DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Styriarte

http://styriarte.com/

Die sommerlichen Musikfestspiele styriarte bestehen seit 1985 und formulieren ihr Konzept so:

„Die styriarte sollte den bahnbrechenden Dirigenten Nikolaus Harnoncourt enger an seine Heimatstadt Graz binden. Harnoncourts künstlerische Erkenntnisse, die ihn zu einem Weltstar gemacht haben, wurden zum Maßstab für die Aufführungen der Festspiele. So ermöglicht die styriarte heute Begegnungen mit verlorengegangen Sichtweisen unseres musikalischen Erbes, und sie spiegelt die heutige Vielfalt an spannenden Zugängen zur alten Musik wider, zur Musik zwischen Mittelalter und Romantik.“

Ab diesem Jahr wird nun über jene Veranstaltungen berichtet, die für den Opernfreund relevant sind.

Programm 2013: http://styriarte.com/de/programm_2013/programmuebersicht

 

 

 

DIDO

ENGLISCHES MUSIKSPEKTAKEL IM SCHLOSS

13.Juli 2013

 

Schloss Eggenberg ist die größte und bedeutendste barocke Schlossanlage der Steiermark und zählt mit seiner erhaltenen Ausstattung, dem weitläufigen Landschaftsgarten zu den wertvollsten Kulturgütern Österreichs. Es zeigt mit seiner Bau- und Ausstattungsgeschichte den Wandel und das Mäzenatentum des einst mächtigsten Adelsgeschlechtes der Steiermark. Das Schloss samt Park zählt seit  2010 zum UNESCO-Welterbe. Seit vielen Jahren nutzt das Styriarte-Festival diese großartige Kulisse alljährlich zu einem – stets ausverkauften – Spektakel. Es entsteht wahrhaft ein Gesamtkunstwerk für alle Sinne: Ambulieren durch die herrlichen Räume, Musik, theatralische Aktion, Rezitation verschmelzen zu einem Ganzen, ja selbst der Geschmackssinn wird immer durch ein dem Thema angepasstes Buffet erfreut.

Das Motto des diesjährigen Festes lautete Dido - im Programmheft heißt es dazu:

„Schloss Eggenberg und England, das scheint auf den ersten Blick sehr fern voneinander. Warum also hier ein Fest feiern, das uns ganz ins London der Zeit nach William Shakespeare zurückführt? Weil die Distanz gar nicht so groß ist, wie man glauben mag. Denn schon früh luden die Eggenberger reisende englische Schauspieltruppen ein, um hier die neusten Dramen aus der Stadt an der Themse aufzuführen. Und genau so machen wir es heute auch. Zumal sich dabei alles um Karthagos mythische Königin Dido dreht, die im Deckenprogramm der Gemälde in Schloss Eggenberg einen prominenten Platz einnimmt: Im Saal der „Starken Frauen“ können wir sie bei ihrer List bewundern, durch die sie Karthago gründete. Ihr weiteres Schicksal ist allerdings tragisch, eine der ganz großen „Gefährlichen Liebschaften“ der Weltliteratur. Wie diese im 17. Jahrhundert Künstler in England inspirierte, ist heute zu erleben, wenn sich Schloss Eggenberg in Didos Palast verwandelt, in dem Aeneas und seine Seeleute soeben eintreffen.“

Die Veranstaltung beginnt an einem herrlichen Sommerabend  im Schlosshof.  Eine bunt gemischte Sänger-und Musikantenschar zieht zu Klängen aus der Sammlung „The English Dancing Master“ (London 1651) in den Hof ein und versetzt die Gäste sofort in die Zeit, aus der diese Musik und dieses Schloss stammen. Und da sei ein kleiner historischer Exkurs eingefügt, der zum besseren Verständnis des Programms und der Inszenierung dieses Abends hilfreich ist:

Hans Ulrich von Eggenberg (1568 -1634) aus Graz war mutig und er war klug. Einzig seine Konfession war ein Hindernis, um am Hofe der Habsburger zu reüssieren. Also wurde er im Jahr 1600 katholisch, und eine Weltkarriere nahm ihren Lauf. Er häufte ein unvorstellbares Vermögen an, indem er die habsburgische Macht in Böhmen durchsetzte (er selbst wurde Hofkammerpräsident und  Herzog zu Krumau), er handelte mit Waffen, er verlieh Geld, er war eine Art Pate seiner Zeit. Und schließlich stand sogar sein Herr, Kaiser Ferdinand II., mit Millionen bei ihm in der Kreide. Kein Wunder, dass er sich es mitten in den entsetzlichsten Wirren des dreißigjährigen Kriegs nach seiner Erhebung in der Reichsfürstenstand (1623) leisten konnte, den Familienstammsitz Schloss Eggenberg nach dem Vorbild des Escorial, mit dem es weitgehende Übereinstimmungen gibt, auf das Prächtigste auszubauen. Dass er aus reinem Machtkalkül zum Katholizismus konvertierte, hinderte ihn übrigens nicht daran mit den bekriegten Protestanten weiterhin Kontakt zu pflegen. Und so ist es erklärbar, dass der größte Komponist seiner Zeit, Heinrich Schütz, dem Waffenmeister des Kaisers ein Hauptwerk der geistlichen Musik, nämlich seine ‚Cantiones sacrae‘ widmete – dies gerade zu der Zeit als der barocke Prachtbau des Schlosses Eggenberg entstand.

Und damit zurück zu unserem sommerlichen Fest, in dessen Mittelpunkt diesmal nicht Heinrich Schütz stand, sondern eben englische Musik. Das von Thomas Höft, seit zwanzig Jahren ideenreicher Dramaturg der Styriarte, für diesen Abend entwickelte Konzept des festlichen Spektakels erschloss sich doppelt: es war kulturhistorisch durchdacht, blieb aber nicht „im Kopf“ stecken, sondern vermittelte lebendiges und blutvolles, nie aufgesetzt-künstlich wirkendes Musiktheater. Ich gestehe, ich schätzte ihn immer in seiner Dramaturgenarbeit, konnte aber seiner praktischen Regietätigkeit nie etwas abgewinnen – etwa seinem schultheaterhaften King Arthur im Jahre 2009. Aber diesmal ist Thomas Höft  mit Henry Purcells „Dido and Aeneas“ (natürlich in englischer Sprache) wahrhaft ein überzeugender Wurf gelungen: die Truppe, die das ganze Schloss bevölkerte, spielte einerseits glaubhaft ihre Rolle als Wandertheater und war doch gleichzeitig auch ganz die jeweilige Bühnenfigur. Dass diese Balance zwischen Spiel und Sein so ausgewogen gelingen konnte, lag natürlich auch daran, dass ein ausgezeichnetes Ensemble zur Verfügung stand.

Nun aber der Reihe nach, wie das ohne Pause fast vier Stunden lange, aber nie langweilige und nie an Spannung verlierende Spektakel ablief:

Nach dem Einzug der englischen Wandertheatergruppe wird das in acht Gruppen aufgeteilte Publikum (insgesamt wohl rund 600 Menschen) durch das Schloss zu den einzelnen Stationen des Spektakels geleitet. Die ausgeklügelte  Logistik bewährte sich: die acht Gruppen wurden - von charmanten Lotsen gelenkt -  so geschickt an die sieben Aufführungsorte geleitet, dass alle sämtliche Programmpunkte erleben konnten. Für die Künstlerschar bedeutete dies natürlich, dass sie ihre Darbietungen mehrfach präsentieren musste. Meine Gruppe wurde nach der Eröffnung im Schlosshof zunächst in den Schlossgraben geführt. Da erwartete uns in einer englischen Hafentaverne des 17.Jahrhunderts nicht nur stilgerecht ein Buffet mit Lobscouse und Hartkeks (Rezepte im Programmheft!) samt Getränken, sondern auch eine Musikantenschar (Geige, Blockflöten, Harfe, Drehleier und Stimme) mit altenglischer Kneipenmusik. Mit köstlichen alpenländisch-englischen Ansagen gelang es sogar, das Publikum zum Mitsingen zu bewegen, selbst ein Limerick-Kanon wurde versucht.  

Danach wurden wir in das Herzstück des Schlosses geführt – in den sogenannten Planetensaal. Dieser 1685 fertig gestellte Saal, der seinen Namen dem Gemäldezyklus des Hofmalers Hans Adam Weissenkircher verdankt, verschmilzt mit seinem vielschichtigen Bildprogramm astrologische und hermetische Vorstellungen, Zahlensymbolik und Familienmythologie zu einer komplexen Allegorie zum Ruhme der Familie Eggenberg und gehört zu den beeindruckendsten Raumkunstwerken des frühen Barock in Mitteleuropa. Und im Deckengemälde findet sich – wie schon eingangs erwähnt – die sagenhafte Königin Karthagos Dido.  

Der 300 Plätze fassende Saal füllt sich – da tritt sie gleichsam leibhaftig auf. Die in Nigeria geborene, in Österreich aufgewachsene und ausgebildete 33-jährige Sopranistin Bibiana Nwobilo ist eine ideale Besetzung für die nordafrikanische Königin – und das nicht nur durch ihre edle Erscheinung, sondern auch durch ihren ebenso edlen Gesang. Fern aller manchmal zu erlebenden Romantisierung singt sie die zwischen Sopran und Alt liegende Partie mit großer Ernsthaftigkeit und perfekter Ausgeglichenheit der Register. Auch das Ensemble um sie herum ist ideal zusammengestellt. Da ist einmal die Neue Hofkapelle Graz , die unter der Leitung der Geigerin Lucia Froihofer und des Cembalisten und Blockflötisten Michael Hell mit ungeheurem Animo, gleichzeitig aber mit schlanker Präzision und schönem Klang spielt – jede Orchesterstimme nur einfach besetzt. Wirklich ein optimaler Klangkörper für dieses Werk in diesem Raum!  

Und auch die vokale Besetzung um Dido herum ist für diesen Rahmen ebenso optimal: acht solistische Damen und Herren verkörpern nicht nur alle Solopartien, sondern auch den Chor und agieren in einer einfachen Choreographie dazu noch als Tanzensemble. Noch dazu sind alle (auch das Orchester!) in ihrer Kostümierung treffend charakterisiert. Da ist der edle Aenas (Ulfried Staber mit viril-sonorem Bassbariton), die charmante Belinda (Anna Magdalena Auzinger mit beweglichem, nie scharfem Sopran) und der markante Mezzosopran von Ida Aldrian, die sich von der bigotten Nonne überzeugend zur drastischen Zauberin wandelt. Aber auch die anderen fünf sind gleichwertige Solisten und fügen sich zu einem ausgewogenen Ensembleklang (Einstudierung: Gerd Kenda).  

In der Personenführung gibt es viele liebevolle Details – mit ganz einfachen Mitteln ist jede Szene charakterisiert, köstlich z.B. die Flucht der Hofgesellschaft vor dem Gewitter unter einer Picknickdecke, köstlich auch der Altus als Transvestit, beeindruckend der abrupte Wandel des Vokalensembles zu grimassierenden Hexen, berührend, wie Belinda am Schluss nach der Hand sterbenden Dido greift.

Aber bin ich mit meinem Bericht schon dem tatsächlichen Ablauf voraus. Nach dem zweiten Bild wird nämlich für unsere Zuschauergruppe die Opernaufführung unterbrochen, wir werden durch die Prunkräume des Schlosses geführt und erleben zuerst eine Lesung der epischen Versdichtung Venus und Adonis von William Shakespeare, die heute als erstes gedrucktes Werk unter dem Namen Shakespeare gilt. Und hier eine die einzige kritische Anmerkung des Abends: stilgerechter wäre es gewesen, den Text in englischer Sprache vorzutragen. Dann geht es weiter durch die Flucht der barocken Prunkräume in einen Saal, wo wir - unter kaiserlichen Portraits – Gesänge von John Dowland hören. Die Sopranistin Tanja Vogrin begleitet sich selbst auf der Harfe, unterstützt auf der Blockflöte von Andreas Böhlen. Dann kehren wir wieder in den Planetensaal zurück und erleben das Ende der Oper. Zum Epilog versammelt sich das Publikum wiederum im Schlosshof und unter den Arkaden der beiden Geschosse. Alle Lichter verlöschen, Dido wird im Kerzenlicht in der Hofmitte aufgebahrt, es erklingt altenglische Musik des Instrumentalensembles und ein Madrigal von Orlando Gibbons. Aber plötzlich gehen die Lichter wieder an, die Wandertruppe erscheint, nun in ihrer heutigen Alltagskleidung, nimmt die wieder zum Leben erweckte Dido an der Hand - und heiter führt Aeneas seine Dido aus dem Schloss hinaus, begleitet von der munteren Komödiantenschar. Großer und anhaltender Jubel des Publikums für alle Ausführenden – das Publikum strömt sichtlich und hörbar zufrieden über einen wahren Sommernachtstraum englischen barocken Musikspektakels durch den mit Fackeln erhellten Schlosspark nachhause. 

 

Hermann Becke

Fotos: Styriarte, Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Eine unbedingte Reiseempfehlung an alle, die Schloss Eggenberg noch nicht kennen: http://www.museum-joanneum.at/de/schloss_eggenberg/schloss

-         Programmheft, nicht nur mit einer lesenswerten Programmeinführung und den Viten aller Ausführenden, sondern auch mit den Rezepten der englischen Speisen des 17.Jahrhunderts: http://styriarte.com/de/programm_2013/wochenuebersicht/dido_und_aeneas

 

 

HAREM

OPERNBILDER AUS DEM BAROCKEN SERAIL

11.Juli 2013

Es ist wahrlich ein gewisser Reiz, wenn in der modern-nüchternen List-Halle eine neue Verbindung von westlicher Barockmusik  und klassischer türkischer Kunstmusik aus dem17. und 18. Jahrhundert präsentiert wird - und das Ganze als veritables Opernpasticcio, wie es auch im Programmheft genannt wird! So wie in der Barockzeit üblich, werden hier Szenen und Arien aus Opern von Vivaldi, Hasse, Porpora, Bononcini und Händel in einen neuen Zusammenhang gestellt - während die Sopranistin Francesca Lombardi Mazzulli und der Countertenor Filippo Mineccia virtuose Barockarien singen, bringt Harun Gürbüz türkische Kunstmusik. Dazwischen liest Thomas Höft in ironisch-belehrendem Ton die Geschichte der Roxelane nach den „Vier Briefen aus der Türkei“ von Ogier Ghiselin von Busbecq, 1581 (erschienen im Verlag der philosophischen Akademie, Erlangen, 1926).

Worum geht es da?

Es klingt ganz nach einer Geschichte aus „1001 Nacht“, ist aber wirklich passiert: Eine wunderschöne polnische Sklavin berührt im Istanbuler Serail das Herz von Sultan Süleyman. Und gegen alle Widerstände wird sie zu seiner Hauptfrau. Das Schicksal der Roxelane („der Russin“) inspirierte nicht nur die osmanische Welt, auch der Westen hörte von der erstaunlichen Begebenheit. Der Gesandte des Kaisers Ferdinand I., Ogier Ghiselin von Busbecq, übermittelte in seinen Briefen aus der Türkei die Geschichte, deren Zeuge er wurde. Und in zahllosen Drucken verbreitete sich die Kunde über ganz Europa. So findet sich in mancher barocken Oper noch ein Echo jener wahren Geschichte, die das Zeug zur Legende hat.

Und gleich vorweg: der Abend war ein uneingeschränkter Erfolg beim fast tausendköpfigen Publikum in der wohl ausverkauften Konzerthalle. Das Publikum erfreute sich nicht nur an dem leicht aufnehmbaren gefälligen Programm, sondern wohl auch an der offensichtlichen Musizierfreude der Ausführenden. Auf dem Podium fand sich ein bunt gemischtes Ensemble zusammen: das erst seit einem Jahr bestehende Grazer Instrumentalensemble „recreation BAROCK“ gemeinsam mit dem Pera-Ensemble (benannt nach einem Stadtteil von Istanbul), von den türkischen Musikern Mehmet Cemal Yeşilçay und İhsan Özer 2005 gegründet und inzwischen international sehr erfolgreich. Für seine Produktion »Baroque oriental« wurde Pera 2012 mit dem Echo Klassik in der Kategorie »Klassik ohne Grenzen« ausgezeichnet. Diese beiden Ensembles spielten nicht etwa abwechselnd – nein: sie spielten gleichsam in einer Ost-West-Durchdringung praktisch alle Stücke des Abends gemeinsam. Man wurde an das schöne Goethe-Wort erinnert: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Und zu dieser Basis von 21 Instrumentalisten treten der Erzähler und die drei Gesangssolisten, zwei aus Italien, einer aus der Türkei. Die Programmzustellung und die Arrangements stammen vom Leiter des Pera-Ensembles Mehmet Cemal Yeşilçay. Die dirigentische Koordination lag bei Michael Hofstetter.

Wohl ausgewogenen wechseln Instrumentalnummern, darunter auch – etwas aus dem Konzept fallend, aber natürlich publikumswirksam - der Sommer aus Vivaldis Jahreszeiten, mit schwärmerisch-melancholischen, aber auch virtuos attackierenden Bravourarien und einigen Duetten – alles verbunden durch den roten Faden der Beschreibung eines osmanischen Serails im 16.Jahrhundert. Für mich ist ein Höhepunkt des Abends die großartige Sopranistin Francesca Lombardi Mazzulli, die gleich in ihrem ersten Auftritt mit dem wohlbekannten Lascio ch’io piango aus Händels Rinaldo durch wunderbare Pianokultur berührt, und die im weiteren Verlauf auch in den dramatischen Koloraturen in Höhe und Tiefe überzeugt. Zu Recht wird die junge italienische Sopranistin derzeit in allen Medien gepriesen – zuletzt zum Beispiel für ihre ausgezeichnete Leistung als Händels Agrippina in Giessen (übrigens ebenfalls unter Michael Hofstetter). Auch auf dem Konzertpodium vermittelt sie packende Präsenz – das war überzeugendes Musiktheater! Ein zweiter Höhepunkt ist Filippo Mineccia, der erst 32-jährige controtenore aus Florenz. Er hat an diesem Abend eindrucksvoll bestätigt, dass hier ein großes Talent auf diesem diffizilem Gebiet heranwächst und man kann nur in voller Überzeugung das bestätigen, was in der italienischen Fachliteratur schon 2010 über ihn geschrieben wurde: „Mineccia si candida a essere il controtenore sulle cui spalle poggiano le speranze di un futuro che ci si augura doni finalmente al controtenorismo italiano un nome di richiamo degno di competere con le migliori scuole vocali internazionali“. Er hat diese Hoffnungen schon jetzt erfüllt und hat zweifellos internationalen Rang! Der türkische Tenorsolist darf mit diesen beiden genuin italienischen Barockspezialisten nicht verglichen werden. Harun Gürbüz hat eine völlig andere Gesangstechnik, die sicherlich die Ansprüche der türkischen Kunstmusik erfüllt. Aber wenn er gemeinsam mit dem controtenore ein Duett aus Vivaldis La Fida Ninfa singt, dann wird zwar der Kontrast zwischen diesen beiden Gesangszugängen sehr deutlich, aber ehrlich gesagt: mir ist es lieber den Unterschied zu registrieren, wenn der controtenore Vivaldi und der Türke seine eigene Musik singt. Ein Vermischen von beiden Stilen schadet beiden Seiten.

Und an dieser Stelle darf schon ein gewichtiger Einwand zum gesamten Abend erhoben werden: Gegenüberstellung ja, aber Vermischung nein! Das gedruckte Programm vermittelt den Eindruck, man werde an diesem Abend einerseits Vivaldi, Händel, Porpora, Bononcini, Steffani und andererseits Werke der türkischen Komponisten Sadullah Aga (1730 – 1810) und Ali Ufki (1630 – 1675) hören. Nur bei einem Stück von Hasse ist klar ausgewiesen, dass es sich hier um eine türkische Bearbeitung durch Ali Ufki handelt. Aber ganz am Ende des Programms steht dann: Arrangements  Mehmet Cemal Yeşilçay. Und so erlebte man eigentlich nicht ein Pasticcio (siehe dazu den sehr gut dokumentierten Wikipedia-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Pasticcio_%28Musik%29 ), sondern – wenn man es unfreundlich sagt – einen Einheitsbrei: die europäische Barockmusik wird durchgehend mit türkischen Flöten-Klagen und Schellentrommel-Rhythmen „angereichert“ und die türkische Kunstmusik wird mit europäischen Barockstreicherklängen durchmischt…… Und damit ist es eigentlich auch selbstverständlich, dass die instrumentale Seite des Abends nicht jenes Niveau erreichen konnte, das Sopran und controtenore vorgegeben haben. Michael Hofstetter war nicht mehr als ein routinierter Koordinator – seinen bedeutenden und unbestrittenen Ruf als Barockspezialist wird er wohl er ist in zukünftigen Grazer Auftritten bestätigen können.

Aber was soll der Einwand – und damit komme ich an den Anfang meines Berichts zurück:

Die Ausführenden auf dem Podium hatten an ihren unterschiedlichen Musikzugängen sichtlich Freude und der Abend war ein uneingeschränkter Publikumserfolg.

Hermann Becke

Fotos: styriarte, Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Zur Sopranistin: http://www.francescalombardi.com/

-         Zum Countertenor: http://www.filippomineccia.com/home.php

-         Das vollständige Programmheft kann auf der Website der Styriarte abgerufen werden: http://styriarte.com/de/programm_2013/wochenuebersicht/harem

 

 

Konzert

TRISTAN – 2.AKT KONZERTANT – SCHUBERT GEGENÜBERGESTELLT

Stefaniensaal, 7.Juli 2013

Die Dramaturgie der Styriarte-Festspiele schafft es immer wieder, interessante Zusammenhänge und Gegenüberstellungen offenzulegen. Das Generalthema des heurigen Jahres – „Gefährliche Liebschaften“ - wird in ungeheurer Programmvielfalt von vielen Seiten beleuchtet. So erlebte man vor wenigen Tagen in der List-Halle den französischen Meisterpianisten Pierre-Laurent Aimard gemeinsam mit einem Spezialisten der Live-Elektronik Marco Stroppa und dem phänomenalen Perkussionisten Samuel Favre mit Musik des 20.Jahrhunderts (etwas mühsam-gewollt der Bezug „Gefährliche Liebschaften = Klavier/Schlagzeug“), dann folgte in einem wunderbar geschlossenen Abend etwas ganz anderes, nämlich Ausschnitte aus dem Musical „Cabaret“ verbunden mit Lesungen aus dem zugrunde liegenden Roman der „Goldenen Zwanziger“ in Berlin und nun also im konventionellen Konzertsaal Romantik - wie folgt vom Veranstalter angekündigt:

Richard Wagner blieb es vorbehalten, den romantischen Traum von einer Liebe ohne Schranken in die maßlosesten, berauschendsten Töne zu übersetzen. „Tristan und Isolde“ ist das Hohelied einer Leidenschaft, die alle Grenzen sprengt. Wenn Michael Hofstetter bei der styriarte Wagners Konzertfassung des zweiten Aktes dirigiert, lässt er das Liebesleuchten im Orchester in hundert Farben schillern. Drei Solisten mit lyrischen Stimmen sind die Protagonisten, Schuberts „Unvollendete“ dient als träumerischer Prolog – ein Wagnerabend aus dem Herzen der Romantik.‘

In Graz besteht seit dem Jahre 2002 neben dem Grazer Philharmonischen Orchester ein zweites Orchester, das neben seinen eigenen Konzertzyklen bald österreichweit und auch international gastierte und sich inzwischen zu einem Ensemble auf hohem Niveau entwickelt hat. Dieses Orchester trägt den Namen recreation Der Name des Orchesters leitet sich aus einem Zitat Johann Sebastian Bachs ab: „Es ist“, schreibt Bach, der Musik „Finis und Endursache anders nicht, als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüths“. Seit 2012/13 ist nun Michael Hofstetter Chefdirigent dieses Orchesters und seither gibt es auch eine neu gegründete Originalklangformation, nämlich recreationBAROCK, worüber demnächst zu berichten sein wird. Den Schubert/Wagner-Abend bestritt das Orchester allerdings in großer Besetzung – daher der offizielle Titel des Orchesters „ recreation • GROSSES ORCHESTER GRAZ.“

Diese Einleitung ist nicht nur für jene Opernfreunde von Interesse, die die Grazer Situation nicht so gut kennen, sondern auch deshalb, weil der Dirigent Michael Hofstetter ja als ein gefragter Dirigent mit internationalem Ruf als Experte für authentische Aufführungspraxis und als Barockspezialist gilt. Im Sommer 2012 hatte er zum Ende seiner Tätigkeit als Chefdirigent der Ludwigsburger Schlossfestspiele weithin beachteten Wagner „im Originalklang“ präsentiert, nämlich den 2.Akt Tristan! – man ging also erwartungsvoll in den Styriarte-Abend. 

Und es begann mit Schuberts Unvollendeter, mit der Graz durch die späte Auffindung bei Anselm Hüttenbrenner historisch verbunden ist - und dies gar nicht so „träumerisch“ wie angekündigt. Das recreation-Orchester spielte in großer Streicherbesetzung. Man weiß, dass die durchschnittliche Größe der Streicher-Apparate in Wiener Orchestern um 1820 bei etwa 30 Musikern lag – an diesem Abend waren es etwa doppelt so viele. Das mag ganz pragmatische Gründe haben – die Größe des Saals und der Wagner nach der Pause werden wohl die Begründung sein. Hofstetter sorgte für eine plastische und rhetorisch aktive Wiedergabe des 1.Satzes – die Betonung lag eher auf Allegro als auf moderato, man registrierte erfreut eine nie nachlassende Spannung, erfüllte (und Gott sei Dank nicht durchmetrisierte) Generalpausen und schöne Holzbläserphrasen. Nach diesem ersten Satz wurde das Licht auf dem Podium abgedunkelt und  der hinter dem Orchester an einem Tisch sitzende Schauspieler Johannes Silberschneider las in sachlich-unpathetischem Ton  jenen Text von Franz Schubert, den er 1822 geschrieben hatte und den schon Robert Schumann (mit dem von Schuberts Bruder beigefügten Titel „Mein Traum“) publiziert hatte. Es gibt viele Spekulationen über die Bedeutung dieses Textes und den Bezug zur gleichzeitig entstandenen Unvollendeten – das Programmheft dokumentiert die wichtigsten Aussagen dazu.

Ich meine, es war eine schöne und das Hörerlebnis erweiternde Idee, den Text lesen zu lassen (wenn auch die Aussteuerung des Mikrophons diskreter hätte sein können).

Jedenfalls hörte man in den unmittelbar nach der Lesung einsetzenden Einleitungstakten der Hörner und Fagotte über den ruhig absteigenden pizzicati der Bässe erstmals friedvoll-träumerische Stimmung. Schubert schreibt in seinem Text: „Wollt ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe“. Hofstetter betonte in seiner Interpretation das Aktiv-Schmerzhafte – das Lyrisch-Träumerische vermisste man ein wenig. Aber durch dieses aktive Zupacken entschuldigte man leichter kleinere (Horn)Pannen und rhythmische Ungenauigkeiten…

Nach der Pause folgte der zweite Akt von Wagners „Tristan und Isolde“ – allerdings nur bis zum Ende des Liebesduetts. Im Programmheft ist zu lesen: „Nicht nur Schuberts ‚Unvollendete‘ , sondern auch Wagners ‚Tristan und ‚Isolde‘ bleibt in unserem Konzert Fragment.“  Hofstetters ursprüngliches Konzept schien mir hier gehörig ins Wanken geraten zu sein. Man kann nachlesen und nachhören, was Hofstetter zu seiner Tristan-Interpretation vor einem Jahr bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen gesagt hat (siehe dazu die links am Ende dieses Berichts). Hier in Graz ist sein Ansatz wohl nicht aufgegangen. Es hieß in Stuutgart über Hofstetter: „Entschlackt von den großen Gesten, interessieren ihn die lyrischen Facetten, das intime Kammerspiel von Wagners opulenter Partitur. Entsprechend hat der Chefdirigent auch seine Solisten ausgewählt.“  Und auch in Graz waren „Solisten mit lyrischen Stimmen“ angekündigt. Aber es kam anders – und das kann natürlich immer geschehen. Zwei Tage vor der Grazer Aufführung musste Styriarte ankündigen: „ Leider musste Christiane Iven krankheitsbedingt ihre Mitwirkung bei diesem Konzert absagen. Unser Dank gilt Ruth Staffa, die sich bereit erklärte, äußerst kurzfristig einzuspringen und die Partie der Isolde zu übernehmen.“  Ruth Staffa ist in Graz keine Unbekannte, war sie doch im Jahre 2000 im letzten Grazer „Ring“ die Sieglinde. Inzwischen hat sie sich das hochdramatische Fach erarbeitet – zuletzt sang sie in Mainz die Isolde. Man muss dankbar sein, dass in ganz kurzer Zeit eine studierte Isolde gefunden werden konnte. Aber zweifellos hat Ruth Staffa mit ihrer traditionsorientierten Interpretation das ursprüngliche Konzept maßgeblich beeinflusst – das ist keine lyrische, sondern eine hochdramatische Stimme alten Stils. Ihre Spitzentöne und ihre Kraft beeindrucken, die (vibratoreichen) Pianophrasen enttäuschen leider. Außerdem hat die seitliche Aufstellung der Solisten offensichtlich die Kommunikation mit dem Dirigenten merklich beeinträchtigt. Und man hatte auch den Eindruck, dass der Dirigent primär damit beschäftigt war, das (nicht Wagner-erfahrene) Orchester „zusammenzuhalten“. So entstand leider ein nicht sehr differenzierter und allzu massiver Orchesterklang und man erlebte so gar nicht das, was die Stuttgarter Nachrichten im Vorjahr lobten: Hofstetter, der sich besonders durch Interpretationen barocker Werke in historischer Aufführungspraxis weit über Ludwigsburg hinaus einen Namen gemacht hat, verleiht der Oper, dieser »einen einzigen Liebesszene« (Wagner), eine unbekannte Leichtigkeit und vermag es dabei, der Partitur feinste Nuancen und Gefühlsregungen zu entlocken.“ Das erlebte man in Graz nicht - schade.

Sehr Erfreuliches ist allerdings über Brangäne und Tristan zu berichten:

Bea Robein präsentierte sich mit sehr schön gefärbtem, in allen Lagen ausgeglichenem Mezzo und mit klarer Artikulation durchaus eindrucksvoll  - sowohl zunächst vor dem Orchester als auch beim Wachruf dahinter postiert. Und der in Graz wohl bekannte und geschätzte Herbert Lippert vermittelte einen lyrischen Tristan, der sich auch in den dramatischen Ausbrüchen nicht verleiten ließ zu forcieren. Durch plastische Artikulation gelang es ihm, nie sein spezifisch-klares Timbre zu verlieren und immer präsent zu bleiben.

Zusammenfassung:

Ein interessant zusammengestelltes Programm mit zwei im Jahre 1865 uraufgeführten Werken – Schubert als Wendepunkt von der klassischen Sinfonik zur Romantik und Wagner als Ausgangspunkt aller modernen Musik. Und um zur eingangs zitierten Dramaturgie der diesjährigen Styriarte zurückzukommen: durch Gegenüberstellung gewinnt man neue Einsichten, vor allem wenn man in diesem Fall noch mitbedenkt, dass 1865 auch das Jahr vor der Uraufführung des Ritter Blaubart von Offenbach war, des zentralen Werks der Styriarte 2013. Welcher Reichtum: Schubert –Offenbach – Wagner!

Hermann Becke

 

Und hier die versprochenen Links:

-         Michael Hofstetter im Vorjahr auf youtube zu Tristan und Isolde bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen (im Gespräch und mit Musikbeispielen):

//youtube.com/watch?v=jgmORWAaIJs

-         Michael Hofstetter im Zeitungsinterview: http://www.lkz.de/home_artikel,-Wagner-im-Originalklang-beim-Schlusskonzert-_arid,72777.html

-         Herbert Lippert : http://www.herbertlippert.com/

-         Bea Robein: http://www.bearobein.com/?lang=de

 




BARBE-BLEUE

MIT HARNONCOURT

zum 2.)

Première: 22.6.2013,                                  besuchte Vorstellung: 30.6.2013

Das Motto der diesjährigen Styriarte lautet „Gefährliche Liebschaften“ – und da ist natürlich die Blaubart-Produktion mit Nikolaus Harnoncourt auch thematisch ein zentraler Glanzpunkt des rund fünfzig Termine umfassenden Programms der Steirischen Festspiele. Die Première war ein großer Erfolg bei Publikum und auch in den Medien – selbstverständlich hat auch der Opernfreund bereits darüber berichtet. Man weiß, dass die Probenzeit sehr knapp war - „10 hochkomprimierte Probentage non-stop“ (so ein Zitat aus dem Kreis der Ausführenden), also ist es mehr als legitim, heute nochmals zu berichten, weil inzwischen Routine und Erfahrung die Produktion stabilisiert haben.

Der große deutsche Kunstkenner Oscar Bie hat in einer Kritik des Jahres 1929 folgendes über das Werk geschrieben:

„Und ist es nicht eigentlich doch eine hübsche Idee, die Blaubart-Sage so zu persiflieren, dass man plötzlich entdeckt, Blaubarts Frauen seien gar nicht gestorben….Und wie nett, dass Blaubart selbst zwischen der sechsten und siebten Frau steckenbleibt, weil er die siebte nicht kriegt, und weil die sechste, ein Mädchen aus dem Volk, ihn so fängt, dass alles ein glückliches Ende nimmt…. Es ist eine so drollige Mischung von Lyrik und Ironie, wie sie in keiner anderen Operette getroffen wird. Orpheus ist parodistischer, die Helena historischer, aber Blaubart ist so reizend aus beiden Elementen zusammengerührt, dass das Stück rein aus der Qualität der Weltanschauung lebensfähig bleibt… Und wie blüht auf diesem Grund die Musik. Wie lacht die Tragödie und wie ernst nimmt sich die Komödie…. Es ist nicht Oper, es ist auch nur zeitweise Parodie, es ist etwas viel Höheres: das wunderbar schillernde Reich voll von Lebenswahrheit auf der Grenze der große Schicksale und des allüberwindenden Humors.“

Eines ist jedenfalls sicher:

Nikolaus Harnoncourt und seinem Sohn Philipp Harnoncourt – zuständig für Regie, Bühne und Licht – ist es gelungen, im Sinne des Zitats von Oscar Bie das gesamte Ensemble in „allüberwindendem Humor“ zu einer Einheit zusammenzuschweißen. Das Ensemble ist an jedem Abend mit größtem Vergnügen am Werk. Zitat aus der köstlichen Facebook-Seite von Elisabeth Kulman: „ Insgesamt gibt's 6 Vorstellungen, die wir - wie Barbe-bleue seine 6 Frauen - lustvoll hinter uns bringen!“   – und das überträgt sich spürbar auf das animierte Publikum. Übrigens: das Ensemble widmet in einer internen Absprache jeden  der sechs Abende einer der Barbe-bleue-Frauen – der von mir besuchte Abend war also Blanche gewidmet. Kulman-Zitat knapp vor Vorstellungsbeginn: Arme BLANCHE, dein Schicksal ist besiegelt: Du wirst heute Héloïse, Éléonore, Isaure und Rosalinde in die ewigen Jagdgründe folgen! R.I.P. (Rest in pieces) . Blanche ist eben jene fünfte Frau, deren (vermeintlicher) Tod die Handlung der Opéra-bouffe auslöst, ist doch  der im Dienste des Ritters Blaubart stehende Popolani von seinem Herrn beauftragt, nach dem Tode von Blanche eine Jungfrau zu finden, die er als nächstes zur Frau nehmen kann. Popolani veranstaltet unter den Dorfschönen einen Tugendwettbewerb, um Blaubart die Gewinnerin daraus als Jungfrau zu präsentieren. Die Wahl fällt auf Boulotte. Blaubart ist von ihrer verführerischen Schönheit angetan und lädt sie in seinen Palast ein. Und damit beginnen alle Verstrickungen, die sich am Ende so glücklich mit einer sechsfachen Hochzeit  lösen.  

Das Grundproblem aller Opernproduktionen der Styriarte ist, dass es keinen professionellen Bühnenraum gibt. In der Helmut-List-Halle – benannt nach Helmut List, dem Bauherrn der Halle und Chef der AVL List GmbH, eines in Graz ansässigen, international erfolgreichen Unternehmens im Bereich der Motoren- und Automobilentwicklung – begegnet dem Besucher moderne Architektur, die jedoch der feingliedrigen Stahlfachwerkkonstruktion des Vorgängerbaus, einer um 1950 errichteten Industriehalle, und der damit verbundenen industriellen Vergangenheit Rechnung trägt. Die ehemalige Fabrikshalle wurde 2002 vor dem Abbruch bewahrt und zu einem variabel bespielbaren Veranstaltungsort von höchstem Niveau umgewandelt. Aber die Halle ist eben keine Opernbühne im herkömmlichen Sinne. Philipp Harnoncourt schreibt im Programmheft: „Wir versuchen tatsächlich, Musiktheater im einfachsten Sinn des Wortes zu machen, ohne dabei  von vornherein von den üblichen Spielregeln des Opernbetriebs auszugehen. Kann man vielleicht das Verhältnis von Musik und Bühne anders ausbalancieren? Kann man der Musik etwas mehr Raum geben, ohne dabei die Lust am Theater hintanzustellen? Muss es unbedingt eine konventionelle Bühne sein mitsamt einem komplett ausgeführten Buhnenbild?“

Philipp Harnoncourt hat gemeinsam mit der Kostümbildnerin Elisabeth Ashef und dem Team „Malerei und Animation“ eine ideale Darstellungsform gefunden und damit die von ihm selbst gestellten Fragen überzeugend beantwortet. Das Chamber Orchestra of Europe sitzt zentral in der Mitte, ist sichtlich mit Vergnügen hin und wieder auch in die szenischen Aktionen einbezogen; Solisten und Chor bespielen die Flächen rund um das Orchester, durch die Podien kommen sie auch nie in akustische Bedrängnis – und der wahre Mittelpunkt ist natürlich Nikolaus Harnoncourt, der mit sparsamen Gesten wie ein Puppenspieler alle  Fäden zieht und zusammenhält. Diesmal gelingt Harnoncourt mit seiner Interpretation einfach alles: das Orchester spielt höchst animiert, prägnant und subtil, die bei Harnoncourt üblichen abrupten Schärfen harmonieren großartig mit zarten lyrischen Phrasen, es stellt sich französischer Esprit ein und die musikalische Spannung lässt trotz einer Aufführungslänge von dreieinhalb Stunden nie nach.

Das Ensemble führen der Titelrollen-Darsteller Johannes Chum und die Boulotte von Elisabeth Kulman an. Chum meistert mit seiner klaren Stimme die heikle Tenorpartie zwischen Rossini-Koloraturen, lyrischen und chansonhaften Phrasen sehr gut – schade nur, dass die darstellerische Doppelbödigkeit ein wenig fehlt. Man darf gespannt sein, wie ihm der Wechsel ins Wagnerfach gelingen wird: in Graz wird er im Herbst seinen ersten Lohengrin singen, in Erl folgen dann Loge, Stolzing und Parsifal….

Elisabeth Kulman (die man zuletzt in diesem Saal mit wunderbaren Wesendonck-Liedern gehört hatte) war der absolute Höhepunkt im Ensemble. Mit immenser Spielfreude, feinem sprachlichen Gefühl sich bewegend zwischen makellos gesungenem Französisch, einem von ihr selbst entwickelten „Ost-Mittel-Steierburgenländisch“ (ihr eigene Aussage!) in den gesprochenen Dialogen bis zur perfekten Ungarisch-Parodie im Finale – aber vor allem mit einer in allen Lagen wunderbar strömenden Stimme war sie wahrhaft unübertrefflich. Sie genoss es sichtlich und hörbar, einmal nicht Fricka, Brangäne oder Orpheus zu sein. Kulman hat mit dieser Rolle eine ganz neue Facette einer bedeutenden Bühnenkünstlerin gezeigt!

Im übrigen Ensemble fällt Sébastien Soulès als zwielichtiger Alchemist Popolani mit geschmeidigem Bass und darstellerischer Beweglichkeit auf. Überhaupt agiert das gesamte Ensemble einschließlich des auch in den Soli ausgezeichneten Arnold-Schönberg-Chors (Einstudierung: Mihal Kucharko) mit spürbarer und ansteckender Freude. Es gelang eine ideale Balance zwischen Natürlichkeit und Stilisierung der Bewegung. Elisabeth von Magnus war eine scharf konturierte Reine Clémentine, Thomas E. Bauer ein vor allem in den Dialogen prägnanter Höfling - und dann waren da noch jene drei, die schon vor zehn Jahren bei der ersten Offenbach-Auseinandersetzung von Harnoncourt in Graz dabei waren („Großherzogin von Gerolstein“ in der Regie von Jürgen Flimm): Sophie Marin-Degor und Markus Schäfer als Schäfer-, nein Prinzenpaar. Beide haben seither an stimmlichem Gewicht und darstellerischer Prägnanz gewonnen. Hervorragend die Charakterstudie von Cornel Frey als König Bobêche, der vor zehn Jahren in einer kleinen Nebenrolle unauffällig geblieben war, aber nun in Spiel und Stimme ins Zentrum rückte. Und an dieser Stelle sei es ausdrücklich gesagt: dieser Blaubart ist wesentlich geschlossener und übertrifft auf allen Linien die damalige mit Gags überladene Produktion.

Zum Schluss noch ein Wort zu der von Philip Harnoncourt verantworteten deutschen Dialogfassung: Es ist legitim und richtig, den Text zu aktualisieren, war es doch auch zur Zeit der Uraufführung für das Publikum besonders reizvoll, die Anspielungen auf die Gesellschaft des damaligen französischen Kaiserreich herauszuhören - und so schmunzelt und lacht man auch heute gerne, wenn österreichische Politiker, die Globalisierung, die „Unschuldsvermutung“ und die Sponsor-Bank apostrophiert werden. Aber in einem Punkt wird die Grenze des guten Geschmacks klar überschritten wird: das heikle Thema der in Graz bettelnden Slowaken sollte keinesfalls in der Zigeunerszene des Finales karikiert werden! Dringender Rat: diese Textpassage bei der bevorstehenden DVD-Produktion unbedingt herausnehmen – mit der Bettler-und Roma-Problematik scherzt man nicht! 

Aber bleiben wir bei der erfreulichen Zusammenfassung:

Das war ein großer Abend zeitgemäßen und höchst lebendigen Musiktheaters – das Publikum umjubelte Nikolaus Harnoncourt und Elisabeth Kulman sowie das gesamte Ensemble.

Zum Schluss nochmals Elisabeth Kulman mit einem für alle Opernfreunde wichtigen Hinweis:

„Für alle, die es im TV/Stream verpasst haben und nicht nach Graz kommen können: Es dauert zwar noch ein bisschen, aber es wird eine "Blaubart"-DVD geben!“

Wir können uns darauf freuen!

Hermann Becke

Fotos: Styriarte, Werner Kmetitsch

 

 

 

RITTER BLAUBART

22. Juni 2013

Die Grazer Styriarte steht heuer unter dem Motto „Gefährliche Liebschaften“. Und da bietet sich natürlich die Story von Ritter Blaubart ideal an. Nikolaus Harnoncourt wagte sich über die Opéra-bouffe von Jacques Offenbach gleichnamigen Titels, im Original heißt das 1866 uraufgeführte Werk in vier Bildern Barbe Bleue. Für das Libretto sorgten einst keine Geringeren als Henri Meilhac und Ludovic Halévy, die (deutsche) Dialogfassung für Graz (gesungen wird hier in der französischen Originalsprache) stammt von Philipp Harnoncourt, der auch für die Inszenierung verantwortlich zeichnete (Kostüme Elisabeth Ahsef). Wobei die Regiearbeit im Programmheft als „halbszenisch“ bezeichnet wird, da in der Helmut-List-Halle kein richtiges Bühnenbild möglich ist. Allerdings ist das in diesem Fall eine Untertreibung, denn mit stimmigen und witzigen Hintergrundprojektionen, die an Verfilmungen von Comic-Strips erinnern, ergaben sich wunderbare Szenenbilder. Die Sänger agieren rund ums Orchester, bei den Sprech-Dialogen ging man bewusst auch einen improvisatorischen Weg, kein Wunder bei einer begrenzten Probenzeit von nur 10 Tagen!

Nikolaus Harnoncourt stützte sich penibel wie bei all seinen Arbeiten auf die Originalpartitur, die sich in Schweden befindet. Was dieser Ritter Blaubart ist, darüber waren sich auch die Offenbach-Experten lange nicht einig. Otto Schneidereit formulierte 1966 in seiner knappen Offenbach-Biographie, dass „der Blaubart sein eigentümlichstes, wohl großartigstes und jahrzehntelang missverstandenes Werk“ sei, „beinahe schon keine Operette mehr, sondern über die Grenzen dieser Kunstgattung in neue Bereiche vorstoßend!“ Die beißende Satire auf den Hof Napoleon III. wurde von Offenbach verwoben mit der Story des Ritter Blaubarts, der seine Ehefrauen ermorden ließ. Der König Bobèche (wie er bei Offenbach genannt wird) und der Ritter Blaubart (hier als eine Art Warlord mit eigener Armee dargestellt) ähneln sich, der eine ließ die vermeintlichen Liebhaber seiner Frau, der andere seine Ehefrauen ermorden. Bei aller Blutrünstigkeit des Plots ist dieses Stück aber beste Unterhaltung, denn Offenbach verwendet alle Klischees, die es zu seiner Zeit für Opernaufführungen gab, so genial, dass man aus dem Lachen nicht mehr raus kommt. Ein Witz und Humor, der im Filmgenre von den Marx-Brothers (z.B. A Night at the Opera) oder Monty Python gepflogen wurde.

Interessant ist auch die Aufteilung der Singstimmen: Der König wird nicht, wie sonst üblich, von einem profunden Bass, sondern von einem Charaktertenor gesungen. Wobei gesungen fast übertrieben ist, denn meist handelt es sich um Sprechgesang, was die Lächerlichkeit des einfältigen Herrschers noch mehr herausstreicht. Und auch der „Bösewicht“ Blaubart besitzt keine tiefe Stimme, sondern wurde für einen leichten Rossini-Tenor geschrieben. Was am Ende auch zur Folge hat, dass das Bauernmädchen Boulotte (auch sie ist kein glockenheller Sopran, sondern ein tiefer Mezzo) weiterhin Blaubarts Frau bleibt, denn er singt ja soooo schön. Im Hintergrund ziehen der Alchimist Popolani, der bei Blaubart unter Vertrag steht, und der Minister Graf Oscar die Fäden. Dazu gibt es noch eine als Kind weggelegte Prinzessin und ihren Liebhaber. Der ist aber in Wirklichkeit auch kein Schäfer, wie im Eröffnungsduett zu vermuten ist, sondern Prinz Saphir, auch wenn er von Markus Schäfer gesungen wird. Viel interessanter als der tatsächliche Handlungsstrang sind aber all die Anspielungen und Persiflagen, die den Abend trotz der Länge von 3 Stunden 20 Minuten zu einer kurzweiligen Unterhaltung machten.

Und gespielt wurde vom gesamten Team mit vollem Enthusiasmus. Harnoncourt fand von Beginn an mit dem Chamber Orchestra of Europe den perfekten Offenbach-Duktus. Im Mittelpunkt der Solisten stand natürlich Elisabeth Kulman, die in ihren Dialogen einen interessanten steirisch-burgenländisch-wienerischen Dialekt auspackte. Die sonst eher in hochdramatischen Rollen auf der Bühne agierende Mezzo-Sopranistin bewies als das resolute Bauernmädchen Boulotte, dass ihr die Schuhe der berühmten Hortense Schneider (die unvergleichliche Diva sang im 19. Jahrhundert diese Rolle in Paris) nicht zu groß waren! Erstaunlich wie sich Kulmans Stimme trotz Fricka und Co. Geschmeidigkeit und Frische bewahrt hatte. Positiv überrascht wurde ich von Johannes Chum in der Titelrolle. Der Steirer (übrigens im September als Lohengrin an der Grazer Oper zu hören) verfügt über eine flexible, lyrische Tenorstimme ohne Höhenprobleme. Ein ganz spezielles Bravo für Sébastien Soulès: Der Bassbariton konnte mit der dankbaren Rolle des Popolani voll punkten, da ihm diese Tessitura ideal liegt und er seine körperliche Fitness dabei voll ausspielte. Wesentlich blasser blieb Thomas E. Bauer als Graf Oscar, was einerseits dem doch etwas spröden Timbre seiner Baritonstimme, aber auch der undankbareren Rolle zuzuschreiben war. Beim jungen Liebespaar Fleurette/Saphir überwogen die positiven Eindrücke: Gesanglich gestalteten beide fein, Sophie Marin-Degor setzte auch darstellerisch Akzente, als sie blitzschnell das Blumenmädchen hinter sich ließ und sofort als überhebliche Prinzessin die Kehrseite der Medaille zeigte.

Für Markus Schäfer gab einfach die Rolle nicht mehr her, sein heller Tenor blieb aber angenehm in Erinnerung. König und Königin waren bei Cornel Frey und Elisabeth von Magnus in bewährten Händen. Ein Extra-Vorhang für den Arnold Schoenberg Chor (Einstudierung Mihal Kucharko), der nicht nur alle Massenszenen zu einem Erlebnis machte, sondern aus dessen Reihe auch einige Soloparts besetzt wurden. So waren die fünf ermordeten Frauen Blaubarts in der (besonders gut gelungenen) Kerkerszene fünf Chorsängerinnen anvertraut, die ihre Sache so perfekt machten, dass sie hier genannt sein sollen: Shirin Asgari, Kathryn Humphries, Birgit Völker, Irena Krsteska und Carmen Wiederstein. Noch ein Wort zum Thema Sponsoren und Finanzierung von Festspielen: Dass der Sponsor einer Aufführung im Textbuch vorkommt, ist wohl nicht häufig der Fall, wurde aber hier so geschickt gemacht, dass man darüber „Raiffeisen“ gar nicht böse sein konnte. Jubel für das komplette Team!

Fotocopyright: Werner Kmetitsch/Styriarte

Ernst Kopica

 

 

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