DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Musikverein für Steiermark

http://musikverein-graz.at/

Der Musikverein für Steiermark ist der zweitälteste Konzertveranstalter der Welt, der seit seiner Gründung Anfang des 19. Jahrhunderts ohne Unterbrechung tätig ist. In der Saison 2014/15 feiert der Musikverein sein 200-jähriges Bestehen. An dieser Stelle wird aus dem vielfältigen Konzertangebot regelmäßig über jene Veranstaltungen berichtet, die für den Opernfreund relevant sind.

 

 

 

LIEDERABEND MOJCA ERDMANN

Musikverein für Steiermark, Stefaniensaal

Graz, 8.Jänner 2014  

„Mojca la conquérante“ – so titelte vor wenigen Tagen die französische Zeitung „Dernières Nouvelles d’Alsace“ nach dem großen Erfolg, den Mojca Erdmann mit ihrem englischen Liedbegleiter Malcolm Martineau bei ihrem Liederabend in der Opéra du Rhin in Straßburg hatte. Dasselbe Programm war nun im Grazer Stefaniensaal zu erleben und das Publikum konnte entscheiden, wie „la conquérante“ zu verstehen sei – dieser elegante französische Ausdruck hat ja durchaus mehrere Nuancen: man kann ihn als „die Eroberin“, „die Erobernde“ oder auch „die für sich Einnehmende, Gewinnende“ verstehen. Und diese letztgenannte Version wird wohl am besten diesem Abend gerecht. Die zerbrechlich-kühl-elegante Hamburgerin ist nicht eine, die auf das Podium tritt und sofort alle Herzen im Sturm erobert (wie dies die Fotos auf ihrer Homepage wohl vermitteln wollen), sie ist vielmehr eine Künstlerin, die mit immenser Konzentration und Ernsthaftigkeit in einem intelligent und spannungsvoll aufgebautem Programm das Publikum Stück für Stück für sich einnimmt.

Der Abend begann durchaus spröde: „Die Verschwiegenen“ sind ein coupletartiges Jugendwerk von Richard Strauss, das gleichsam das Motto für den ersten Teil des Abends vorstellte: die Blumen. Und so folgten darauf Mozarts Veilchen und Schuberts Heideröslein verbunden durch das späte Strauss-Lied „Ich wollt‘ ein Sträusslein binden“. Nach der „Zeitlosen“ von Strauss verfinstert sich mit Schumanns „Der schwere Abend“ die Stimmung. Bis dahin machte es übrigens das ständig hüstelnde und etwas unruhige Publikum den beiden bemühten Liedgestaltern nicht gerade leicht. Erdmann schien an diesem Abend vor allem am Beginn mit einer leichten Verkühlung zu kämpfen – mit exzellenter Technik überwand sie dies, wenn auch fallweise mit einem Flüchten in allzu viel nasale Resonanz. Malcolm Martineau begleitete höchst aufmerksam und transparent. Diese Blumen-Gruppe war kühl-professionell dargeboten – Mozart und Schubert fehlte ein wenig die natürliche Unbefangenheit.  

Dann wandelte sich das Bild:

Die Gegenüberstellung der drei Ophelia-Lieder von Richard Strauss (in der Simrock-Übersetzung) mit den Vertonungen der Shakespeare’schen Originaltexte durch Wolfgang Rihm aus dem Jahre 2012 packte das Publikum – das ständige Hüsteln unterblieb plötzlich fast völlig. Mojca Erdmann schien erstmals aus sich herauszugehen, sie wandelte sich gleichsam zur Ophelia. Durch ihre Intensität gelang es ihr, die (nicht allzu inspirierten) Strauss-Vertonungen spannungsvoll und mit idealem Strauss-Timbre geradezu aufzuwerten. Vollends überzeugte das Lied-Duo Ermann/Martineau dann mit dem Werk von Wolfgang Rihm. Bei Rihm wird Ophelia zu einer Figur, die angesichts der Vergänglichkeit allen Seins exemplarisch eine Extremsituation des modernen Menschen erfährt. Scheinbar verraten von der Liebe Hamlets wird Ophelia wahnsinnig und bringt sich um. In Rihms sachlicher wie eruptiver Komposition macht Ophelia drei Phasen durch, von Trauer („How should I your true- love know from another one?“) über Sarkasmus („Tomorrow is Saint Valentine's day“) bis zur Abgeklärtheit („And of all Christian‘s souls, I pray God. God bye you). Beim Straßburger Konzert, bei dem Erdmann diese Lieder erstmals sang, war Wolfgang Rihm anwesend und er hat das Duo bei der Interpretation beraten – wir können daher davon ausgehen, dass wir an diesem Abend eine beispielgebende Interpretation erleben durften. Ein historischer Hinweis zu den Strauss‘schen Ophelia-Liedern ist übrigens durchaus von Interesse und erklärt ein wenig auch den Unterschied zu den Rihm-Vertonungen:

Richard Strauss hatte dem Berliner Verlag Bote & Bock ein Liedhaft versprochen, dieses aber, durch geschäftliche Meinungsverschiedenheiten verärgert, nicht geliefert. Als der Verlag auf seinem Rechtsanspruch bestand, ließ Strauss von Alfred Kerr eine Reihe satirischer Gedichte schreiben, welche mit Wortspielereien (Einst kam der Bock als Bote zum Rosenkavalier) das Verhalten von Verlagen anprangerte. Es war verständlich, dass der Verlag dieses als Krämerspiegel bezeichnete Werk zurückwies. Strauss wurde verurteilt ein anderes Liedheft zu liefern – und dieses enthielt dann die rasch hingeschriebenen Ophelia-Lieder. Man konnte also in diesem Liederabend die Strauss’sche Pflichtübung einem Werk gegenübergestellt erleben, das zweifellos dem Komponisten ein so großes Anliegen ist, dass er nicht nur bei der Uraufführung in Bad Kissingen dabei war, sondern auch zur Auseinandersetzung des Duos Erdmann/Martineau nach Straßburg kam. Das Publikum in Graz war merklich beeindruckt und entließ das Lied-Duo mit viel Beifall in die Pause.

„Den zweiten Teil dominieren die Nacht und das Sterben, er endet mit dem Entschweben in andere Sphären“ – so Mojca Erdmann in einem Interview vor dem Grazer Konzert: Interview M. Erdmann

Dieser zweite Teil begann mit einem für Mojca Erdmann komponierten Werk von Aribert Reimann nach einem Heine-Text: Helena aus dem vierteiligen Zyklus Ollea (2006). Das Notenbild zeigt die immense Anforderung, die an die (ohne Klavierbegleitung singende) Sopranistin gestellt wird: Edition Schott Noten . Mojca Erdmann bewältigte diese Herausforderungen virtuos – das Publikum lauschte geradezu atemanhaltend! Großartig auch, wie die letzten geflüsterten Worte „die Toten sind unersättlich“ direkt in die ersten Takte das Strauss-Liedes „Die Nacht“ übergingen! Nun wirkte Mojca Erdmann geradezu befreit – Schumanns „Requiem“ und vor allem „Allerseelen“ von Richard Strauss und „Litanei“ von Franz Schubert gelangen in wundervoller Ruhe und mit völlig ausgeglichener Stimmführung. Nach Mendelssohn Bartholdys „Auf den Flügel des Gesanges“ (ideal von Martineau begleitet!) bildeten zwei Sternlieder den Schluss – wiederum in wirkungsvollem Kontrast zwischen dem effektbedachten Richard Strauss und der Musik unserer Zeit von Aribert Reimann (dem vierten Lied aus dem Zyklus Ollea: Kluge Sterne).

Und um auf das eingangs zitierte Wort über das Straßburger Konzert zurückzukommen: Mojca Erdmann und Malcolm Martineau ist es an diesem Abend gelungen, das Publikum zwar nicht sofort zu erobern, es aber dann mit einer klugen Gegenüberstellung von Wohlbekanntem mit den bewegenden Kompositionen unserer Zeit in maßstabsetzenden Interpretationen für sich zu gewinnen! Es gab großen und verdienten Applaus und drei Zugaben: Mozarts „Abendempfindung“ (fast ein wenig zu flüssig) sowie „Ständchen“ und „Morgen“ (vom Pianisten fast über Gebühr gedehnt) von Richard Strauss.  

Hermann Becke, 9.Jänner 2014

 

Websites der beiden Ausführenden:

http://www.mojcaerdmann.com/                              http://martineau.info/

Der Besuch des Konzerts in der Oper Frankfurt am 14.1.2014 ist sehr zu empfehlen:

Liederabend M. Erdmann Frankfurt

 

 

 

 

 

 

Neujahrskonzert in der Oper Graz

1.Jänner 2014

Mit Energie und Begeisterung!

Es war  d e r  Abend des neuen Grazer Chefdirigenten Dirk Kaftan!

Unter dem Motto „Unterwegs mit Richard Strauss“ führte Dirk Kaftan nicht nur das groß besetzte und prächtig disponierte Grazer Philharmonische Orchester als temperamentvoller  musikalischer Leiter durch den Abend, sondern er erfreute auch das vollbesetzte Haus als eloquent-lockerer Moderator. 

Eröffnet wurde mit der Rosenkavalier-Suite. Über dem ersten Satz der Suite steht „con molto agitato“ – und genau so stürzte sich Dirk Kaftan in die Musik. Die Suite aus der Oper fügt Einzelteile in loser Aneinanderreihung zusammen: Das Vorspiel zum ersten Akt geht in das Geplänkel zwischen Marschallin und Octavian über, recht unvermittelt wechselt das Geschehen dann in den zweiten Akt, zur Szene knapp vor der Rosenüberreichung, deren orchestraler Glanz selbstredend auch in der Suite entsprechend zur Geltung kommt. Ein weiterer Sprung, und die Handlung wechselt von der Szene, als das Intrigantenpaar Sophie und Octavian überrascht, zum Walzer des Ochs und zur Briefszene mit Annina. Ohne weitere Umschweife ist man dann plötzlich mitten im Schlussterzett des dritten Akts, in welchem die Feldmarschallin ihren Verzicht auf Octavian besingt. Wie in der Oper folgt hierauf das Duett von Sophie und Octavian. Wäre hier eigentlich beinahe das Ende erreicht, springt die Suite zu dem Moment zurück, als Ochs mit seinem Gefolge das Wirtshaus verlässt, und vollführt den tumultuösen, schmissigen Walzer – dem schließlich ein nicht aus der Oper stammendes, etwas plump-prächtiges Ende angehängt ist. Es ist bis heute nicht eindeutig geklärt, auf wen die Urheberschaft dieser Zusammenstellung zurückgeht. Man geht davon aus, dass der aus Polen in die USA emigrierte Dirigent Artur Rodzinski die Suite 1945 hergestellt hat. Bei Strauss’ Verlag Boosey & Hawkes erschien sie dennoch allein unter dem Namen des Komponisten. Die Uraufführung spielten die Wiener Symphoniker unter Hans Swarowsky am 28. September 1946 anlässlich einer Feier „950 Jahre Österreich“. Dirk Kaftan gestaltete das Werk sehr plastisch und differenziert und das Publikum genoss diese Opernkurzfassung.

Darauf folgte die F-Dur-Romanze für Violoncello und Orchester des 19-jährigen Richard Strauss, zu der Dirk Kaftan in seiner Moderation in Bezug auf den Widmungsträger bzw. dessen Gattin als vermutete Jugendliebe von Richard Strauss Unterhaltsam-Pikantes zu berichten wusste. Der Solocellist des Grazer Philharmonischen Orchesters Bernhard Vogl spielte mit warmem Ton - eher kammermusikalisch als mit großer Solistengeste.

Als Abschluss des ersten Teils erklang die Tondichtung „Don Juan“ des 25-jährigen Richard Strauss. Über der Partitur steht als Motto „Hinaus und fort nach immer neuen Siegen solang der Jugend Feuerpulse fliegen“ – ganz im Sinne dieses Mottos gelingt Dirk Kaftan mit seinem Orchester eine kraftvoll-packende Interpretation vom jäh aufschnellenden Anfangsthema bis zum prächtig über dem Streichertremolo sieghaft ertönenden zweiten Hauptthema der sehr gut disponierten Hörner. Das Publikum ist vom Schwung so hingerissen, dass einige schon zum Beifall ansetzen wollen, bevor Don Juan im Duell tödlich verwundet gleich einem Meteor im Piano erlischt. 

Nach der Pause gibt’s dann einen Musical-Schwerpunkt mit Richard Rodgers und man fragt sich zunächst: wie passen „Oklahoma“ und South Pacific“ zu Richard Strauss? Dirk Kaftan stellt in seiner amüsanten Moderation kluge Bezüge zu der USA-Reise von Richard Strauss, aber auch zu Graz her:

Oscar Hammerstein I  (Großvater des Librettisten Oscar Hammerstein II der Musicals) wollte Richard Strauss mit Elektra und Salome für New York gewinnen, an der Met fiel allerdings die Salome der Zensur der Sponsoren zum Opfer, während in Graz die österreichische Erstaufführung der Salome im Jahr 1906 unter der Leitung von Richard Strauss ein Riesenerfolg war.

In den Ausschnitten aus „Oklahoma“ und „South Pacific“ brillierte der großartige Strauss-Interpret James Rutherford (Barak, Orest, Jochanaan und demnächst Mandryka) gleichsam auf den Spuren des großen Ezio Pinza und wurde von Kaftan auch charmant in die Moderation einbezogen. In zwei Ausschnitten konnte man sich auch über zwei weitere Grazer Publikumslieblinge freuen: Sieglinde Feldhofer und Dshamilja Kaiser. Alle drei standen übrigens am Vorabend  in der Silvester-Vorstellung in „Carousel“ gemeinsam auf der Grazer Opernbühne.

Und dann kommt gar ein Sprung nach Südamerika, das1920 auch von Riichard Strauss bereist wurde. Genau aus dieser Zeit stammt das Stück „Tico-Tico no Fubá“ des brasilianischen Komponisten Zequinha de Abreu – temperamentvoll von Kaftan und dem animierten Orchester interpretiert. Als totales Kontrastprogramm folgte dann eine Alphorn-Polka (laut Kaftan gleichsam die „Ursuppe“ der Strauss’schen Alpensinfonie) – virtuos und publikumswirksam von den Hornisten des Orchesters vorgetragen und unterstützt von Kuhglocken im Orchester.  

Das offizielle Programm schloss mit dem Sirtaki aus Alexis Sorbas von Mikis Theodorakis, war doch Strauss wiederholt in Griechenland , bezeichnete sich selbst als „griechischen Germanen“ und war Ehrenbürger der Insel Naxos.

Aber das Publikum erwartete selbstverständlich noch Zugaben! Natürlich kann und will man in Graz nicht mit dem weltberühmten Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker konkurrieren – aber ein Marsch zum Mitklatschen musste doch sein. Und so erklang zunächst der „Berliner Luft“-Marsch aus Paul Linckes „Frau Luna“  (Berlin hatte die Strauss’sche Salome nicht angenommen!) – das Publikum war begeistert. Aber natürlich geht es am Neujahrstag auch nicht ohne Walzer: und so erklang als absoluter Schlusspunkt ein eigens für dieses Konzert zusammengestelltes Potpourri (des Grazer Komponisten Reinhard Summerer). Da war in gekonnter Manier eine Unzahl von Stücken miteinander verwoben – Donauwalzer, Rosenkavalier, Lohengrin, My Fair Lady, Offenbach, Lincke, Oklahoma und, und, und….

Das Publikum spendete reichen Beifall – Dirk Kaftan ist es mit seinem ersten Neujahrskonzert und seiner charmant-gescheiten Moderation ganz offenbar gelungen, das Publikum für sich und die Grazer Oper zu gewinnen! 

Hermann Becke, 2.1.2014                                 Fotos: Hermann Becke

 Dirk Kaftan: http://www.dirk-kaftan.de/

 

 

 

 

EDITA GRUBEROVÁ    Gespräch und Liederabend

„Gesang als Geschenk und Verpflichtung“

Musikverein für Steiermark, Stefaniensaal am 12./13.November 2013  

Es gibt einen wichtigen Bezug des Weltstars Edita Gruberová zu Graz:Am Grazer Opernhaus sang die Gruberová 1974 ihre erste Konstanze und in Graz sang sie dann noch im selben Jahr auch ihre erste Lucia. Das war kurz nach ihrem Durchbruch mit der Zerbinetta an der Wiener Staatsoper. Der damalige Grazer Intendant Dr. Carl Nemeth erkannte sofort die Chance und bot diesem großen Talent zwei Rollen an, die sie an der Wiener Staatsoper noch nicht bekam, danach aber bald an allen großen Häusern der Welt singen sollte. Und nun fast vierzig Jahre später ist der Sohn des damaligen Grazer Intendanten - Dr. Michael Nemeth - Generalsekretär des Musikvereins für Steiermark - und er lud die weltweit gefeierte Kammersängerin nicht nur zu einem Liederabend nach Graz ein, sondern konnte sie am Tag davor auch für ein Podiumsgespräch gewinnen. In diesem Podiumsgespräch ging es nicht darum, sie aus ihrem Leben erzählen zu lassen – Opernfreunde sind darüber aus vielen Interviews und vor allem auch aus ihrer im Vorjahr erschienenen Biographie informiert.

Der Schwerpunkt des Grazer Gesprächs lag zunächst auf den ganz frühen Anfängen in Bratislava und Wien, dann auf Erinnerungen an Graz und auf grundsätzlichen Fragen des Sängerberufs in der heutigen Zeit. Gruberová erzählte warmherzig über die schöne familiäre Atmosphäre bei der Einstudierung der Grazer Entführung im Jahre 1974 (mit einem prominenten Team - Dirigent: Theodor Guschlbauer, Regie: Axel Corti, Bühnenbild: Wolfgang Hutter) und darüber, wie der berühmte Carlo Bergonzi (hauptsächlich an der Rampe stehend) die junge Anfängerin in der Grazer Lucia-Produktion kaum beachtete. Ich habe all diese Aufführungen  der Gruberová (Zerbinetta in Wien, Konstanze und Lucia in Graz) vor nun bald 40 Jahren miterlebt und erinnere mich dankbar daran – nicht überraschend meine damaligen Aufzeichnungen („eine Weltkarriere kündigt sich an“).

Aber das Gespräch beschränkte sich nicht nur auf einen Rückblick – es wurde auch das wichtige Thema angesprochen, welche Ratschläge Gruberová der jungen Sängergeneration von heute geben könne. Da betonte die große Sängerin vor allem zwei Dinge: die Notwendigkeit guter Nerven und die absolute Beherrschung des stimmtechnischen „Handwerks“. Und dieses unverzichtbare technische Rüstzeug vermisst die Gruberová bei der jungen Generation heute doch weitgehend – daher will sie auch keine Meisterkurse geben oder in Wettbewerbsjurys mitwirken. Sehr kritisch äußerte sich Gruberová über die heutige Gesangspädagogik. Berührend und uneitel erzählte sie, wie sie vor sechs Jahren mit Hilfe einer jungen Gesangslehrerin in München ihre eigene Gesangstechnik völlig umstellte. Gesprächsthema war natürlich auch das sogenannte „Regietheater““. Gruberová betonte, dass sie modernes und zeitgemäßes Theater keineswegs ablehne – entscheidend sei für sie, dass die Inszenierung sich nicht gegen die Musik richte und vor allem müsse sie „ästhetisch“ sei. In Christof Loy habe sie nun einen Regiepartner gefunden, der ihre Ansprüche erfüllt. (zuletzt in Donizettis „La Straniera“ in Zürich). Die  von Elisabeth Kulman initiierte Aktion „Art but fair“ unterstütze sie mit Überzeugung, weil einfach eine sechswöchige Probenphase für die Gesangssolisten zu lange und stimmlich zu belastend sei. Ihrer Meinung nach müssen drei Wochen reichen, soferne der Regisseur mit einem fertigen Regiekonzept zu den Proben kommt.

 Das Podiumsgespräch lockerte Michael Nemeth mit einer klugen Auswahl von Musikbeispielen auf: zu Beginn ein Fledermaus-Mitschnitt aus München (unter Guschlbauer, der auch der Dirigent der ersten Entführung hier in Graz war), dann die Rarität der ersten Lucia von Gruberová (ein Mitschnitt aus der Grazer Oper des Jahres 1974) und zuletzt eine Aufnahme des Jahres 1997 (Linda di Chamounix). Das Gespräch war für das Publikum eine ideale Einstimmung auf den Liederabend des nächsten Tages. Lieder seien wie zarte Bleistiftzeichnungen im Vergleich zu den üppigen Ölgemälden einer Opernaufführung – so Edita Gruberová.

Und wirklich: am nächsten Abend konnte das begeisterte Publikum im vollen Stefaniensaal beides erleben: die Bemühungen Gruberovás um die zarten Schubert-Lieder und um die üppigen Podiumslieder von Rachmaninow und Richard Strauss - das alles am Ende gekrönt von dem heiß erwarteten und beklatschten Zugabenteil. Die oben erwähnte Besprechung von Gruberovás Biographie in der Neuen Zürcher Zeitung (zufällig auf den Tag genau vor einem Jahr erschienen) trägt den klugen Titel „Gesang als Geschenk und Verpflichtung“. Beides konnte man an diesem Abend eindrucksvoll mitverfolgen. Gruberová begann den Abend mit einer Gruppe von acht Schubert-Liedern. Ich empfand diesen Teil als eine Verpflichtung, die sich die große Gruberová selbst (und wohl auch dem kritischen Berichterstatter) auferlegt hatte – nicht etwa als Geste gegenüber dem Konzertveranstalter, ist doch Franz Schubert immerhin schon seit 1823 Ehrenmitglied des Musikvereins für Steiermark! Nein – die Auseinandersetzung mit Schubert ist ganz offenbar ein tiefes Herzensanliegen der Belcanto-Diva. Mit immenser Wortdeutlichkeit versucht sie jedes Wort, ja jede Silbe klanglich auszudeuten. Mit geradezu berückendem Timbre gelingen zum Beispiel in „Nacht und Träume“ die Wiederholung der Textzeile „die belauschen sie mit Lust“ oder der zauberhafte Schlussseufzer „Louise“ in „Der Jüngling an der Quelle“. Und natürlich strahlt das jubelnde C am Ende von „Delphine“. Gerade dieses klug als Abschlussstück der Schubert-Gruppe gewählte Lied (eine Einlage für ein Schauspiel) zeigt aber, wo die Gruberová  wahrhaft zuhause ist: auf der Bühne! Um die zarte Intimität der Schubert-Miniaturen bemüht sich Gruberová mit bewunderswerter Konzentration und Ehrlichkeit, aber da fehlt mir ganz einfach der große ruhige Bogen, der die vielen kunstvollen (fast ist man versucht zu sagen: künstlich-manirierten) Einzelteile zu einem Ganzen zusammenfügt. Wie bei allen ihren Liederabenden in der letzten Zeit wird Edita Gruberová an diesem Abend von Alexander Schmalcz am Flügel begleitet (zuletzt z.B. bei den diesjährigen Salzburger Festspielen, aber auch noch vor wenigen Tagen in Fürth und in München – immer mit demselben Programm). Schmalcz ist mit dem Klavierpart bei Schubert völlig in den Hintergrund  getreten und manches – etwa der Schlussteil in Suleika II mit seinen Sechzehnteln im ¾-Takt war wohl allzu stereotyyp-unflexibel. 

Nach der Pause dann ganz ein anderes Bild: Nach der „Verpflichtung“ kam nun das „Geschenk“. Die Gruberova beschenkte nun ihr Publikum – und sich selbst – zuerst mit Rachmaninow- Liedern, die sie schon als Studentin gesungen hatte, wie sie am Vorabend erzählte. Da blühte die Stimme auf und man konnte das Wunder erleben, wie sich die jahrzehntelange Erfahrung mit dem nach wie vor unverwechselbaren Gruberova-Timbre verband. Nun hörte man auch den Pianisten Alexander Schmalcz als gleichberechtigten Partner. Natürlich war Edita Gruberová auch bei den Richard Strauss-Liedern in ihrem Element – speziell wenn man in der „Einkehr“ schon vorausahnend Zerbinetta-Phrasen zu erkennen glaubt. Einzig die „Nacht“ schien mir allzu breit angelegt. In diesem wunderbaren Lied fehlte ein wenig – so wie bei Schubert – der große ruhige Legatobogen. Aber die wunderbar gestaltete Schlussphrase „O die Nacht, mir bangt, sie stehle dich mir auch“ versöhnte und bezauberte. Auch bei den Strauss-Liedern überzeugte der Pianist. Und dann kam wohl der Hauptteil des Abends – der Zugabenteil. Das begeisterte Publikum konnte sich zunächst an dem charmant-virtuos vorgetragenen „Ständchen“ von Richard Strauss erfreuen, bis dann zwei Schlager kamen, die die Gruberová immer wieder dem Publikum schenkt und die man einfach nicht oft genug hören kann, so umwerfend wird das serviert:

Zuerst die „Villanelle“ der belgischen Sängerin (und Komponistin) Eva dell’Acqua (1856 – 1930) – von allen großen Koloratursopranistinnen immer wieder interpretiert (Wen es interessiert, der findet auf youtube  nicht nur Gruberová, sondern auch Lily Pons, Mado Robin, Natalie Dessay, Sumi Jo……..)

Und dann als absoluter Höhepunkt „Ach, wir armen Primadonnen“ - man kann nur bestätigen, was nach ihrem Liederabend bei den diesjährigen Salzburger Festspielen geschrieben wurde: „Beim Walzerlied „Ach, wir armen Primadonnen“ aus Carl Millöckers „Der arme Jonathan“ war Gruberova erneut die  großartige Komödiantin, als sie mit schelmischen Blicken und umwerfender Komik  die Primadonnennöte beschwor: ‚Wir sind Sklaven, sind verdungen, Ruhm, Applaus, ach lauter Dunst...... Doch wir kennen eine Rache, wenn man uns zu schrecklich plagt, nun so wird man plötzlich heiser, dann wird eben abgesagt‘. Glücklicherweise wurde Gruberova an diesem Abend nicht heiser, sondern begeisterte mit ihrer schillernden Stimmbrillanz, die sie sich über die Jahre zu  bewahren  wusste. Das kommt einem Phänomen gleich, gemessen an heutigen Sängerkarrieren.“

Das Grazer Publikum war dankbar-begeistert, dass es in diesem Zugabenteil diese große Künstlerin erleben konnte, deren Weltkarriere – zumindest in zwei bedeutenden Partien – auch in Graz begonnen hatte.   

Hermann Becke,14.11.2013

 

Drei Hinweise

1.) Die Schubert-Lieder können auf der 2012 erschienenen CD nachgehört werden

2.) Gruberovas Stellungnahme bei „Art but fair“ :

3.) Auf einen besonderer Zufall sei doch noch hingewiesen: Am 13.11. war nicht nur Edita Gruberová in Graz zu Gast. Am selben Abend präsentierte Elina Garanca ebenfalls in Graz ihr neues Buch. Wie nachgehört werden kann, ist sie dabei auch Gruberová angesprochen worden – wer Lust und Interesse hat, kann dies hier nachhören. (zwischen Minute 16:00 und 17:50)

 

 

 

 

 

LIEDERABEND RAMON VARGAS

Musikverein für Steiermark, Stefaniensaal am 24.Oktober 2013

„Lieder sind schwer“  

Es ist ein reizvolles Zusammentreffen: In der vorigen Woche gab die georgische Sopranistin Tamar Iveri in Graz einen Liederabend unmittelbar nachdem sie an der Wiener Staatsoper die Elisabetta im Don Carlo gesungen hatte. Und nun tritt eine Woche später „ihr“ Carlo in Graz ebenfalls im Liederabendzyklus auf. Ramón Vargas holte seinen ursprünglich für die vorige Saison angesetzten und damals wegen einer Erkrankung abgesagten Abend nun nach. Es ergab sich also die reizvolle Möglichkeit, bei zwei Stars der internationalen Opernszene zu beobachten, wie sie sich auf dem für sie doch ungewohnten Terrain des Liedgesanges bewähren. Über Iveri hatte der „Opernfreund“ berichtet (siehe unten) - nun also zum Abend des mexikanischen Tenors Ramón Vargas:

Schon beim Betreten des Konzertgebäudes wurde ich von einem Besucher angesprochen: „Das wird diesmal ein Arien- und kein Liederabend!“ Tatsächlich standen ja auf dem offiziellen Programm fünf Opernarien, aber auch sieben Lieder, die allerdings alle in der opernhafter Belcantotradition stehen und  nichts mit dem deutsch/österreichischen Liedverständnis (Schubert, Schumann, Brahms, Wolf) zu tun haben - wohl aber genau das sind, was die etymologische Wurzel des Wortes Lied (mhd. liet, ahd. liod ) nach Aussage der Fachleute bedeutet: nämlich „Gesungenes“. Ramón Vargas bekennt auf seiner Homepage, dass seit seiner Kindheit das Singen ein existenzieller Bestandteil seines Lebens war und ist: „Seit ich denken kann, habe ich immer gesungen, so spontan und natürlich wie es mir nur möglich war. Meine Stimme ist ein unglaubliches Geschenk, aber es lag an mir allein, daran zu arbeiten und diese so zu perfektionieren, um andere Menschen daran teilhaben zu lassen. Kunst sublimiert ein jedes Ding; ich könnte auch sagen: ‚singen ist wie zweimal beten‘".

Genau diese Spontaneität und die elementare Freude am Singen vermittelt Vargas an diesem Abend! Noch bevor er zu singen beginnt, wendet er sich schon an sein Publikum, entschuldigt sich für seine Absage in der vorigen Saison, weist auf die Belastungen des Sängerberufs hin und freut sich nun hier zu sein. Er beginnt mit zwei Mozart-Arien: „Un‘ aura amorosa“ aus Così fan tutte“ und „Il mio tesoro“ aus dem Don Giovanni. Es bleibt dem Zuhörer nicht verborgen, dass Ramón Vargas zu Beginn dieses Abends nicht in optimaler stimmlicher Verfassung ist und dass auch stilistisch diese Interpretation nicht dem aktuellen Stand des Mozartbildes entspricht – aber seine sympathische Ausstrahlung und seine Freude überzeugen dennoch. Dann folgt der große Liszt-Zyklus der Petrarca-Sonette. Wieder ergreift Vargas zuvor das Wort, um seine Sichtweise des Zusammenhangs zwischen Mozart und Liszt zu erläutern: Mozart sei einfach zu jung gestorben, hätte er länger gelebt, wäre er sicher in den romantischen Geist der Musik vorgedrungen, den Liszt in seinen Petrarca-Vertonungen verkörpert. Vargas sang natürlich nicht die deutsche Fassung aus dem Jahre 1883 (Übersetzung: Peter Cornelius), sondern die italienische Erstfassung, die im Anschluss an Liszts Italienreise von 1838 entstanden ist  (zwei davon kann man übrigens auf youtube in einer prächtigen Pavarotti-Aufnahme aus der Met nachhören: ). Liszts Petrarca-Sonette stehen der Sphäre der Hausmusik denkbar fern – das sind prächtige Podiumslieder mit großen Belcanto-Bögen. Sie kommen daher dem Gesangszugang von Ramón Vargas überaus entgegen. Das erste „Benedetto sia il giorno“ in seiner innigen Verhaltenheit bereitete ihm noch etwas Schwierigkeiten, dann aber hatte er seine offenbare leichte Indisposition mit großer Professionalität im Griff und er hatte sich offenbar freigesungen: Das pathetisch-leidenschaftliche „Pace non trovo“ und das schwärmerische „I‘ vidi in terra angelici costumi“ gelangen überzeugend.

Nach der Pause beginnt Vargas mit Donizettis Ah! rammenta, o bella Irene – ein opernhaft angelegtes Stück: eine zweiteilige Arie, die ein wenig an Rossini erinnert, aber melodisch unverwechselbar die Handschrift Donizettis trägt. Wieder erlebt man die unbändige Musizierfreude des Tenors. Dann kündigt Ramón Vargas eine „Überraschung“ an: statt der eigentlich vorgesehenen wenig bekannten Donizetti-Arie aus „Il Duca d’Alba“ kommt nun „Una furtiva lagrima“ aus dem Liebestrank. Da ist Ramón Vargas so ganz in seinem Element –das Publikum ist begeistert! Der letzte Programmteil ist dem Jahresjubilar Giuseppe Verdi gewidmet – und wieder meldet sich Vargas zunächst zu Wort: „Lieder sind schwer!“ „Ein Liederabend ist viel länger und anstrengender als eine Opernpartie – in der Oper gibt’s ja noch die Sopranistin und den Bariton…..“ Vargas gewinnt mit seinem Charme vollends das Publikum!

Die Verdi-Gruppe beginnt mit drei Beispielen aus der Romanzensammlung des Jahres 1845/46 nach Texten von Andrea Maffei. Diese Romanzen stammen aus dem Jahre der „Giovanna d’Arco“ – und damit schließt sich gleichsam sehr schön der Kreis des Verdi-Gedenkens in der Programmierung des Musikvereins, hatte man doch mit der konzertanten „Giovanna d’Arco“- Aufführung das Verdijahr eröffnet. Nach dem in großen lyrischen Bögen besungenen Sonnenuntergang (Il tramonto) und einem schwermütig-sentimentalen Aufblick der Seele zu den Sternen (Ad una stella) beschließt den Liedteil das überschäumende Trinklied (Mescetemi il vino!).

Am Ende des Programms standen wieder zwei Opernarien – auch hier gab es  wieder eine charmante Moderation durch Ramón Vargas: zunächst stellte er die von Verdi später zum „Attila“ dazu komponierte Arie des Foresto vor (und nicht des Ezio, wie irrtümlich im Programmheft vermerkt) und dann sein „Lieblingsstück“ – die Rodolfo-Arie aus „Luisa Miller“. Hier hatte Vargas ganz zu seiner Form gefunden: das waren Verdi-Kantilenen, wie man sie sich wünscht.

Vargas wurde an diesem Abend am Klavier nicht wie ursprünglich vorgesehen von Mzia Bachtouritze begleitet, der Studienleiterin der Mailänder Scala und Dozentin am Konservatorium in Moskau, mit der seit mehreren Jahren eine intensive musikalische Zusammenarbeit speziell bei den Liederabenden besteht - und mit der er schon im Jahre 2009 in Graz auftrat. Durch die Terminverschiebung stand sie offenbar an diesem Abend  nicht zur Verfügung. Am Steinway saß diesmal an ihrer Stelle der erfahrene Liedbegleiter Charles Spencer, der Ramón Vargas mit großer Routine durch den Abend geleitete. Das interpretatorische Feuer des Tenors teilte er nicht mit ihm.  

Nach dem offiziellen Programm gab es für beide Künstler lebhaften Beifall und viele Bravorufe für Ramón Vargas, der auch wiederholt allein auf das Podium zurückkam. Zweimal kam der Pianist mit: für die erste Zugabe hatte man ein Lied von Ottorino Respighi vorbereitet. Aber natürlich war dies dem begeisterten Publikum zu wenig, obwohl  Vargas fragte: „Sind Sie noch nicht müde?“ Er ließ sich dann nur mehr eine Zugabe abringen – Paolo Tostis Ideale. Noch etwas Allgenmeines: Leider kann man allenthalben registrieren, dass das Publikumsinteresse an Liederabenden abnimmt. Der Musikverein für Steiermark bietet allerdings in seinem Liedabonnement so prominente Namen, dass die über 60-jährige Tradition eines eigenen Liedabonnements in Graz hoffentlich weiter erhalten werden kann. In dieser Saison kommen im Abonnement noch folgende Stars auf das Konzertpodium:

Edita Gruberova: 13.11.2013

Mojca Erdmann:  8.1.2014

Torsten Kerl:  6.2.2014

Dmitri Hvorostovsky: 28.3.2014

und zusätzlich gibt es noch die Sonderkonzerte mit Angelika Kirchschlager/ Konstantin Wecker (24.11.2013), Rolando Villazón (19.3.2014), Jonas Kaufmann (4.4.2014) und Piotr Beczala (12.6.2014)

Allein wegen dieses Konzertangebots lohnt sich für den Opernfreund eine Fahrt nach Graz!

Hermann Becke,2 5.10.2013

 

 

Zwei Hinweise

Ausschnitt aus einem Vargas-Liederabend in der Wigmore Hall (London) vom Sommer 2013 mit jener Pianistin, die ursprünglich auch für Graz vorgesehen war

Es lohnt sich, in der offiziellen Homepage von Ramón Vargas ein wenig zu „stöbern“ – es gibt viele Videos, aber auch einen sehr persönlich-berührenden Abschnitt „Gedanken&Reflexionen“:

 

 

 

 

Musikverein für Steiermark Stefaniensaal am 17. Oktober 2013

TAMAR IVERI als Liedsängerin

Die Weltkarriere der georgischen Sopranistin Tamar Iveri begann in Graz: Ihr erstes festes Engagement war die Grazer Oper -  hier debütierte sie im Herbst 2001 als Tatjana in „Eugen Onegin“ (unter dem damaligen Grazer Opernchef Philippe Jordan). Im Publikum saß Ioan Holender, der das ungeheure Potential der jungen Sopranistin erkannte und sie sofort an die Wiener Staatsoper engagierte – und zwar acht Jahre im Voraus (!), nämlich für die Onegin-Premiere des Jahres 2009. Iveri blieb bis 2005 an der Grazer Oper - als Donna Anna, Liu, Elisabetta, Adriana Lecouvreur, Desdemona, Suor Angelica, Amelia Grimaldi, also mit all jenen Rollen, in denen sie nun weltweit gefragt ist. Über ihre erste Don Carlo-Elisabetta im Jahr 2002 vermerkte ich: „Wiederum eine stimmlich hervorragende Leistung, alles überzeugt – Phrasierung, Timbre, Höhe, Tiefe in allen dynamischen Abstufungen - das muss eine Weltkarriere werden.“ Und so schließt sich der Kreis: am Tag unmittelbar vor dem Grazer Liederabend stand Tamar Iveri als Elisabetta auf der Bühne der Wiener Staatsoper – eingesprungen für Anja Harteros und von Presse und Publikum gefeiert! Zitat: „Wunderschöne Bögen bei einer klaren und eleganten Linienführung, perfekte Phrasierung und meisterhafte Piani und Pianissimi in ihrer großen Arie „Tu che la vanità conoscesti del mondo“ gegen Ende der Oper machten sie zum erklärten Publikumsliebling an diesem Abend. Bravissima!“

Dem ungemein rührigen Generalsekretär des Musikvereins für Steiermark Dr. Michael Nemeth ist sehr zu danken, dass er im alljährlichen Liederabendzyklus immer wieder Persönlichkeiten präsentiert, die auf der Opernbühne internationales Ansehen genießen, die man aber nicht (mehr) für Opernauftritte in Graz gewinnen kann. Das ist für alle Opernfreunde in Graz eine wesentliche Bereicherung. Dabei erlebt man dann die Stars der Opernszene auf einem für sie durchaus ungewohnten Terrain, dem der Liedinterpretation – und das ist reizvoll, wenn auch nicht immer alles gelingt!

Tamar Iveri begann den Abend im ersten Teil mit je vier Liedern von Sergej Rachmaninow und Pjotr I. Tschaikowskij. Da war die Iveri in ihrem Element: in großen, expressiven Bögen gestaltete sie überzeugend die russischen Lieder mit spürbarem persönlichen Engagement (und opernhaften Gesten). Mit absoluter stimmtechnischer Ausgeglichenheit in allen Lagen und in allen dynamischen Abstufungen und mit ihrem durchaus unverwechselbaren Timbre war sie die große Bühnenprimadonna. Das passte sehr gut zur russischen Salonmusik des ausgehenden 19.Jahrhunderts. Das Publikum freute sich, „seine“ Iveri wieder in Graz zu haben und dankte mit animiertem Applaus.

Nach der Pause erwies Tamar Iveri zunächst dem steirischen Liedmeister Hugo Wolf ihre Reverenz – und dies mit vier überaus bekannten Mörike-Liedern: Nimmersatte Liebe, Wo find‘ ich Trost, Elfenlied und Er ist’s. Und hier versuchte sie gar nicht erst, den uns vertrauten Interpretationsweg in intellektueller Text-und Tonausdeutung der großen deutschsprachigen Wolfinterpreten zu gehen, nein, sie blieb bei extrovertierter Expression und (eindrucksvoller) Demonstration ihrer stimmlichen Mittel. Offen gesagt: für mich war es nicht Mörike/Wolf, aber eine ehrliche und authentische Interpretation, die aus einem anderen Kulturkreis zu uns kam. Dann folgten vier Lieder von Richard Strauss – alle ebenso wohl bekannt: Morgen, Allerseelen, Zueignung und Kling! (mit strahlendem hohen C am Ende). Richard Strauss verträgt – zumindest nach meinem Empfinden – Iveris Interpretation wesentlich besser als Hugo Wolf. Richard Strauss hat mit seinen Liedern wirkungsvolle Stücke für den großen Konzertsaal geschrieben – und da freut man sich über Stimmglanz, wenn auch manchmal sehr breite Tempi gewählt wurden, sodass zum Beispiel in „Morgen“ die Schlussphrase „und nun auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen“ durch zwei Atempausen unterbrochen wird. Iveri hat hörbar an der Artikulation der deutschen Texte gearbeitet – man kann das nachempfinden, was sie vor kurzem selbst gesagt hat: „Da ich dann nach Graz ging und mich nachher gleich in Wien niederließ, ist Deutsch für mich meine Haupt- und Lieblingssprache geblieben.“ (Auf dieses ausführliche und informative Interview mit ihr sei ausdrücklich verwiesen.

Aber gerade in der Liedinterpretation gelten höchste Ansprüche an die Aussprache und an die Textausdeutung - und da wird es für Tamar Iveri noch einige Arbeit geben. Ihre Pianistin Nino Pavlenichvili – ebenfalls aus Georgien stammend – konnte sie in dieser Hinsicht wohl nicht unterstützen. Sie ist eine erfahrene Korrepetitorin speziell für das russische Repertoire an französischen Bühnen.  

Sie begleitete an diesem Abend robust-sicher, aber bei Hugo Wolf leider ohne die nötige Klarheit und Transparenz und bei Richard Strauss ohne virtuose Brillanz. Die eingelegten Klaviersolostücke (vor der Pause Tschaikowskijs „Dezember“ und nach der Pause Schumanns „Widmung“ in der Fassung von Franz Liszt sowie eine georgische Toccata) waren musikalisch wie programmatisch entbehrlich.

Das Programm endete mit zwei georgischen Vokalnummern. Erstaunt entnimmt man dem Programmheft, dass die Kompositionen von Aleksandre Machavariani und Revaz Lagidze aus der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts stammen – ich dachte, die Werke seien 100 Jahre älter. Wenn man dann aber im Internet liest „Revaz Lagidze was arguably the best Georgian composer of Soviet times.“, dann erklärt dies wohl einiges. Jedenfalls war die Arie der Lela aus Lagidzes gleichnamiger Oper (1974/75) für Tamar Iveri ein effektvolles Schlussstück, in dem sie nochmals all ihre vokalen Vorzüge präsentieren konnte. Damit war auch der Übergang zum Zugabenteil geschaffen -  mit zwei italienischen Schlagern, nämlich Puccinis „O mio babbino caro“ und Rossinis Tarantella La Danza – von Tamar Iveri schon beim Neujahrskonzert 2005 in Graz virtuos vorgetragen – war die Iveri wieder auf jenes Belcanto-Terrain gelangt, auf dem sie derzeit zu recht weltweit Karriere macht. Bravorufe und herzlicher Beifall im diesmal nicht ganz ausverkauften Saal – man versteht, dass die Pianistin noch in der Nacht nach dem Konzert auf ihrer Facebook-Seite vermeldete: „Un grand succès à Graz!! Bravo a nous ;;)))“

Hermann Becke, 18.10.13


P.S.

Zwei youtube-Hinweise zum Abrunden der Eindrücke dieses Abends:

Auf der Website von Tamar Iveri kann man sie als konzertante Tosca sehen und hören (Grafenegg 2012 )  Diese wird sie erstmals im nächsten Jahr in Melbourne auf der Bühne singen.

Der 3-Minuten-Film über Iveris Hochzeit im Vorjahr gibt uns einen Eindruck, aus welcher Welt sie kommt.

 

 

 

ARNOLD SCHÖNBERG: GURRE-LIEDER

Ein uneingeschränkter Erfolg zum Saisonausklang

23. Juni 2013 

 Die Wiener Uraufführung am 23. Februar 1913 unter Franz Schreker markierte den größten Erfolg zu Lebzeiten Schönbergs. Dieses Datum ist wohl der Anstoß, dass dieses Riesenwerk nun gleichsam zum 100-Jahr-Jubiläum wiederholt allenthalben aufgeführt wird. So war es im Mai in Karlsruhe und Berlin auf dem Programm. Nun folgte unmittelbar nach zwei Aufführungen im Wiener Konzerthaus die Grazer Erstaufführung auf der Bühne des Opernhauses. Zitat aus dem Programmheft: „Wann immer von Aufführungen der Gurre-Lieder berichtet wird, tauchen Begriffe auf, die im Kontext anderer Kompositionen Schönbergs in der Regel fehlen: vom ‚Triumph‘ des Werkes ist da die Rede, vom ‚Jubelsturm‘ des Publikums.“

Und so war es tatsächlich auch in Graz: in sommerlicher Schwüle war das Opernhaus übervoll, man sah alles, was im Grazer Kulturleben Rang und Namen hat – das Publikum diskutierte in der Pause höchst animiert und am Schluss war der Jubel groß!

Das Grazer Philharmonische Orchester mit 140 Mitwirkenden und der rund 90-köpfige Herrenchor füllten den Raum über dem Orchestergraben und die ganze Bühne, die rund 60 Chordamen waren beim Finale links und rechts in den Logen postiert, sodass am Ende bei der hymnischen Begrüßung der aufgehenden, lebensspendenden Sonne in C-Dur ein großartiger Raumklang entstand. Schönbergs Werk wurde von ihm selbst als Oratorium bezeichnet – durch den orchestral-chorischen Riesenapparat, die packenden Chorszenen und die plastischen Figuren des Bauern, des Klaus-Narren und des Sprechers gewinnt es allerdings opernhafte Dimensionen, die eine Aufführung in einem Opernhaus nicht nur aus Platzgründen, sondern auch dramaturgisch durchaus rechtfertigen. Nur ein Beispiel: Wenn König Waldemar mit Gott hadert, weil der ihm seine Geliebte in jugendlichem Alter geraubt hat und er nun als Stürmebezwinger wie einst Wotan durch die Lüfte zieht und dazu  eine gigantische Paraphrase auf Hagens Mannenruf aus der „Götterdämmerung“ erklingt, dann ist das Musiktheater.

Dirk Kaftan, derzeit Generalmusikdirektor in Augsburg und ab Herbst Opernchef in Graz, hatte die Mammutaufgabe der Einstudierung übernommen – und er hat damit einen großartigen Einstand in Graz! Sicher war es von Vorteil, dass er ja bereits von 2006 bis 2009 als junger Kapellmeister in Graz war und also das Orchester kennt. Unter seiner Leitung hat sich jedenfalls das Orchester von seiner besten Seite gezeigt. Es gelang, trotz der zwangsläufig weit auseinandergezogenen Aufstellung ein durchwegs homogenes Klangbild zu schaffen und auch trotz des Mammutapparats viele schöne kammermusikalische Feinheiten zu gestalten, ob dies die fein aufeinander abgestimmte Soli von Violine und Viola im ersten Teil oder das Cellosolo in der Einleitung zum dritten Teil waren oder die höchsten Regionen der Holzbläser, bei denen sich Assoziationen eines leicht wehenden, durch Gräser und Pflanzen streichenden Windes einstellen. Graz erlebte an diesem Abend eine ausgezeichnete Orchesterleistung, die erwartungsvoll in die nächste Saison und auf das Zusammenwirken des neuen Chefs mit seinem Orchester blicken lässt.

Das Werk stellt nicht nur an das Orchester, sondern auch an die Solisten immense Anforderungen. Herbert Lippert, der in den letzten Jahren sehr erfolgreich seinen Wechsel ins heldentenorale Fach in Graz mit großartigen Leistungen vollzieht und der demnächst hier in Graz auch seinen ersten Tristan (konzertant) singen soll, war als Waldemar vorgesehen. Krankheitsbedingt musste er ganz kurzfristig absagen – für ihn sprang der erfahrene walisische Heldentenor JohnTreleaven ein, der diese Partie vor kurzem in Karlsruhe gesungen hatte. Mit großer Routine und ausgezeichneter Artikulation legte er den Schwerpunkt seiner Interpretation auf die dramatische Ausdeutung. Tove war mit Gal James besetzt, die wiederum mehr die großen lyrischen Bögen betonte. Beide konnten sich nur eingeschränkt gegen die Orchestermassen behaupten.

Am Ende des ersten Teils dann für mich der absolute Höhepunkt des an Höhenpunkten wahrlich nicht armen Abends: Dshamilja Kaiser betrat als Waldtaube die Bühne – mit großem Ernst und ungeheurer Intensität gestaltete sie ihr Klagelied, sich von kammermusikalischer Schlichtheit zum opernhaft dramatischen Höhepunkt wirkungsvoll steigernd. Und das gelang ihr mit herrlich timbrierter und technisch von Alttiefen bis zu den Spitzentönen völlig ausgeglichener Stimme ohne jegliches Forcieren – und dennoch das Orchester stets überstrahlend. Das kann man nicht schöner und überzeugender interpretieren! Da kann man sich nur auf ihre Leonore in Donizettis La Favorite in der nächsten Spielzeit freuen und eigentlich bedauern, dass sie (noch) nicht als Ortrud besetzt ist….. Eine große Karriere liegt zweifellos vor ihr, wenn sie weiterhin auf diesem Niveau singt und gestaltet!

Sehr prägnant und rollendeckend besetzt waren David McShane als Bauer und der (auswendig singende) Klaus-Narr von Manuel von Senden. August Zirner war ein optimal besetzter Erzähler, der rhythmisch mit dem Dirigenten ausgezeichnet abgestimmt war und seine enthusiastische Naturschilderung mit großer Intensität (und ohne elektronische Verstärkung auskommend) gestaltete. Für den Chorpart waren der Grazer Opernchor und Extrachor (Einstudierung: Bernhard Schneider) mit dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (Einstudierung: Johannes Prinz) verstärkt. Der Männerchor zeigte sich klangschön und besonders intonationssicher, wenn auch für meinen Geschmack durch die Positionierung ganz weit hinten gegenüber dem Orchester zu wenig präsent. Die Chordamen vermittelten sehr schön den warmen Sonnenklang, wenn auch nicht so intonationssauber wie die Herren - vielleicht durch die weit voneinander getrennte Aufstellung bedingt. Aber das sind eigentlich unwesentliche Details – der Gesamteindruck des Chors war der Orchesterleistung adäquat und ein wichtiger Bestandteil dieses großen Abends, der zurecht umjubelt wurde.

Hermann Becke,                 Fotos: Oper Graz, Werner Kmetitsch.

 

 

Angelika Kirchschlager

mit sehr persönlich gestalteten Schumann-Liedern

15. Mai 2013

Ganz unbestritten - Angelika Kirchschlager zählt heute zu den bedeutenden Persönlichkeiten der Opernbühne und des Konzertpodiums – und sie lässt sich nicht auf ein Fach fixieren, nicht in eine Schublade zwängen. Ihre internationale Agentur schreibt auf der Homepage: „Brava to our multi-faceted prima donna!“

Und Facetten hat Kirchschlager wahrlich vielfältige – das zeigt ein Blick auf das letzte Jahr: Da war zunächst  ihre Liedertournee durch Österreich und Südtirol, mit der sie sich einen persönlichen Wunsch erfüllte. Sie sang in kleinen Orten, an denen keine Festivals stattfinden, für Menschen, die normalerweise nicht zum klassischen Publikum gehören. Denn „die Musik von Schubert, Brahms und Mahler geht unmittelbar zu Herzen - da braucht es keine Vorbildung!“ sagt sie. An der Wiener Staatsoper sang sie in „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, in Helsinki die Mélisande, im Theater an der Wien „La voix humaine“ von Poulenc, dazwischen Konzerte in Deutschland und Norwegen, dann war sie gar für eine Sonntagsausgabe einer österreichischen Tageszeitung befristete Chefredakteurin. Zuletzt hatte sie am Wiener Rathausplatz mit Operettenliedern die Festwochen eröffnet. Und so bunt geht es auch weiter – am 21.Mai wird ihr in Leipzig der Europäische Kulturpreis 2013 verliehen. Siehe das auch für Opernfreunde interessante Programm.

Eine Woche darauf gibt es ein Konzert in Paris mit Kammermusik von Schubert und Johanna Doderer und im Juni wird sie auf einer Luxuskreuzfahrt rund um Großbritannien für die Gäste zwei Liederabende geben, bevor sie dann an der Wiener Staatsoper wieder die Clairon in Capriccio verkörpern wird. Und im Herbst folgt ein gemeinsames Projekt mit dem Liedermacher Konstantin Wecker. Angelika Kirchschlager wandelt ihre Programme -  und wohl auch sich selbst -  ständig, sie ist immer auf dem Weg zu Neuem, immer eine geradezu rastlos Suchende.

Und so überrascht es nicht, wie und womit sie diesmal in Graz – wo vor 20 Jahren ihre internationale Karriere mit einem furiosen Octavian begann - ihren Liederabend eröffnete. Das Publikum im vollen Stefaniensaal begrüßte die „Heimkehrerin“ und ihren Klavierpartner Helmut Deutsch beim Betreten des Podiums mit sehr herzlichem Applaus. Das Publikum hatte aber gar nicht recht Zeit, sich vom Applaus auf das Zuhören umzustellen, da kommt schon - fast in den abklingenden Applaus hinein - die Frage der Schumann-Miniatur „Sag‘ an, o lieber Vogel mein, sag‘ an, wohin die Reise dein. Weiß nicht, wohin ?“ Schon bei diesem ersten Lied war klar, dass es kein „klassischer“ Schumann-Abend, kein routiniert abgespultes, glatt-perfektes Programm werden wird. Da erlebt das Publikum auf dem Podium einen Menschen, der in seinem Leben nun "entre deux âges"  steht und der ein Suchender geblieben ist. Und da stört es nicht im Geringsten, dass Kirchschlager schon bei diesem ersten kurzen Lied Textunsicherheiten hat – übrigens souverän vom großartigen Liedbegleiter Helmut Deutsch ausgeglichen. Am Ende des Abends beim Ansagen der ersten Zugabe wird Kirchschlager sagen, dass sie mit diesem Abend „in das Guiness-Buch der Textfehler“ kommen werde. Natürlich registriert der aufmerksame Zuhörer diese Unsicherheiten, aber fast ist man geneigt zu glauben, dass dies geradezu ein Bestandteil der Interpretation sein muss, so ehrlich, berührend und intensiv ist Kirchschlagers Gestaltungskraft und Ausstrahlung. Das Gesamtbild, ja das „Gesamtkunstwerk“ jedes einzelnen Lieds, die Balance zwischen Text und Musik (wie sie auch Schumann immer vor Augen hatte) ist wichtiger als einzelne Textfehler. Das gesamte Programm des Abends war ein steter Wechsel zwischen hellen und dunklen Tönen, zwischen jugendlicher Frische, zweifelnder Melancholie und Blick auf das Jenseitige.

In der ersten Hälfte des Abends standen die herb-schlichten fünf Gedichte der Königin Maria Stuart in ihrer fast ausweglosen Traurigkeit der Spätzeit von Schumanns Schaffen zwischen zwei Liedgruppen des Jahres 1840 – jenem Jahr, in dem aus Schumann 138 (!) Gesänge feuriger Begeisterung für Clara geradezu herausgebrochen sind. Der zweite Programmteil begann mit den Liedern und Gesängen aus Goethes Wilhelm Meister aus dem Jahre 1849. Schumann war seit seinen ersten Liedern ein anderer geworden. Er hatte inzwischen Richard Wagner in Dresden kennengelernt und hatte selbst seine Oper Genoveva geschrieben. Das Lied war für Schumann nun zur dramatischen, bisweilen meditativen Szene geworden. Doch blitzt auch im zweiten Programmteil nochmals der helle Überschwang auf; das Publikum freut sich an den Schumann-„Schlagern“ Erstes Grün, Der Nussbaum, Die Lotosblume, bevor der Abend mit dem Einsiedler und dem Requiem düster endet. Der Bogen eines sehr klug zusammengestellten und auch für das Publikum durchaus anstrengenden Programms hatte sich geschlossen. Robert Schumann – und mit ihm Angelika Kirchschlager – beantworten mit diesen beiden letzten Liedern die eingangs gestellte Frage, wohin die Reise führe: „Lass ausruh‘n mich von Lust und Not“ und „Ruh‘ von schmerzenreichen Mühen aus und heißem Liebesglühen“.

Der geneigte Leser möge verzeihen –  aber ich kann nun nicht anders, als die Quintessenz dieses Programms und damit der deutschen Romantik mit einem Zitat von Jean Paul zusammenfassen:

„Ich konnte nie mehr als drei Wege, glücklicher, nicht glücklich zu werden, auskundschaften. Der erste Weg, der in die Höhe geht, ist: so weit über das Gewölke des Lebens hinauszudringen, dass man die ganze äußere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhäusern und Gewitterableitern von weitem unter seinen Füßen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergärtchen liegen sieht. Der zweite ist: gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, dass, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt, deren jede für den Nestvogel ein Baum und ein Sonnen-und Regenschirm ist. Der dritte endlich, den ich für den schwersten und klügsten halte, ist der, mit den beiden anderen zu wechseln.“

Nicht nur Robert Schumann wird wohl diesen „schwersten und klügsten Weg“ gegangen sein, auch Angelika Kirchschlager bewegt sich mit ihren Interpretationen in diesem steten Wechsel. Sie tut dies mit ihrer inzwischen dunkler gewordenen schlanken Stimme, die alle Farbschattierungen zwischen hell und dunkel – nicht zuletzt auch aufgrund der exzellenten, nie manierierten Wortdeutlichkeit – in Schumanns Musik und gleichwertig in den romantischen Texten darzustellen und auszuschöpfen weiß. Nie hört man vokale Selbstdarstellung, sondern immer geradezu an die Substanz gehende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Lied. Nach ihrer eingangs erwähnten Liedertournee durch kleine Orte und für ein Publikum, das völlig unbefangen und unerfahren klassischer Musik und klassischer Gesangskunst entgegentritt, sagte Kirchschlager in einem Interview: „Das, was ich auf dieser Reise erlebt habe, das nehme ich ganz sicher in die großen Konzertsäle mit und ich werde in Zukunft a bisserl anders singen – das hat mich geprägt“

Darauf mag wohl zurückzuführen sein, dass manches an diesem Abend fast rezitiert und nicht breit ausgesungen wurde. Im großen Saal mit über tausend Plätzen mag da für manche weiter entfernt sitzende Menschen etwas zu „klein“ gewesen sein – aber für die Schumannschen feingliedrig-subtilen Lieder war es überzeugend. Und hier muss ausdrücklich auch dem idealen Liedbegleiter Helmut Deutsch gedankt werden, dessen Kunst den Abend entscheidend mitgeprägt hat. Angelika Kirchschlager und Helmut Deutsch haben es meisterhaft verstanden, die romantische Liedkunst des 19.Jahrhunderts in unsere Zeit zu „übersetzen“ und Schumanns Liedern auch heute noch Aktualität und Spannung zu geben. Das nenne ich richtig verstandene Werktreue!

Auch in den beiden Zugaben erlebte man die beiden Seiten Schumanns – die Helle in der „Widmung“ und das Schreckliche im „Waldesgespräch“ mit den drastisch-harten Akkordschlägen im Klavier und dem dreimaligen „Nimmermehr“ - exemplarische Interpretationen von Angelika Kirchschlager und Helmut Deutsch! 

Hermann Becke

 

P.S:

Es lohnt sich, den Videoblog über Kirchschlagers Liedreise anzuschauen

Im Schumann-Jahr 2010 haben Kirchschlager und Deutsch eine - inzwischen preisgekrönte - CD aufgenommen, die einen wesentlichen Teil des hier besprochenen Programms enthält.

 

 

 

 

 

 

 

Liederabend

Patricia Petibon

Energie und Charme pur !

Graz, 24. April 2013

Man weiß ja, was einen erwartet, wenn ein Konzertabend mit der französischen Sopranistin Patricia Petitbon angekündigt ist: ein überaus sorgfältig und klug zusammengestelltes Programm selten gehörter Stücke mit der exzellenten Pianistin Susan Manoff, das die Grenzen zwischen klassischem Lied, Chanson, Musiktheater und Cabaret mühelos verschwimmen lässt und zu einem originären Ganzen zusammenwächst. Man kennt auch die Ingredienzien der Kostümierung (Hüte, Pappnasen, Schürzen, Kochlöffel, Suppentopf, Tierchen…) und dennoch: Sobald die beiden Damen das Konzertpodium betreten, ist man wiederum überwältigt von ihrem Charme und ihrer Energie.

Gleich die ersten eineinhalb Minuten sind musikalische Bühnenkunst in Perfektion: Aus den „Banalités“ von Francis Poulenc das Stück "Hôtel" – „Je ne veux pas travailler - je veux fumer“ – die Sopranistin entspannt-gelangweilt ans Klavier gelehnt, jeder Ton durchgestaltet, jede Nuance klug disponiert vom zarten Piano leicht crescendierend, alles perfekt einstudiert - gleichzeitig empfindet man als Zuhörer dennoch unmittelbare Spontaneität. Das ist die große Stärke des Duos Patricia Petibon-Susan Manoff: Alles ist perfekt geplant und höchst professionell umgesetzt, aber dennoch scheinbar völlig genuin aus dem Augenblick entstehend! Und so reihten sich zunächst französische Miniaturen von Francis Poulenc und groteske Tierlieder des einzigen Ravel-Schülers Manuel Rosenthal aneinander, bevor der erste Teil mit Shéhérazade von Maurice Ravel zu Ende ging. Hier erlebte man dann die andere Seite der Petibon: da gibt es nichts extrovertiert Artifizielles, sondern wunderbar-melancholische Gestaltung der großen Melodiebögen mit vielen Klangschattierungen – und dazu eine meisterhafte Umsetzung des Orchesterparts am Klavier durch Susan Manoff – berührend und meisterhaft!

Nach der Pause ein spanischer Schwerpunkt: Hier erlebte man plötzlich wiederum eine ganz andere Seite der Petibon: Stolze spanische Schwermut in Stimme und Körperhaltung (Collet, Obradors, Lorca und de Falla) – wiederum ergänzt durch extrovertiertes Musiktheater über die fürchterliche Tarantel aus einer Zarzuela von Gerónimo Giménez. Dann ein weiteres szenisch-musikalisches Meisterstück: Der kleine Zyklus La bonne cuisine von Leonard Bernstein – von den beiden Künstlerinnen virtuos in rasant wechselnder Kostümierung interpretiert. Damit war eigentlich das Programm zu Ende – allerdings waren diesmal zwei Zugabenstücke gleichsam in das offizielle Programm eingebaut, nämlich zunächst als Anschluss an Bernstein der amerikanische Welthit „Somewhere over the rainbow“ und ganz zum Schluss Granada.

Das Publikum jubelte und wurde mit vier Zugaben belohnt: Zunächst drei Reminiszenzen an das Grazer Konzert vom Jänner 2011 - Manuel de Falla: El pano moruno, Henri Collet: A vida dos arrieros, Manuel Rosenthal: Fido, Fido und dann als allerletzter Schlusspunkt anrührend und schlicht Les berceaux von Gabriel Fauré. Man weiß, dass ganz große Opernhäuser Patricia Petibon gelegentlich an ihre stimmlichen Grenzen führen können – man denke an ihre Lulu im Großen Festspielhaus in Salzburg. Auf dem Konzertpodium hat allerdings Petibon mit ihren Programmen eine musiktheatralische Kunstform entwickelt, die wahrlich einmalig ist.

Hermann Becke

 

P.S.

Nach dem Konzert stellte sich Patricia Petibon ihren Grazer Fans für Autogramme zu Verfügung. Es lohnt sich, den auf der offiziellen Homepage von Petibon angebotenen Video-Clip zu ihrer letzten CD anzuschauen – hier erlebt man die Petibon, wie sie jenen Bereich interpretiert, den wir diesmal nicht hören konnten, aus dem Petibon aber ursprünglich herkommt, nämlich den reichen Schatz der sogenannten „Alten Musik“: //youtube.com/PatriciaPetibon Informativ ist dazu auch das Interview, das sie beim Erscheinen ihrer neuen CD einer Grazer Zeitung gab: Petitbon-Interview

 

Und noch ein Hinweis:

Der Musikverein für Steiermark bietet in der Saison 2013/14 wiederum ein überaus reiches Konzertprogramm – darunter auch viele große Namen der internationalen Opernszene. Bei den Damen: Mojca Erdmann, Edita Gruberova, Tamar Iveri, Elisabeth Kulman Bei den Herren: Piotr Beczala, Dimitri Hvorostovski, Jonas Kaufmann, Torsten Kerl, Rolando Villazón. Schauen Sie unbedingt das Programm durch: Programm Musikverein für Steiermark

 

 

Karl-Böhm-Gedächtniskonzert

in der Oper Graz mit Zubin Mehta am 5.3.2013

Man mag sich als Leser des „Opernfreundes“ fragen, warum zwischen all den Opernberichten plötzlich ein Bericht über ein Orchesterkonzert aufscheint. Dafür gibt es zunächst ganz pragmatische Gründe. Die Oper Graz lud in das Opernhaus zu diesem Konzert ein – aber vor allem:

Das Konzert war dem wohl bedeutendsten Operndirigenten gewidmet, der aus Graz hervorgegangen ist. Der gebürtige Grazer Karl Böhm (1894 -1981), dessen Büste heute im Foyer der Grazer Oper steht, begann schon während seines Jura-Studiums im Jahr 1916 als Korrepetitor an der Grazer Oper, war dann hier ab 1917 Opern-und Konzertdirigent, bis ihn im Jahre 1921 Bruno Walter nach München holte. Karl Böhm schreibt in seiner Autobiographie „Ich erinnere mich ganz genau“: „Ich hing sehr an dem Grazer Opernhaus, wo ich so viele bleibende Eindrücke empfing.“

Also Grund genug, in diesem Haus ein festliches Gedächtniskonzert zu veranstalten, das gleichzeitig ein Benefizkonzert zugunsten der von Karl Böhms Sohn Karlheinz gegründeten Äthiopienhilfe „Menschen für Menschen“ und der „Mehli Mehta Music Foundation“ war. Der Förderkreis der Oper Graz unterstützte den guten Zweck gemeinsam mit Sponsoren – ebenso wie natürlich das Publikum durch den Kauf der Eintrittskarten. Graz erlebte im völlig ausverkauften Haus (auch der Stehplatz war seit langem wieder einmal voll!) einen großen Abend - es gab gesellschaftlichen, aber auch musikalischen Glanz! Aber der Reihe nach:

Der Abend begann mit Grußworten der unvergleichlichen Christa Ludwig, die über ihre erste Begegnung mit Karl Böhm vor 60 Jahren erzählte – damals war sie 25 Jahre alt. Sie ist übrigens auf den Tag genau gleich alt wie Karl Böhms Sohn Karlheinz – beide feiern am 16.März ihren 85.Geburtstag. Das Grazer Publikum unterbrach die Grußworte an dieser Stelle mit einem herzlichen vorweggenommenen Geburtstagsapplaus.

Christa Ludwig betonte, dass Karl Böhm einer der wenigen großen Dirigenten seiner Zeit war, der wirklich etwas von Stimmen verstand und den sie dankbar als einen entscheidenden Mentor ihrer eigenen Karriere sieht. Man konnte an diesem Abend Christa Ludwig als Rednerin so erleben, wie man sie auf Bühne und Konzertpodium kannte: Eine Dame mit Niveau und Charme, die mitreißend Erfahrungen aus ihrem Künstlerleben zu erzählen weiß, ohne ins Platt-Anekdotische abzugleiten – das Publikum war begeistert!

Nach Christa Ludwig trat der Weltstar Zubin Mehta vor das Grazer Philharmonische Orchester – auch er mit Karl Böhm durch Jahrzehnte verbunden. Er schreibt im Programmheft: „Die erste Oper, die ich in meinem Leben live gehört habe, war „Fidelio“ unter der Leitung von Dr. Karl Böhm im Oktober 1954 im Theater an der Wien. Seither ist dieser große Meister immer mein Maßstab gewesen.“

Karl Böhm hatte den ihm verliehenen „Arthur-Nikisch-Ring“ an Zubin Mehta weitergegeben. Der Ring wurde nach dem Tode Böhms von Karlheinz Böhm im Wiener Musikverein übergeben – siehe dazu den amerikanischen Zeitungsbericht Arthur-Nikisch-Ring

Auf dem Programm des Grazer Gedächtniskonzertes stand ausschließlich Mozart – im ersten Teil zunächst die straff musizierte Ouvertüre zu „Le nozze di Figaro“ und dann das Klavierkonzert in d-moll, KV 466 mit Rudolf Buchbinder als Solist. Er setzte mit seiner Interpretation das um, was im Programmheft zu lesen ist: „Von steter innerer Dramatik durchpulst, stoßen namentlich die Ecksätze das Tor zur Romantik auf.“ Der große Steinway mit weit geöffnetem Deckel stand zentral vor dem Orchester – für die vorderen Reihen im Parterre war damit akustisch (und auch optisch) das Orchester allzu sehr im Hintergrund. Die pianistische, ja romantische Brillanz dominierte. Großer Beifall – auch bei dem ebenso brillant wie romantisch interpretierten Schubert-Impromptu als Zugabe.

Nach der Pause folgten zunächst berührende Dankesworte einer Enkelin von Karl Böhm und dann für mich der musikalische Höhepunkt des Abends: Die Grazer Philharmoniker bewiesen in der großen C-Dur -Symphonie (schon seit Beginn des 19.Jahrhunderts mit dem Beinamen „Jupiter-Symphonie“) hohes Niveau!  Zubin Mehta dirigierte auswendig und schloss sich damit dem an, was Karl Böhm in seiner Autobiographie geschrieben hatte: “Ich selbst dirigiere im Konzertsaal sämtliche klassischen Werke auswendig, weil ich das Gefühl habe, auf diese Weise freier gestalten zu können.“ Und souverän gestaltete Zubin Mehta Mozarts symphonisches Meisterwerk. Er arbeitete jedes Detail liebevoll heraus, ohne je den Fluss des Gesamten dadurch zu beeinträchtigen – und das Orchester folgte mit großer Konzentration und sehr schönen Details. Das Klangbild blieb bis zum triumphalen Finale immer ausgewogen und transparent, ohne den großen Zusammenhalt und die Spannung zu verlieren. Viel Jubel und „standing ovations“ für Zubin Mehta – von ihm sehr sympathisch an das Orchester weitergegeben.

Persönlicher Nachsatz:

Ich bin überzeugt - diese Jupiter-Symphonie hätte der immer kritische Karl Böhm geschätzt und sicher auch gelobt. Ich erinnere mich da an seine letzte Mozartinterpretation in Graz. Im Jänner 1980 dirigierte Karl Böhm aus Anlass der Erneuerung seines Doktordiploms an der Universität Graz (Promotion zum Dr. iur. im Jahre 1919) das Studierendenorchester der Kunstuniversität Graz mit Teilen der „Haffner“-Symphonie – übrigens vielleicht mit dem heutigen Konzertmeister des Grazer Philharmonischen Orchesters unter den damaligen Studenten.

Der schon körperlich recht reduzierte Maestro war bei Probe und Aufführung hellwach und spannungsvoll - den Studierenden gegenüber wie erwartet zwar kritisch-brummelnd, aber überraschend auch lobend bei einzelnen gelungenen Soli. Für alle, die damals dabei sein konnten, war es ein bleibender Eindruck, wie der altersweise Karl Böhm zwar streng, aber durchaus aufbauend mit den jungen Studierenden umging.

Hermann Becke

 

 

 

Christiane Karg

Souveräner Liederabend in Graz am 24.1.2013

Es gibt wenige Sängerinnen, die auf der Opernbühne und auf dem Konzertpodium gleich überzeugen - Christiane Karg zählt zweifellos zu diesen Ausnahmeerscheinungen!

Vor gut zwei Monaten hat sie in Frankfurt erstmals die Mélisande gesungen (übrigens mit dem auch in Graz hochgeschätzten Christian Gerhaher als Pelléas). Über die Leistung von Christiane Karg schrieb der „Opernfreund“: „Christiane Karg als Mélisande verzichtet bewusst darauf, dem Publikum mit gurrender Sinnlichkeit zu gefallen, sondern setzt ihren silbrigen Sopran eher ätherisch entrückt unter Ausdeutung feinster Farbnuancen ein; sie setzt einen Meilenstein in der Interpretation der Rolle dieser zerbrechlichen Person, die sie auch mit ihrer Bühnenerscheinung idealtypisch verkörpert.“

Und nun ist über ihren wunderbaren Liederabend in Graz zu berichten, der unter dem Titel „Mädchenblumen“ stand. Es war ein reizvolles und klug zusammengestelltes Programm, das das Duo Karg-Huber bereits mehrfach, zuletzt in Amsterdam präsentiert hatte. Christiane Karg stand – so wie auf dem Bild aus Frankfurt – fast ein wenig steif und in sich zurückgezogen auf dem Podium. Und genau das ist zu bestätigen, was Manfred Langer über ihre Mélisande schrieb: bewusster Verzicht auf „gurrende Sinnlichkeit“. Das Publikum reagierte zunächst zurückhaltend, erkannte aber im Laufe des Abends sehr bald, dass man hier Zeuge einer außerordentlichen Leistung wurde und feierte die Sängerin mit intensivem Beifall und Bravorufen.

Das Programm begann kühl-reserviert mit dem letzten Mörike-Lied von Hugo Wolf „Auf eine Christblume II“, dann folgten zwei Schumann-Miniaturen, bevor Schuberts breit-ausladende „Viola“ mit dem wunderbar-naiven Schneeglöcklein-Refrain zum ersten Höhepunkt wurde. Mit silbrigem Glanz und mit großer Ruhe - ohne je ins Sentimentale abzugleiten – gelang hier Karg eine ideale Interpretation. Dann kam der sehr selten zu hörende Richard-Strauss-Zyklus „Mädchenblumen“, für den der speziell in der höheren Mittelage und im mezzavoce unverwechselbar schimmernde Sopran Kargs ideal passte. Besonders zu betonen ist hier auch die außerordentliche und nie maniriert wirkende Wortdeutlichkeit – eine gerade bei Sopranen nicht allzu oft anzutreffende Qualität.

Im zweiten Teil stand dann die Ophelia-Figur im Mittelpunkt. In unmittelbarer und spannungsvoller Aufeinanderfolge reihten Karg und Huber die Vertonungen von Brahms und Strauss aneinander. Den Abschluss bildete ein französischer Block: La mort d’Ophélie von Camille Saint-Saëns, dann drei Lieder von Reynaldo Hahn. Speziell bei den Hahn-Liedern bewies das Liedduo seine interpretatorische Qualität: der Balanceakt zwischen das Banale streifender, gefälliger Salonmusik und elegant-geistvoller Distanz gelang perfekt. Dies ist zweifellos auch der großartigen Gestaltungskraft des Pianisten Gerold Huber zu danken, der  Christiane Karg an diesem Abend ein idealer Partner war. Karg traf auch ausgezeichnet den französischen Sprachduktus.

Mit Henri Duparc und seiner öfter gehörten Phidylé und einer kaum bekannten Mignon-Vertonung standen am Ende. Das Publikum jubelte und erklatschte drei Zugaben. Zunächst eine „weitere verrückte Frau“, wie Christiane Karg charmant ankündigte: „Melisande's song“ von Gabriel Fauré für London in englischer Sprache geschrieben (und von Karg nicht ganz so ideal wie die französischen Texte gesungen), dann „Fleurs“ von Francis Poulenc und zuletzt Schumanns Heine-Vertonung „Du bist wie eine Blume“.

Es ist erstaunlich und beeindruckend, wie eine Sängerin schon in so frühen Jahren – Christiane Karg ist gerade einmal 32 Jahre alt! – eine derart perfekte Liedgestaltung bieten kann. Mit diesem Programm hat sie sehr klug ihre Vorzüge präsentiert: technisch reife und völlig ausgewogene Stimmführung, langer Atem, silbrig-distanzierte Stimmfarbe und ausgezeichnete Artikulation. Man kann gespannt ihren weiteren Weg verfolgen. Es ist ihr zu wünschen, dass sie weiterhin so erfolgreich auf ihrem doppelten Weg – Lied/Konzert und Oper – voranschreitet!

Hermann Becke

 

 

 

Elīna Garanča

„Liebe und Leidenschaft“

Sonderkonzert im Musikverein für Steiermark

am 16. Jänner 2013

Auf die Frage, warum ihr Kalender im Jänner 2013 nur Konzert- und keine Operntermine enthält, antwortete Elīna Garanča in einem Grazer Interview entwaffnend: „Das hat sich ein wenig zufällig ergeben, liegt aber auch daran, dass ich mich auf Konzerte konzentriere, um meine letzte CD zu promoten.“ Garanca-Interview

Die neue CD trägt den Titel „Romantique“, im Konzertkalender auf Garančas Website heißen die Jänner-Konzerte in Wien, Graz, Baden-Baden, Zagreb, Hamburg und Genf „Gala Concert“ und im Grazer Programm steht „Sonderkonzert“ mit dem Untertitel „Liebe und Leidenschaft“. Aber wie auch immer man den Abend bezeichnet: es war deshalb ein großartiger Abend, weil keine CD und keine DVD den unmittelbaren Eindruck einer Sängerpersönlichkeit ersetzen kann - und Elīna Garanča ist unzweifelhaft eine der ganz großen Sängerpersönlichkeiten der Gegenwart!

Das Programm war gegenüber ihrem Wiener Auftritt vor zwei Tagen etwas modifiziert – sie hatte in Graz den koreanischen Tenor HO-YOON CHUNG als Partner. Als Begründung sagte Garanča im Interview: „Weil ich schon ziemlich oft mit Soloprogrammen in Graz gewesen bin, wollte ich auch Duette anbieten, und mit dem Duett aus Bellinis "I Capuleti e i Montecchi" will ich zeigen, dass ich immer noch ziemlich gut Belcanto singen kann.“

Tatsächlich: Die Garanča war erstmals schon im Frühjahr 2004 in einem Festkonzert mit dem lettischen Liepaja Symphony Amber Sound Orchestra in Graz  zu Gast. Sie war gerade an die Wiener Staatsoper gekommen und stand am Beginn ihrer großen Karriere. Sie sang damals in Graz  unter anderem Cherubino und Dorabella.

Seither sind neun Jahre vergangen – die ursprünglich schlank-jugendliche, reizvoll-herbe Stimme hat sich in Farbe und Volumen ganz natürlich weiterentwickelt zu einem warmen Mezzoklang. Die perfekte technische Beherrschung des prachtvollen Materials führt bruchlos bis zu strahlenden Spitzentönen. Garanča interpretiert ihre Partien primär von der Klangfarbe und der musikalischen Linie ausgehend. Sicher: andere Carmen-Interpretinnen kommen mehr von der Textgestaltung – bei Garanča kommt alles vom perfekten Wohlklang her. Das mag ihr manchmal den Ruf eintragen, eine kühle Perfektionistin zu sein. Wenn man aber erlebt, wie sie zum Beispiel am Ende der ersten Strophe der Habanera das Fis auf „prends garde“ bruchlos ins Piano abschwellen lässt und dann am Ende der zweiten Strophe die Parallelstelle vom Piano ins strahlende Forte führt, dann fallen einfach allfällige interpretatorische Einwände in sich zusammen. Das ist höchste Belcanto-Kunst, die zu Recht umjubelt wird. Auch im Schlußduett Carmen/Don José hört man von ihr keinen (von manchen als Effekt eingesetzten) grellen Ton, sondern eine stets technisch perfekt geführte wunderschöne Stimme – und das ist zwar vielleicht kühl, aber gerade deshalb in ihrer Konsequenz überzeugend unerbittlich. Alle Opernfreunde dürfen sich gespannt auf ihre erste Carmen an der Wiener Staatsoper im Mai 2013 freuen.

Das Programm des Grazer Konzerts war übrigens ebenso perfekt-kommerziell zusammengestellt: Vor und nach der Pause je zwei Arien der Garanča (Jeanne d’Arc von Tschaikowskij und Dalila sowie Habanera und Seguidilla), je eine des Tenors (Lamento des Federico von Cilea und Don José) und je ein Duett (Bellini und Carmen-Finale). Davor und dazwischen füllte das Wiener Kammerorchester unter der Leitung von Karel Mark Chichon das Programm auf – verlässlich, wenn auch eindimensional und fallweise ganz einfach zu derb.

Professionell war zweifellos auch die Auswahl des Tenorpartners: Ho-yoon Chung ist ein bereits routinierter Sänger (über 100 Auftritte an der Wiener Staatsoper – primär in kleineren und mittleren Rollen). Sein Beitrag war sehr ordentlich – manchmal in der Emotion etwas intonationsgetrübt – aber es war natürlich klar: Mittelpunkt des Abends ist die strahlende lettische Diva und das Publikum im völlig ausverkauften Stefaniensaal jubelte.

Sehr gerne hätte man wesentlich mehr von Elīna Garanča gehört, aber wie von ihr selbst gesagt: es ging ja ums Promoten der neuen CD. Daher gabs wohl auch nur zwei Zugaben, nämlich einmal Garanča mit einem virtuosen Zarzuela-Ausschnitt und als Überraschung die Garanča als Violetta gemeinsam mit dem Tenor im „Libiamo“ aus der Traviata. Auch dieser fachliche Ausflug gelang ihr überzeugend!

Und danach: Natürlich Verkauf und Signieren der neuen CD!

Hermann Becke

 

 

 

Graz startet mit Walküre ins neue Jahr

Neujahrskonzert 2013

am 1. Jänner 2013

Was kann es für den Opernfreund Schöneres geben: Man geht am ersten Abend des Jahres in die Oper, das Haus ist ausverkauft, der Dirigent eilt ans Pult und sofort stürmen die tiefen Streicher im Orchester los: man erlebt die mehr als einstündige Liebesbegegnung zwischen Sieglinde und Siegmund – zweifellos ein Höhepunkt im Schaffen von Richard Wagner, aber auch der Opernkunst überhaupt!

Es ist allerdings leider nur eine konzertante Aufführung des ersten Akts der Walküre im Rahmen des Neujahrskonzertes der Grazer Oper – gleichsam als Auftakt des Wagner-Jahres. Nach der Pause folgen Benjamin Brittens „The Young Person's Guide to the Orchestra“ und zuletzt Verdische Opernchöre. Die Oper Graz feiert mit diesem Neujahrskonzert die 200. Geburtstage von Richard Wagner und von Giuseppe Verdi sowie den 100. Geburtstag von Benjamin Britten.

Wenn man das Programm in der Vorankündigung liest, erwartet man festlichen Glanz. Den erlebt man auch im positiv-erwartungsvoll gestimmten Publikum, den sieht man auf der großen Bühne – der Orchestergraben ist überdeckt – Dirigent, Solisten, Orchester in Frack und Abendkleid und nach der Pause der Chor (ebenso feiertäglich gekleidet) füllen die so geschaffene riesige Konzertbühne, es gibt prächtige Blumenarrangements. Am Ende gibt es freundlichen Applaus, heiter-entspannte Worte des Chefdirigenten samt Neujahrswünschen des gesamten Orchesters (angepasst den am Vormittag weltweit übertragenen Wünschen der Wiener Philharmoniker „Prosit Neujahr“) und zwei „Schlager“ als Zugabe. Aber irgendwie fehlte an diesem Abend doch das musikalisch Außergewöhnliche, der künstlerische Glanz.

Für Sieglinde und Siegmund hatte man zwei Gäste eingeladen – die allerdings beide ihre Partien zum ersten Mal sangen und die Noten vor sich auf den Pulten hatten.

Katrin Kapplusch kennt man in Graz schon von ihrem Gastspiel als Manon Lescaut – siehe dazu den Bericht vom 30.11.2012. Als Sieglinde überzeugte sie stimmlich vollends, sie artikulierte ausgezeichnet und vermittelte durch Körperhaltung und sparsame Gesten ideal die Rolle – und vor allem: die Noten vor ihr dienten offensichtlich nur als Gedächtnisstütze.

Ihr Siegmund hingegen hing sehr an den Noten, hatte dennoch immer wieder kleine Textschwierigkeiten und war als Bühnenfigur so gar nicht präsent. Franco Farina ist ein erfahrener Sänger, der sich jetzt gegen Ende seiner Laufbahn im italienischen Fach (immerhin seit seinem Debut als Rodolfo mit Mirella Freni 147 Met-Auftritte!) dem deutschen Heldenfach zuwendet. 2011 sang er in Weimar der Tristan, 2012 in Hamburg den Tannhäuser und in Köln den Florestan. Farina zeigte an diesem Abend eine dunkel timbrierte Belcantostimme – allerdings immer wieder auch deutliche Intonationstrübungen. Aus dem Hausensemble war der altgediente Konstantin Sfiris als Hunding aufgeboten. Noch immer beeindruckt sein schwarzes Material. Er singt als einziger auswendig – und macht in seiner gestischen Einsatzfreude (und manchmal auch übertriebenen Artikulation) das zu viel, was Farina nicht einmal anzudeuten versucht.

Der Chefdirigent des Hauses Johannes Fritzsch ist vor allem mit der Koordination beschäftigt – die Solisten stehen vor ihm und haben nicht so recht Kontakt mit ihm, das Grazer Philharmonische Orchester sitzt weit in die Tiefe des Podiums auseinandergezogen, wodurch die Balance zwischen den Streichern und den erhöht sitzenden Bläsern immer wieder gefährdet schien. Fritzsch betont sehr schön die großen melodischen Phrasen und spannt den Bogen von breiter Lyrik (sehr schönes Cello-Solo!) zu dramatischer Dichtheit. Packende Spannung stellt sich erst ganz am Ende des Aktes. ein.

Nach der Pause folgte zunächst Benjamin Brittens „The Young Person's Guide to the Orchestra“ – ein prächtiges Stück, das allen Orchestergruppen vielfältige Präsentationsmöglichkeiten einräumt. Die Grazer Philharmoniker nutzen diese Chance durchaus brillant.

Dann betreten Chor und Extrachor der Oper Graz das Podium und beweisen sofort in den a-cappella-Phrasen einer Szene aus Verdis „I Lombardi alla prima Crociata“ disziplinierte Klangschönheit. Nach einem militanten Ernani-Chor singt Kathrin Kapplusch sehr schön mit dem Chor einen kurzen Ausschnitt aus der Klosterszene aus „La Forza del Destino“ (der im Programm angeführte Pater Guardian bleibt stumm….). Es folgen der Zigeunerchor aus dem Troubadour und der Chor der schottischen Flüchtlinge aus Macbeth, bevor das offizielle Programm mit dem Triumphakt aus der Aida endete. Zwei Zugaben folgen: der Gefangenenchor aus Nabucco und Wagners Walkürenritt. Dabei fällt wie schon vor der Pause auf, dass Graz nicht die von Wagner geforderte Streicherbesetzung 16/16/12/12/8 aufgeboten hat, sondern dass leider nur 12/10/8/6/4 Streicher auf dem Podium sind, sodass die erhöht sitzenden Bläser unangemessen dominieren. Chor und Extrachor (sehr gut von Georgi Mladenov einstudiert) sangen prächtig – den zugegebenen Gefangenenchor ostentativ auswendig. Trotz großer Besetzung waren sie in der Aida allerdings ein wenig Opfer der Aufstellung – der Chor stand zwar erhöht, aber ganz weit im Bühnenhintergund hinter dem Orchester. Da konnten sie sich nicht gebührend gegen das Orchester durchsetzen, umso mehr als die „ägyptischen Trompeten“ wirkungsvoll von der Zuschauergalerie schmetterten.

Insgesamt: ein ordentliches, aber nicht außerordentliches Opernwunschkonzert zum Jahresbeginn.

Herman Becke

 

 

Verdis Frühwerk

GIOVANNA D'ARCO

Der Musikverein für Steiermark startete am 22.9.2012 das bevorstehende Verdi-Jahr mit einer halbszenischen Aufführung

Der Musikverein für Steiermark unter seinem stets einfallsreichen Generalsekretär Dr. Michael Nemeth hat in Graz die Nase vorne.

Foto von der Generalprobe ((c) Michael Nemeth, Musikverein)

Noch vor der Oper Graz, die ihre Saison erst am 6.Oktober mit Puccinis „Manon Lescaut“ in einer Inszenierung von Stefan Herheim eröffnen wird, startet der Musikverein in seine 198. (!)Saison mit einer Rarität. Verdis siebte Oper „Giovanna d’Arco“ erlebt nach 155 Jahren ihre erste Aufführung in Österreich. Nach der mäßig erfolgreichen Uraufführung im Jahre 1845 an der Mailänder Scala (permanenter Streit mit der Primadonna und finanzielle Auseinandersetzungen mit dem Intendanten) wurde diese Oper in Österreich bisher nur einmal im Rahmen der italienischen Stagione 1857 im Wiener Kärntnertor-Theater aufgeführt.

Vor dem Orgelprospekt der Konzertsaalbühne hängt eine Leinwand, auf die jeweils eine komprimierte deutsche Zusammenfassung des gesungenen italienischen Textes sowie geschichtliche Informationen und alte Stiche projiziert werden. Darüber die Embleme der englischen und französischen Königshäuser und eine Standarte der Jungfrau von Orleans. Chor und Solisten sind in Konzertkleidung. Zur Verdeutlichung der Handlung wechselt der Chor seine Chormappen, je nachdem, was er gerade repräsentiert. Und der Chor hat ja tatsächlich ganz verschiedene Gruppen zu verkörpern: Französisches Volk, französische Offiziere, englische Soldaten,Dämonen, Engel….. Einzige szenische Aktion: bei der Schlußszene der im Tod verklärten Giovanna wird die Standarte auf das Podium gebracht. Die Präsentationsform ist angemessen – der Ausdruck „halbszenisch“ allerdings wohl etwas hochgegriffen.

Aber im Mittelpunkt stand ja die Musik Giuseppe Verdis -  und die wurde unter der Leitung von Carlo Montanaro überaus spannungsvoll und engagiert wiedergegeben. Es spielte das ORF Radio-Symphonieorchester Wien (Konzertmeisterin: Maighréad McCrann, übrigens auch Professorin an der Grazer Kunstuniversität), es sangen Chor und Extrachor der Oper Graz (Einstudierung: Bernhard Schneider).

Man erlebte die von einem frühen Verdi erwartete Musik mit einer Fülle von martialischer Musik, „knatternden“ Chorsätzen, zündenden Cabalettas nach den schon im „Nabucco“ erfolgreichen Schemata. Das Fehlen der wahren Aspekte eines Jeannes d’Arc-Dramas störte weder das Publikum der Uraufführung noch der Gegenwart – wenn auch schon Eduard Hanslick nach der Wiener Aufführung 1857 geschrieben hatte, der „gute deutsche Komponist“ (Beethoven) wäre zu einer psychologischen Schilderung der inneren Kämpfe von Jeanne d’Arc in der Lage gewesen…

Der Dirigent Carlo Montanaro hat zurecht keine psychologisierende musikalische Interpretation versucht. Da wird ganz einfach mit nie nachlassender Spannung intensiv , saftig  - und völlig ungekürzt - musiziert. Die drei Protagonisten waren sehr gut ausgewählt.

Die musikalisch profilierteste Rolle ist die Bariton-Partie des Giacomo, der sich vom liebenden Vater in den seine Tochter verfluchenden Wüterich verwandelt, weil er sie von  bösen Geistern besessen hält. Gabriele Viviani verkörpert diese Rolle ideal mit dunkler, breit strömender Stimme, langem Atem und man versteht,dass er demnächst an der Scala den Renato im Maskenball singen wird. Dazu eine Anregung: die Baritonpartien des reifen Verdi brauchen wohl noch mehr Differenzierung,  als man diesmal hören konnte! In der Sopranpartie der Giovanna erlebte man Maria Agresta mit einer kompakten intensiven Leistung. Auch bei ihr wäre manchmal weniger mehr – wunderbare Pianotöne standen bisweilen etwas abrupt neben dramatischen Ausbrüchen. Sie wird übrigens gleich nach den beiden Grazer Aufführungen an der Scala die Mimi singen.

In der Tenorpartie des Königs war ursprünglich der ungarische Tenor Attila Fekete angekündigt. Er wurde – offenbar relativ kurzfristig – durch den in Graz wohlbekannten und geschätzten Franzosen Jean-Francois Borras ersetzt. Man kennt ihn hier als Edgardo, Rodolfo oder Sänger im Rosen-kavalier. Borras setzt sein stimmliches Metall durchaus wirkungsvoll ein, lyrische Phrasen klangen an diesem Abend manchmal etwas flach. Die beiden kleinen Nebenrollen wurden adäquat vom Tenor Robert Bartneck und vom Basisten Josef Pepper wiedergegeben.

Viel Jubel im vollbesetzten Stefaniensaal – das Publikum freute sich über einen kaum bekannten Verdi und eine saftige Wiedergabe. Ein Mitschnitt ist am 29.9.2012 im Rundfunk zu hören: ORF-Mitschnitt

Hermann Becke

Interview mit dem Dirigenten:   Interview Carlo Mantanaro

 

 

 

 

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