DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Immling 2013

Gut Immling steigert sich von Jahr zu Jahr


 

Besuchte Aufführungen: „La Traviata“ am 03.08.2013 und „Lucia di Lammermoor“ am 04.08.2013

 

Aufführungen wie aus einem Guss und Überraschungen zu Hauf

Jedes Jahr habe ich mehr von Gut Immling geschwärmt und immer wieder betont, dass es nun keine Steigerung mehr gibt. Dies werde ich jetzt einfach nicht mehr schreiben, weil ich mich sonst von Jahr zu Jahr unglaubwürdig mache. In diesem Jahr erlebten wir eine ganz tolle „La Traviata“ und eine sensationelle „Lucia di Lammermoor“ – doch für einen weiteren Paukenschlag hatte der rührige

Opernfestival-Intendant und Opernsänger Ludwig Baumann und die musikalische Leiterin Cornelia Gräfin von Kerssenbrock selbst gesorgt. Sicher, man wusste schon lange, dass die beiden ein Paar sind, aber jetzt haben beide Nägel mit Köpfen gemacht. Am 31.05.2013 heirateten beide und strahlten zu Recht, obwohl der Himmel weinte und es in Strömen goss. Der Rezensent geht davon aus, dass es Freudentränen waren, die der Himmel weinte. Es sei erlaubt, den beiden alles erdenklich Gute und alles Glück dieser Welt zu wünschen und beiden weiterhin ein so gutes Händchen beim Opernfestival Gut Immling zu besitzen.

Als erste Aufführung waren wir in „La Traviata“ und man konnte sehen, mit welchen einfachen Mitteln man auf die nicht unbedingt leicht zu bestückende Gut Immlinger Opernbühne, Leben vermitteln konnte. Die Regisseurin Waltraud Lehner aus München arbeitet mit übergroßen Türelementen und grau gehaltenen Polstern – aufgelockert von gut verteiltem modernen Zubehör. Violettas Krankheit wird in unsere Zeit transportiert, sie hat statt Tuberkulose Krebs, sie muss keine Hustenanfälle durchstehen, am Ende der Oper zieht sie sich langsam die Perücke vom Kopf, barfüßig und barhäuptig steht sie da, ein zartes Tuch, einen Schleier um den Hals, in einem hauchzarten Sommerkleidchen.

Es ist erschütternd, wenn sie diesen Tod stirbt, inmitten der Gesellschaft, an genau dieser Gesellschaft. Sonia Ciani, die glutvolle Römerin, ist hinreißend schön, mit ihrer roten Mähne und ihrem engagiertem Spiel, fast zu vital für die Figur der Violetta. Aber sie sieht nicht nur hinreißend aus, sie singt auch so. Zart und zurückhaltend, jedoch gleichzeitig leidenschaftlich und furios, die Koloraturen perlend hintereinander gesetzt und mit wunderschönem Piano. Ihr zur Seite ein leidenschaftlicher Alfredo. Fulvio Oberto prunkt mit einer bombensicheren glänzenden Höhe, mit viel emotionaler Leidenschaft, manchmal fast zu leidenschaftlich. Das große Liebesduett im letzten Akt treibt vielen der Zuschauer Tränen in die Augen. Was kann man sich von einem Opernabend mehr erwarten. Als Vater Germont glänzt der rumänische Bariton Adrian Marcan

Mit großem raumfüllendem Bariton zeichnet er den Vater zu Beginn als einen verabscheuungswürdigen Lustgreis. Er versucht Violetta zu begrabschen, während er ihr einen Moralvortrag hält. Er spielt einen gegen den anderen aus, bis er am Schluss doch etwas geläutert erkennt, dass Violettas Liebe zu seinem Sohn einzigartig ist. Keine Ausfälle gab es bei den weiteren Besetzungen mit Julia Stein als Flora, Katherina Wittmann als Annina und dem Gut Immling erprobten und gestählten „alten Haudegen“ Alik Ibrahimov als Gastone. Die Münchner Symphoniker werden von Cornelia von Kerssenbrock schnörkellos und direkt geleitet. Sie macht keine großen Mätzchen, sie lässt Verdi erschallen und erblühen. Das Orchester ist auch der geeignete Klangteppich für den immer wieder zu Recht zitierten Laienchor, der wie stets grandios eingestellt ist und die Szenerie belebt. Insgesamt eine stimmige Aufführung, die viel Szenenapplaus und einen langanhaltenden Schlussapplaus – völlig zu Recht – einheimsen kann.

Ja – und nach einer ganz tollen „La Traviata“ kam erneut eine Steigerung zum Vorjahr. Gaetano Donizettis Meisterwerk „Lucia di Lammermoor“ stand auf dem Spielplan und ich nehme es vorweg, das Publikum war restlos begeistert, ich habe selten so intensive Zwischenapplause und einen so fulminanten Schlussapplaus gehört, wie an diesem Abend. Und alles zu Recht. Es gab bei der kompletten Inszenierung keinen Ausfall und einen strahlenden Stern, aber der Reihe nach. Zu aller erst einmal einen großen Applausstern an die Regisseurin Verena von Kerssenbrock und ihren kongenialen Bühnenbildner Claus Hipp. Sie machen nicht nur das Beste sondern das Optimalste aus der Bühne in Gut Immling. Eine Bühne mit einer umlaufenden Empore, die durchgehend genutzt wird. Aufplatzende Wände, eine goldgerahmte alles erdrückende Ahnengalerie, die immer fordernder wird, sich letztendlich zu einem Totenfeld formiert und auf eine ganz einfache, dadurch umso beeindruckendere Art das Geschehen dem Publikum näherbringt. Ein tolles Bühnenbild, zu dem man dem Gespann Kerssenbrock/Hipp nur gratuliert werden kann (und das schon über die vergangenen Jahre hinweg).

Cornelia von Kerssenbrock              ist auch an diesem Abend eine imponierende Begleiterin. Sie bringt die Musiker des Immlinger Festivalorchesters zur Höchstform, junge Musiker aus ca. 14 Nationen, u.a. von Georgien über Rumänien, Frankreich, Holland, Mazedonien bis Australien, Österreich und Bayern. Sie dirigiert zupackend und fordernd, ist aber, gerade in den Szenen mit Lucia filigran, zurückhaltend und die Sänger umschmeichelnd. Wie immer eine ganz ausgezeichnete Leistung, ebenso wie der Laienchor, den man sich kaum noch wagt so zu bezeichnen.

Und nun zur Besetzung. Und hier als erstes ein einmaliger Glücksfall für Gut Immling. Ludwig Baumann ist mit der blutjungen georgischen Sopranistin Tatiana Larina ein großes Wagnis in dieser Partie eingegangen und hat alles gewonnen. Zart und zerbrechlich steht sie auf der Bühne, verängstigt durch die Ahnen, deren Porträts ständig präsent sind und sie zu erdrücken drohen. Und wenn sie den Mund öffnet um zu singen, läuft einem ein Schauder über den Rücken. Glasklare Koloraturen, wie gestochen, Höhen, die sie ohne jegliche erkennbare Anstrengungen meistert, grandiose Spitzentöne, die das ganze über einen normalen Opernabend hinausheben. Das Publikum rast und geizt nicht mit Zwischenbeifall, nicht nur bei der berühmten Wahnsinnsarie, in welcher sie viele ihrer bekannten Vorgängerinnen fast vergessen lässt. Von dieser Tatiana Larina wird man mit Sicherheit noch viel hören.

Dank an Ludwig Baumann, der diese großartige Stimme, aber auch Person auf die Bühne in Gut Immling geholt hat. Und das tolle an dieser Aufführung ist, dass es keine Ausfälle bei den Protagonisten gibt. Der Sir Edgardo von Xavier Moreno ist ein „Hoppla hier bin ich“ Liebhaber erster Güte. Unbekümmert mit kräftigem strahlendem Tenor ist er ein kongenialer Partner von Tatiana Larina. In Barcelona geboren stellt der junge Spanier einen Liebhaber auf die Bühne, der seine Leidenschaften nicht zügelt – und das ist gut so. Im letzten Jahr hoffte ich, dass der exzellente Bass Kirill Borchaninov einmal eine größere Rolle bekommt. Ja – und dieses Jahr war es so weit. Überzeugend gab er den Raimondi, bass gewaltig, die Stimme schwarz und fulminant, dem Outfit und seiner Seele entsprechend. Eine ganz ausgezeichnete Leistung – auch vom darstellerischen her. Lucias Bruder Enrico wurde von dem amerikanischen Bariton Victor Benedetti gegeben. Mit kräftigem, durchschlagskräftigem Bariton wird er seiner Rolle ebenso gerecht wie der kraftvolle, helle Tenor von Max An als Lord Arturo und der in vielen Jahren bewährte bewegliche und sehr schöne Tenor von Alik Ibrahimov als Normanno (in der anschließenden hautnahen Begegnung mit den Opernstars im großen Festzelt sangen dann Xavier Moreno, Max An, Kirill Borchaninov, Alik Ibrahimov und viele andere dann noch eine Arie nach der anderen und so toll, dass man nicht glaubte, dass sie alle schon einen anstrengenden Opernabend mit Bravour hinter sich gebracht haben. Und auch das ist Gut Immling, einfach einzigartig!).

Zwei tolle Inszenierungen, bei welcher die „Lucia di Lammermoor“ die Nase noch ein wenig vorne hatte, machen wieder Lust auf das nächste Jahr. Im Gespräch sind „Othello“, oder auch „Der Bajazzo“. Genau wissen werden wir es voraussichtlich wieder erst Ende September bis Anfang Oktober, wenn Ludwig Baumann die Karten lüftet. Die Reise in den Chiemgau war wieder ein Erlebnis – und das werden wir mit Sicherheit auch im nächsten Jahr nicht versäumen.

Manfred Drescher, 15.08.2013               Fotos Julia Binder, Gut Immling

 

 

In Gut Immling ist das Bessere der Feind des Guten

Immling 2012

Der Geheimtipp – der bald keiner mehr sein wird

 

Besuchte Aufführungen „Figaros Hochzeit“ am 20.07.2012 und „Der Troubadour“ am 22.07.2012

Im letzten Jahr habe ich erneut von Gut Immling geschwärmt und versucht die Philosophie zu erklären. Und ich habe festgestellt, dass ich noch nie eine so hervorragende „Aida“ gesehen habe wie 2011. Ja – und ich war überzeugt davon, dass dies nicht mehr zu toppen ist. Ja – und auch hier wieder habe ich mich völlig geirrt. Doch der Reihe nach. Nachdem ich mit meiner Gruppe (von denen die meisten schon zum dritten Mal dabei waren – und auch das zeugt von der Einzigartigkeit Gut Immlings) angekommen war, machten wir uns bereit zur ersten Aufführung „Die Hochzeit des Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Ich muss zugeben, dass ich kein so großer Mozart-Fan bin und dass ich auch moderne Inszenierungen nicht besonders mag, vor allem, wenn sie das ganze Stück ad absurdum führen. Ja, auch diese Inszenierung von Waltraud Lehner war sehr modern inszeniert, ja, man musste bei den Bühnenbildern manchmal schlucken – aber – und das war auch wieder das Einzigartige an Gut Immling, es passte alles irgendwie zusammen. Man konnte sich in diese Inszenierung hineinversetzen und sie bis zum Schluss genießen. 

Ob der Graf mit einer Kettensäge statt mit dem Degen kämpfte, ob Hasenohren dem Zuschauer um die Ohren wackelten – all das wahr hinnehmbar, nein, es war auch überwiegend amüsant und stimmig. Das lag natürlich vor allem auch an den – wie fast immer in Gut Immling - hervorragenden Interpreten. An erster Stelle sei die zupackende, zu jedem Zeitpunkt das Geschehen vollkommen im Griff habende Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock genannt. Unbeschwert, locker, luftig, manchmal einem Sommernachtstraum gleichend, führte sie das hervorragende Festivalorchester Gut Immlings zu Höchstleistungen. Über den Festivalchor, der sich fast ausschließlich aus Sängern der Gegend zusammensetzt, braucht nicht mehr viel gesagt zu werden, er war wie immer brillant. Die Sänger wurden richtig mitgerissen und waren nicht nur äußerst spielfreudig sondern brachten auch überdurchschnittliche Leistungen, das Niveau, auf welchem praktisch alle sangen war sehr hoch angesiedelt. Der Figaro von Adam Kim ist sehr beweglich, der Stimmansatz füllig und warm, eine gute Leistung, ebenso wie die quirlige, kokette und gleichzeitig liebreizende Susanna von Debra Stanley. Mit ihrem leuchtenden Sopran, der geschmeidig und vollblühend ist, macht sie verständlich – auch vom optischen her – warum sich so viel um sie reißen. Eine tolle Leistung auch von Tijana Grujicic als Cherubino. Darstellerisch gibt sie eine hervorragende Leistung ab, aber auch mit ihrem Timbre, welches schmelzend und verführerisch viele Nuancen auskostet, kann sie punkten. Den Graf als liebestollen frauenmordenden Liebhaber, stellt mit einem sehr beweglichen Bariton Adrian Marcan dar, dem man seine Eskapaden nur zu gern glaubt. Lang anhaltender Beifall des amüsierten Publikum, welches einen unbeschwerten Opernabend erlebt hat.

Vor dem „Troubadour“ waren wir am Vormittag des Aufführungstages auf dem „Gnadenhof von Ludwig Baumann“. Er selbst und die charmante Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock führten uns durch das Gelände. Pferde, Hasen, Hängebauch-schweine, ja selbst Kamele (von einem Zirkus, der sie nicht mehr finanzieren konnten), leben hier mit- und nebeneinander und es ist beeindruckend, wie sehr sich die beiden Künstler mit Helfern um die Tiere kümmern, die sonst keine Chance des Überlebens hätten. Man erzählt uns auch von den immensen Kosten (neben Futter vor allem die Tierarztkosten), die hier auf einen zukommen, man bringt aber auch zum Ausdruck, dass es etliche Gönner gibt, die ihr Scherflein beitragen und ohne die ein Überleben für die Tiere unmöglich wäre. Jeder Gut Immling Besucher sollte sich auch einmal den Gnadenhof anschauen und auch ein paar Kreuzer in die Spendenbox werfen – die Tiere verdienen es.

Am Abend kam das das Highlight unseres Aufenthalts. Ja, die „Aida“ des Vorjahres wurde getoppt. Diese Aufführung war optisch und akustisch ein Erlebnis. Immer auch unter der Kenntnis der begrenzten Möglichkeit der Bühne in Gut Immling. Und wir erlebten einen überwiegend konventionellen Troubadour. Die Inszenierung von Verena von Kerssenbrock, der Schwester der Dirigentin, war voller Emotionen, voller Leidenschaft, die sie auch auf der Bühne zeigte, ohne Umdeutungen, nein klar und die nicht unbedingt leichte Oper verständlich inszeniert – und das ist eine ganze Menge. Gemeinsam mit Claus Hipp war sie auch für das stimmige Bühnenbild zuständig. Vorzüglich erneut Cornelia von Kerssenbrock. Sie hatte am Vortag des „Troubadour“ einen Unfall erlitten und sich die linke Hand, die stark bandagiert war, verletzt. Davon merkte man nichts mehr. Sie leitete die Münchner Symphoniker mit zarter aber harter Hand, ließ es erblühen, nahm es aber in den Gesangspassagen erfreulich zurück um es dann wieder zupackend jubilieren zu lassen. Eine tolle Leistung – auch von den Münchner Symphonikern . Man sagt immer, dass eine Aufführung des Troubadour nur dann funktioniert, wenn man die vier besten Sänger, die es gibt, für die Hauptrollen aufbieten kann. Und in Gut Immling waren die Sänger „bombig“. Mario Zhang gab den Manrico und seine Stimme überstrahlte glasklar das Orchester. Die Töne standen wie zementiert und er gab bis zum letzten Ton sein bestes – und das war grandios (in der anschließenden hautnahen Begegnung mit den Opernstars im großen Festzelt sang er dann noch die Arie des Bajazzo und so unnachahmlich, dass man nicht glauben konnte, dass er bereits eine mörderische Partie „in den Knochen“ hatte. Bravo Zhang). Jana Dolezilkova als Leonora wurde vom Publikum ebenfalls verdientermaßen gefeiert, auch wenn ich mich über noch etwas mehr Durchsetzungsfähigkeit der Stimme gefreut hätte. Sensationell dann wieder die Azucena von Mirouslava Yordanova. Die Mezzosopranistin beherrscht die Szene, darstellerisch aber vor allem musikalisch. Die Stimme sitzt bombensicher, leuchtend, trägt in allen Lagen und vermittelt uneingeschränkte Beherrschung der Rolle. Zu Recht wurde sie am Ende der Vorstellung umjubelt. Ebenso wie Graf Luna von Kyung Chun Kim, dessen durchschlagskräftiger markanter Bariton ebenfalls großen Beifall fand. Erwähnt auch Kirill Brochaninov als Ferrando, dessen finsterer, den Raum füllender Bass aufhorchen ließ und für den man sich eine größere Rolle wünschen würde. Dass der Festspielchor wieder zu den Meriten des Abends zählte, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden. Eine ausgezeichnete Inszenierung, die Lust auf nächstes Jahr macht, wo u.a. die Aufführung von „Turandot“ im Gespräch ist. Nächstes Jahr gehen die Festspiele vom 22.06.2013 bis zum 11.08.2013, ich freue mich schon darauf und kann jedem erneut einen Besuch im Chiemgau nur wärmstens ans Herz legen.

Manfred Drescher          Fotos : Julia Binder

 

 

 

Le Nozze di Figaro

Vorstellung am 29.07.12 (Premiere am 30.06.2012)

(Häschen-)Jagdszenen aus Oberbayern: Figaros Hochzeit einmal anders als freche italo-bajuwarische Komödie

Im Programm ist vermerkt: Spieldauer zweieinhalb Stunden, 30 Minuten Pause. Zum Glück zählt die Pause extra, denn schon bei zweieinhalb Stunden reiner Spielzeit ist das Stück ungewohnt kurz, wodurch es dramaturgisch nicht ganz stringent wirkt. So ist etwa die Auftrittsarie des Don Bartolo im ersten Akt gestrichen, wodurch der Auftritt der Marcellina etwas in der Luft hängt, obwohl die Regie sie als dralle offenherzig kostümierte, manns- (genauer: Figaro)-tolle Figur mit einigen stummen Extraauftritten profiliert. Auch die Duettszene Gräfin-Susanna im dritten Akt ist beim Briefchenschreiben gekürzt, weshalb man sich später wundert, wo dieses Briefchen mit der bedeutsamen Nadel herkommt. Auch hier ist Ausgleich durch die riesige Größe dieses Objekts als Hutnadel geschaffen, so dass die dann nicht mehr übersehen werden kann. Ansonsten ist im dritten und vierten Akt an den Rezitativen gekürzt worden, teilweise werden diese zur Straffung des Geschehens simultan vorgetragen, was zwar ebenfalls nicht zur Verklarung des Geschehens beiträgt, aber in dem einen Falle einer Überlagerung von sogar drei Duett-Rezitativen eine enorme Wirkung erzielt. Die Rosenarie ist umgestellt und wohl wegen ihrer Berühmtheit aus dem dramaturgischen Konzept herausgenommen. Im Ganzen aber geht das Spiel dramaturgisch auf, besonders im vierten Akt, in welchem das Verkleidungsspiel so in Grenzen gehalten wird, dass auch die weniger gewieften Figarokenner immer wissen, wer hier wer ist.

Waltraud Lehner zeichnet für die Regie verantwortlich und lässt ein frech-witziges Spiel aufführen, in welchem man mit einer Spaßgesellschaft der Jetztzeit konfrontiert wird. Wie in der Originalfassung ist es auch in dieser Inszenierung nur der Gärtner Antonio, der einer sinnvollen Beschäftigung nachgeht. Alle sind allen zugetan ; besonders die Gräfin in fast schon peinlicher Weise em Cherubino. Drei große Bretterverschläge bilden das gekonnte Bühnenbild von Elisabeth Pedross. Die Darsteller bringen während der Ouvertüre auf den Bretterverschlägen den Nebentitel der Oper an: « Der tolle Tag ». Bei der letzten Szene im vierten Akt steht « Wald » darauf. Da weiß man, wo man ist. Der Graf fühlt sich so wichtig, dass er schon während der Ouvertüre über die Bühne läuft und sich stolz vorstellt: « sono il conte Almaviva ». Wie bei Theaterbühnen der Vorhang geöffnet wird, werden die drei Verschläge bei Spielbeginn nacheinander in Position, d.h. ihre offenen Seiten nach vorne gedreht, so dass sie einzeln oder kombiniert die verschiedenen Spielorte der Komödie glaubhaft machen. Obwohl er in den ersten Szenen noch gar nichts darzustellen hat, sieht man den Grafen aber schon in einem Raum neben einem Fernsehsessel mit allem Komfort, wie er sich fit macht für die Abenteuer, die er sich verspricht : kein Alkohol, sondern ein isotonisches Getränk. Später wird dieser Sessel teilweise für die Stuhlszene gebraucht. Cherubino ist ein Tunichtgut in schwarzer Flatterhose, blauer Nylon-Weste und blauer Strickmütze; Susanna und die Gräfin in leicht bunter Sommerkleidchen kostümiert; Figaro in rotem Hemd und ärmelloser gestreifter Weste wie eben ein Gehilfe. Die hübschen Kostüme stammen von Yvonne Forster.

Vor einem der Bretterverschläge sitzt ununterbrochen ein altes Mütterchen und strickt. Die Gräfin hat sich viele Schuhe bestellt. Ein Kommis, der sich später als Don Curzio herausstellt, schleppt unermüdlich weitere Schuhkartons an und nimmt auch wieder welche mit: bei Nichtgefallen Rückgaberecht innerhalb von 365 Tagen. Die Kartons stapeln sich so hoch, dass man dahinter den Cherubino verstecken kann. Der Chor trägt Häschenkostüme und Hasenmasken. Bei Figaros « non più andrai » kommt eine lokale Bewegungstruppe in Häschenmasken und weißen Zielscheibenringen auf den schwarzen Oberteilen zum Einsatz: auf die wird mit Schießwerkzeugen eine Jagd simuliert, wobei die Häschen über die gesamte Bühnentiefe und -breite toben. Etliche, schon viel gesehene Regie-Stereotypen der Nozze mischt die Regisseurin neu auf und erzielt damit gute Wirkungen. Dazu kommen viele gelungene Regieeinfälle. Der Graf kommt nicht von der Jagd zurück, sondern hat seinen « Ausritt » auf einem modernen Sportfahrrad unterbrochen und kommt damit gerade zum Gemach der Gräfin geradelt. Zum Öffnen der Tür zum Cabinetto holt er sich eine lächerlich winzige Kettensäge aus der Bastelstube und tritt zu einer frisch komponierten dumpfen Schreckensmusik an die Schranktür. Die geht plötzlich von allein auf; dem Grafen fällt die Kinnlade hinunter; aber nicht Susanna tritt hervor, sondern der Graf zurück. Zu jeder Zeit hält Waltraud Lehner in ihrer Personenführung eine kleine Überraschung bereit und hat die Lacher immer auf ihrer Seite. Die meist jungen Sängerdarsteller bringen das alles durchweg gekonnt rüber.

Mit der Spritzigkeit des Geschehens auf der Bühne konnte das etwas über dreißigköpfige Festivalorchester 2012 nicht mithalten. Es setzt sich aus Musikern der Georgian Sinfonietta und Studenten der deds Mozarteums Salzburg zusammen. Es wurde zwar engagiert und auch inspiriert aufgespielt; aber es kam kein filigran-transparenter Mozart heraus, sondern ein breiter, teilweise breiiger Klang, noch dazu von vielen Unschärfen durchzogen. Auch im Zusammenwirken zwischen Sängern und Orchester herrschte vielfach diffuse Unschärfe, so als ob die Sänger nicht auf den Stab der Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock schauten, sondern sich nach den Einsätzen des Konzertmeisters richteten. Warum unterbricht eine gewaltige Generalpause den Fluss des genial konzipierten und komponierten Finales des zweiten Akts? --- Gut eingebunden und hinreichend präzise erschien der Festivalchor Gut Immling, ebenfalls von Frau von Kerssenbrock einstudiert. Die Secco-Rezitative sind größtenteils uminstrumentiert, teilweise auch anders komponiert, um Verfremdungseffekte zu erzielen. Dazu gibt es von der Gräfin noch eine Sprecheinlage in Landessprache (ohne Übertitelung).

Das Sängerensemble erfreute das Publikum mit homogener Qualität auf hohem Niveau. Adam Kim gab die Titelrolle mit kernig-kräftigem Bariton in bester Textverständlichkeit und sehr bewegtem Spiel. Kontrastierend dazu der wesentlich heller timbrierte kultivierte Bassbariton von Adrian Marcan als Graf Alamaviva. Don Basilio (von der Regie in ein modernes Türkenkostüm gesteckt) wurde von Alik Ibrahimov mit klarem, hellem Tenor gesungen. Debra Stanley überzeugte mit schlankem Sopran und schlanker Statur als Susanna. Sieglinde Zehethauser, auch sie superschlank, war in ihrer Kavatine zu Beginn des zweiten Akts noch nicht ganz präsent. Aber ihr « dove sono i bei momenti » gestaltete sie so überzeugend, dass sie das Publikum völlig auf ihre Seite brachte. Tijana Grujic gab den pubertierenden Cherubino sauber und klar mit schön nuancierter Färbung. Das Nebenpersonal sei hier einfach nur aufgezählt, denn es wurde ja weitgehend seiner solistischen Einsätze enthoben: Antonela Barnat als Marcellina hatte neben ihren Ensembles noch den größten szenischen Einsatz als Marcellina; Jacek Janiszewski wirkte als Bartolo, Jenisbeck Piyazov als Gärtner Antonio, Andreas Smettan als Curzo, und Jennifer Riedel gefiel als Barbarina.

Alles in allem ein vergnüglicher und unterhaltsamer Abend, für den das Publikum aus dem fast ausverkauften Saal anhaltenden herzlichen Beifall spendete. Die letzte der insgesamt sechs Vorstellungen findet am 10.08. statt.

Manfred Langer, 03.08.2012

Fotos : Julia Binder

 

P.S.

Die Atmosphäre auf dem Gut Immling ist freundlich, locker und ländlich. Das Publikum von ganz leger bis hin zu gepflegtem Chique. Der Blick gleitet über Felder und Wäldchen über den weiten Chiemgau, nach Süden zu den dazugehörigen Alpen. Kuhglocken laden zum Einnehmen der Plätze ein. Wenn man mit dem PKW anreist, sollte man das Navigationsgerät nicht auf Immling einstellen, sondern am nördlich Ortsrand von Bad Endorf nach unscheinbaren Schildern Ausschau halten, die auf die Parkplätze in einem Gewerbegebiet hinweisen, von wo aus Pendelbusse über abenteuerlich schmale Feldwege das Publikum zum Spielort bringen.

 

 

 

 

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