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http://musikverein-graz.at/

Der Musikverein für Steiermark ist der zweitälteste Konzertveranstalter der Welt, der seit seiner Gründung Anfang des 19. Jahrhunderts ohne Unterbrechung tätig ist. In der Saison 2014/15 feiert der Musikverein sein 200-jähriges Bestehen. An dieser Stelle wird aus dem vielfältigen Konzertangebot regelmäßig über jene Veranstaltungen berichtet, die für den Opernfreund relevant sind.

 

 

THOMAS QUASTHOFF-FLORIAN BOESCH

Ein spannender Abend rund um Heinrich Heine

Stephaniensaal 13. 4. 2016

Der ursprünglich schon für März 2015 im Liederabend-Abonnement anberaumte und damals wegen einer Erkrankung abgesagte Heine-Abend wurde nun nachgeholt - ein Programm, das Thomas Quasthoff und Florian Boesch seit 2013 schon wiederholt auf Europas Konzertpodien präsentiert haben (u.a. Dortmund, Hannover, Wien, Berlin und zuletzt im Februar dieses Jahres in Hamburg und Amsterdam). In Graz hatte dieser Abend nun eine neue Facette: hatte sonst immer Justus Zeyen, der jahrelange Duo-Partner von Quasthoff, am Flügel begleitet (er war ursprünglich auch für Graz angekündigt), war es diesmal der junge Österreicher Christian Koch, der - offenbar recht kurzfristig - den Klavierpart übernommen hatte.

Eines vorweg: es war ein wunderbares Programm, das die Vielfalt von Sprache und Gesang am Beispiel von Heinrich Heine ideal zur Geltung brachte. Die Rollenaufteilung zwischen Rezitator und Sänger wurde von Anfang an klar:

Der Abend begann mit dem wunderschönen Gedicht Das ist der alte Märchenwald aus der Vorrede zur 3.Auflage zu Heines Buch der Lieder, dessen Entstehung bis in das Jahr 1822 zurückgeht und aus dem die meisten vertonten Heine-Texte stammen - ein Gedicht von Märchenwald, Nachtigall, Lindeblüte, Lieb und Liebesweh und der Vereinigung einer Wollust heischenden, lebendig gewordenen Sphinx. Diese Vorrede stammt aus dem Jahre 1839, als sich die Lähmungserscheinungen von Heines Nervenkrankheit schon deutlich zeigten. Heine schreibt zu diesem Märchenwald-Gedicht: O Phöbus Apollo! sind diese Verse schlecht, so wirst du mir gern verzeihen... Denn du bist ein allwissender Gott, und du weißt sehr gut, warum ich mich seit so vielen Jahren nicht mehr vorzugsweise mit Maß und Gleichklang der Wörter beschäftigen konnte... Du weißt, warum die Flamme, die einst in brillanten Feuerwerkspielen die Welt ergötzte, plötzlich zu weit ernsteren Bränden verwendet werden musste... Du weißt, warum sie jetzt in schweigender Glut mein Herz verzehrt...

Der Rezitator blickt zurück auf schmerzliche Liebesbegegnungen und Erlebnisse, die dann im darauffolgenden dreiteiligen kleinen Schumann-Zyklus Der arme Peter der Sänger in großer Verzweiflung geradezu selbstzerstörerisch ganz konkret durchlebt. Die einfachen eher im Volkston gehaltenen kurzen Lieder gewinnen durch diese Interpretation eine ganz andere Farbe, als man von ihnen gewohnt ist und wohl auch ein anderes Gewicht, als ihnen der Komponist selbst beigemessen hat. Der Sänger ist das von Emotionen geplagte Individuum - der Rezitator hat die Rolle des Zurückblickenden, des Berichtenden, der auch die romantische Ironie der Texte auskostet.

Und diese Rollenaufteilung zieht sich durch den ganzen Abend durch. Thomas Quasthoff ist der ungemein plastisch und in vielfältigen Farben artikulierende Rezitator - etwa im Gespräch auf der Paderborner Heide oder vor allem im 2. Teil mit einem grandiosen Vortrag von Heines gespenstischer Brautnacht. Quasthoff stellt uns hier mit Wortgewalt jene unheimliche Gestalt vor, um die es geht. Er flüstert, schmeichelt, lästert hämisch oder schreit kurz und gellend - und verleiht so dem Mann, der sich in Heines verstörendem „Traumbild“ vom Teufel eine Braut zuführen lässt, eine zutiefst beeindruckende Mischung aus Liebesverlangen, (Todes)Sehnsucht, tiefer Verbitterung und Groteske - ohne dabei die romantisch-ironische Distanz zu vernachlässigen. Das war großartig.

Florian Boesch verzichtet in seinen Liedinterpretationen auf diese Vielfalt - bei ihm steht ganz der verzweifelte, gepeinigte Mensch im Vordergrund, der „die ganze Welt der Schmerzen tragen“ muss - etwa in Schuberts Der Atlas oder Der Doppelgänger. Das vermittelt Florian Boesch mit exzellenter, nie manierierter Textdeutlichkeit und mächtig-fahler Stimme, die auch hohle, ja hässliche Töne nicht scheut.  Selbst in jenen Lieder, wo lyrische Legato-Bögen und warme Farben gefragt sind (etwa in Schumanns Dein Angesicht, Du bist wie eine Blume und Die Lotusblume ) bleibt Boesch bei seiner expressiven (stimmlich oft erstaunlich flach, ja ungestützt)  wirkenden Stimmführung, die auf kantablen Schöngesang verzichtet und sich auf das Schmerzenreiche konzentriert. Das macht in ihrer Konsequenz durchaus Eindruck, wenn man sich allerdings auch zum Beispiel für den wunderbaren Schumann-Liederkreis opus 24 eine ganz andere Interpretation vorstellen kann. Wie schön, dass das Grazer Liedpublikum in der nächsten Saison diesen Vergleich wird selbst anstellen können, entnimmt man doch der Programmvorschau 2016/17, dass dieser Zyklus neuerlich erklingen wird - dann in der Interpretation von Andrè Schuen.

Großartig war die deutliche Anteilnahme der Künstler beim aufmerksamen Zuhören der Beiträge des jeweils anderen. Bewundernswert auch das musikalische Feingefühl von Thomas Quasthoff. Für mein Empfinden traf er immer perfekt den Zeitpunkt, wann er nach Verklingen des letzten Akkords eines Liedes zu sprechen begann. Man sah und spürte geradezu körperlich, wie er in den Liedern mitlebte, die gerade erklangen und die er ja selbst so oft interpretiert hatte. Da erlebte man große Künstlerpartnerschaft. Der Pianist Christian Koch begleitete kraftvoll-markant und konzentriert - er schloss sich musikalisch ganz der Zugangsweise von Florian Boesch an.

Am Ende gab es lebhaften Beifall für alle drei Ausführenden - man hatte wahrhaft einen spannenden Abend erlebt, der einen in Atem hielt!

Hermann Becke, 14. 4 . 2016

Hinweis:

Eben wurde das Musikverein-Programm für 2016/117 vorgestellt - auch für Opernfreunde lohnt es sich, das Programmheft genau durchzuschauen, wird es doch z.B. Festkonzerte mit Cecilia Bartoli und Elīna Garanča geben, und auch der Liederabendzyklus mit Mauro Peter/Helmut Deutsch, Adam Plachetka/Gary Mathewman, Pjotr Beczala/Helmut Deutsch, Christiane Karg/Gerold Huber und Andrè Schuen/Daniel Heide verspricht Interessantes - wie schön, dass Graz zu den ganz wenigen Konzertveranstaltern zählt, die noch eine Liederabend-Serie anbieten!

 

 

DMITRI HVOROSTOVSKY

Comeback in Österreich

Festkonzert mit dem Ural Philharmonic Orchestra unter Dmitri Liss

Im  Stephaniensaal am 6. 4. 2016

 

Following a trio of widely-acclaimed North American recitals, Dmitri Hvorostovsky returns to Europe for a quartet of concerts in Hungary and Austria with conductor Dmitri Liss. Das liest man auf der Homepage des russischen Baritons Dmitri Hvorostovsky, der wegen einer ernsthaften Erkrankung vor etwa einem Jahr alle Auftritte, darunter auch den Jago bei den Salzburger Osterfestspielen absagen musste. Nach dem umjubelten Konzert am vergangenen Samstag in Budapest war nun der Grazer Abend das erste Auftreten in Österreich - am 9. 4. folgt dann der Auftritt im Wiener Konzerthaus und am 12. 4. das Konzert im Linzer Brucknerhaus, bevor dann Hvorostovsky viermal an der Wiener Staatsoper im Ballo in Maschera  und danach in Simon Boccanegra zu erleben sein wird.

Das Publikum in Graz hat den Ausnahmekünstler begeistert aufgenommen und man versteht , dass Hvorostovsky noch in der Nacht auf seiner Facebookseite postete: Good to be in Austria and looking forward to this month, next month, and — just announced — next season at Wiener Staatsoper: Three Verdi roles over the next eight months!

In Graz hatte man Dmitri Hvorostovsky vor zwei Jahren in einem eindrucksvollen Liederabend (Medtner, Tschaikowskij, Liszt, Rachmaninow) erlebt. Diesmal gab es ein Festkonzert mit dem Titel „Russisch-italienische Opernnacht“ - begleitet vom exzellenten Ural-Philharmonic-Orchestra unter Dmitri Liss .

Der Abend wurde klangprächtig mit der Polonaise aus Eugen Onegin eröffnet. Das groß besetzte Orchester spielte brillant unter der suggestiven Zeichengebung von Dmitri Liss - sogleich war klar, dass an diesem Abend das Orchester gleichberechtigter Partner eines Weltstars ist und nicht bloß Begleit-Staffage. Und dann trat Hvorostovsky auf das Podium und schaffte sofort spannungsvoll aufgeladene Bühnendramatik mit der Szene des Bojaren Schaklowity aus Mussorgskiijs Chowantschina. Die Stimme ist merklich dunkler geworden - mit kaum gebändigter Kraft, aber wohl auch mit ein wenig Anstrengung gestaltete er die Arie, und man wurde geradezu hineingezogen in düstere russische Religionsgeschichte. In der darauf folgenden Romanze aus Anton Rubinsteins Der Dämon strömte dann Hvorostovskys Prachtorgan schon viel freier. Als krönenden Abschluss des ersten Gesangsblock erlebte man dann eine überaus plastische, geradezu kraftstrotzend-saftige Wiedergabe der berühmten Ballade des Tomski aus Pique Dame. Bereits jetzt gab es Jubel und Bravo-Rufe des Publikums.

Tschaikowskijs Capriccio Italien lud die Stimmung im Saal weiter auf - zu Recht wurden nun auch Orchester und Dirigent bejubelt.

Die beiden Schluss-Stücke vor der Pause waren die Cavatine des Aleko von Rachmaninow - hier spannte Hvorostosky mit langem Atem große Melodiebögen - und die große Szene des Fürsten Igor von Borodin - mit heldenbaritonaler Emphase prächtig gestaltet.

Nach der Pause eröffnete das Orchester mit Maurice Ravels La Valse - effektvoll interpretiert und den akustischen Rahmen des Stephaniensaales fast sprengend. Nach dem lyrisch-verhaltenen Resta immobile aus Rossinis Wilhelm Tell, kam der erste Verdi-Beitrag: die große Renato-Szene Alzati aus dem Maskenball. Da hat sich Hvorostovsky selbst die Latte hochgelegt: Er hatte auf seiner Facebook-Seite den Youtube-Link zu einer Aufnahme aus dem Vorjahr gesetzt. In Graz erlebte man diesmal eine großartig-dichte Interpretation, aber eine gewisse Anstrengung war nicht zu überhören - die machtvollen, abgedunkelten Spitzentöne hatte nicht jenen metallischen Glanz, den man bisher bei ihm kannte und der auch auf seiner Youtube-Aufnahme nachzuhören ist.

Die effektvolle Rossini-Ouvertüre zu La gazza ladra gelang in konzentriert-gebändigtem, dennoch mitreißendem Tempo (und man war fast ein wenig erleichtert, dass es auch bei diesem ausgezeichneten Orchester kleinere Pannen - diesmal bei den sonst brillanten Hörnern -  geben kann).

Den Schluss-Block bildeten zwei große Verdi-Szenen - zuerst Rezitativ und Arie des Luna aus dem Troubadour - fast ein wenig resignativ interpretiert - und zuletzt die Rigoletto-Szene Cortigiani, vil razza. Hier erwies sich Hvorostosky als großer Menschengestalter. Mit kleiner Geste und kaum merklicher Veränderung der Körperhaltung war sofort die verzweifelte Vater-Figur präsent und stimmlich schöpfte Hvorostovsky nochmals aus dem Vollen seiner bronze-dunklen Baritonstimme. Der Jubel war groß, Bravorufe und auf das Podium gereichte und geworfene Blumen dankten dem großen Künstler für seinen - fast ist man versucht zu sagen: schonungslosen! - Einsatz.

Als erste Zugabe erklang (in einem opulent-pathetischen Orchesterarrangement) das russische Volkslied „Schwarze Augen“ (auch das gibt’s natürlich längst auf Youtube ). Der Beifall nahm kein Ende - und so gab es noch einen A-Capella gesungenen russisch-orthodoxen Gesang - wenn ich mich recht erinnere, war es dasselbe Stück, mit dem Hvorostovsky vor zwei Jahren seinen Liederabend beendet hatte. Der vollgefüllte Stephaniensaal hatte ein eindrucksvolles Comeback in Österreich erlebt.

Hermann Becke, 7. 4 . 2016

 

Anmerkung zu Fotos !

Diesmal gab es zusätzlich zum üblichen Hinweis im Programmheft vor dem Konzertsaal noch weitere große Sonderhinweise auf das Verbot von Bild-und Tonaufnahmen. Da auch seitens des Veranstalters keine aktuellen Konzertfotos zur Verfügung gestellt werden konnten, muss sich dieser Bericht auf ein Foto aus dem vorangegangenen Budapest-Konzert (in Graz sah es ganz gleich aus!) und einen Blick auf den übervollen Grazer Konzertsaal beschränken

 

Nächste Hvorostovsky-Termine in Österreich:

9. April im Wiener Konzerthaus

12. April im Linzer Brucknerhaus

 

 

ELISABETH KULMAN

4. 2. 2016, Stephaniensaal

Eine opernabstinente Bühnenpersönlichkeit!

Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann, Richard Wagner und Franz Liszt mit Eduard Kutrowatz am Flügel

Opernball-Abstinente sind am Donnerstag selbstverständlich in Graz beim Liederabend "frauen.leben.liebe"!

Mit diesem Satz warb Elisabeth Kulman auf ihrer Facebook-Seite für dieses Konzert, das am selben Abend stattfand, wie der Opernball in der Wiener Staatsoper. Elisabeth Kulman ist ja nicht nur „Opernball-abstinent“, sondern sie ist generell „opernabstinent“ und tritt nur mehr auf den Konzertpodien auf. Warum das so ist, kann man auf ihrer Homepage hier nachlesen.

 Elisabeth Kulman und ihr Klavierpartner Eduard Kutrowatz haben für Graz  das Programm ihrer im Jahre 2014 am historischen Érard-Flügel in Wagners Villa Tribschen bei Luzern aufgenommenen CD mit drei großen Frauenzyklen (Schumanns “Frauenleben und -liebe”, Schumanns Lieder nach Gedichten der deutsch-russischen Namensvetterin Elisabeth Kulmann sowie Wagners Wesendonck-Lieder) mit dem Programm ihrer Liszt-CD des Jahres 2011 durchmischt, auch Schubert-Lieder wurden dazu genommen. So entstand ein buntes Kaleidoskop - die Zyklen wurden aufgebrochen, nur Teile wurden gesungen - und im 2. Teil wurden zusätzlich solistische Klavier-Miniaturen aus Schumanns Kinderszenen eingefügt, die Schumann in einem Brief an seinen Freund Carl Reinecke „Rückspiegelungen eines Älteren für Ältere“ bezeichnet hatte.

Elisabeth Kulman  - mit ihren 42 Jahren wohl auf einem Höhepunkt ihres Lebens und ihrer Gestaltungskraft stehend - ist eine fesselnde Persönlichkeit, die ein reines Liederprogramm in ein Musikdrama, in ihr ganz persönliches Drama zu verwandeln versteht, das sie dem Publikum offenlegt und das sie mit ihm teilen will. An diesem Abend gewann man den Eindruck, für Kulman sei dieses Programm in Schumanns Sinne wirklich eine „Rückspiegelung“: im Spiegel der ausgewählten Werke gewährt sie dem Publikum einen bewegenden Rückblick auf ihre bisherigen künstlerischen und persönlichen Lebenserfahrungen. Das Programm beginnt mit dem verbitterten Ausbruch „Vergiftet sind meine Lieder“ (Franz Liszt/Heinrich Heine) und spannt den Bogen über alle Facetten der Liebe und Verzweiflung bis zum verklärt-friedlichen Ausklang in der Mondnacht (Robert Schumann/Joseph von Eichendorff). Das Programm ist charakterisiert durch ungewohnte Gegenüberstellungen - man hörte so Altgewohntes völlig neu. Wann hat man je so Berührendes gehört und erlebt, wie etwa Kulmans Gestaltung von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“, die nahtlos in Schumanns Mondnacht überging - wahrhaft: die Seel flog durch die stillen Lande nach Haus. Großartig und unvergleichlich!

Die Aufstellung der beiden Protagonisten war abseits des Gewohnten - der Steinway-Flügel war an den rechten Podiums-Rand, der Begleiter - mit dem Rücken zur Sängerin - somit aus dem Zentrum gerückt.

Diese Aufstellung hatte zwei Aspekte: für das Publikum in den rechten vorderen Parterrereihen ergab sich dadurch eine allzu deutliche Dominanz der Klavierbegleitung - das hätte man übrigens leicht vermeiden können, wenn man den Flügel etwas weiter zurückgerückt hätte. Der zweite und wohl gewünschte Aspekt war, dass die Sängerin eindeutig im Mittelpunkt des Abends und der Aufmerksamkeit stand. Da stand hochragend eine schöne Frau - selbstbewusst, aber auch ein wenig verletzlich und einsam - es war wirklich ein wunderbares Bild, das die ganze Spannweite des Konzerttitels "frauen.leben.liebe" widerspiegelte. Und diese Aufstellung war auch ein Bild der Beziehung Sängerin - Klavierbegleiter: An diesem Abend und bei diesem Programm stand eindeutig die Sängerin im Mittelpunkt - der Pianist ist der dienende, der stets getreue und verlässliche Begleiter. Eduard Kutrowatz erfüllte diese Rolle seriös und sicher - musikalische Raffinesse, Subtilität und exquisite Einmaligkeit - das sind Attribute, die Elisabeth Kulman vorbehalten bleiben.

Exquisite Einmaligkeit war beispielsweise wie auf  Schuberts träumerisch-hoffnungsloses Mignon-Lied Nur wer die Sehnsucht kennt unmittelbar Schuberts Die junge Nonne folgte - von Kulman als glutvolles Seelengemälde von ergreifendem Ernst mit dem ungeheurem Farbenreichtum ihrer Stimme perfekt gestaltet - und ebenso unvergleichlich und exquisit war es, wie an das ausklingende  fromme Alleluja der jungen Nonne Richard Wagners Träume anschlossen. Das waren große Momente der Liedgestaltung!

Im 2.Teil war man dann besonders berührt, mit welch schlichter Einfachheit und gleichzeitiger Stimmraffinesse die Kulman das Muttersein in Schuberts Wiegenlied  (in phänomenal-klarem Pianissimo, das spontanen Beifall auslöste!) und in Schumanns An meinem Herzen gestaltete, aber es bewegte auch die Atemlosigkeit in Schumanns Ich kann’s nicht fassen, nicht glauben.

Maßstab setzend war auch Kulmans Interpretation von Schumanns Nun hast du mir den ersten Schmerz getan - wann hat man je die Passage Die Welt ist leer je verzweifelter hören können?

Mit ihrer perfekten Technik und ihrem warmen Kupfertimbre konnte Kulman es sich erlauben, das offizielle Programm in überragender Ruhe mit Schumanns Mondnacht  zu beenden. Danach wagte man kaum zu klatschen - und selbst die notorischen Bravo-Brüller verstummten und traten Gott sei Dank erst beim zweiten Verbeugen auf den Plan. Der Beifall und der Jubel des Publikums waren groß und warm.

Der Zugabenteil war ein Kabinettstück der Bühnenkunst: Zuerst trat nur der Pianist auf die Bühne und begann mit dem (14 Takte langem!) Vorspiel - erst dann trat die Kulman dazu und gestaltete Liszts Die drei Zigeuner mit dem reichen Schatz all ihrer darstellerischen und stimmlichen Mittel. Für alle, die an diesem Grazer Abend dieses Lied erlebt haben, lohnt es sich unbedingt, sich Kulmans über 4 Jahre alte Youtube-Aufnahme anzuschauen - dann weiß man, was ich eingangs mit „Rückspiegelung“ gemeint habe. Heute erlebten wir eine andere, eine gereifte Kulman auf einem Höhepunkt ihrer Kunst! Und dann gab es noch zwei weitere Liszt-Lieder: Enfant, si j’étais roi nach Victor Hugo und Go not, happy day nach Alfred Tennyson. Auch in diesen beiden Liedern konnte die Kulman ihre sprachliche Präzision und ihre ungeheure Bühnenpräsenz eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Graz kann sich schon jetzt auf den Juli freuen: da wird die Kulman (wieder mit Eduard Kutrowatz am Flügel, aber auch mit den „Wiener Theatermusikern“) das Konzertpodium der Styriarte zur Opernbühne werden lassen. Unter dem Titel La femme, c’est moi“ ist angekündigt: Musik von Saint-Saëns (Mon cœur s’ouvre à ta voix), Bizet (Habanera), Weill (Ballade von der Seeräuber-Jenny), Hollaender (Raus mit den Männern aus dem Reichstag), Porter (I hate men) u. v. a.

Elisabeth Kulman ist also zur Freude ihres Publikums nicht ganz opernabstinent!

Hermann Becke, 5.2.2016

 

Hinweise:

-         TV-Präsentation der CD frauen.leben.liebe im Jahre 2014

-         Sehr ausführliches Interview (51:19 min) mit Elisabeth Kulman und Eduard Kutrowatz zu frauen.leben.liebe

-         Ein aktueller Grazer Zeitungsartikel, der am Tag vor dem Konzert erschien und den Elisabeth Kulman dankbar als  „besonders fein“ bezeichnete

-         Video vom Jänner 2016: Elisabeth Kulman: Ich habe meinen Haushalt aufgelöst  „Endlich! Mit Ende 2015 habe ich meinen Haushalt aufgelöst und bin nun als reisende Minimalistin unterwegs. Mal sehen, wie das so geht. Das Leben bleibt spannend! :-)“       

 

 

MAURO PETER MIT HELMUT DEUTSCH

Goethe-Lieder von Franz Schubert

Stephaniensaal am 19. 11. 2015

In diesem Sommer hat der 28-jährige Schweizer Tenor Mauro Peter mit seinem einstigen Lehrer und nunmehrigen Konzertpartner Helmut Deutsch bei SONY Classical eine CD mit 19 Schubert-Liedern nach Texten von Johann Wolfgang Goethe aufgenommen. Diese CD ist seit August im Handel erhältlich und seither präsentieren Peter/Deutsch das Programm in Konzerten - im Oktober in Frankfurt, im November in Luzern und in Wien. Als im Grazer Liederabend-Zyklus der Duo-Abend Krassimira  Stoyanova/ Vesselina Kasarova kurzfristig abgesagt werden musste, hat der Musikverein raschentschlossen Mauro Peter und Helmut Deutsch eingeladen, die erst im Mai dieses Jahres mit einer beeindruckenden Interpretation von Schuberts „Die schöne Müllerin in Graz gewesen waren. Und so war dieses Duo genau an Schuberts 187.Todestag auf dem Konzertpodium im Grazer Stephaniensaal.

Dem Bericht über diesen Abend sei eine Anmerkung zu einer  Äußerlichkeit vorangestellt:

Das Lied ist eine der subtilsten vokalen kammermusikalischen Formen - es kann nur dann in optimaler Weise dem Publikum vermittelt werden, wenn es eine ausgewogene und gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Gesang und Klavier gibt. Das wissen heute natürlich alle - die Ausführenden, die Veranstalter, das Publikum, die Kritiker, die CD- und DVD-Produzenten. Und dennoch wird das Duo der Ausführenden in der Ankündigung immer wieder unterschiedlich behandelt - so auch diesmal: schauen Sie sich das Foto der CD-Hülle an und schauen Sie sich die Titelseite des Abendprogrammes an - den Namen des Klavierpartners kleiner zu drucken als den Namen des Sängers, das ist eine Unbedachtheit, ja eine Unart, gegen die immer mit Nachdruck aufzutreten ist - und erst recht sollten die Namen der Autoren der Werke gleich wichtig sein - das ist wenigstens bei der CD-Hülle der Fall. Leider ist dem Abendprogramm noch ein anderer peinlicher Fehltritt passiert: statt der Lebensdaten von Franz Schubert wurden jene von Ludwig van Beethovens eingesetzt!

Nun aber genug dieser Äußerlichkeiten - musikalisch hat dieser Abend Bedeutendes geboten! Eröffnet wurde mit einer Komposition, die nicht auf der CD vertreten ist, nämlich mit der Ballade „Der Sänger“ - einem Werk, das Schubert mit 18 Jahren geschaffen hatte und das wohl ein Motto für den ganzen Abend sein konnte: das in unbefangenem Ton natürlich Erzählende, das Balladeske - das ist die Stärke von Mauro Peter, der immer den Text gleich wichtig nimmt wie die Musik und der dem Publikum plastisch eine Geschichte vermittelt. Wie heißt es in der Ballade? „Ich singe, wie der Vogel singt, der in Zweigen wohnet.“  Das gelang Mauro Peter überzeugend. Diese Ballade stellte aber auch gleich den Pianisten in den Mittelpunkt. Helmut Deutsch gestaltete die verschiedenen Szenen überaus plastisch, ob es nun die arpeggierten Akkorde für die Harfe des Sängers oder die punktierten Achteln des eilfertigen Pagen sind - und in der Mitte der Ballade kommt es gar zu einem längeren geschlossenen Klaviersatz.

Darauf folgte ein weiteres Lied, das nicht auf der CD ist: die selten gesungene „Sehnsucht“. An die wahrhaft „Rastlose Liebe“ schloss sich attacca in großer, geradezu bedrückender Ruhe die ungeheure Weite der „Meeres Stille“ mit ihren arpeggierten Akkorden und danach „Über allen Gipfeln ist Ruh‘“, bevor der 1. Liederblock mit der zweiten, durchkomponierten Fassung des Liedes „An den Mond“ abgeschlossen wurde. Im 2.Block vor der Pause folgten das Strophenlied „Der Fischer“ und die Balladen „Der Rattenfänger“, „Der König in Thule“ und der „Erlkönig“. Das sind - mit Ausnahme von Wanderers Nachtlied - alles Werke, die Franz Schubert in den Jahren 1814 und 1815, also mit 17, 18 Jahren geschrieben hatte - ein unvorstellbarer Reichtum an Einfällen! Mauro Peter ging an diese Lieder mit jugendlich-frischer Unbekümmertheit und exzellenter, aber nie manierierter Textdeutlichkeit heran und wurde von dem unendlich erfahrenen Liedgestalter Helmut Deutsch am Steinway exzellent durch die verschiedenen Stimmungen geleitet. Ein Kritiker schrieb einmal über Mauro Peter, er sei ein „Tenor mit Sonne in der Stimme“. Ich hatte an diesem Abend ein wenig den Eindruck, dass sich diesmal eine leichte - wohl November-bedingte - Belegtheit über die Stimme gelegt hatte, die auf der CD nicht zu hören ist. Hörproben aller Lieder der CD sind übrigens hier verfügbar.

Nach der Pause folgten zunächst die „Gesänge des Harfners“, die durch das akzentuierte Spiel von Helmut Deutsch an Prägnanz gewannen. Die jugendliche Ehrlichkeit von Mauro Peter berührte durchaus, wenn auch natürlich die abgeklärte Resignation des alten Harfners fehlen musste. In der letzten Gruppe des Programms freute man sich unter anderem über den schwärmerischen Ganymed (mit langem und sicherem Atem!), aber auch über das zart-leidenschaftliche „An die Entfernte“ (mit einer elegisch-dichten Klaviereinleitung). Mir schien, als habe sich Mauro Peter im zweiten Teil des Konzerts etwas freigesungen - da strömte die Stimme in vielen Phrasen so frei dahin, wie ich es von seiner wunderbaren „Müllerin“ in Erinnerung hatte.

Am Ende gab es großen Jubel des Publikums und sogar vier Zugaben: das bezaubernd-naive „Heideröslein“ und den unbändigen “Musensohn“ - beides von Helmut Deutsch auswendig(!) virtuos mitgestaltet. Danach brachte uns Mauro Peter einen Gruß aus seiner Heimat: Das „Schweizerlied“ von Schubert nach Worten von Goethe. „Dr Goethe het sich sogar emol mit beschiidenem Erfolg ame Schwyzerdütsche Gedicht versüecht het.“ - das liest man im Alemannischen Wikipedia (was es alles gibt!), wo Interessenten hier nicht nur den Liedtext, sondern auch Vermutungen nachlesen können, wie es zu diesem Schwyzerdütsch-Ausflug von Goethe gekommen ist.

Da die Begeisterung des Publikums noch nicht nachließ, gab es als allerletzte Zugabe  den „Liebhaber in allen Gestalten“ mit der Schlusszeile „ich bin nun wie ich bin; so nimm mich nur hin“ (am Klavier mit effektvoll servierten Schlussachteln!). Der Musikverein vermeldet noch in der Nacht: Jubel, Jubel: Ovationen begeisterter Autogramm-Jäger für Mauro Peter und Helmut Deutsch im Foyer vor dem Signieren“. Und Mauro Peter schreibt am Vormittag nach dem Konzert auf seiner Facebook-Seite : „Ein grosses Dankeschön an das wunderbare Grazer Publikum, dass mich gestern erneut so herzlich empfangen hat. Es ist auch immer wieder eine Freude, mit dem fantastischen Helmut Deutsch auf der Bühne zu stehen...Danke! Es ist mir diesmal aber ein speziell grosses Anliegen, meiner Mentorin und Lehrerin Fenna Kügel-Seifried zu danken, die mich seit Jahren mit so viel Erfahrung, Freude, Wissen, Können, Hingabe und Liebe unterstützt... Du bist einfach wunderbar!!“ 

Natürlich sei hier auch das von Mauro Peter gepostete Foto wiedergegeben:

Auf der Homepage von Mauro Peter kann man nachlesen, was in dieser Saison noch alles vor ihm liegt - u.a. der Tamino in München und Zürich, der Ferrando in Zürich und bei den Salzburger Festspielen und natürlich viele Liederabende. Wir hoffen sehr, dass wir das Liedduo Mauro Peter- Helmut Deutsch auch wieder einmal in Graz begrüßen werden können!

Hermann Becke, 20. 11. 2015

Hinweise:

-         Ein Video über die Aufnahme der Goethe-Lieder für Sony

-         Ein besonders empfehlenswertes Video-Interview mit Helmut Deutsch über Grundsätzliches von Liederabenden, aber auch über die Qualität des Grazer Liederabend-Abonnements

 

 

 

 

 

 

 

ANNA NETREBKO - UNVERGLEICHLICH!

Belcanto-Gala mit Bühnenintensität

8. 11. 2015 im Stephaniensaal

„Der Festkonzertzyklus wird dieses Jahr durch Starsopranistin Anna Netrebko eröffnet. Die russisch-österreichische Operndiva wird bei ihrem ersten Auftritt in Graz gemeinsam mit Yusif Eyvazov im Rahmen einer Belcanto-Gala mit der von Jader Bignamini geleiteten Slowenischen Philharmonie, Arien und Duette von Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini u.a. auf die Bühne bringen.“ Mit diesen Worten kündigte der Musikverein auf seiner Homepage das Großereignis an. Das genaue Programm stand offenbar bis zuletzt nicht endgültig fest, schreibt doch der Generalsekretär Dr. Michael Nemeth noch im November-Folder von einem „spannenden Arienabend mit Werken des Verismo (Puccini, Cilea, u.a.)“.  Der Dirigent hatte auch gewechselt: ursprünglich war Marco Armiliato angekündigt. Der hat am Vortag in der Wiener Staatsoper La Bohème dirigiert, die er auch am Tag nach dem Grazer Konzert wieder in Wien leitete. Statt Armiliato hat die musikalische Leitung in Graz nun der Italiener Jader Bignamini übernommen. Das ist jener Mann, der dem Paar Anna Netrebko und Yusif Eyvazov bei der ersten großen Asien-Konzerttournee im März 2016 als Dirigent verschiedener asiatischer Orchester assistieren wird. Wenn man auf der Homepage der großen Anna Netrebko ihren Auftrittskalender sah, dann war man ein wenig beunruhigt, weil da der Grazer Auftritt nicht aufscheint. Daraufhin schaute man auf die funkelnagelneue Website ihres Verlobten und Tenorpartners (er schrieb am 31.Oktober: „VERY EXCITED TO LAUNCH MY NEW WEBSITE“)  und fand aufatmend in seinem schedule für den 8.11.: „Musikverein für Steiermark: „concert with Anna Netrebko“. Auf der Homepage der Slowenischen Philharmonie konnte man sogar das vorgesehene Programm finden. Und dann war der Met-Homepage zu entnehmen, dass Yusif Eyvazov einen Tag (!) vor dem Grazer Konzert in der Matinee der Met in New York den Calaf singt. Am selben Tag probte Anna Netrebko mit der Slowenischen Philharmonie in Ljubljana.

Wie auch immer - der Musikverein hatte es mit glänzender Disposition geschafft. Am Konzertabend waren sie alle im Grazer Stephaniensaal versammelt - Anna Netrebko, die alles und alle überstrahlte, mit Yusif Eyvazov und natürlich auch mit dem Orchester der Slowenischen Philharmonie unter dem Dirigenten Jader Bignamini. Wenn man richtig informiert ist, fuhren Netrebko und Eyvazov noch in der Nacht nach dem Konzert nach Wien zurück, um am nächsten Tag gemeinsam nach New York zu fliegen. Graz hatte also geschickt ein „Fenster“ in den Terminplänen der Weltreisenden in Sachen Oper genutzt und brachte den ersten Duo-Abend der beiden, die im Dezember in Wien heiraten werden, auf ein österreichisches Podium, Das Grazer Konzert war - selbstverständlich - seit dem Frühjahr völlig ausverkauft, auch der Stehplatz war gedrängt voll - und wir erlebten an diesem Abend eine Netrebko in absoluter Top-Form. Mit ihrer bernsteinfarbig- warmen Stimme gestaltete sie fünf Arien und drei Duette schlichtweg überwältigend. Wenn man Maria Callas als die diva assoluta, als die „divina“ der Opernszene des 20.Jahrhunderts bezeichnet hatte, dann hat das 21.Jahrhundert mit Anna Netrebko unzweifelhaft eine neue Sopran-Königin gefunden. Abgesehen vom unverwechselbaren Prachttimbre und einer geradezu selbstverständlichen stimmtechnischen Perfektion hat die Netrebko ein untrügliches Gespür für die jeweilige Bühnenfigur, die sie stimmlich perfekt verkörpert und mit kleinen Gesten und Körperbewegungen lebendig werden lässt. An diesem Abend war es zuerst die fragile, ein wenig exaltierte Sängerin Adriana Lecouvreur, die Netrebko in deren Auftrittsarie - mit geradezu phänomenalen Schwelltönen - vor uns plastisch erstehen ließ. Die Arie der Margherita aus Boitos Mefistofele hat wohl seit Renata Tebaldi niemand mehr so warm-strahlend, spannungsvoll und bewegend gestaltet, wie es Anna Netrebko an diesem Abend gelang.

In der großen Butterfly-Szene „Un bel di, vedremo“ verband sie die kindliche Zerbrechlichkeit ideal mit dem großen emotionalen Ausbruch, während sie das Mondlied aus Dvoraks Rusalka mit naiv-märchenhafter Schlichtheit sang, dabei immer wieder in das Orchester wie in einen Märchenwald hineinlauschend. Ihr letzter Solo-Beitrag im offiziellen Programmteil war Laurettas Arie aus Gianni Schicchi, in der man die in ihrer ersten Liebe aufblühende Tochter glaubhaft erlebte: wer kann das „Babbo“ in der Schlussphrase „Babbo, pietà, pietà!“ berührender singen?! Es waren fünf ganz verschiedene Frauenpersönlichkeiten, die man hier erleben durfte und die durch die reiche Stimme Netrebkos überzeugend gezeichnet waren. In den beiden Liebesduetten aus Otello und La Bohème war sie souveräne Gestalterin der großen Legato-Bögen mit herrlichen Crescendi und Decrescendi - und sie war eine merkbar persönlich berührte Partnerin. Den warmen Farbenreichtum und die subtile Stimmführung der Netrebko konnte Yusif Eyvazov nicht bieten. Das ist eine recht eindimensionale Tenorstimme, die natürlich durch ihre elementare Kraft und ihre Spitzentöne Eindruck macht, aber die noch viel zu arbeiten haben wird, um an die Phrasierungskunst der bedeutenden Vertreter des italienischen Tenorfachs heranzukommen.

Die Slowenische Philharmonie war in großer Besetzung angetreten - 8 Celli und 6 Kontrabässe! Das war bei der einleitenden Semiramide-Ouvertüre von Rossini wohl allzu üppig - aber im Intermezzo aus Manon Lescaut und im Stundentanz aus Ponchiellis La Gioconda erlebte man packend zugreifende italienische Oper mit klangschön und intensiv gestalteten Instrumentalsoli. Der junge italienische Dirigent Jader Bignamini dirigierte den gesamten Abend auswendig, begleitete die Solisten äußerst aufmerksam und setzte durchaus eigene und überzeugende Orchesterakzente.

Der Jubel im Saal war groß - und so gab es noch drei Zugaben. Zunächst brillierte Anna Netrebko mit einer effektvollen Szene aus der Csardasfürstin, die die Netrebko-Fans schon seit dem Wiener Schönbrunn-Konzert 2008 und dem Dresdner Silvesterkonzert 2010 unter Thielemann kennen und die man auf youtube nachhören und sehen kann: Schönbrunn und Dresden. Aber die temperamentvolle Anna Netrebko live zu erleben ist allemal eindrucksvoller als die beste Youtube-Aufnahme. Danach donnerte Yusif Eyvazov sein „Nessun dorma“ in den Saal. Das absolute Finale war dann das Trinklied aus der Traviata, das mit dem mitapplaudierenden Publikum allzu sehr zum Spektakel geriet. Das tat aber dem Gesamteindruck keinerlei Abbruch:

Anna Netrebko ist zweifellos derzeit auf dem Höhepunkt ihrer Karriere - sie ist derzeit einfach eine unvergleichliche Ausnahmepersönlichkeit!

Hermann Becke, 9. 11. 2015

 

Hinweise:

-         Das einzige Video mit Netrebko/Eyvazov, das ich finden konnte, ist ein Duett aus Manon Lescaut als Live-Ausschnitt aus dem Moskauer Galakonzert zum 75. Geburtstag von Elena Obraszowa im Oktober 2014. Sie finden es hier

-         Das nächste Festkonzert des Musikvereins findet am 6.April 2016 statt: mit Dmitri Hvorostovsky und dem Ural Philharmonic Orchestra; Restkarten gibt es hier

 

 

 

 

 

 

LEO NUCCI

Ein großer kammermusikalischer Opernabend!

Stephaniensaal am 18. 9. 2015

Der im 74. Lebensjahr stehende italienische Starbariton KS. Leo Nucci ist wahrlich ein Phänomen! Das zeigt allein ein Blick auf seinen Terminplan:

Konzerte unter dem Titel „Belcanto italiano“: 4. September La Coruna, 15. September Wiener Staatsoper, 18. September Graz, 18. Oktober London, 21. November Piacenza

Konzertante Aufführungen von Verdis „I due Foscari“: 15. und 18. November in Marseille

Bühnenauftritte: Rigoletto in Madrid am 30.11., 3., 6. und 10. 12. sowie Nabucco in Piacenza am 27. und 29.12.

Es war eine große Freude für alle Freunde der italienischen Gesangskunst, dass Graz eine Station in diesem Terminplan sein durfte. Musikvereinsgeschäftsführer Dr. Michael Nemeth hatte Leo Nucci in den Liederabendzyklus eingeladen - und dort hatte das Belcantoprogramm durchaus seinen berechtigten Platz, wenn man bedenkt, was Leo Nucci zur Programmzusammenstellung sagte: „Meine Idee ist es, die Tradition des 18. und 19.Jahrhunderts wieder aufleben zu lassen, nach der man diverse Arien- und Liedkonzerte in kleineren Besetzungen, quasi kammeropernhaft, gegeben hat. Darüber hinaus ging es mir um den Aspekt des Melodisch-Dramatischen, um ein italienisches Pendant zum Deutschen Lied.“  Leo Nucci hatte sich für dieses Programm die Partnerschaft seiner „philharmonischen Freunde“ gesichert - ein Streichquartett und eine (Gast)Harfenistin der Wiener Philharmoniker sowie eine Pianistin der Wiener Staatsoper.

Günter Seifert (Violine 1), Raimund Lissy (Violine 2), Michael Strasser (Viola), Raphael Flieder (Violoncello), Ursula Fatton (Harfe) und Kristin Okerlund (Klavier) waren exzellente Partner. Sie verbanden kammermusikalische Klarheit mit der großen opernhaften Geste, die ihnen als Mitglieder des Wiener Staatsopernorchesters eine gewachsene Selbstverständlichkeit ist. Sie begleiteten Leo Nucci in den Arrangements mit großer Aufmerksamkeit und konnten auch zwei Instrumentalstücke präsentieren: Eine köstliche Paraphrase über „Le ,donne‘ di Donizetti“ von Paolo Marcarini, mit dem Leo Nucci schon seit Jahren zusammenarbeitet, und nach der Pause den schwermütigen Streichquartett-Satz „Crisantemi“, den Puccini 1890 im Gedenken an den Tod des in Italien überaus beliebten Prinzen Amadeo von Savoyen (und kurzfristigen Königs von Spanien) in einer Nacht geschrieben hatte und dessen Themen er dann drei Jahre später im letzten Akt von Manon Lescaut verwenden sollte.

Das Programm brachte im 1.Teil Raritäten aus Donizettis „Poliuto“ und „Don Sebastiano“, aus Bellinis „Beatrice di Tenda“ und aus frühen Verdi-Romanzen sowie den Tod von Macbeth. Und schon in diesem 1.Programmteil zeigte sich die Meisterschaft des Belcantisten Leo Nucci. Er war an diesem Abend wohl ein wenig indisponiert - eine kleine Verkühlung war nicht zu verbergen. Aber gerade in einer solchen Situation kann man seine ungeheure Erfahrung und Disziplin bewundern. Mit großer Konzentration sang er „über die Indisposition drüber“, suchte mit Konsequenz und durchaus merkbarer Anstrengung den optimalen Stimmsitz für jeden Ton. Und wenn die Tiefe und das Piano einmal nicht ganz „ansprachen“, dann wandelte er dies in dramatisch gerechtfertigten und überzeugenden Ausdruck. Jede einzelne Nummer wurde zu einem musikdramatischen Kammerspiel.

Nach der Pause hatte sich Leo Nucci etwas freigesungen, blieb aber immer noch bei eher selten Gehörtem: Verdis „I due Foscari“ und „I vespri Siciliani“, Rossinis „Guglielmo Tell“, Bellinis „I Puritani“ und als Abschluss des offiziellen Programms die große effektvolle Szene und Arie des Alfonso aus dem 2.Akt von Donizetttis „La Favorita“. Allen, die sich für italienische Gesangstechnik ernsthaft interessieren, kann man nur dringend empfehlen, Künstlern wie Leo Nucci aufmerksam zuzuhören und sie genau zu beobachten. Da erlebt man, was Atemstütze - appogiare la voce - bedeutet: die optimale Verankerung der Stimme im Körper und ein ruhiges Fließen des Atems, ohne die Luft zu stauen. Leo Nucci bewies an diesem Abend, dass mit einer perfekten italienischen Gesangstechnik auch im fortgeschrittenen Alter und bei nicht optimaler Disposition jene großen Melodiebögen gespannt werden können, die für die italienische Belcantoliteratur unverzichtbar sind.

Am Ende gab es den erwarteten großen Beifall und viele Bravo-Rufe für den ungemein sympathischen Belcanto-König - und es folgte das ebenso erwartete Zugaben-Programm mit den erhofften Hits.

Zunächst nach all den düsteren und melancholisch-schwerblütigen Stücken ein heiteres Glanzstück:

Figaros Auftrittsarie aus dem „Barbiere di Siviglia“. Mit dieser Rolle hatte Nucci im Jahre 1967 sein Bühnendebüt in Spoleto und später auch die Debüts an der Scala und an der Wiener Staatsoper gegeben. 48(!) Jahre später steht er mit dieser Rolle noch immer auf der Bühne - im Juli und August sang er den Figaro neuerlich an der Mailänder Scala in 5 Aufführungen. Da hörte man im Grazer Konzert keine Indisposition mehr - mit strahlenden Spitzentönen, spitzbübischem Charme und eminenter Textgeläufigkeit begeisterte er sein Publikum, das - so wie drei Tage davor an der Wiener Staatsoper - mit noch drei weiteren Zugaben beschenkt wurde: Posas Tod aus dem „Don Carlo“, Renatos Eri tu aus dem „Ballo in maschera“ und Nemico della patria aus Umberto Giordanos "Andrea Chenier". Viele hatten wohl noch auf Nuccis Glanzrolle, den Rigoletto gehofft. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt - aber wir hatten ja sein berühmtes Cortigiani, vil razza ohnedies zuletzt vor drei Jahren in der Grazer Oper hören dürfen, als ihm zu seinem 70.Geburtstag die ehrenvolle Auszeichnung des „Iso d’Oro-Award“ verliehen hatte. Damals stimmte Leo Nucci im Zugabenteil auch in das Trinklied aus Verdis Traviata ein - Zitat aus dem damaligen Bericht: „Neuerlicher großer Jubel für alle – und das Publikum erzwingt eine Wiederholung, an der sich nun auch Sabbatini vom Dirigentenpult als Tenor dazugesellt und die der inzwischen ebenfalls wieder auf die Bühne gekommene Leo Nucci gemeinsam mit Vittorio Terranova mit einem hohen B (!) im Finale krönt.

So wie sich Leo Nucci diesmal in Graz präsentiert hat, wird er wohl auch zu seinem 75.Geburtstag auf den Bühnen und den Konzertpodien stehen - es ist ihm und seinem Publikum zu wünschen!

Hermann Becke, 19. 9. 2015

 

Hinweis:

Wesentliche Teile des Konzertprogramms sind in dieser kammermusikalischen Orchesterfassung auch auf CD verfügbar - hier ist der link dazu

 

Foto 5

 

 

 

 

 

GUSTAV MAHLER 8.SINFONIE

Großartig - aber am ungeeigneten Ort

Stadthalle am 18. 6. 2015

„Zum Abschluss des Gustav Mahler Zyklus und als Grande Finale der Jubiläumsspielzeit lädt der Musikverein in die Grazer Stadthalle, wo Mahlers epochale Achte Symphonie aufgeführt wird. Mit über 500 Beteiligten trägt die Symphonie nicht umsonst den Beinamen „Symphonie der 1000“. Das Grazer Philharmonische Orchester unter der Leitung von Gabriel Feltz und die Beteiligung von acht verschiedenen steirischen Chören und acht hochkarätigen Solisten lassen diesen Abend zu einem einzigartigen Konzerterlebnis werden.“ Mit diesen Worten warb der Musikverein für das Abschlusskonzert des 200-Jahr-Jubiläums - der etwas pathetische Ton ist durchaus dem monumental-gigantischen Werk adäquat!

Für dieses Konzert ist also der Musikverein erstmals in die Grazer Stadthalle gegangen, in der üblicherweise Pop- und Schlager“events“ und große Ball- und Messeveranstaltungen stattfinden. Ein Blick auf die Homepage der Stadthalle zeigt, welche Art von Veranstaltungen dort üblicherweise stattfinden - zum Saal heißt es: „Das Fassungsvermögen der neuen Stadthalle Graz beträgt rund 11.000 Stehplätze und bis zu 8.000 Sitzplätze. Eine säulenfreie Fläche von 6.500 m2 mit den Maßen 92 x 70 bietet Platz für Musik, Kunst & Kultur, TV-Shows, Sportevents, Kongresse, Empfänge oder Galas.“  Mir ist nicht bewusst, dass der Saal bisher für den klassischen Konzertbetrieb genutzt wurde - und so wie wohl manch anderer Besucher des Jubiläumskonzerts war ich zum ersten Male im großen Saal der Stadthalle.

Die Möglichkeit der 8000 Sitzplätze hatte man sinnvoller Weise nicht ausgeschöpft und ein Auditorium für rund 3000 Plätze geschaffen. Dieses Auditorium füllte das Grazer Musikvereinspublikum fast zur Gänze.

Natürlich musste auch für die Musikerschar erst ein geeignetes Podium geschaffen werden, auf dem das Orchester, die Solisten und die Chöre adäquat platziert werden konnten. Die Proben fanden zunächst in der Oper Graz statt und nur an den beiden letzten Tagen vor dem Konzert in der Stadthalle. Eine Tonanlage sollte für die optimale Akustik sorgen.

Und die Akustik des Saales war wohl der einzige - aber gewichtige! - Schwachpunkt dieser vom Publikum begeistert akklamierten Jubiläumsveranstaltung. Ich saß in dem Block der ansteigenden Sitzreihen mit wundervollem Blick auf das Gesamtgeschehen, aber mit einem sehr zwiespältigen akustischen Eindruck. In dieser Riesenhalle fehlte durch die Aussteuerung der Tonanlage ganz einfach das unmittelbare musikalische Erleben - es fehlte die elementare Wucht der Orchester- und Chortutti ebenso wie die Zartheit der kammermusikalischen Passagen. Alles klang ein wenig glatt und flach. Die Akustik ist aber  natürlich nicht nur für das Publikum entscheidend, sondern auch für die Musizierenden. Wenn der Chor und das Orchester die Solisten kaum hören, wenn die hinteren Reihen der Chöre das Orchester kaum wahrnehmen können, dann besteht die Gefahr, dass das Werk auseinanderfällt. Das war natürlich dem erfahrenen und ausgezeichneten Dirigenten und Dortmunder Opernchef  Gabriel Feltz sehr wohl bewusst. Er leitete daher das Riesenensemble mit weitausladenden und klaren Gesten, weil ja viele der Musiker nur auf Zeichen und nicht auf Gehör spielen bzw. singen konnten. Nur so konnte er sicherstellen, dass das Gesamtgebäude der komplexen Partitur - speziell in den polyphonen Passagen des ersten Teils - nicht allzu sehr ins Wanken kam. Die schönsten musikalischen Momente gelangen in den Soloszenen der Damen im 2.Teil und im wunderbar einheitlich und geschlossen intonierten Chorus mysticus „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“. Da wurde die Größe des Werkes unmittelbar spürbar.

Alle Ausführenden verdienen ein Pauschallob und hohe Anerkennung - sie trotzten mit Erfolg den Schwierigkeiten eines Riesensaales, der samt moderner Tonanlage kein voll befriedigendes Klangbild zuließ, und vermittelten ein gültiges Gesamtbild eines Werkes, über das Thomas Mann nach der Uraufführung in München geschrieben hatt, dass sich in ihm „der ernsteste und heiligste künstlerische Wille unserer Zeit“ verkörpere. Das Jubiläumskonzert bestätigte jedenfalls für mich folgende Aussage:
Mahlers Achte ist „fanatische Erhabenheit reinsten Wollens, die zugleich ein Zerbrechen einbekennt: dem 20.Jahrhundert ist es nicht mehr gegeben, Begeisterung ohne den Gestus des Kunstgewerblich-Dekorativen in einer künstlerischen Großform auszusprechen“. Das ist ein Zitat aus dem Programmheft des Musikvereins - allerdings nicht aus dem Programmheft  2015, sondern aus dem Jahre 1965! Da feierte der Musikverein sein 150-Jahr-Jubiläum und feierte ebenfalls mit Mahlers Achter Sinfonie- damals  unter Hermann Scherchen mit renommierten Solisten. Damals spielte man allerdings im bewährten Stephaniensaal - und dort sollte der Musikverein in Zukunft auch für so große Werke wieder zurückkehren!

Aber kommen wir zur Gegenwart zurück: Das Grazer Philharmonische Orchester erfüllte an diesem Abend die großen Anforderungen Mahlers sehr gut und die mitwirkenden Chöre (Oper, Dom, Pro Musica, Vocalforum, Studiochor der Kunstuniversität Graz) und die Kinderchöre (Cantanima, Keplerspatzen, Singschul‘ der Oper) unter der kompetenten Gesamtleitung von Bernhard Schneider bewiesen erneut, dass Graz ein österreichische Hochburg des Chorgesangs ist. Bei den Solisten dominierten die Damen:  Meagan Miller  und Michaela Kaune waren strahlende Soprane, Janina Baechle und Iris Vermillion vertraten großartig das Alt-Fach und Margareta Klobucar gestaltete die kleine, aber wichtige Partie der Mater Gloriosa - aus einem Fenster hoch oberhalb des Publikums - mit glockenreiner Klarheit (statt der ursprünglich angekündigten Chen Reiss). Auch bei den Herren gab es seit Ankündigung des Konzertes einige Änderungen: ursprünglich war für die heikle Tenorpartie Herbert Lippert vorgesehen, im Programmheft stand dann Michael Bedjai. Der musste jedoch ganz kurzfristig absagen, und so übernahm am Nachmittag der Aufführung ohne Probe der Wiener Roman Sadnik diese Partie. Von dieser Umbesetzung wurde das Publikum weder im Programmheft noch durch eine Ansage informiert- der Musikverein schrieb nach dem Konzert auf seiner Facebookseite: „Vor allem DANKE an Einspringer Roman Sadnik, der die fast unsingbare Tenorpartie erst am Nachmittag übernommen hat!“. (Ich danke Generalsekretär Nemeth, dass er mich am Vormittag nach der Aufführung über die notwendige Umbesetzung informierte) Werner van Mechelen war ein solider Pater ecstaticus und Frank van Hove (anstelle des ursprünglich angekündigten Lars Woldt) ein ebenso solider Pater profundus.

Der Dirigent Gabriel Feltz nimmt derzeit mit den Stuttgarter Philharmoniker alle Mahler Sinfonien auf - siehe dazu die Diskographie. Es fehlt bei den Aufnahmen nur mehr die 8.Sinfonie. Graz wird daher für Gabriel Feltz eine wichtige Erfahrung gewesen sein - man kann ihm und den Stuttgartern nur empfehlen, für die bevorstehende Aufnahme der Achten jenes Damen-Quintett zu engagieren, das wir hier in Graz hören konnten.

Noch ein Wort zum Programmheft: das heutige „Interview“ mit Gustav Mahler, der ja in Graz seine 3. Sinfonie dirigiert hatte und in der Grazer Umgebung zu Wanderungen unterwegs war, ist nicht nur ein köstlicher Einfall, sondern auch geistvoll und informativ - schade, dass man diesen Text nicht online weitergeben kann. Schade war letztlich auch, dass das Programmheft - zum Unterschied von 1965 - nicht die Texte des Werkes enthielt.

Das Jubiläumskonzert war ein umjubeltes und repräsentatives Ereignis - aber leider doch an ungeeignetem Orte!

Hermann Becke, 19. 6.  2015

Hinweise:

-        Interview mit dem Bernhard Schneider, dem Chorleiter und  „Herrn der vokalen Heerscharen“

-        TV-Vorbericht mit Probenausschnitten und Interviews

Der Musikverein wird auch 2015/16 wieder sehr interessante Programme und große Namen bringen - schauen Sie sich das Jahresheft an - ein Besuch in Graz lohnt sich!

 

 

 

 

 

 

Ein großer Abend im Stephaniensaal

20. 5. 2015 

Als Liedsänger hatte Mauro Peter  im Jahre 2012 mit Schuberts Die schöne Müllerin, begleitet von Helmut Deutsch, bei der Schubertiade in Hohenems seinen internationalen Durchbruch. Darüber war damals zu lesen: „Da ist bereits alles vorhanden an künstlerischer Reife, Stimmschönheit und überlegener Gestaltungskraft, was der sympathische, gut aussehende Schweizer Mauro Peter mit seinen 25 Jahren als lyrischer Tenor im Liedfach zu bieten hat – internationales Format!“ (Kultur, 2012). Man wartete also freudig gespannt auf das erste Auftreten in Graz - und man wurde wahrlich nicht enttäuscht. Es war ein großer Abend der Liedkunst und es stimmt, was der Musikverein noch in der Nacht nach dem Konzert auf seiner Facebook-Seite postete: Danke, Mauro Peter und Helmut Deutsch für die wunderbare, "schöne Müllerin"! Ein kräftiges Lebenszeichen für das Lied - so hat diese wunderbare - schon oft totgesagte Form - Zukunft!“

Der in Luzern geborene Tenor Mauro Peter erhielt seine Gesangs-, Opern- und Liedausbildung in München. Da war im Fach Lied Helmut Deutsch sein Lehrer, der ihn an diesem Abend in Graz geradezu bravourös begleitete. Man hat ja Helmut Deutsch seit über 30 Jahren in Graz in sehr vielen Liederabenden als profilierten Liedbegleiter erlebt. Aber diesmal war die Begleitung und Partnerschaft des Pianisten von ganz besonderer Qualität und Intensität. Helmut Deutsch war überaus konzentriert und aufmerksam, gestaltete farbig variierte Vor - und Nachspiele und machte selbst kleinste Einwürfe in den einzelnen Liedern spannend, ohne sich dabei jemals manieriert in den Vordergrund zu drängen - wunderbar etwa die Tempo-Rückungen im Neugierigen, sein pp in der 3.Strophe des Morgengrußes, der Dur/Moll-Wechsel in der Pause, der fp-Akzent im Nachspiel von Die liebe Farbe oder der Nachklang in Trockne Blumen. Das war vollendetes Schubert-Musizieren auf der Höhe unserer Zeit!

Damit bot Helmut Deutsch seinem jungen Partner einen idealen Rückhalt für eine ebenso ideale stimmliche Gestaltung. Mauro Peter verfügt über ein leicht ansprechendes, warmes und zu vielfältigen Klangfarben fähiges Tenormaterial und eine geradezu stupende Wortdeutlichkeit, ohne dabei je in Übertreibung zu verfallen. Da gibt es keine künstliche, sehr wohl aber kunstvolle Natürlichkeit der Stimmführung. und der Gestaltung. Und da gibt es kein Forcieren - auch im Piano bewahrt Mauros Stimme immer ihren schön-timbrierten runden Klang. In der Textausdeutung erlebt man viele wunderbare Details - etwa die lyrisch-bittere Akzentuierung des Wortes „munter“ in der vorletzten Strophe des Tränenregens oder des „du“ in „Du hast ja’s Grün so gern“. Auch der Stimmungswechsel in „Eifersucht und Stolz“ gelingt ohne platte Vordergründigkeit geradezu perfekt. Und in der Schlussstrophe der Trocknen Blumen spürt man schon die Resignation der Winterreise (die übrigens Peter und Deutsch auch schon erarbeitet und zuletzt in Zürich präsentiert haben).

Das Publikum war begeistert und wurde für den lebhaften Beifall und die Bravorufe mit vier Zugaben belohnt. Es gab zunächst aus dem Schubert‘schen Nachlass das zarte, selten gehörte Der Jüngling an der Quelle (mit dem Originaltext Luise - und nicht wie fallweise verändert Geliebte), dann die farbig-plastisch vorgetragene Forelle und den lebhaft gestalteten Musensohn. Da der Beifall noch immer nicht enden wollte, schenkten uns Peter und Deutsch noch die wunderbar-zarte und auch viel zu selten aufgeführte Miniatur nach einem Goethe-Text „Verfliesset, vielgeliebte Lieder zum Meere der Vergessenheit!“ (publiziert erst nach dem Tode von Schubert und in der Edition Peters nicht enthalten).

Just am Tage des Konzertes erhielt ich die Juni-Ausgabe der vom Wiener Bühnenverein herausgegebene „Bühne“. In ihr ist die  Live-Aufnahme der Schönen Müllerin mit Mauro Peter und Helmut Deutsch, die in diesen Tagen in den Handel kommt, als CD des Monats unter anderem mit folgenden Worten vorgestellt: „Man weiß nicht , was man mehr bewundern soll: die Reife des Ausdrucks oder Peters Meisterschaft, dank der sich bei ihm Wort und Ton durchdringen. Und obendrein klingt es auch noch ganz natürlich.“ Dem ist nichts hinzuzufügen - und man kann sich nur wünschen, dieses kongeniale Lied-Duo bald wieder erleben zu können.

Hermann Becke, 21. 5. 2015

Bilder: Peter Deutsch / Musikverein

 

Besondere Hinweise:

-        Ein Schweizer Fernsehinterview mit Mauro Peter kann hier angesehen werden.

-        Eine Kostprobe aus der Müllerin mit Helmut Deutsch am Flügel beim eingangs erwähnten Debüt in Schwarzenberg im Jahre 2012 gibt es hier

-        Und die oben erwähnte neue CD der Schönen Müllerin mit Peter/Deutsch wird ab 26.Mai im Handel sein

 

 

 

 

 

FIDELIO – konzertant

Die Wiener Staatsoper gratuliert zum 200.Geburtstag des Musikvereins für Steiermark

Stephaniensaal am 19. 4. 2015

Das Gastspiel der Wiener Staatsoper bildete den glanzvollen Abschluss der Festveranstaltungen zum 200-jährigen Bestehen des Musikvereins für Steiermark. Damit das Wiener Staatsopernorchester, der Wiener Staatsopernchor und die Solisten ausreichend Platz finden, wurde auf die ersten beiden Sitzreihen im Saal verzichtet und das Konzertpodium erweitert. Die Solisten in Frack und Abendkleid agierten im Vordergrund vor Orchester und Dirigenten. Ja – sie agietren tatsächlich - mit sparsamen Gesten und entsprechenden Auf- und Abgängen. Der gesprochene Dialog war sehr geschickt auf ein Minimalmaß zusammengestrichen. Es entstand so tatsächlich Opernspannung auf dem Konzertpodium – und es sei ausdrücklich gesagt: man vermisste Bühnenbild, Kostüme und eine allfällige szenische Neudeutung überhaupt nicht! Das Publikum folgte gebannt dem Werk und der intensiven Gestaltung durch alle Ausführenden.

Schon beim Vorspiel war klar, das wird kein routinemäßig ablaufender Pflichtabend: das Staatsopernorchester mit seinem hervorragenden Konzertmeister Prof. Rainer Küchl spielte schlichtweg exzellent. Man kann nur das bestätigen, was auf der Homepage der Wiener Staatsoper steht: „In einem Punkt sind sich alle – also Dirigenten, Sänger, das Publikum, die Kritiker, Musikliebhaber und Mitarbeiter von Musiktheaterbetrieben – einig, und zwar international: Das beste Opernorchester der Welt sitzt im Graben der Wiener Staatsoper und macht einen beachtlichen Teil der Unverwechselbarkeit dieses Hauses aus.“ Es war eine Freude, die hohe Qualität und die Intensität dieses Orchesters so unmittelbar erleben zu können. Natürlich lag dies auch an dem auswendig dirigierenden Maestro Adam Fischer, der in den letzten dreißig Jahren den Fidelio an der Wiener Staatsoper rund 40x dirigiert hatte und der an diesem Abend für enorme Spannung sorgte. Manchmal (etwa beim Terzett „Gut, Söhnchen, gut“ ) brachte er mit seinen vorantreibenden Tempi die vor ihm postierten Sänger fast in Schwierigkeiten – aber das ist völlig unwichtig, wenn insgesamt der Duktus stimmt – und das war den ganzen Abend hindurch nicht nur in den dramatisch-zupackenden Passagen, sondern auch bei den wunderbaren Ruhepunkten– etwa im Andante sostenuto des Quartetts oder im Adagio der großen Leonoren-Arie – immer der Fall. Ebenso einmalig wie das Staatsopernorchester ist wohl auch der Wiener Staatsopernchor (Leitung: Thomas Lang). Die Leistung war exemplarisch – ob es nun der Herrenchor in der Arie des Pizarro und im großen Gefangenchor (mit den ausgezeichneten Solisten Wolfram Igor Derntl und Johannes Gisser) in vorbildlicher Wortdeutlichkeit und plastischer Klangschönheit war oder dann der prächtig auftrumpfende und glanzvolle Gesamtchor im Finale: es war eine exemplarische Chorleistung.

Auch das Solistenensemble war durchaus hochkarätig. Alle haben vielfältige Staatsopernerfahrung – dennoch war interessant zu registrieren, dass vier der Solisten ihre Partien zum ersten Male in einer Produktion der Wiener Staatsoper sangen – fast gewann man den Eindruck, der anwesende Staatsoperndirektor Dominique Meyer wollte sie in diesem Gastspiel gleichsam erproben. Camilla Nylund war eine überzeugende und berührende Leonore. Die blonde, hochgewachsene Finnin war für mich geradezu eine Idealbesetzung – stimmlich war alles wie aus einem Guss. Sie gestaltete wunderbare Pianophrasen, hatte aber auch die dramatische Kraft für alle Ausbrüche. Die Achtelläufe bis zum H in der großen Arie gelangen makellos, „Töt‘ erst sein Weib“ mit dem hohen B hatte ohne jegliches Forcieren die nötige Durchschlagskraft und Attacke und die darauffolgende Piano-Phrase „Ja, sieh hier Leonore“ Wärme und Rundheit. Immer klang ihr Singen natürlich und nie angestrengt oder künstlich. Das war eine ganz große Leistung!

Ihr Florestan war der Amerikaner Paul Groves. Er war an der Wiener Staatsoper zuletzt im Jahre 1999 als Tamino und als Rosillon in der Lustigen Witwe zu hören und hat inzwischen einen Fachwechsel vollzogen. Groves hat den Florestan im Vorjahr in den USA und in Brüssel gesungen. Zuletzt war er Lohengrin in Oslo. Die Stimme hat das Volumen und die Klangfarbe für das dramatische Fach – allerdings wird derzeit die ganze Partie noch mit zu viel (und unnötigem) Druck gesungen. Auch an der Textartikulation wird noch zu arbeiten sein. Der dritte Rollendebütant an der Wiener Staatsoper ist – und man kann es kaum glauben! – der Routinier und in zahlreichen Rollen erprobte Wolfgang Bankl als Rocco. Er überzeugt in dieser Partie mit warmer Stimme, großer Textprägnanz und durchaus adäquater Spieloper-Ausstrahlung. Auch die junge Ukrainerin Olga Bezsmertna, die im Wiener Opernalltag vielfältig eingesetzt wird, ist als Marzelline eine Staatsoperndebütantin. Eigentlich ist sie stimmlich dieser Partie schon etwas entwachsen, singt sie doch schon die Figaro-Gräfin und die Pamina. Aber natürlich ist sie auch als lyrische Marzelline eine gültige Besetzung. Vor allem ihre Piano-Phrasen überzeugen mit bestechender Klarheit. Dazu kommen Norbert Ernst als prägnanter Jacquino und Boaz Daniel als warmtönender Don Fernando – beide sind gültige Besetzungen in ihren Partien. Vom Publikum heftig umjubelt war Tomasz Konieczny ein eindrucksvoller und mächtiger Pizarro, der auch gegen jedes Orchester-Forte stimmgewaltig besteht. Mich persönlich verwundern, ja stören seine guttural-abdunkelnden Vokalverfärbungen. Wenn er das verbessern könnte, dann wäre das für mich eine Weltklasse-Leisttung.

Ein besonderes Erlebnis war an diesem Abend die unmittelbar in den Schlussakkord des Duetts Leonore-Florestan hinein (nicht ganz bruchlos) beginnende Leonoren-Ouvertüre Nr.3. In einem Grazer Interview    dazu befragt, ob in einer konzertanten Aufführung dieser Einschub gerechtfertigt sei, antwortete Adam Fischer: „Wenn Sie ein Konzert mit dem Orchester der Wiener Staatsoper haben, dann müssen Sie die dritte "Leonore"-Ouvertüre spielen, weil sie die Bravourarie des Orchesters ist.“ Dem ist absolut nichts hinzuzufügen – tatsächlich war die Leonoren-Ouvertüre der absolute Höhepunkt dieses an Höhepunkten wahrlich nicht armen Abends!

Am Schluss gab es standing ovations des begeisterten Publikums für alle Ausführenden – und dann folgte noch die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Musikvereins an Adam Fischer, der seinen künstlerischen Weg 1971 als Korrepetitor an der Grazer Oper begonnen hatte und der seit über dreißig Jahren ein geschätzter Gast in Graz ist. Das Publikum feierte Adam Fischer gemeinsam mit dem gesamten Staatsopernensemble mit Staatsoperndirektor Dominique Meyer an der Spitze.

Es war ein wahrhaft großer Abend!

Hermann Becke, 20. 4. 2015

Fotos: Musikverein für Steiermark

 

 

 

GALA DES LIEDES

mit großen und mit neuen Namen

Thomas Quasthoff, Helmut Deutsch, Louise Alder, Angelika Kirchschlager, Michael Schade, Andrè Schuen

Stephaniensaal 10. 4. 2015

Gala und Lied - das sind eigentlich zwei Begriffe, die nicht so recht zusammenpassen. Für diese spezielle Grazer Veranstaltung ist aber die Wahl des Titels durchaus verständlich. Zunächst ist es ein weiterer Abend im Rahmen der Festveranstaltungen zum 200-jährigen Bestehen des Musikvereins – und dann ist es ein Dank an das treue Grazer Liedpublikum. Der Musikverein schreibt dazu auf seiner Homepage:

„Für unsere treuen Abonnenten haben wir als Geschenk einen ganz besonderen Abend vorbereitet. Die Gala des Liedes ist eine Hommage an die lange Tradition des Liederabendzyklus in Graz, der jedes Jahr den wichtigsten Sängern und Sängerinnen unserer Zeit ein angemessenes Podium bieten kann. Feiern Sie mit uns und den vielen internationalen Künstlern gemeinsam diesen besonderen Abend.“

Und in Wikipedia ist bei der Eintragung des Musikvereins für Steiermark zu lesen: „Die seit 1955 veranstalteten Liederabende bilden eine „Spezialität“ des Grazer Konzertlebens.“

Es freut den Schreiber dieses Berichts, dass er diese „Spezialität“ aus eigener Wahrnehmung durch Jahrzehnte verfolgen konnte - ist er doch Abonnent dieses Liederabendzyklus seit der Saison 1962/63 - also seit über 52 Jahren! Meine ersten Aufzeichnungen vermerken als Grazer Liederabend-Gäste im April und Mai 1963 Lisa della Casa, Elisabeth Grümmer, Hermann Prey und  Nicolai Gedda. Im Festprogramm der 150-Jahr-Feier im Juni 1965 gab es dann noch Liederabende mit Evelyn Lear und Christa Ludwig – also wahrhaft eine große Tradition. KS Michael Schade schreibt zu Recht am Konzerttag auf seiner Facebook-Seite: „Graz - the city where the Liederabend lives to incredible high standards with a superbly supportive and always vast audience“

Für mich war der Abend keine Gala, sondern ein geradezu familiäres Zusammentreffen von alten Künstlerfreunden des Grazer Liederabendpublikums mit zwei jungen Debutanten in Hauskonzert-Atmosphäre mit einem ganz bunt gemischten Programm, durch das Thomas Quasthoff als Moderator führte. Zu den internationalen Gästen traten bei zwei Stücken und bei der Zugabe noch die Herren des Konzertchores der Kunstuniversität Graz unter der Leitung von Johannes Prinz. Den Abend eröffnete Michael Schade mit dem erst nach Schuberts Tod veröffentlichen Werk für Tenor, Männerchor und Klavier „Nachthelle“ nach einem Text von Johann Gabriel Seidl. Dieses Stück ist für den Tenor in heikel-hoher Lage (meist zwischen f und b) geschrieben und ist für Michael Schade nicht neu - hatte er es doch schon im Sommer 1995 bei den Salzburger Festspielen gesungen. Der Herrenchor begleitete mit exquisiter Textdeutlichkeit und Artikulation - Michael Schade changierte geschmackvoll-routiniert zwischen Bruststimme und Falsett.

Danach ein großer Sprung in der Musikgeschichte, den Quasthoff charmant moderierte und damit die 28-jährige derzeit in Frankfurt engagierte Engländerin Louise Alder einführte, die an diesem Abend in Graz mit Benjamin Brittens aus fünf Liedern bestehenden Zyklus „On this Island“ nach Gedichten von Auden debütierte. Das sind in unseren Breiten selten gehörte Lieder mit fast opernhafter Emphase, die Louise Alder intensiv gestaltete. Sie nahm das Publikum mit ihrer warmen, klaren und koloraturensicheren Stimme sofort für sich ein. Nach ihr trug Thomas Quasthoff das Melodram „Schön Hedwig“ (von Robert Schumann; Text: Friedrich Hebbel) in packendem Balladenton vor. Natürlich vermisst man den Sänger Quasthoff, aber gleichzeitig freut man sich, dass er nun offenbar die Kunstform des Melodrams wieder beleben will – Dietrich Fischer-Dieskau hatte seinerzeit eine spannende Aufnahme vorgelegt. Vielleicht darf man hoffen, dass Quasthoff weitere Schätze aus dem reichen Melodram-Repertoire hebt und sich einmal damit dem Publikum präsentiert. Dann folgte der zweite Musikverein-Debütant – der 31-jährige Südtiroler Bariton Andrè Schuen. Er ist dem Grazer Publikum wohlbekannt, war er doch von 2010 bis 2014 an der Grazer Oper engagiert. Derzeit ist er freiberuflich tätig und setzt ganz bewusst einen Konzert-Schwerpunkt, wie man erst unlängst in einem Radio-Interview von ihm hören konnte. Auch er trug zu diesem Abend selten Gehörtes bei, nämlich den Zyklus „Quatre Chansons de Don Quichotte“ von Jacques Ibert. Das war ursprünglich ein Auftragswerk für den Don Quichotte-Film von G. M. Pabst des Jahres 1933. Es existiert von der Orchesterversion sogar noch eine Aufnahme mit Feodor Schaljapin, die Jacques Ibert selbst dirigiert. Andrè Schuen sang die vier Lieder mit großem Ernst und schöner, dunkeltimbrierter Stimme. Die Stimme füllte den Saal mühelos, aber seine kammermusikalische Interpretation war (noch) zu wenig extrovertiert-expressiv, um den großen Raum zu erfüllen – bekanntlich ist dies ja keine Frage des Stimmvolumens, sondern der Intensität.

Und als Abschluss vor der Pause dann ein „Schlager“: Angelika Kirchschlager, die ihre große Opernkarriere 1993 in Graz mit einem umjubelten Octavian begonnen hatte, sang Schuberts Ständchen – mit Charme und breiter gewordener, fraulicher Stimme. Auch sie wurde vom Herrenchor exzellent und erfreulich wortdeutlich begleitet. A propos Begleitung: alle Stücke des Abends begleitete am Steinway Helmut Deutsch, der zweifellos zu den gefragtesten und erfolgreichsten Liedbegleitern unserer Zeit gehört und seit vielen Jahren Gast in Graz ist. Deutsch war mit großer Konzentration am Werk und war für alle Solisten mit ihren so unterschiedlichen Programmen ein aufmerksamer und stets rücksichtsvoller Partner.

Nach der Pause begann Andrè Schuen mit den drei Harfner-Gesängen von Hugo Wolf. Sie sind auch auf seiner in diesen Tagen erscheinenden ersten Lied-CD enthalten. Wer Interesse hat, kann hier schon ein wenig hineinhören. Auch hier bestätigte sich der Eindruck des ersten Teils: Schuen hat eine ausnehmend schöne Stimme und gestaltet auch die Wolf-Lieder klug disponierend. Aber noch ist seine Interpretation ein wenig zu bescheiden. Er kann mit seiner Persönlichkeit und der existenziellen Aussage dieses großen Werks von Goethe und Wolf – noch – nicht den großen Saal erfüllen. Aber daran wird er arbeiten und man kann sich auf seine weitere Entwicklung als Liedsänger freuen. Louise Adler blieb dann mit Mignons „Kennst du das Land“ zunächst bei Goethe –  allerdings in französischer Übersetzung in der Vertonung von Henri Duparc. Dann sang sie das pathetisch-leidenschaftliche „Pace non trovo“ aus den Petrarca-Sonetten von Franz Liszt (das man vor kurzem in Graz in einer feurigen Interpretation von Ramon Vargas erlebt hatte) und zuletzt „Oh, quand je dors“ von Liszt nach einem Text von Victor Hugo. Auch bei ihr registrierte man erfreulich-positive Ansätze für ihre weitere Lied-Karriere. Duparc und Liszt hatten allerdings noch nicht die Brillanz und Intensität, die sie bei den Britten-Liedern schon erreicht hatte. Michael Schade setzte dann seine ungemein einnehmende Bühnenpersönlichkeit für fünf spätromantische Lieder des Grazers Joseph Marx ein, die er im Vorjahr auch in Wien im Konzerthaus gesungen hatte und mit denen er Morgen von Richard Strauss umrahmte. Das freut natürlich das Grazer Publikum, das Michael Schade mit animiertem Beifall dankt. Es stimmt schon, was ein Kritiker erst unlängst geschrieben hatte: Schade ist eine „Mischung aus charmanter Lässigkeit, vitaler Bühnenpräsenz und selbstverständlicher Musikalität.“ Von ihm können die beiden begabten Jungen dieses Abends viel profitieren! Und diese Epitheta Schades gelten natürlich erst recht ebenso für die umwerfende Angelika Kirchschlager, die den Abend mit zwei Wiener Liedern und zwei Chansons von Kurt Weill überaus effektvoll abschloss und damit bewies, dass sie wahrlich „a Madl von einer eigenen Rass“ ist!

Am Ende gab es für alle Ausführenden begeisterten Jubel und als Zugabe ein zauberhaftes Trink- und Abschiedsquartett der vier Solisten mit dem Herrenchor (ich meine, es war Schuberts „Zur guten Nacht“) – und da sang Thomas Quasthoff mit herzhafter Bassstimme kräftig mit.

Hermann Becke, 11.. 4. 2015

Fotos: Musikverein für Steiermark

 

 

 

SCHUBERTIADE

ZUM 200.GEBURTSTAG

mit Matthias Goerne und den Wiener Symphonikern unter Philippe Jordan

Stephaniensaal am 7. 4. 2015

 

Philippe Jordan war von 2001 bis 2004 Chefdirigent des Grazer Opernhauses und des Grazer Philharmonischen Orchesters. Bereits in dieser Zeit begann seine große internationale Karriere – derzeit ist er Musikdirektor der Pariser Oper und Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Es fügte sich also wunderbar – und ist der effizienten Planungsarbeit von Generalsekretär Dr. Michael Nemeth zu danken -, dass Philippe Jordan mit diesem Geburtstagskonzert nach Graz zurückkehrte. Im überaus reichhaltigen Programm des Musikvereins für Steiermark zum 200-Jahr-Jubiläum ist dieses Konzert eine Reverenz an das Ehrenmitglied Franz Schubert – und mit Stolz kann Graz darauf hinweisen, dass Franz Schubert schon 1823 zum Ehrenmitglied des Grazer Musikvereins ernannt wurde. In Wiener Musikverein wurde ihm diese Ehre nicht zuteil……

Heute gibt es eine erfreuliche und selbstverständliche Kooperation zwischen Wien und Graz: Das traditionelle Osterkonzert der Wiener Symphoniker „Frühling in Wien“, das am Ostersamstag im Wiener Musikvereinssaal erklungen war und auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde, war nun eine würdige Geburtstagsgabe für den Grazer Musikverein. Im klugen Programmheftbeitrag von Walter Weidringer liest man zum Thema „Schubertiade“: „So nannten die Beteiligten jene gesellschaftlichen Zusammenkünfte in Wiener bürgerlich-privatem Rahmen ab den frühen 1820er Jahren, bei denen Franz Schubert und seine Musik im Zentrum standen“ und „Erklangen bei den historischen Schubertiaden vor allem Klavier-, Lied- und Kammermusikkompositionen, weitet sich hier das Programm bis ins Symphonische. Und in jener gattungsmäßigen Buntheit, welche die musikalischen Akademien bis weit ins 19.Jahrhundert hinein prägte,… greifen orchestrierte Lieder, Bühnenmusiken und die Sätze einer Symphonie ineinander – zu einem Schubert-Kaleidoskop, das viele unterschiedliche Facetten seines Genius zum Leuchten bringt.“

Dieses musikalische Kaleidoskop wurde in Graz dem Anlass entsprechend vor Konzertbeginn durch festliche Grußworte zu einem Bild des heutigen „bürgerlichen“ Rahmens erweitert: Der Präsident des Musikvereins Dr. Franz Harnoncourt-Unverzagt (Bruder von Nikolaus Harnoncourt) und sein Generalsekretär Dr. Michael Nemeth konnten nicht nur die Wiener Symphoniker, die Mitglieder und das Publikum des Grazer Musikvereins, sondern auch die höchsten Vertreter der Landes- und Stadtpolitik sowie die Repräsentanten des Grazer Kulturlebens begrüßen. Vor allem aber wurde die Veranstaltung durch den Ehrenschutz des österreichischen Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer ausgezeichnet, der die Reden mit einem knappen und herzlichen Grußwort abschloss. Hier können alle Interessierten zusammenfassend nachlesen, wer was sagte.

Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker prägten diesen Abend mit einer ausgezeichneten und engagiert-konzentrierten Leistung. Sie spielten dort brillant, wo Brillanz geboten ist – etwa im rasanten Finalsatz der Symphonie Nr.3 in D-Dur. Und sie boten subtile Kammermusik-Raffinesse mit vielen wunderschön gestalteten Soli in den Rosamunde-Ausschnitten. Philippe Jordan zeigte jene Kapellmeister-Tugenden, die bereits am Beginn seiner Karriere als Grazer Opernchef auffielen: alles klingt immer transparent, nie gibt es dicken Orchesterklang. Er hält die großen Bögen zusammen und lässt in diesem Rahmen den Musikern genügend Raum zur Entfaltung. Bereits in der einleitenden D-Dur-Ouvertüre fielen die seelenvoll-atmenden Oboen-, Klarinetten- und Flöten-Soli auf – und in den Orchesterbearbeitungen der Lieder beeindruckte die natürlich-musikantische Bescheidenheit der Begleitung. Bei der Erlkönig-Orchesterfassung von Max Reger überzeugte dann fast opernhafte Attacke.

In Matthias Goerne hatten das Orchester und der Dirigent einen perfekten Partner und großartigen Liedgestalter. Auf Goernes Anregung hatte (der auch in Graz bekannte und geschätzte Liedbegleiter) Alexander Schmalcz Orchesterfassungen einiger Schubert-Lieder verfasst: An Silvia, Des Fischers Liebesglück, Alinde, Abendstern. Sie wurden in dieser Konzertserie erstmals aufgeführt und sind kammermusikalisch-sparsam angelegt. Matthias Goerne sang die Lieder mit seiner in allen Lagen ausgeglichenen dunklen Baritonstimme in überzeugender Schlichtheit ohne jegliche Manierismen. Er geht in seiner Gestaltung immer vom Klang und vom Schubertschen Melos aus. Dennoch bleibt er in der Textauslegung stets verständlich. In einem reizvollen Kontrast zu den Schmalcz-Orchestrierungen standen die Orchesterfassungen von Anton Webern (nüchtern-karg im Tränenregen aus der Müllerin), von Max Reger (üppig im Erlkönig und in An die Musik) und dann im Zugabenteil von Benjamin Britten (Die Forelle - mit plastischem Streichertremolo) und Jacques Offenbach (Ständchen - mit für unsere heutigen Ohren etwas banal klingenden Trompetensoli).

Insgesamt war dieser Abend ein wunderbares Schubert-Kaleidoskop auf höchstem Niveau, das vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Dem jubilierenden Musikverein ist für diesen Abend sehr zu danken – die Latte für alle weiteren Konzerte ist damit hoch!

Hermann Becke, 8. 4. 2015

Fotos: Musikverein für Steiermark

 

Hinweise:

Aktuelles Grazer Interview mit Philippe Jordan

TV-Aufzeichnung des Wiener Konzerts mit identem Programm (nur noch 3 Tage abrufbar!)

Jahresprogramm 2015/16 (u.a. gibt es auch ein Festkonzert mit Anna Netrebko!)

 

 

 

 

Stephaniensaal, 08.01.2015

ELINA GARANCA

Ein Opernweltstar als überzeugende Liedinterpretin

So strahlte Elīna Garanča nach dem ersten Teil des Grazer Liederabends, in dem sie in zwei Gruppen je sieben Lieder von Johannes Brahms mit Malcolm Martineau als Begleiter am Flügel überzeugend gestaltet hatte. Der Saal mit über 1200 Plätzen war übervoll, man hatte auf dem Podium zusätzliche Stühle aufgestellt und auch auf dem Stehplatz drängte sich das begeisterte Publikum. Elīna Garanča war erst vor drei Monaten in Graz gewesen – damals mit Orchester, um ihre CD „Meditation“ zu präsentieren (wer sich über dieses Konzert informieren will, der sei auf den Bericht vom 12.10.2014 verwiesen – siehe unten). Diesmal war sie im regulären Liedzyklus zu Gast, der seit 60 Jahren vom Musikverein angeboten wird und über den man auf der Homepage lesen kann: „Zu einer Spezialität für Graz kristallisierte sich seit 1954/55 die Veranstaltung von Liederabenden: In mehr als 300 Konzerten gastierte hier die Weltelite des Liedgesangs, darunter Persönlichkeiten wie Irmgard Seefried, Wilma Lipp, Hans Hotter, Christa Ludwig, Peter Pears, Hermann Prey, Nicolai Gedda, Lisa della Casa, Fritz Wunderlich, Gundula Janowitz, Grace Bumbry, Peter Schreier, Teresa Berganza, Lucia Popp, Brigitte Fassbaender und Jessye Norman.“  Graz zählt damit zu den ganz wenigen europäischen Konzertveranstaltern, die nach wie vor ein eigenes Liedabonnement anbieten. Und Elīna Garanča und Malcolm Martineau bewiesen an diesem Abend eindrucksvoll, dass das Lied nach wie vor und zu Recht sein Publikum findet. Elīna Garanča hatte ein kluges und für sie optimal passendes Programm gewählt. Bei Elīna Garanča  ist immer alles hoch professionell und perfekt gestaltet. Fast meint man, dass das schlicht-elegante blaue Kleid ganz bewusst zu den Brahms-Liedern gewählt war – hatte doch erst vor kurzem eine Erhebung der Elite-Universität Berkeley in Kalifornien festgestellt, dass die überwiegende Mehrheit aller Testpersonen Brahms-Klänge mit der Farbe Blau verbindet! Der Abend wurde mit dem ersten Lied aus dem ersten Liederheft  (Op.3) von Brahms eröffnet: „Liebestreu“. Sofort zog die Garanča mit den Worten „O versenk, o versenk dein Leid“ im dunklen Brust-Register das Publikum in ihren Bann. Schienen mir die dramatischen Stellen zunächst noch etwas vordergründig „serviert“, so überzeugte sie mich vor allem in den wunderbar lyrisch-verhaltenen Liedern restlos. „Sapphische Ode“ und „Ruhe, Süßliebchen“ kann man nicht schöner und bezwingender singen. Elīna Garanča gestaltete die großen Brahms-Bögen ganz vom Stimmlichen her, allerdings ohne dabei den Text zu vernachlässigen. Der Text wird plastisch und ohne Manieriertheit artikuliert – und das alles mit einer perfekten, in allen Lagen und Registern völlig ausgeglichenen Führung dieser wunderbaren Stimme in der warmen Klangfarbe einer Bratsche. Manche sagen Elīna Garanča eine nordische, ein wenig unnahbare Kühle nach. An diesem Abend berührte sie mit wehmütig-intensiv gestalteten Phrasen - etwa in „Heimweh II“ (O wüsst ich doch den Weg zurück) und „Alte Liebe“ (Es kehrt die dunkle Schwalbe aus fernem Land zurück) übertrug sich die persönliche Betroffenheit der Künstlerin unmittelbar auf das Publikum. Malcolm Martineau war ein exzellenter Mitgestalter am Steinway, der sich nie in den Vordergrund drängte und dennoch stets präsent war.

Nach den wunderbaren Brahmsliedern betraten die Repräsentanten des Musikvereins das Podiums und überreichten Elīna Garanča die Urkunde über die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft.

Zum Thema „Ehrenmitgliedschaft“ schließt sich am Ende dieses Berichts eine kleine Betrachtung an. Im Mittelpunkt dieses Berichtes soll aber der Liederabend bleiben.

In der Pause wechselt Elīna Garanča die Robe – nun tritt sie im crème-farbenen Abendkleid auf das Podium und präsentiert  zunächst drei Lieder von Henri Duparc: „Au Pays, où se fait la guerre“, „Extase“ und „Phidylé“. Das ist eine ganz andere musikalische Welt als das deutsche Lied von Brahms – das sind üppig-expressive Klangbilder. Man hört, speziell in Extase, Wagners Einfluss – und plötzlich denkt man daran, ob die Garanča nicht vielleicht in zehn Jahren eine wunderbare Isolde sein könnte……..Auch in den französischen Liedern trifft sie perfekt den Sprachklang und ist nun die große Diva. Das offizielle Programm endet dann mit acht Liedern von Sergej Rachmaninow – manche davon hatte man in Graz vor drei Jahren von der großartigen Krassimira Stoyanova gehört. Und es ist wohl kein Zufall, dass gerade die großen Bühnendiven Rachmaninow wählen, ist das doch schwelgerische Podiumsmusik, die Elīna Garanča mit großer stimmlicher Geste perfekt zu Gehör bringt. Auch hier ist ihr Malcolm Martineau ein kongenialer Partner. Am Ende gibt es großen Jubel, Blumen und Bravorufe und das Grazer Publikum darf sich über drei Zugaben freuen: zuerst – so wie wenige Tage zuvor beim Konzert in Zürich mit dem identen Programm – von Brahms „Meine Lieb ist grün“ und von Richard Strauss „Allerseelen“. Und zuletzt dann noch – gleichsam umringt von dem auf dem Podium stehenden Publikum – in bewundernswerter Ruhe „Morgen“ von Richard Strauss. Ein wahrhaft großer Abend!

Wenn man auf die Homepage von Elīna Garanča blickt, dann weiß man, dass nun im Februar und März die Carmen an der Met (Video )  und an der Scala auf dem Programm steht Die Liedfreunde in Österreich können sich freuen, dass das Grazer Liedprogramm im April an der Wiener Staatsoper und  im August bei den Salzburger Festspielen neuerlich erlebt werden kann.  

Hermann Becke, 9. 1. 2015

 

Und nun für musikhistorisch Interessierte der kleine Exkurs zum Thema Ehrenmitgliedschaft:

Nach dem Wiener Musikverein ist der Musikverein für Steiermark der zweitälteste Musikverein der Welt, der seit seiner Gründung Anfang des 19. Jahrhunderts ohne Unterbrechung tätig ist. Unter dem Titel „Eine bürgerliche Musikgesellschaft“ gibt es ein lesenswertes Buch von Harald Kaufmann, das vor 50 Jahren zum 150. Geburtstag des Musikvereins erschienen ist und leider nur mehr in Bibliotheken und antiquarisch erhältlich ist. Darin findet sich ein kluges Kapitel zum Thema Ehrenmitglieder.

Zitat:  „Es verdient festgehalten zu werden, dass die Wiener Gesellschaft für Musikfreunde erst im Jahre 1826 eine Aufwertung ihrer Ehrenmitgliederliste durch Aufnahme bedeutender schöpferischer Musiker vornahm: vorher rangierten in ihr nur einige Angehörige der Aristokratie. Graz verfuhr in diesen Belangen schon seit 1820 zielstrebiger, freilich wohl auch unter dem Eingeständnis, dass man sich durch Ehrenmitglieder jene Repräsentation schaffen müsse, zu der die Substanz am eigenen Ort nicht reicht. Die Ernennung Beethovens, 1821, fünf Jahre bevor ihm die Gesellschaft der Musikfreunde die Ehrenmitgliedschaft zuerkannte, und die Schuberts, 1823, der es in Wien nicht zur Ehrenmitgliedschaft der Musikfreunde brachte, krönten das Bekenntnis des Grazer Vereins.“

 

 

 

 

Es ist dem heutigen Generalsekretär des Musikvereins in Graz Dr. Michael Nemeth zu danken, dass er aus Anlass der 200-Jahr-Feier initiativ wurde und die seit Jahrzehnten nicht mehr genutzte Möglichkeit der Ernennung von Ehrenmitgliedern wieder belebte. So wurde zuletzt Krzysztof Penderecki und Nikolaus Harnoncourt die Ehrenmitgliedschaft verleihen – und diesmal mit Elīna Garanča eine Repräsentantin der jüngeren Generation weltberühmter Interpreten. Sie bedankt sich im Programmheft mit dem nebenstehenden Text für diese Ehrung:

 

 

 

 

 

 

 

 

Graz, Stephaniensaal am 27.11.2014

DIANA DAMRAU und XAVIER DE MAISTRE

Strauss-Lieder zur Harfe

 

Zwei Ausnahmekünstler

Die 2013 in München aufgenommene Lucia-CD ist gerade auf den Markt gekommen, während Diana Damrau in Wien die Leila in den Perlenfischern singt. Und mitten während dieser Aufführungsserie im Theater an der Wien (siehe dazu den OF vom 25.11. und 19.11.) kommt Diana Damrau zwischen zwei Vorstellungen für einen Liederabend (im regulären Abonnementzyklus – danke!) nach Graz. Und eigentlich kann ich gleichsam als Motto für den heutigen Bericht das übernehmen, was im Opernfreund über ihre Leila geschrieben wurde:

„Da stimmt einfach alles, jede Phrase, jede Geste wird bei dieser Ausnahmekünstlerin zu einem hinreißenden Erlebnis für ein gebannt an ihren Lippen hängendes Publikum. Brava!“

In Graz präsentierte die Damrau gemeinsam mit dem Harfenisten Xavier de Maistre jenes Liederprogramm, das sie in der kommenden Woche in der Wiener Staatsoper singen wird und das auch bereits im diesem Sommer auf dem Programm der Salzburger  Festspiele stand. Einige der Strauss-Lieder konnte man von Damrau/de Maistre in Graz auch schon bei ihrem Graz-Debut im Februar 2009 erleben.

Und gerade speziell zu den Strauss-Liedern sei vorweg eine entscheidende Einschränkung erlaubt: die Lieder sind im Gesamtwerk von Richard Strauss  gleichsam das Bindeglied zwischen der Instrumentalmusik und der Oper. Der Großteil seiner Lieder ist vor seinem Operndurchbruch mit der „Salome“ entstanden. Man kann die Lieder geradezu als Vorstufe und Übungsfeld für seine späteren musikdramatischen Werke betrachten. Der Klaviersatz dieser Lieder ist reich an tonmalerischen Reizen und harmonischen Finessen  – nicht umsonst hat Richard Strauss eine ganze Reihe seiner Klavierlieder nachträglich instrumentiert, um diese Reize noch zusätzlich auszuweiten. Wenn also der von Strauss exzellent gesetzte Klavierpart nun auf die der Harfe mögliche Bandbreite von Klang und Dynamik reduziert wird, dann geht doch so manches verloren – dann werden die großen Podiumslieder plötzlich zu kammermusikalischen Miniaturen, denen ein wenig die große und mitreißende Geste fehlt. 

Dieser Einwand ändert aber nichts daran, dass wir an diesem Abend eine Diana Damrau erleben konnten, die derzeit zweifellos einen Höhepunkt ihrer Karriere erreicht hat. Die warm timbrierte Stimme sitzt technisch perfekt. Mühelos gestaltet sie mit langem und ruhigem Atem in allen Lagen wunderbare Crescendi und Decrescendi, die nie um der Kunstfertigkeit willen produziert werden, sondern sich aus der Musik-und Textgestaltung heraus harmonisch entwickeln. Und dazu kommt eine - für einen hohen Sopran seltene - hervorragende Textdeutlichkeit. All dies wird ergänzt durch eine natürlich-intensive Podiumsausstrahlung, die dem Publikum glaubhaft vermittelt, dass hier kein Routineprogramm abgespult wird, sondern dass jedes Lied, ja jede Nuance aus dem Moment heraus neu gestaltet wird. 

Dia Damrau sang im ersten Teil elf Lieder von Richard Strauss – fast alle dem Publikum wohlbekannt (Du meines Herzens Krönelein, Schlechtes Wetter, Traum durch die Dämmerung, Heimliche Aufforderung…..). Die meisten kann man jederzeit auf youtube in dieser Besetzung nachhören - aber man ist versucht, mit Heine zu sagen: „es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu“ – und genießt die Makel- und Mühelosigkeit des Gesangs. Mich hat an diesem Abend besonders die große Ruhe und Gefasstheit berührt, mit dem Damrau „Ruhe, meine Seele“ vorgetragen hat – ein Meisterwerk, das Strauss seiner Frau zum Hochzeitstage gewidmet hatte. Auch bei diesem Lied vermisste ich den Klavierklang der gehaltenen Akkorde, über dem sich die Stimme erhebt. Trotz der eingangs formulierten grundsätzlichen Einwände sei aber betont: der Meisterharfenist Xavier de Maistre begleitete all dies Strauss-Lieder virtuos und makellos! Und er spielte zwischen den beiden Liedgruppen auch das Liszt’sche Virtuosensolostück so, dass das Publikum geradezu den Atem anhielt.

Der zweite Teil begann mit drei weiteren Strauss-Liedern: Ständchen, dann das wunderbar mit unendlichem Atem gesungene Wiegenlied und zum Schluss das dritte der vier letzten Lieder „Beim Schlafengehen“. Und da musste die Harfe nicht mehr das Klavier, sondern gleich ein ganzes Orchester ersetzen. So wunderbar Damrau auch den idyllisch-gefühlvollen Ton traf, es fehlte hier besonders schmerzlich der Orchesterklang mit dem Violinsolo – da hat man z.B. Karajan mit den Berliner Philharmonikern und mit der aus Graz kommenden Gundula Janowitz im Ohr. Ich kann nur sagen: hören Sie sich das hier an, dann werden Sie verstehen, was ich vermisst habe, wenn man dieses Stück auf Harfenbegleitung reduziert.

Und weil wir schon beim Reduzieren des Orchesterklangs sind: die für Harfe adaptierte (und natürlich stark verkürzte) Moldau von Smetana, die nach den Strauss-Liedern erklang, war für mich an diesem Abend ein entbehrlicher Programmpunkt, so unbestreitbar virtuos auch Xavier de Maistre das Stück präsentierte.

Zum Abschluss folgten dann die – zeitlich kurz vor den Strauss-Liedern entstandenen-  Zigeunermelodien, die Antonin Dvořák nach Texten von Adolf Heyduk für den aus Böhmen stammenden und in Wien wirkenden Hofoperntenor Gustav Walter (den Stolzing der Wiener Erstaufführung der Meistersinger!) geschrieben hatte. Da passte plötzlich der Harfenklang sehr gut – man war geradezu an Zymbalklänge erinnert. Diana Damrau gestaltete die Lieder mit vitaler Lebensfreude.

Der Jubel des Publikums für beide Ausnahmekünstler war groß - und so wurden wir mit drei Zugaben beschenkt:  Zuerst gab es – speziell für Graz, wie Damrau betonte – „Das Veilchen“ aus den Blumenliedern des Grazers Robert Stolz. Dazu ein lokahistorischer Hinweis, der vielleicht so manchem Opernfreund nicht bekannt ist: Robert Stolz war der Großneffe von Teresa Stolz , die zahlreiche Ur-und Erstaufführungen Verdis gesungen hatte und Verdi auch persönlich sehr nahe stand...

 Dann folgte als zweite Zugabe ein Virtuosenstück, das die Damrau in den letzten Jahren immer wieder mit Riesenerfolg aufführt und in perfektem Französisch vorträgt: „Villanelle“ der belgischen Komponistin des 19. Jahrhunderts Eva Dell'Acqua – wer Lust hat, kann das hier nachhören. Und da der Jubel noch immer kein Ende nahm, gab es dann noch „Morgen“ von Richard Strauss – in bewundernswerter Ruhe und Konzentration.

Das Wiener Publikum kann gespannt sein, wie das Programm am 2. Dez. auf der Staatsopernbühne zur Geltung kommt

 

Hermann Becke, 28 11. 2014

 

 

Die in diesem Beitrag oben erwähnte CD-Aufnahme von Lucia di Lammermoor ist just im Opernfreund besprochen worden.   

 

 

 

Graz, Stephaniensaal am 16. 11. 2014

Angela Gheorghiu 

Die Diva macht Station in Graz

Dem Jubiläum ist es zu danken, dass der Veranstalter stolz titeln kann „DEBÜT DER DIVA::: ANGELA GHEORGHIU singt erstmals in GRAZ! Die glamouröseste Sängerin unserer Tage gibt ein Festkonzert anlässlich "200 Jahre Musikverein Graz"!“.

Aber dieses Debut war mit einigen Schwierigkeiten verbunden: Im Jahresprogramm und auch auf der Anfang Oktober erworbenen Eintrittskarte stand als Partner der Gheorghiu der junge brasilianische Tenor Atalla Ayan, mit dem sie im November 2013 in Versailles aufgetreten war. Dann wurde plötzlich ein anderer Tenor angekündigt: nämlich der erfahrene Rumäne Marius Vlad Budoiu, der inzwischen auch der Direktor der Oper von Cluj-Napoca ist. Er sang am 9. November in Paris mit der Gheorghiu das auch für Graz vorgesehene Tourneeprogramm, war aber da offenbar indisponiert und erhielt für diesen Abend eine durchaus unfreundliche Kritik. Er hatte für das Grazer Konzert offenbar sehr kurzfristig abgesagt. Denn ab Mittag des Konzerttages konnte man auf der Facebook-Seite der Gheorghiu lesen, dass nun am Abend der 31-jährige rumänische Tenor Teodor Ilincăi einspringt. Er selbst schrieb auf seiner Facebook-Seite: „Tonight I'll perform together with Angela Gheorghiu at the Musikverein Graz. How wonderful! I'm very honored by this invitation and I'm sure it will be a great evening!“. Er ist durchaus „Gheorghiu-erfahren“, ist er doch mit ihr bereits im Jahre 2011 in Spanien und im Vorjahr bei Konzerten in London und in der Türkei aufgetreten, wie man seiner Homepage entnehmen kann.


Auf der offiziellen Website  von Angela Gheorghiu liest man, dass „Superstar Angela Gheorghiu, the most glamorous and gifted opera singer of our time“ sei und man sieht auch, dass sie sich derzeit auf der Opernbühne rar macht: Von Oktober bis Dezember 2014 gibt es lediglich am 10. und 13. Dezember an der Met in New York die Mimi – sonst keine Opernauftritte. Dafür reist die Diva mit einem Arienprogramm durch Europa: am 9.11. sang sie in Paris, am 25. November wird sie in Amsterdam sein, und in Baden-Baden gestaltet sie die Silvester-Gala. Dazwischen machte sie nun Station in Graz. Das Orchester wechselt. In Paris spielte die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, in Amsterdam wird es das Het Gelders Orkest, in Baden-Baden die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern  sein, und in Graz begleitete das Symphonieorchester der Volksoper Wien. Der Dirigent ist in allen Fällen Tiberiu Soare – seit 2005 Leiter der Nationaloper Bukarest. Er genießt offenbar das besondere Vertrauen von Angela Gheorghiu, dirigiert er doch praktisch alle ihre Konzertauftritte der letzten Jahre. Was die Tenorpartner Gheorghius anlangt, so ist das ja nicht so einfach – natürlich müssen sie auf einem gewissen internationalen Niveau sein, aber sie dürfen keinesfalls die Diva in den Hintergrund drängen. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, war die Wahl des Einspringers Teodor Ilincăi ideal. Das ist ein junger Rumäne, der am Anfang seiner internationalen Karriere steht und der noch dazu gerade den auf dem Programm stehenden und selten aufgeführten „L’Amico Fritz“ im Repertoire hat. Ende Oktober sang er die Premiere in Straßburg – mit respektablem Erfolg, wie hier im Opernfreund nachzulesen ist – und er hatte gerade vorstellungsfrei und konnte damit das Grazer Galakonzert retten.

Das Grazer Publikum lernte in ihm einen aufstrebenden Tenor mit bombensicheren und strahlenden Höhen kennen, der seine Soloarien aus Tosca (E lucevan le stelle) und Turandot (Nessun dorma) respektabel, wenn auch etwas eindimensional gestaltete. Für den Otello (Dio, mi potevi scagliar) wird es wohl noch einige Zeit dauern – da genügen nicht strahlende Spitzentöne, wenn die breit-fundierte Mittellage und Tiefe noch fehlen. Und in den Duetten merkte man natürlich, dass er nicht die technische und interpretatorische Raffinesse der Diva hat. Im Mezzavoce und im Piano rutscht ihm der Stimmsitz etwas nach hinten und die Töne haben keinen Glanz und keine Rundung mehr. Aber Teodor Ilincăi verfügt zweifellos über ein prächtiges Material, das auf seinen Feinschliff wartet. Wenn dieser Feinschliff gelingt, dann darf man von ihm noch Erfreuliches erwarten. Das Symphonieorchester der Volksoper Wien unter Tiberiu Soare begleitete aufmerksam und spielte in diesem Wunschkonzertprogramm auch vier Stücke ohne Solisten: zunächst lärmend das Bacchanal aus Samson et Dalila (mit guten Hörnern!), das Vorspiel zum 3.Akt Carmen mit schönem Flöten- und Harfenklang, sowie Dvoraks Slawischen Tanz und die Polonaise aus Eugen Onegin – beides eher im Stil eines „Gstrampften“ derb-lauter österreichischer Volksmusik. Da durfte man nicht an Harnoncourts Dvorak-Interpretation oder an Gergiev im Mariinsky-Theater denken……

Aber man weiß ja – es geht bei diesem Galakonzert nicht um den Dirigenten, es geht auch nicht um den Tenor und schon gar nicht um ein nach musikalischen Zusammenhängen aufgebautes Programm – alles ist nur Rahmen für „Superstar Angela Gheorghiu, the most glamorous and gifted opera singer of our time“. Und Angela Gheorghiu war auch an diesem Grazer Abend die große Bühnendiva, bei der alles perfekt gestylt ist. Das beginnt mit drei traumhaften Roben – natürlich sind es andere, als sie eine Woche davor in Paris getragen hatte (Wen es interessiert – die kann man auf ausgezeichneten Fotos hier anschauen!). Zum perfekten Styling gehört auch, dass jede Bewegung, jeder Auftritt, jeder Abgang genau überlegt und effektvoll gestaltet sind. Dazu passt auch ein symptomatisches kleines Missgescchick:  bei ihrem ersten Auftritt nach der Pause sind nicht alle Scheinwerfer einschaltet, was sie natürlich sofort reklamierte und was dank des persönlichen Einschreitens des Musikvereinsgenerals auch rasch behoben wurde. Angela Gheorghiu braucht das strahlende Rampenlicht, um ganz zur Geltung zu kommen. Sie ist eine blendende Erscheinung und setzt auch nach 20 Jahren internationaler Karriere ihre wunderschön timbrierte und unverbraucht wirkende Stimme perfekt ein. Sie weiß, wie sie ihre Kräfte einzuteilen hat, sie versteht es, wunderbar-changierende Klangfarben zu entwickeln – aber eines sei doch erlaubt zu sagen: eigentlich klingen alle Arien und Szenen gleich – die Stücke sind offenbar nur dazu da, um die ungeheure Kunstfertigkeit der großen Diva darzustellen. Nun bin aber doch noch schuldig, Ihnen zu sagen, was die Gheorghiu an diesem Abend gesungen hat - und das war nicht wenig! Die Liu-Szene „Tu che di gel sei cinta“ wirkte fast wie bloß ein Einsingstück – noch dazu wackelte da am Beginn der Kontakt mit dem Orchester gehörig. Dann folgte das Duett aus „L’amico Fritz“ – hier demonstrierte sie perfekte Klangkultur und ließ ihren Partner (stimmlich und optisch) ein wenig hölzern wirken. Ein stimmliches Kabinettstück war dann Desdemonas Ave Maria – aber eben ein Kabinettstück und keine berührende Klage einer Todgeweihten. Auch das Duett Otello/Desdemona „Già nella notte densa“ wurde geradezu zu einem Lehrstück für ihren tapferen Tenorpartner, wie technisch raffiniert dieses wunderbare Stück gesungen werden kann. Dieses Duett Gheorghiu/Ilincăi kann übrigens auf youtube in einer Aufnahme aus dem Jahre 2013 gehört und gesehen werden. Man ist fast versucht zu sagen: so war es (fast bis zu den kleinsten Gesten) auch gestern in Graz! Geradezu auf den Leib geschrieben sind der Gheorghiu die artifiziellen Bühnengeschöpfe der Adriana Lecouvreur und von Catalanis La Wally. Mit deren Arien ist sie in ihrem Element und wird zu Recht bejubelt. Das offizielle Programm endet mit dem Duett Mimi/Rodolfo „O soave fanciulle“, bei dem der Tenor seiner Diva ein Stofftier überreichen darf.

Dann gab es endlich großen Jubel und Bravorufe – während des Abends war ja das Publikum (im nicht ausverkauften Saal) mit Beifall erstaunlich sparsam gewesen. Und nun gab es auch noch das erhoffte reiche Zugabenprogramm, das aus den Gheorghiu-Konzerten bekannt ist: zunächst artifiziell-eindrucksvoll „O mio babbino caro“ aus Gianni Schicchi, dann für den Tenor den plakativen Zarzuela-Reisser „No puede ser“ (kennt man von Alfredo Kraus, Placido Domingo, Rolando Villazon…). Schließlich sagt Gheorghiu charmant eine rumänische Romanze an und singt danach – a cappella und im Adriana Lecouvreur-Stil – „Guten Abend, gute Nacht“ (das singt sie übrigens auf deutschem Boden meist – zuletzt in Frankfurt vor einem Jahr – dort allerdings mit Orchester). Und ganz zuletzt stürmt die Gheorghiu mit ihrem Tenorpartner nochmals auf die Bühne, um temperamentvoll Granada anzustimmen – ganz in jenem Stil, wie sie es schon vor Jahren - damals noch mit Roberto Alagna - in  NewYork gesungen hatte.

Eine große Diva war hier – es war so, wie es zu erwarten war – ein hochartifizielles Spektakel. Dem Musikverein ist zu danken, dass dank Jubiläumsjahr auch diese Facette des internationalen Konzertlebens einmal live in Graz zu erleben war!

Hermann Becke, 17.11.2014

 

Ein zeitgemäßer, nicht ganz ernst gemeinter Hinweis aus der Medienwelt zum Thema Diva: Angela Gheorghiu hat mit ihrer Facebook-Fanseite rund 232.000 „Gefällt mir“ und liegt damit knapp hinter Anna Netrebko, die rund 257.000 ausweist – aber die beiden sind weit vor Renée Fleming (123.000) Elina Garanca (65.000) und Jonas Kaufmann. Aber was ist das im Vergleich zu einer anderen Angela – nämlich zu Angela Merkel mit ihren 888.000 oder zur Eurovision-Songcontest-Siegerin Conchita Wurst mit 858.000 „Gefällt mir“!

 

 

 

 

Graz, Stephaniensaal, 26. 10. 2014

DIE WINTERREISE

Simon Keenlyside und Emanuel Ax

Meisterhafte Interpretation zweier großer Künstler!

Simon Keenlyside, der Weltstar der Opernbühne (z.B. zuletzt als Rigoletto in Covent Garden und demnächst in der Dezember-Premiere der Wiener Staatsoper) ist im Oktober mit der Winterreise auf Konzerttournee. Er kam direkt aus England (zweimal umjubelt in der Wigmore Hall am 22.und 24. Oktober – siehe die Kritik) nach Graz, um den diesjährigen internationalen Liederabendzyklus zu eröffnen und sich damit erstmals dem Publikum des Grazer Musikvereins vorzustellen, dessen Ehrenmitglied Franz Schubert schon zu seinen Lebzeiten, nämlich im Jahre 1823 wurde. 

Keenlyside hat sich neben seiner Operntätigkeit seit Jahren intensiv mit dem deutschen Liedgesang auseinandergesetzt – gerade auch mit Schuberts Winterreise. Seine vielgerühmte Interpretation in der New Yorker Version der Choreographin Trisha Brown mit drei Tänzern liegt über zehn Jahre zurück, war in England, Australien und in der Schweiz, nicht aber nicht in Deutschland und Österreich zu erleben. Wohl erinnert man sich auch, dass Simon Keenlyside gemeinsam mit Pierre-Laurent Aimard im Salzburger Festspielsommer 2011 anstelle des erkrankten Thomas Quasthoff die Winterreise gesungen hatte. Nun ist er nach Graz mit dem polnisch-amerikanischen Pianisten Emanuel Ax gekommen, bevor dann das Duo im Zweitagesabstand auch in Wien und Salzburg gastiert. Nun könnte man meinen, dass bei einer derart dichten Folge der Termine ein Star Gefahr läuft, seiner immensen Routine zu vertrauen und den Abend aus dieser Routine heraus ablaufen zu lassen. Nichts dergleichen ist geschehen - diese Grazer Winterreise war ein packendes, ganz aus dem Persönlichen schöpfendes und das Publikum in Bann ziehendes Ereignis! Keenlyside hat es in großartiger Weise verstanden, die Winterreise in extrovertierter, das Publikum geradezu bezwingender Ehrlichkeit zu gestalten, ohne jemals in leeres, oder gar eitles (Opern)Pathos zu verfallen. Es gibt viele Zugänge, wie man diese Reise eines Menschen, der bis an die Grenze seiner Existenz gelangt, interpretieren kann. Da gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, dies distanziert berichtend oder aber ganz in sich gekehrt, introvertiert zu gestalten. Simon Keenlyside stand an diesem Abend in Graz auf dem Podium als der sich verzweifelnd aufbäumende Wanderer, der in Gestik und Gesang die gesamte dynamische Breite ausschöpfte und seine Verzweiflung dem Publikum mitteilte.

Dabei wurde er von dem hervorragenden Emanuel Ax meisterhaft unterstützt – das war eine vollkommene Partnerschaft zwischen Stimme und Klavier. Selbstverständlich waren die Temporückungen, die Rubati, die unterschiedlichen Strophengestaltungen genau kalkuliert und überlegt – dennoch: sie wirkten immer, wie aus dem Moment der Wiedergabe dieses Abends geboren. Ax atmete mit dem Sänger mit und reagierte auf jede kleinste Gestaltungsnuance. Und Keenlyside versteht es wahrlich, in perfekter technischer Stimmführung seines virilen Baritons vom Pianissimo bis zum Forte-, ja Fortissimoausbruch jede Phrase, jedes Wort gerade auch in den Textwiederholungen gültig und überzeugend zu gestalten, ohne dabei je den großen Zusammenhang, den weiten Bogen zu verlieren.  Mustergültig ist auch Keenlysides sprachliche Artikulation – ein Vorbild für alle deutschsprachigen Sänger. Keenlyside scheut sich nicht, bisweilen ungewohnte Atemakzente zu setzen – etwa wenn er singt: „Krähe, lass mich endlich sehen Treue – bis zum Grabe“ oder „Was will ich unter den Schläfern – säumen“ oder „Nur Täuschung ist für mich – Gewinn“. Wann hat man je die „Letzte Hoffnung“ so bewegend erlebt , wann die „Täuschung“ so ausweglos und wann die im Forte vorgetragenen unbarmherzigen „Nebensonnen“ so plastisch vor sich gesehen ?

An diesem Abend hatte man den Eindruck, dass Keenlyside und seinem Partner Ax praktisch alles gelungen ist – und ich stehe nicht an zu gestehen, dass dieser Liederabend für mich zu den packendsten und überzeugendsten zählt, die ich jemals gehört habe – und ich habe in den letzten Jahrzehnten hunderte Liederabende mit fast alle großen Liedinterpreten erlebt. Gültiger kann man heute Schuberts Winterreise nicht interpretieren. Das Publikum erkannte die Einmaligkeit dieser Sternstunde – da gab es kein Husten, keine Unruhe im Saal - nur gespannte Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Der Riesenbeifall und die Bravo-Rufe brachen erst nach einer Spannungspause nach der letzten leeren Quinte des Leiermanns los – standing ovations und natürlich keine Zugabe.

Das Grazer Liedpublikum kann sich glücklich schätzen, in diesem Jubiläumsjahr des Musikvereins gleich zwei große und völlig unterschiedliche Interpretationen von Schuberts Winterreise erlebt zu haben: im April Jonas Kaufmann mit Helmut Deutsch und nun Simon Keenlyside mit Emanuel Ax!

Dazu ein interessanter Hinweis: Auch London hat heuer beide Interpretationen erlebt – auf der von den Keenlyside-Fans gestalteten Website finden sich zu diesem Vergleich illustrative Äußerungen!

Und sollte es jemanden interessieren, welcher Zusammenhang zwischen Graz und dem Entstehen von Schuberts Winterreise vermutet werden darf, der ist eingeladen, meinen Bericht über die Winterreise Kaufmann/Deutsch vom 4.4.2014 nachzulesen – da gibt es dazu Hinweise (einfach hinunterscrollen!) 

Hermann Becke, 27.10. 2014

 

 

 

Elīna Garanča startet „Meditation on Tour“

Große Begeisterung um einen Weltstar!

Graz, Stephaniensaal am  12.10 2014 

„Ich liebe das Grazer Publikum einfach, das sehr aufmerksam und immer sehr enthusiastisch meine Auftritte begleitet hat.“ Das sagte Elīna Garanča in ihrem Interview wenige Tage vor ihrem Grazer Konzert. Und es ist wirklich so: Die Garanča war erstmals schon im Frühjahr 2004 in einem Festkonzert mit dem lettischen Liepaja Symphony Amber Sound Orchestra in Graz  zu Gast. Sie war damals gerade an die Wiener Staatsoper gekommen und stand am Beginn ihrer großen Karriere. Bei ihrem Debut in Graz sang sie  unter anderem Cherubino und Dorabella und wurde vom Publikum bejubelt. Zehn Jahre später ist sie ein gefeierter Weltstar und startet von Graz aus eine Konzerttournée unter dem Titel „Meditation on Tour“, um die im September bei der Deutschen Grammophon erschienene CD  Meditation vorzustellen. Gleichzeitig ist dieses Konzert (nach dem Concertgebouw Amsterdam unter Mariss Jansons) der zweite Abend im Rahmen des illuster besetzten Festprogramms, mit dem der Musikverein für Steiermark sein 200-jähriges Jubiläum feiert.

Der interessierte Konzertbesucher kann sich in der heutigen Medienwelt schon vor dem Konzert optisch und akustisch einstimmen und informieren, was ihn im Konzert erwartet. Es gibt die bereits im Handel erhältliche CD und es gibt einen Videotrailer mit Interview und Ausschnitten aus der Studiotätigkeit. Aber jeder Opern- und Stimmliebhaber weiß, dass die Medienwelt das direkte Erleben auf der Opern-bzw. Konzertbühne nicht ersetzen kann. Dazu kommt, dass die Aufnahmen aus dem Oktober 2013 stammen. Im Jänner 2014 kam die zweite Tochter Garančas auf die Welt und die in Graz gestartete Konzerttournée ist ein Teil des Weges von Elīna Garanča nach der Babypause zurück auf die großen Podien und Bühnen der Welt. Mit Donizettis „La Favorite“ in diesem Salzburger Festspielsommer gelang der Garanča eine triumphale Rückkehr auf die Opernbühne. Den für Salzburg vorgesehenen Liederabend musste sie zwar kurzfristig absagen, aber danach gab es unter anderem ein umjubeltes Konzert in Laibach und kurz vor Graz Verdis Requiem an der Mailänder Scala. Die in Graz gestartete Tournée ist nun weder ein Liederabend noch ein Opernauftritt, sondern die Präsentation eines Weltstars um einerseits die neue CD zu promoten und um andererseits „einige Nummern meines zukünftigen Repertoires“ zu erproben, wie sie im eingangs erwähnten Interview sagte.

Das Grazer Publikum stürmte den ausverkauften Stephaniensaal und erlebte einen großen Abend mit einer der ganz Großen des Gesangs. Als man das Programmheft öffnete, war man zunächst etwas enttäuscht: vor und nach der Pause nur je drei Solonummern mit der Garanča und dazu je drei Orchesterstücke! Aber rasch erwies sich, dass das Programm sich zu einem schlüssigen Ganzen fügte – dies vor allem auch deshalb, weil das Wiener KammerOrchester in großer Besetzung ausgezeichnet disponiert war und weil der Dirigent (und Ehemann Garančas) Karel Mark Chichon nicht nur für adäquate Arrangements, sondern auch für eine konzentriert-engagierte Interpretation sorgte. Mit sattem Streicherklang eröffnete Bachs Air den ersten Teil, bevor Elīna Garanča in dunkler Robe erstmals das Podium betrat. Sie sang mit großem Ernst und wunderbar-dunkel gefärbter Stimme Gounods Spätwerk Repentir, das sich auf der neuen CD Meditation findet und das man auch in einer englischen gesungenen Version von Jessye Norman kennt. Begeistert konnte man schon beim ersten Stück feststellen: die Stimme Garančas hat sich nach der Geburt des zweiten Kindes harmonisch weiterentwickelt, ist prachtvoll-ausgeglichen und natürlich nach wie vor technisch perfekt geführt. Sie hat an Wärme dazugewonnen und schlägt das Publikum sofort in Bann. Nach einer kräftig zupackenden Finlandia-Suite von Sibelius folgte dann ein zweites Stück aus der beworbenen CD. Es ist ein Ave Maria des russischen Komponisten Vladimir Vavilov. Wiederum überzeugt die Garanča mit ihrer wunderbaren Stimme, die auch Musik, die ans Banal-Kitschige grenzt, geradezu adelt. Besonders seien hier die gesummten Passagen hervorgehoben – da wird die Stimme heller als mit gesungenem Text und fügt sich ideal einer Viola gleich  in den Orchesterklang. Und zum Schluss des ersten Teiles kommt dann der angekündigte Vorgriff auf das zukünftige Repertoire: nach der dramatisch zugespitzten Ouvertüre zu Verdis „La Forza del Destino“ die Pace-Arie der Leonora. Unübertrefflich, wie Elīna Garanča das erste „Pace“ im Piano ansetzt und zum Erblühen bringt – makellos auch alle Spitzentöne (as und b) im Piano und im Forte. Überzeugender kann man diese Arie nicht singen! Sehr klug ist wohl auch, dass Elīna Garanča den Schritt ins dramatische Fach nicht übereilen will: „Immer mit der Ruhe: Dieser Satz begleitet mich schon mein Leben lang.“ 

Der zweite Programmteil wurde temperamentvoll mit Ponchiellis Tanz der Stunden eröffnet. Dann betrat Elīna Garanča – nun in neuer heller Robe – und gestaltete eine selten gehörte Szene aus Donizettis „Dom Sébastien, Roi de Portugal“. Fans von Garanča kennen das Stück natürlich – findet es sich doch bereits auf ihrer 2009 erschienenen CD „Belcanto“. Nun ist die Stimme dunkler und fraulicher geworden und die großen Phrasen schwingen in souveräner Ruhe. Und dann kam wieder eine Partie, die noch vor Garanča liegt: 2015 wird sie die Santuzza in Mascagnis Cavalleria an der Mailänder Scala singen – übrigens war die Lola in diesem Stück im Jahre 2003 ihre Antrittsrolle an der Wiener Staatsoper (damals waren Waltraud Meier die Santuzza und Jon Botha der Turiddu). In Graz sang sie diesmal die große Szene der Santuzza „Voi lo sapete, o mamma“. Auch hier gilt, was ich zur Leonora geschrieben habe: überzeugender kann man diese Szene nicht gestalten. Die Partie liegt ihr ideal in der Stimme – erschütternd und ohne jedes Forcieren gelingt ihr der Ausbruch in der Sopranlage „l’amai, ah, l‘amai“ mit einem strahlenden hohen a – und ebenso vollkommen die tiefliegende Phrase „io piango“. Hier erlebte man bewegendes Musiktheater auf dem Konzertpodium! Das Ende des Programms war dann der Carmen gewidmet – zuerst zwei Orchestersätze aus der Arlésienne-Suite und als krönenden Abschluss das durch drei Strophen effektvoll gesteigerte Zigeunerlied aus dem Beginn des 2.Aktes Carmen. Und da freute man sich, nach den tragischen, ernsten und leidvollen Gesangsszenen nun die lebensfrohe und Vitalität ausstrahlende Elīna Garanča zu erleben. Und diese Lebens- und Gesangeslust steigerte sich noch im Zugabenteil: zuerst Al Pensar aus Las hijas del Zebedeo und dann den Schlager Granada. Es ist durchaus reizvoll, beide Stücke auf youtube mit der jüngeren Elīna Garanča nachzuerleben: Al Pensar und Granada. 

Das Einzige was, an diesem Abend zu bedauern war: das Publikum, das die Diva mit Standing Ovations, Bravo-Rufen und Blumen überschüttete, ließ sich nach Granada allzu rasch „abschütteln“. Ich meine, die Garanča hatte noch weitere Zugaben bereit. Daher mein Rat an das Publikum der folgenden Konzerte (z.B. am 15.10. im Wiener Konzerthaus): unbedingt hingehen, mit dem Beifall nicht zu früh nachlassen und weitere Zugaben erbitten!

Nachdem sich Elīna Garanča nach den beiden Zugaben durch Orchester und Fans von der Bühne gedrängt hatte, signierte sie natürlich noch ihre neue CD.

Hermann Becke, 13.10. 2014

 

Hinweis: Elīna Garanča tritt in Graz nicht nur im Festprogramm des Musikvereins auf, sie wird auch im regulären Zyklus der hochkarätig besetzten Liederabende  neuerlich zu Gast sein – und zwar am 8.Jänner 2015 mit Liedern von Johannes Brahms und Sergej Rachmaninow, am Flügel begleitet von Malcolm Martineau. Das Grazer Konzertpublikum kann sich freuen!

 

 

 

R. Wagner

C-Dur-Sinfonie und der 1. Akt Walküre konzertant

Im Musikvereinssaal am 23. 09. 2014

(Allzu) breiter Klangteppich

Einer der ältesten europäischen Konzertveranstalter – der Musikverein für Steiermark in Graz – feiert in dieser Saison sein zweihundertjähriges Bestehen. Generalsekretär Dr. Michael Nemeth hat aus diesem Anlass ein wahrhaft üppiges Programm mit vielen großen Namen zusammengestellt. Dazu einige wenige Beispiele nur aus den beiden folgenden Monaten: im Oktober kommen  Elīna Garanča, Nikolaus Harnoncourt, Simon Keenlyside und im November Angela Gheorghiu und Diana Damrau. Das Programmkonzept des Jubiläumsjahres ist geschickt erstellt – neben den alljährlichen Zyklen für Orchesterkonzerte, Liederabende, Kammerkonzerte, Solistenkonzerte und neben der Jugendreihe Amabile  gibt es auch eine ganze Reihe von Sonderkonzerten in einem zusätzlichen Festprogrammzyklus. Die großen Namen finden sich sowohl in den regulären Abonnementkonzerten als auch in den Sonderkonzerten. Mit berechtigtem Stolz konnte Dr. Nemeth vor Beginn der Saison nicht nur in einem ausführlichen Interview über die Jubiläumssaison berichten, sondern gestern zu Beginn der Veranstaltung auch persönlich vor sein Publikum treten und darauf hinweisen, dass in dieser Saison in 65 Veranstaltungen rund 1000 Künstlerinnen und Künstler auftreten.

Die Saison hatte diesmal schon am 2. September begonnen. Da gastierte das Amsterdamer Concertgebouw Orchestra unter Mariss Jansons in einem von Publikum und Presse zu Recht stürmisch gefeierten Festkonzert. Zur Eröffnung des regulären internationalen Orchesterabonnementzyklus gastierte nun am 22. und 23.September die Brünner Philharmonie unter ihrem Chefdirigenten Aleksandar Markovic. Das Brünner Orchester wurde Ende des 19. Jahrhunderts unter den Auspizien von Leoš Janáček gegründet und hat eine eindrucksvolle Geschichte hinter sich, die man auf seiner Homepage nachlesen kann. Auf dieser Homepage wird auch an prominenter Stelle darauf hingewiesen, dass man nun neben dem Concertgebouw unter Mariss Jansons und dem Concentus Musicus unter Nikolaus Harnoncourt in Graz gastiert. Allerdings: der aufmerksame und durchaus positiv gestimmte Zuhörer muss doch ehrlicher Weise registrieren, dass das Brünner Orchester und sein Chefdirigent zwar solide Arbeit leisten, aber wohl nicht in einem Atemzug mit diesen beiden Weltklasse-Orchestern und -Dirigenten genannt werden können. Das groß besetzte Brünner Orchester vermittelte an diesem Abend einen warmen und üppig-weichen Klang mit einigen sehr schönen Streichersoli, aber insgesamt fehlten einfach Brillanz und klare, zupackende Akzente. Einen wesentlichen Anteil an diesem Eindruck hat wohl der Dirigent, wie nun anhand der aufgeführten Werke dargestellt werden soll.

Das Konzert wurde mit der einzigen vollendeten Sinfonie Richard Wagners eröffnet. Wagner hat dieses viersätzige – fast 40 Minuten dauernde! -  Werk (C-Dur, WWV 29) mit 19 Jahren in sechs Wochen geschrieben und 1832 durchaus erfolgreich in Leipzig uraufgeführt. Die Partitur verschwand, nachdem der Komponist sie Felix Mendelssohn Bartholdy geschenkt hatte. Nachforschungen nach ihrem Verbleib blieben zu Lebzeiten Wagners erfolglos. 1877 tauchten die Orchesterstimmen wieder auf, aus denen Wagners Assistent Anton Seidl eine Partitur schuf, die Wagner später teilweise umarbeitete. Diese Version lag auch dem letzten Dirigat Richard Wagners im Teatro la Fenice in Venedig 1882 zu Grunde. Dieses Konzert war als Geburtstagsgeschenk für seine Frau Cosima gedacht. Im sorgsam redigierten Programmheft wird zu Recht auf den epigonenhaften Charakter des Werks hingewiesen – man hört schwülstige Beethoven-Anklänge. Das alles realisiert das Brünner Orchester in klangvoller Üppigkeit und voller Breite – also in einem Klangbild, das unserem heutigen Verständnis wohl nicht mehr adäquat ist. Es war also eher eine interessante Kuriosität, dieses Jugendwerk Wagners einmal in seinem vollen Umfang im Konzert zu hören. Es wäre allerdings durchaus von Interesse, dieser vollsaftigen Interpretation unter Aleksandar Markovic z.B. jene schlanke Version auf Originalinstrumenten gegenüber zu stellen, die die Chursächsische Philharmonie unter Florian Merz schon 1996 auf CD eingespielt hat. Näheres siehe bei Interesse hier .

Nach der Pause folgte dann der 1. Akt Walküre – und auch hier hörte man eine Interpretation, die vom Dirigenten her nicht überzeugen, geschweige denn packen konnte. Allzu breit zelebrierte Markovic die Partitur – schon die von Wagner ausdrücklich „stürmisch“ benannte Orchestereinleitung geriet bieder-brav. Vor allem aber: Markovic breitete die wunderbaren Orchesterphrasen zwischen den Gesangsszenen im Bemühen, jedes Detail herauszuarbeiten, über Gebühr aus und verlor dabei den Gesamtzusammenhang und den vorwärtsdrängenden Zug, der diesem Wunderstück romantischer Operndramatik innewohnt. Gerade als Grazer denkt man da wehmütig an die unvergesslich-intensive Interpretation des Grazers Karl Böhm, der in Bayreuth 1967 eine maßstabsetzende Walküre gestaltete, in der die lyrischen Passagen ohne zu schleppen wundervoll zum Blühen gebracht wurden und gleichzeitig die Spannung – gleichsam wie mit einem Gummiband – gehalten und weitergetrieben wurde. Mein Eindruck lässt sich auch durch Zahlen belegen: Aleksandar Markovic brauchte für seinen ersten Akt gute 70 Minuten – Karl Böhm brauchte dafür nur 62 Minuten! Man höre in die Böhm-Aufnahme hinein – und man wird verstehen, was ich meine!

Wesentlich besser war es mit der Besetzung der drei Gesangspartien bestellt. Torsten Kerl ist ein überaus erfahrener und auch Bayreuth-erprobter Sänger, der als Siegmund mit genuin-heldentenoralem Timbre und  mit mächtigen Wälserufen zu beeindrucken vermag. Ich muss mich bei ihm immer erst an seinen kehligen Stimmansatz gewöhnen, der gerade in den lyrischen Phrasen ein freies Strömen seines an sich schön-timbrierten Materials ein wenig beeinträchtigt und manchmal auch zu Intonationstrübungen führt – an diesem Abend zum Beispiel bei „Nun weißt du fragende Frau, warum ich Friedmund nicht heiße “. Übrigens wirkt es an dieser Stelle wenig inspirierend, wenn sich der Siegmund nach diesen Worten hinter sein Pult setzt und zur Plastikwasserflasche greift. Dazu ein kleiner Seitenblick:

Der Musikverein hatte als Einstimmung auf diesen Abend auf seiner Facebook-Seite mit einem Video eines Festkonzertes der Wiener Philharmoniker aus dem Jahre 1963 unter Hans Knappertsbusch geworben. Wie wunderbar ist es in dieser Aufnahme, dass hier die Protagonisten – selbstverständlich – auswendig singen, kein störendes Notenpult zwischen sich und dem Publikum haben und das Drama sich an ihren Mienen ablesen lässt …… Torsten Kerl war an diesem Abend mehr der routinierte Podiumssänger, und er schien mir auch nicht ganz in seiner besten Verfassung gewesen zu sein. Der Schluss „dort schützt dich Nothung das Schwert“ und „so blühe denn Wälsungen Blut!“ führte ihn an den Rand seiner Kräfte – allerdings nicht zuletzt deshalb, weil der Dirigent die voll loslegenden Orchestermusiker nur mit Mühe „einbremsen“ konnte. Aber wie auch immer: insgesamt lieferte Torsten Kerl eine sehr solide, internationalen Ansprüchen genügende stimmliche Leistung.

Sieglinde war Torsten Kerls Gattin, die Russin Elena Batoukova-Kerl, eigentlich im dramatischen Mezzofach beheimatet. Sie bot für mich an diesem Abend die überzeugendste Gesamtleistung. Wie man ihrer Homepage entnehmen kann, hat sie die Sieglinde schon lange in ihrem Repertoire. Die Rolle liegt ihr ausgezeichnet – die Stimme strömt in allen Lagen frei und ohne Anstrengung. Nie hat man den Eindruck, es handle sich um einen mit Mühe in Sopranlage geschraubten Mezzo. Dazu kommt: Sie artikuliert den Text vorbildlich und ist mit kleinen Handgesten und konzentriertem Minenspiel immer ganz Sieglinde. Bei ihr erlebte man als Zuhörer Musiktheater – auch wenn es nur eine konzertante Aufführung war.

Hunding war der amerikanische Bass Steven Humes – er hat wahrlich die für diese Rolle notwendige und bühnenwirksame Körper-und Stimmgröße und interpretierte seinen Part mit der nötigen bedrohlichen Intensität und stimmlichen Ausgewogenheit in allen Lagen, wenn auch das zynische Lachen nach „des flücht‘gen Frevlers Spur im eignen Haus zu erspähn“ entbehrlich ist und wenn aucch an der präzisen Textartikulation noch zu arbeiten sein wird: Das amerikanische R in „Weit her, traun, kamst du des Wegs“ passt nicht zu Wagner.

Am Ende gab es viel Applaus und Bravorufe für das Sängerteam. Trotz einiger Einwände: als Opernfreund erlebte man einen interessanten Abend - wieder einmal hatte der Musikverein die Nase vorne und bot Oper vor dem Grazer Opernhaus, wo die Saison erst  am 27.9. (mit Rossinis „Guillaume Tell“) beginnt! 

Hermann Becke, 24.9. 2014

 

Hinweis: Einen guten akustischen und optischen Eindruck der Sieglinde von Elena Batoukova-Kerl kann man hier in dieser auf ihrer Website  verfügbaren Aufnahme gewinnen – allerdings stammt die Aufnahme schon aus dem Jahre 2007…..

 

 

 

Styriarte

GUSTAV MAHLER.SOAP

Zeitgemäße Musikvermittlung auf höchstem Niveau!

16. Juli 2014, Helmut-List-Halle Graz  

Innerhalb des vielfältigen styriarte-Programms gibt es seit 2012 einen eigene Programmschiene: die „SOAPS“. Intendant Mathis Huber sagte darüber einmal, die SOAPS sollen „das zweite Standbein neben Nikolaus Harnoncourt" bilden. Der Mix aus Musik, Texten und aus den auf eine Leinwand übertragenen Details sei ein "neues Konzerterlebnis, wobei das Ganze mehr ist als die Summe der einzelnen Elemente.“ Im Jahre 2014 waren die vier SOAP-Abende Franz Schubert, Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven und zuletzt Gustav Mahler gewidmet. Und diese Programmschiene ist tatsächlich beim Publikum sehr beliebt. Die List-Halle mit ihren rund 1200 Plätzen war an diesem Abend praktisch ausverkauft. Durch geschickte Programmzusammenstellung, den Medieneinsatz und die Moderation gelingt es, in dieser nüchtern-großen Konzerthalle kammermusikalische Intimität zu schaffen und dem Publikum die Persönlichkeit Mahlers eindrucksvoll nahe zu bringen.

Ein seit Jahren bekanntes und beliebtes Mahler-Programm (mit Liedern von Rückert, aus „Des Knaben Wunderhorn“ und „eines fahrenden Gesellen“), das Elisabeth Kulman mit Amarcord Wien auf CD aufgenommen hat, wurde von der Dramaturgie mit Lesungen, einem kurzen Video-Film und Originalaufnahmen von Gustav Mahlers Klavierspiel ergänzt und so mit Erfolg zu dem von Intendant Huber intendierten „neuen Konzerterlebnis“ zusammengefügt. Dabei galt es diesmal ganz kurzfristig in einem zentralen Punkte umzudisponieren. Eine Woche vorher las man nämlich auf der Facebook-Seite von Elisabeth Kulman:

„Aufgrund eines Erschöpfungszustandes, hervorgerufen durch langfristige, mehrfache Dauerbelastung, kann die Künstlerin leider in den nächsten Wochen ihren Konzertverpflichtungen nicht nachkommen. Gemeinsam mit ihren Ärzten und ihrem Management hat sie sich schweren Herzens und mit großem Bedauern für die Veranstalter und Fans zur Absage durchgerungen. Mit ihrem Engagement als leidenschaftliche Sängerin und "Revolutionärin" war ein Belastbarkeitslimit erreicht, das diesen bereits länger hinausgezögerten Schritt nun leider unumgänglich machte.“

Nun weiß man, dass die hochartifizielle und am Höhepunkt ihrer Interpretationskunst stehende Elisabeth Kulman eigentlich nicht zu ersetzen ist. Aber der styriarte ist es zu danken, dass dennoch eine großartige, ja gleichrangige Lösung gefunden werden konnte. Iris Vermillion , in Graz zuletzt als drastische Klytaimnetra und großartige Küsterin in Jenufa umjubelt, sprang ein und erzielte einen uneingeschränkten und verdienten Publikumserfolg. 

Wenn die reife Künstlerin Vermillion barfuß (wohl gleichsam direkt mit der Erde verbunden) im langen schwarzen Rock und in einfacher weißer Bluse völlig uneitel, durch das schlichte Auftreten das Podium beherrschend, zwischen den Musikern des hervorragenden Amarcord-Ensembles steht und ihre warme, dunkle Stimme mit perfektem Registerausgleich strömen lässt, dann herrscht atemlose Spannung im Publikum. Und es ist natürlich reizvoll, nun im Rückblick auf den gestrigen Abend Kulmans Interpretation auf dem verfügbaren Video der CD-Aufnahme aus dem Jahre 2009 zu verfolgen. Da erlebt man die jugendliche, eher helle, vorwärtsdrängende und besonders textorientierte Interpretation der zum Zeitpunkt der Aufnahme 35-jährigen Kulman – und man ist begeistert. Und daneben steht für mich völlig gleichberechtigt die melancholisch-gefasste, ganz anders geartete, primär vom Stimmwohlklang ausgehende Interpretation der 54-jährigen Vermillion. Gerade dieser Vergleich zeigt, dass es bei großen Meisterwerken unterschiedliche Zugänge gibt, ja geben muss. Die erfahrene Mahlerinterpretin Vermillion hat mich an diesem Abend restlos überzeugt. Bewundernswert, wie sie ihre große dramatische Stimme ideal in das schlanke Klangbild des Kammermusikensembles einfügt. Bewundernswert sind auch die vier Musiker von Amarcord : der Geiger Sebastian Gürtler (von ihm stammen zwei Arrangements) besticht durch Klarheit, das Akkordeon von Tommaso Huber gibt dem Ensemble Bodenständigkeit, der Cellist Michael Williams steuert warme Kantilenen bei und der Kontrabassist Gerhard Muthspiel ist das rhythmische Zentrum. Von ihm stammen auch praktisch alle Arrangements, die sich in ihrer kammermusikalischen Präzision optimal mit der Gesangstimme verbinden. Lediglich bei der Version des Adagiettos aus der 5.Sinfonie vermisste ich den üppigen Streicherklang, so schön auch Gürtler die solistische Violinstimme spielte.

Die Meisterschaft des Ensembles und der Iris Vermillion zeigte sich nicht zuletzt auch darin, dass man als Zuhörer das Gefühl vermittelt bekam, die Stücke seien gerade für diese fünf Musikerpersönlichkeiten geschrieben. Sie musizieren mit solcher Selbstverständlichkeit miteinander, als würden sie dies bereits seit Jahren tun. Elisabeth Kulman hat dem Grazer Publikum sehr gefehlt – aber es war so, wie es der moderierende Dramaturg Thomas Höft sagte: Kulmans Absage war ein großer Verlust – Vermillions Einspringen ein großer Gewinn! 

Eine besonders reizvolle Gegenüberstellung erlaubte die Präsentation des Klavierautomaten, des „Welte-Mignon-Reproduktionsklaviers“. Ein Mitarbeiter des Technischen Museums Wien erklärte dem staunenden Publikum die Funktionsweise dieses Geräts. An diesem Abend hörten wir Aufnahmen, die Gustav Mahler im Jahre 1905 eingespielt hatte Mit dem Automaten war es möglich, das einmal aufgenommene Spiel des Pianisten Gustav Mahler  inklusive der Anschlagsdynamik weitestgehend originalgetreu wiederzugeben, indem man den Welte-Automaten wiederum einem Klavier vorsetzte und durch Abspielen der Lochstreifen das konservierte Spiel wieder ins Leben rief. Das Klavier, dem der Automat vorgesetzt wurde und das also Gustav Mahler mittels Lochstreifen an diesem Abend von neuem bespielte, ist ein historischer Bösendorfer-Flügel aus dem Jahr 1908 aus dem  Besitz der Grazer Klavierfirma Streif. Mahler spielte seine Lieder in für uns ungewohnt hastig-raschem Tempo mit vielen rubati – einfach so „rastlos“, wie er von seiner Frau Alma beschrieben wurde.

Wie sich die extreme schöpferische Anspannung Mahlers immer wieder in grotesker Weise an der banalen Wirklichkeit aufrieb, das haben die Frauen an seiner Seite beschrieben: zunächst die Bratschistin Nathalie Bauer-Lechner, Zeugin seiner frühen Jahre am Attersee und der ersten Sommer am Wörthersee, bis sie von Alma Schindler abgelöst wurde, die Ende 1901 in Mahlers Leben trat und die Mahler 1902 heiratete. Texte dieser beiden Frauen las Eva Herzig

Herzig hatte als als blutjunge Schauspielstudentin an der Grazer Musikhochschule den Sprung ans Wiener Burgtheater geschafft und dort mit 22 Jahren die Julia in Shakespeare „Romeo und Julia“ gespielt. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren entschied sie sich zur Kündigung am Burgtheater, um nach Berlin zu gehen und fortan als freie Schauspielerin zu arbeiten. Es folgten Gastengagements unter anderem ans Schauspiel Bonn, an das Schauspielhaus Zürich und ans Theater Basel. Seit diesen Grazer Anfängen sind über 20 Jahre vergangen - inzwischen ist sie vor allem in Film und Fernsehen aktiv. Herzig las die Texte mit Distanz und  in angenehmer Natürlichkeit – nie vorgebend, die kapriziöse Salondame darstellen zu wollen, die Alma Mahler zweifellos war. Dazu eine Äußerung von Ernst Krenek über die Witwe Alma Mahler (seine Schwiegermutter!): „Sie war damals Anfang Vierzig und sicherlich für jedermann ein lohnender Anblick, ein prächtig aufgetakeltes Schlachtschiff, etwas korpulent, doch nicht zu sehr und voll unerschöpflicher und scheinbar unzerstörbarer Vitalität“ (Ernst Krenek in seiner monumentalen, nun wieder neu aufgelegten und unbedingt lesenswerten Autobiographie  „Im Atem der Zeit“). In einer Filmeinspielung erschien dann sogar Gustav Mahler selbst – von Johannes Silberschneider  eindrucksvoll und glaubhaft im Komponierhäuschen am Attersee verkörpert und von der örtlichen Blasmusikkapelle mit einem Trauermarsch begleitet. Es lohnt sich, das etwa 6 Minuten dauernde Video anzuschauen. 

Klavierautomat, Lesungen und Video ergänzten die Mahler-Lieder ausgezeichnet, ohne sich ungebührlich in den Vordergrund zu drängen. Die Musik Gustav Mahlers stand an diesem Abend im Mittelpunkt – und das in einer besonders gelungenen und dichten Form. Alle Beteiligten wurden am Ende vom Publikum umjubelt – und der Jubel galt auch dem rührenden Golden Retriever von Iris Vermillion, der den ganzen Abend mit auf dem Podium war – und damit auch ein charmantes Detail des unterhaltsamen SOAP-Formats bildete. Der Styriarte ist zu dieser Musikvermittlungsform zu gratulieren – da verbindet sich zeitgemäßer Medieneinsatz mit Musikinterpretation auf höchstem Niveau! 

Hermann Becke, 17.Juli 2014

 

Aufführungsfotos: © styriarte/Werner Kmetitsch

Und wer sich für den Welte-Mignon-Flügel näher interessiert, der kann sich das hier anschauen und auch einen akustischen Eindruck von Gustav Mahlers Klavierspiel gewinnen

 

 

 

 

 

Musikverein für Steiermark, Stephaniensaal

LIEDERABEND JONAS KAUFMANN-HELMUT DEUTSCH

4. 4. 2014

Intensive WINTERREISE und Goldene Schallplatte für Verdi! 

 

Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch haben im vorigen Oktober in München diese Winterreise-CD aufgenommen und sind nun seit Ende März unterwegs, die Winterreise auch auf den Konzertpodien zu präsentieren. Berlin  war die erste Station, nach Graz folgen im Zweitagesabstand London, Paris, Prag, Moskau und Mailand – dem Musikverein für Steiermark ist zu gratulieren und sehr zu danken, dass Graz in dieser illustren Reihe von Veranstaltern als einzige österreichische Station aufscheint. Dass Jonas Kaufmann seine Auseinandersetzung mit dem Lied sehr ernst nimmt, erkennt man schon daran, dass er seine Lied- und Opernauftritte genau trennt. Den Terminen auf seiner Homepage entnimmt man, dass die nächsten Opernauftritte erst in der zweiten Juni-Hälfte anstehen – bis dahin gibt es nur Winterreise-Konzerte und Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“. Auch im Interview zur Winterreise-Aufnahme (samt Musikbeispielen) mit ihm und seinem Lied-Mentor Helmut Deutsch hört man Ernsthaftes und Interessantes. Ich meine daher, jene Stimmen haben nicht Recht, die sagen, dass Jonas Kaufmann lediglich seine weltweite Opernreputation ausnütze und dass seine Auseinandersetzung mit dem Lied (und der Schubert’schen Winterreise im Besonderen) zu früh komme - er solle bei seinem „Opern-Leisten“ bleiben. Nein - seine Opernerfolge und seine Popularität  dürfen nicht dazu führen, dass man seine Beschäftigung mit dem Lied nicht ernst nimmt. Und übrigens – es gab immer Sängerpersönlichkeiten, die sowohl als Opernsänger als auch als (Schubert-)Liedgestalter beeindruckten – ich nenne drei Namen der großen Sängervergangenheit als Beispiel: Hans Hotter, Anton Dermota und Fritz Wunderlich. Sie waren alle auf dem Höhepunkt ihrer Opernerfolge auch in Graz als Schubertgestalter zu erleben und ihre Interpretationen sind auf Tonträgern nachzuhören.

Und mit Graz und Franz Schubert möchte ich diesen Bericht eginnen – immerhin wurde Franz Schubert schon im Jahre 1823 zu einem der ersten Ehrenmitglieder des Musikvereins für Steiermark, der nun vor seinem Zweihundertjahr-Jubiläum als Konzertveranstalter steht. Das war vier Jahre, bevor Franz Schubert mit der Vertonung von Wilhelm Müllers Gedichtzyklus „Die Winterreise“ begonnen hatte. Im März 1827 lud Schubert in Wien seine Freunde ein, um ihnen das erste Dutzend dieser Lieder vorzustellen. Aber Schubert unterbrach dann die Arbeit an der Winterreise, um sie erst im Oktober 1827 nach seinem dreiwöchigen Steiermark-Aufenthalt wieder aufzunehmen. Die Herbsttage in Graz verflogen in heiterer und entspannt-fröhlicher Stimmung. Zurückgekehrt nach Wien wird Schubert bald wieder von Kopfschmerzen geplagt und von Melancholie befallen. Noch im Oktober setzt er die seit sieben Monaten unterbrochene Arbeit an der Winterreise fort. Es gibt keinerlei Belege dafür, ob sich Schubert während seines Grazer Aufenthaltes mit der Winterreise beschäftigt hat. Ohne Zweifel floss ihm aber während der heiteren Tage in der Steiermark die innere Kraft zu, die Komposition dieses düsteren Liederzyklus zu vollenden, der – wie sein Freund Spaun vermutet – vielleicht auch „seinen frühen Tod mitveranlasst“ hat. 

Es ist also schon ein besonderer Ort, wenn in Graz die Winterreise erklingt – wenn es auch so manchem im Publikum nicht bewusst oder gar gleichgültig ist, ist man doch vor allem gekommen, um Jonas Kaufmann zu erleben. Der Stephaniensaal war wieder übervoll – der Stehplatz so gefüllt wie schon lange nicht, und auf dem Podium waren hinter den Interpreten zusätzliche Sitzreihen aufgebaut. Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch traten mit uneitlem Ernst auf und vermittelten eine überaus intensive und durchaus packende Wiedergabe der vierundzwanzig Lieder. Ganz bewusst habe ich schon in der Überschrift beide Namen gleichberechtigt angeführt – denn die Mitgestaltung durch den Pianisten Helmut Deutsch ist ein ganz entscheidender Bestandteil der Interpretation, was durch Jonas Kaufmann in sehr sympathischer Form beim Schlussapplaus auch deutlich signalisiert wurde. Helmut Deutsch vermittelt für mich ideal den Inbegriff des österreichischen Schubert-Klangbildes. In großer Konzentration (und mit ausgeklügelt zusammenmontierten Notenmaterial, um keine Umblätterhilfe zu brauchen) spielte Deutsch – seit 42 Jahren hochgeschätzter Gast in Graz! – glasklar, aber dennoch mit warmem Klang wunderbar. Eine einzige Anmerkung erlaube ich mir: es ist überzeugend, dass die Lieder möglichst nahtlos aneinander gefügt werden. Aber wenn man diesen Weg wählt, dann könnte die retardierende Ausgestaltung der Nachspiele der einzelnen Lieder unterbleiben.

Jonas Kaufmann präsentiert sich nicht als Podiums-und Bühnenstar, sondern als ernst in sich gekehrter Liedgestalter mit auffallend langem Atem und vorbildlicher Textgestaltung. Freilich sei nicht verschwiegen, dass die vor allem im ersten Teil fast völlige Zurücknahme der Stimme dazu führt, dass im Piano- und Pianissimo-Bereich Modulationsfähigkeit und Klangschönheit schmerzlich fehlen. Da herrscht guttural-fahle Deklamation vor (mit der Gefahr von Intonationstrübungen). Daneben stehen dann recht unvermittelte Forte-Akzente – etwa in „Die „Wetterfahne“. Wirklich schöne Legato-Bögen hört man dann erstmals am Ende von „Im Dorfe“ bei „was will ich unter den Schläfern säumen – da blüht die Stimme auf. Prächtig gelingen Stücke wie „Der stürmische Morgen“ und „Mut!“ – bewundernswert der lange Atem und die ruhige Gefasstheit im „Wirtshaus“. Jonas Kaufmann spricht immer wieder davon – zuletzt auch in einem Interview vor dem Grazer Konzert -, dass für ihn der Liedgesang die „Königsklasse des Singens“ sei. Auf der Opernbühne ist er zweifellos in der „Königsklasse“ angelangt – in der Liedgestaltung hat er noch ein Stück des Weges vor sich. Am Schluss gibt es stürmischen Beifall und Blumen der Fans – die begeisterten Bravorufe älterer Damen scheinen mir nicht so recht zur „Winterreise“ zu passen….

Es gibt natürlich keine Zugabe – was könnte nach dem Leiermann auch noch kommen?

Zum Schluss dann noch eine Überraschung für Jonas Kaufmann und das Publikum: Drei Repräsentanten von Sony Austria überreichen Jonas Kaufmann unter Blitzlichtgewitter und vor zum Podium drängenden Filmkameras eine goldene Schallplatte  für seine Verdi-CD - die erste Edelmetall-Auszeichnung für den weltweit gefragten Tenorstar überhaupt, der dafür sehr sympathisch dankte und der Winterreise-CD einen ebensolchen Verkaufserfolg wünschte. 

Einen kleinen Nachsatz kann ich mir doch nicht verkneifen: Meine Internet-Recherche hat für den Sony-Sprecher folgende Berufsbezeichnung ermittelt: „Senior Product Manager Classics & Jazz at Sony Music Entertainment Austria“ – das ist nicht allzu fern von den oft belächelten kaiserlich-königlichen Titeln zu Schuberts Zeiten: Sein Freund Spaun – oben im Zusammenhang mit der Winterreise-Entstehung erwähnt – hieß „Joseph Freiherr von Spaun, k.k.Hofrat und Lotteriegefällendirektor“  

Hermann Becke, 5.4. 2014

 

Hinweis: Das Jubiläumsprogramm 2014/15 des Musikvereins wurde gerade vorgestellt – es ist opulent und bietet auch für den Opernfreund Beachtliches- Details finden Sie hier

 

 

 

 

Musikverein für Steiermark, Graz Stefaniensaal

LIEDERABEND DMITRI HVOROSTOVSKY

28. 3. 2014

Russischer Stimmglanz

Der sibirische Baritonweltstar Dmitri Hvorostovsky beschließt seine europäische Liederabendtournee 2014, die ihn bisher durch 21 Städte geführt hatte, mit zwei Auftritten in Österreich, wie man auf seiner stets ausgezeichnet aktuell gehaltenen Website nachlesen kann. Vor drei Tagen sang er im Solistenkonzert der Wiener Staatsoper und nun war er zum ersten Male in Graz zu Gast. Übrigens geht die Liederabendtournee – nach einer Traviata-Unterbrechung in London – ab Mai in Nordamerika weiter. Was das Publikum also zu hören bekommt, ist ein wiederholt präsentiertes und  intensiv erarbeitetes Liedprogramm. Man kann die Würdigungen der vergangenen Konzerte nachlesen – siehe dazu als Beispiele Zürich , Baden-Baden oder Wien . Vieles was auf dem Programm steht, haben Hvorostovsky und sein ständiger Liedbegleiter Ivari Ilja auch auf CD aufgenommen.  Aber eines sei vorweg und mit großer Überzeugung gesagt: das unmittelbare Erleben einer Interpretation auf dem Podium oder der Opernbühne ist für den wahren Opernfreund unverzichtbar und nie durch das Lesen von Zeitungsartikeln, durch das Nachhören von CDs, durch das Anschauen von DVDs, von Kinoübertragungen oder von youtube-Beiträgen zu ersetzen. In diesem Sinne ist es dem Musikverein sehr zu danken, dass es immer wieder gelingt, große Künstlerpersönlichkeiten nach Graz zu bringen – und in diesem Fall sogar im „normalen“ Liederabendzyklus.

Welch außerordentliche Sängerpersönlichkeit Dmitri Hvorostovsky ist, das konnte man in diesem Grazer Liederabend eindrucksvoll erleben. Da war zunächst die kompakt-knappe und seiner Stimme entsprechende Programmzusammenstellung: vor der Pause fünf Tschaikowskij-Lieder und vier Lieder von Nikolai Medtner, den man bei uns kaum kennt. (Medtners „Über allen Gipfeln ist Ruh“  hörte man übrigens vor zwei Jahren in Graz mit Marlis Petersen in einer ganz andersgearteten, aber ebenso eindrücklichen Interpretation)

Nach der Pause folgten zwei der drei Petrarca-Sonette von Liszt und zum offiziellen Programmabschluss fünf Rachmaninow-Gesänge. Das alles wird in großer, pathetischer Attitüde vorgetragen – der Weltstar im glitzernd-schwarzen Gehrock mit offenem Hemdkragen und der charakteristischen weißen Haarmähne. Das Publikum ist begeistert und fotografiert immer wieder. Der Sänger wehrt das Fotografieren mit energischen Gesten ab – aber fast hat man das Gefühl, dass auch das zur „Inszenierung“ seines Auftretens gehört. Der überaus attraktive Mann präsentiert nicht nur seine prachtvollen Stimmmittel sichtlich gerne!

Mir schienen am Beginn dieses Abends die Tschaikowskij- und Medtner-Lieder noch allzu sehr auf die Demonstration der elementaren Stimmpracht des bronze-dunklen Bariton ausgerichtet – verwunderlich, dass das sonst so Lied-kundige Grazer Konzertpublikum diesmal nach jedem Lied applaudierte, was auch die Interpreten merklich befremdete und damit vielleicht  dazu beitrug, dass – zumindest für mich – der große musikalische Bogen im ersten Teil ein wenig fehlte. Im Vordergrund stand die Interpretation und nicht das Werk, so eindrucksvoll auch Einzelnes war – so etwa Tolstois Don Juan-Ständchen von Tschaikowskij oder Puschkins Träumer von Nikolai Medtner.

Nach der Pause wandelte sich dann das Bild: das Duo Hvorostosky/Ilja gestaltete die Listz‘sche Vertonung der beiden Petrarca-Sonette „Pace non trovo“ und „I’vidi in terra angelici costumi“ mit vielen eindrucksvoll differenzierten Klangfarben – das eine in pathetisch-leidenschaftlichem Ton, das andere schwärmerisch-intensiv. Natürlich bedauerte man, dass das erste Sonett „Benedetto sia il giorno“ nicht erklang, aber die Auswahl war wohl ganz bewusst getroffen – der verhalten-innerliche Ton des ersten Sonetts würde vielleicht nicht dem expressiv-äußerlichen Ansatz Hvorostovskys entsprechen. Vollends überzeugend waren dann die prächtigen Rachmaninow-Gesänge. Das sind elegante Podiumslieder mit luxuriöser Klavierbegleitung, die immer Effekt machen, wenn der Sänger so ganz aus dem Vollen schöpfen und seinen dunklen Bariton auch mit strahlenden Spitzentönen glänzen lassen kann, wie dies Hvorostovsky vermag. Und hier sei auch ausdrücklich die ausgezeichnete Leistung des Pianisten Ivari Ilja gewürdigt – seine kluge Balance zwischen pianistischer Virtuosität, rücksichtsvoller Sängerpartnerschaft und bescheidenem Auftreten ist vorbildlich. Er hätte es verdient, immer gemeinsam mit Hvorostovsky den Beifall entgegenzunehmen! 

Am Schluss großer Jubel im Publikum und dann jene drei Zugaben, die nach Lektüre der Besprechungen der letzten Konzerte des Duos auch in Graz zu erwarten waren: als erstes – wohl für viele im Publikum: endlich! – ein Beispiel aus der Oper – Jagos Credo aus Verdis „Otello“ in einer bezwingend-zynischen Interpretation Hvorostovskys und mit einer exzellent-spannenden Umsetzung des Orchesterparts auf das Klavier durch Ivari Ilja. Das war großes Musiktheater auf dem Konzertpodium! Und dann nochmals Rachmaninow und als absoluter Schusspunkt ein A-Capella gesungener russisch-orthodoxen Gesang.

Drei ergänzende Anmerkungen:

-       Sehr erfreulich ist zu registrieren, dass diesmal sehr viele Gesangsstudierende im Publikum zu sehen waren, was die jungen Leute auf Facebook wie folgt kommentieren: „Studentenversammlung im Musikverein - Nein - Dimitri Hvorostovsky singt und die halbe Gesangsabteilung der Kunstuniversität Graz ist dabei!“ – so ist es leider nicht immer, wenn große Sängerpersönlichkeiten in Graz gastieren – umso erfreulicher, dass der Nachwuchs diesmal da war..

-       Anlässlich seiner Liederabende in Österreich gab Horostovsky ein Interview – Sie finden es hier 

-       Ich habe Dmitri Hvorostovsky erstmals vor fast zwanzig Jahren bei den Salzburger Festspielen als Conte in „Le Nozze di Figaro“ erlebt – es lohnt sich, dieses Auftreten akustisch in Erinnerung zu rufen – hier der Link zum Duett mit Susanna/Dorothea Röschmann.      

Hermann Becke, 29.3. 2014

 

 

 

 

 

Musikverein für Steiermark, Kammermusiksaal

DIE SCHÖNE GALATHÉE

Premiere, 22. 3. 2014

Geglückte szenische Grazer Erstaufführung auf dem Konzertpodium

Der Einsatz des Musikvereins für den Musikernachwuchs ist sehr erfreulich: neben seinen  Abonnementzyklen für Orchester-, Kammermusik-, Solisten und Liederabendkonzerte gibt es auch einen eigenen Zyklus unter dem Titel „Amabile“ für Nachwuchskünstler und junge Konzertbesucher mit Probenbesuchen, Künstlergesprächen, einem Promenadenkonzert und alljährlich eben auch mit einer kleinen szenischen Produktion. So kann diesmal Graz im leider allzu selten genutzten wunderbaren Kammermusiksaal mit knapp 300 Plätzen die Erstaufführung der Schönen Galathée von Franz von Suppé erleben. In der Ankündigung wird das rund 80 Minuten lange Werk als „Komisch-mythologische Oper in einem Akt“ bezeichnet – aber es ist schlichtweg eine Operette im Stile Offenbachs. Wie auch immer - es war eine höchst vergnügliche Aufführung und sie diente ideal dem angestrebten Zweck, dem Opernnachwuchs eine interessante Auftrittsmöglichkeit zu schaffen. Und im Sinne der Nachwuchsförderung gebührt diesen Bemühungen auch eine gründliche Auseinandersetzung und Würdigung in den Medien!  

Intendant Dr. Michael Nemeth hat eine kluge Programmauswahl getroffen. Das Werk wurde noch nie in Graz aufgeführt, beschränkt sich auf vier Solisten und findet das Auslangen mit geringem szenischen Aufwand. Der Komponist Franz von Suppé  (1819 -1895) ist eine anregende Mischung der österreichischen Monarchie. Der Vater Belgier, die Mutter Wienerin, geboren in Dalmatien, dann zunächst in Italien aufgewachsen bis er zum Musikstudium nach Wien kam. Hier wurde er „Chef-Komponist und -Dirigent“  am Theater an der Wien. Er gilt als Wegbereiter der Wiener Operette und wurde nach Offenbachs Riesenerfolg der „Schönen Helena“ beauftragt, das Rezept „mythologischer Stoff in komischer Aktualisierung mit weiblichem Star“ für ein neues Stück am Wiener Carl-Theater zu verwenden. Suppés „Schöne Galathée“ wurde dann allerdings am 30.6.1865 erstmals  in Berlin uraufgeführt. Die österreichische Erstaufführung fand im September 1865 im Wiener Carl-Theater statt. Suppé war ein ungeheuer produktiver Komponist und schuf über 200 Bühnenwerke – es ist handwerklich gut gemachte heitere Gebrauchs-und Unterhaltungsmusik seiner Zeit – nicht mehr, aber auch nicht weniger. In der rechten szenischen Umsetzung und mit einer jungen, animierten Besetzung lohnt sich die Auseinandersetzung auch heute noch. Die Grazer Erstaufführung bot beides:

Die szenische Umsetzung war dem Regisseur Thomas Mittmann und dem Ausstatter Frieder Klein  übertragen. Beide sind erfahrene Theaterleute, die das Podium des Kammermusiksaals mit einfachen Mitteln zur Bühne adaptierten und geschickt nutzten. Mittmann hatte auch die Dialoge ein wenig aktualisiert und das Griechen-Couplet des Ganymed mit einer heiteren Strophe über die griechische Wirtschaft ergänzt.  

Auch die Auswahl der vier Solisten war wohl gelungen. Drei Junge, die am Anfang ihres Bühnenweges stehen, und ein erfahrener Bühnenkomödiant in der Rolle des Mydas bildeten ein ideales Quartett für die heitere Belanglosigkeit der Musiktheateriniatur.

 Galathée war die Weißrussin Katharina Melnikova. Sie spielte sehr gut die zum Leben erwachte kapriziöse Statue, der alle verfallen sind, mit dem gebotenen, zu Recht immer leicht steifen Charme. Mit ihrem schöntimbrierten Sopran bewältigt sie die nicht geringen gesanglichen Anforderungen mit Anstand. Wenn es ihr gelingt, die Artikulation noch weiter zu schärfen und den Stimmsitz noch mehr zu fokussieren, steht ihr zweifellos der Weg zu einer schönen Karriere offen – es sind alle Anlagen dafür da. Die dankbare Hosenrolle des Ganymed war der blutjungen Grazer Mezzosopranistin Sophie Rennert übertragen. Ich hatte sie vor zwei Jahren bei einem Wettbewerbskonzert gehört und war mir schon damals sicher, dass sie ihren Weg gehen wird. Und wirklich: inzwischen ist sie Preisträgerin beim Salzburger Mozartwettbewerb 2014, wird bei den Salzburger Festspielen 2014 unter Adam Fischer und Philipp Jordan singen und ist ab Herbst in Bern engagiert – und das alles mit 23 Jahren! Als Ganymed zeigte sie Spielfreude, aber vor allem eine technisch absolut sauber geführte und in allen Lagen ausgeglichen und warm klingende Stimme. Auch die Textartikulation ist erfreulich natürlich und unmaniriert (winziger Hinweis zum köstlichen Griechen-Couplet: die anlautenden Konsonanten Griechen, kriegt und klassisch sollten wohl deutlicher differenziert werden….). Nach wie vor bin ich sicher: da wächst eine bedeutende Sängerin heran. Relativ kurzfristig hat die Rolle des Pygmalion der belgische Tenor Stefan Cifofelli übernommen. Er hat schon einige Bühnenerfahrung und wird demnächst an der Komischen Oper in Berlin als Ferrando in Così fan tutte debutieren. Er spielte ebenfalls höchst animiert und verfügt über eine sehr gut und sicher sitzende Tenorstimme, die ideal ins Donizetti/Rossini-Fach passt – auch ihm ist eine schöne Karriere sicher. Dass er fallweise seine Stimme mit all zu viel Druck einsetzte, mag auf eine gewisse Premierennervosität zurückzuführen sein und ist absolut nicht notwendig.  

Der vierte im Bunde war János Mischuretz der Oper Graz, der die Rolle des Mydas mit glänzender Artikulation und großer Bühnenpräsenz gestaltete. Zu den vier Solisten kam zu Beginn und am Ende (für das Publikum unsichtbar auf dem  Balkon) der Studiochor der Kunstuniversität Graz unter der bewährten Leitung von Franz Jochum mit ausgewogenen Aurora- und Venusklängen. Noch ein Beleg für die kluge Ensemblezusammenstellung durch Intendant Nemeth: die Studienleitung hatte er dem überaus opern- und universitätserfahrenen Georg Pammer übertragen. Das Kammerorchester con fuoco ist ein ambitioniertes Studentenensemble, dessen Bildung Nemeth vor einigen Jahren initiiert hatte. Es stand  unter der Leitung des Bulgaren Svetoslav Borisov, der seine dirigentische Ausbildung in Graz erfahren hatte und inzwischen international tätig ist. Suppé sieht eine große Orchesterbesetzung vor – doppelte Holzbläser, Trompeten, Posaunen, Hörner. Und da muss man sagen, dass bei dieser Orchesterbesetzung der Kammermusiksaal deutlich an seine akustischen Grenzen gerät. Nach der schwungvoll-intensiven Ouvertüre hatte man Sorge, ob die Sänger in diesem Saal über das Orchester (das ja auf gleicher Ebene wie das Publikum sitzt) kommen würden. Aber Borisov bemühte sich im Laufe des Abends merklich, die frische Musizierbegeisterung seines Orchesters so in Grenzen zu halten, dass die Klangbalance nicht (allzu) gefährdet war.

Am Ende gab es großen, uneingeschränkten und verdienten Beifall des Publikums! Zwei weitere Aufführungstermine: 23. und 24.3.2014

Hermann Becke, 23.3. 2014                  Szenenfotos: Musikverein, © Dorfer

 

Zwei Hinweise:

Wer sich mit dem Stil von Theaterkritiken des 19. Jahrhunderts auseinandersetzen will und ein wenig Zeit und Muße hat, dem sei die Lektüre der nicht allzu freundlichen Kritik über die Berliner Uraufführung auf Seite 211f der Neuen Berliner Musikzeitung vom 5. Juli 1865 durchaus empfohlen. Bei der Wiener Erstaufführung im Carl-Theater kurz danach  wurde das Werk des „Leopoldstädter Offenbach Fr. v. Suppé“ dann positiver aufgenommen – siehe bei Interesse dazu die „Allgemeine Zeitung München“ Seite 4452 in ihrem Bericht „Aus dem Wiener Leben“. Dank books.google kann man heute solche Zeitdokumente ohne Probleme nachlesen.

Und: Die „Galathée“ gibt’s auch auf CD – in die Produktion mit Anna Moffo und René Kollo kann man hier hineinhören

Zeitungsinterviews mit den beiden Damen:

Katharina Melnikova: Hier

Sophie Rennert: Hier sowie ihre Homepage

Ein interessanter Höreindruck des Tenors als Nadir sowie weitere Beispiele

 

 

 

 

Musikverein für Steiermark, Stefaniensaal

EKSTATISCHES SONDERKONZERT ROLANDO VILLAZÓN

Graz, 19.3.2014  

Der Musikverein für Steiermark feiert in der nächsten Saison sein 200-jähriges Bestehen – sein Intendant Dr. Michael Nemeth hat die kluge Entscheidung getroffen, die festlichen Jubiläumsveranstaltungen auf drei Jahre aufzuteilen. Und so gibt es auch schon in dieser Spielzeit vieles von überregionalem Interesse. Gerade vor einer Woche wurde Krzysztof Penderecki Ehrenmitglied des Musikvereins und dirigierte ein vielbeachtetes „Konzert für Menschenrechte“ – siehe dazu den Bericht in der Wiener „Presse“ . Und nun war Rolando Villazón mit Gerold Huber als Partner am Klavier für ein Sonderkonzert in Graz. Nemeth kann mit berechtigtem Stolz im Jahresprogramm über die Saison 2013/14 schreiben: „Mit Tamar Iveri, Edita Gruberova, Chen Reiss, Elisabeth Kulman, Torsten Kerl, Jonas Kaufmann, Rolando Villazón, Piotr Beczala, Dmitri Hvorostovsky und Mojca Erdmann werden die gefragtesten Sänger der Musikwelt zu erleben sein.“

Villazón hat einen dicht gefüllten Terminkalender, in dem derzeit die Konzertauftritte überwiegen. Das Grazer Programm schließt eine Reihe von Liederabenden ab, die ihn zuvor u.a. nach Regensburg und Bremen geführt hatten – immer mit dem exzellenten Liedinterpreten Gerold Huber, der ihn erstmals im August 2010 bei den Salzburger Festspielen begleitet hatte, damals einspringend für die erkrankte Hélène Grimaud. Und in Graz waren wesentliche Teile jenes Programm zu erleben, mit dem im August 2010 bei den Salzburger Festspielen die Zusammenarbeit zwischen Rolando Villazón und Gerold Huber begonnen hatte.

Aber ich gestehe gerne, über Villazón-Auftritte kann man nicht berichten, wie über andere Konzerte oder Opernaufführungen - der in den Medien „Señor 100.000 Volt“ genannte mexikanische Tenor ist einfach ein Elementarereignis, und da gelten andere Maßstäbe! Ich kann da nicht so schreiben, wie über einen anderen Liederabend – es wurden zwar Lieder gesungen und keine Opernarien, aber der Veranstalter hat schon recht: es war ein Sonderkonzert und kein Liederabend, ein ekstatisches Sonderkonzert, das von der Begeisterungsfähigkeit und der völligen Hingabe Villazóns getragen wurde! Dem Publikum, das den Saal mit seinen über 1000 Sitzen bis auf den letzten Platz füllte und sich auch auf dem Stehplatz und den zusätzlich aufgestellten Sitzreihen auf dem Podium drängte, war es sicher gleichgültig, dass sich das Programm gegenüber der ursprünglichen Ankündigung (Bellini, Verdi, de Falla) geändert hatte – man wollte erstmals in Graz Villazón erleben. Im Publikum sah man viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die man sonst kaum im Konzertsaal trifft – und natürlich waren auch die Villazón-Fans (lautstark) vertreten. Rührendes Detail: von meinem Platz aus konnte ich eine Dame in der ersten Reihe in der Mitte unmittelbar vor dem Podium beobachten, die Villazón vom Auftritt bis zum Abgang unentwegt durch ihr Opernglas verfolgte – das nenne ich wahre Begeisterung - hoffentlich hat die Dame auch zugehört…..

Rolando Villazón überwältigt sein Publikum durch seinen schonungslosen Einsatz – und man nimmt zur Kenntnis, dass ihm seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Schumanns Dichterliebe, die den ersten Programmteil bildete, ein Herzensanliegen ist. Man glaubt seiner Interpretation das, was im Heine-Text steht: „Ich senkt‘ auch meine Liebe und meinen Schmerz hinein“ – allerdings sind es halt Liebe und Schmerz eines extrovertierten romanischen Tenorstars – für mich weit von der Subtilität und Ironie Heines und Schumanns entfernt (übrigens ebenso weit entfernt, wie die Illustrationen des Heine-Textes im Programmheft mit Bildern von Cézanne, Monet, Segantini und Schiele!). Bewundernswert ist das Bemühen um  präzise Textgestaltung – erstaunlich, wie viele Atemzäsuren Villazón einlegte – man könnte viele Details kritisch anmerken, aber nicht zuletzt aufgrund der exzellenten Gestaltung das Klavierparts war diese „Dichterliebe“ doch ein eindrucksvolles Ganzes. Jeder Vergleich mit den im Programmheft angeführten großen Schumanninterpreten Nikolai Gedda, Gérard Souzay, Waldemar Kmentt, Theo Adam, Tom Krause, Werner Hollweg, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier (3x !), Robert Holl, Josef Protschka, Uwe Heilmann verbietet sich - sie alle haben in diesem Saal die Dichterliebe gesungen und sie alle habe ich erleben dürfen.

Das Publikum hatte zwar schon nach dem dritten Lied zu applaudieren versucht, war aber am Ende deutlich reserviert – mehr als einen einmaligen Hervorruf der beiden Künstler gab es nicht.

Nach der Pause wandelte sich der Eindruck völlig. Da war Villazón auf seinem genuinen Repertoirefeld – auch hier von Gerold Huber virtuos am Flügel unterstützt. Zuerst standen die Siete Canciones populares espanolas von Manuel de Falla auf dem Programm. Mit derselben Körpersprache wie bei Schumann (nun durchaus passend) gestaltete Villazón diese  Gesänge mit ungeheurer Intensität und Extrovertiertheit. Nun strömte seine Stimme frei – hier überzeugte sein Zugang, auch wenn man weiß, dass diese Lieder auch ganz anders gültig interpretiert werden können. Man denke an das subtile innere Feuer, mit dem beispielsweise Teresa Berganza, diesen Zyklus – auch in Graz – gesungen hatte. Daran anschließend vier Romanzen von Giuseppe Verdi – nicht zuletzt deshalb sehr reizvoll, weil sie etwa um dieselbe Zeit geschrieben wurden wie Schumanns Dichterliebe. Nun steigerte sich Villazón mit großen stimmlichen und körperlichen Gesten noch mehr in intensive Expression. Man könnte sich diese Verdi-Gesänge – eine Stelle daraus wurde später in Leonores Kavatine im Trovatore verwendet - durchaus in ruhigerem Stimmfluss dahin strömend vorstellen. Villazón steht wirklich immer „unter Hochdruck“ – auch Gretchens Gebet „“Deh, pietoso, oh Addolorata…“ wächst aus einer inbrünstig-innerlichen Adagio-Melodie zum verzweifelten, geradezu opernhaften Ausbruch. Das Publikum freut sich daran – es erlebt große Oper auf dem Konzertpodium. Vollends entfesselt ist Villazón dann in der abschließenden Gruppe mit einer Auswahl aus den Canciones clásicas espanolas von Fernando Obradors – nach jedem Lied bereits heftiger Beifall des Publikums, das dann vier Zugaben erringen kann: zunächst von Jules Massenet „ Ouvre tes yeux bleus“ (kann auf einer – leider nicht sehr guten - youtube Aufnahme nachgehört werden), dann eine weitere düster-effektgeladene Verdi-Kanzone „Non t'accostare all'urna“ und dann von Paolo Tosti „Partir, c‘est mourir un peu“ – gewidmet einem im Publikum anwesenden Freund zum Geburtstag. Als allerletzte Zugabe dann nochmals Tosti – ganz im Popstarstil so wie auf diesem Video.

Villazón, Huber und das Publikum waren begeistert.

Leider kann ich Ihnen keine Fotos dieses Abends bieten. Aber es gibt eine website der Fans von Rolando Villazón – den Blog Villazonistas. Hier finden sich die Fotos vom Februar-Konzert in Regensburg: in Graz hat es genauso ausgesehen!

Übrigens:

Auf die Grazer Musikfreunde wartet schon das nächste Sonderkonzert – und das wird ein Liederabend: Schuberts Winterreise mit Jonas Kaufmann mit Helmut Deutsch!

Hermann Becke, 20.3. 2014

 

 

 

LIEDERABEND MOJCA ERDMANN

Musikverein für Steiermark, Stefaniensaal

Graz, 8.Jänner 2014  

„Mojca la conquérante“ – so titelte vor wenigen Tagen die französische Zeitung „Dernières Nouvelles d’Alsace“ nach dem großen Erfolg, den Mojca Erdmann mit ihrem englischen Liedbegleiter Malcolm Martineau bei ihrem Liederabend in der Opéra du Rhin in Straßburg hatte. Dasselbe Programm war nun im Grazer Stefaniensaal zu erleben und das Publikum konnte entscheiden, wie „la conquérante“ zu verstehen sei – dieser elegante französische Ausdruck hat ja durchaus mehrere Nuancen: man kann ihn als „die Eroberin“, „die Erobernde“ oder auch „die für sich Einnehmende, Gewinnende“ verstehen. Und diese letztgenannte Version wird wohl am besten diesem Abend gerecht. Die zerbrechlich-kühl-elegante Hamburgerin ist nicht eine, die auf das Podium tritt und sofort alle Herzen im Sturm erobert (wie dies die Fotos auf ihrer Homepage wohl vermitteln wollen), sie ist vielmehr eine Künstlerin, die mit immenser Konzentration und Ernsthaftigkeit in einem intelligent und spannungsvoll aufgebautem Programm das Publikum Stück für Stück für sich einnimmt.

Der Abend begann durchaus spröde: „Die Verschwiegenen“ sind ein coupletartiges Jugendwerk von Richard Strauss, das gleichsam das Motto für den ersten Teil des Abends vorstellte: die Blumen. Und so folgten darauf Mozarts Veilchen und Schuberts Heideröslein verbunden durch das späte Strauss-Lied „Ich wollt‘ ein Sträusslein binden“. Nach der „Zeitlosen“ von Strauss verfinstert sich mit Schumanns „Der schwere Abend“ die Stimmung. Bis dahin machte es übrigens das ständig hüstelnde und etwas unruhige Publikum den beiden bemühten Liedgestaltern nicht gerade leicht. Erdmann schien an diesem Abend vor allem am Beginn mit einer leichten Verkühlung zu kämpfen – mit exzellenter Technik überwand sie dies, wenn auch fallweise mit einem Flüchten in allzu viel nasale Resonanz. Malcolm Martineau begleitete höchst aufmerksam und transparent. Diese Blumen-Gruppe war kühl-professionell dargeboten – Mozart und Schubert fehlte ein wenig die natürliche Unbefangenheit.  

Dann wandelte sich das Bild:

Die Gegenüberstellung der drei Ophelia-Lieder von Richard Strauss (in der Simrock-Übersetzung) mit den Vertonungen der Shakespeare’schen Originaltexte durch Wolfgang Rihm aus dem Jahre 2012 packte das Publikum – das ständige Hüsteln unterblieb plötzlich fast völlig. Mojca Erdmann schien erstmals aus sich herauszugehen, sie wandelte sich gleichsam zur Ophelia. Durch ihre Intensität gelang es ihr, die (nicht allzu inspirierten) Strauss-Vertonungen spannungsvoll und mit idealem Strauss-Timbre geradezu aufzuwerten. Vollends überzeugte das Lied-Duo Ermann/Martineau dann mit dem Werk von Wolfgang Rihm. Bei Rihm wird Ophelia zu einer Figur, die angesichts der Vergänglichkeit allen Seins exemplarisch eine Extremsituation des modernen Menschen erfährt. Scheinbar verraten von der Liebe Hamlets wird Ophelia wahnsinnig und bringt sich um. In Rihms sachlicher wie eruptiver Komposition macht Ophelia drei Phasen durch, von Trauer („How should I your true- love know from another one?“) über Sarkasmus („Tomorrow is Saint Valentine's day“) bis zur Abgeklärtheit („And of all Christian‘s souls, I pray God. God bye you). Beim Straßburger Konzert, bei dem Erdmann diese Lieder erstmals sang, war Wolfgang Rihm anwesend und er hat das Duo bei der Interpretation beraten – wir können daher davon ausgehen, dass wir an diesem Abend eine beispielgebende Interpretation erleben durften. Ein historischer Hinweis zu den Strauss‘schen Ophelia-Liedern ist übrigens durchaus von Interesse und erklärt ein wenig auch den Unterschied zu den Rihm-Vertonungen:

Richard Strauss hatte dem Berliner Verlag Bote & Bock ein Liedhaft versprochen, dieses aber, durch geschäftliche Meinungsverschiedenheiten verärgert, nicht geliefert. Als der Verlag auf seinem Rechtsanspruch bestand, ließ Strauss von Alfred Kerr eine Reihe satirischer Gedichte schreiben, welche mit Wortspielereien (Einst kam der Bock als Bote zum Rosenkavalier) das Verhalten von Verlagen anprangerte. Es war verständlich, dass der Verlag dieses als Krämerspiegel bezeichnete Werk zurückwies. Strauss wurde verurteilt ein anderes Liedheft zu liefern – und dieses enthielt dann die rasch hingeschriebenen Ophelia-Lieder. Man konnte also in diesem Liederabend die Strauss’sche Pflichtübung einem Werk gegenübergestellt erleben, das zweifellos dem Komponisten ein so großes Anliegen ist, dass er nicht nur bei der Uraufführung in Bad Kissingen dabei war, sondern auch zur Auseinandersetzung des Duos Erdmann/Martineau nach Straßburg kam. Das Publikum in Graz war merklich beeindruckt und entließ das Lied-Duo mit viel Beifall in die Pause.

„Den zweiten Teil dominieren die Nacht und das Sterben, er endet mit dem Entschweben in andere Sphären“ – so Mojca Erdmann in einem Interview vor dem Grazer Konzert: Interview M. Erdmann

Dieser zweite Teil begann mit einem für Mojca Erdmann komponierten Werk von Aribert Reimann nach einem Heine-Text: Helena aus dem vierteiligen Zyklus Ollea (2006). Das Notenbild zeigt die immense Anforderung, die an die (ohne Klavierbegleitung singende) Sopranistin gestellt wird: Edition Schott Noten . Mojca Erdmann bewältigte diese Herausforderungen virtuos – das Publikum lauschte geradezu atemanhaltend! Großartig auch, wie die letzten geflüsterten Worte „die Toten sind unersättlich“ direkt in die ersten Takte das Strauss-Liedes „Die Nacht“ übergingen! Nun wirkte Mojca Erdmann geradezu befreit – Schumanns „Requiem“ und vor allem „Allerseelen“ von Richard Strauss und „Litanei“ von Franz Schubert gelangen in wundervoller Ruhe und mit völlig ausgeglichener Stimmführung. Nach Mendelssohn Bartholdys „Auf den Flügel des Gesanges“ (ideal von Martineau begleitet!) bildeten zwei Sternlieder den Schluss – wiederum in wirkungsvollem Kontrast zwischen dem effektbedachten Richard Strauss und der Musik unserer Zeit von Aribert Reimann (dem vierten Lied aus dem Zyklus Ollea: Kluge Sterne).

Und um auf das eingangs zitierte Wort über das Straßburger Konzert zurückzukommen: Mojca Erdmann und Malcolm Martineau ist es an diesem Abend gelungen, das Publikum zwar nicht sofort zu erobern, es aber dann mit einer klugen Gegenüberstellung von Wohlbekanntem mit den bewegenden Kompositionen unserer Zeit in maßstabsetzenden Interpretationen für sich zu gewinnen! Es gab großen und verdienten Applaus und drei Zugaben: Mozarts „Abendempfindung“ (fast ein wenig zu flüssig) sowie „Ständchen“ und „Morgen“ (vom Pianisten fast über Gebühr gedehnt) von Richard Strauss.  

Hermann Becke, 9.Jänner 2014

 

Websites der beiden Ausführenden:

http://www.mojcaerdmann.com/                              http://martineau.info/

Der Besuch des Konzerts in der Oper Frankfurt am 14.1.2014 ist sehr zu empfehlen:

Liederabend M. Erdmann Frankfurt

 

 

 

 

 

 

NEUJAHRSKONZERT in der Oper Graz

1.Jänner 2014

Mit Energie und Begeisterung!

Es war  d e r  Abend des neuen Grazer Chefdirigenten Dirk Kaftan!

Unter dem Motto „Unterwegs mit Richard Strauss“ führte Dirk Kaftan nicht nur das groß besetzte und prächtig disponierte Grazer Philharmonische Orchester als temperamentvoller  musikalischer Leiter durch den Abend, sondern er erfreute auch das vollbesetzte Haus als eloquent-lockerer Moderator. 

Eröffnet wurde mit der Rosenkavalier-Suite. Über dem ersten Satz der Suite steht „con molto agitato“ – und genau so stürzte sich Dirk Kaftan in die Musik. Die Suite aus der Oper fügt Einzelteile in loser Aneinanderreihung zusammen: Das Vorspiel zum ersten Akt geht in das Geplänkel zwischen Marschallin und Octavian über, recht unvermittelt wechselt das Geschehen dann in den zweiten Akt, zur Szene knapp vor der Rosenüberreichung, deren orchestraler Glanz selbstredend auch in der Suite entsprechend zur Geltung kommt. Ein weiterer Sprung, und die Handlung wechselt von der Szene, als das Intrigantenpaar Sophie und Octavian überrascht, zum Walzer des Ochs und zur Briefszene mit Annina. Ohne weitere Umschweife ist man dann plötzlich mitten im Schlussterzett des dritten Akts, in welchem die Feldmarschallin ihren Verzicht auf Octavian besingt. Wie in der Oper folgt hierauf das Duett von Sophie und Octavian. Wäre hier eigentlich beinahe das Ende erreicht, springt die Suite zu dem Moment zurück, als Ochs mit seinem Gefolge das Wirtshaus verlässt, und vollführt den tumultuösen, schmissigen Walzer – dem schließlich ein nicht aus der Oper stammendes, etwas plump-prächtiges Ende angehängt ist. Es ist bis heute nicht eindeutig geklärt, auf wen die Urheberschaft dieser Zusammenstellung zurückgeht. Man geht davon aus, dass der aus Polen in die USA emigrierte Dirigent Artur Rodzinski die Suite 1945 hergestellt hat. Bei Strauss’ Verlag Boosey & Hawkes erschien sie dennoch allein unter dem Namen des Komponisten. Die Uraufführung spielten die Wiener Symphoniker unter Hans Swarowsky am 28. September 1946 anlässlich einer Feier „950 Jahre Österreich“. Dirk Kaftan gestaltete das Werk sehr plastisch und differenziert und das Publikum genoss diese Opernkurzfassung.

Darauf folgte die F-Dur-Romanze für Violoncello und Orchester des 19-jährigen Richard Strauss, zu der Dirk Kaftan in seiner Moderation in Bezug auf den Widmungsträger bzw. dessen Gattin als vermutete Jugendliebe von Richard Strauss Unterhaltsam-Pikantes zu berichten wusste. Der Solocellist des Grazer Philharmonischen Orchesters Bernhard Vogl spielte mit warmem Ton - eher kammermusikalisch als mit großer Solistengeste.

Als Abschluss des ersten Teils erklang die Tondichtung „Don Juan“ des 25-jährigen Richard Strauss. Über der Partitur steht als Motto „Hinaus und fort nach immer neuen Siegen solang der Jugend Feuerpulse fliegen“ – ganz im Sinne dieses Mottos gelingt Dirk Kaftan mit seinem Orchester eine kraftvoll-packende Interpretation vom jäh aufschnellenden Anfangsthema bis zum prächtig über dem Streichertremolo sieghaft ertönenden zweiten Hauptthema der sehr gut disponierten Hörner. Das Publikum ist vom Schwung so hingerissen, dass einige schon zum Beifall ansetzen wollen, bevor Don Juan im Duell tödlich verwundet gleich einem Meteor im Piano erlischt. 

Nach der Pause gibt’s dann einen Musical-Schwerpunkt mit Richard Rodgers und man fragt sich zunächst: wie passen „Oklahoma“ und South Pacific“ zu Richard Strauss? Dirk Kaftan stellt in seiner amüsanten Moderation kluge Bezüge zu der USA-Reise von Richard Strauss, aber auch zu Graz her:

Oscar Hammerstein I  (Großvater des Librettisten Oscar Hammerstein II der Musicals) wollte Richard Strauss mit Elektra und Salome für New York gewinnen, an der Met fiel allerdings die Salome der Zensur der Sponsoren zum Opfer, während in Graz die österreichische Erstaufführung der Salome im Jahr 1906 unter der Leitung von Richard Strauss ein Riesenerfolg war.

In den Ausschnitten aus „Oklahoma“ und „South Pacific“ brillierte der großartige Strauss-Interpret James Rutherford (Barak, Orest, Jochanaan und demnächst Mandryka) gleichsam auf den Spuren des großen Ezio Pinza und wurde von Kaftan auch charmant in die Moderation einbezogen. In zwei Ausschnitten konnte man sich auch über zwei weitere Grazer Publikumslieblinge freuen: Sieglinde Feldhofer und Dshamilja Kaiser. Alle drei standen übrigens am Vorabend  in der Silvester-Vorstellung in „Carousel“ gemeinsam auf der Grazer Opernbühne.

Und dann kommt gar ein Sprung nach Südamerika, das1920 auch von Riichard Strauss bereist wurde. Genau aus dieser Zeit stammt das Stück „Tico-Tico no Fubá“ des brasilianischen Komponisten Zequinha de Abreu – temperamentvoll von Kaftan und dem animierten Orchester interpretiert. Als totales Kontrastprogramm folgte dann eine Alphorn-Polka (laut Kaftan gleichsam die „Ursuppe“ der Strauss’schen Alpensinfonie) – virtuos und publikumswirksam von den Hornisten des Orchesters vorgetragen und unterstützt von Kuhglocken im Orchester.  

Das offizielle Programm schloss mit dem Sirtaki aus Alexis Sorbas von Mikis Theodorakis, war doch Strauss wiederholt in Griechenland , bezeichnete sich selbst als „griechischen Germanen“ und war Ehrenbürger der Insel Naxos.

Aber das Publikum erwartete selbstverständlich noch Zugaben! Natürlich kann und will man in Graz nicht mit dem weltberühmten Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker konkurrieren – aber ein Marsch zum Mitklatschen musste doch sein. Und so erklang zunächst der „Berliner Luft“-Marsch aus Paul Linckes „Frau Luna“  (Berlin hatte die Strauss’sche Salome nicht angenommen!) – das Publikum war begeistert. Aber natürlich geht es am Neujahrstag auch nicht ohne Walzer: und so erklang als absoluter Schlusspunkt ein eigens für dieses Konzert zusammengestelltes Potpourri (des Grazer Komponisten Reinhard Summerer). Da war in gekonnter Manier eine Unzahl von Stücken miteinander verwoben – Donauwalzer, Rosenkavalier, Lohengrin, My Fair Lady, Offenbach, Lincke, Oklahoma und, und, und….

Das Publikum spendete reichen Beifall – Dirk Kaftan ist es mit seinem ersten Neujahrskonzert und seiner charmant-gescheiten Moderation ganz offenbar gelungen, das Publikum für sich und die Grazer Oper zu gewinnen! 

Hermann Becke, 2.1.2014                                 Fotos: Hermann Becke

 Dirk Kaftan: http://www.dirk-kaftan.de/

 

 

 

 

Musikverein für Steiermark, Stefaniensaal

EDITA GRUBEROVÁ   

Gespräch und Liederabend

„Gesang als Geschenk und Verpflichtung“

Am 12./13.November 2013  

Es gibt einen wichtigen Bezug des Weltstars Edita Gruberová zu Graz:Am Grazer Opernhaus sang die Gruberová 1974 ihre erste Konstanze und in Graz sang sie dann noch im selben Jahr auch ihre erste Lucia. Das war kurz nach ihrem Durchbruch mit der Zerbinetta an der Wiener Staatsoper. Der damalige Grazer Intendant Dr. Carl Nemeth erkannte sofort die Chance und bot diesem großen Talent zwei Rollen an, die sie an der Wiener Staatsoper noch nicht bekam, danach aber bald an allen großen Häusern der Welt singen sollte. Und nun fast vierzig Jahre später ist der Sohn des damaligen Grazer Intendanten - Dr. Michael Nemeth - Generalsekretär des Musikvereins für Steiermark - und er lud die weltweit gefeierte Kammersängerin nicht nur zu einem Liederabend nach Graz ein, sondern konnte sie am Tag davor auch für ein Podiumsgespräch gewinnen. In diesem Podiumsgespräch ging es nicht darum, sie aus ihrem Leben erzählen zu lassen – Opernfreunde sind darüber aus vielen Interviews und vor allem auch aus ihrer im Vorjahr erschienenen Biographie informiert.

Der Schwerpunkt des Grazer Gesprächs lag zunächst auf den ganz frühen Anfängen in Bratislava und Wien, dann auf Erinnerungen an Graz und auf grundsätzlichen Fragen des Sängerberufs in der heutigen Zeit. Gruberová erzählte warmherzig über die schöne familiäre Atmosphäre bei der Einstudierung der Grazer Entführung im Jahre 1974 (mit einem prominenten Team - Dirigent: Theodor Guschlbauer, Regie: Axel Corti, Bühnenbild: Wolfgang Hutter) und darüber, wie der berühmte Carlo Bergonzi (hauptsächlich an der Rampe stehend) die junge Anfängerin in der Grazer Lucia-Produktion kaum beachtete. Ich habe all diese Aufführungen  der Gruberová (Zerbinetta in Wien, Konstanze und Lucia in Graz) vor nun bald 40 Jahren miterlebt und erinnere mich dankbar daran – nicht überraschend meine damaligen Aufzeichnungen („eine Weltkarriere kündigt sich an“).

Aber das Gespräch beschränkte sich nicht nur auf einen Rückblick – es wurde auch das wichtige Thema angesprochen, welche Ratschläge Gruberová der jungen Sängergeneration von heute geben könne. Da betonte die große Sängerin vor allem zwei Dinge: die Notwendigkeit guter Nerven und die absolute Beherrschung des stimmtechnischen „Handwerks“. Und dieses unverzichtbare technische Rüstzeug vermisst die Gruberová bei der jungen Generation heute doch weitgehend – daher will sie auch keine Meisterkurse geben oder in Wettbewerbsjurys mitwirken. Sehr kritisch äußerte sich Gruberová über die heutige Gesangspädagogik. Berührend und uneitel erzählte sie, wie sie vor sechs Jahren mit Hilfe einer jungen Gesangslehrerin in München ihre eigene Gesangstechnik völlig umstellte. Gesprächsthema war natürlich auch das sogenannte „Regietheater““. Gruberová betonte, dass sie modernes und zeitgemäßes Theater keineswegs ablehne – entscheidend sei für sie, dass die Inszenierung sich nicht gegen die Musik richte und vor allem müsse sie „ästhetisch“ sei. In Christof Loy habe sie nun einen Regiepartner gefunden, der ihre Ansprüche erfüllt. (zuletzt in Donizettis „La Straniera“ in Zürich). Die  von Elisabeth Kulman initiierte Aktion „Art but fair“ unterstütze sie mit Überzeugung, weil einfach eine sechswöchige Probenphase für die Gesangssolisten zu lange und stimmlich zu belastend sei. Ihrer Meinung nach müssen drei Wochen reichen, soferne der Regisseur mit einem fertigen Regiekonzept zu den Proben kommt.

 Das Podiumsgespräch lockerte Michael Nemeth mit einer klugen Auswahl von Musikbeispielen auf: zu Beginn ein Fledermaus-Mitschnitt aus München (unter Guschlbauer, der auch der Dirigent der ersten Entführung hier in Graz war), dann die Rarität der ersten Lucia von Gruberová (ein Mitschnitt aus der Grazer Oper des Jahres 1974) und zuletzt eine Aufnahme des Jahres 1997 (Linda di Chamounix). Das Gespräch war für das Publikum eine ideale Einstimmung auf den Liederabend des nächsten Tages. Lieder seien wie zarte Bleistiftzeichnungen im Vergleich zu den üppigen Ölgemälden einer Opernaufführung – so Edita Gruberová.

Und wirklich: am nächsten Abend konnte das begeisterte Publikum im vollen Stefaniensaal beides erleben: die Bemühungen Gruberovás um die zarten Schubert-Lieder und um die üppigen Podiumslieder von Rachmaninow und Richard Strauss - das alles am Ende gekrönt von dem heiß erwarteten und beklatschten Zugabenteil. Die oben erwähnte Besprechung von Gruberovás Biographie in der Neuen Zürcher Zeitung (zufällig auf den Tag genau vor einem Jahr erschienen) trägt den klugen Titel „Gesang als Geschenk und Verpflichtung“. Beides konnte man an diesem Abend eindrucksvoll mitverfolgen. Gruberová begann den Abend mit einer Gruppe von acht Schubert-Liedern. Ich empfand diesen Teil als eine Verpflichtung, die sich die große Gruberová selbst (und wohl auch dem kritischen Berichterstatter) auferlegt hatte – nicht etwa als Geste gegenüber dem Konzertveranstalter, ist doch Franz Schubert immerhin schon seit 1823 Ehrenmitglied des Musikvereins für Steiermark! Nein – die Auseinandersetzung mit Schubert ist ganz offenbar ein tiefes Herzensanliegen der Belcanto-Diva. Mit immenser Wortdeutlichkeit versucht sie jedes Wort, ja jede Silbe klanglich auszudeuten. Mit geradezu berückendem Timbre gelingen zum Beispiel in „Nacht und Träume“ die Wiederholung der Textzeile „die belauschen sie mit Lust“ oder der zauberhafte Schlussseufzer „Louise“ in „Der Jüngling an der Quelle“. Und natürlich strahlt das jubelnde C am Ende von „Delphine“. Gerade dieses klug als Abschlussstück der Schubert-Gruppe gewählte Lied (eine Einlage für ein Schauspiel) zeigt aber, wo die Gruberová  wahrhaft zuhause ist: auf der Bühne! Um die zarte Intimität der Schubert-Miniaturen bemüht sich Gruberová mit bewunderswerter Konzentration und Ehrlichkeit, aber da fehlt mir ganz einfach der große ruhige Bogen, der die vielen kunstvollen (fast ist man versucht zu sagen: künstlich-manirierten) Einzelteile zu einem Ganzen zusammenfügt. Wie bei allen ihren Liederabenden in der letzten Zeit wird Edita Gruberová an diesem Abend von Alexander Schmalcz am Flügel begleitet (zuletzt z.B. bei den diesjährigen Salzburger Festspielen, aber auch noch vor wenigen Tagen in Fürth und in München – immer mit demselben Programm). Schmalcz ist mit dem Klavierpart bei Schubert völlig in den Hintergrund  getreten und manches – etwa der Schlussteil in Suleika II mit seinen Sechzehnteln im ¾-Takt war wohl allzu stereotyyp-unflexibel. 

Nach der Pause dann ganz ein anderes Bild: Nach der „Verpflichtung“ kam nun das „Geschenk“. Die Gruberova beschenkte nun ihr Publikum – und sich selbst – zuerst mit Rachmaninow- Liedern, die sie schon als Studentin gesungen hatte, wie sie am Vorabend erzählte. Da blühte die Stimme auf und man konnte das Wunder erleben, wie sich die jahrzehntelange Erfahrung mit dem nach wie vor unverwechselbaren Gruberova-Timbre verband. Nun hörte man auch den Pianisten Alexander Schmalcz als gleichberechtigten Partner. Natürlich war Edita Gruberová auch bei den Richard Strauss-Liedern in ihrem Element – speziell wenn man in der „Einkehr“ schon vorausahnend Zerbinetta-Phrasen zu erkennen glaubt. Einzig die „Nacht“ schien mir allzu breit angelegt. In diesem wunderbaren Lied fehlte ein wenig – so wie bei Schubert – der große ruhige Legatobogen. Aber die wunderbar gestaltete Schlussphrase „O die Nacht, mir bangt, sie stehle dich mir auch“ versöhnte und bezauberte. Auch bei den Strauss-Liedern überzeugte der Pianist. Und dann kam wohl der Hauptteil des Abends – der Zugabenteil. Das begeisterte Publikum konnte sich zunächst an dem charmant-virtuos vorgetragenen „Ständchen“ von Richard Strauss erfreuen, bis dann zwei Schlager kamen, die die Gruberová immer wieder dem Publikum schenkt und die man einfach nicht oft genug hören kann, so umwerfend wird das serviert:

Zuerst die „Villanelle“ der belgischen Sängerin (und Komponistin) Eva dell’Acqua (1856 – 1930) – von allen großen Koloratursopranistinnen immer wieder interpretiert (Wen es interessiert, der findet auf youtube  nicht nur Gruberová, sondern auch Lily Pons, Mado Robin, Natalie Dessay, Sumi Jo……..)

Und dann als absoluter Höhepunkt „Ach, wir armen Primadonnen“ - man kann nur bestätigen, was nach ihrem Liederabend bei den diesjährigen Salzburger Festspielen geschrieben wurde: „Beim Walzerlied „Ach, wir armen Primadonnen“ aus Carl Millöckers „Der arme Jonathan“ war Gruberova erneut die  großartige Komödiantin, als sie mit schelmischen Blicken und umwerfender Komik  die Primadonnennöte beschwor: ‚Wir sind Sklaven, sind verdungen, Ruhm, Applaus, ach lauter Dunst...... Doch wir kennen eine Rache, wenn man uns zu schrecklich plagt, nun so wird man plötzlich heiser, dann wird eben abgesagt‘. Glücklicherweise wurde Gruberova an diesem Abend nicht heiser, sondern begeisterte mit ihrer schillernden Stimmbrillanz, die sie sich über die Jahre zu  bewahren  wusste. Das kommt einem Phänomen gleich, gemessen an heutigen Sängerkarrieren.“

Das Grazer Publikum war dankbar-begeistert, dass es in diesem Zugabenteil diese große Künstlerin erleben konnte, deren Weltkarriere – zumindest in zwei bedeutenden Partien – auch in Graz begonnen hatte.   

Hermann Becke,14.11.2013

 

Drei Hinweise

1.) Die Schubert-Lieder können auf der 2012 erschienenen CD nachgehört werden

2.) Gruberovas Stellungnahme bei „Art but fair“ :

3.) Auf einen besonderer Zufall sei doch noch hingewiesen: Am 13.11. war nicht nur Edita Gruberová in Graz zu Gast. Am selben Abend präsentierte Elina Garanca ebenfalls in Graz ihr neues Buch. Wie nachgehört werden kann, ist sie dabei auch Gruberová angesprochen worden – wer Lust und Interesse hat, kann dies hier nachhören. (zwischen Minute 16:00 und 17:50)

 

 

 

 

 

LIEDERABEND RAMON VARGAS

Musikverein für Steiermark, Stefaniensaal am 24.Oktober 2013

„Lieder sind schwer“  

Es ist ein reizvolles Zusammentreffen: In der vorigen Woche gab die georgische Sopranistin Tamar Iveri in Graz einen Liederabend unmittelbar nachdem sie an der Wiener Staatsoper die Elisabetta im Don Carlo gesungen hatte. Und nun tritt eine Woche später „ihr“ Carlo in Graz ebenfalls im Liederabendzyklus auf. Ramón Vargas holte seinen ursprünglich für die vorige Saison angesetzten und damals wegen einer Erkrankung abgesagten Abend nun nach. Es ergab sich also die reizvolle Möglichkeit, bei zwei Stars der internationalen Opernszene zu beobachten, wie sie sich auf dem für sie doch ungewohnten Terrain des Liedgesanges bewähren. Über Iveri hatte der „Opernfreund“ berichtet (siehe unten) - nun also zum Abend des mexikanischen Tenors Ramón Vargas:

Schon beim Betreten des Konzertgebäudes wurde ich von einem Besucher angesprochen: „Das wird diesmal ein Arien- und kein Liederabend!“ Tatsächlich standen ja auf dem offiziellen Programm fünf Opernarien, aber auch sieben Lieder, die allerdings alle in der opernhafter Belcantotradition stehen und  nichts mit dem deutsch/österreichischen Liedverständnis (Schubert, Schumann, Brahms, Wolf) zu tun haben - wohl aber genau das sind, was die etymologische Wurzel des Wortes Lied (mhd. liet, ahd. liod ) nach Aussage der Fachleute bedeutet: nämlich „Gesungenes“. Ramón Vargas bekennt auf seiner Homepage, dass seit seiner Kindheit das Singen ein existenzieller Bestandteil seines Lebens war und ist: „Seit ich denken kann, habe ich immer gesungen, so spontan und natürlich wie es mir nur möglich war. Meine Stimme ist ein unglaubliches Geschenk, aber es lag an mir allein, daran zu arbeiten und diese so zu perfektionieren, um andere Menschen daran teilhaben zu lassen. Kunst sublimiert ein jedes Ding; ich könnte auch sagen: ‚singen ist wie zweimal beten‘".

Genau diese Spontaneität und die elementare Freude am Singen vermittelt Vargas an diesem Abend! Noch bevor er zu singen beginnt, wendet er sich schon an sein Publikum, entschuldigt sich für seine Absage in der vorigen Saison, weist auf die Belastungen des Sängerberufs hin und freut sich nun hier zu sein. Er beginnt mit zwei Mozart-Arien: „Un‘ aura amorosa“ aus Così fan tutte“ und „Il mio tesoro“ aus dem Don Giovanni. Es bleibt dem Zuhörer nicht verborgen, dass Ramón Vargas zu Beginn dieses Abends nicht in optimaler stimmlicher Verfassung ist und dass auch stilistisch diese Interpretation nicht dem aktuellen Stand des Mozartbildes entspricht – aber seine sympathische Ausstrahlung und seine Freude überzeugen dennoch. Dann folgt der große Liszt-Zyklus der Petrarca-Sonette. Wieder ergreift Vargas zuvor das Wort, um seine Sichtweise des Zusammenhangs zwischen Mozart und Liszt zu erläutern: Mozart sei einfach zu jung gestorben, hätte er länger gelebt, wäre er sicher in den romantischen Geist der Musik vorgedrungen, den Liszt in seinen Petrarca-Vertonungen verkörpert. Vargas sang natürlich nicht die deutsche Fassung aus dem Jahre 1883 (Übersetzung: Peter Cornelius), sondern die italienische Erstfassung, die im Anschluss an Liszts Italienreise von 1838 entstanden ist  (zwei davon kann man übrigens auf youtube in einer prächtigen Pavarotti-Aufnahme aus der Met nachhören: ). Liszts Petrarca-Sonette stehen der Sphäre der Hausmusik denkbar fern – das sind prächtige Podiumslieder mit großen Belcanto-Bögen. Sie kommen daher dem Gesangszugang von Ramón Vargas überaus entgegen. Das erste „Benedetto sia il giorno“ in seiner innigen Verhaltenheit bereitete ihm noch etwas Schwierigkeiten, dann aber hatte er seine offenbare leichte Indisposition mit großer Professionalität im Griff und er hatte sich offenbar freigesungen: Das pathetisch-leidenschaftliche „Pace non trovo“ und das schwärmerische „I‘ vidi in terra angelici costumi“ gelangen überzeugend.

Nach der Pause beginnt Vargas mit Donizettis Ah! rammenta, o bella Irene – ein opernhaft angelegtes Stück: eine zweiteilige Arie, die ein wenig an Rossini erinnert, aber melodisch unverwechselbar die Handschrift Donizettis trägt. Wieder erlebt man die unbändige Musizierfreude des Tenors. Dann kündigt Ramón Vargas eine „Überraschung“ an: statt der eigentlich vorgesehenen wenig bekannten Donizetti-Arie aus „Il Duca d’Alba“ kommt nun „Una furtiva lagrima“ aus dem Liebestrank. Da ist Ramón Vargas so ganz in seinem Element –das Publikum ist begeistert! Der letzte Programmteil ist dem Jahresjubilar Giuseppe Verdi gewidmet – und wieder meldet sich Vargas zunächst zu Wort: „Lieder sind schwer!“ „Ein Liederabend ist viel länger und anstrengender als eine Opernpartie – in der Oper gibt’s ja noch die Sopranistin und den Bariton…..“ Vargas gewinnt mit seinem Charme vollends das Publikum!

Die Verdi-Gruppe beginnt mit drei Beispielen aus der Romanzensammlung des Jahres 1845/46 nach Texten von Andrea Maffei. Diese Romanzen stammen aus dem Jahre der „Giovanna d’Arco“ – und damit schließt sich gleichsam sehr schön der Kreis des Verdi-Gedenkens in der Programmierung des Musikvereins, hatte man doch mit der konzertanten „Giovanna d’Arco“- Aufführung das Verdijahr eröffnet. Nach dem in großen lyrischen Bögen besungenen Sonnenuntergang (Il tramonto) und einem schwermütig-sentimentalen Aufblick der Seele zu den Sternen (Ad una stella) beschließt den Liedteil das überschäumende Trinklied (Mescetemi il vino!).

Am Ende des Programms standen wieder zwei Opernarien – auch hier gab es  wieder eine charmante Moderation durch Ramón Vargas: zunächst stellte er die von Verdi später zum „Attila“ dazu komponierte Arie des Foresto vor (und nicht des Ezio, wie irrtümlich im Programmheft vermerkt) und dann sein „Lieblingsstück“ – die Rodolfo-Arie aus „Luisa Miller“. Hier hatte Vargas ganz zu seiner Form gefunden: das waren Verdi-Kantilenen, wie man sie sich wünscht.

Vargas wurde an diesem Abend am Klavier nicht wie ursprünglich vorgesehen von Mzia Bachtouritze begleitet, der Studienleiterin der Mailänder Scala und Dozentin am Konservatorium in Moskau, mit der seit mehreren Jahren eine intensive musikalische Zusammenarbeit speziell bei den Liederabenden besteht - und mit der er schon im Jahre 2009 in Graz auftrat. Durch die Terminverschiebung stand sie offenbar an diesem Abend  nicht zur Verfügung. Am Steinway saß diesmal an ihrer Stelle der erfahrene Liedbegleiter Charles Spencer, der Ramón Vargas mit großer Routine durch den Abend geleitete. Das interpretatorische Feuer des Tenors teilte er nicht mit ihm.  

Nach dem offiziellen Programm gab es für beide Künstler lebhaften Beifall und viele Bravorufe für Ramón Vargas, der auch wiederholt allein auf das Podium zurückkam. Zweimal kam der Pianist mit: für die erste Zugabe hatte man ein Lied von Ottorino Respighi vorbereitet. Aber natürlich war dies dem begeisterten Publikum zu wenig, obwohl  Vargas fragte: „Sind Sie noch nicht müde?“ Er ließ sich dann nur mehr eine Zugabe abringen – Paolo Tostis Ideale. Noch etwas Allgenmeines: Leider kann man allenthalben registrieren, dass das Publikumsinteresse an Liederabenden abnimmt. Der Musikverein für Steiermark bietet allerdings in seinem Liedabonnement so prominente Namen, dass die über 60-jährige Tradition eines eigenen Liedabonnements in Graz hoffentlich weiter erhalten werden kann. In dieser Saison kommen im Abonnement noch folgende Stars auf das Konzertpodium:

Edita Gruberova: 13.11.2013

Mojca Erdmann:  8.1.2014

Torsten Kerl:  6.2.2014

Dmitri Hvorostovsky: 28.3.2014

und zusätzlich gibt es noch die Sonderkonzerte mit Angelika Kirchschlager/ Konstantin Wecker (24.11.2013), Rolando Villazón (19.3.2014), Jonas Kaufmann (4.4.2014) und Piotr Beczala (12.6.2014)

Allein wegen dieses Konzertangebots lohnt sich für den Opernfreund eine Fahrt nach Graz!

Hermann Becke,2 5.10.2013

 

 

Zwei Hinweise

Ausschnitt aus einem Vargas-Liederabend in der Wigmore Hall (London) vom Sommer 2013 mit jener Pianistin, die ursprünglich auch für Graz vorgesehen war.

Es lohnt sich, in der offiziellen Homepage von Ramón Vargas ein wenig zu „stöbern“ – es gibt viele Videos, aber auch einen sehr persönlich-berührenden Abschnitt „Gedanken&Reflexionen“:

 

 

 

 

Musikverein für Steiermark Stefaniensaal am 17. Oktober 2013

TAMAR IVERI

als Liedsängerin

Die Weltkarriere der georgischen Sopranistin Tamar Iveri begann in Graz: Ihr erstes festes Engagement war die Grazer Oper -  hier debütierte sie im Herbst 2001 als Tatjana in „Eugen Onegin“ (unter dem damaligen Grazer Opernchef Philippe Jordan). Im Publikum saß Ioan Holender, der das ungeheure Potential der jungen Sopranistin erkannte und sie sofort an die Wiener Staatsoper engagierte – und zwar acht Jahre im Voraus (!), nämlich für die Onegin-Premiere des Jahres 2009. Iveri blieb bis 2005 an der Grazer Oper - als Donna Anna, Liu, Elisabetta, Adriana Lecouvreur, Desdemona, Suor Angelica, Amelia Grimaldi, also mit all jenen Rollen, in denen sie nun weltweit gefragt ist. Über ihre erste Don Carlo-Elisabetta im Jahr 2002 vermerkte ich: „Wiederum eine stimmlich hervorragende Leistung, alles überzeugt – Phrasierung, Timbre, Höhe, Tiefe in allen dynamischen Abstufungen - das muss eine Weltkarriere werden.“ Und so schließt sich der Kreis: am Tag unmittelbar vor dem Grazer Liederabend stand Tamar Iveri als Elisabetta auf der Bühne der Wiener Staatsoper – eingesprungen für Anja Harteros und von Presse und Publikum gefeiert! Zitat: „Wunderschöne Bögen bei einer klaren und eleganten Linienführung, perfekte Phrasierung und meisterhafte Piani und Pianissimi in ihrer großen Arie „Tu che la vanità conoscesti del mondo“ gegen Ende der Oper machten sie zum erklärten Publikumsliebling an diesem Abend. Bravissima!“

Dem ungemein rührigen Generalsekretär des Musikvereins für Steiermark Dr. Michael Nemeth ist sehr zu danken, dass er im alljährlichen Liederabendzyklus immer wieder Persönlichkeiten präsentiert, die auf der Opernbühne internationales Ansehen genießen, die man aber nicht (mehr) für Opernauftritte in Graz gewinnen kann. Das ist für alle Opernfreunde in Graz eine wesentliche Bereicherung. Dabei erlebt man dann die Stars der Opernszene auf einem für sie durchaus ungewohnten Terrain, dem der Liedinterpretation – und das ist reizvoll, wenn auch nicht immer alles gelingt!

Tamar Iveri begann den Abend im ersten Teil mit je vier Liedern von Sergej Rachmaninow und Pjotr I. Tschaikowskij. Da war die Iveri in ihrem Element: in großen, expressiven Bögen gestaltete sie überzeugend die russischen Lieder mit spürbarem persönlichen Engagement (und opernhaften Gesten). Mit absoluter stimmtechnischer Ausgeglichenheit in allen Lagen und in allen dynamischen Abstufungen und mit ihrem durchaus unverwechselbaren Timbre war sie die große Bühnenprimadonna. Das passte sehr gut zur russischen Salonmusik des ausgehenden 19.Jahrhunderts. Das Publikum freute sich, „seine“ Iveri wieder in Graz zu haben und dankte mit animiertem Applaus.

Nach der Pause erwies Tamar Iveri zunächst dem steirischen Liedmeister Hugo Wolf ihre Reverenz – und dies mit vier überaus bekannten Mörike-Liedern: Nimmersatte Liebe, Wo find‘ ich Trost, Elfenlied und Er ist’s. Und hier versuchte sie gar nicht erst, den uns vertrauten Interpretationsweg in intellektueller Text-und Tonausdeutung der großen deutschsprachigen Wolfinterpreten zu gehen, nein, sie blieb bei extrovertierter Expression und (eindrucksvoller) Demonstration ihrer stimmlichen Mittel. Offen gesagt: für mich war es nicht Mörike/Wolf, aber eine ehrliche und authentische Interpretation, die aus einem anderen Kulturkreis zu uns kam. Dann folgten vier Lieder von Richard Strauss – alle ebenso wohl bekannt: Morgen, Allerseelen, Zueignung und Kling! (mit strahlendem hohen C am Ende). Richard Strauss verträgt – zumindest nach meinem Empfinden – Iveris Interpretation wesentlich besser als Hugo Wolf. Richard Strauss hat mit seinen Liedern wirkungsvolle Stücke für den großen Konzertsaal geschrieben – und da freut man sich über Stimmglanz, wenn auch manchmal sehr breite Tempi gewählt wurden, sodass zum Beispiel in „Morgen“ die Schlussphrase „und nun auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen“ durch zwei Atempausen unterbrochen wird. Iveri hat hörbar an der Artikulation der deutschen Texte gearbeitet – man kann das nachempfinden, was sie vor kurzem selbst gesagt hat: „Da ich dann nach Graz ging und mich nachher gleich in Wien niederließ, ist Deutsch für mich meine Haupt- und Lieblingssprache geblieben.“ (Auf dieses ausführliche und informative Interview mit ihr sei ausdrücklich verwiesen.

Aber gerade in der Liedinterpretation gelten höchste Ansprüche an die Aussprache und an die Textausdeutung - und da wird es für Tamar Iveri noch einige Arbeit geben. Ihre Pianistin Nino Pavlenichvili – ebenfalls aus Georgien stammend – konnte sie in dieser Hinsicht wohl nicht unterstützen. Sie ist eine erfahrene Korrepetitorin speziell für das russische Repertoire an französischen Bühnen.  

Sie begleitete an diesem Abend robust-sicher, aber bei Hugo Wolf leider ohne die nötige Klarheit und Transparenz und bei Richard Strauss ohne virtuose Brillanz. Die eingelegten Klaviersolostücke (vor der Pause Tschaikowskijs „Dezember“ und nach der Pause Schumanns „Widmung“ in der Fassung von Franz Liszt sowie eine georgische Toccata) waren musikalisch wie programmatisch entbehrlich.

Das Programm endete mit zwei georgischen Vokalnummern. Erstaunt entnimmt man dem Programmheft, dass die Kompositionen von Aleksandre Machavariani und Revaz Lagidze aus der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts stammen – ich dachte, die Werke seien 100 Jahre älter. Wenn man dann aber im Internet liest „Revaz Lagidze was arguably the best Georgian composer of Soviet times.“, dann erklärt dies wohl einiges. Jedenfalls war die Arie der Lela aus Lagidzes gleichnamiger Oper (1974/75) für Tamar Iveri ein effektvolles Schlussstück, in dem sie nochmals all ihre vokalen Vorzüge präsentieren konnte. Damit war auch der Übergang zum Zugabenteil geschaffen -  mit zwei italienischen Schlagern, nämlich Puccinis „O mio babbino caro“ und Rossinis Tarantella La Danza – von Tamar Iveri schon beim Neujahrskonzert 2005 in Graz virtuos vorgetragen – war die Iveri wieder auf jenes Belcanto-Terrain gelangt, auf dem sie derzeit zu recht weltweit Karriere macht. Bravorufe und herzlicher Beifall im diesmal nicht ganz ausverkauften Saal – man versteht, dass die Pianistin noch in der Nacht nach dem Konzert auf ihrer Facebook-Seite vermeldete: „Un grand succès à Graz!! Bravo a nous ;;)))“

Hermann Becke, 18.10.13


P.S.

Zwei youtube-Hinweise zum Abrunden der Eindrücke dieses Abends:

Auf der Website von Tamar Iveri kann man sie als konzertante Tosca sehen und hören (Grafenegg 2012 )  Diese wird sie erstmals im nächsten Jahr in Melbourne auf der Bühne singen.

Der 3-Minuten-Film über Iveris Hochzeit im Vorjahr gibt uns einen Eindruck, aus welcher Welt sie kommt.

 

 

 

ARNOLD SCHÖNBERG: GURRE-LIEDER

Ein uneingeschränkter Erfolg zum Saisonausklang

23. Juni 2013 

Die Wiener Uraufführung am 23. Februar 1913 unter Franz Schreker markierte den größten Erfolg zu Lebzeiten Schönbergs. Dieses Datum ist wohl der Anstoß, dass dieses Riesenwerk nun gleichsam zum 100-Jahr-Jubiläum wiederholt allenthalben aufgeführt wird. So war es im Mai in Karlsruhe und Berlin auf dem Programm. Nun folgte unmittelbar nach zwei Aufführungen im Wiener Konzerthaus die Grazer Erstaufführung auf der Bühne des Opernhauses. Zitat aus dem Programmheft: „Wann immer von Aufführungen der Gurre-Lieder berichtet wird, tauchen Begriffe auf, die im Kontext anderer Kompositionen Schönbergs in der Regel fehlen: vom ‚Triumph‘ des Werkes ist da die Rede, vom ‚Jubelsturm‘ des Publikums.“

Und so war es tatsächlich auch in Graz: in sommerlicher Schwüle war das Opernhaus übervoll, man sah alles, was im Grazer Kulturleben Rang und Namen hat – das Publikum diskutierte in der Pause höchst animiert und am Schluss war der Jubel groß!

Das Grazer Philharmonische Orchester mit 140 Mitwirkenden und der rund 90-köpfige Herrenchor füllten den Raum über dem Orchestergraben und die ganze Bühne, die rund 60 Chordamen waren beim Finale links und rechts in den Logen postiert, sodass am Ende bei der hymnischen Begrüßung der aufgehenden, lebensspendenden Sonne in C-Dur ein großartiger Raumklang entstand. Schönbergs Werk wurde von ihm selbst als Oratorium bezeichnet – durch den orchestral-chorischen Riesenapparat, die packenden Chorszenen und die plastischen Figuren des Bauern, des Klaus-Narren und des Sprechers gewinnt es allerdings opernhafte Dimensionen, die eine Aufführung in einem Opernhaus nicht nur aus Platzgründen, sondern auch dramaturgisch durchaus rechtfertigen. Nur ein Beispiel: Wenn König Waldemar mit Gott hadert, weil der ihm seine Geliebte in jugendlichem Alter geraubt hat und er nun als Stürmebezwinger wie einst Wotan durch die Lüfte zieht und dazu  eine gigantische Paraphrase auf Hagens Mannenruf aus der „Götterdämmerung“ erklingt, dann ist das Musiktheater.

Dirk Kaftan, derzeit Generalmusikdirektor in Augsburg und ab Herbst Opernchef in Graz, hatte die Mammutaufgabe der Einstudierung übernommen – und er hat damit einen großartigen Einstand in Graz! Sicher war es von Vorteil, dass er ja bereits von 2006 bis 2009 als junger Kapellmeister in Graz war und also das Orchester kennt. Unter seiner Leitung hat sich jedenfalls das Orchester von seiner besten Seite gezeigt. Es gelang, trotz der zwangsläufig weit auseinandergezogenen Aufstellung ein durchwegs homogenes Klangbild zu schaffen und auch trotz des Mammutapparats viele schöne kammermusikalische Feinheiten zu gestalten, ob dies die fein aufeinander abgestimmte Soli von Violine und Viola im ersten Teil oder das Cellosolo in der Einleitung zum dritten Teil waren oder die höchsten Regionen der Holzbläser, bei denen sich Assoziationen eines leicht wehenden, durch Gräser und Pflanzen streichenden Windes einstellen. Graz erlebte an diesem Abend eine ausgezeichnete Orchesterleistung, die erwartungsvoll in die nächste Saison und auf das Zusammenwirken des neuen Chefs mit seinem Orchester blicken lässt.

Das Werk stellt nicht nur an das Orchester, sondern auch an die Solisten immense Anforderungen. Herbert Lippert, der in den letzten Jahren sehr erfolgreich seinen Wechsel ins heldentenorale Fach in Graz mit großartigen Leistungen vollzieht und der demnächst hier in Graz auch seinen ersten Tristan (konzertant) singen soll, war als Waldemar vorgesehen. Krankheitsbedingt musste er ganz kurzfristig absagen – für ihn sprang der erfahrene walisische Heldentenor JohnTreleaven ein, der diese Partie vor kurzem in Karlsruhe gesungen hatte. Mit großer Routine und ausgezeichneter Artikulation legte er den Schwerpunkt seiner Interpretation auf die dramatische Ausdeutung. Tove war mit Gal James besetzt, die wiederum mehr die großen lyrischen Bögen betonte. Beide konnten sich nur eingeschränkt gegen die Orchestermassen behaupten.

Am Ende des ersten Teils dann für mich der absolute Höhepunkt des an Höhenpunkten wahrlich nicht armen Abends: Dshamilja Kaiser betrat als Waldtaube die Bühne – mit großem Ernst und ungeheurer Intensität gestaltete sie ihr Klagelied, sich von kammermusikalischer Schlichtheit zum opernhaft dramatischen Höhepunkt wirkungsvoll steigernd. Und das gelang ihr mit herrlich timbrierter und technisch von Alttiefen bis zu den Spitzentönen völlig ausgeglichener Stimme ohne jegliches Forcieren – und dennoch das Orchester stets überstrahlend. Das kann man nicht schöner und überzeugender interpretieren! Da kann man sich nur auf ihre Leonore in Donizettis La Favorite in der nächsten Spielzeit freuen und eigentlich bedauern, dass sie (noch) nicht als Ortrud besetzt ist….. Eine große Karriere liegt zweifellos vor ihr, wenn sie weiterhin auf diesem Niveau singt und gestaltet!

Sehr prägnant und rollendeckend besetzt waren David McShane als Bauer und der (auswendig singende) Klaus-Narr von Manuel von Senden. August Zirner war ein optimal besetzter Erzähler, der rhythmisch mit dem Dirigenten ausgezeichnet abgestimmt war und seine enthusiastische Naturschilderung mit großer Intensität (und ohne elektronische Verstärkung auskommend) gestaltete. Für den Chorpart waren der Grazer Opernchor und Extrachor (Einstudierung: Bernhard Schneider) mit dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (Einstudierung: Johannes Prinz) verstärkt. Der Männerchor zeigte sich klangschön und besonders intonationssicher, wenn auch für meinen Geschmack durch die Positionierung ganz weit hinten gegenüber dem Orchester zu wenig präsent. Die Chordamen vermittelten sehr schön den warmen Sonnenklang, wenn auch nicht so intonationssauber wie die Herren - vielleicht durch die weit voneinander getrennte Aufstellung bedingt. Aber das sind eigentlich unwesentliche Details – der Gesamteindruck des Chors war der Orchesterleistung adäquat und ein wichtiger Bestandteil dieses großen Abends, der zurecht umjubelt wurde.

Hermann Becke,                 Fotos: Oper Graz, Werner Kmetitsch.

 

 

 

Angelika Kirchschlager

mit sehr persönlich gestalteten Schumann-Liedern

15. Mai 2013

Ganz unbestritten - Angelika Kirchschlager zählt heute zu den bedeutenden Persönlichkeiten der Opernbühne und des Konzertpodiums – und sie lässt sich nicht auf ein Fach fixieren, nicht in eine Schublade zwängen. Ihre internationale Agentur schreibt auf der Homepage: „Brava to our multi-faceted prima donna!“

Und Facetten hat Kirchschlager wahrlich vielfältige – das zeigt ein Blick auf das letzte Jahr: Da war zunächst  ihre Liedertournee durch Österreich und Südtirol, mit der sie sich einen persönlichen Wunsch erfüllte. Sie sang in kleinen Orten, an denen keine Festivals stattfinden, für Menschen, die normalerweise nicht zum klassischen Publikum gehören. Denn „die Musik von Schubert, Brahms und Mahler geht unmittelbar zu Herzen - da braucht es keine Vorbildung!“ sagt sie. An der Wiener Staatsoper sang sie in „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, in Helsinki die Mélisande, im Theater an der Wien „La voix humaine“ von Poulenc, dazwischen Konzerte in Deutschland und Norwegen, dann war sie gar für eine Sonntagsausgabe einer österreichischen Tageszeitung befristete Chefredakteurin. Zuletzt hatte sie am Wiener Rathausplatz mit Operettenliedern die Festwochen eröffnet. Und so bunt geht es auch weiter – am 21.Mai wird ihr in Leipzig der Europäische Kulturpreis 2013 verliehen. Siehe das auch für Opernfreunde interessante Programm.

Eine Woche darauf gibt es ein Konzert in Paris mit Kammermusik von Schubert und Johanna Doderer und im Juni wird sie auf einer Luxuskreuzfahrt rund um Großbritannien für die Gäste zwei Liederabende geben, bevor sie dann an der Wiener Staatsoper wieder die Clairon in Capriccio verkörpern wird. Und im Herbst folgt ein gemeinsames Projekt mit dem Liedermacher Konstantin Wecker. Angelika Kirchschlager wandelt ihre Programme -  und wohl auch sich selbst -  ständig, sie ist immer auf dem Weg zu Neuem, immer eine geradezu rastlos Suchende.

Und so überrascht es nicht, wie und womit sie diesmal in Graz – wo vor 20 Jahren ihre internationale Karriere mit einem furiosen Octavian begann - ihren Liederabend eröffnete. Das Publikum im vollen Stefaniensaal begrüßte die „Heimkehrerin“ und ihren Klavierpartner Helmut Deutsch beim Betreten des Podiums mit sehr herzlichem Applaus. Das Publikum hatte aber gar nicht recht Zeit, sich vom Applaus auf das Zuhören umzustellen, da kommt schon - fast in den abklingenden Applaus hinein - die Frage der Schumann-Miniatur „Sag‘ an, o lieber Vogel mein, sag‘ an, wohin die Reise dein. Weiß nicht, wohin ?“ Schon bei diesem ersten Lied war klar, dass es kein „klassischer“ Schumann-Abend, kein routiniert abgespultes, glatt-perfektes Programm werden wird. Da erlebt das Publikum auf dem Podium einen Menschen, der in seinem Leben nun "entre deux âges"  steht und der ein Suchender geblieben ist. Und da stört es nicht im Geringsten, dass Kirchschlager schon bei diesem ersten kurzen Lied Textunsicherheiten hat – übrigens souverän vom großartigen Liedbegleiter Helmut Deutsch ausgeglichen. Am Ende des Abends beim Ansagen der ersten Zugabe wird Kirchschlager sagen, dass sie mit diesem Abend „in das Guiness-Buch der Textfehler“ kommen werde. Natürlich registriert der aufmerksame Zuhörer diese Unsicherheiten, aber fast ist man geneigt zu glauben, dass dies geradezu ein Bestandteil der Interpretation sein muss, so ehrlich, berührend und intensiv ist Kirchschlagers Gestaltungskraft und Ausstrahlung. Das Gesamtbild, ja das „Gesamtkunstwerk“ jedes einzelnen Lieds, die Balance zwischen Text und Musik (wie sie auch Schumann immer vor Augen hatte) ist wichtiger als einzelne Textfehler. Das gesamte Programm des Abends war ein steter Wechsel zwischen hellen und dunklen Tönen, zwischen jugendlicher Frische, zweifelnder Melancholie und Blick auf das Jenseitige.

In der ersten Hälfte des Abends standen die herb-schlichten fünf Gedichte der Königin Maria Stuart in ihrer fast ausweglosen Traurigkeit der Spätzeit von Schumanns Schaffen zwischen zwei Liedgruppen des Jahres 1840 – jenem Jahr, in dem aus Schumann 138 (!) Gesänge feuriger Begeisterung für Clara geradezu herausgebrochen sind. Der zweite Programmteil begann mit den Liedern und Gesängen aus Goethes Wilhelm Meister aus dem Jahre 1849. Schumann war seit seinen ersten Liedern ein anderer geworden. Er hatte inzwischen Richard Wagner in Dresden kennengelernt und hatte selbst seine Oper Genoveva geschrieben. Das Lied war für Schumann nun zur dramatischen, bisweilen meditativen Szene geworden. Doch blitzt auch im zweiten Programmteil nochmals der helle Überschwang auf; das Publikum freut sich an den Schumann-„Schlagern“ Erstes Grün, Der Nussbaum, Die Lotosblume, bevor der Abend mit dem Einsiedler und dem Requiem düster endet. Der Bogen eines sehr klug zusammengestellten und auch für das Publikum durchaus anstrengenden Programms hatte sich geschlossen. Robert Schumann – und mit ihm Angelika Kirchschlager – beantworten mit diesen beiden letzten Liedern die eingangs gestellte Frage, wohin die Reise führe: „Lass ausruh‘n mich von Lust und Not“ und „Ruh‘ von schmerzenreichen Mühen aus und heißem Liebesglühen“.

Der geneigte Leser möge verzeihen –  aber ich kann nun nicht anders, als die Quintessenz dieses Programms und damit der deutschen Romantik mit einem Zitat von Jean Paul zusammenfassen:

„Ich konnte nie mehr als drei Wege, glücklicher, nicht glücklich zu werden, auskundschaften. Der erste Weg, der in die Höhe geht, ist: so weit über das Gewölke des Lebens hinauszudringen, dass man die ganze äußere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhäusern und Gewitterableitern von weitem unter seinen Füßen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergärtchen liegen sieht. Der zweite ist: gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, dass, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt, deren jede für den Nestvogel ein Baum und ein Sonnen-und Regenschirm ist. Der dritte endlich, den ich für den schwersten und klügsten halte, ist der, mit den beiden anderen zu wechseln.“

Nicht nur Robert Schumann wird wohl diesen „schwersten und klügsten Weg“ gegangen sein, auch Angelika Kirchschlager bewegt sich mit ihren Interpretationen in diesem steten Wechsel. Sie tut dies mit ihrer inzwischen dunkler gewordenen schlanken Stimme, die alle Farbschattierungen zwischen hell und dunkel – nicht zuletzt auch aufgrund der exzellenten, nie manierierten Wortdeutlichkeit – in Schumanns Musik und gleichwertig in den romantischen Texten darzustellen und auszuschöpfen weiß. Nie hört man vokale Selbstdarstellung, sondern immer geradezu an die Substanz gehende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Lied. Nach ihrer eingangs erwähnten Liedertournee durch kleine Orte und für ein Publikum, das völlig unbefangen und unerfahren klassischer Musik und klassischer Gesangskunst entgegentritt, sagte Kirchschlager in einem Interview: „Das, was ich auf dieser Reise erlebt habe, das nehme ich ganz sicher in die großen Konzertsäle mit und ich werde in Zukunft a bisserl anders singen – das hat mich geprägt“

Darauf mag wohl zurückzuführen sein, dass manches an diesem Abend fast rezitiert und nicht breit ausgesungen wurde. Im großen Saal mit über tausend Plätzen mag da für manche weiter entfernt sitzende Menschen etwas zu „klein“ gewesen sein – aber für die Schumannschen feingliedrig-subtilen Lieder war es überzeugend. Und hier muss ausdrücklich auch dem idealen Liedbegleiter Helmut Deutsch gedankt werden, dessen Kunst den Abend entscheidend mitgeprägt hat. Angelika Kirchschlager und Helmut Deutsch haben es meisterhaft verstanden, die romantische Liedkunst des 19.Jahrhunderts in unsere Zeit zu „übersetzen“ und Schumanns Liedern auch heute noch Aktualität und Spannung zu geben. Das nenne ich richtig verstandene Werktreue!

Auch in den beiden Zugaben erlebte man die beiden Seiten Schumanns – die Helle in der „Widmung“ und das Schreckliche im „Waldesgespräch“ mit den drastisch-harten Akkordschlägen im Klavier und dem dreimaligen „Nimmermehr“ - exemplarische Interpretationen von Angelika Kirchschlager und Helmut Deutsch! 

Hermann Becke

 

P.S:

Es lohnt sich, den Videoblog über Kirchschlagers Liedreise anzuschauen

Im Schumann-Jahr 2010 haben Kirchschlager und Deutsch eine - inzwischen preisgekrönte - CD aufgenommen, die einen wesentlichen Teil des hier besprochenen Programms enthält.

 

 

 

 

 

Liederabend

Patricia Petibon

Energie und Charme pur !

Graz, 24. April 2013

Man weiß ja, was einen erwartet, wenn ein Konzertabend mit der französischen Sopranistin Patricia Petitbon angekündigt ist: ein überaus sorgfältig und klug zusammengestelltes Programm selten gehörter Stücke mit der exzellenten Pianistin Susan Manoff, das die Grenzen zwischen klassischem Lied, Chanson, Musiktheater und Cabaret mühelos verschwimmen lässt und zu einem originären Ganzen zusammenwächst. Man kennt auch die Ingredienzien der Kostümierung (Hüte, Pappnasen, Schürzen, Kochlöffel, Suppentopf, Tierchen…) und dennoch: Sobald die beiden Damen das Konzertpodium betreten, ist man wiederum überwältigt von ihrem Charme und ihrer Energie.

Gleich die ersten eineinhalb Minuten sind musikalische Bühnenkunst in Perfektion: Aus den „Banalités“ von Francis Poulenc das Stück "Hôtel" – „Je ne veux pas travailler - je veux fumer“ – die Sopranistin entspannt-gelangweilt ans Klavier gelehnt, jeder Ton durchgestaltet, jede Nuance klug disponiert vom zarten Piano leicht crescendierend, alles perfekt einstudiert - gleichzeitig empfindet man als Zuhörer dennoch unmittelbare Spontaneität. Das ist die große Stärke des Duos Patricia Petibon-Susan Manoff: Alles ist perfekt geplant und höchst professionell umgesetzt, aber dennoch scheinbar völlig genuin aus dem Augenblick entstehend! Und so reihten sich zunächst französische Miniaturen von Francis Poulenc und groteske Tierlieder des einzigen Ravel-Schülers Manuel Rosenthal aneinander, bevor der erste Teil mit Shéhérazade von Maurice Ravel zu Ende ging. Hier erlebte man dann die andere Seite der Petibon: da gibt es nichts extrovertiert Artifizielles, sondern wunderbar-melancholische Gestaltung der großen Melodiebögen mit vielen Klangschattierungen – und dazu eine meisterhafte Umsetzung des Orchesterparts am Klavier durch Susan Manoff – berührend und meisterhaft!

Nach der Pause ein spanischer Schwerpunkt: Hier erlebte man plötzlich wiederum eine ganz andere Seite der Petibon: Stolze spanische Schwermut in Stimme und Körperhaltung (Collet, Obradors, Lorca und de Falla) – wiederum ergänzt durch extrovertiertes Musiktheater über die fürchterliche Tarantel aus einer Zarzuela von Gerónimo Giménez. Dann ein weiteres szenisch-musikalisches Meisterstück: Der kleine Zyklus La bonne cuisine von Leonard Bernstein – von den beiden Künstlerinnen virtuos in rasant wechselnder Kostümierung interpretiert. Damit war eigentlich das Programm zu Ende – allerdings waren diesmal zwei Zugabenstücke gleichsam in das offizielle Programm eingebaut, nämlich zunächst als Anschluss an Bernstein der amerikanische Welthit „Somewhere over the rainbow“ und ganz zum Schluss Granada.

Das Publikum jubelte und wurde mit vier Zugaben belohnt: Zunächst drei Reminiszenzen an das Grazer Konzert vom Jänner 2011 - Manuel de Falla: El pano moruno, Henri Collet: A vida dos arrieros, Manuel Rosenthal: Fido, Fido und dann als allerletzter Schlusspunkt anrührend und schlicht Les berceaux von Gabriel Fauré. Man weiß, dass ganz große Opernhäuser Patricia Petibon gelegentlich an ihre stimmlichen Grenzen führen können – man denke an ihre Lulu im Großen Festspielhaus in Salzburg. Auf dem Konzertpodium hat allerdings Petibon mit ihren Programmen eine musiktheatralische Kunstform entwickelt, die wahrlich einmalig ist.

Hermann Becke

 

P.S.

Nach dem Konzert stellte sich Patricia Petibon ihren Grazer Fans für Autogramme zu Verfügung. Es lohnt sich, den auf der offiziellen Homepage von Petibon angebotenen Video-Clip zu ihrer letzten CD anzuschauen – hier erlebt man die Petibon, wie sie jenen Bereich interpretiert, den wir diesmal nicht hören konnten, aus dem Petibon aber ursprünglich herkommt, nämlich den reichen Schatz der sogenannten „Alten Musik“: //youtube.com/PatriciaPetibon Informativ ist dazu auch das Interview, das sie beim Erscheinen ihrer neuen CD einer Grazer Zeitung gab: Petitbon-Interview

 

Und noch ein Hinweis:

Der Musikverein für Steiermark bietet in der Saison 2013/14 wiederum ein überaus reiches Konzertprogramm – darunter auch viele große Namen der internationalen Opernszene. Bei den Damen: Mojca Erdmann, Edita Gruberova, Tamar Iveri, Elisabeth Kulman Bei den Herren: Piotr Beczala, Dimitri Hvorostovski, Jonas Kaufmann, Torsten Kerl, Rolando Villazón. Schauen Sie unbedingt das Programm durch: Programm Musikverein für Steiermark

 

 

Karl-Böhm-Gedächtniskonzert

in der Oper Graz mit Zubin Mehta am 5.3.2013

Man mag sich als Leser des „Opernfreundes“ fragen, warum zwischen all den Opernberichten plötzlich ein Bericht über ein Orchesterkonzert aufscheint. Dafür gibt es zunächst ganz pragmatische Gründe. Die Oper Graz lud in das Opernhaus zu diesem Konzert ein – aber vor allem:

Das Konzert war dem wohl bedeutendsten Operndirigenten gewidmet, der aus Graz hervorgegangen ist. Der gebürtige Grazer Karl Böhm (1894 -1981), dessen Büste heute im Foyer der Grazer Oper steht, begann schon während seines Jura-Studiums im Jahr 1916 als Korrepetitor an der Grazer Oper, war dann hier ab 1917 Opern-und Konzertdirigent, bis ihn im Jahre 1921 Bruno Walter nach München holte. Karl Böhm schreibt in seiner Autobiographie „Ich erinnere mich ganz genau“: „Ich hing sehr an dem Grazer Opernhaus, wo ich so viele bleibende Eindrücke empfing.“

Also Grund genug, in diesem Haus ein festliches Gedächtniskonzert zu veranstalten, das gleichzeitig ein Benefizkonzert zugunsten der von Karl Böhms Sohn Karlheinz gegründeten Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“ und der „Mehli Mehta Music Foundation“ war. Der Förderkreis der Oper Graz unterstützte den guten Zweck gemeinsam mit Sponsoren – ebenso wie natürlich das Publikum durch den Kauf der Eintrittskarten. Graz erlebte im völlig ausverkauften Haus (auch der Stehplatz war seit langem wieder einmal voll!) einen großen Abend - es gab gesellschaftlichen, aber auch musikalischen Glanz! Aber der Reihe nach:

Der Abend begann mit Grußworten der unvergleichlichen Christa Ludwig, die über ihre erste Begegnung mit Karl Böhm vor 60 Jahren erzählte – damals war sie 25 Jahre alt. Sie ist übrigens auf den Tag genau gleich alt wie Karl Böhms Sohn Karlheinz – beide feiern am 16.März ihren 85.Geburtstag. Das Grazer Publikum unterbrach die Grußworte an dieser Stelle mit einem herzlichen vorweggenommenen Geburtstagsapplaus.

Christa Ludwig betonte, dass Karl Böhm einer der wenigen großen Dirigenten seiner Zeit war, der wirklich etwas von Stimmen verstand und den sie dankbar als einen entscheidenden Mentor ihrer eigenen Karriere sieht. Man konnte an diesem Abend Christa Ludwig als Rednerin so erleben, wie man sie auf Bühne und Konzertpodium kannte: Eine Dame mit Niveau und Charme, die mitreißend Erfahrungen aus ihrem Künstlerleben zu erzählen weiß, ohne ins Platt-Anekdotische abzugleiten – das Publikum war begeistert!

Nach Christa Ludwig trat der Weltstar Zubin Mehta vor das Grazer Philharmonische Orchester – auch er mit Karl Böhm durch Jahrzehnte verbunden. Er schreibt im Programmheft: „Die erste Oper, die ich in meinem Leben live gehört habe, war „Fidelio“ unter der Leitung von Dr. Karl Böhm im Oktober 1954 im Theater an der Wien. Seither ist dieser große Meister immer mein Maßstab gewesen.“

Karl Böhm hatte den ihm verliehenen „Arthur-Nikisch-Ring“ an Zubin Mehta weitergegeben. Der Ring wurde nach dem Tode Böhms von Karlheinz Böhm im Wiener Musikverein übergeben – siehe dazu den amerikanischen Zeitungsbericht Arthur-Nikisch-Ring

Auf dem Programm des Grazer Gedächtniskonzertes stand ausschließlich Mozart – im ersten Teil zunächst die straff musizierte Ouvertüre zu „Le nozze di Figaro“ und dann das Klavierkonzert in d-moll, KV 466 mit Rudolf Buchbinder als Solist. Er setzte mit seiner Interpretation das um, was im Programmheft zu lesen ist: „Von steter innerer Dramatik durchpulst, stoßen namentlich die Ecksätze das Tor zur Romantik auf.“ Der große Steinway mit weit geöffnetem Deckel stand zentral vor dem Orchester – für die vorderen Reihen im Parterre war damit akustisch (und auch optisch) das Orchester allzu sehr im Hintergrund. Die pianistische, ja romantische Brillanz dominierte. Großer Beifall – auch bei dem ebenso brillant wie romantisch interpretierten Schubert-Impromptu als Zugabe.

Nach der Pause folgten zunächst berührende Dankesworte einer Enkelin von Karl Böhm und dann für mich der musikalische Höhepunkt des Abends: Die Grazer Philharmoniker bewiesen in der großen C-Dur -Symphonie (schon seit Beginn des 19.Jahrhunderts mit dem Beinamen „Jupiter-Symphonie“) hohes Niveau!  Zubin Mehta dirigierte auswendig und schloss sich damit dem an, was Karl Böhm in seiner Autobiographie geschrieben hatte: “Ich selbst dirigiere im Konzertsaal sämtliche klassischen Werke auswendig, weil ich das Gefühl habe, auf diese Weise freier gestalten zu können.“ Und souverän gestaltete Zubin Mehta Mozarts symphonisches Meisterwerk. Er arbeitete jedes Detail liebevoll heraus, ohne je den Fluss des Gesamten dadurch zu beeinträchtigen – und das Orchester folgte mit großer Konzentration und sehr schönen Details. Das Klangbild blieb bis zum triumphalen Finale immer ausgewogen und transparent, ohne den großen Zusammenhalt und die Spannung zu verlieren. Viel Jubel und „standing ovations“ für Zubin Mehta – von ihm sehr sympathisch an das Orchester weitergegeben.

Persönlicher Nachsatz:

Ich bin überzeugt - diese Jupiter-Symphonie hätte der immer kritische Karl Böhm geschätzt und sicher auch gelobt. Ich erinnere mich da an seine letzte Mozartinterpretation in Graz. Im Jänner 1980 dirigierte Karl Böhm aus Anlass der Erneuerung seines Doktordiploms an der Universität Graz (Promotion zum Dr. iur. im Jahre 1919) das Studierendenorchester der Kunstuniversität Graz mit Teilen der „Haffner“-Symphonie – übrigens vielleicht mit dem heutigen Konzertmeister des Grazer Philharmonischen Orchesters unter den damaligen Studenten.

Der schon körperlich recht reduzierte Maestro war bei Probe und Aufführung hellwach und spannungsvoll - den Studierenden gegenüber wie erwartet zwar kritisch-brummelnd, aber überraschend auch lobend bei einzelnen gelungenen Soli. Für alle, die damals dabei sein konnten, war es ein bleibender Eindruck, wie der altersweise Karl Böhm zwar streng, aber durchaus aufbauend mit den jungen Studierenden umging.

Hermann Becke

 

 

 

Christiane Karg

Souveräner Liederabend in Graz am 24.1.2013

Es gibt wenige Sängerinnen, die auf der Opernbühne und auf dem Konzertpodium gleich überzeugen - Christiane Karg zählt zweifellos zu diesen Ausnahmefällen!

Vor gut zwei Monaten hat sie in Frankfurt erstmals die Mélisande gesungen (übrigens mit dem auch in Graz hochgeschätzten Christian Gerhaher als Pelléas). Über die Leistung von Christiane Karg schrieb der „Opernfreund“: „Christiane Karg als Mélisande verzichtet bewusst darauf, dem Publikum mit gurrender Sinnlichkeit zu gefallen, sondern setzt ihren silbrigen Sopran eher ätherisch entrückt unter Ausdeutung feinster Farbnuancen ein; sie setzt einen Meilenstein in der Interpretation der Rolle dieser zerbrechlichen Person, die sie auch mit ihrer Bühnenerscheinung idealtypisch verkörpert.“

Und nun ist über ihren wunderbaren Liederabend in Graz zu berichten, der unter dem Titel „Mädchenblumen“ stand. Es war ein reizvolles und klug zusammengestelltes Programm, das das Duo Karg-Huber bereits mehrfach, zuletzt in Amsterdam präsentiert hatte. Christiane Karg stand – so wie auf dem Bild aus Frankfurt – fast ein wenig steif und in sich zurückgezogen auf dem Podium. Und genau das ist zu bestätigen, was Manfred Langer über ihre Mélisande schrieb: bewusster Verzicht auf „gurrende Sinnlichkeit“. Das Publikum reagierte zunächst zurückhaltend, erkannte aber im Laufe des Abends sehr bald, dass man hier Zeuge einer außerordentlichen Leistung wurde und feierte die Sängerin mit intensivem Beifall und Bravorufen.

Das Programm begann kühl-reserviert mit dem letzten Mörike-Lied von Hugo Wolf „Auf eine Christblume II“, dann folgten zwei Schumann-Miniaturen, bevor Schuberts breit-ausladende „Viola“ mit dem wunderbar-naiven Schneeglöcklein-Refrain zum ersten Höhepunkt wurde. Mit silbrigem Glanz und mit großer Ruhe - ohne je ins Sentimentale abzugleiten – gelang hier Karg eine ideale Interpretation. Dann kam der sehr selten zu hörende Richard-Strauss-Zyklus „Mädchenblumen“, für den der speziell in der höheren Mittelage und im mezzavoce unverwechselbar schimmernde Sopran Kargs ideal passte. Besonders zu betonen ist hier auch die außerordentliche und nie maniriert wirkende Wortdeutlichkeit – eine gerade bei Sopranen nicht allzu oft anzutreffende Qualität.

Im zweiten Teil stand dann die Ophelia-Figur im Mittelpunkt. In unmittelbarer und spannungsvoller Aufeinanderfolge reihten Karg und Huber die Vertonungen von Brahms und Strauss aneinander. Den Abschluss bildete ein französischer Block: La mort d’Ophélie von Camille Saint-Saëns, dann drei Lieder von Reynaldo Hahn. Speziell bei den Hahn-Liedern bewies das Liedduo seine interpretatorische Qualität: der Balanceakt zwischen das Banale streifender, gefälliger Salonmusik und elegant-geistvoller Distanz gelang perfekt. Dies ist zweifellos auch der großartigen Gestaltungskraft des Pianisten Gerold Huber zu danken, der  Christiane Karg an diesem Abend ein idealer Partner war. Karg traf auch ausgezeichnet den französischen Sprachduktus.

Mit Henri Duparc und seiner öfter gehörten Phidylé und einer kaum bekannten Mignon-Vertonung standen am Ende. Das Publikum jubelte und erklatschte drei Zugaben. Zunächst eine „weitere verrückte Frau“, wie Christiane Karg charmant ankündigte: „Melisande's song“ von Gabriel Fauré für London in englischer Sprache geschrieben (und von Karg nicht ganz so ideal wie die französischen Texte gesungen), dann „Fleurs“ von Francis Poulenc und zuletzt Schumanns Heine-Vertonung „Du bist wie eine Blume“.

Es ist erstaunlich und beeindruckend, wie eine Sängerin schon in so frühen Jahren – Christiane Karg ist gerade einmal 32 Jahre alt! – eine derart perfekte Liedgestaltung bieten kann. Mit diesem Programm hat sie sehr klug ihre Vorzüge präsentiert: technisch reife und völlig ausgewogene Stimmführung, langer Atem, silbrig-distanzierte Stimmfarbe und ausgezeichnete Artikulation. Man kann gespannt ihren weiteren Weg verfolgen. Es ist ihr zu wünschen, dass sie weiterhin so erfolgreich auf ihrem doppelten Weg – Lied/Konzert und Oper – voranschreitet!

Hermann Becke

 

 

 

Elīna Garanča

„Liebe und Leidenschaft“

Sonderkonzert im Musikverein für Steiermark

am 16. Jänner 2013

Auf die Frage, warum ihr Kalender im Jänner 2013 nur Konzert- und keine Operntermine enthält, antwortete Elīna Garanča in einem Grazer Interview entwaffnend: „Das hat sich ein wenig zufällig ergeben, liegt aber auch daran, dass ich mich auf Konzerte konzentriere, um meine letzte CD zu promoten.“ Garanca-Interview

Die neue CD trägt den Titel „Romantique“, im Konzertkalender auf Garančas Website heißen die Jänner-Konzerte in Wien, Graz, Baden-Baden, Zagreb, Hamburg und Genf „Gala Concert“ und im Grazer Programm steht „Sonderkonzert“ mit dem Untertitel „Liebe und Leidenschaft“. Aber wie auch immer man den Abend bezeichnet: es war deshalb ein großartiger Abend, weil keine CD und keine DVD den unmittelbaren Eindruck einer Sängerpersönlichkeit ersetzen kann - und Elīna Garanča ist unzweifelhaft eine der ganz großen Sängerpersönlichkeiten der Gegenwart!

Das Programm war gegenüber ihrem Wiener Auftritt vor zwei Tagen etwas modifiziert – sie hatte in Graz den koreanischen Tenor HO-YOON CHUNG als Partner. Als Begründung sagte Garanča im Interview: „Weil ich schon ziemlich oft mit Soloprogrammen in Graz gewesen bin, wollte ich auch Duette anbieten, und mit dem Duett aus Bellinis "I Capuleti e i Montecchi" will ich zeigen, dass ich immer noch ziemlich gut Belcanto singen kann.“

Tatsächlich: Die Garanča war erstmals schon im Frühjahr 2004 in einem Festkonzert mit dem lettischen Liepaja Symphony Amber Sound Orchestra in Graz  zu Gast. Sie war gerade an die Wiener Staatsoper gekommen und stand am Beginn ihrer großen Karriere. Sie sang damals in Graz  unter anderem Cherubino und Dorabella.

Seither sind neun Jahre vergangen – die ursprünglich schlank-jugendliche, reizvoll-herbe Stimme hat sich in Farbe und Volumen ganz natürlich weiterentwickelt zu einem warmen Mezzoklang. Die perfekte technische Beherrschung des prachtvollen Materials führt bruchlos bis zu strahlenden Spitzentönen. Garanča interpretiert ihre Partien primär von der Klangfarbe und der musikalischen Linie ausgehend. Sicher: andere Carmen-Interpretinnen kommen mehr von der Textgestaltung – bei Garanča kommt alles vom perfekten Wohlklang her. Das mag ihr manchmal den Ruf eintragen, eine kühle Perfektionistin zu sein. Wenn man aber erlebt, wie sie zum Beispiel am Ende der ersten Strophe der Habanera das Fis auf „prends garde“ bruchlos ins Piano abschwellen lässt und dann am Ende der zweiten Strophe die Parallelstelle vom Piano ins strahlende Forte führt, dann fallen einfach allfällige interpretatorische Einwände in sich zusammen. Das ist höchste Belcanto-Kunst, die zu Recht umjubelt wird. Auch im Schlußduett Carmen/Don José hört man von ihr keinen (von manchen als Effekt eingesetzten) grellen Ton, sondern eine stets technisch perfekt geführte wunderschöne Stimme – und das ist zwar vielleicht kühl, aber gerade deshalb in ihrer Konsequenz überzeugend unerbittlich. Alle Opernfreunde dürfen sich gespannt auf ihre erste Carmen an der Wiener Staatsoper im Mai 2013 freuen.

Das Programm des Grazer Konzerts war übrigens ebenso perfekt-kommerziell zusammengestellt: Vor und nach der Pause je zwei Arien der Garanča (Jeanne d’Arc von Tschaikowskij und Dalila sowie Habanera und Seguidilla), je eine des Tenors (Lamento des Federico von Cilea und Don José) und je ein Duett (Bellini und Carmen-Finale). Davor und dazwischen füllte das Wiener Kammerorchester unter der Leitung von Karel Mark Chichon das Programm auf – verlässlich, wenn auch eindimensional und fallweise ganz einfach zu derb.

Professionell war zweifellos auch die Auswahl des Tenorpartners: Ho-yoon Chung ist ein bereits routinierter Sänger (über 100 Auftritte an der Wiener Staatsoper – primär in kleineren und mittleren Rollen). Sein Beitrag war sehr ordentlich – manchmal in der Emotion etwas intonationsgetrübt – aber es war natürlich klar: Mittelpunkt des Abends ist die strahlende lettische Diva und das Publikum im völlig ausverkauften Stefaniensaal jubelte.

Sehr gerne hätte man wesentlich mehr von Elīna Garanča gehört, aber wie von ihr selbst gesagt: es ging ja ums Promoten der neuen CD. Daher gabs wohl auch nur zwei Zugaben, nämlich einmal Garanča mit einem virtuosen Zarzuela-Ausschnitt und als Überraschung die Garanča als Violetta gemeinsam mit dem Tenor im „Libiamo“ aus der Traviata. Auch dieser fachliche Ausflug gelang ihr überzeugend!

Und danach: Natürlich Verkauf und Signieren der neuen CD!

Hermann Becke

 

 

 

Graz startet mit Walküre ins neue Jahr

Neujahrskonzert 2013

am 1. Jänner 2013

Was kann es für den Opernfreund Schöneres geben: Man geht am ersten Abend des Jahres in die Oper, das Haus ist ausverkauft, der Dirigent eilt ans Pult und sofort stürmen die tiefen Streicher im Orchester los: man erlebt die mehr als einstündige Liebesbegegnung zwischen Sieglinde und Siegmund – zweifellos ein Höhepunkt im Schaffen von Richard Wagner, aber auch der Opernkunst überhaupt!

Es ist allerdings leider nur eine konzertante Aufführung des ersten Akts der Walküre im Rahmen des Neujahrskonzertes der Grazer Oper – gleichsam als Auftakt des Wagner-Jahres. Nach der Pause folgen Benjamin Brittens „The Young Person's Guide to the Orchestra“ und zuletzt Verdische Opernchöre. Die Oper Graz feiert mit diesem Neujahrskonzert die 200. Geburtstage von Richard Wagner und von Giuseppe Verdi sowie den 100. Geburtstag von Benjamin Britten.

Wenn man das Programm in der Vorankündigung liest, erwartet man festlichen Glanz. Den erlebt man auch im positiv-erwartungsvoll gestimmten Publikum, den sieht man auf der großen Bühne – der Orchestergraben ist überdeckt – Dirigent, Solisten, Orchester in Frack und Abendkleid und nach der Pause der Chor (ebenso feiertäglich gekleidet) füllen die so geschaffene riesige Konzertbühne, es gibt prächtige Blumenarrangements. Am Ende gibt es freundlichen Applaus, heiter-entspannte Worte des Chefdirigenten samt Neujahrswünschen des gesamten Orchesters (angepasst den am Vormittag weltweit übertragenen Wünschen der Wiener Philharmoniker „Prosit Neujahr“) und zwei „Schlager“ als Zugabe. Aber irgendwie fehlte an diesem Abend doch das musikalisch Außergewöhnliche, der künstlerische Glanz.

Für Sieglinde und Siegmund hatte man zwei Gäste eingeladen – die allerdings beide ihre Partien zum ersten Mal sangen und die Noten vor sich auf den Pulten hatten.

Katrin Kapplusch kennt man in Graz schon von ihrem Gastspiel als Manon Lescaut – siehe dazu den Bericht vom 30.11.2012. Als Sieglinde überzeugte sie stimmlich vollends, sie artikulierte ausgezeichnet und vermittelte durch Körperhaltung und sparsame Gesten ideal die Rolle – und vor allem: die Noten vor ihr dienten offensichtlich nur als Gedächtnisstütze.

Ihr Siegmund hingegen hing sehr an den Noten, hatte dennoch immer wieder kleine Textschwierigkeiten und war als Bühnenfigur so gar nicht präsent. Franco Farina ist ein erfahrener Sänger, der sich jetzt gegen Ende seiner Laufbahn im italienischen Fach (immerhin seit seinem Debut als Rodolfo mit Mirella Freni 147 Met-Auftritte!) dem deutschen Heldenfach zuwendet. 2011 sang er in Weimar der Tristan, 2012 in Hamburg den Tannhäuser und in Köln den Florestan. Farina zeigte an diesem Abend eine dunkel timbrierte Belcantostimme – allerdings immer wieder auch deutliche Intonationstrübungen. Aus dem Hausensemble war der altgediente Konstantin Sfiris als Hunding aufgeboten. Noch immer beeindruckt sein schwarzes Material. Er singt als einziger auswendig – und macht in seiner gestischen Einsatzfreude (und manchmal auch übertriebenen Artikulation) das zu viel, was Farina nicht einmal anzudeuten versucht.

Der Chefdirigent des Hauses Johannes Fritzsch ist vor allem mit der Koordination beschäftigt – die Solisten stehen vor ihm und haben nicht so recht Kontakt mit ihm, das Grazer Philharmonische Orchester sitzt weit in die Tiefe des Podiums auseinandergezogen, wodurch die Balance zwischen den Streichern und den erhöht sitzenden Bläsern immer wieder gefährdet schien. Fritzsch betont sehr schön die großen melodischen Phrasen und spannt den Bogen von breiter Lyrik (sehr schönes Cello-Solo!) zu dramatischer Dichtheit. Packende Spannung stellt sich erst ganz am Ende des Aktes. ein.

Nach der Pause folgte zunächst Benjamin Brittens „The Young Person's Guide to the Orchestra“ – ein prächtiges Stück, das allen Orchestergruppen vielfältige Präsentationsmöglichkeiten einräumt. Die Grazer Philharmoniker nutzen diese Chance durchaus brillant.

Dann betreten Chor und Extrachor der Oper Graz das Podium und beweisen sofort in den a-cappella-Phrasen einer Szene aus Verdis „I Lombardi alla prima Crociata“ disziplinierte Klangschönheit. Nach einem militanten Ernani-Chor singt Kathrin Kapplusch sehr schön mit dem Chor einen kurzen Ausschnitt aus der Klosterszene aus „La Forza del Destino“ (der im Programm angeführte Pater Guardian bleibt stumm….). Es folgen der Zigeunerchor aus dem Troubadour und der Chor der schottischen Flüchtlinge aus Macbeth, bevor das offizielle Programm mit dem Triumphakt aus der Aida endete. Zwei Zugaben folgen: der Gefangenenchor aus Nabucco und Wagners Walkürenritt. Dabei fällt wie schon vor der Pause auf, dass Graz nicht die von Wagner geforderte Streicherbesetzung 16/16/12/12/8 aufgeboten hat, sondern dass leider nur 12/10/8/6/4 Streicher auf dem Podium sind, sodass die erhöht sitzenden Bläser unangemessen dominieren. Chor und Extrachor (sehr gut von Georgi Mladenov einstudiert) sangen prächtig – den zugegebenen Gefangenenchor ostentativ auswendig. Trotz großer Besetzung waren sie in der Aida allerdings ein wenig Opfer der Aufstellung – der Chor stand zwar erhöht, aber ganz weit im Bühnenhintergund hinter dem Orchester. Da konnten sie sich nicht gebührend gegen das Orchester durchsetzen, umso mehr als die „ägyptischen Trompeten“ wirkungsvoll von der Zuschauergalerie schmetterten.

Insgesamt: ein ordentliches, aber nicht außerordentliches Opernwunschkonzert zum Jahresbeginn.

Herman Becke

 

 

 

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