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SUSANNAH

Besuchte Aufführung: 17. 6. 2012   -   2. Kritik

Individuum contra Kollektiv

- Man muss schon sagen, das kleine Theater Hagen hat ein gutes Händchen für Raritäten. Dass das nicht übertrieben ist, hat sich erst jüngst wieder eindrucksvoll bestätigt: Die Aufführung von Carlisle Floyds in Amerika sehr beliebter, in Deutschland aber nur selten gespielter Oper „Susannah“ geriet zu einer interessanten Angelegenheit. Bei diesem Werk handelt es sich um eine gelungene Modernisierung des biblischen Stoffes von Susannah im Bade aus dem Buch Daniel. Floyd siedelt seine Oper um 1950 in einem kleinen Dorf in Tennessee an. Eines Morgens beobachten die Dorfältesten heimlich Susannah, wie sie splitternackt in einem Bach badet. Die entrüsteten Alten machen das Ereignis im ganzen Dorf publik, worauf Susannah aus der Gemeinschaft ausgestoßen wird. Der Prediger Blitch versucht sie in einem Gottesdienst zur öffentlichen Bekennung ihrer Sünde zu bewegen, worauf sie flieht. Später besucht Blitch Susannah in ihrem Haus und versucht erneut, ihr die Beichte abzunehmen. Als sie sich weigert, vergewaltigt er das Mädchen. Dabei erkennt er, dass sie noch Jungfrau war und bittet am nächsten Tag um Vergebung für seine Tat, die ihm aber von seinem Opfer verweigert wird. Susannahs inzwischen zurückgekehrter Bruder Sam rächt die Schwester und erschießt den Prediger im Taufbach. Die Dörfler versuchen Susannah zu vertreiben, werden von ihr aber mit einem Gewehr verscheucht. Einsam und verlassen bleibt sie zurück.

Floyds Oper trifft hervorragend den Geist seiner Entstehungszeit. Es ging dem Komponisten darum, mit diesem Werk die Auswüchse der McCarthy-Ära anzuprangern. Unter dem Vorwand der Verteidigung des amerikanischen Wertesystems vor den Gefahren des Kommunismus machten sich damals Denunziantentum und Ächtung Andersdenkender breit. Gesellschaftliche Diskreditierungen und Stigmatisierungen standen auf der Tagesordnung, um sog. „unamerikanischen Aktivitäten“ vorzubeugen. Auf einen gemeinsamen Nenner gebracht könnte man die damaligen Zustände in Amerika als politische Inquisition und moderne Hexenjagd bezeichnen. Um nichts anderes geht es in der „Susannah“. In ihr versammeln sich sämtliche Widersprüche und Probleme dieses ungemein problematischen Zeitalters in den USA, gegen das Floyd verständlicherweise opponierte und dessen Repräsentanten er mit diesem Stück nachhaltig den Spiegel vorhielt. Auch Roman Hovenbitzer geht es in seiner gelungenen Inszenierung letztlich um die Anprangerung einer einem ausgeprägten religiösen Fundamentalismus hörigen Gesellschaft, deren bigottes und heuchlerisches Verhalten zunehmend reaktionäre und bösartige Züge annimmt und damit dem traditionellen Wertesystem rigoros zuwiderläuft. Dabei wird deutlich, dass derartige Missstände nicht nur der McCarthy-Ära anhafteten, sondern auch heute noch in verschiedenen Gesellschaftssystemen zu finden sind. Die in der „Susannah“ behandelten Konflikte sind im Grunde genommen zeitlos und können in nahezu jedem Zeitalter auftreten.

Demgemäß ist auch das von Jan Bammes entworfene Bühnenbild zeitloser und abstrakter Natur. Die Handlung spielt sich in einem nüchtern anmutenden Raum mit nach hinten ansteigendem Bretterboden ab. Geometrische Formen und angedeutete Gitterstäbe bestimmen die Szene. In diesem symbolischen Kerker sind die meisten Handlungsträger Gefangene - und zwar ihrer selbst, ihrer Intoleranz und ihrem wahnhaften Eifer. In diesem Ambiente zeigt der Regisseur die Mechanismen eines nachhaltig aus dem Ruder gelaufenen Kollektivsgedankens auf und spürt den Ursachen einer fatalen Gruppendynamik nach, die ungebremst letztlich jeden gnadenlos ins Verderben führen müssen. Um Freiheit des Willens gegenüber kollektiven Zwängen geht es hier, um den Kampf des Individuums gegen eine Gesellschaftsordnung, deren Fundamente recht fragwürdiger Natur sind. Susannahs Schicksal steht stellvertretend für alle aus der Gemeinschaft Ausgestoßenen, die es gewagt haben, der in ständiger geistiger Kurzsichtigkeit verharrenden Masse hellsichtig zu trotzen, sich gegenüber dieser aber letztlich nicht behaupten konnten. Die im Hintergrund quer über die Bühne verlaufende Schrift „Love the Lord thy God and thy neighbour as thy self“ wirkt unter diesen Voraussetzungen wie blanker Hohn. Dem korrespondiert ein zeitweilig im Hintergrund aufleuchtendes Kreuz. Den auf Brustumhängen geschriebenen aufgesetzten Schmähungen der Dorfbewohner, wie beispielsweise „I am vain“, „I am greedy“, „I’m faithless“ und „lazy“, unter die sich auch ein rüdes „guilty“ mischt, setzt Susannah ihr schlichtes „innocent“ entgegen. Das ihr von den Ältesten vorgeworfene sündhafte Verhalten ist letztlich nur eine auf sie gerichtete Projektion - Feuerbach lässt grüßen - der sündhaften Gedanken und sexuellen Begierden der Männer, für die sie einen Katalysator benötigen und diesen schließlich in Susannah finden. Hier driftet die Inszenierung gekonnt in psychologische Gefilde ab, die dem Ganzen eine ganz eigene und delikate Würze geben und auch das pessimistische Ende prägen. Dabei wird es nie langatmig. Es gelingt Hovenbitzer nachhaltig, mit sparsamen Mitteln packendes Musiktheater auf die Bühne zu stellen, wobei er die überzeugend gezeichneten Figuren logisch und stringent zu führen weiß.

Floyd hat eine vielschichtige Musik geschrieben. Mit verschiedenen Stilmitteln braut er ein recht abwechslungsreiches musikalisches Ragout zusammen, das Anklänge an Puccini und Debussy ebenso aufweist wie Bezüge zum Musical und zur Volks- und Filmmusik. Zudem sind vielfältige Elemente aus dem Square Dance, des Gospel und von verfremdeter Choralmusik in die Partitur eingearbeitet, die wie ein einziges großes dramatisches Melodram mit teilweise sehr sehnsuchtsvollen Klängen wirkt. Als bestes Beispiel dafür kann Susannahs herrliche Arie „Ain’t it a pretty night?“ im ersten Akt gelten. In den manchmal verwendeten Leitmotiven ist ein leichter Einfluss Richard Wagners zu spüren. Und der musikalisch äußerst dramatisch angelegte Gottesdienst im zweiten Akt wäre ohne das Vorbild des Bayreuther Meisters wohl nicht möglich gewesen. In Bernhard Steiner hat Floyds Werk einen guten Sachwalter gefunden, der die verschiedenen Klangschichten effektiv gegenüberzustellen und dynamisch aufzufiltern versteht, ohne dabei den durchgehenden musikalischen Bogen aus den Augen zu verlieren. In seinen Intentionen ist ihm das gut gelaunt aufspielende Philharmonische Orchester Hagen ein versierter Partner.

Jaclyn Bermudez vermochte als Susannah in erster Linie schauspielerisch für sich einzunehmen. Die Seelennöte des gepeinigten Mädchens hat die gut aussehende Sängerin mit großer darstellerischer Intensität glaubhaft zu vermitteln gewusst und auch sonst eindrucksvoll gespielt. Auf der gesanglichen Seite gab es indes bei ihr einige Defizite. Mit den Erfordernissen einer soliden italienischen Technik scheint die junge Sopranistin - noch - nicht vertraut zu sein. Ihr unterkühlter und in der Höhe hart klingender Sopran wies überhaupt keine Körperstütze und auch kein appoggiare la voce auf und wurde ziemlich flach geführt, woraus insbesondere in der Höhe manchmal recht grelle Töne resultierten. Die Stimme muss gegen das Brustbein gestützt werden und dabei eine leichte, kaum spürbare Gegenbewegung ausgeführt werden, wobei ständig eine Gähnstellung einzunehmen ist. Nur auf diese Weise kann sich ein runder, warmer und gefühlvoller Stimmklang einstellen. Und daran fehlt es Frau Bermudez noch gänzlich - ebenso wie den Tenören Jeffery Krueger (Little Bat McLean), Richard van Gemert (Mr. Hayes), und James Wood (Mr. Gleaton), die allesamt nur über sehr dünnes Stimmmaterial verfügten. Schlecht war es auch um die unstet und sehr halsig singende Marilyn Bennett in der Partie der Mrs. McLean bestellt. Da schnitten Dagmar Hesse (Mrs. Gleaton), Tanja Schun (Mrs. Hayes) und Rena Kleifeld (Mrs. Ott) mit besser focussierten Stimmen schon gefälliger ab. Ein sehr markant und kernig singender Mr. McLean, der Lust auf mehr machte, war Raymond Ayers. Ein solider Mr. Ott war Orlando Mason. Schwierigkeiten mit der englischen Diktion dürften der Grund dafür gewesen sein, dass Charles Reid, den man noch aus seiner Mannheimer Zeit in guter Erinnerung hatte, in der Partie des alkoholkranken Sam Polk zeitweilig die Körperstütze seines Tenors verlor und in den Hals ging. Dieses Problem bekam er aber immer wieder schnell in den Griff. Die beste Leistung des Nachmittags erbrachte eindeutig Rainer Zaun, der als Berlusconi nachempfundener Prediger Blitch nicht nur darstellerisch ungemein überzeugte, sondern mit seinem wunderbar italienisch geschulten sonoren Bass-Bariton auch gesanglich voll an seine alten Nürnberger Erfolge anknüpfen konnte. Vokal ordentlich präsentierte sich der von Wolfgang Müller-Salow einstudierte Chor.

Fazit zum Schluss: Trotz der insgesamt nicht sonderlich überzeugenden gesanglichen Leistungen ist der Besuch der Aufführung zu empfehlen, denn hier handelt es sich um eine echte Rarität, die sich kein Opernfreund entgehen lassen sollte. Vielleicht sind zumindest die beachtliche Produktion und die imposanten Leistungen von Dirigent und Orchester der Auslöser für eine Renaissance dieses reizvollen Werkes, das im Repertoirebetrieb der deutschsprachigen Opernhäuser zu Unrecht ein Schattendasein führt und dringend dem Strudel der Vergessenheit entrissen werden sollte.

Ludwig Steinbach

 

 

 

SUSANNAH

besuchte Aufführung am 10.03.12  -  Premiere am 23.03.12

Amerikanisches Bibeldrama

Das Stadttheater Hagen wächst gerade bei seinen mutigen Projekten immer wieder über sich hinaus, so jetzt bei dem neuesten Beitrag in die amerikanischen Linie: Carlisle Floyds Oper "Susannah" (1955) gehört in den USA schon zu den oft gespielten Klassikern der amerikanischen Moderne. Der Opernerstling greift das alttestamentarische Thema der "Susanna im Bade" auf und versetzt es in den "Bible Belt", nach Tennessee.

Die junge Susannah und ihr Bruder Sam leben frühverwaist als Aussenseiter am Rande eines Ortes, als der Wanderprediger Olin Blitch kommt, suchen die Honoratioren nach einem Taufbach für die Gemeinde, in dem sie die unwissend beobachtete Susannah nackt anschauen. Anschließend wird die junge Frau im Ort diffamiert, sogar von Blitch vergewaltigt, der dabei ihre Unschuld entdeckt.

Doch auch in seiner Reue kann er den Mob nicht aufhalten und wird vom alkoholisierten Bruder Sam erschossen.Susannah verteidigt sich mit einem Gewehr gegenüber den Dorfbewohnern und bleibt zurück - offenes Ende. Floyd schreibt zu diesem Sujet über einfache Menschen eine einfache Musik, die mit Tanznummern, Arien und Ensembles recht konventionell wirkt, doch recht effektvoll die dramatischen Begebenheiten erfüllt, ja recht mitreißend den Sängern ihre Aufgaben austeilt, kein Wunder , daß diese Musik im "sophisticated Europe" der Nachkriegsjahre verschmäht wurde. In den USA wurde sie jedoch zum großen Erfolg und wird immer wieder aufgeführt.

Lediglich eine Bretterbühne aus Palletten und ein veränderbares Segment stellt Jan Bammes der Inszenierung von Roman Hovenbitzer zur Verfügung, durch geschickte Beleuchtung und kleine Veränderungen durch Requisiten wird der jeweilige Handlungsort in schnellen Wandlungen sofort erkennbar, Bammes Kostüme huldigen dem historischen Realismus der strengen Religionsgesellschaft des Ortes Ebenso auf den Punkt bringt Hovenbitzer seine Regie, immer bei den Darstellern, ohne jegliche Mätzchen, dabei geschickt ausdrucksvolle Tableaus aufbauend.

Mit Jaclyn Bermudez als Susannah besitzt das Hagener Haus eine perfekte, glaubhaftige und anrührende Darstellerin mit einem schön aufleuchtenden Sopran. Charles Reids interessanten Tenor möchte man , wenngleich auch nur als Gast, bald wieder hören, sein Sam stellt eine realistische Person auf die Bühne, ebenso wie Rainer Zaun einen facettenreichen Charakter gibt, sein Olin Blitch gefällt durch vielfarbigen, ausdruckstarken Bassbariton, wie in einer absolut nicht eindimensionalen Darstellung. Jeffrey Krueger spielt anrührend den einfältigen, in Susannah verliebten Little Bat McLean, der gegen seinen Willen von den Dorfältesten instrumentalisiert wird, die anderen Ensemblemitglieder geben nuancierte Menschenstudien mit ebenso glutvollen Vokalprofilen von sich, wie der Chor engagiert, klangstark und spielerisch ausgefeilt die Dorfgemeinschaft gibt.

 

David Marlow als Gast läßt das Philharmonische Orchester eine animierte, mitreißende Vorstellung spielen, ein absolut runder Abend ! Wie schön ,daß auch mitten in der Woche, das Hagener Haus bei solch´einer unbekannten Rarität gut besucht ist; und das Publikum, sichtlich bewegt, seinem Theater und seinen Künstlerin einen wahrhaft frenetischen Applaus zollt. Eine Fahrt nach Hagen und ein Besuch von "Susannah" sei hiermit unbedingt empfohlen.

Martin Freitag

 

 

 

HÄNSEL & GRETEL

Besuchte Premiere am 26.11.11

Geträumte Wahrheit

Am Stadttheater Hagen gibt es eine unprätentiöse Neuinszenierung von Engelbert Humperdincks grandioser Märchenoper "Hänsel und Gretel" anzuschauen. Thilo Borowczaks konventionelle Regie lebt von frisch gespielter Kindlichkeit der Geschwister, wie realistisch motivierter Ehe der Eltern. Das Spiel beginnt in einem großen blaßblauen Zimmer, das mit seinem in von der Decke hängenden Reihen an Besen an die vorindustrielle Zeit erinnert. Mit dem Betreten des Waldes ändert sich der szenische Duktus, denn Jan Bammes Ausstattung wechselt vom Naturalismus der ersten Szene, in eine zitierte phantastische Traumlandschaft der Bilder Max Èrnst` (im Programmheft abgedruckt "Das Auge der Stille") . Kristine Larissa Funkhausers Mezzo ist vom Timbre wie gemacht für den Hänsel, ihre Jungenverkörperung glaubhaft. Mit feinstimmigem Sopran setzt Maria Klier eine zarte Gretel dazu in Kontrast. Dagmar Hesse singt die schwierige Mutterrolle mit dramatischem Sopran bei solider Tiefe und gut geführten Registerübergängen. Rolf A. Scheiders Vater könnte an der Diktion noch etwas nachbessern, erfreut aber mit leuchtenden Baritonhöhen.

Wenn Marilyn Bennetts schräge, durch das Kostüm von Anfang an bösartig gezeichnete, Hexe auftritt, bekommt der Abend mit zelebrierter Schräge glatt noch einen Touch Broadway. sie führt ihren Mezzo geschickt mit viel Charisma durch die, sonst sopran- oder tenorbesetzte, Partie. Tanja Schun als Sand-und Taumännchen ergänzt mit lieblichem Sopran das Ensemble. Der Kinderchor des Theaters singt traumschön das Finale. Mit viel Liebe und sorgfältiger Einstudierung dirigiert GMD Florian Ludwig das Philharmonische Orchester durch Humperdincks anspruchsvolle Partitur. Ludwig gelingt es dabei, den großen Orchestersatz durchhörbar erklingen zu lassen, was die gute Textverständlichkeit des Abends enorm fördert. Lediglich die geforderten Blechbläser müssten mehr ins allgemeine Klangbild eingegliedert werden.

Großer Premierenjubel für alle Beteiligten. Das Theater Hagen hat, passend zur Adventszeit, eine echte Publikumsfreude präsentiert, die, bei guter Pflege, über einige Jahre den Spielplan immer wieder bereichern könnte.

Martin Freitag

 

 

 

DER BARBIER VON SEVILLA

Premiere am 16.04.11,    besuchte WA am 09.09.11

Eine Repertoirevorstellung in der "Provinz", doch Hagens Stadttheater spielt in seiner Jubiläumsspielzeit (100 Jahre stolzes Bürgertheater) für sein Publikum, so kann man die Wiederaufnahme von Rossinis unverwüstlichem "Barbier" vielleicht nicht als großes Belcantofest bezeichnen, doch das Sängerensemble kann sich hören und sehen lassen. Annette Wolfs Inszenierung in der poppigen Ausstattung von Lena Brexendorff gibt dem Affen ordentlich Zucker, scheut auch mal den Klamauk nicht, erzählt im drehbaren Comic-Puppenhaus zeitlos in Kostümen zwischen Heute und Gestern einfach die komische Geschichte und will eigentlich nur eines sein:unterhaltsam! Was mit dem spielfreudigen Ensemble gelingt: der unglaubliche Bartolo Rainer Zauns, dem man vor Komik seinen hervorragenden Gesang gar nicht anmerkt. Jeffrey Kruegers heller Graf Almaviva, die tiefstimmige Rosina Kristine Larissa Funkhausers mit manchmal leicht herbem Ton. Relativ kurzfristig springt Jan Friedrich Eggers mit etwas nasalem Bariton in der Titelpartie ein, fügt sich dabei exzellent zwischen die Singschauspieler, daß man es nicht wüßte, wenn man es nicht gelesen hätte. Orlando Masons lange Gestalt setzt mit schönem Bass skurile Akzente als Basilio und Tanja Schun als Marzelline erinnert auf saukomische Art an böse Comics von Gary Larson. Steffen Müller-Gabriel begleitet einen soliden, etwas robusten Rossini mit dem Philharmonischen Orchester Hagens, wobei die Bläser manch unkonzentrierte Stelle haben. Der Herrenchor unterstützt völlig d´accord.

Das amüsierwillige Publikum folgt aufmerksam und unter viel Gelächter dem heiteren Abend: viel Applaus für die Darsteller, die Darstellung und natürlich Rossinis zahlreiche Ohrwürmer.

Martin Freitag


 

LA BOHEME

Besuchte Premiere am 24.09.11

 

Eigentlich eine runde Sache, die neue "Boheme" am Stadttheater Hagen und doch gibt es, bei allem Premierenjubel mit dem die Bevölkerung berechtigt die Leistung ihres gegen ständige Sparzwänge kämpfenden Theaters feiert, doch künstlerische Einwände: Bruno Berger-Gorski lehnt sich gar nicht weit aus dem Fenster, wenn er die Modernität von Puccinis Künstleroper im Hier und Jetzt verankert. Peer Palmowskis praktische (durch die schnellen Umwandlungen), wie schönen (durch die poetischen Bilder jetziger Tristesse) Bühnenbilder liefern dem szenischen Gelingen des Abends zu. Berger-Gorski ist in seiner Personenregie durchaus konventionell zu nennen, das Weihnachtsbild gerät etwas vordergründig auf Effekt gebürstet, da hat man schon Überzeugenderes gesehen.

Die Kostüme von Christiane Luz charakterisieren gut und geben dem Auge Futter. Doch irgendwie liegt szenischer Mehltau auf der Bühne, kommt die Aktion nicht recht in Gang, die Sänger warten immer wieder auf den musikalischen Impuls aus dem Graben, der dem dramatischen Spiel zuarbeiten sollte. Doch Florian Ludwig behäbige Puccini-Interpretation kommt nicht von der Stelle, der Dirigent berauscht sich ständig am erarbeiteten Schönklang des Philharmonischen Orchesters Hagen, das einen sauberen Sound spielt. Doch Oper besteht eben mehr, als nur aus toll gespieltem, orchestralem Klangteppich. Oper ist Drama oder moderner gesagt: Musiktheater.

Mit Jaclyn Bermudez stellt sich ein neues Ensemblemitglied vor, ihre Mimi bezaubert mit warmherzigem Timbre und stilvoll, wie emotional gesungener Kantilene, da könnt ein neuer Publikumsliebling heranwachsen. Problematisch ist der sympathische Rodolfo von Rafael Vazquez, denn allenfalls ein tenore di grazia, singt er einfach im falschen, zu großen Fach. Tiefe und Passagio fehlt der rechte Sitz, die Höhe klingt immer schön und strahlend, wenn sie ohne Druck eingesetzt wird, doch Puccini braucht, hier fehlendes Volumen, so wird gepresst und gedrückt, schade. Sarah Längle als Musetta macht mit leichtem , hohen Sopran einen ordentlichen Eindruck, doch an der Ausstrahlung kann noch gearbeitet werden. Großartig der blonde Rasta-Marcello von Raymond Ayers, der ausgewogene Töne für ein vielschichtiges Rollenportrait findet, wie der satte Bass von Rainer Zaun als Colline. Frank Dolphin Wong als Schaunard macht das Beste aus der Partie. Die kleinen Partien sind prima aus dem Ensemble und Chor besetzt, so wie die ganzen Chöre einen guten Eindruck hinterlassen. 
Hagen feiert sein hundertjähriges Stadttheater mit großer Liebe, dazu eine solide, moderne Inszenierung, also eine gelungene Premiere.
 
Martin Freitag
 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com