eröffnet uns die Musik, sobald sie uns in ein geheimnisvolles Chaos versenkt hat, bruchstückhafte Enthüllungen der Wahrheit.“

Aus diesen Gedanken heraus hat Stefano Poda eine szenische Lösung erarbeitet, die in düsteren, wunderbar ausgeleuchteten Bildern die Figuren in prachtvollen Kostümen sich im Zeitlupenthema bewegen lässt (durchaus anstrengend für die Interpreten!) – ein irrealer Raum (wohl eine Art Vorhölle mit dem Stuart-Sohn Jacob, Marias Geliebten, Leichen, Knochenhaufen und entpersonifizierten Gestalten), aus dem letztlich Maria durch die Hinrichtung erlöst aufsteigt. Das Ganze steht nie in einem Widerspruch zur Musik Donizettis, sondern überhöht sie gleichsam – eine wahrhaft eigenständige Inszenierung zwischen „Regietheater“ und musealer „Werktreue“, die mit uneingeschränkter Zustimmung des Publikums aufgenommen wurde. Man darf gespannt sein, wie Podas Konzept für die Tosca aussehen wird, die er im Mai in Klagenfurt auf die Bühne bringen wird!

Hermann Becke

 

 

  

ELEKTRA

im Repertoire

Vorstellung vom 21.3.2012

Es lohnt immer, eine Produktion nicht nur in der Premiere, sondern auch in einer Repertoire-Aufführung zu besuchen. Es ist sehr informativ, die Ent- wicklung der Protagonisten zu verfolgen, aber auch nochmals kritisch auf die Inszenierung (und die eigene Beurteilung) zu schauen. Hier geht es heute um die sechste Aufführung dieser Produktion der Oper Graz, fünf weitere folgen noch bis Mai – der Premierenbericht ist nachzu- lesen (und zwar durch einen Schreibfehler am 21.Februar. Tatsächlich war die Premiere am 21.Jänner 2012).

Die drei Protagonistinnen sind ausgezeichnet und der verdiente Mittelpunkt des Schlußapplauses im gut besuchten Haus. Iris Vermillion ist eine beklemmende Klytemnästra, die ihre Rolle geradezu bis zur Selbstaufgabe in dieser verzerrenden Inszenierung höchst eindrucksvoll gestaltet – mit gesunder, dunkelgefärbter Stimme und exzellenter Wortdeutlichkeit.

Gerade diese Wortdeutlichkeit fehlt der Elektra von Stephanie Friede schmerzlich – man hat den Eindruck, der Text ist gegenüber der Premiere noch mehr verwischt. Allerdings ist ihr Stimmpotenzial und ihre Klangfarbe optimal für die gewaltigen Strauss-Bögen geeignet. Ohne jegliche Ermüdung und auch ohne Forcierung ist sie ein stimmlicher Fels in dieser Aufführung. Bei Gal James ist es so wie zuletzt bei ihrer Desdemona in Verdis Otello: Hatte man in der Premiere noch den Eindruck, die Chrysothemis sei für sie eine Grenzpartie, so kann man jetzt erleben, daß sie sich die Partie stimmlich ganz zu eigen gemacht hat. Eine sehr schöne Leistung! Das Orchester unter Johannes Fritzsch war diesmal leider recht undifferenziert – es dominierte - im Gegensatz zur Premiere - ein Einheitsforte.

Bei dieser Aufführung saß ich auf der Galerie – und da gibt es gerade bei dem zuerst stumm im Parterre erscheinenden und in der Erkennungsszene vom Balkon aus singenden Orest des James Rutherford wesentliche Einwände: Für das Publikum auf der Galerie bleibt der Orest unsichtbar und ist auch akustisch schlecht wahrnehmbar. Also kurz und bündig: das ist eine unbrauchbare Lösung!

Was die Regie von Johannes Erath anlangt, bestätigt sich der Premiereneindruck: Eindimensional und Hofmannsthal/Strauss verzerrend – aber Irre auf der Bühne und reichlich Blut sorgen halt immer für einen vordergründigen Publikumseffekt. Die Tiefen diese Werkes können so nicht erschlossen werden. Die von der Dramaturgie geäußerte Intention - „Die Neuinszenie- rung von Strauss‘ „Elektra“ will die Rolle psychoanalytischer Ideen im Hintergrund des Werkes kritisch reflektieren, um dadurch das Archaische des Stoffes unverstellt erlebbar zu machen“ - geht wahrlich nicht auf! Das Gegenteil tritt ein: Die Irrenhausidee verstellt das Archaische des Stoffes!

Wegen der hervorragenden drei Hauptdarstellerinnen ist die aber Aufführung dennoch sehr zu empfehlen!

Hermann Becke

 

 

GIGI

2.3.2012

Dreimal „Walzertraum“ und neunmal „Gigi“ stehen zwei Elektra-Aufführungen und am letzten Tag des Monats die Premiere der „Maria Stuarda“ gegenüber. Sparen – und damit das Streben nach möglichst hohen Auslastungszahlen – ist auch an der Grazer Oper angesagt. Und mit der Neuproduktion von Gigi wird zweifellos in der nächsten Zeit eine optimale Auslastung gelingen – die Premiere war ein uneingeschränkter Erfolg!

Das Musical Gigi von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner basiert auf dem Film aus dem Jahre 1958 (9 Oscars!) und hatte seine Bühnenuraufführung 1973 in New York. Die deutschsprachige Erstaufführung folgte 1974 im Theater an der Wien. Die Wiederbelebung lohnt sich, wenn dies so gut gelingt wie diesmal in Graz. Die Grazer Intendantin hat seit ihrem Amtsantritt vor drei Jahren immer eine glückliche Hand bewiesen, wenn es um die Zusammenstellung der Sängerbesetzung geht, diesmal ist auch das Leading-Team ausgezeichnet.

Der Regisseur Matthias Davids hat mit seinem Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau (dem ältesten Sohn von Dietrich Fischer-Dieskau) und der Kostümbildnerin Judith Peter und dem Simon Eichberger (Choreographie) ein ideales Konzept realisiert – die sparsamen und vielfältig nutzbaren Dekorationen vor zauberhaften Projektionen sind ebenso wie die handelnden Personen ständig in beschwingter Bewegung, die Szenenwechsel sind hervorragend gelöst, die Kostüme sind prächtig, die Lichtgestaltung (Michael Grundner) stimmungsvoll – grossartig auch das kleine Ensemble, das eine Vielzahl von verschiedenen Nebenrollen verkörpert und gleichzeitig mit einer kleinen Schar ausgezeichneter Statisten den optischen und musikalischen Hintergrund für die fünf Hauptfiguren schafft. Und diese Hauptfiguren sind alle ausgezeichnet besetzt.

Der in die Jahre gekommene Bonvivant Honoré Lachaille ist Götz Zemann. Die großen Vorgänger in dieser Rolle sind Maurice Chevalier, Johannes Heesters und Michael Heltau. Zemann versucht gar nicht, diese weltberühmten Herren von Welt zu kopieren – er ist in seiner rustikal-bauernschlauen Art ganz anders und gewinnt damit das Publikum. Die Großmutter von Gigi gestaltet Uschi Plautz – auch sie restlos überzeugend. Berührend ihre Szene mit Götz Zemann „Ich erinnere mich sehr gut“ – die beiden Routiniers des Grazer Ensembles servieren hier einander die Pointen perfekt. Lotte Marquardt – sie steht seit über 40 Jahren als exzellente Schauspielerin auf bedeutenden Bühnen, vor den Fernsehkameras und Rundfunkmikrophonen – ist eine perfekt-distinguierte Tante Alicia. Und Guido Weber gelingt sehr gut die gar nicht leichte Aufgabe, den zuerst gelangweilten Snob und dann den überzeugend verliebten Gaston zu verkörpern. Alle vier treffen auch musikalisch und in der Artikulation den rechten Musical-bzw. Chansonton.

Aber was wäre das Ganze ohne eine ideale Titelfigur – und die Grazer Produktion hat auch diese!Vor nicht einmal vier Jahren habe ich Sieglinde Feldhofer in einer Produktion der Grazer Kunstuniversität als Sandmännchen in „Hänsel und Gretel“ gehört. Sehr erfreulich, wie sie sich weiterentwickelt und wieviele wichtige Rollen sie in dieser kurzen Zeit gesungen hat: unter anderem Barbarina, Papagena, Adele, Zerlina, aber auch die Stasi in Konwitschnys Csardas-fürstin, die Briefchristel (Vogelhändler) oder die Franzi im Walzertraum sowie die Hauptrolle in „Sound of Music“ (vielleicht ihr Durchbruch zum Grazer Publikumsliebling). In allen Rollen lieferte sie ein überzeugendes Rollenportrait – selbst in misslungenen Inszenierungen (z.B. in Eraths Don Giovanni).

Bei ihrer Gigi fällt – abgesehen von der reizenden darstellerischen Leistung – auf, dass sie musikalisch ihre Rolle anders anlegt als die vier anderen Hauptfiguren. Sie singt mit ihrem warmen natürlichen Sopran und versucht sich zurecht nicht in einer Chanson-Schablone. Es überzeugt, dass Gigi anders als die anderen ist und daher auch singt und nicht rezitiert.

Man kann gespannt erwarten, wie der weitere künstlerische Weg der erst 27-jährigen Feldhofer verlaufen wird!

Wenn Marius Burkert am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters steht, dann kann man sicher sein, immer eine werkgerechte und schwungvolle Interpretation zu hören – so war es auch diesmal. Man kann der Intendantin Elisbaeth Sobotka nur gratulieren:Graz kann sich glücklich schätzen, in zwei so unterschiedlichen Werken wie der Elektra von Richard Strauss und nun im Musical Gigi, die als Premieren innerhalb eines Monats aufeinander gefolgt sind, optimale musikalische Besetzungen und diesmal auch noch eine optimale szenische Realisierung geboten zu bekommen!

Hermann Becke

 

 
 

 

Ernst Krenek für Kinder

26. Jänner 2012

Die Grazer Oper nützt geschickt den Umstand, dass das Opernhaus durch die alljährliche Opernredoute einige Tage nicht bespielbar ist und erweist sich neuerlich als sehr ambitioniert in ihrem Angebot für Kinder und Jugendliche. Diesmal bietet sie in Zusammenarbeit mit dem Ernst-Krenek-Forum in Krems an den spielfreien Tagen auf der Probebühne im Ausweichquartier - einem ehemaligen Restaurantkomplex – eine szenische Collage unter dem Titel „Das ist doch der Gipfel!“:
Eine musikalische Entdeckungsreise auf den Spuren von Ernst Krenek für Kinder ab 8 Jahren. Dazu heisst es in der Ankündigung:  „Station Gasthof Alpenblick: Ernst Krenek, ein feiner Herr aus der Stadt, hat gerade in der Gaststube Platz genommen und schreibt wie wild Postkarten – oder doch Musik? Die Wirtin und ihr Oberkellner platzen vor Neugier und fragen sich: Wer ist wohl dieser stille, vornehme Mann, der anscheinend seine Reiseerlebnisse zu Musik werden lasst? Und wie klingt ein hoher Berg, prasselnder Regen oder ein rastloser Tourist? Nehmen wir also den alten, gelben Postautobus zum Gasthof Alpenblick und machen wir uns auf die Spurensuche nach dem Komponisten Ernst Krenek.“

Christiane Lutz, die einige Jahre Regieassistentin in Graz war und seit 2011/12 die Koordination des Kinderopernzeltes in der Wiener Staatsoper übernommen hat, stellt in einer knapp einstündigen Collage geschickt Ernst Krenek selbst auf die Bühne. Mit einigen wenigen Beispielen aus Kreneks „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“ , einer kurzen Passage aus „Jonny spielt auf“ und Volksmusik (sehr munter vorgetragen vom Studentenensemble „Federspiel“) gelingt es ihr, Schulklassen für das Komponieren, für Musik an sich und speziell für Ernst Krenek zu interessieren. Dass die Kinder animiert mitgehen, ist zweifellos auch der Medienbekanntheit von Julia Stemberger als Moderatorin, dem ausgezeichneten Pianisten Markus Appelt, der charmant mitagiert und dem Bariton Ivan Orescanin zu danken, der den jungen Ernst Krenek verkörpert und die Auszüge aus dem „Reisebuch“ mit klarer Artikulation interpretiert – übrigens in der Transposition, die sich seinerzeit der große Sänger und Komödiant Oskar Czerwenka herstellen ließ.

Eine vergnügliche, intelligent aufbereitete und umgesetzte Hinführung zum Werk Ernst Kreneks! Kleine Fußnote: In Österreich trägt man Bergschuhe und nicht „Bergstiefel“!!

Hermann Becke
 

 

 

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