
Copyright: DER OPERNFREUND - Hermann Becke
Alltag und Vorschau auf 2012/13
Maria Stuarda am 27.4.2012 und Pressekonferenz für die nächste Saison
Nach der von Publikum und Presse sehr positiv aufgenommenen Premiere am 30.3.2012 (siehe den damaligen Bericht) gab es in dieser Repertoirevorstellung zwei Umbesetzungen:
Die musikalische Leitung hat nun Massimo Parise übernommen, der schon als Assistent an der Einstudierung mitgewirkt hatte, und die Partie des Leicester sang erstmals Taylan Reinhard. Grund genug, die Produktion nochmals zu besuchen, die Leistungen der beiden Debutanten zu würdigen und gleichzeitig zu beobachten, wie das „Alltagspublikum“ die Aufführung aufnimmt.
Beginnen wir mit dem letzten Punkt: Das Haus war sehr gut besucht und das Publikum dankte mit einem klug abgestuften Applaus.
Bei Massimo Parise, der seit einigen Jahren in Graz als Solorepetitor tätig ist und auch schon eine Reihe von Dirigaten hinter sich hat, ist der Abend in guten und sicheren Händen. Vielleicht fehlte ein wenig die federnde Spannung des Premierenabends, aber er begleitete die Protagonisten sehr rücksichtsvoll – verständlich, dass er am Ende nicht nur vom Publikum, sondern auch ostentativ von den Solisten bedankt wurde. Das Orchester spielte mit einer Reihe von schönen Details.
Taylan Reinhard hat für die schwierige Tenorpartie, die deutlich im Schatten der beiden Königinnen steht, das richtige Stilempfinden. Er singt die Partie mit Anstand, manchmal mit etwas enger Stimme und letztlich mit zu wenig Volumen und zu wenig heldischer Attacke (die die Musik, nicht aber die dramaturgische Funktion der Rolle doch fordert).
Margareta Klobucar als Maria Stuarda war in ausgezeichneter Abendverfassung – verdienter Jubel um sie am Ende! Dshamilja Kaiser brauchte diesmal eine etwas längere Anlaufzeit. Am Anfang schien nicht alles so recht gestützt und daher (für sie ungewohnt) tremolierend. Dann aber steigerte auch sie sich zu einer wirklich großen Leistung. Die jugendliche Amme Marias Kristina Antonia Fehrs zeigte sich stimmlich deutlich profilierter als in der Premiere.
Wiederum eindrucksvoll ergänzten die dunklen Herrenstimmen von Wilfried Zelinka und David McShane. Klangschön und präzis präsentierte sich der Chor.
Die Inszenierung – Regie, Bühne, Kostüme und Licht in der Hand von Stefano Poda – überzeugt auch beim zweiten Besuch. Das ist eigenständiges und dennoch nie die Musik beeinträchtigendes modernes Musiktheater. Es gibt noch sechs weitere Vorstellungen im Mai und Juni – der Besuch ist unbedingt zu empfehlen, wird die Produktion doch nicht in die nächste Spielzeit übernommen.
Und über die nächste Spielzeit informierte Intendantin Elisabeth Sobotka in ihrer Pressekonferenz.
2012/13 wird mit Puccinis „Manon Lescaut“ in der Insznierung von Stefan Herheim eröffnet (dessen „Carmen“ demnächst wieder aufgenommen werden wird). „Manon Lescaut“ ist eine Koproduktion mit Dresden, wobei zuerst Graz und dann erst Dresden die Herheim-Interpretation erleben wird. Anders ist dies bei einer weiteren Koproduktion:
Kurt Weills und Bert Brechts „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in der Regie von Calixto Bieito – laut Sobotka „das Risiko des Jahres“ – kommt in einer Koproduktion mit Antwerpen/Gent, wo die Inszenierung bereits im letzten Herbst gezeigt wurde. Man kann sich also bereits ein Bild machen, was zu erwarten ist. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes - auf der Homepage der Vlaamse Opera gibt es genügend drastische Bilder:
http://vlaamseopera.be/en/#!/productions/mahagonny
Man versteht den Vermerk in der Grazer Ankündigung: „Die Aufführung ist für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet“…………
Abgesehen von diesem „Aufreger“ erwartet uns in Graz eine Wiederaufnahme der Konwitschny-Traviata, der „Elisir d’Amore“ mit dem Tenor-Aufsteiger Antonio Poli, „Hänsel und Gretel“ in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender, ein „Falstaff“ mit James Rutherford. Dazu kommen die Operette „Gasparone“, die Musicals „Fame“ und „My Fair Lady“ (Wiederaufnahme) sowie ein großer Ballettabend „100 Jahre Sacre du Printemps“ und erstmals in Graz Schönbergs „Gurre-Lieder“. Auf die Frage, wie das Wagner-Jahr 2013 begangen werde, antwortete die Intendantin (verheissungsvoll für den noch nicht bekannten Saisonstart 2013/14):
„Das Wagner-Jahr endet erst am 31.12.2013“.
Immerhin wird es im Neujahrskonzert 2013 konzertant den ersten Aufzug der „Walküre“ geben. Alle Details des gesamten Programms 2012/13 siehe:
http://issuu.com/opergraz/docs/oper_jvh2012_web?mode=window&backgroundColor=%23222222
Eines ist jedenfalls sicher:
Weiterhin ist Graz für jeden Opernfreund eine Reise wert!
Hermann Becke
Italiens Gesangstradition
Ein Galaabend an der Grazer Oper, 21.4.2012
Es ist schon etwas Besonderes: Da versammelt sich aljährlich seit 18 Jahren in der kleinen steirischen Bezirksstadt Deutschlandsberg – mitten in einer reizvollen Wein- und Kultulandschaft –eine hochkarätige Gesangsjury, um den internationalen Gesangswettbewerb „Ferruccio Tagliavini“ abzuhalten. Der Begründer und Motor dieser Idee ist der sizilianische Tenor und Gesangspädagoge Vittorio Terranova. Organisatorischer Träger ist die Inititative I.S.O. (Verein- Belcantoakademie – Internationaler Sommerkurs für Operngesang) um die beiden Schwestern Christina und Elisabeth Schubert
http://www.iso.or.at/eindex.htm
Terranova hat auch heuer wieder eine hochkarätige Jury um sich versammelt: Die legendäre Mezzosopranistin und Gesangspädagogin aus St. Petersburg Elena Obraztsova hat den Vorsitz, weitere Mitglieder sind Richard Bonynge, Giuseppe Sabbatini, Enzo Dara sowie italienische Manager und Festivalleiter.
Seit 1995 haben rund 2.300 junge Sängerinnen und Sänger an diesem Wettbewerb teilgenommen – viele davon haben in der Zwischenzeit durchaus beachtliche Karrieren gemacht. Auf der Liste entdeckt man so manchen heute bekannten Namen:
http://www.iso.or.at/index2.htm
Der Veranstalter vergibt aber auch in jedem Jahr an bedeutende Persönlichkeiten für ihr Lebenswerk die „ISO d’ORO“ („Goldene Note des Belcanto“) .Die bedeutendsten Namen findet man darunter – ich nenne nur Joan Sutherland, Giuseppe Taddei, Giulietta Simionato, Piero Cappucilli. Die vollständige Liste
http://www.iso.or.at/eindex.htm
Das Schlußkonzert des Wettbewerbes – begleitet vom Grazer Philharmonischen Orchester - findet alljährlich in der Grazer Oper statt. Und dieses war heuer wahrhaft ein außerordentliches! Galt es doch nicht nur die Preisträger vorzustellen, sondern auch die „ISO d’ORO 2012“ an Kammersänger Leo Nucci zu übergeben und gleichzeitig die siebzigsten Geburtstage von ihm und von Vittorio Terranova zu feiern. Terranova war übrigens auch als aktiver Sänger sehr Graz verbunden – hier debutierte er vor 40 Jahren als Arturo in „I Puritani“. Das Konzert wurde zu einem Fest für Opernfreunde:
Im ersten Teil sangen die Preisträger – im zweiten Teil lieferten ehemalige Preisträger, Freunde und Wegbegleiter Terranovas und Leo Nucci selbst eine eindrucksvolle Demonstration italienischer Gesangkultur und – tradition. Aber der Reihe nach:
Der Wettbewerb wird in zwei Sektionen durchgeführt. In der 2.Sektion („Junge Sänger/innen bis 24 Jahre“) traten 39 Konkurrent/inn/en an. In der 1.Sektion („Sänger/innen am Beginn ihrer Karriere bis 33 Jahre“) waren es 76. Insgesamt waren 30 Nationen vertreten – Südkorea mit 33 Teilnehmern hat Japan als stärkste Nation „abgelöst“, wie bei der Pressekonferenz berichtet wurde. In der Grazer Oper waren nur die drei Preisträger der Sektion 1 zu hören:
Der 28-jährige Ungar Zsolt Haja gewann den 3.Preis und den gesondert vergebenen Preis für den besten Tenor. Er hatte schon 2007 einen Preis gewonnen – damals in der 2.Sektion und als Bariton. Er begann mutig mit der Ottavio-Arie „Dalla sua pace“ und sang als zweites Stück die Lenski-Arie aus „Eugen Onegin“. Für mich bot er die zukunftsweisendste Leistung der drei Preisträger. Er verfügt über natürliches und warmes Tenortimbre. Die Pianophrasen werden noch zu festigen sein – Falsett bei Mozart ist nicht adäquat. Als Lenski, den er auch schon an der Budapester Oper gesungen hatte, überzeugte er mit einer sehr schönen und ausgeglichenen Stimmführung. Bei entsprechender weiterer Förderung kann hier ein sehr guter lyrischer Tenor mit Tendenz zum jugendlich-dramatischen Fach heranwachsen. Hoffentlich überfordert man nicht die vielversprechende Stimme – derzeit singt er in Debrecen sowohl den Siegmund als auch Operettenpartien….
Die aus Hongkong stammende 25-jährige Sopranistin Luise Kwong gewann den zweiten Preis und den „Sympathiepreis des Publikums“. Sie präsentierte sich mit der großen Fiordiligi-Arie „Come scoglio“ und der Pace-Arie aus „La Forza del Destino“. Sie besitzt eine angenehme Bühnenausstrahlung und eine technisch sauber geführte Stimme mit sicheren Höhen und guter (manchmal unnötig forcierter) Tiefe – für mich war sie allerdings weder bei Mozart noch im dramatischen Verdi-Fach wirklich überzeugend. In der Finalrunde hatte sie die Liu gesungen. In diesem Fach kann ich sie mir wesentlich besser vorstellen.
Der erste Preis und der Baritonpreis gingen an den 29-jährigen südkoreanischen Bariton Hyun Kyu Ra. Er sang die Macbeth-Arie „Pietà, rispetto“ und den Escamillo mit großer dunkeltimbrierter Stimme. Zu Beginn war die Höhe etwas vorsichtig und leicht tremolierend – vielleicht durch die Nervosität bedingt. Er fasste sich aber rasch und brillierte in der Macbeth-Kadenz mit kernigen Spitzentönen. Der Escamillo war vom musikalischen Ansatz und der Stimmfarbe her durchaus rollengemäß – an der französichen Artikulation ist allerdings noch intensiv zu arbeiten.
Das Orchester eröffnete den ersten Teil mit der Norma-Ouverture und begleitete unter der energischen Leitung von Maestro Giuseppe Sabbatini die jungen Sänger sehr konzentriert und professionell. Der große Tenor Sabbatini ist nun seit einigen Jahren zum Dirigentenpult gewechselt. Er dirigierte mit großer Rücksichtnahme auf die Freiheiten der Sänger (speziell im zweiten Teil), setzte aber durchaus auch Akzente in der Orchesterbegleitung.
Nach der Pause zunächst die Ouvertüre zu Giuseppe Verdis „I Vespri Siciliani“ – wohl auch als ein Geste für das sizilianische Geburtstagskind Vittorio Terranova, den auch eine extra aus Sizilien angereiste Delegation ehrte. Und dann kam ein wirkliches Opernwunschkonzert mit insgesamt sieben italienischen Gästen, die beste italienische Interprationstradition verkörpern. Das war „Italianità“ auf hohem, ja teilweise auf Weltklasseniveau.
Andrea Porta begann mit einer Malatesta-Arie und ergänzte später als Marcello das Bohème-Ensemble. Donata D’Annunzio Lombardi verkörperte mit großer Geste und wunderbarer Stimme die „Madama Butterfly“ und die Mimi, Serena Gamberoni war eine lebenspralle und bezaubernde Adina und Norina und Leonardo Caimi (2005 selbst hier Preisträger) sang expressiv „E lucevan i stelle“ und den Rodolfo in der Finalszene des dritten Bohème-Bilds.
Als besondere Überraschung kam Francesco Meli – direkt aus einer Probenphase in Washington. Er war 2003 „nur“ Finalist im Deutschlandsberger Wettbewerb und hat inzwischen Weltkarriere gemacht. Er sang mit Serena Gamberoni ein umwerfendes Duett Adina/Nemorino, dann strahlend „Una furtiva lagrima“ und zuletzt Werthers „Pourquoi me réveiller“ mit allem Schmelz in Piano und Forte – er schien sich an diesem Abend selbst zu überbieten.
Den (vorläufigen) Schlußpunkt des Programms setzte Leo Nucci als Rigoletto. Hatte man bei den ersten Takten von „Cortigiani, vil razza dannata“ noch kurz die Sorge, ob der große Interpret wirklich noch immer im Vollbesitz seiner stimmlichen Mittel sei, wurde man sehr rasch belehrt:
Leo Nucci gestaltet und singt mit ungebrochener Vitalität, großen Bögen und metallischen Höhen. Dann folgte die große Szene mit Gilda, die Annamaria dell’Oste (ebenfalls eine frühere Preisträgerin) eindringlich gestaltete. Der zunächst verzweifelt-lyrische und dann Rache schwörende unerbittliche Rigoletto von Leo Nucci sorgte mit seiner Partnerin für große Musiktheatermomente – auch ohne Kostüm und Maske. Großer und berechtigter Jubel der Grazer Opernfreunde!
Und nun folgte als Huldigung an den Jubilar Vittorio Terranova das Trinklied aus „La Traviata“ – mit allen drei Sopranistinnen als Violetta und Meli gemeinsam mit Caimi, und dann auch mit Terranova selbst als Alfredo.
Neuerlicher großer Jubel für alle – und das Publikum erzwingt eine Wiederholung, an der sich nun auch Sabbatini vom Dirigentenpult als Tenor dazugesellt und die der inzwischen ebenfalls wieder auf die Bühne gekommene Leo Nucci gemeinsam mit Vittorio Terranova mit einem hohen B (!) im Finale krönt.
Alle Freunde italienischer Opernvitalität haben einen begeisternden Abend erlebt!
Hermann Becke
Leider gelang es mir bisher nicht, Fotos dieses Opernfestes zu bekommen – ich nehme aber an, dass diese in absehbarer Zeit auf der Homepage unter „Galerie“ zu sehen sein werden
http://www.iso.or.at/index2.htm
Christian Gerhaher
Lied auf höchstem Niveau
Graz, Musikverein für Steiermark, 20.4.2012
Das Liedduo Christian Gerhaher- Gerold Huber (beide aus Straubing, beide Jahrgang 1969, beide seit Studienzeiten in München miteinander musikalisch verbunden) hat ein Interpretationsniveau erreicht, das derzeit wohl nicht zu überbieten ist.
Derzeit sind sie mit einem Schubert-Programm auf Reisen. Das erste Konzert fand in der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt Maribor statt, nach Graz folgt am 22.4 das Wiener Konzerthaus, dann Mailand, später auch Amsterdam und die Schubertiade Schwarzenberg.
Es ist ein Programm mit 24 Schubertliedern – mit wenigen Ausnahmen unbekannte und kaum je aufgeführte Kostbarkeiten. Es gibt keinen Programmtitel – aber es ist ganz klar: Es ist ein sehr melancholisches, wehmütiges, ja jenseitiges Programm, das mit folgenden Worten aus dem „Sänger am Felsen“ endet: „O dann sing auf Lethens Matten irgendeinem guten Schatten meine Lieb’ und meine Qual!“
Auf die kaum je aufgeführte „Totengräber-Weise“ folgt Uhlands „Frühlingsglaube“ – und der klingt in diesem Zusammenhang dann so gar nicht optimistisch und frühlingshaft, sondern wird in breitem Tempo wehmütig vorgetragen – die „linden Winde“ sind wohl erst in einer jenseitigen, besseren Welt zu erwarten. Wunderbar auch der unmittelbare Übergang vom „Lied eines Schiffers an die Dioskuren“ in den „Nachtgesang“, der in seinem Duktus sehr an Schuberts Jugendwerk „Meeres Stille“ erinnert und der durch diesen direkten Übergang an Dichte gewinnt – durchaus schlüssig auch, daßs die zweite Strophe weggelassen wird.
Das einzige Stück mit aktivem, balladeskem Ton - ja sozusagen mit „Handlung“- im ganzen Programm ist „Der Zwerg“ – von Christian Gerhaher mit kräftigen Stimmfarben packend vorgetragen. Alle anderen Stücke sind betrachtend und kommen gleichsam aus einer anderen Welt oder führen dorthin. Auf dieses Programm wunderbar abgestimmt auch die beiden Zugaben: Zuerst „Seligkeit“ – die „Freuden sonder Zahl blühn im Himmelssaal“ , sie erklingen in wienerischem, eben jenseitigem Walzerklang. Und dann „Im Abendrot“ – „O, wie schön ist deine Welt, Vater, wenn sie golden strahlet!“
Christian Gerhaher singt den ganzen Abend unglaublich bescheiden und uneitel mit einer in allen Lagen ausgewogenen Stimme. Mir scheint sie etwas heller geworden zu sein – vielleicht liegt dies auch daran, dass er mit einer leichten Indisposition zu kämpfen schien. Dazu kam seine unübertreffliche Wortdeutlichkeit, die nie maniriert ist. Gerhaher ist heute zweifellos einer der bedeutendsten Liedinterpreten. Schubert kann man für mich nicht gültiger interpretieren.
Gerold Huber ist am Steinway ein sehr aktiver und überaus wacher Partner. Er gestaltet auch jede kleinste Begleitfigur stets ungemein plastisch. Ich gestehe allerdings, daß mir dieser Zugang zu Schubert – wenn man sie einen ganzen Abend und bei jedem Stück erlebt - manchmal etwas zuviel wird. Die Sforzati etwa in „Über Wildermann“ und in „Der Zwerg“ fallen für mich aus dem Rahmen.
Aber natürlich sind das Details, die nichts daran ändern, daß die beiden höchstes Interpretationsniveau erreicht haben. Daher mein dringender Rat: Wann und wo sich die Chance bietet, die beiden zu erleben – bitte unbedingt hingehen!
Großer Jubel des Grazer Publikums!
Hermann Becke
Interview zum Grazer Konzert:
http://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/graz/2999687/schubert-ueber-alles-debussy-talon.story
Homepage von Christian Gerhaher: http://www.gerhaher.de/
Maria Stuarda
Premiere am 30.3.2012
Vor fast 40 Jahren - im Oktober 1972 - hatte unter der Intendanz von Carl Nemeth in Graz die Wiederbelebung der großen Belcanto-Opern in Österreich begonnen. Der unvergessene Marcel Prawy schrieb über Carl Nemeth: „Als er mit „I Puritani“ (lange vor Bregenz!) eröffnete und mit „La Gioconda“ (lange vor Wien!) fortsetzte, war ihm vielleicht selbst nicht bewußt, daß er damit der weltweiten Renaissance der Belcanto-Oper endlich Österreich erschlossen hatte.“ Daran denke ich beim Besuch der Grazer Erstaufführung von „Maria Stuarda“ – einem Werk Donizettis, das in dieser Spielzeit bereits das Landestheater Linz herausgebracht hatte und dessen konzertante Aufführung im Tiroler Landestheater (auf der Bühne in Kostümen!) zwei Wochen nach Graz bevorsteht - Belcanto-Oper also heute allerorts in Österreich.

Die Grazer Intendantin Elisabeth Sobotka macht heute genau das, was bereits Nemeth/Prawy vor 40 Jahren gesagt, ja gewagt hatten: Man brauche für die Belcanto-Oper eine gute Besetzung, aber keine „Parade von Weltstars“. Und Graz hat heute tatsächlich eine sehr gute hauseigene Besetzung für die beiden Königinnen anzubieten. Der erste Akt gehört der Elisabeth von Dshamilja Kaiser. Die 30-jährige deutsche Mezzosopranistin hat vor drei Jahren ihr Engagement in Graz mit der Magdalene in den Meistersingern (eher unauffällig) angetreten.Schon damals interessierte sie sich für die großen Belcantorollen - siehe ihr Interview:
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/buehne/2207778/ein-abo-hosenrollen.story

Und ihre Wünsche sind in Erfüllung gegangen. 2011 sang sie in „I capuleti e i Montecchi“ einen recht guten Romeo und ein Jahr später hat sie sich weiter höchst erfreulich gesteigert. Ihre Elisabeth überzeugt vollends und wurde vom Publikum stürmisch gefeiert. Kaiser hat ein reiches und bis zu den Spitzentönen ausgewogenes Mezzomaterial – zu Beginn registrierte man ein offenbar der Premierennervosität zuzuschreibendes allzu großes Vibrato, dann aber hörte man sehr schöne Belcanto-Phrasen. Einige (wirklich nur wenige) Male möchte man ihr raten, das Material nicht nur „ungebremst“ strömen zu lassen, sondern noch mehr auf den Stimmkern zu zentrieren. Aber insgesamt: eine große Leistung !
Margareta Klobucar ist die berührende Maria. Sie ist schon das elfte Jahr ein unverzichtbares und beliebtes Grazer Ensemblemitglied und auf ihrem Weg von Musetta, Adina, Zdenka, Susanna,Sophie, aber auch Lulu nun zu den großen Belcanto-Partien gelangt. Wenn auch zunächst in den dramatischen Ausbrüchen einige Spitzentöne nicht ganz die gewohnte Brillanz hatten, so überzeugte sie speziell im großen Finale mit sehr schönen, schwebenden Tönen und großer gestalterischer Intensität. Es gilt auch für sie: eine große rollenadäquate Leistung!
Roberto, Graf von Leicester ist der moldawisch-rumänische Tenor Iurie Ciobanu, der diese Partie bereits in Linz gesungen hatte. Er ist höhensicher und hat eine sehr helle, fast „weiße“ Stimme - für mich ehrlich gesagt doch eher eine verlässliche, aber nicht wirklich überzeugende Besetzung.
David McShane als finsterer und polternder Lord Cecil und Wilfried Zelinka als wahrhaft belcantesker und nie forcierender Talbot ergänzen auf hohem Niveau. Kristina Antonie Fehrs als Anna ist bildschön, aber - nicht zuletzt durch ihre Positionierung auf der Bühne – leider kaum hörbar.
Der Chor unter Bernhard Schneider ist gewohnt verlässlich und klangschön. Das Grazer Philharmonische Orchester steht unter der Leitung von Gaetano d’Espinosa. Ihm gelang eine sehr frische und animierte Interpretation. Da klingt nichts beiläufig oder bloß routiniert.
Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht liegen in einer einzigen Hand. Dem Trientiner Stefano Poda ist es wichtig, dadurch „die ästhetische Einheit seiner Arbeiten für das Musiktheater zu gewährleisten“. In seinem aufschlussreichen Beitrag im Programmheft betont er die szenischen Probleme der Gattung Oper:
„Es wurden ihr zuerst die Usancen des Sprechtheaters auferlegt, dann die des Kinos und letztlich die eines konzeptorientierten Theaters, welches mit viel List einen Inhalt erklärt und ‚aktualisiert’.“ Und weiter: „Die Welt, in welche uns die Musik versetzt, ist nicht jene der herkömmlichen Gedanken. Dazwischen liegt ein Abgrund. Wie der Schlaf, so eröffnet uns die Musik, sobald sie uns in ein geheimnisvolles Chaos versenkt hat, bruchstückhafte Enthüllungen der Wahrheit.“

Aus diesen Gedanken heraus hat Stefano Poda eine szenische Lösung erarbeitet, die in düsteren, wunderbar ausgeleuchteten Bildern die Figuren in prachtvollen Kostümen sich im Zeitlupenthema bewegen lässt (durchaus anstrengend für die Interpreten!) – ein irrealer Raum (wohl eine Art Vorhölle mit dem Stuart-Sohn Jacob, Marias Geliebten, Leichen, Knochenhaufen und entpersonifizierten Gestalten), aus dem letztlich Maria durch die Hinrichtung erlöst aufsteigt. Das Ganze steht nie in einem Widerspruch zur Musik Donizettis, sondern überhöht sie gleichsam – eine wahrhaft eigenständige Inszenierung zwischen „Regietheater“ und musealer „Werktreue“, die mit uneingeschränkter Zustimmung des Publikums aufgenommen wurde. Man darf gespannt sein, wie Podas Konzept für die Tosca aussehen wird, die er im Mai in Klagenfurt auf die Bühne bringen wird!
Hermann Becke
Alle Produktionsbilder: Oper Graz, Szenenfotos Karim Zaatar
Und wieder einige Links für alle, die sich noch ausführlicher informieren wollen:
Interview mit dem Dirigenten, der zweifellos vor einer internationalen Karriere steht: http://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/graz/2983625/sichere-balance-freiheit-fuehrung.story
Homepage des „Operngesamtkünstlers“ Stefano Poda:http://www.stefanopoda.com/#
Ausführliche Fotodokumentation der Oper Graz: http://www.oper-graz.com/galerie.php?id=14610&c_id=15765&cat=
Elektra
im Repertoire
Vorstellung vom 21.3.2012
Es lohnt immer, eine Produktion nicht nur in der Premiere, sondern auch in einer Repertoire-Aufführung zu besuchen. Es ist sehr informativ, die Entwicklung der Protagonisten zu verfolgen, aber auch nochmals kritisch auf die Inszenierung (und die eigene Beurteilung) zu schauen.
Hier geht es heute um die sechste Aufführung dieser Produktion der Oper Graz, fünf weitere folgen noch bis Mai – der Premierenbericht ist nachzulesen (und zwar durch einen Schreibfehler am 21.Februar. Tatsächlich war die Premiere am 21.Jänner 2012).
Die drei Protagonistinnen sind ausgezeichnet und der verdiente Mittelpunkt des Schlußapplauses im gut besuchten Haus.
Iris Vermillion ist eine beklemmende Klytemnästra, die ihre Rolle geradezu bis zur Selbstaufgabe in dieser verzerrenden Inszenierung höchst eindrucksvoll gestaltet – mit gesunder, dunkelgefärbter Stimme und exzellenter Wortdeutlichkeit.
Gerade diese Wortdeutlichkeit fehlt der Elektra von Stephanie Friede schmerzlich – man hat den Eindruck, der Text ist gegenüber der Premiere noch mehr verwischt. Allerdings ist ihr Stimmpotenzial und ihre Klangfarbe optimal für die gewaltigen Strauss-Bögen geeignet. Ohne jegliche Ermüdung und auch ohne Forcierung ist sie ein stimmlicher Fels in dieser Aufführung.
Bei Gal James ist es so wie zuletzt bei ihrer Desdemona in Verdis Otello: Hatte man in der Premiere noch den Eindruck, die Chrysothemis sei für sie eine Grenzpartie, so kann man jetzt erleben, daß sie sich die Partie stimmlich ganz zu eigen gemacht hat. Eine sehr schöne Leistung!
Das Orchester unter Johannes Fritzsch war diesmal leider recht undifferenziert – es dominierte - im Gegensatz zur Premiere - ein Einheitsforte.
Bei dieser Aufführung saß ich auf der Galerie – und da gibt es gerade bei dem zuerst stumm im Parterre erscheinenden und in der Erkennungsszene vom Balkon aus singenden Orest des James Rutherford wesentliche Einwände: Für das Publikum auf der Galerie bleibt der Orest unsichtbar und ist auch akustisch schlecht wahrnehmbar. Also kurz und bündig: das ist eine unbrauchbare Lösung!
Was die Regie von Johannes Erath anlangt, bestätigt sich der Premiereneindruck:
Eindimensional und Hofmannsthal/Strauss verzerrend – aber Irre auf der Bühne und reichlich Blut sorgen halt immer für einen vordergründigen Publikumseffekt. Die Tiefen diese Werkes können so nicht erschlossen werden. Die von der Dramaturgie geäußerte Intention - „Die Neuinszenierung von Strauss‘ „Elektra“ will die Rolle psychoanalytischer Ideen im Hintergrund des Werkes kritisch reflektieren, um dadurch das Archaische des Stoffes unverstellt erlebbar zu machen“ - geht wahrlich nicht auf! Das Gegenteil tritt ein: Die Irrenhausidee verstellt das Archaische des Stoffes!
Wegen der hervorragenden drei Hauptdarstellerinnen ist die aber Aufführung dennoch sehr zu empfehlen!
Nächste Termine: 24.3., 26.4., 4.5., 6.5., und 13.5.
Siehe dazu: http://www.oper-graz.com/stueck.php?id=14607
Hermann Becke
Rita
Musikverein für Steiermark am 17.3.2012
Der Musikverein für Steiermark veranstaltet seit einigen Jahren eine sehr verdienstvolle Reihe unter dem Titel „Amabile – Junge Musiktalente“. Sehr erfreulich ist dabei auch, daß mit dieser Reihe wieder der Kammermusiksaal des „congress graz“ bespielt wird, der zweifellos der geeignetste Saal für Kammermusik und Liederabende in Graz ist, allerdings nicht für die Zyklen der Abonnements genutzt wird – das Publikumsinteresse (und damit finanzielle Überlegungen) zwingt in den großen Stefaniensaal, dem mit seinen über 1000 Plätzen die nötige Intimität fehlt.

Und so ist es sehr erfreulich, wieder einmal den akustisch und atmosphärisch wunderbaren Kammermusiksaal – diesmal mit einer Kammeroper – erleben zu können. Die Initiative von Generalsekretär Dr. Michael Nemeth ist sehr zu unterstützen:
Er stellt in seiner „Amabile“-Reihe an vier Abenden in jeder Saison junge Künstlerinnen und Künstler vor, wobei ein Abend einer Kammeroper gewidmet ist. In den letzten Jahren war es Rossini (zuletzt mit „La Cambiale di Matrimonio“), heuer ist es der Einakter „Rita“, ein Spätwerk Donizettis, das er angeblich in nur acht Tagen zu Papier brachte und dessen Uraufführung erst nach Donizettis Tod 1860 in Paris erfolgte. In Graz erklang die erst 2006 publizierte französische Originalfassung, die bisher in Österreich noch nicht aufgeführt wurde.
Der bekannte Film-und TV-Regisseur Peter Patzak (übrigens ein Neffe des unvergessenen Julius Patzak) hat mit sparsamsten Mitteln eine sehr überzeugende szenische Lösung gefunden. Zwischen und vor dem Orchester ist ein Steg aufgebaut, auf dem die drei handelnden Pesonen agieren, sodass das Publikum die Protagonisten gut sieht - als Hintergrund läuft ein Film des Treibens in den Hallen des Flughafens Wien-Schwechat samt den deutschen Übertiteln. Hier ein Probenfoto:

Mit einem geschickten Kunstgriff löst die Produktion das Sprachproblem – „Rita“ ist ja eine Opéra-comique mit recht umfangreichen gesprochenen Dialogen zwischen den acht Musiknummern:
Entsprechend der internationalen Situation auf einem Flughafen (und den mangelnden Deutschkennissen) sprechen die beiden Herren ganz einfach russisch und chinesisch, nur die Französin Julie Fuchs spricht ihren Part deutsch – schade nur, dass die deutschen Übertitel sehr oft durch die Akteure verdeckt werden. Die Übertitel sind übrigens wahrhaft keine Übersetzung des Originals, sondern eine dem Inszenierungskonzept angepasste „Nacherzählung“. Ein Beispiel:
Der (russische) Bassist singt als Beschreibung seines handgreiflichen Umgangs mit Frauen „fidèle à mon système“ – als Übertitel liest man „nach altrussischem System“… Die Arien und Ensembles werden im französischen Original gesungen – von der Sopranistin gut artikuliert, von den beiden Herren bemüht.
Die Aufführung lebt von den erfrischend jungen Protagonisten, die alle typengerecht besetzt sind:
Da ist der bescheidene (zweite) Ehemann der Titelfigur, den der Chinese Lianghua Gong mit beachtlich höhensicherem, wenn auch nicht sehr farbenreichem Tenor sympathisch gestaltet. Der überraschend wieder auftauchende erste Ehemann wird vom Weißrussen Anatoly Sivko als Macho mit mächtigem Bassmaterial gestaltet, das wohl noch eines Feinschliffs – speziell für italienische Belcantorollen – bedarf. Die Frau, um die sich alles dreht, ist auch der stimmliche Mittelpunkt: Die Französin Julie Fuchs hat einen in allen Lagen sicher sitzenden und ausgeglichenen Sopran, den sie (im Unterschied zu ihren männlichen Partnern) auch durchaus dynamisch differenziert einsetzt - und vor allem hat sie Charme! Von ihr kann man sicher auch international noch Erfreuliches erwarten – ab 2013/14 ist sie Ensemblemitglied des Opernhauses Zürich.
Es begleitet das „Kammerorchester con fuoco“, das auf Initiative von Michael Nemeth im Jahre 2007 aus den Reihen ambitionierter Studierender und Absolventen der Kunstuniversität Graz gebildet wurde – geleitet vom jungen bulgarischen Dirigenten Svetoslav Borisov. Die durchaus anregende Partitur wird frisch und ambitioniert umgesetzt – etwas mehr dynamische und klangliche Schattierung würde man sich wünschen.
Insgesamt jedenfalls eine sehr erfreuliche Förderung des musikalischen Nachwuches, die auch das Kennenlernen eines anregenden Werks vermittelte – man ist schon gespannt, was im nächsten Jahr auf dem Programm stehen wird!
Hermann Becke
Homepage der jungen Sopranistin Julie Fuchs:
http://www.juliefuchs.com/
Interview mit dem Regisseur Peter Patzak über seine erste Opernregie:
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/2969793/melancholie-des-kommens-gehens.story
GIGI
2.3.2012
Dreimal „Walzertraum“ und neunmal „Gigi“ stehen zwei Elektra-Aufführungen und am letzten Tag des Monats die Premiere der „Maria Stuarda“ gegenüber.
Sparen – und damit das Streben nach möglichst hohen Auslastungszahlen – ist auch an der Grazer Oper angesagt. Und mit der Neuproduktion von Gigi wird zweifellos in der nächsten Zeit eine optimale Auslastung gelingen – die Premiere war ein uneingeschränkter Erfolg!
alle Bilder Dimo Dimov / Oper Graz
Das Musical Gigi von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner basiert auf dem Film aus dem Jahre 1958 (9 Oscars!) und hatte seine Bühnenuraufführung 1973 in New York. Die deutschsprachige Erstaufführung folgte 1974 im Theater an der Wien. Die Wiederbelebung lohnt sich, wenn dies so gut gelingt wie diesmal in Graz.
Die Grazer Intendantin hat seit ihrem Amtsantritt vor drei Jahren immer eine glückliche Hand bewiesen, wenn es um die Zusammenstellung der Sängerbesetzung geht, diesmal ist auch das Leading-Team ausgezeichnet.

Der Regisseur Matthias Davids hat mit seinem Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau (dem ältesten Sohn von Dietrich Fischer-Dieskau) und der Kostümbildnerin Judith Peter und dem Simon Eichberger (Choreographie) ein ideales Konzept realisiert – die sparsamen und vielfältig nutzbaren Dekorationen vor zauberhaften Projektionen sind ebenso wie die handelnden Personen ständig in beschwingter Bewegung, die Szenenwechsel sind hervorragend gelöst, die Kostüme sind prächtig, die Lichtgestaltung (Michael Grundner) stimmungsvoll – grossartig auch das kleine Ensemble, das eine Vielzahl von verschiedenen Nebenrollen verkörpert und gleichzeitig mit einer kleinen Schar ausgezeichneter Statisten den optischen und musikalischen Hintergrund für die fünf Hauptfiguren schafft. Und diese Hauptfiguren sind alle ausgezeichnet besetzt.

Der in die Jahre gekommene Bonvivant Honoré Lachaille ist Götz Zemann. Die großen Vorgänger in dieser Rolle sind Maurice Chevalier, Johannes Heesters und Michael Heltau. Zemann versucht gar nicht, diese weltberühmten Herren von Welt zu kopieren – er ist in seiner rustikal-bauernschlauen Art ganz anders und gewinnt damit das Publikum.
Die Großmutter von Gigi gestaltet Uschi Plautz – auch sie restlos überzeugend. Berührend ihre Szene mit Götz Zemann „Ich erinnere mich sehr gut“ – die beiden Routiniers des Grazer Ensembles servieren hier einander die Pointen perfekt. Lotte Marquardt – sie steht seit über 40 Jahren als exzellente Schauspielerin auf bedeutenden Bühnen, vor den Fernsehkameras und Rundfunkmikrophonen – ist eine perfekt-distinguierte Tante Alicia.
Und Guido Weber gelingt sehr gut die gar nicht leichte Aufgabe, den zuerst gelangweilten Snob und dann den überzeugend verliebten Gaston zu verkörpern. Alle vier treffen auch musikalisch und in der Artikulation den rechten Musical-bzw. Chansonton.

Aber was wäre das Ganze ohne eine ideale Titelfigur – und die Grazer Produktion hat auch diese.
Vor nicht einmal vier Jahren habe ich Sieglinde Feldhofer in einer Produktion der Grazer Kunstuniversität als Sandmännchen in „Hänsel und Gretel“ gehört. Sehr erfreulich, wie sie sich weiterentwickelt und wieviele wichtige Rollen sie in dieser kurzen Zeit gesungen hat: unter anderem Barbarina, Papagena, Adele, Zerlina, aber auch die Stasi in Konwitschnys Csardasfürstin, die Briefchristel (Vogelhändler) oder die Franzi im Walzertraum sowie die Hauptrolle in „Sound of Music“ (vielleicht ihr Durchbruch zum Grazer Publikumsliebling). In allen Rollen lieferte sie ein überzeugendes Rollenportrait – selbst in misslungenen Inszenierungen (z.B. in Eraths Don Giovanni).
Bei ihrer Gigi fällt – abgesehen von der reizenden darstellerischen Leistung – auf, dass sie musikalisch ihre Rolle anders anlegt als die vier anderen Hauptfiguren. Sie singt mit ihrem warmen natürlichen Sopran und versucht sich zurecht nicht in einer Chanson-Schablone. Es überzeugt, dass Gigi anders als die anderen ist und daher auch singt und nicht rezitiert.
Man kann gespannt erwarten, wie der weitere künstlerische Weg der erst 27-jährigen Feldhofer verlaufen wird!
Wenn
www.oper-granz.com
am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters steht, dann kann man sicher sein, immer eine werkgerechte und schwungvolle Interpretation zu hören – so war es auch diesmal. Man kann der Intendantin Elisbaeth Sobotka nur gratulieren:
Graz kann sich glücklich schätzen, in zwei so unterschiedlichen Werken wie der Elektra von Richard Strauss und nun im Musical Gigi, die als Premieren innerhalb eines Monats aufeinander gefolgt sind, optimale musikalische Besetzungen und diesmal auch noch eine optimale szenische Realisierung geboten zu bekommen!
Hermann Becke
Interview mit Intendantin Elisabeth Sobotka zum Thema Sparen:
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/2949350/kapitaenin-kurs-aber-vorsichtig.story
Interview mit Sieglinde Feldhofer:
http://www.kleinezeitung.at/steiermark/bruckandermur/2960180/ein-freigeist-cool-bleiben-will.story
Homepage von Sieglinde Feldhofer:
http://sieglindefeldhofer.com/

MARLIS PETERSEN
LIEDERABEND
Allerorts nehmen sie zu: Liederabende auf der Opernbühne. Die Opernhäuser füllen damit spielfreie Tage, Stars der Oper nützen die Chance, sich in einem für sie neuen Metier zu erproben und das Publikum freut sich, einen ganzen Abend lang eine Persönlichkeit sozusagen hautnah und ohne Opernkostüm zu erleben.
Marlies Petersen hatte ihr umjubeltes Rollendebut als Violetta Valery an der Grazer Oper in der Inszenierung von Peter Konwitschny in der Saison 2010/11. Diese Inszenierung ist auch auf DVD festgehalten (und im „Opernfreund“ durchaus kritisch bewertet). Derzeit reist Marlis Petersen mit einem Liederabend durch Europa –siehe dazu den Terminkalender auf ihrer Homepage:
http://www.marlis-petersen.de/archives/category/events )
Es ist ein Programm unter dem Titel „Goethe und das ewig Weibliche“, das auch auf CD erscheint. Die fünf Blöcke des Abends tragen die Titel Suleika; Gretchen; Mignon und Philine; Klärchen und Helena. Darunter finden sich aber auch Wanderers Nachtlied II und Stella.
Nur wenige der allgemein bekannten Vertonungen scheinen auf – es gibt vor allem die Begegnung mit vielen kaum bekannten (Hans Sommer, Nikolai Karlowitsch Medtner, Alphons Diepenbrock) oder selten gehörten Liedkomponisten (Max Bruch, Walter Braunfels, Hermann Reutter), aber es gibt auch Schubert, die Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn, Beethoven, Wagner, Liszt, Wolf, Schumann, Tschaikowski.
Wenn auch alle Stücke Texte von Goethe als Grundlage haben, die Klammer, die den Abend zusammenhält, ist doch primär die expressive Bühnenpersönlichkeit von Marlis Petersen.
Der erste Teil endet sehr effektvoll mit Kreneks Stella-Monolog. Ernst Krenek schreibt darüber: „Ebenfalls sehr neoklassisch ist eine Arie, die ich auf Wunsch von Madame Hussa schrieb, eine ausgezeichnete Sängerin…..Der Text ist einem Monolog aus Goethes Stella entnommen. Auch das ist ein wirkungsvolles, obgleich etwas oberflächliches Stück, so wie ich es jetzt sehe“.
Und so war wohl der ganze Abend: Eine ausgezeichnete, wirkungsvoll gestaltende Sängerin mit vielen Stücken an der Oberfläche. Der Stella-Monolog Kreneks und Hugo Wolfs Philine lagen Petersen besonders gut – ebenso das für Petersen geschriebene Werk von Manfred Trojahn. Eben ein Liederabend auf einer Opernbühne.
Am Bösendorfer-Flügel begleitete sehr kompetent Jendrik Springer. Als Zugaben noch zweimal „Über allen Gipfeln ist Ruh’“- diesmal von Franz Liszt und Charles Ives – und aus dem Mienenspiel von Marlis Petersen konnte das Publikum entnehmen: So ernst ist das Ganze auch wieder nicht…..
Viel Jubel im gut gefüllten, aber beileibe nicht ausverkauften Grazer Opernhaus!
Hermann Becke
Ein link zu Petersens Grazer Zeitungsinterview:
http://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/graz/2955007/mehr-zeit-fuer-lied.story
Jonas Kaufmann – überragend!

photo by scholzshootspeople
Jonas Kaufmann reist derzeit mit einem Lieder-Programm durch Europa. Zwischen Wien (13.2.) und den Terminen in Berlin (17.2.) und Paris (20.2.) präsentierte er sich in Graz im übervollen Stephaniensaal als überragende Sängerpersönlichkeit.
Nach dem heldentenoralen Beginn mit Liszts „Vergiftet sind meine Lieder“ konnte man noch meinen, Jonas Kaufmann werde vor allem sein prachtvolles, dunkel-timbriertes Material mit den strahlenden Höhen demonstrieren. Aber rasch zeigte sich, dass Jonas Kaufmann sehr differenziert zu gestalten weiß. Herrliche Pianophrasen, nahtlose Crescendi und Decrescendi in allen Lagen und eine hervorragende, unmanirierte Wortdeutlichkeit (ohne jegliche „Konsonantenspuckerei“!) veredelten die sechs Liszt-Lieder und berührten in den fünf Mahler-Liedern (speziell in „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ und in „Um Mitternacht“). Das Publikum reagierte schon in der Pause mit begeisterten Bravo-Rufen.
Nach der Pause zunächst vier Lieder von Henri Duparc. Da traf Jonas Kaufmann perfekt den französischen Ton. Die Duparc-Lieder liegen Jonas Kaufmann besonders am Herzen – wie man den Interviews entnehmen kann. Dies kann man vollauf verstehen. Als Beispiel sei auf Baudelaires „La vie antérieure“ eingegangen, das am Ende der Duparc-Gruppe stand:
Das Lied beginnt in ruhiger Versunkenheit und steigert sich zu triumphierendem Ausbruch. Hier konnte Kaufmann alle seine Stärken ausspielen: wehmütig-dunkle Pianobögen werden mit einem geradezu endlos dünkendem Atem zum strahlenden Forte geführt.

Und zum Schluß sechs Lieder von Richard Strauss:
Beginnend mit dem lebendig gezeichneten „Schlechten Wetter“ über die „Heimliche Aufforderung“ und das in großer Ruhe und mit wunderbarer Atemführung gestaltete „Morgen“ bis zur jubelnden „Cäcilie“.
Aber nun ist es an der Zeit, auch den ebenso überragenden Liedbegleiter Helmut Deutsch zu würdigen: Er ist heute zweifellos einer bedeutendsten Liedgestalter und Partner von Generationen großer Sängerinnen und Sänger (und seit 40 Jahren regelmäßiger Gast bei den Liederabenden in Graz!). Wie wunderbar und farbenreich er beispielsweise in den Mahler-Liedern die Singstimme begleitet und trägt und dann im Nachspiel die Spannung weiter- und die Melodie herausführt – großartig!
Der Jubel des Publikums war riesig – Jonas Kaufmann schenkte uns dann geradezu einen dritten Programmteil: fünf Strauss-Lieder (Breit über mein Haupt; Ach weh, mir unglückhaftem Mann; Freundliche Vision; Zueignung und Wie sollten wir geheim sie halten) und zum Schluß noch Franz Lehars „Dein ist mein ganzes Herz“!
Mit lokalpatriotischem Stolz sei’s vermerkt:
Die Grazer haben eine Zugabe mehr erklatscht als die Wiener zwei Tage zuvor!
Hermann Becke
Tonbeispiele aus dem Programm:
http://www.jonaskaufmann.com/de/4/neues.htm
Grazer Interview mit Jonas Kaufmann:
http://www.jonaskaufmann.com/de/4/neues.htm
Krassimira Stoyanova
7. Februar 2012
Der Musikverein für Steiermark setzte im Grazer Stephaniensaal seine Liederabendreihe mit einer weiteren bedeutenden Persönlichkeit der Opernbühne fort: diesmal mit der bulgarischen Sopranistin Krassimira Stoyanova.

Die Stoyanova zählt derzeit wohl zu den bedeutendsten Vertreterinnen ihres Fachs auf allen großen Bühnen der Welt – am Samstag, 11.2. kann man sie übrigensin einem Mitschnitt aus der Wiener Staatsoper als Desdemona (mit Peter Seiffert als Otello) hören – siehe bzw.höre: oe1.ORF.at Musik
Der „Neue Merker“ berichtete über diese Aufführung:
„Seiffert hatte mit Krassimira Stoyanova eine der derzeit denkbar besten Desdemonas an seiner Seite. Obwohl nun auch schon über zwei Jahrzehnte „im Geschäft“, hat ihre helle, klare Stimme ….. ihre Schlankheit bewahrt, ein winziges Vibrato macht sie reizvoll, gehört gewissermaßen zu ihrem Timbre, die Höhen sind wohlklingend, und ihre Piano-Kultur ist schlechtweg außerordentlich. Derzeit singen ihr wenige Kolleginnen diese Rolle so nach“
Diesen Eindruck kann man nach dem Grazer Auftritt vollinhaltlich bestätigen! Stoyanova, am Flügel sehr kompetent von dem jungen Jendrik Springer begleitet, hatte ein sehr schönes, ihr optimal liegendes Programm gewählt:
Sie begann mit sieben Liedern von Giacomo Puccini (mit Anklängen an La Bohème und Manon Lescaut) und stellte diese den kurz danach entstandenen Sieben Frühen Liedern von Alban Berg gegenüber. Ein reizvoller Kontrast! Nach der Pause folgten sieben Lieder von Tschaikowskij und fünf von Rachmaninow sowie als Zugaben eine Mussorgski-Miniatur und eine temperamentvolle bulgarische Volksliedbearbeitung von Dobri Hristov. Das Publikum jubelte – ein erfahrener Sängerbeobachter, der alle großen Sängerinnen und Sänger der letzten Jahrzehnte weltweit gehört hat, sprach zurecht von „Sopranwonnen“!
Stoyanova gestaltete mit wunderbar ausgeglichener Stimme speziell die großen Bögen der russischen Liedliteratur farbenreich – mit herrlichen Piani und ebenso herrlichen dramatischen und melancholischen Ausbrüchen. Aber auch die unmanirierte Wortdeutlichkeit bei Alban Berg sei ausdrücklich erwähnt.
Ein uneingeschränkt zu genießender Abend einer großen und sympathischen Sängepersönlichkeit!
Hemann Becke
Die Homepage von Krassimira Stoyanova:
http://www.krassimira-stoyanova.com/en/index.php?option=com_content&view=article&id=53&Itemid=59&lang=de
Ernst Krenek für Kinder
26. Jänner 2012
Die Grazer Oper nützt geschickt den Umstand, dass das Opernhaus durch die alljährliche Opernredoute einige Tage nicht bespielbar ist und erweist sich neuerlich als sehr ambitioniert in ihrem Angebot für Kinder und Jugendliche. Diesmal bietet sie in Zusammenarbeit mit dem Ernst-Krenek-Forum in Krems an den spielfreien Tagen auf der Probebühne im Ausweichquartier - einem ehemaligen Restaurantkomplex – eine szenische Collage unter dem Titel „Das ist doch der Gipfel!“:
Eine musikalische Entdeckungsreise auf den Spuren von Ernst Krenek
für Kinder ab 8 Jahren. Dazu heisst es in der Ankündigung:
„Station Gasthof Alpenblick: Ernst Krenek, ein feiner Herr aus der Stadt, hat gerade in der Gaststube Platz genommen und schreibt wie wild Postkarten – oder doch Musik? Die Wirtin und ihr Oberkellner platzen vor Neugier und fragen sich: Wer ist wohl dieser stille, vornehme Mann, der anscheinend seine Reiseerlebnisse zu Musik werden lasst? Und wie klingt ein hoher Berg, prasselnder Regen oder ein rastloser Tourist? Nehmen wir also den alten, gelben Postautobus zum Gasthof Alpenblick und machen wir uns auf die Spurensuche nach dem Komponisten Ernst Krenek.“
Christiane Lutz, die einige Jahre Regieassistentin in Graz war und seit 2011/12 die Koordination des Kinderopernzeltes in der Wiener Staatsoper übernommen hat, stellt in einer knapp einstündigen Collage geschickt Ernst Krenek selbst auf die Bühne. Mit einigen wenigen Beispielen aus Kreneks „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“ , einer kurzen Passage aus „Jonny spielt auf“ und Volksmusik (sehr munter vorgetragen vom Studentenensemble „Federspiel“) gelingt es ihr, Schulklassen für das Komponieren, für Musik an sich und speziell für Ernst Krenek zu interessieren. Dass die Kinder animiert mitgehen, ist zweifellos auch der Medienbekanntheit von Julia Stemberger als Moderatorin, dem ausgezeichneten Pianisten Markus Appelt, der charmant mitagiert und dem Bariton Ivan Orescanin zu danken, der den jungen Ernst Krenek verkörpert und die Auszüge aus dem „Reisebuch“ mit klarer Artikulation interpretiert – übrigens in der Transposition, die sich seinerzeit der große Sänger und Komödiant Oskar Czerwenka herstellen ließ.
Eine vergnügliche, intelligent aufbereitete und umgesetzte Hinführung zum Werk Ernst Kreneks! Kleine Fußnote: In Österreich trägt man Bergschuhe und nicht „Bergstiefel“!!
Hermann Becke
Zu Ernst Krenek:
http://krenek.at/index.php?id=153
Zur Regisseurin:
http://www.christiane-lutz.net/
Fotos:
http://www.oper-graz.com/galerie.php?id=14613&c_id=15458&cat=
Elektra
in der Frauenirrenanstalt
Premiere am 21.Februar 2012
Der Regisseur Johannes Erath hat nach „Lulu“ und „Don Giovanni“ im Jahre 2010 nun zum dritten Mal sein Frauenbild in der Grazer Oper auf die Bühne gebracht. Die insgesamt von Publikum und Presse überwiegend positiv aufgenommene, aber auch teilweise herb kritisierte „Lulu“- Inszenierung spielte zum Teil in einem Pornokino. In der total gescheiterten „Don Giovanni“-Inszenierung waren die drei Frauenfiguren als Gefangene ihres Geschlechtstriebes gezeichnet und fanden sich (und ihre stummen Doppelgängerinnen) immer wieder in vergitterten Zellen - und nun in der „Elektra“ spielt das Stück in einer Frauenirrenanstalt:
Es wird im Zuschauerraum finster, der Vorhang öffnet sich, man hört bedrückendes (elektronisches) Herzklopfen, blickt auf die sterile Plastikszenerie eines psychiatrischen Labors (Bühne: Katrin Connan, Kostüme: Birgit Weritsch, Licht: Joachim Klein) – und erst dann setzt das Orchester mit dem Agammenon-Motiv im Fortissimo ein. Damit ist die Inszenierung von Anfang an im Widerspruch nicht nur zur Partitur, sondern sogar zum eigenen Programmheft, in dem der große Strauss-Kenner Michael Walter explizit darauf hinweist, wann sich der Vorhang zu öffnen hat.
Die fünf Mägde ( die auch alle anderen weiblichen Nebenfiguren verkörpern und von Kristina Antonia Fehrs, Fran Lubahn, Dshamilja Kaiser, Tatjana Miyus und Margareta Klobucar untadelig gesungen werden) und der junge Diener (Taylan Reinhard) als Transvestit in Frauenkleidern werden von einem männlichen Wärter ( Konstantin Sfiris, der später auch den Pfleger des Orest zu singen hat) bewacht und mit Spritzen ruhig gestellt. Aegisth (durch Manuel van Senden prägnant musikalisch gestaltet) erscheint als Psychiater in der Maske von Sigmund Freud. Diese fünf Mänaden-artigen Frauengestalten ermorden am Schluß in einem allgemeinen Blutbad nicht nur ihren Psychiater, sondern auch Klytämnestra.
Klytämnestra, Chrysothemis und Elektra sind Insassinnen dieser Irrenanstalt. Der einzige Mensch, der von aussen (nämlich aus dem Zuschauerraum) kommt, ist Orest – prachtvoll gesungen von James Rutherford.
Also: Alle Frauen hysterisch, die Männer dominierend als Wächter und Psychiater – dazu ein stummes männliches Model, das im letzten Drittel stumm über die Bühne schreitet und wohl die Sehnsucht der hysterischen Frauen nach einem unerreichbaren Männerideal verkörpern soll. Orest als Vision, die ausserhalb des Stückes steht.
Im Programmheft erläutert der Dramaturg (und stellvertretende Opernintendant der Staatsoper Hamburg) Francis Hüsers wortreich den Bezug des Stücks zu Sigmund Freuds Psychoanalyse – es sei dazu angemerkt, dass von Freuds „Traumdeutung“ in den ersten acht Jahren nach Erscheinen nur 600 Exemplare verkauft wurden….. Vielleicht ist überhaupt der Freud-Bezug zu Hofmannsthal stark überschätzt und vor allem viel zu eindimensional! Wie auch immer:
Der Regisseur wählt ausschließlich diesen Psychoanalyse-Zugang, zeichnet alle Frauenfiguren ausschließlich als hochgradig hysterisch und nimmt ihnen damit jede Individualität, jedes echte Gefühl und ihre archaische Größe.
Und dann die Überraschung für den kritischen Betrachter dieser Inszenierungsidee:
Trotz aller ernsthaften Einwände, die im Grundsätzlichen, aber auch im Detail zu erheben sind, ist einzuräumen, dass ein spannender Opernabend gelungen ist. Die Reaktion des Publikums ist begeistert zustimmend - und auch das Inszenierungsteam wird bei den Schlußvorhängen lebhaft akklamiert! Kein einziges Buh - es lässt sich nicht leugnen:
Der Abend war ein großer Erfolg!
Allerdings prägen diesen Erfolg vor allem die großartigen Interpretinnen der drei Hauptgestalten:
Stephanie Friede hat als Elektra das nötige strahlkräftige Metall in der Stimme, gleichzeitig aber auch sehr berührende Piano-Töne. Nur an der Wortdeutlichkeit sollte noch gearbeitet werden.
Gal James als Chrysothemis überrascht in einer Partie, die eigentlich (noch) ausserhalb ihres Fachs liegt, mit klarer, nie forcierter Tongebung.
Und die Klytämnestra von Iris Vermillion erntet mit Recht den größten Beifall – eine beklemmende Studie in Stimme und Spiel!
Wunderbar auch, wie die Stimmfarben dieser drei Künstlerinnen sich von einander abheben, einander ergänzen und ideal dem Klangbild von Richard Strauss entsprechen.
Das Grazer Philharmonische Orchester unter Johannes Fritzsch spielt höchst konzentriert und solid. Fritzsch versteht es ausgezeichnet, die Solistinnen zu begleiten, sie gleichsam zu „tragen“ und sie kaum je zu überdecken – allerdings vermisst man so ein wenig die elementare Orchestergewalt, hatte doch Richard Strauss selbst seine „Elektra“ eine „Orchesteroper“ genannt.
Zusammenfassend: Eine große musikalische Leistung der Grazer Oper – alle sangen ihre Partien zum ersten Male! – in einer eindimensionalen Inszenierung, die dennoch ihre theatralische Wirkung nicht verfehlte!
Noch ein vielleicht nicht uninteressanter historischer Hinweis:
Die Uraufführung der „Elektra“ fand am 25.1.1909 in Dresden statt, die Wiener Erstaufführung knapp danach am 24.3.1909 – in jener Spielzeit, in der der damalige Direktor Felix von Weingartner erstmals die Namen des Dirigenten und des Regisseurs auf den Programmzettel setzen ließ. Seither hat sich die Rolle des Regisseurs gewandelt……
Hermann Becke
Interview mit dem Regisseur:
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/2924699/viel-schlimmer-tod.story
Kurzer TV-Bericht:
http://www.tvthek.orf.at/topics/Kultur/3470609-ZIB-9/segments/3475755--Elektra--in-Graz
Konwitschnys
„Pique Dame“
im Alltagsrepertoire
Aufführung vom 12. Jänner 2012
Es war die achte Aufführung nach der Premiere (siehe den Bericht vom 6.11.2011) und es lohnt sich zu überprüfen, wie die umstrittene Konwitschny-Inszenierung im Repertoire „ankommt“. Das Haus war sehr gut besucht – es kam, so schien es, das interessierte Grazer Opernpublikum – keine Schulklassen oder große Bus-Gruppen – einfach „normale“ Operninteressierte. Die Bravo- und Buh-Rufe der Premieregäste blieben aus. Am Schluß gab es zwar kurzen, aber intensiven Beifall für die Ausführenden.
Asmik Grigorian als Lisa war zweifellos der stimmliche und gestalterische Mittelpunkt der Aufführung. Sie hat sich in ihrer Interpration seit der Premiere großartig weiterentwickelt - sie sang in allen Lagen ausgewogen, nie forcierend und stets berührend – eine wahrhaft große Leistung auf hohem internationalem Niveau! Avgust Asmonov als Hermann beeindruckte neuerlich mit seinem heldischen Material und seiner geradezu selbstverleugnerischen Bühnenpräsenz. In Konwitschnys Deutung ist er ein herabgekommener, besoffener Outlaw – Lisas Zuneigung zu ihm ist eigentlich nicht zu vestehen. Aber vielleicht entsteht vielleicht gerade dadurch eine besondere Spannung, wenn diese beiden Figuren auf einander treffen. Die Leistungen der übrigen Ausführenden wurden im Premierenbericht gewürdigt - eine wirklich sehr solide und rollendeckende Ensembleleistung. Neu ist lediglich Ivan Orescanin als Fürst Jelezky. Und dieses Rollendebut ist leider mißlungen – nicht nur im unmittelbaren Vergleich mit der herausragenden Premierenbesetzung. Mit schmaler und klangarmer Stimme bleibt Orescanin eine stimmlich und darstellerisch unbedeutende Randfigur.
Das Orchester unter Tecwyn Evans spielt wie in der Premiere verlässlich, aber ohne das für Tschaikowsky nötige Raffinement. Der Chor ist ausgezeichnet.
Konwitschny Interpretation bewährt sich insbesondere im zweiten Teil. Seine Ausdeutung der alten Gräfin und des Paares Lisa-Hermann wird in einer überzeugenden Personenführung umgesetzt. Da entsteht Bühnenspannung auch in einer Repertoire-Aufführung und man akzeptiert manche Derbheit. Platt bleiben die Chorszenen – insbesondere die postkommunistische Volksszene im Sommergarten von St.Petersburg. die karikierte Ballszene samt „Publikumsbeschimpfung“ und die besoffen-geldgierigen Offiziere. Auf diese längst abgegriffenen und verbrauchten Versatzstücke von Konwitschnys Regiestil könnte man gerne verzichten.
Aber schlußendlich doch das Fazit: Vergisst man bei dieser Konwitschny-Inszenierung die Begeisterung so mancher Feuilletonisten und die Verdammung durch die Konwitschny-Gegnerschaft, dann bleibt ein spannender und zur Diskussion anregender Opernabend mit einer geschlossenen Ensembleleistung und einer herausragenden Asmik Grigorian!
Hermann Becke
Alltag im
Grazer Opernleben
7., 8.und 9. Dezember 2011
Im vorweihnachtlichen Trubel und Konsumwirbel wird man etwas schwermütig, wenn man als Opernfreund auf den Grazer Opernspielplan des Dezember blickt: Da gibt es nur je zweimal Pique Dame und Otello – dafür aber elfmal Konstantin Weckers Familienmusical „Jim Knopf und die wilde 13“ sowie fünfmal „Singin’ in the rain“ und viermal den „Walzertraum“ von Oscar Straus. Schwermütig werd ich vor allem deshalb, wenn ich daran denke, wie dies vor 50 Jahren ausgesehen hat:
Eröffnet wurde die Saison 1961/62 mit dem kompletten Ring des Nibelungen unter dem Opernchef Berislav Klobucar, der später Hausdirigent der Wiener Staatsoper wurde und auch zu Bayreuth- und Met-Ehren gelangte. Weiters standen auf dem Spielplan einer einzigen Saison: Der fliegende Holländer,. Liebermanns „Schule der Frauen“, Lucia di Lammermoor, Carmen (mit Janowitz als Micaela), Aida, Norma, Il Campiello, Elektra, La Traviata,Turandot, Orffs Bernauerin, Zar und Zimmermann, Tosca, Samson und Dalila, Rosenkavalier, Parsifal, Zauberflöte. Alles ohne Anspruch auf Vollständigkeit und nur auf der Basis meiner eigenen Unterlagen....
Der geneigte Leser wird also meine Schwermut ein wenig verstehen!
Aber: Derartige Rückerinnerungen helfen nicht – es gibt auch heute praktisch täglich durchaus Berichtenswertes aus Graz für den Opernfreund:
Da war zunächst am 7.12. im Opernhaus eine Pressekonferenz unter dem Titel „Die ökonomische und gesellschaftliche Wirkung der Bühnen Graz“. Die Bühnen Graz bestehen aus dem Opernhaus, dem Schauspielhaus, dem Jugendtheater Next-Liberty und den übrigen Spielstätten in und auf dem Grazer Schlossberg. Die Finanzierung dieser Bühnen erfolgt zum weitaus überwiegenden Teil durch das Bundesland Steiermark und die Stadt Graz mit einem Gesamtbudget von rund 30 Millionen Euro. Die in der Pressekonferenz präsentierte Studie weist nun nach, dass damit eine jährliche Wertschöpfung von 64 Millionen Euro bewirkt wird und dass damit die öffentlichen Mittel mehr als verdoppelt werden.
Vielleicht noch zwei weitere Zahlen:
Pro Jahren besuchen rund 500.000 Menschen die Veranstaltungen der Bühnen Graz, also doppelt so viele, wie Graz Einwohner zählt. Und das besonders aktive Jugendtheater verweist mit Stolz darauf, dass unlängst an zwei aufeinanderfolgenden Tagen insgesamt rund 3000 Kinder und Jugendliche in der Oper waren. Anmerkung und zweifelnde Frage dazu:
Werden die Kinder durch „Jim Knopf“ auch angeregt werden, einmal eine Oper anzuschauen ??
Aber die Studie hat nicht nur die ökonomischen Wirkungen dokumentiert, sondern zurecht auch die sozio-kulturellen Wirkungen in Bezug auf Lebensqualität und Synergien. Und gerade da fehlt mir in der Studie der Hinweis auf die Grazer Universitäten – Graz hat immerhin vier Universitäten mit rund 45.000 Studierenden. Die vielfältigen und vorbildhaften Kooperationen der Bühnen mit der Universität Graz und natürlich vor allem mit der Grazer Universität für Musik und darstellende Kunst, aber auch mit anderen Kulturveranstaltern (zum Beispiel mit dem international viel beachteten Regie- und Bühnenbildwettbewerb „Ring-award“) fehlen in der Studie.
In Zeiten der allgemeinen Spardiskussion – wovon besonders die Kulturbudgets betroffen sind - ist der Nachweis wichtig, dass jeder in die Theater investierte Euro doppelt zurückkommt.
Am Tag darauf begleitete das Grazer Philharmonische Orchester unter Tecwyn Evans ( der zuletzt die Premiere von Pique Dame geleitet hatte - siehe dazu die Kritik vom 6.11. ) die diesjährigen Preisträger/innen im ersten Teil des Abschlusskonzertes des österreichischen Jugendmusikwettbewerbes Gradus ad Parnassum. Das Konzert wurde vom ORF aufgezeichnet. Für Opernfreunde und Stimminteressierte war dieses Konzert in zweifacher Hinsicht interessant :
Zunächst ist ganz einfach der Ort des Konzerts von überregionalem Interesse - nämlich der György-Ligeti-Saal des Hauses für Musik und Musiktheater ( MUMUTH ) der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Dieses spektakuläre Gebäude wurde im Jahre 2008 eröffnet, hat inzwischen im alltäglichen Betrieb nach Anfangsschwierigkeiten seine Bewährungsprobe bestanden und wurde für seine Architektur sowohl national als auch international ausgezeichnet. Es lohnt sich, darüber informiert zu sein – siehe:
http://www.kug.ac.at/studium-weiterbildung/studium/infrastruktur/das-mumuth.html
Gradus ad Parnassum ist der jährlich ausgetragene Wettbewerb der fünf (staatlichen und privaten) Musikuniversitäten Österreichs für junge Musiker und Musikerinnen, die an der Schwelle zum Berufseinstieg stehen. Diesmal ging es um die Sparten Violoncello, Posaune, Gesang und Kammermusik. Im Abschlusskonzert präsentierten sich die vier ersten Preisträger/innen dieser Sparten – das Programm siehe:
http://www.musikderjugend.at/fileadmin/musikderjugend/gradus/programm/Programm_Galakonzert_08122011.pdf
Zusätzlich zu diesen Einzelpreisen vergab am Ende des Konzertes eine hochkarätige Jury (darunter Peter Alward, Geschäftsführender Intendant der Osterfestspiele Salzburg) – gleichsam als Krönung der Leistungen in allen Sparten - den „Klassik Preis Österreich 2011“ – und zwar an Sophie Rennert . Die 21-jährige Mezzosopranistin und gebürtige Grazerin studiert an der Wiener Musikuniversität – zu ihr siehe:
http://sophie.rennert.at/biografie
Es ist natürlich sehr schwer, die vier durchwegs sehr guten Leistungen dieses Abends zu vergleichen. Ich kann aber sehr gut die Entscheidung der Jury nachvollziehen: Die junge Sängerin mit ruhiger und überzeugender Podiumsausstrahlung zeigte eine in allen Lagen wohlausgewogene und nie forcierte Stimmführung, eine klare Artikulation (auch auf französisch im Werther-Ausschnitt) und echtes Mezzotimbre..Vor allem aber: sie präsentierte die Werke und nicht primär sich selbst. Man kann gespannt und optimistisch auf ihren weiteren Berufsweg auf Konzertpodien und Opernbühnen achten!
Und am dritten dieser drei Dezembertage besuchte ich dann eine Repertoirevorstellung von Verdis Otello, mit dem diese Saison eröffnet wurde. Das Grazer Opernhaus mit seinen rund 1500 Plätzen war praktisch ausverkauft – man sah nicht das übliche Premierenpublikum, sondern auch erfreulich viele junge Leute. Und dieses Alltagspublikum hat durchaus differenziert - und erfreulich treffend - in seinem lebhaften Schlussapplaus reagiert. Den eindeutig stärksten Applaus erhielt Gal James als Desdemona, die ihre Premierenleistung weiter gesteigert hat. Sie kann sich mit dieser stimmlichen Interpretation auch mit großen Namen messen und hat nun auch in der Auseinandersetzung mit Otello.jugendlich-dramatisches Format gewonnen, ohne je zu forcieren. Nach wie vor berückend ihre Piani im letzten Akt!. An zweiter Stelle in der Publikumsgunst landete der Jago von James Rutherford - auch das zurecht. Seine stimmliche Leistung macht die unnötige Verkleidung als „Hofnarr“ fast vergessen – speziell seine Traumerzählung gelang diesmal besonders differenziert.
Der Otello von Frank van Aken erhielt verdienten, aber nicht begeisterten Applaus. Gegenüber der Premiere erwies er sich deutlich konsolidiert, wenn sich auch beim zweiten Hören dieser Stimme die Überzeugung verfestigt, dass van Aken kein genuiner Heldentenor ist, wiewohl er dieses Fach an vielen grossen Häusern singt. Die Stimme ist ständig unter übermäßigem Druck und kann sich nie natürlich verströmen. Aber insgesamt dennoch ein eindrucksvoller Otello – wie viele gibt es heute schon davon !
Die Inszenierung erweist sich durchaus praktikabel für den Repertoirebetrieb – die bereits bei der Premiere gemachten Einwände bleiben aufrecht – wen es interessiert, der lese die Premierenkritik vom 1.Oktober. Peinliche Panne einer Repertoirevorstellung: In der 5.Szene des 3.Akts verpasst Cassio seinen Auftritt – Jago muss den Anfang seines Dialogs mit Cassio allein singen und Otello ärgert sich über das Lachen Cassios, der noch gar nicht aufgetreten ist...............
Aber alles in allem: eine sehr solide Repertoireaufführung mit Desdemona und Jago auf internationalem Niveau! Und noch eine Ergänzung zu meiner Premierenkritik: Da empfahl ich die Furtwängler-Aufnahme der Salzburger Festspielen 1951.. Ein Freund verwies in diesem Zusammenhang auf die ebenfalls noch erhältliche Aufnahme unter der Leitung von Arturo Toscanini, der bekanntlich bei der Uraufführung des Otello im Orchester saß. Hier also der link zu dieser wahrhaft maßstabsetzenden Produktion aus dem Jahre 1947 – so wie in Salzburg war da Ramon Vinay der Otello::
http://www.amazon.de/Verdi-Otello-Toscanini-Arturo/dp/B0001PIZHO
Grüße aus Graz
Ihr
Hermann Becke
P.S.
Und hier einige links, wenn sich jemand weiter vertiefen möchte:
Zu Berislav Klobucar: http://oe1.orf.at/artikel/215470
Zur Pressekonferenz: http://www.theaterholding.at/
Ausschnitte aus dem Preisträgerkonzert kann man noch bis 16.12. nachhören:
http://oe1.orf.at/programm/290225
(Sophie Rennert ist da mit Brahms, Bach und Massenet sowie im Interview ausführlich nachzuhören – Sendung „Intrada“ ab Minute 18:40)
Podiumsgepräch mit Staatsoperndirektor Dominique Meyer „Junge Stimmen“
21.11.2011 im Musikverein für Steiermark
Der Musikverein für Steiermark unter seinem rührigen Generalsekretär Michael Nemeth bietet seit der Saison 2008/09 jedes Jahr eine sehr verdienstvolle Veranstaltungsreihe unter dem Titel „AMABILE- junge Musiktalente“ an. In dieser Saison begann die Reihe mit einem Podiumsgespräch, das Michael Nemeth mit dem Direktor der Wiener Staatsoper Dominique Meyer führte. Im Sinne des Mottos standen Fragen im Mittelpunkt, wie junge Stimmen entdeckt, gefördert und aufgebaut werden können.
Nemeth ließ kurze Ausschnitte von Fritz Wunderlich, Sylvia Sass, Elina Garanca, Rolando Villazon und Anna Netrebko einspielen und knüpfte daran seine Fragen an den Staatsoperndirektor. Dieser präsentierte sich in ruhiger und uneitler Art und Weise als eine Persönlichkeit, der die Entwicklung junger Talente merkbar am Herzen liegt. Er ist jede Woche bei zwei bis drei Vorsingen selbst dabei und bemüht sich, niemanden zu engagieren, den er nicht zuvor gehört und wenn möglich auch in einer Aufführung gesehen hat. Zwei Aussagen Meyers werden die Operfreunde besonders interessiert haben:
„Oper ist zuerst Musik“ - und dann seine mehrmals wiederholte Ablehnung von Buh-Rufen bei Sängerleistungen. Nicht zu klatschen, sei nach Dominique Meyer die wesentlich elegantere Möglichkeit, als Publikum seine Meinung zu äußern.
Trotz vieler interessanter Details und auch so mancher Anekdote im Gespräch Meyer/Nemeth war aber zurecht der wahre und umjubelte Mittelpunkt des Abends die Präsentation zweier junger Staatsopernmitglieder, die gleichsam das lebendige und eindrucksvolle Beispiel für Meyers Nachwuchsbemühungen sind:
Die Sopranistin Anita Hartig (Jahrgang 1983) und der (Bass)Bariton Adam Plachetka (Jahrgang 1985) sangen Arien und Duette von Mozart, Puccini, Bizet und Delibes – am Flügel begleitet von Donald Books.
Beide stehen ganz offenbar am Anfang großer Karrieren. Hartig wird in den nächsten Jahren in Mailand, Berlin, Hamburg, London und 2014 in New York (Mimi, Micaela) singen und Plachetka nutzte im September dieses Jahres an der Staatsoper mit einhelligem Erfolg seine Einspringchance als Don Giovanni. Sein an diesem Abend mit großem Engagement, virilem Timbre und sicheren Höhen (und Tiefen) vorgetragener Escamillo – einer Partie, die er noch nicht auf der Bühne gesungen hat - läßt schon vorausahnen, wohin sich dieser junge Mann hinentwickeln wird. Die großen Hoffnungen sind zweifellos berechtigt!
Aus den Gesprächen mit den beiden jungen Staatsopernmitgliedern war aber auch sehr schön ihre Begeisterung und ihre Neugierde auf alles, was noch auf sie zukommen wird, zu entnehmen. Wie schön, dass Dominique Meyer diese jungen Begabungen als „Seele“ der Wiener Staatsoper apostrophiert.
Hermann Becke
Links:
http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/kuenstler/saengerinnen/Hartig.de.php
http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/kuenstler/saengerinnen/Plachetka.de.php
Wiederaufführung der einzigen deutschen Oper von Antonio Salieri
DER RAUCHFANGKEHRER
Minoritensaal Graz am 15.November 2011
Die Aufführung mit einem jungen Studentenensemble war ambitioniert, aber verdient natürlich keine überregionale Aufmerksamkeit. Dennoch sei für alle „Sammler“ von Informationen über ausgefallene Opern hier kurz berichtet: Die einzige deutsche Oper Salieris geht auf einen kaiserlichen Auftrag zurück, für Wien ein deutsches Singspiel zu schreiben. Dazu liess sich Salieri von seinem Freund, dem Arzt Leopold Auenbrugger, der als Erfinder der medizinischen Untersuchungstechnik der Perkussion gilt, ein - wahrlich unbedeutendes und unbeholfenes –Libretto schreiben. Auenbrugger war nicht nur mit Salieri, sondern auch mit Mozart und Haydn befreundet Seine Töchter waren Schülerinnen Salieris. Für sie komponierte Haydn seine Auenbrugger-Sonaten.
Salieri, natürlich der italienischen Oper verhaftet, überträgt seine Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache auf seine Protagonisten und legt italienische Bravourarien ein, die die deutschen Damen des Stückes vorzutragen haben und die vom italienischen Rauchfangkehrer, der sich als Gesangslehrer ausgibt, korrigiert werden.
Ein Beispiel dieser koloraturenreichen Bravourarien kann man auf einer vor einiger Zeit erschienenen CD von Diana Damrau nachhören.

Die Oper wurde 1781 in Wien mit einigem Erfolg uraufgeführt und verschwand dann nach einige Folgeaufführungen von der Bühne. Mozart kannte nachweislich den „Rauchfangkehrer“, zeigte allerdings wenig Begeisterung dafür. Dem italienischen Dirigenten Tiziano Duca ist es zu danken, dass er nun aus der Originalhandschrift Salieris die Partitur einrichtete und die Orchesterstimmen herausschrieb. Vielleicht setzt sich nun auch einmal ein professionelles Ensemble mit diesem Stück auseinander. Nach dem ersten Höreindruck, den die Grazer Wiederaufführu
ng vermittelte, wird das Werk allerdings nur dann vor dem heutigen Publikum bestehen können, wenn höchste Virtuosität geboten wird – also etwa Diana Damrau oder Cecilia Bartoli oder ähnliche Kaliber.
Wenn man das – nicht nur wegen des Librettos (2,50 Euro bei Amazon)

http://www.amazon.de/Antonio-Salieri-Rauchfangkehrer-Kommentierte-ebook/dp/B005P32A0U/ref=sr_1_cc_2?s=music&ie=UTF8&qid=1321548838&sr=1-2-catcorr
sondern auch musikalisch - harmlose Werkchen hört, muss man wohl immer daran denken, dass zur gleichen Zeit Mozart Meisterwerke geschrieben hat – und daneben kann ein Salieri ganz einfach nicht bestehen. Aber das Kennenlernen war interessant und dem jungen Ensemble gilt ein pauschales Lob für seine Bemühungen.
Noch ein Hinweis für alle Sammler:
Ab 20.12. wird es von der Grazer Aufführung eine Arien-CD geben – erhältlich über www.schaubuehnegraz.at oder über die Grazer Mohren-Apotheke (www.mohren-apotheke.at) , die neben dem Geburtshaus von Auenbrugger liegt und die aus Anlass ihres dreihundertjährigen Bestehens die Aufführung initiierte. Der Inhaber der Mohrenapotheke
Christian M.Müller war übrigens auch der Regisseur der Aufführung – ihm gilt für seine Initiative besonderer Dank!
Hermann Becke
Weitere Links:
Zu Antonio Salieris „Rauchfangkehrer“. Der Rauchfangkehrer – Wikipedia
Zu Auenbrugger: http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Auenbrugger
Zur Grazer Wiederaufführung: http://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/graz/2877960/des-rauchfangkehrers-erfolg.story
Vesselina Kasarova
Stephaniensaal am 3.11.2011
Seit 2007 ist Michael Nemeth künstlerischer Leiter und Generalsekretär des Musikvereins für Steiermark - des zweitältesten Musikvereins der Welt (nach dem Wiener Musikverein), der seit seiner Gründung im Jahre 1815 ohne Unterbrechung eine reiches und stets interessantes Konzertprogramm anbietet.
Warum kann und sollte das den Opernfreund interessieren??
Michael Nemeth ist der Sohn von Carl Nemeth, der die Grazer Oper von 1972 bis 1990 führte – eine Zeit, die zurecht als „Goldene Grazer Opern-Jahre“ gepriesen wird – siehe dazu: http://oe1.orf.at/artikel/205077 Und Michael Nemeth hat von klein auf mit seinen Eltern – seine Mutter war die Grazer Ballettchefin – in der Oper mitgelebt. Da wundert es nicht, wenn er nun als künstlerischer Leiter eines großen Musikveranstalters in den Programmen deutliche Opernakzente setzt:
Die Liederabende 2011/12 gestalten Vesselina Kasarova, Krassimira Stoyanova, Christian Gerhaher, Mojca Erdmann, Michael Schade und Thomas Quasthoff. Dazu kommen Sonderkonzerte mit Cecilia Bartoli, Jonas Kaufmann und Elina Garanca.
Dazu kommen ein Podiumsgespräch mit dem Direktor der Wiener Staatsoper Dominique Meyer, weiters Donizettis Einakter „Rita“ (Deux hommes et une femme). Michal Schade wird (zusätzlich zu seinem Liederabend) junge Gesangstalente vorstellen und im nächsten Juni wird erstmals in Graz der Stummfilm Der Rosenkavalier aus dem Jahr 1926 mit der originalen Filmmusik von Richard Strauss – gespielt von den Grazer Philharmonikern – gezeigt.
Also kurz und gut:
Es lohnt sich auch für den Opernfreund, den Konzerten des Musikvereins für Steiermark Aufmerksamkeit zu schenken!
Den heurigen Liederabendzyklus eröffnete Vesselina Kasarova, am Flügel von Charles Spencer begleitet: Im ersten Teil mit je sechs Liedern von Robert Schumann und Johannes Brahms, nach der Pause je eine Liedgruppe von Rachmaninow und Tschaikowskij sowie im Zugabenteil zwei bulgarische Volksliedbearbeitungen.
Ein sehr zwiespältiger Abend !
Auf dem Podium steht eine attraktive Diva mit herrlichem (Opern) Stimmmaterial, der die vokale Brillanz wohl wesentlicher ist als das Werk, mit dem sie ihre Kunstfertigkeit demonstriert. Schumann und Brahms sind da wahrlich ungeeignete Objekte für diesen Interpretationszugang – noch dazu, wenn die Textgestaltung völlig vernachlässigt wird und es zu deutlichen Intonationstrübungen kommt. Bei Rachmaninow und Tschaikowskij ist Kasarova wesentlich mehr „zuhause“ – das waren Podiumslieder - von hoher musikalischer Kultur, aber ohne tieferen Gehalt.
Resümee: Wenn man (wie ich) Vesselina Kasarova eben in der großartigen „Alcina“-Produktion der Wiener Staatsoper als überzeugende Händel-Virtuosin und Bühnendiva erlebt hat, dann versteht man nicht, warum sie sich den völlig anders gearteten Liedanforderungen stellt – und dabei scheitert. Der erfahrene Liedbegleiter Charles Spencer war in dieser Situation wohl auf verlorenem Posten und blieb in seiner Interpretation zwangsläufig blaß.
Durchaus auffällig – und sehr verständlich - die zurückhaltende Reaktion des Publikums.
Hermann Becke
Hier noch zwei links:
Ein Grazer Interview mit Kasarova vor ihrem Konzert: http://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/graz/2865639/ich-brauche-nicht-zu-viel-zirkus.story
Zu Michael Nemeth:
http://www.uni-graz.at/spes2www/alumni_neues/spes2www_michaelnemeth.htm
Zum Musikverein für Steiermark:
http://musikverein-graz.at/index.php?option=com_content&view=article&id=10&Itemid=17
Pique Dame
Premiere am 6.11.2011
Die zweite Premiere dieser Saison ist eine Koproduktion mit der Oper Leipzig, wo Peter Konwitschny seit 2008 Chefregisseur ist. Mit Graz ist Konwitschny seit 1991 verbunden – 11 Opern- und eine Schauspielinszenierung waren seither hier zu sehen. Man kennt also seine Inszenierungszugang sehr gut. Die Pique-Dame-Premiere hat die Erwartungen aller bestätigt:
Die Anhängerschar umjubelte eine überaus spannungsvolle Inszenierung und der (konservative?) Publikumsteil buhte am Schluß gehörig, blieb aber mit seiner Ablehung doch deutlich in der Minderheit. Konwitschny genoß es sichtlich, dass es ihm wieder einmal gelungen war, Diskussion und diametrale Meinungen auszulösen.

Alle Produktionsbilder Copyright: Werner Kmetitsch
Bevor ich Ihnen allerdings meine Eindrücke der Inszenierung zu schildern versuche, konzentriere ich mich auf die musikalische Umsetzung, weil jede Opernaufführung immer noch primär von den Sängerpersönlichkeiten getragen wird. Und da gilt ein besonderer Dank der Intendantin Elisabeth Sobotka:
Sie versteht es hervorragend, das hauseigene Ensemble zu fördern und zu fordern und gleichzeitig durch interessante Gäste zu ergänzen. Alle Grazer Ensemblemitglieder sangen ihre Rollen zum ersten Mal – und das mit beachtlichem Erfolg und auf hohem Niveau. Ich greife drei Leistungen heraus:
Da sind einmal Fran Lubahn als Gräfin und David McShane als Tomsky. Sie sind beide rund 30 Jahre am Haus und haben hier praktisch alles in ihrem Fach gesungen. Lubahn hat sich von der Mélisande, Pamina, Susanna zu einer überzeugenden Charakterdarstellerin gewandelt und die alte Gräfin intensiv gestaltet. Sie hat damit die Erwartungen aller, die ihren Weg schon durch Jahrzehnte verfolgen, unzweifelhaft deutlich übertroffen und nach vielen durchaus profilierten Kleinrollen des Mezzofachs, in das sie gewechselt ist, eine gültige Interpration geliefert. Es war eine kluge Entscheidung, sie mit dieser zentralen Rolle zu besetzen. Und ähnliches gilt für McShane. Er erlebt gleichsam einen zweiten stimmlichen Frühling und hat den Tomski mit dunklem Bariton ausgezeichnet präsentiert. Man freut sich, ihn nach vielen kleinen und mittleren Rolle in einer Hauptrolle zu hören.

Aber Sobotka hat nicht nur die verdienten Ensemblemitglieder optimal eingesetzt, sondern auch dem 27-jährigen Südtiroler Andrè Schuen seine erste bedeutende Premierenrolle gegeben. Schuen hat diese Chance hervorragend genutzt und als Fürst Jeletzki mit sehr schönem und gut sitzendem, nie forciertem Baßbariton einen einhelligen Publikumserfolg erzielt. Wenn seine Entwicklung so erfreulich weitergeht, dann wird er seinen Weg auf die ersten Bühnen schaffen!
Ebenso waren auch die anderen Ensemblemitglieder in den wichtigen Rollen Tschekalinski ( Manuel van Senden), Surin (Wilfried Zelinka), Polina (Dshamilja Kaiser) und Gouvernante (Carolina Julia Astanei aus dem Chor) ausgezeichnet und rollenadäquat. Für das Gelingen eines geschlossenen Ganzen sind aber auch die kleinen Rollen entscheidend – sie waren durch Konstantin Sfiris (Narumov), Taylan Reinhard (Festordner) und Juraj Hurny (Tschaplitzki) kompetent besetzt.

Chor und Extrachor unter Bernhard Schneider und der Kinderchor unter Andrea Fournier leisteten Beträchtliches, wenn auch nicht verschwiegen sein soll, dass die eindrucksvollen „originalen“ Chormassen des Bolschoi-Theaters Moskau und des Marinski-Theaters St.Petersburg, die 1997 und 2003 mit „Pique Dame“ in Graz gastiert hatten, nicht vergessen gemacht werden konnten.
Das Grazer Philharmonische Orchester unter Tecwyn Evans spielte verlässlich, aber nicht recht differenziert. Auch hier durfte man nicht an die St. Petersburger unter Valery Gergiev denken….. Den großen Erfolg des Abends sicherten aber zweifellos die beiden Gäste, die beide in Graz debütierten, aber internationale Erfahrungen in ihren Rollen mitbringen::
Die litauische Sopranistin mit armenischen Wurzeln Asmik Grigorian überzeugte als Lisa mit zarter zerbrechlicher Bühnenpräsenz und einer sehr sicheren gesanglichen Gestaltung, die sie (fast) an die Grenzen ihres interessant timbierten Materials führte. Sehr eindrucksvoll ihre mädchenhafte Ausstrahlung, die in spannungsvollem Gegensatz zum massigen, exzessiven und überbordenden Hermann von Avgust Amonov stand. Dieser ist seit 2003 Mitglied des Marinski-Theaters und hat dort viele großen Rollen des Heldenfachs gesungen (im November folgt der Radames und im Dezember der Kaiser in „Die Frau ohne Schatten“). Amonov verfügt über einen baritonal gefärbten Tenor mit stahlenden Höhen bis zum h – er schöpft bis zum Schluß stimmlich aus dem Vollen und weiß auch lyrische Akzente zu setzen. Eine überzeugende Leistung! Die beiden Protagonisten trugen mit ihren profilierten Interpretationen gemeinsam mit dem Ensemble den ganzen Abend zum verdienten und lebhaft akklamierten Erfolg.

Doch nun zu Konwitschnys Interpretation:
Nach den Publikumsreaktionen sind zwei konträre Sichtweisen möglich:
Die Buhrufer haben sich offensichtlich an den – schon altbekannten – Versatzstücken von Konwitschnys Arbeiten gestoßen. Bei ihm sind Offiziere immer besoffen, das Volk ist immer uniformiert und gedrillt, ein Ballfest muß immer skurril-grell sein, auf die Bühne wird gepinkelt (das hatten wir schon vor 20 Jahren in Konwitschnys „Verkaufter Braut“ beim Duett Kezal/Hans) . Dazu wird dann in der Schäfer-Ballettszene die Musik unterbrochen, in unverständlichem Deutsch (die Aufführung wird sonst natürlich russisch gesungen) auf die überkommene Opernpraxis geschimpft und im Zuschauerraum wird es licht, damit das Publikum versteht, dass wir alle gemeint sind. Und dann gibt es noch den ganzen Abend den Schriftzug „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“, der dann in der Ballszene in „Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ geändert wird. Und es gäbe noch eine Reihe weiterer Details zu referieren. Wenn man nur diese „Bausteine“ isoliert sieht, dann ist die ablehnende Reaktion verständlich.
Wer aber versuchte, Konwitschnys Bemühungen unvoreingenommen und in einem großen Gesamtzusammenhang auf sich wirken zu lassen, der erlebte eine sehr spannungsvolle Inszenierung, in der die im Programmheft dokumentierte Zerrissenheit der Persönlichkeit Tschaikowsky am Beispiel des Outlaws Hermann präsentiert wird – ja, vielleicht ist es auch die Zwiespältigkeit von Konwitschny selbst (bzw.die Quintessenz all seiner Inszenierungen): Das stete Streben nach Erfüllung in der Liebe, die stete Kritik am gesellschaftlichen Umfeld. Und dann das völlige Scheitern – sowohl in der Liebe als auch im Bemühen um eine Wandlung der Gesellschaft zum Positiven. Und Konwitschny gestaltet diesmal eine sehr konsequente und schlüssige Inszenierung mit hohem handwerklichem Niveau. Klug und bühnenwirksam ist die Einführung eines todbringenden Genius, den Konwitschny aus der winzigen Rolle der Mascha entwickelt und den die erstmals auf einer großen Operbühne stehende Sopranistin Nazanin Ezazi sehr bühnenwirksam verkörpert. Dieser Genius zieht die Fäden der ganzen Handlung.

Und dann gibt es für Lisa und Hermann eine durchdachte, hervorragend umgesetzte und berührende Personenführung. Dazu ein Beispiel: Lisa steht im Unterkleid, als Hermann plötzlich (aus dem Orchestergraben) im Zimmer auftaucht. Sie versucht vergeblich ihr (Konventions)Kleid wieder anzuziehen und ergibt sich ihm.
Dass die Gräfin – aus ihren Jugenderinnerungen erwachend – Hermann zu sich ins Bett zieht und im ersehnten Geschlechtsverkehr mit ihm stirbt, ist schlüssig entwickelt und glaubhafter als ein Tod aus blossem Erschrecken. Sehr bildhaft und bühnenwirksam der Beginn des dritten Akts, wo Hermann gleichsam in einem Totenhaus die Gräfin und ihr Geheimnis sucht. Sehr poetisch auch die Szene am Newakai – Lisa stürzt sich nicht in den Fluß, sondern wird vom Genius – diesmal wohl als Charon - auf ein Schiff ins Jenseits geleitet.
Mein zusammenfassender Eindruck: Ein großer Abend der Grazer Oper, der zum Nachdenken, Diskutieren und nochmaligem Besuch anregt – und das just an Tschaikowskijs Todestag – ein durchaus würdiges Gedenken!
Hermann Becke
Link zu einem Interview mit Peter Konwitschny:
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/2868729/suche-nach-dem-eigentlichen.story
OTELLO
1.Oktober 2011
Intendantin Elisabeth Sobotka eröffnet ihre dritte Saison (nach den Meistersingern 2009 und der Frau ohne Schattten 2010 ) wiederum mit einem großen Meisterwerk: mit "Otello".

Alle Fotos copyright: Oper Graz/ Werner Kmetitsch
Die Inszenierung hat sie dem englischen Regisseur Stephen Lawless übertragen, der ursprünglich Produktionsleiter in Glyndebourne war und seit rund 20 Jahren weltweit als Opernregisseur tätig ist. Auch Graz kennt ihn schon – durch wenig inspirierende Inszenierungen des Liebestranks und der Fledermaus und einen packenden Peter Grimes mit Reiner Goldberg unter Philippe Jordan. Diesmal arbeitete Lawless mit dem Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann, dem Kostümbildner Jorge Jara und dem Dramaturgen Bernd Krispin zusammen, der wie immer vor der Vorstellung im Foyer eine anregende Einführung in Werk und Inszenierung gab. Das Programmheft führt beim szenischen Leitungsteam noch die Choreographin Lynne Hockney an. In den Hauptrollen gab es durchwegs Rollendebuts: Frank van Aken als Otello, Gal James als Desdemona, James Rutherford als Jago, Taylan Memioglu als Cassio und Djamilja Kaiser als Emilia.
Beginnen wir mit dem erfreulichen Teil des Abends - mit den musikalischen Leistungen: Der erfahrene dramatische Tenor Frank van Aken, der schon eine stattliche Liste an großen Rollen und Gastspielen an großen Häusern aufweisen kann. gestaltete seinen ersten Otello (sein nächster wird in seinem Stammhaus Frankfurt folgen) insgesamt überzeugend und intensiv. Das Esultate des Auftritts gelang eindrucksvoll, dann mußte man in den lyrischen Passagen des Liebesduetts ein wenig um den Stimmsitz bangen (war das vielleicht die Premierennervosität ?). Im weiteren Verlauf des Abends gelangen ihm auch schöne lyrische Phrasen. Insgesamt blieb der Eindruck einer rollendeckenden Bühnenpräsenz mit großer Stimme, die durchaus etwas zurückgenommen und nicht immer im Forte bis Fortissimo eingesetzt werden könnte.

Gal James bietet vor allem im letzten Akt eine hervorragende stimmliche Leistung – ihre schwebenden, nie flachen Piani berühren. Für die Kantilenen im 1.Akt und vor allem im Ensemble des 3.Akts fehlt (noch) der große Bogen. James Rutherford hat mit seiner warmen (Sachs- und Barak-)Stimme eine bemerkenswerte Jago-Interpretation geboten. Arrigo Boito hat geschrieben, Jago solle „jovial, aufrichtig und fast gutmütig wirken“. Das ist Rutherford vollauf gelungen – dazu kam eine makellose stimmliche Leistung. Memioglu ist ein eher tolpatschiger Cassio, bei dem man erfreut registriert, dass sich sein früher eher enger Tenor zu schönem Volumen geweitet hat - und Kaiser ist eine souveräne Emilia. Die kleineren Rollen sind gut besetzt, Chor und Extrachor unter der bewährten Leitung von Bernhard Schneider ist – wie in den letzten Jahren erfreulicherweise immer – sehr gut, ebenso die „Singschul’“ unter Andrea Fournier.
Das Grazer Philharmonische Orchester unter Johannes Fritzsch spielt kräftig zupackend, mit manchem klangschönen Solo (Violoncello,Oboe). Allerdings vermisst man manchmal ein wenig das klangliche Raffinement – zum Beispiel bei den etwas derben Holzbläsersätzen vor dem berührenden Desdemona-Einsatz im 3.Akt „A terra!….sì…nel livido…“ oder im Schlußbild. Insgesamt aber eine spannungsvolle Leistung.

Nun zur szenischen Umsetzung: Das „Leading Team“ hat eine praktikable Lösung auf die Bühne gestellt – mit verschiebbaren Wänden, Vorhängen und wenigen Requisiten, in schönen historischen Kostümen und mit einer geglückten optischen Verbindung zwischen dem Liebesduett im ersten Akt und Otellos Tod. Auf dieser Bühne könnte man spannendes Theater machen – allerdings wäre dazu eine präzise Personenführung notwendig. Die fehlt leider – speziell im ersten Akt, in dem alle (fast möchte man sagen seit 100 Jahren) abgegriffenen Operngesten zum Einsatz kommen. Dazu eine fast peinliche Chor-„Choreographie“ mit rhythmisch ihr Becken kreisenden Chordamen, wenn Cassio dem Alkohol und der Weiblichkeit verfällt. Und dann kommen noch die aus einem Brief von Verdis Frau abgeleiteten Ideen des Regisseurs, dass die Gottlosigkeit das zentrale Thema des Stücks sei. „Wenn es also keine ewige Verdammnis gibt, warum sollte sich also die Menschheit darum kümmern, gut zu sein ? Diese Frage, davon bin ich überzeugt, untersuchen Verdi und Boito im Otello“. Das schreibt der Regisseur im Programmheft - und so sehen wir nach dem „Esultate“ einen unter dem Kreuz zusammenbrechenden Otello, einen Jago, der für das Credo den mit seiner Narrenkappe verunstalteten Corpus des Crucifixus auf die Bühne holt und darauf sitzend singt, und einen venezianischen Gesandten, der als geistlicher Würdenträger seine Hände in Unschuld wäscht. Alles völlig unnötige Details, die stören und nichts zur dramatischen Schürzung des Handlungsknotens beitragen. Dazu kommt dann noch zu Beginn des 3.Akts eine hässliche Schrankwand, aus deren Türen und Laden weiße Tücher herausquellen und in der Otello das „fazzoletto“ hektisch sucht.
All dies hätte durchaus entfallen können – und stattdessen besser eine spannungsreiche Interaktion zwischen den Hauptfiguren entwickelt werden sollen, die auf sich selbst gestellt schienen und dies je nach individueller Begabung nutzten.

Das Resümee: Die Beurteilung von Aufführungen lebt immer vom Vergleich. Und so sei diese neue Produktion mit den letzten Grazer Produktionen verglichen. Die heurige Eröffnungspremiere hat nicht das hohe internationale Niveau erreicht, das Graz im Vorjahr mit seiner „Frau ohne Schatten“, der „Traviata“ oder der „Lady Macbeth von Mzensk“ sich selbst vorgegeben hat, aber eine praktikable und vor allem musikalisch sehr solide Aufführung auf die Bühne gebracht und damit bewiesen, dass Richard Strauss in seinem künstlerischen Vermächtnis an (den Grazer!) Karl Böhm ganz sicher unrecht hatte, als er schrieb „Otello verurteile ich im Ganzen“ !
Und ganz zum Schluß ein persönlicher Tipp für alle Otello-Liebhaber:
Wer sie nicht ohnedies kennt, möge sich unbedingt Furtwänglers Otello-Aufführung mit Ramon Vinay und Paul Schöffler (samt Anton Dermota als Cassio) von den Salzburger Festspielen 1951 anhören – die Aufnahme gibts noch – siehe.
http://www.amazon.com/Verdi-Otello-Vinay/dp/B000B9EY4S
Hermann Becke
Eröffnungskonzert der Oper Graz
18.September 2011
Johannes Fritzsch ist seit 2006/07 Chefdirigent des Grazer Philharmonischen Orchesters, das nicht nur integraler Bestandteil der Oper Graz in Oper, Operette, Musical und Ballett ist, sondern auch einen eigenen Konzertzyklus bestreitet. Seit einigen Jahren hat es Johannes Fritzsch zu einer guten Tradition gemacht, die Opernsaison noch vor der ersten Opernpremiere mit einem Orchesterkonzert zu eröffnen. Dies gibt nicht nur Gelegenheit, die Leistungsfähigkeit des Orchesters zu präsentieren, sondern dient sicherlich auch der Schärfung der Orchesterarbeit in der letzten Probenphase. Zusätzlich sind die Eröffnungskonzerte auch zu einem gesellschaftlichen Anreiz geworrden.
Das Grazer Opernpublikum freut sich, dass die opernlose Sommerzeit vorbei ist, und kommt in großer Zahl, umso mehr, als das offizielle Programm sich nach dem Konzert im Foyer des Opernhauses mit einer „Italienischen Nacht“ mit beliebten Sängerinnen und Sängern der Oper – und einem italienischen Buffet - fortsetzt.
Aber der Reihe nach: Da die Eröffnungspremiere am 1.Oktober Verdis Otello sein wird, hat Fritzsch als Einstimmung ein anregendes italienisches Konzertprogramm zusammengestellt:
Umrahmt von Ottorino Respighis „Fontane di Roma“ und „Feste di Roma“ tritt zunächst vor der Pause der Harfenstar Xavier de Maistre mit dem Harfenkonzert von Nino Rota auf, samt Godefroids „Carnaval de Venise“ als Zugabenstück. Das hat man zwar schon vor einigen Jahren von Xavier de Maistre in Graz im Musikverein gehört und wird es in dieser Saison auch im Liederabend mit Mojca Erdmann wiederum hören. Aber Xavier de Maistre ist einfach ein Virtuose, der sein Publikum immer fasziniert – man ist fast versucht zu sagen: Gleichgültig, was er auch immer spielt, der Jubel des Publikums ist zurecht groß!
Nach der Pause folgt zuerst Rossini:
„Otello“- die Ouvertüre und dann die Canzone der Desdemona – von Xavier de Maistre einfühlsam auf der Harfe unterstützt, singt der Mezzo Dshamilja Kaiser mit schönem Material, allerdings vorsichtig und ohne das für Rossini notwendige Raffinement. Und dann kommt Verdis Otello:
Zunächst das Credo des Jago mit James Rutherford. Der Grazer Opernintendantin Elisabeth Sobotka ist sehr zu danken, dass sie diesen jungen britischen Bassbariton von Anfang an an das Grazer Haus gebunden hat. Hier sang er 2009 seinen ersten Sachs (mit dem er dann zu Bayreuth-Ehren gekommen ist und der auch an der Wiener Staatsoper und in Hamburg folgen wird), dann 2010 den Barak und den Germont – in dieser Saison folgt der Orest und nun eben der Jago. Rutherfords Stimme und Gestaltungskraft hat sich sehr erfreulich weiterentwickelt – dennoch sei gesagt, dass das deutsche Fach in Stimmcharakter und Phrasierung ihm deutlich besser ansteht als das italienische. Das hörte man schon im Vorjahr in der Traviata und das setzt sich nun fort. Natürlich ist sein Jago-Credo eindrucksvoll, aber es fehlt ein wenig das italienische Metall – und letztlich wirkt er einfach zu gütig. Aber warten wir ab, wie ihm die Rolle auf der Szene gelingen wird……….
Der große Falstaff-Monolog („L’onore! Ladri…“), den Rutherford als Zugabe sang, war wesentlich überzeugender – da war er seiner Persönlichkeit gemäß eingesetzt und man würde ihn in dieser Rolle sehr gerne auf der Bühne sehen!
Als weitere Kostprobe auf Verdis Otello sang dann Gal James das Lied von der Weide mit dem Ave Maria. Das war für mich die reifste Gesangsleistung des Abends – ihre Stimme hat sich seit dem Debüt in Graz im Jahre 2009 erfreulich weiterentwickelt und in dieser Szene das für sie ideale Fach gefunden. Ihre Piani – nie gehaucht und immer technisch sicher beherrscht – berührten ebenso wie ihre dramatischen Passagen.
Und nun zur Leistung des Orchesters:
Der spätromantische Respighi und die Verdi-Ausschnitte gelangen Fritzsch mit seinem Orchester eindrucksvoll, zupackend und überzeugend.
Im Harfenkonzert gab es – vielleicht aufgrund der Größe der Bühne – Kommunkationsprobleme zwischen der solistischen Harfe und insbesondere den Holzbläsern. Und Rossini fiel ab, hier fehlte das federnde Rossini-Brio – vielleicht auch deshalb, weil hier die kleinere Orchesterbesetzung etwas zu weit auseinander saß oder ganz einfach, weil der Rossini etwas zu wenig geprobt war…..
Wie auch immer: Freudiger und freundlicher Beifall des vollen Hauses. Die gute Stimmung setzte sich dann im Foyer fort.
Eine große Solistenschar (James Rutherford, Nazanin Ezazi, Dshamilja Kaiser, Taylan Memioglu, Andre Schuen, Margareta Klobucar) mit den Studienleitern Günter Fruhmann und Maris Skuja am Pianino und der gut disponierte Opernchor unter Bernhard Schneider) unterhielten mit „Schlagern“ wie „Di Provenza il mar“, der Musette-Szene, neapolitanischen Canzonen, Feuerchor aus dem bevorstehenden Otello, Gefangenenchor aus Nabucco und dem Traviata-Trinklied das mit Prosecco, Pinot Grigio, Chianti und Tramezzini die Saison-Eröffnung feiernde Publikum.
Hermann Becke