DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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NABUCCO

Premiere am 05.04.13

Völkerkonflikt im Wohnzimmer

Auf ein Familiendrama reduziert Christian Schuller Verdis NABUCCO in seiner Neuinszenierung an der Oper Halle und lässt dieses in einem von Jens Kilian entworfenen bürgerlichen Wohnzimmer der Jahrhundertwende mit Gründerjahre-Mobiliar und Jugendstil-Tapete beginnen. Eine jüdische Familie mit dem Oberhaupt Zaccaria, seiner Schwester Anna und den Kindern ist in einem überlangen Vorspiel beim Essen an der weiß gedeckten Tafel zu sehen. Unter ihnen auch die als Braut gekleidete Fenena, Nabuccos rechtmäßige Tochter, und ihr Bräutigam Ismaele. Nach diesem stummen Prolog ist noch immer keine Musik zu hören, sondern zunächst ein eingesprochener Text aus dem Buch Jeremia, was der Regisseur bis zum Ende beibehält. Dann endlich beginnt Verdis Oper – doch statt mit der Ouvertüre, die erst nach dem ersten Teil der Handlung gespielt wird, mit dem Eingangschor der Hebräer im von Nabucco belagerten Jerusalem. Der Chor und der Extrachor der Oper Halle (Einstudierung: Jens Petereit) singen ihn vom 1.Rang des Opernhauses klangvoll und mit dramatischem Impuls. Die Familie hört diese Klänge aus dem Rundfunkempfänger – eine von vielen Chiffren der Inszenierung, die an das Geschehen in den 1930er Jahren mit den bedrohten jüdischen Familien erinnern. Da wird der gesamte Besitz Zaccarias von der „Spedition Babylon“ geplündert und abtransportiert, sieht man das Volk, das Kilian allerdings in schwarze Einheitskostüme kleidet, so dass Hebräer und Babylonier nicht zu unterscheiden sind, mit Fluchtkoffern oder sich seiner Schuhe entledigen, was an Deportationen und KZ-Situationen denken lässt.

Oft überraschend sind die vom Regieteam erdachten Schauplätze – nach dem Wohnzimmer, dessen hintere Wand von Abigaille mit effektvollem Aplomb zum Einsturz gebracht wird, öffnet sich der Raum bis zur Brandmauer der Bühne, so dass Nabucco, für den der rote Teppich ausgerollt wird, seinen großen Auftritt hat. Danach sieht man Abigaille im Bett eines eleganten Art-deco-Schlafzimmers nach dem Liebesspiel mit dem halbnackten Hohepriester. Die geöffnete Tür zum Bad gibt den Blick frei auf die Wanne, in der sie sich später den Tod geben wird – ein Bild, das man eher mit dem verordneten Freitod Senecas oder dem Mord an Jean Paul Marat in Verbindung bringt. Noch verwirrender ist die Szene mit Zaccarias Preghiera, die in einem holzgetäfelten Bibliothekssaal von moderner, an das Berliner Grimm-Zentrum erinnernder Architektur spielt, wo die Leviten in hellen Anzügen an ihren Lesetischen von Bibliothekarinnen mit Lesestoff versorgt werden. Nabucco im Golf-Dress wird nach seinem größenwahnsinnigen Anspruch, Gott zu sein, von Damen mit langen Zigarettenspitzen zum Tanz aufgefordert, später im Rollstuhl gefahren, von medizinischem Personal mit Injektionen und auf dem OP-Tisch gar mit einem brutalen Eingriff ins Gehirn malträtiert. Ein schönes Bild der Erinnerung und Sehnsucht öffnet sich beim berühmten Chor „Va, pensiero“ mit einem glutroten Hintergrund, dem Sonnenball und einer Baumgruppen-Silhouette. Zaccaria, der in seinem schwarzen Mantel mit Pelzkragen und dem Zylinder verblüffend an Verdi selbst erinnert, verteilt an sein klagendes Volk Bücher und ermahnt sie zur Zuversicht. Mit seiner Prophezeiung vom Untergang Babylons wird er Recht behalten, denn der vom Wahnsinn geheilte Nabucco schenkt den Hebräern die Freiheit, bekennt sich zu ihrem Gott und vereint Fenena mit Ismele. Am Ende der Aufführung schließt „der Komponist“ den roten Theatervorhang und entlässt die Zuschauer mit ihren offenen Fragen in die Nacht.

Musikalisch ist die Aufführung ein würdiger Beitrag zum Verdi-Jahr. Die anspruchsvollen Partien des Werkes fast ausnahmslos aus dem Ensemble besetzen zu können, spricht für den hohen Leistungsstand des Hauses. Mit dem gastierenden Bariton Kwang-Keun Lee in der Titelrolle hatte das Besetzungsbüro einen Glücksgriff getan. Der Koreaner singt sie mit markantem Timbre, schöner Kantilene und dramatischem Impetus. Besonders eindrucksvoll seine letzte Arie („Dio di Giuda“), die er in strömendem Fluss, ungemein expressiver Ausdeutung und sehr differenzierter Tongebung vorträgt. Mit der gefürchteten Partie der Abigaille hat die Assoluta des Ensembles, Romelia Lichtenstein, eine weitere Trumpfkarte im Repertoire. Im langen schwarzen Rock, roter Jacke, Sonnenbrille und Reitpeitsche hat sie einen autoritären Auftritt, zu dem der dramatische Furor ihres ersten Rezitativs „Prode guerrier!“ perfekt korrespondiert. Schlägt sie hier einen höhnischen Ton an, hört man im folgenden Terzett „Io t’amava“ auch sehnsuchtsvoll-innige Töne. Ähnlich vielfältig gestaltet ist die große Szene „ Ben io t’invenni/Anch’io dischiuso/Salgo già del trono“, wo ihr stimmliches Spektrum vom furiosen Rezitativ mit üppiger Tiefe über die Kavatine von lyrischer Empfindung bis zur Cabaletta mit souveräner Koloratur und fulminanter Attacke reicht. Ähnlich wirkungsvoll der zynisch-lauernde Tonfall im Duett mit Nabucco und die brillanten Spitzentöne in den Ensembles – eine Glanzleistung der Sopranistin, die gegen eine Indisposition ankämpfen musste und diese in bewunderungswürdiger Manier besiegte. Ki-Hyun Park singt den Zaccaria mit der vokalen Autorität seines kraftvollen Basses, der anfangs recht stark vibriert und in der Extremtiefe zuweilen brüchig klingt. Aber er hat immer wieder schöne Momente und krönt die Cabaletta nach seinem Gebet mit einem imposanten Spitzenton. Sandra Maxheimer ist als Fenena eine blonde Stummfilm-Schönheit mit guttural-strengem, etwas forciertem Mezzo, Xavier Cortes ihr Ismaele mit schmachtendem Tenor, den man sich noch etwas auftrumpfender gewünscht hätte. Christopher O’Connor lässt als Abdallo mit obertonreichem Tenor aufhorchen, Christoph Stegemann gibt den Hohepriester mit smarter Erscheinung und profundem Bass. Andreas Henning dirigiert die Staatskapelle Halle; seine Deutung hat dramatischen Atem und klingendes Melos, nicht immer aber genügend Einfühlungsvermögen in die Sänger. Das Premierenpublikum am 5. 4. 2013 feierte die Mitwirkenden gebührend enthusiastisch.  

Bernd Hoppe

 

 

 

DER GEDULDIGE SOKRATES

(G. Ph. Telemann)

Premiere am 26.01.2013

Gehobene Unterhaltung mit Moral

Die von dem Gelehrten, Philosophen, Kunst- und Musikgelehrten, Buchhändler und Bach-Schüler Lorenz Christoph Mizler gegründete „Correspondierende Societät der musicalischen Wissenschaften“ veröffentlichte nach Bachs Tod 1751 eine Bewertungsliste der deutschen Komponisten. Nach dieser Societät, in der Händel, Telemann und Bach Mitglieder waren, gebührte dem „Königlich Polnischen und Kurfürstlich Sächsischen Kapellmeister“ Hasse der erste, Telemann der zweite und Händel der dritte Platz. (Der provinzielle J. S. Bach kam nur auf Platz sieben!) Heute zeigen die Charts die Beliebtheit dieser Komponisten in genau umgekehrter Reihenfolge an. Während die Händelrenaissance immer neue Blüten treibt, sind Hasses Opern absolute Raritäten geworden und die von Telemann wurden erst seit einigen Jahren im deutschsprachigen Raum wieder häufiger zur Aufführung gebracht. Immerhin gelangt(e) der „Geduldige Sokrates“ an so prominenten Plätzen wie Staatsoper Berlin (Koproduktion mit den Innsbrucker Festwochen Wochen für Alte Musik), Münchner Gärtnerplatztheater, Studiobühne Zürich und nun Halle zur Aufführung. Gerade in Halle kann man es als Kontrast zu den Seria-Opern von Händel sehen, wenn ausgerechnet zum 20-jährigen Jubiläum des Händel Festspielorchesters der künstlerische Direktor der Oper Halle Axel Köhler seine Inszenierung vom Gärtnerplatztheater München (2011)  an seinem eigenen Hause neu herausbringt.

1721 wurde Telemanns Sokrates am Gänsemarkttheater der Freien und Hansestadt Hamburg uraufgeführt, an dem Theater, an welchem Telemann später selber Direktor werden sollte. Dort knüpfte er mit seinem Werk an die Tradition von Keiser, Mattheson, Graupner und auch Händel an, die Jahre zuvor an diesem ersten bürgerlich städtischen Theater in Deutschland ihre Werke aufführten. Das Hamburger Publikum wollte sich in diesem riesigen, 2000 Zuschauer fassenden Haus amüsieren, der Magistrat der Hansestadtwollte die Institution aber auch als Vermittlungsstätte von Moral und staatstragenden Ideen sehen. Schon aus diesem Grunde mussten die Opern in deutscher Sprache (zumindest mit deutschen Rezitativen) gegeben werden, Arien konnten hingegen der vorherrschenden Mode wegen auf Italienisch gesungen werden. Die italienischen Arien und Duette des geduldigen Sokrates hat der Librettist Johann Ulrich von König unmittelbar aus der 40 Jahre älteren Textvorlage „La pazienza di Socrate con due moglie“ von Nicolò Minato für die Oper von Antonio Draghi übernommen, 1680 in Prag uraufgeführt. Die Morallehre der vorliegenden Oper ist einfach: man soll sich in den Dienst der Obrigkeit stellen, sich gebührlich benehmen, besser nur eine einzige Frau haben und sich klar zu ihr bekennen.

Anke Berndt (Xanthippe), Ki-Hyun Park (Sokrates), Melanie Hirsch (Amitta)

Der Unterhaltungswert des Werks, das sich „Musikalisches Lustspiel“ nennt, liegt in dem parodistischen Ulk, der da auf die Bühne kommt. Auf Beschluss des Athener Magistrats hat wegen der Bevölkerungsverluste aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Sparta verordnet, dass jeder Athener (auch ältere wie Sokrates) zwei Frauen nehmen müsse, damit wieder mehr Nachwuchs entstehe. So hatte der arme Philosoph neben seiner Xanthippe noch eine zweite Frau, die Amitta, heiraten müssen. Da diese beiden sich dauernd in die Haare gerieten und Xanthippe bekanntlich auch ihren Mann psychisch misshandelte (sie zerriss ihm sogar seine Bücher), wurde dem in dieser Situation wirklich viel Geduld abverlangt. Die Oper enthält noch ein weiteres Dreiecksverhältnis, da der Prinz Melito sich nicht zwischen den beiden Prinzessinnen Rodisette und Edronica entscheiden kann, denen ihrerseits auch noch von dem Prinzen Antippo der Hof gemacht wird; letzterer würde gern mindestens eine von den beiden haben. Dann ist da noch der Fürst Nicia, der die Staatsgewalt vertritt und sich gerne vom herbei zitierten Sokrates beraten lässt, wodurch die Verbindung der beiden Personengruppen entsteht. Vier Schüler von Sokrates komplettieren das recht umfangreiche Personal der Oper. Die Geschichte wogt ohne wirkliche Handlung und echte Verwicklungen hin und her. Es versteht sich, dass nach etlichen heiteren und tragikomischen Komplizierungen jeder ein Weibchen hat – und zum Glück für Sokrates hat dabei die Xanthippe, die immer am lautesten gekrischen hatte, die Scheidung eingereicht. Großer Jubel- und Moralgesang am Ende.

Christopher O'Connor (Pitho), Andreas Guhlmann (Alcibiades), Kristian Giesecke (Xenophon), Ki-Hyun Park (Socrates), Ásgeir Páll Ágústsson (Fürst Nicia), Marie Friederike Schöder (Edronica), Michael Smallwood (Melito), Ines Lex (Rodisette)

Vertiefender Psychologie bedarf es bei diesem Werk nicht. Der Regisseur belämmert sein Publikum auch nicht mit zu vielen Moralpredigten, sondern unterhält es mit einer situativ geprägten, bunten, lebhaften Inszenierung im Stil einer Vorstadtkomödie mit feinem Humor und auch derberen Einfällen. Frank Schlößmann hat das Bühnenbild aus Schäfchenwolken vor hellblauem Himmel und einer Bücherregalwand kombiniert, die Sokrates‘ Arbeitszimmer darstellt. Das Ganze ist drehbar, so dass dahinter weitere Spielflächen erschlossen werden. Natürlich ist in der Bücherwand auch eine Hausbar so gut „versteckt“, dass auch Sokrates‘ Schüler sich dort bedienen, während sie statt Hausaufgaben zu machen, sich auf dem Boden fläzen und Würfelspiele betreiben. Dieses Quartett von Sokrates‘ Jüngern besteht aus so berühmten Namen wie Plato, Xenophon, Alkibiades und dem etwas dämlichen Pitho, die zusammen als eine Riege von Hanswursten auftreten. Die zeitliche Verortung des Stücks reicht in den schönen Kostümen von Katharina Weißenborn von antikisierenden Gewändern im Haus des Sokrates über das barocke Prachtkostüm des Fürsten Nicia immer in der Pose eines absolutistischen "Herrschers" bis zu den langen Goldglanzkleidern der Prinzessinnen und den clownesken Verkleidungen der Schüler. Wer sich an einem gut gemachten Schauspiel ohne tieferen Sinn gehoben ergötzen will, ist man bei dieser gelungenen und in sich geschlossenen Produktion gut aufgehoben.

Marie Friederike Schöder  (Edronica), Michael Smallwood (Melito), Ines Lex (Rodisette), Ásgeir Páll Ágústsson (Fürst Nicia)

Dazu kommt dann noch die anregend wirkende Telemann-Musik. Im etwas hochgefahrenen Graben dirigierte der inzwischen sehr gefragte Barock-Spezialist Wolfgang Katschner (Berliner Lautten Compagney) das Händelfestspielorchester Halle, das sich aus der Staatskapelle rekrutiert und mit Spezialisten historischer Musikinstrumente komplettiert wurde. Die virtuos durchaus anspruchsvolle Musik wurde konzentriert, präzise und inspiriert umgesetzt. Von etlichen Soli durchsetzt klang die Musik süffig und durchaus farbenreich. Insgesamt ist sie mit meistens als accompagnati angelegten Rezitativen und vielen Ensembles insgesamt lebendiger als eine lange Reihe von da-capo-Arien, wozu auch parodistische Elemente der Begleitung und die beiden Chorszenen beitrugen. Der Chor war der Ausgangsthematik des Stückes und dem Privatleben des Philosophen entsprechend mit doppelt so vielen Damen wie Herren besetzt.

Anke Berndt (Xantippe), Ki-Hyun Park (Socrates), Melanie Hirsch (Amitta)

Die solistische Besetzung konnte sich auch sehen und hören lassen. In der Titelrolle gab die koreanische „Allzweckwaffe“ des Halleschen Ensembles, Ki-hyun Park mit voluminös strömendem Bass und komödiantischem Spiel die Pantalone-Figur des Socrates. Unter seinen Schülern, die als tunichtgute Sprösslinge reicher Familien aufgefasst werden konnten, tat sich lediglich Christopher O’Connor als Pitho mit sauber geführtem Tenor solistisch hervor. Die anderen drei (Andreas Guhlmann als Alcibiades, Kristian Giesecke als Xenophon und Till Voß als Plato) sangen ihre schauspielerisch burlesken Einsätze im Ensemble. Gleich zwei Paare guter Sopranistinnen werden im geduldigen Sokrates benötigt, einmal in den komischen Rollen von Xantippe und Amitta; dann in den lyrischen Rollen der Prinzessinnen Rodisette und Edronica. In beiden Fällen hoben sich die Sängerinnen durch ein jeweils etwas helleres und dunkleres Timbre voneinander ab. Das komische Paar kam naturgemäß erst einmal spitz zankend und kreischend auf die Bühne. Die gingen sich sehr naturalistisch an die Wolle. Die Xantippe der Anke Berndt behielt einen etwas spitzen Nebenton in ihrem kräftigen Sopran bei. Als Amitta kehrte das frühere Ensemble-Mitglied Melanie Hirsch nach Halle zurück; ihren etwas dunkleren Sopran brachte sie virtuos, beweglich, frisch und klar zur Geltung.

Die beiden Prinzessinnen ließen sich zur Unterstützung beim Buhlen um den unentschlossenen Prinzen Melito von darstellenden Künstlern konterfeien, einem Maler und einem Bildhauer.. Dabei schummelte die Rodisette etwas mit ihrer Oberweite. Um die Spannung aufrechtzuerhalten wurden die beiden „Kunstwerke“ den Zuschauern erst zum Schluss ersichtlich gemacht: da hatte dann Edronica mit ihrem Oberkörper noch mehr übertrieben. Stimmlich konnten beide mit klaren, schlanken Höhen und beweglichen Koloraturen aufwarten; mit der leichten Eindunkelung wirkte Frau Schröder etwas erotischer. Den unentschlossenen Liebhaber beider, den Prinzen Melito sang der australische Tenor Michael Smallwood mit beweglichem, sauber geführtem Tenor von schöner Leuchtkraft und spielte ihn überzeugend. Der zuerst verschmähten Liebhaber, der Prinz Antippo war als Hosenrolle mit der Altistin Julia Böhme (Es gibt zwei Sängerinnen dieses Namens; diese ist die Richtige: http://juliaboehme.de/ ) idealtypisch besetzt.  Mit knabenhaft schlankem Körper und ebenso schlankem und klarem Alt bietet sie sich geradezu für Hosenrollen in Barockopern an. Ásgeir Páll Ágústsson gab den Fürsten Nicia schön komödiantisch aufgedreht mit wohltönendem Bass. --- Aus Anlass der Befreiung des schönen Jünglings aus dem Schoße der Proserpina wurde als kleine Einlage das Adonisfest aufgeführt, zu welchem selbiger in Kurzeinlagen von Jonathan dos Santos getanzt wurde. Paul Eisenmann mit Knabensopran piekte  zum Schluss als Cupido die Szene auf, damit nur ja keiner unverliebt bleibe.

Teile des Publikums  waren so gut unterhalten, dass sie schon während der laufenden Vorführung wie in einem Vorstadtkino dauernd ihre Kommentare abgeben zu müssen glaubten. Ganz ausverkauft war die Premiere nicht; der Beifall war sehr herzlich. Die nächsten Aufführungen finden am 30. Januar und am 22. März statt. Bei harmonia mundi soll dieses Jahr eine CD-Aufnahme der Oper mit René Jacobs erscheinen.

Manfred Langer, 29.01.2013                      Fotos: Gert Kiermeyer

 

SIEGFRIED

Premiere am 07.03.12

Schön und kraftvoll

Zugegeben: als ich las, dass Andreas Schager in der „Ring“-Produktion der Theater Ludwigshafen und Halle den Siegfried singen würde, erschrak er ein bisschen. Er kannte den jungen Sänger zunächst als lyrischen Operettentenor; im Theater Hof hatte man ihn 2004 als Adam im „Vogelhändler“ gehört, vor kaum drei Jahren sang er – noch als Andreas Schagerl mit dem charakteristischen, österreichischen End-“L“ ausgestattet - in einer Produk- tion der Coburger Sommeroperette den Grafen in der „Nacht in Venedig“ - und nun, nach Tamino, Florestan und David (bei Gustav Kuhn in Erl) erlebte ein völlig enthusiasmiertes Hallenser Publikum sein sensationelles Rollen- debüt in einer der schwersten Partien der Operngeschichte. Wie Schager das macht, ist erstaunlich. Wann erlebt man schon einen jungen Siegfried, der noch den letzten Ton schön und kraftvoll zu singen weiß?

Nein, dieser Siegfried mag, wie Regisseur Hansgünther Heyme immer wieder betont, kein „Held“ sein – stimmt ist er es durchaus. So läuft er durch die Inszenierung, die der Wanderer in der Hand zu haben scheint, weil er immer noch, als Regisseur des Weltgeschehens, die Strippen zieht: als reiner, unterm Mantel weiß gekleideter Tor. Sympathisch, dass er nicht, wie man's normalerweise erleben darf, seinem Ziehvater die Bratpfanne über den Schädel schlägt. Anrührend, wie er sich im Augenblick der ersten Furchterfahrung in die Arme der Mutter begibt, die als maskiertes Wesen, auch als vogelköpfiges „Mutterwesen“ im Wald auftaucht, um ihren Sohn von „drüben“ zu begleiten – auch hierin liegt die Hoffnung der Liebe. Für diese intellektuell grundierte wie sinnlich vermittelte „Ring“-Deutung hat Heyme zusammen mit vielen Jugendlichen den „Vorhang der Hoffnung“ - und die „Wand der Verzweiflung“ erfunden. „Hoffnung hat den Morgen für sich, der noch wieder kommt“, so heißt es beim gebürtigen Ludwigshafener Philo- sophen der Hoffnung, bei Ernst Bloch, dessen Text wir auf dem bunten Vorhang lesen können.

Hoffnung ist, im Prinzip, auch bei Heyme nicht: wo der Wanderer den Waldvogel (ansprechend: Ines Lex) als Riesenpuppe über Siegfried fliegen lässt, ahnen wir, dass es mit Siegfrieds Freiheit nicht weit her ist. Man darf immerhin darüber streiten, ob der Waldvogel selbst ein freies Wesen oder ein Repräsentant Wotans ist; vieles an dieser seit 1976 modischen Idee spricht dagegen – das szenisch-poetische Niveau dieser Produktion wird davon nicht beschädigt. – und Gérald Kim singt den Wanderer, in diesem deutlichen „Ring“, genauso unverschwiemelt wie Ralph Ertel seinen Mime und Gerd Vogel seinen Alberich.

Zwei hübsche „Boten des Todes“ - „schwarze Erotik“: so nennt man das wohl - die die Überreste der Ring-Opfer in die bekannten Asservatenkästen legen, Grane als Pferd- und Flügelwesen (und als alter ego Wotans), nicht zuletzt der naturalistische Bär: diese teils hinzu erfundenen Figuren tragen zum symbolischen wie märchenhaften Charakter der Produktion bei, die mit Lisa Livingston eine gute, leider stark tremolierende Brünnhilde und mit Deborah Humble und Christoph Stegemann zwei weitere beeindruckende Protagonisten besitzt. Fafner und Erda sehen nicht nur interessant aus (der Riese mit eingezogener Schulterstütze), Erda mit einem riesigen Tuch, viele (verzweifelte?) Hände zeigend. Nebenbei: der Abschied Wotans von der schönen Erda geschah selten so zärtlich, und der Drachenkampf mit seiner bildstarken Symbolik eines großen, sich in eine symbolische Vulva verwan- delnden Auges, in dessen Mitte der böse Teufel sitzt, wurde mit Hilfe von einfachen, sinnfälligen Hängern souverän gelöst.

Ein Hänger mit einer naturalistisch melancholischen Waldlandschaft zitierte immerhin sinnfällig die Idee eines gesunden Waldes. In Mimes Höhle sitzt der Zwerg, gekleidet wie ein Gefangener, in seinem persönlichen Gefängnis, wenn auch gelegentlich auf einem archaischen Hochsitz, den ein einäugiger Totenschädel ziert - was für eine Idee in Hinblick auf Wotan, der als Wan- derer nach wie vor ruhelos "schafft"´! Nur auf den Einkaufswagen könnte der Zuschauer verzichten; Heyme, der wieder sein eigener Ausstatter ist, hat ein derartig abgenütztes, wenn auch zweifellos praktisches Requisit nun wirklich nicht nötig.

Riesiger Beifall, auch für die Staatskapelle Halle unter Karl-Heinz Steffens, die dies komplexe wie kräftezehrende Partitur mit klarem Klang, sänger- freundlich und farbenreich brachte. Klug etwa, wie Steffens den Eintritt und die Wiederholung des lyrischen Sehnsuchtsthemas in der ersten Szene anlegte: mit eingebauter, durchaus nicht selbstverständlicher Steigerung. So gesehen, gibt es auch unterhalb der Bühne Helden – und Heldinnen wie die glänzende Solo-Hornistin, die so gut zum wunderbar frischen Siegfried Andreas Schager passt.

Frank Piontek

Die Fotos stammen von Gert Kiermeyer

Die Besprechungen aller Opern de Gemeinschaftsproduktion des Rings Halle/Ludwigshafen befinden sich auf unserer Seite Ludwigshafen


 

 


DIE FLEDERMAUS

Premiere am 04.02.2012

Knastbrüder auf dem Ball

Als eine „Politsatire“ kündigte AXEL KÖHLER seine Neuinszenierung der FLEDERMAUS von Johann Strauß an der Oper Halle an, und in der Tat gibt es in seiner gemeinsam mit dem Dramaturgen André Meyer erstellten neuen Dialogfassung eine Menge von Querverweisen und Anspielungen zu aktuellem politischem Geschehen sowie Bezüge auf lokale Besonderheiten der Saale-Stadt. Da ist die Rede von bankrotten Banken und leeren Stadtkassen in den Zeiten der Finanzkrise, von Korruption und Stasi-Vergangenheit, der Sucht nach politischen Karrieren und selbst der Bundespräsident findet Erwähnung. All das ist ungemein witzig und pointiert erdacht und wird vom Ensemble mit leichter Hand und ironischem Augenzwinkern serviert. FRANK PHILIPP SCHLÖßMANN bringt bekannte Hallenser Sehenswürdigkeiten auf seine Bühne von großem Schauwert – die Marktkirche in Feiningers weltberühmter Gemäldedarstellung, auf welche der Blick aus dem runden Fenster von Eisensteins Wohnung mit groß gemusterter Tapete aus Rosenblüten und floralem Dekor in Schwarz/Weiß fällt, oder das Händel-Denkmal vom Marktplatz, das sich – wie Palmen und Mobiliar – ganz aus glitzerndem Salz auf einer Party wieder findet, die bei der Firma „Halunken-Siedesalz“ veranstaltet wird. Organisiert hat diesen zynischen Spaß Dr. Falke, was Köhler vor der Ouvertüre zeigt, wo der Rechtsanwalt den Strafvollzugsbeamten Frosch mit einem Geldbündel besticht, die Gefängnisinsassen für eine Nacht ausleihen zu dürfen und aus dem Fundus des Opernhauses als Partygäste einkleiden zu lassen, um sich an Eisenstein zu rächen, der ihn einst nach einer durchzechten Ballnacht im Kostüm einer Fledermaus vor dem Händel-Standbild dem Spott der Bürger und der Boulevardpresse überlassen hatte.

Copyright: Oper Halle

Dass die Hallenser Justizvollzugsanstalt im Volksmund den Namen „Schwarzer Büffel“ trägt, brachte Schlößmann auf den amüsanten Einfall, das Stier-Logo des berühmten Jerez der Firma Osborne in seine Bühnengestaltung einzubauen – man sieht die Silhouette des Tieres auf der schwarzen Gefängnismauer, auf der mausgrauen Kleidung der Sträflinge, schließlich als Skulptur und Wandbild aus Backsteinen im Büro des Gefängnisdirektors. Zur opulenten Ausstattung tragen auch HENRIKE BROMBERs dekadent-bunte und phantasievolle Kostüme bei, die gele- gentlich sogar auf den Charakter der Personen Bezug nehmen. So spricht Rosalindes Kleidung im Raubtierlook für das Wesen dieser nymphomanischen Frau, die sich wie eine Wildkatze auf den schmucken jungen Tenor Alfred Kleinholz stürzt, der als  Mitglied des städtischen Opernhauses sein geringes Honorar als Nacktfensterputzer aufbessern muss. ROMELIA LICHTENSTEIN mit ihrem sinnlich-dunklen, zum Dramatischen tendierenden Sopran, ihrem herrlich ironischen Pathos, dem stürmischen Temperament, der augenrollenden Mimik und MICHAEL SMALLWOOD mit schmelzreichem lyrischem Tenor sowie Charme und körperlicher Attraktivität im Auftritt bieten hier eine hinreißende Nummer. Auf diesem Niveau singt und spielt auch GERD VOGEL als eleganter Eisenstein zwischen Grandseigneur und aufstrebendem Politiker mit klangvollem, auftrumpfendem Bariton und eloquentem Dialog. Eine kesse Göre ist MARIE FRIEDERIKE SCHÖDER als blonde Adele in T-Shirt und Kittelschürze, die gleich im ersten Auftritt ihre Koloraturen mit einem Spagat krönt, die Partie beherzt angeht und dabei mit der Intonation gelegentlich etwas frei verfährt. Immerhin schmückt sie ihr erstes Couplet mit einigen stratosphärischen staccati, und wirklich bra- vourös singt sie die „Unschuld vom Lande“. Als tätowiertes Zwitterwesen in schwarzem Glitzerfrack und silberner Metallic-Hose erscheint SANDRA MAXHEIMER als Orlofsky mit angenehmem, in der Höhe etwas spitzem Mezzo. ASGEIR PALL AGUSTSSONs sympathischer Dr.Falke leidet zuweilen an Textunverständlichkeit und holprigem Gesang, während KI-HYUN PARK als Gefängnisdirektor Kim (Frank) nicht nur mit einer Slapstick-Einlage, sondern auch mit wohltönender Stimme gefällt. Schließlich gibt der in Halle bestens bekannte Schauspieler REINHARD STRAUBE einen liebenswerten Frosch, der als einstiger Stasi-IM mit seinen witzigen Kommentaren immer wieder lachen macht. Sie alle und der Chor der Oper Halle (Einstudierung: JENS PETEREIT) werden von ANDREAS HENNING am Pult der Staatskapelle Halle zu schmissigem Gesang und flottem Tempo, aber auch der nötigen Walzerseligkeit inspiriert. Der Dirigent sorgt schon in der Ouvertüre für Schwung und Esprit, raffinierte ritardanti und einen rasanten finalen Wirbel. So war es eine glänzende Idee, Strauß’ Polka „Unter Donner und Blitz“ als Einlage zwischen dem 1. und 2.Akt zu spielen, bei der die Gefangenen zunächst an der Gefängnismauer bei der Morgengymnastik zu sehen sind und sich danach vom Kleiderständer ein Kostüm für die abendliche Party auswählen. Die flotte Choreografie dazu erdachte HELMUT NEUMANN. All das hat Tempo und mitreißenden Drive, ist höchst vergnüglich und garan- tiert einen stimmungsvollen Abend im Opernhaus.

Bernd Hoppe
 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com