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LOLA RENNT

Oper von Ludger Vollmer

Premiere: 8.März 2014

Text von Bettina Erasmy nach dem gleichnamigen Film „Lola rennt“ von Tom Tykwer

(Aufführungsdauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause)

Ludger Vollmer gehört zu den wenigen zeitgenössischen Komponisten, dessen Opern nicht nur ihre Uraufführung erleben, sondern dann auch relativ schnell und häufig nachgespielt werden. Während „Gegen die Wand“ in dieser Saison bereits seine fünfte Inszenierung erlebt, zeigt das Theater Hagen „Lola rennt“ als zweites Haus nach der Regensburger Uraufführung im Februar letzten Jahres.

Mit der Auswahl von erfolgreichen Filmstoffen erhöht Vollmer natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass seine Stücke nachgespielt werden und kann auf der Dramaturgie des Filmes aufbauen: Manni, der als Geldkurier für einen Gangster arbeitet, lässt eine Tasche mit 100.000 Euro in der Bahn liegen. Sowohl er als auch seine Freundin Lola versuchen jetzt innerhalb von 20 Minuten diese Summe aufzutreiben.

In drei „Runden“ zeigen Film wie Oper drei Möglichkeiten, was geschehen könnte: Lola wird als Bankräuberin erschossen, in der zweiten Runde wird Manni von einem Auto überfahren. In der dritten Runde gewinnt Lola im Roulette, und Manni findet zudem sein Geld wieder.

„Lola rennt“ ist sehr stark von der Musik geprägt, die Regisseur Tom Tykwer selbst komponiert hat, und auch der Song „Wish“ von Thomas D. war erfolgreich. Ludger Vollmer schreibt nun aber eine ganz eigenständige Musik, in der sich atonale Elemente und nachvollziehbare Melodien die Waage halten. Der groß besetzte Schlagzeugapparat treibt die Partitur voran und macht das Fließen und Vergehen der Zeit hörbar.

Vollmers Musik, die hier von David Marlow dirigiert wird, erzeugt Spannung, die großen Chöre erinnern in ihrer Kombination von hämmernder Rhythmik und stimmlicher Wucht an Carl Orff. Trotzdem gibt es aber auch Momente des Leerlaufs, in denen die Perkussion nur plakativ vor sich hin plätschert. Während man im Film mit den Figuren mitfiebert und sich mit ihnen identifiziert, bleibt man in Vollmers Oper auf Distanz zu Lola und Manni.

Das kann auch an daran liegen, dass es immer wieder Probleme mit der Verständlichkeit des Textes gibt. Dabei ist das Orchester auf der Hinterbühne positioniert und die Sänger werden über Mikroports verstärkt. Übertitel wären hier dringend notwendig gewesen.

Berührend gelingen aber die leisen Szenen, wenn die Chöre nur sparsam vom Orchester begleitet werden. Zwischen den Runden gibt es zudem die „Roten Szene“, in denen Lola und Manni jeweils einen Neuanfang beschließen. Hier schreibt Vollmer stille und intensive Klänge.

Die Hagener Sänger machen ihre Sache gut, wobei Kristine Larissa Funkhauser, die trotz Grippe die Titelrolle singt, das Ensemble überragt. Ihre Stimme besitzt große dramatische Energie und eine mögliche Indisposition scheint sie wegzusingen. Beim Schlussapplaus wird sie regelrecht gefeiert. Die anderen Figuren bleiben aufgrund der umfangreichen Partie der Lola eher Stichwortgeber: Raymond Ayers ist ein energischer Manni, Ulrich Schneider singt mit rauem Bass Lolas Vater, und mit etwas bedecktem Koloratursopran gestaltet Maria Klier die Kollegin und Geliebte des Vaters.

 Jan Bammes hat als Bühnenbild ein spiralförmig ansteigendes Gerüst gebaut, in dem vor allem der hervorragende Hagener Opernchor sehr gut platziert wird. Wenn sich die Gerüstspirale dreht ist das eine schlüssige Umsetzung der Zeitspirale, in der sich die Figuren befinden. In diesem abstrakten Bühnenraum entwickelt Regisseur Roman Hovenbitzer eine realistische Personenführung, in der er glaubhafte Figuren darstellt.

Die szenische Umsetzung spielt über einige Schwächen von Vollmers Partitur hinweg, so dass beim Schlussapplaus sowohl das Regieteam als auch Ludger Vollmer viel Beifall erhalten. Mit dieser Produktion hat das Hagener Theater, das immer wieder von Sparmaßnahmen der örtlichen Politik bedroht ist, erneut seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Dass hier ein zeitgenössisches Werk einen Premierenerfolg erlebt, spricht sowohl für den Komponisten wie für die künstlerische Kraft des Hagener Theaters.

Rudolf Hermes 9.3.14

Bilder Theater Hagen

 

 

 

DON PASQUALE

Besuchte Vorstellung am 04.12.13 (Premiere am 16.11.13)
Gediegene Opera Buffa
Allerorten wird zur Zeit Donizettis "Liebestrank" gespielt, durchaus zurecht, doch sein piece de resistance "Don Pasquale" wird von den Bühnen vernachlässigt, dabei handelt es sich absolut um ein Meisterwerk der Opera Buffa, wie am Theater Hagen jetzt zu erleben ist. Das Spiel vom alten Hagestolz, der mittels Scheinheirat von seiner Menschenfeindlichkeit kuriert wird, ist in Donizettis Fassung durchaus etwas bösartig, denn Norina, die weibliche Hauptperson ist die Geliebte des verstossenen Neffen Ernesto. Eingefädelt wird alles von einem vermeintlichen Freund, dem Doktor Malatesta. Doch der sprühenden Musik des Bergamasker Meisters ist es zu verdanken, das die allzu leichte Commedia dell`arte-Handlung zu einer Charakterkomödie wird.
Annette Wolf setzt das heiter Spiel in Lena Brexendorffs wunderschöner Ausstattung ausgezeichnet um. Die Kulisse wirkt wie für ein Papiertheater ausgeschnitten und wird mittels Drehbühne in ständig wechselnde Ansichten versetzt, die Kostüme schmeicheln den Augen und zitieren vielfältige Zeitepochen, ein schöner Rahmen für die Zeitlosigkeit der Handlung. Ernst Schließls Lichtstimmungen haben ebenfalls großen Anteil daran. Doch was wäre das, ohne Annette Wolfs hervorragende, abwechslungsreiche Personenführung, nicht vielen Regisseuren ist es gegeben der wunderschönen Belcantomusik zu einer lebendigen Bewegung zu verhelfen. Die Figuren des Spiels werden humorvoll geführt, ohne den sensiblen Menschen dahinter zu verraten.
Doch besitzt Hagen auch ein kleines, feines Ensemble mit echten Darstellern. Rainer Zaun ist ein Glücksfall für die Titelpartie, ein miesepetriger Knöterich, den man trotzdem irgendwie leiden mag; gesanglich nicht immer ganz fein, doch mit dem durchschlagendem Temperament eines echten Charakterdarstellers gesegnet. Raymond Ayers steht ihm mit elegantem Bariton als Malatesta an der Seite. Keija Xiong zeigt sich den nicht gerade anspruchslosen Anforderungen des Neffen Ernesto mit leicht gaumigem Tenor gewachsen, sichtlich und hörbar mit Freude an seiner Aufgabe. Maria Klier stellt als Norina eine Theaterschauspielerin auf die Bühne und weiß mit differentiertem Spiel und feinem Sopran mit etwas spitzer Höhe und geläufiger Gurgel für sich einzunehmen. Kammersänger Horst Fiehl macht aus der kleinen Partie des Notar ein weiteres Kabinettstück seiner Kunst. Dazu kommt noch der klangvolle, lebhafte Chor, der im dritten Akt mit einer Kochshow-Parodie begeistert.
Aus dem Graben klingt das saubere, exakte Spiel des Philharmonischen Orchesters Hagen mit schönen Soli unter der sicheren Leitung von David Marlow, manchmal könnte es noch etwas feiner tönen, weniger schwerer Degen, mehr Florett. Doch kann man in Hagen jetzt wieder einmal ein richtig erstklassig aufgeführte Komische Oper erleben, was dem Publikum spürbar Freude bereitet.

Martin Freitag 10.12.13

Bilder siehe unten

 

 

DON PASQUALE     

Premiere am 16. November 2013

Konventionell

Das SINFONIEORCHESTER HAGEN lässt unter DAVID MARLOW die Ouvertüre ebenso präzise wie spritzig erklingen, der quirlige Buffoton von „Don Pasquale“ wird auch während der gesamten Aufführung mit animierender Verve durchgehalten. Der seit der jetzigen Spielzeit als 1. Kapellmeister amtierende Engländer David Marlow arbeit(e) u.a. als Leiter des WDR Rundfunkchores und war Assistent von Andris Nelsons in Bayreuth. Also weiterhin im Studium – aber der Don Pasquale ist ihm gelungen, geht ihm angenehm flott von der Hand.

 Auf der Bühne, die von Anfang an geöffnet ist, sieht man ein anheimelndes, dekorhaftes Interieur von LENA BREXENDORFF, welches offenbar auf die Ausstattung der Pariser Uraufführung von 1843 anspielen möchte und so der Regisseurin ANNETTE WOLF mancherlei Gelegenheit für die Anwendung des Prinzips „Theater auf dem Theater“ gibt. Da der Titelheld, im Rollstuhl sitzend, im Stil des 18. Jahrhunderts gekleidet ist, erwartet man zunächst eine brave 1:1-Umsetzung der Librettovorgaben. Doch die Ausstatterin spielt mit Zeiten und Epochen. Das Bühnenbild verwandelt sich beim Dienerchor beispielsweise in eine moderne Großküche, in der endlos lange Spaghetti produziert werden. Malatesta ist in elegantem Biedermeier ausstaffiert, Norina trägt u.a. einen Minirock, in den sie sich während ihrer Arien-Koloraturen hinein zwängt. Bei der ersten Begegnung mit Pasquale wird er züchtig mit einer Krinoline bedeckt. Ernesto, der Heißsporn, steckt in ausgebeulter Hose und einem Parka. Die Optik changiert also überaus witzig.

Die köstlichste Szene innerhalb der Inszenierung ist ausgerechnet musiklos. Pasquale liest vor geschlossenem Vorhang den gerade aufgefundenen Brief, welcher Norinas Stelldichein mit einem heimlichen Liebhaber verrät, auf Italienisch. Die anderen Protagonisten, auf der Seitenbühne in Reih und Glied aufgestellt, „übersetzen“ in ihrer jeweiligen Landessprache: MARIA KLIER (Norina) ins Deutsche, RAYMOND AYERS (Malatesta) ins Englische und KEJIA XIONG (Ernesto) ins Chinesische.

Insgesamt gibt sich die Regie freilich eher konventionell und bei allem Tempo behäbig. Die Dienerfiguren, welche für kleinere Umbauten sicher von Vorteil sind, wirken stereotyp und in ihren aufgesetzten Reaktionen manchmal sogar etwas nervig. Wenn Pasquale sich während der Ouvertüre zu der Musik von „So anch’io la virtù magica“ aus dem Rollstuhl beugt und erwartungsvolle Blicke in sein viel zu großes Haus schickt, glaubt man, ein wenig psychologische Feinarbeit über Einsamkeit und Johannistrieb erwarten zu dürfen. Doch Annette Wolf verbleibt dann doch in weitgehend traditioneller Komik, der partielle Wirkung freilich nicht abgesprochen werden soll. Aber die schauspielerische Potenz von Rainer Zaun mit ihrer virtuosen Gestik und Mimik wäre fraglos noch gewinnbringender zu nutzen gewesen, speziell für ambivalente Gefühle und für Zwischentöne. Immerhin gerät die Reaktion Pasquales nach der Ohrfeige überzeugend. Stimmlich ist der Sängerdarsteller voll auf dem Posten.

Ihm ebenbürtig: Raymond Ayers, als Malatesta ein eleganter Drahtzieher, fesch in der Erscheinung und markant seinen Kavaliersbariton einsetzend. Dass er in der Premiere aufgrund von Tempoüberhitzung im Duett mit Norina kurz ausstieg, ist nicht weiter von Belang, imponierend hingegen, wie souverän er in seinen Part zurück fand. Maria Klier besitzt alle notwendige feminine Raffinesse für die Norina. Sie singt absolut koloraturen- und höhensicher, das Timbre wirkt mitunter nur etwas spitz. Der junge Chinese Kejia Xiong wurde, so seine Biografie auf der Website des Theaters Hagen, als Belcantosänger verschiedentlich hochgelobt. In der Rolle des Ernesto muss er sich zumindest warm singen. Zunächst klingt die Höhe eng und scheppert auch ein wenig, was nicht zuletzt dem Fluss der Arie „Cercherò lontana terra“ abträglich ist. In der Serenade wird das Organ gelöster und gewinnt an Schmelz, die heiklen Sprünge im Duett mit Norina und der Mezza-voce-Schlusston gelingen ausgezeichnet. Auf jeden Fall hat das Hagener Publikum den sympathischen und spielfreudigen „Exoten“ nachhaltig ans Herz gedrückt. Kammersänger HORST FIEHL, seit 40 Jahren am Haus, übernimmt jetzt kleine Partien wie den Notar.

Christoph Zimmermann / 17.11.13                             Bilder: Stefan Kühle

 

 

 

DAS FEUERWERK

04.10.13 (Premiere am 28.09.13)

Zirzensisches Seelenfutter
Es gibt Werke, die mittlerweile doch ein wenig Gilb angesetzt haben, so zum Beispiel die Operette "Das Feuerwerk" von Paul Burkhard aus dem Jahre 1950. Die Musik, zumal für diese Zeit, ist sehr brav und erinnert manchmal ein wenig an die Augsburger Puppenkiste, und doch kann das Stück mit einigen Schlagern und Ohrwürmern aufwarten, nicht zuletzt mit dem unverwüstlichen "Oh, mein Papa". Zudem ist die Vorlage von Emil Sautter gut gestrickt,vielleicht etwas sehr bieder, doch bietet "Der schwarze Hecht" sehr schöne Rollen für ein Stadttheaterensemble, wie eben am Theater Hagen. Nicola Glück inszeniert auch pure Unterhaltung, setzt die Zeit der Vorlage (1900) in die Entstehungszeit der Operette und läßt in Pia Oertels passender Ausstattung den bürgerlichen Mief gegen das Zirkusmilieu antreten. Zum puren Vergnügen wünschte man sich manchmal noch eine gute Choreographie an die Seite der Regie.

Burkhards "Feuerwerk" ist ein relativ spätes Stück des Genres und erfordert eine heikle, musikalische Leitung, extreme Textverständlichkeit und ein sehr genaues "Timing", da viele der Nummern einen sehr chansonhaften Charakter aufweisen. Steffen Müller-Gabriel gelingt das mit dem sauber aufspielendem Philharmonischen Orchester Hagen größtenteils, das Anfangsduett zwischen Mutter und Anna gerät etwas flink (Text!) und Obolskis "Man hat´s nicht leicht..." könnte mehr Schwung vertragen, da legt das Musical dieser Zeit schon andere Vorgaben.


Doch die Hauptsache ist und bleibt das Ensemble: Werner Hahn und Dagmar Hesse geben ein sehr realistisches Elternpaar ab, die glaubwürdige Grundlage für die Komödie. Hervorragend bringt Maria Klier mit mädchenhafter Erscheinung und sehr klarem Sopran auf die Bühne. Benjamin Hoffmann als der geliebte Gärtner Robert punktet zwar durch entsprechend gutes Aussehen, doch bleibt als Figur doch sehr schablonenhaft, auch fehlt noch die Selbstverständlichkeit des lockeren Chansontones. Kristine Larissa Funkhauser stellt mit jugendlicher Erscheinung das Bild der Köchin Kati auf den Kopf, meistens eine resolut kräftige Person, fügt nach ihrer grandiosen Carmen ihrem Können eine komödiantische Facette zu, die alle Erwartungen vergessen läßt. Als Gast konnte man Ruth Ohlmann als fesches Zirkusgewächs Iduna gewinnen, mit schlanker, attraktiver Erscheinung und ebensolcher Stimme, wickelt sie nicht nur die Onkels um den Finger und verleiht der Gattin des abtrünnigen Zirkusbruders feine, fast aristokratische Züge. Rolf A. Scheider ist ebendieser und bringt als Zirkusdirektor einigen Talmi-Glanz mit sich, gesanglich klingt er einfach zu opernhaft.

Sehr schön die Onkel und Tanten: besonders Richard van Gemert gefällt als dauerhustender Gustav, der sehr spät seine verspielte Kindlichkeit wiederentdeckt, Marylin Bennetts Paula brilliert mit kabarettistischer Verve als Zicke und läßt an die großartige Ortrud Beginnen denken. Christoph Scheeben und Verena Grammel sind ein hervorragendes, ländliches Verwandtenpaar (Fritz und Berta), wie Orlando Mason als Heinrich dick ausgepostert eine sympathische Charakterstudie abliefert, mit Veronika Haller als blasiert vornehmer Lisa an der Seite. Ganz wichtig an dieser Produktion ist die Teilnahme der Mitglieder des Zirkus Jonny Casselly, die dem Zirkusbild authentische Akrobatik verleihen, besonderer Liebling des Publikums ist der Terrier Jack in der Hundedressur. Deshalb dürfen die tollen Zirkusleute auch das Finale noch einmal effektiv aufmischen.
Vielleicht kein Abend für "sophisticated people", doch ein schönes Abtauchen aus dem Alltag. Theater für die ganze Familie, vielleicht werden Jugendliche die ganze "Chose" etwas "uncool" finden, doch die Kinder und die Erwachsenen mit erhaltenem kindlichen Gemüt haben ihre Freude. Deshalb gibt es auch begeisterten Applaus und viele leuchtende Augen beim Hinausgehen. 

Martin Freitag                                                Bilder: (c) Stefan Kühle

 

 

CARMEN

Besuchte Aufführung 14. Juni 2013   (Premiere am 8. Juni 2013)  3. Kritik

Der international bekannte und hoch ausgezeichnete zypriotische Regisseur Anthony Vilavachi war in Hagen mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht worden, nachdem ein Sponsor sich für seine Gagenforderung stark gemacht hatte. Was dabei herausgekommen ist, entsprach zumindest szenisch und inszenatorisch nicht den hochgesteckten Erwartungen mancher konservativer Opernliebhaber: Eine recht trocken rübergebrachte Geschichte, eine - bis auf den letzten Akt - eher fade Bühne, etliche unverständliche Details, mancherlei szenische Ungereimtheiten. Vilavachi hat versucht, eine „moderne“ Carmen in der Urfassung mit gesprochenen Dialogen zu inszenieren, ohne die übliche Torero-Folklore, nur den persönlichen Konflikten folgend.

Das mag ja ein interessanter, wenn auch nicht ganz neuer Ansatz sein; Carmen fährt als distanziert nordisch Kühle mit Kurzhaarfrisur auf dem Motorroller vor, alle Zigarettenarbeiterinnen erscheinen im schwarzen Negligé, Kinder schießen im 1. Akt mit Holz-Gewehren aufeinander. Die Kneipe im 2. Akt kommt als knallrot ausgestattetes Bordell einher, am runden Tisch treiben halbnackte Männer Armgymnastik und beklopfen rhythmisch die Tischplatte, und auf einer restlos entschlackte Bühne agieren Protagonisten wie geschmuggelte Menschen vor grauen hohen Mauern. Schon das erste Bild erinnert mit den riesigen Eisengittern eher an einen Großtierzoo als an eine Straßenszene - nicht gerade stimmungsfördernd. Statt mit Kastagnetten klappert man mit Geschirr, José schneidet seinem Widersacher Zuninga die Kehle durch und erschießt im Affekt und entgegen dem Libretto statt zurückgekehrten Widersachers Escamillo versehentlich Michaela. Wenn man schon Spanien ausklammert, sollte eine atmosphärische Alternative geboten werden, aber daran mangelt es leider

 Ausgleich schaffte allerdings eine sehr genaue Personenführung und ein opulentes musikalisches Erlebnis. Kristine Larissa Funkhauser gibt einen spannenden Bogen von ihrer Kindheit als bettelndem Taschendieb bis zur femme fatal, die sich aber nicht dauerhaft an einen Mann binden will – bis Escamillo als ihre große Liebe ins Spiel kommt. Sie spielt mit ihrer herben Attraktivität und Erotik, wickelt die Männer locker um den Finger, ihr beweglicher Mezzo strömt herrlich wohklingend, die glutvolle Habanera riss das Publikum zu einem kleinen Beifallssturm hin. Don José (Carles Reid) ist ein etwas zu kompakter biederer Brillenträger, nicht gerade der geborene Verführer, eher der Buchhaltertyp. Aber er stellt den schlichten, unglücklich liebenden Soldaten mit zerrissener Seele überzeugend dar, stimmlich sehr auf der Höhe mit ausgewogener Dynamik und Strahlkraft. Ein Highlight des Abends waren sein Duett mit seiner Jugendliebe Micaela und seine Darstellung des zutiefst Verzweifelten, der seinen Konkurrenten um Carmen zuvor umgebracht hatte, im szenisch sehr starken letzten Akt: im oberen Bühnenteil jubeln die Massen dem Torero zu, den Carmen zuvor im schäbigen gemeinsamen Hotelzimmer für den Stierkampf eingekleidet hatte und sich dann selbst in eine rote Robe schmeißt, um dann im Liebesnest zuckend unter den Messerstichen des abgewiesenen Don José ihr junges Leben auszuhauchen. Da kommen zum Schluss dann doch ein wenig Spanien-Stimmung und Rückenschauer zusammen.

Frank Dolphin Wong, der lange zum festen Hagener Ensemble gehörte, verkörperte als Escamillo seine Macho-Rolle sehr überzeugend, mit sicherem Auftreten und kernigem, ausdrucksstarken Bariton. Kein Wunder, dass die Frauen ihm nachrennen. Auch Zuninga (Rainer Zaun) sang und spielte seine Rolle als Vorgesetzter und Nebenbuhler überzeugend. Eine der Abend-Palmen gehörte der Micaela von Jaclyn Bermudez; ihr zartes anrührendes Spiel und ihre Wandlung zur leidenschaftlichen Liebe überzeugten auch stimmlich. Nicht nur etwas für das Auge war die Truppe der Schmuggler und Zigeunermädchen. Die Damen (Maria Klier und Marylin Bennett), abenteuerlich skurril gekleidet, dauer-bekifft und reichlich dem Alkohol zugetan, waren eine originelle Nummer für sich; Richard van Gemert und Jeffrey Krueger sowie Raymond Ayers als Sergant Moralès fügten sich nahtlos in das harmonische Team ein.

Die zweite Palme gebührt dem GMD Florian Ludwig und seinem Philharmonischen Orchester Hagen, welches dem vollbesetzte Haus nahezu einen Spanien-Rausch bescherte, ganz im Gegensatz zur nüchternen Bühne. Ludwig präsentierte lebendige Dynamik, punktgenaue Einsätze, ein farbiges Bläserspiel, und eine hervorragende Synchronisation mit der Bühne und dem bestens aufgelegten Opernchor und Extrachor (Einstudierung Wolfgang Müller-Salow).

Das ausverkaufte Haus feierte die Aufführung mit langem jubelnden und stehenden Applaus.

Fazit : Eine trockene Inszenierung ohne Spanien-Feeling, die keine rechte Stimmung aufkommen lässt. Die musikalische Seite und die Personenführung machen dies jedoch wieder wett, daher insgesamt empfehlenswert.

Michael Cramer

 

 

CARMEN

Aufführung am 14.6. 2013 (Premiere am 8.6.)    2. Besprechung

Carmen (Kristine Larissa Funkhauser, 3. von rechts) fühlt sich in ihrer Umgebung sichtlich wohl. Foto: Theater Hagen/ Stefan Kühle

Während des Vorspiels sieht man ein kleines Mädchen durch eine starre Menschengruppe schleichen, größer geworden, beginnt es, die Leute zu bestehlen. Armutsschicksal von Carmen, die sich dann als Frau offenkundig auf der Erfolgsleiter des Lebens sehen möchte. Carmens Kapital ist ihre erotische Ausstrahlung, ihr Körper, mit dem sie sich regelrecht anpreist. Dass ihr Tanz bei Lillas Pastia nicht in einer Schenke stattfindet, sondern in einem Bordell, ist nur folgerichtig. Dabei gelingt es ihr, sich Privilegien zu sichern. Während Frasquita und Mercédès die Einnahmen abliefern müssen, greift sich Carmen die Geldscheine, welche ihr von potentiellen Kunden, die mit nacktem Oberkörper auf ihre Chance warten, en masse zugeworfen werden, höchstselbst. In Carmens nüchtern berechnetem Leben ist für wirkliche Liebe kein Platz. Mehr als 6 Monate bleibt sie keiner Leidenschaft treu, auch Escamillo würde kaum ihr letzter Lover sein. Immerhin trifft sie in ihm auf Überlegenheit und Coolness, wie sie ihr selber eigen ist. Anders verhält es sich mit José, dem soldatischen Ehrenmann, den seine Liebe schier um den Verstand bringt, ihn zum Banditen und schließlich zum Mörder werden lässt.

So in etwa ist das psychologische Konzept zu umreißen, welches Regisseur ANTHONY PILAVACHI in Hagen für Bizets „Carmen“ ersonnen hat. Seine Sicht ist nicht gänzlich neu, doch im Detail zugespitzt. Der modern gekleideten Protagonistin mit der hellen Kurzhaarfrisur fehlt – wie der gesamten Aufführung – das gewohnte Spanien-Kolorit. Auf Dauer ist das schon ein Verlust, zumal er durch keine Milieu-Alternative aufgewogen wird. Und Escamillo bleibt halt auch in Hagen ein Torero, dem Carmen zudem in ihrem bescheidenen (Bei)Schlafzimmer (der Chor agiert im 4. Akt auf luftig hoher Plattform) beim Ankleidezeremoniell umfänglich assistiert. Da klaffen atmosphärische Lücken. Dass im 3. Akt nicht nur Waren, sondern auch Menschen geschmuggelt werden, geht an, bringt aber wenig Gewinn, vor allem, wenn ein Bühnenbild wie das von PEER PALMOWSKI (der auch sonst vor Einfällen nicht gerade überbordet) so ortsneutral bleibt.

Dieses Bild endet im Übrigen anders als gewohnt. Escamillo, sich zunächst wie vorgeschrieben entfernend und nur lontano zu hören, kehrt noch einmal zurück, damit der Regisseur José motivieren kann, auf ihn zu schließen. Aber die Kugel trifft Micaela. Forza del destino. Pilavachi will viel und erreicht doch nur relativ wenig. Manche Momente sind auch schlichtweg verfehlt, wenn etwa Carmen während der „Blumen“-Arie José im Haar krault, um ihm dann doch eine harte Abfuhr zu erteilen. Einfach ungeschickt wirkt es auch, wenn sie im Schlussfinale, von José attackiert, immer wieder an der verschlossenen Tür rüttelt. Im 1. Akt fährt sie zur Habanera mit einem Moped auf die Bühne. Was hat eine solch mondäne Frau mit den einheitlich schwarz gekleideten Zigarettenarbeiterinnen zu tun, mit denen sie sich laut Libretto massiv anzulegen hat?

Komplimente sind der Hagener „Carmen“ immerhin im Bereich des Musikalischen zu machen. Nicht überall wirkt Bizets Musik mit optimaler Delikatesse umgesetzt, aber das Orchester spielt unter FLORIAN LUDWIG alert, mit Schneid und auch mit manch schönen koloristischen Details; der verstärkte Chor ist voll da. Dies gilt auch für KRISTINE LARISSA FUNKHAUSER in der Titelpartie, selbst wenn sie hier und da an vokale Grenzen stößt. Sie macht sich den berechnenden Typus Carmens, wie von Pilavachi angelegt, voll zu eigen, gibt sogar einen Schuss Lulu hinzu. Andererseits fehlt ihrer Darstellung jeder Anflug von Fatalismus (die Karten-Szene schreibt es eigentlich vor), und der extreme Freiheitsdrang Carmens kommt hinter kalter Kalkulation einfach zu kurz. CHARLES REID wirkt mit seiner kompakten Gestalt zwar nicht gerade als ein Mann, in den sich eine so wählerische Frau wie Carmen verliebt. Dieses Handicap macht er jedoch mit einer starken, intensiven Darstellung nahezu wett. Die Stimme des Sänger, der in Salzburg, an der Met auch in Bayreuth (Kunz Vogelgesang seit 2007) erfolgreich war, ist außerordentlich attraktiv, schmerzreich und leuchtend, wenn sie sich im Forte artikulieren kann. Aus dieser Dynamik besteht freilich nicht die gesamte Partie. In den beiden zugänglichen Youtube-Mitschnitten („Zauberflöte“, „Rigoletto“) wirkt er differenzierter und ausgeglichener. Den Escamillo gibt FRANK DOLPHIN WONG rollengerecht als Macho-Typ. Sein Bariton scheint an Volumen und Kraft zugelegt zu haben, seit er fest zum Hagener Ensemble gehörte. JACLYN BERMUDEZ umreißt die Micaela mit fraulichem Charme. Eine leichte Herbheit ihres Timbres hat Vorteile, wird doch so aus der Carmen-Konkurrentin kein Blaustrumpf. Überzeugend sind die Nebenrollen besitzt: MARIA KLIER (eine fast ständig beschwipste Frasquita), MARILYN BENNETT (Mercédès), JEFFERY KRUEGER (Remendado), RICHARD VAN GEMERT (Dancairo) und – mit einigem Abstand (seltsam nach seinem so überzeugenden Don GiovannI) – RAYMOND AYERS (Moralès). Als Zuniga spielt RAINER ZAUN günstig seine Bühnenpersönlichkeit aus.

Christoph Zimmermann

(mit freundlicher Genehmigung unserer Freunde vom MERKER-online, Wien)

 

 

 

CARMEN

Besuchte Premiere am 08.06.13

Voila, une "Carmen"!

Manchen Stadttheatern merkt man schon an der Ausstattung das Kaputtgespartwerden durch die eigenen Kommunen an. So kämpft Intendant Norbert Hilchenbach so sehr gegen die Einsparungen, daß er die geplante "Carmen"-Regie aus Zeitgründen abgeben mußte. Daß der Etat für die Spielzeit 13/14 erst im Mai freigegeben wurde ist an sich schon ein kleiner Skandal, denn die Kommunalpolitiker sollten eigentlich wissen, das man eine Spielzeit nicht einfach übermorgen entwirft.

Als Glücksfall für Hagen erweist sich Anthony Pilavachi, denn gerade so eine wichtige Premiere einer der beliebtesten Opern, sollte eine feste Bank für das Theater, die Zuschauer und die Abonnenten sein. Pilavachi gehört eben nicht zu den Regisseuren, die meinen, das Rad neu erfinden zu müssen oder sich durch Skandale profilieren wollen, dennoch inszeniert er eine ganz zeitgenössische, moderne "Carmen", die das Werk als blutvolles Theater genau auf den Punkt bringt. Peer Palmowskis karges Bühnenbild zeigt genau die Folie für das Spiel zwischen Mann und Frau. Mag der Beginn des ersten Aktes noch etwas hölzern ablaufen, steigert sich die Aufführung über eine exakte Personenführung und genaue Charakterisierung zu einem packenden Drama, mit einem einfachen und auch brutalem Schluss. Carmen ist hier eine junge, attraktive Frau, die sich aus einem bettelnden und stehlendem Straßenkind entwickelt hat. Kristine Larissa Funkhauser bringt mit moderner Kurzhaarfrisur schon Modelqualitäten auf die Bretter, weiß sich unaufgesetzt und erotisch zu bewegen, ihr Mezzo fängt mit süffigem Wohllaut die Leichtigkeit der Habanera ein und reizt auch nötigerweise mal einen herben Ton zur Rollengestaltung aus. Carmen nutzt ihre Attraktivität rein als Machtmittel innerhalb der Männergesellschaft, so läßt sie im Zigeunerlied des zweiten Aktes die Männer ganz nach ihrer Pfeife tanzen. An Don Josè reizt sie seine Sprödigkeit und später seinen Nutzen, Escamillo scheint eine echte Liebe ihrerseits zu sein. Charles Reid nimmt man den fatalistischen, etwas unreifen Josè ebenfalls ab, zwar schafft er die hohen Klippen seiner vokalen Partie recht gut, schöne leuchtende Aufschwünge, eine geschmackvolle Gestaltung, doch immer wieder kommt er an gesangliche Grenzen seines Stimmsitzes, was freilich gerade im letzten Bild seine zerrüttete Erscheinung unterstreicht, selten habe ich die finale Auseinandersetzung so glaubhaft und spannend erlebt. Jaclyn Bermudez singt eine energische Micaela, die zu Beginn sehr süßstimmig daherkommt, im Laufe des Abends zu einer leidenschaftlich Liebenden wird. Viele Escamillos haben entweder einen guten Basssitz in der Stimme oder die nötig strahlende Höhe; Frank Dolphin Wong weiß beides zu einem überzeugenden Rollen- und Gesangsportrait zu verbinden. Besonders erfreulich sind auch die genauen Charakterschilderungen der "Nebenrollen", so Marilyn Bennett und Maria Klier als Prostituierte Mercedes und Frasquita, vor allem letztere liefert ein echtes Kabinettstück ab, ein Mensch bei dem man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Jeffrey Krueger, Richard van Gemert und Rainer D.Hahn kann man als Menschenschmuggler schon nicht mehr den Kleinkriminellen zurechnen. Orlando Mason und Raymond Ayers zeigen die Schattenseiten der Militärs ebenfalls deutlich auf, gesungen wird durch die Bank weg überzeugend, gesprochen ebenfalls, denn man spielt die originale Opera-Comique-Fassung.

Florian Ludwig leitet das Philharmonische Orchester Hagen zu einem feinen, durchsichtigen Spiel an, lediglich an einigen Stellen würde ich mir etwas straffere Tempi wünschen. Die Chöre des Hauses, samt Extra-und Kinderchören sind allesamt bei der Sache.

Am Ende der Premiere stehende Ovationen bei einem sehr langen und herzlichen Beifall. Eine "moderne" Carmen aus dem Bilderbuch, wie man sie sich wünscht. Daß die meisten Sänger an diesem Abend Rollendebutanten waren, hat man übrigens nicht gemerkt, so kann Theater sein , wenn es sich auf seine wesentlichen Dinge konzentriert. Kaputtsparen muß man sie trotzdem nicht, wenn man so etwas erreichen will !

Martin Freitag

 

 

DON CARLOS

(Premiere am 10.11.12) Aufführung: 22.2.13

Dallas-Denver-Krupp

Die Deutschen Stadttheater gehören leider zu einer bedrohten Spezies, bedroht durch falsch verstandene Sparmaßnahmen, Kunst- und Kulturdesinteresse von nur noch an Macht interessierten Politikern, durch Managementgutachten, die selbst Unsummen verschlingen, doch Vorschläge unterbreiten, die mit den Arbeits- und Produktionsmethoden an den Theatern gar nicht durchzuführen sind; das Publikumsinteresse ist durch ständig steigende Besucherzahlen zu belegen. Um so beeindruckender, wenn ein an die Grenzen zerspartes Haus, wie das Theater Hagen, sich an einen "Brocken" wie Verdis "Don Carlos" wagt, der hier sinnvollerweise in der vieraktigen Mailänder Fassung gespielt wird. Beeindruckend wie viele der anspruchsvollen Partien immer noch aus den zusammengeschrumpften Ensembles besetzt werden, doch eine Grippewelle zeigt, wie dünn die Personaldecke geworden ist, so mußte das Theater Hagen, um die gut verkaufte Vorstellung nicht ausfallen zu lassen gleich drei Gastsänger engagieren und zwei wichtige Künstler traten indisponiert, respektive ersetzt auf.

David Marlow hatte die undankbare Aufgabe für den erkrankten Florian Ludwig kurzfristig einzuspringen, und das diffizile Werk mit großen Chören und den ungewohnten Gastsängern auf Kurs zu halten, was ihm mit dem gut eingearbeiteten Philharmonischen Orchester Hagen weitgehend gut gelang. Rainer Zaun als Philipp sang indisponiert, die Stimme kleiner als gewohnt haltend, mit verinnerlichtem Ausdruck und eleganter Phrasierung und ließ die Erkrankung fast vergessen.

Eine echte Entdeckung ist Xavier Moreno, der die schwierige Titelpartie nicht nur mit nie nachlassendem Impetus und schwelgerischem Tenor versah, sondern auch die "Urfassung" des historischen Infanten, einen grenzdebilen Idioten, mit beklemmender Intensität spielte. Tamara Haskin mußte als Elisabetta gegen dieses Rollenporträt die verständnisvoll liebende Stiefmutter mimen, gesanglich gefiel ihr vor allem in der Mittellage warm timbrierter Sopran mit leichten Spitzenschärfen in emotional erfüllender Interpretation und durch große Musikalität. Kartal Karagedik als einspringender Posa beeindruckte mit in allen Lagen gut klingendem Bariton von feiner Belkanto-Faktur. Michail Milanovs wuchtiger Bassbariton ersetzte effektvoll den Großinquisitor des Hauses. Maike Raschke erfeute als eingesprungener Tebaldo mit sicherem Sopran. Viel Applaus bekam Kristine Larissa Funkhauser für ihren verausgabenden Einsatz als Eboli, doch höre ich sie persönlich noch nicht im dramatischen Mezzofach, da werden die Höhenspitzen mit viel Druck und Gewalt angegangen, was der Stimme auf Dauer einfach abträglich ist. Sebastian Joest singt mit leicht mulmigem Bass den Mönch /Karl V. Die Chöre sind vokal und in ihrer spielerischen Präsenz erneut ein großes Plus des Hauses.

Die Inszenierung von Philipp Kochheim versetzt das Geschehen vom spanischen Hof kurzerhand in den Industriellenadel des Ruhrgebiets um 1900, was aus zweierlei Gründen nicht aufgeht: erstens reibt sich das Verhalten des spanischen Hofzeremoniells mit dem sozialen Verhalten dieser Zeit, zweitens wird die wichtige Rolle zwischen Herrschaft und Kirche zu einer Marginalität herabgewürdigt, die die grandiose Szene zwischen Philipp und dem Großinquisitor zu einem Fremdkörper werden läßt. Ein Autodafè ist eben kein Gartenfest mit Spanferkel und revoltierenden Arbeitern bei Krupp. Sehr schön ausgearbeitet sind die Genreszenen (Schleierlied), wobei die Gewichtung von Nebensächlichkeiten und Hauptaktion nicht stimmen. Die Personenporträts der Protagonisten wirken seltsam oberflächlich und nicht gut herausgearbeitet, was natürlich auch an den Umständen der Aufführung gelegen haben kann. Das Spiel findet vor einem merkwürdigen dunklen Schiefertableau auf offener Bühne statt, die mit allzu vielen Versatzstücken dekoriert wird, die ebenfalls offenen Scheinwerfer blenden manchmal unangenehm ins Publikum. Diese offenen Bühnenbildkonzepte haben ebenfalls den Nachteil die Gesangsleistungen zu erschweren. Die Kostüme der Ausstatterin, Uta Fink, sind passend zur vorletzten Jahrhundertwende.

Szenisch war der Abend, ob des verfehlten Inszenierunskonzeptes, nicht überzeugend, doch musikalisch eine beeindruckende Leistung für das Hagener Theater.

Martin Freitag                                            Bilder: Theater Hagen

 

 

 

DIE GROSSHERZOGIN  VON GEROLSTEIN

Besuchte Premiere am 12.1.13


Operette Noir

Offenbachs "Die Großherzogin von Gerolstein" gehört eindeutig zu den grandiosen Meisterwerken des deutsch-französischen Komponisten und besticht in ihrer kriegstreiberischen Aktualität auch heute noch vom Thema. Am Hagener Stadttheater hat Roman Hovenbitzer bewiesen, daß er selbst mit den wirklich schwierig zu inszenierenden Werken Offenbachs auf unterhaltsame Weise fertig wird. In Hermann Feuchters nicht sehr charmantem , aber passendem Bühnenbild wird der Aufstieg und Fall des einfachen Soldaten Fritz auf Betreiben der nicht nur kriegslüsternen Großherzogin mit viel Schwung, gut gespielten Dialogen, flotten Choreographien Ricardo Fernandos und den wahrlich operettenhaften, wie manchmal auch modernen Kostümen Anna Siegrots in schnellen, knappen drei Stunden durchgespielt, denn die relativ ungestrichene Keck-Edition weist wirklich Unmengen an fantastischer Musik auf, von der man nichts missen möchte. Zumal Steffen Müller Gabriel am Pult des gewieften Philharmonischen Orchester Hagen den zugleich trockenen, wie gewitzten Ton Offenbachs auf das Beste trifft, weiß wann mitreißendes Tempo angesagt ist, wie in langsameren Zeitmaßen zu schwelgen, wenn Text transportiert werden muß.

Gesanglich hat man einzelne Partien sicher besser im Ohr, doch wird im Grund zufriedenstellend bedient. Dagmar Hesse hat die schwere Titelrolle mit ihrem voluminösem Sopran meistens gut in Griff, wenngleich die Rolle etwas einseitig auf die sexuell frustrierte Seite angelegt ist, da wären durchaus noch ein paar mitfühlende Töne angebracht. Jeffery Krueger ist der schnuckelige Soldat Fritz, einfältig, doch auch gewitzt und charmant, schon vor Beginn der Vorstellung leider als indisponiert angesagt, so spricht es für das Theater Hagen vorgesorgt zu haben, so daß aus dem Graben der zuverlässige William Saetre vom MiR Gelsenkirchen die Partie während der laufenden Vorstellung übernimmt, während der tapfere Tenor Krueger die Szene bis zum Finale durchspielt.

Seine schmucke Verlobte Wanda wird von Tanja Schun als süßes Naivchen gegeben, in der Höhe dünnt ihr Sopran leider manchmal etwas aus. Furore macht das infernale Intrigantentrio mit dem krachledernen General Bumm Rainer Zauns, dem herrlich infantilen Prinzen Paul Richard von Gemerts und der öligen Politikercharge Graf Pück von Andreas Lettowsky. Tillmann Schnieders ergänzt als eleganter Baron Grog. Sehr berührend ist am Anschluss an die Premiere die Ehrung von Ks. Horst Fiehl, der einen exakten Diener Nepomuk gab, anläßlich seines fünfzigsten Bühnenjubiläums, von denen er rund vierzig Jahre Ensemblemitglied in Hagen war, etwas heutzutage sehr Seltenes. Eine weiter Qualität von Hovenbitzers Regie zeigt sich übrigens in der differentierten, wie pointierten Chorarbeit, zumal Chor, Extrachor und Ballett in musikalischer und szenischen Pracht zeigten, wie gerade die kleineren Häuser von ihren oft hervorragenden Kollektiven und ihrer "Kleindarsteller" leben und profitieren. Kleiner Kritikpunkt sei vielleicht die relativ spät angesetzte Pause, was eventuell noch korrigiert werden kann ? Die amüsante Schlußpointe sei hier nicht verraten, mir hat sie sehr gut gefallen.


Ansonsten ein prächtiger Abend mit Offenbach und dem Stadttheater Hagen. Großer, einhelliger Premierenjubel.

Martin Freitag                                  Bilder: Theater Hagen

 

 

Besprechungen älter Aufführunge befinden sich ohne Bilder weiter unten auf der Seite Hagen unseres Archivs.

 

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