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CARMEN

Besuchte Aufführung: 29.01.12 (Premiere)

Ein Mythos aus dem Bilderrahmen

Gleichsam einem Museum für Bilderrahmen scheint die neue Heidelberger „Carmen“ entsprungen zu sein. Nadja Loschky inszenierte zum ersten Mal im Opernzelt, in dem das Theater der Stadt Heidelberg noch bis zum Herbst residiert, konnte indes die großen Erwartungen, die man in sie als ehemalige Assistentin von Hans Neuenfels setzte, nicht erfüllen. Mit ihrer Deutung von Bizets Werk hat sie dessen Aufführungsgeschichte nicht gerade voran-gebracht. Die Produktion geriet alles andere als aufregend. Allein ein trefflicher gedanklicher Überbau reicht für einen spannenden Opernabend noch lange nicht aus.

Die Gedanken, die sich die junge Regisseurin über das Stück gemacht hat, sind durchaus interessant. Sie fasst die Handlung als Mythos im weiteren Sinne auf, der mit unserem heutigen psychologischen Realismus kollidiert. Bei ihr avanciert Carmen selber zum Mythos. Die Einbeziehung der Rezep-tionsgeschichte, das Aufzeigen des Scheiterns zwischenmenschlicher Bezie-hungen sowie die Hinzufügung einer Rahmenhandlung sind alles legitime Theatermittel, gegen die nichts einzuwenden ist. In dem Bestreben, eine Grätsche zwischen den realistischen Szenen und der sie überlagernden Rahmengeschichte herzustellen (so Frau Loschky) hat sie sämtliche herkömmliche Dialoge gestrichen und durch neue, surrealistisch anmutende Texte ersetzt, die sie von einer dazu erfundenen Figur in deutscher Sprache rezitieren lässt, womit sie einen bewussten Bruch zwischen Musik und Text herbeiführt.

In immer neuen Zitaten reflektiert und kommentiert dieser neu kreierte, von einem Angehörigen des Sprechtheaters verkörperte Erzähler das Geschehen, lässt es gleich dem lyrischen Ich aus Prosper Merimees „Carmen“-Novelle, die Bizets Oper zugrunde liegt, in seiner Erinnerung, vor seinem geistigen Auge abfließen. Eine Traum- und Phantasiewelt öffnet sich, in der größten- teils Klischees bedient, dem Publikum aber auch eigene Interpretations- spielräume eröffnet werden. Wenn sich Carmen von dem Erzähler nur teilweise verdeckt im zweiten Akt anscheinend nackt auszieht - das war von meinem Platz nicht so genau zu sehen - und anstelle ihres konventionellen langen Zigeunerinnenkleides ein schlichtes und kurzes beiges Hauskleid anlegt, wird deutlich, dass es neben den herkömmlichen noch andere Deutungsmöglichkeiten gibt, deren Ergründung die Regisseurin aber dem Intellekt der Zuschauer überlässt. Nicht zu beanstanden ist auch ihre Idee, Carmen eine allegorische Figur, gleichsam das Schicksal in Person, zur Seite zu stellen. Das war alles klug gedacht und machte auch Sinn.

Indes haperte es an der Umsetzung. Nadja Loschky siedelte das Geschehen weder in einem traditionellen noch in einem modernen Ambiente an, son- dern verpasste ihm zusammen mit der Bühnenbildnerin Gabriele Jaenecke, von der auch die Kostüme stammen, einen zeitlosen, abstrakten Rahmen. Der Raum wird von mehreren Bilderrahmen verschiedener Größe eingenom- men, in denen die Handlungsträger in spanischer Aufmachung gleichsam zu Statuen erstarrt verharren. Nach und nach erwachen diese Standbilder zum Leben und beginnen ein Spiel mit dem Titel „Carmen“, das sie mit viel- fältigen Gedanken und Emotionen anreichern - leider aber nicht mit sonder- lich vielen Aktionen. Und hier liegt der Problempunkt der Inszenierung: Die Personenregie ist nicht gerade sehr ausgeprägt und wirkt häufig statisch. Zeitweilig wird lediglich purem Rampensingen gefrönt, wodurch sich nicht nur einmal Leerläufe einstellen. Von Musiktheater konnte an diesem teil- weise etwas langatmigen Abend leider nicht die Rede sein. Gute Regieein- fälle, wie beispielsweise im ersten Akt die Attacke Carmens auf Micaela, in der sie instinktiv eine Rivalin um Joses Gunst wittert, sind selten. Auch die sehr beeindruckende Erscheinung von Micaela als Königin im weißen Hochzeitskleid während ihrer Arie „Je dis que rien ne m’ epouvante“ im dritten Akt machte den Kohl nicht fett. Das waren lediglich Eintagsfliegen in einem insgesamt belanglosen Ganzen. So zog sich die Vorstellung rein szenisch etwas in die Länge. Die Chance, ein geistig durchaus beachtliches Konzept mit Leben zu erfüllen, hat die Regisseurin nicht genutzt.

 

Dietger Holm setzte bei seinem Dirigat in erster Linie auf eine einfühlsame Begleitung der Sänger. Leider gelang es ihm zusammen mit dem Philhar-monischen Orchester Heidelberg nicht, die musikalische Essenz des Stückes in allen Einzelheiten freizulegen. Dazu fehlte es seinem manchmal etwas zu bedächtig klingenden Dirigat etwas an Feuer und Rasanz - ein Mangel, der bereits während des zu gemächlich ertönenden Vorspiels offenkundig wurde. Hier wäre etwas mehr Fulminanz schön gewesen.

Von den aufgebotenen Sängern machten insbesondere die Vertreter der Hauptpartien nachhaltig auf sich aufmerksam. Rein optisch erwies sich Mariselle Martinez als Idealbesetzung für die rasante Carmen, die sie darstellerisch mit großem Temperament ausstattete. Auch gesanglich konnte sie insgesamt gut überzeugen. Ihr dunkler, trefflich focussierter Mezzosopran hatte Fülle, Erotik und ein breites Spektrum an Farben. Leider neigte sie hin und wieder zum Überzeichnen. Um eines besonders sinnlichen Ausdrucks willen gab sie manchmal ihre an sich vortreffliche Körperstütze auf und ging mehr verzerrt deklamierend als singend in die Maske. Das hatte sie doch nicht nötig. Auch ohne diese Kunstgriffe wäre sie ihrer Rolle stimmlich voll gerecht geworden. Prächtig schnitt Angus Wood ab, der für den Don Jose einen hervorragend sitzenden, strahlkräftigen italienischen Heldentenor mit stählerner Höhe mitbrachte und die Partie auch glaubhaft spielte. Eine hervorragende italienische Schulung seines ansprechenden Baritons wies auch der markant und intensiv singende James Homann als junger, charismatischer Escamillo auf. Weiterentwickelt hat sich Annika Ritlewski, die die Micaela mit größtenteils sauber verankerten und emotional eingefärbten Tönen versah. Wenn es ihr jetzt noch gelingt, die etwas hart klingenden Spitzentöne ebenfalls in den Körper zu bekommen, wäre sie perfekt. Einen tadellosen, robusten Bass brachte der schon oft bewährte Wilfried Staber für den Zuniga mit. Um die Nebenrollen war es leider nicht so gut bestellt. Ziemlich rau und halsig gab David Otto den Morales. Eine vorbildliche italienische Gesangstechnik ging leider auch Sharleen Joynt (Frasquita), Young Kyoung Won (Dancairo) und Sang Hoon Lee (Remendado) ab, die alle ziemlich dünn sangen. Da gefiel die Mercedes von Patrizia Herborn schon besser. Als Erzähler bewährte sich der Schauspieler Jan Schreiber. Eine ansprechende Leitung erbrachte der von Jan Schweiger einstudierte Chor.

Ludwig Steinbach


 

 

AIDA

zum 2.)

01.10.2011

Die hässliche Fratze der Macht

Nach der Premiere versprach der neue Intendanz Holger Schultze das Theater Heidelberg von der Regionalliga in die Bundesliga zu führen.

Ein Land im Kriegszustand. Die Führungsriege hat sich in die Kasematten des Regierungssitzes zurückgezogen und führt dort, im ehemaligen Wellnessbereich ein feudales Leben. Zu mindestens drückt das das Bühnenbild von Katharina Schlipf aus. Ein verkommenes Bad, das mühsam von Kriegsgefangenen sauber gehalten wird. Aida als Putzfrau, seit Neuenfels‘ Jahrhundertdeutung Anfang der 80er in Frankfurt kein neues Bild, aber in dieser Drastigkeit und mit diesen menschenverachtenden Kälte doch erschreckend. Inszenierte man in Frankfurt noch den Clash der Kulturen, erinnerte man, damals ganz en vogue noch an die Naziverbrechen, so zieht Lydia Steier in Heidelberg ganz andere Saiten auf.

In demütigenden schweinchenrosa Dienstmädchenkleidern, stimmige Kostüme aus den 20ern von Siegfried Zoller, müssen die ausschließlich weiblichen Gefangenen schon während der Ouvertüre die Leiche eines eben Erschossenen wegschaffen, das Blut von den Wänden wischen und den Raum mit ungelöschtem Kalk desinfizieren. Schwere Kost gleich zu Beginn, und es gab keine Erlösung. Im Gegenteil, Lydia Steier treibt das Karussell des menschlichen Bösen immer schneller an. Dabei findet sie größtmögliche Unterstützung in ihren Sängerdarstellern, die die Grenzen der psychischen Belastbarkeit scheinbar überschreiten.

Der Krieg scheint verloren, Generäle werden zur Mangelware. Da bietet es sich doch an, den jungen Militär Radamès schnell zu befördern. In einer eilig zusammengerufen Versammlung verpasst man ihm eine viel zu große Uniform die notdürftig von den weiblichen Adjutantinnen des Königs mit großen Büroklammern in Form gebracht wird. Der König selbst, eine hustende und wild zuckende Marionette seiner Tochter und seines Beraters Ramfis, ist nicht mehr fähig die Staatsgeschäfte zu leiten. Sein überalterter Regierungsapparat, lebt nur noch von Spritzen und Tabletten und ist der jungen Königstochter Amneris hörig. Diese Sadistin im platinblonden Jean Harlow Look übt ungestraft ihre Macht an den Kriegsgefangenen aus, im Gegenteil, sie ermuntert den Hofstaat es ihr gleich zu tun. Während des Triumphmarschs, werden kleine Giftcocktails an die Gefangenen gereicht, Verlierer ist der, der überlebt, alte Säcke vergreifen sich, unter Jubel der anderen, an kleinen Kindern. Lydia Steier hat ihre Hausaufgaben sehr gut gemacht. Zitate von de Sade werden genauso heraufbeschworen, wie die Nachrichten aus Abu Graib oder Elfriede Jelineks „Rechnitz“.

Die Verrohung der Sitten fordert immer neuere, größere Opfer. Letztendlich wird auch Radamès dem Altar der Machterhaltung preisgegeben. Seine Verbindung mit Aida würde sicherlich die verfeindeten Nationen miteinander versöhnen, aber die Persönlichen Interessen von Amneris und Ramfis sprechen dagegen. Nach einer Folterung wird er zum Verrecken zurückgelassen, während die Hauptschuldigen sich durch kollektiven Selbstmord der Verantwortung entziehen.

Durch geschickte Regie erreicht Lydia Steier, dass das Publikum auch das letzte Verständnis für das Liebespaar Aida Radamès verliert. Beide verlieren auch sich in Machtträumen. Der eine durch Etappensiege, die andere durch Rachewünsche des Vaters. Beide verlieren aber ihre Unschuld, und finden erst in der aussichtslosen Schlusssituation wieder zusammen.

Cornelius Meister leitete das Philharmonische Orchester Heidelberg auf wahrlich höchster Ebene. Verdis, dem Verismo weichende, verblassende Italia, angereichert mit Pseudoorientalik, verströmt eine warmen, auf den Punkt genau dirigierten Klang, der niemals die Sänger übertönt, bei den schwierigen Verhältnissen im Heidelberger Theaterzelt, eine beachtliche Leistung. Der Chor unter Jana Schweiger ist ein wunderbarer, spielfreudiger Klangkörper, der sich perfekt der Regie unterordnet, ohne an Charakter zu verlieren. Silke Schwarz singt eine makellose Hohe Priesterin, Nico Wouterses König besticht durch dramatisches Spiel und baritonale Tiefen. Pavel Shmulevich beängstigender tiefer Bass zu loben hieße Eulen nach Athen tragen. Sein Ramfis gewinnt durch sein Spiel, das die Exzesse der Macht fürchten lässt, genau wie seine Partnerin im Staat Amneris, Anna Peshe. Ihr perfekt geführter Mezzo, ergänzt das erschreckend realistische Spiel, insbesondere bei den Ausflügen in den Sadobereich. James Homann ist ein sehr junger Amonosro, mit sehr schöner, warmer Baritonlage, überzeugend in der Darstellung des rachesuchenden Königs. Über die beiden Hauptpartien, Radamès und Aida, lässt sich nur eines sagen: Perfekt. Angus Woods geschmeidiger Tenor, seine Darstellungskraft und sein genaues Timing findet in Yannick-Muriel Noahs makelloser Aida seine Entsprechung.

Der Abend endete mit, zu Beginn verhaltenem, dann zu wahrer Raserei gesteigerten Applaus, für alle Beteiligten. Ein paar wenige Buhs für das Regieteam wurden aber von allen anderen in Grund und Boden gejubelt.
Dass das Heidelberger Theater in die Bundesliga führt steht außer Frage, mit Inszenierungen wie diese Aida spielt Heidelberg auf alle Fälle schon in der Champions League.

Alexander Hauer

 

AIDA

Premiere am 01.10.11

Spannendes Psychokammerspiel

Seit dieser Spielzeit verfügt das Theater der Stadt Heidelberg über ein neues Leitungsteam. In den folgenden Jahren werden Holger Schultze als Intendant und Heribert Germeshausen als Operndirektor für die Geschicke des Hauses verantwortlich sein. Als Eröffnungsvorstellung des Musiktheaters entschied man sich für Verdis „Aida“ - eine hervorragende Wahl. Der in jeder Beziehung gelungene Premierenabend offenbarte nachhaltig den von der neuen Führungsliga der Heidelberger Oper propagierten Kurs, hochkarätiges modernes Musiktheater zu präsentieren. Unter den Augen von Theatergrößen wie Regula Gerber, Klaus-Peter Kehr, Andrea Moses und nicht zuletzt Klaus Zehelein lief auf der Bühne des Opernzeltes ein gut durchdachtes, ungemein spannendes und stringent umgesetztes Psychokammerspiel in mächtigen und imposanten Bildern ab, zu dem man der jungen Regisseurin Lydia Steier nur gratulieren kann. Sie versteht ihr Handwerk trefflich und ist sich des kulturpolitischen Auftrages der Theater, einen Spiegel der Jetztzeit zu bilden, wohl bewusst.

Der Bezug, den sie zu den derzeit in Afrika herrschenden Verhältnissen herstellt, war nur zu berechtigt. Dabei präsentiert sie das Ganze eher in einem zeitlosen Rahmen. Sie siedelt das Geschehen in einem von Katha- rina Schlipf entworfenen alten, schmutzigen und stark herunterge-kommenen Volksbad an, das zu einem Sanatorium für die altersschwache und debile Oberschicht Ägyptens umfunktioniert wurde. Man geht am Stock, sitzt im Rollstuhl, ist einäugig und hängt am Tropf. Der Pharao windet sich, von schweren Hustenanfällen geschüttelt, in konvulsivischen Zuckungen am Boden, er leidet augenscheinlich an Tuberkulose.

Medikamentenabhängigkeit und Drogenkonsum bestimmen das Leben des degenerierten ägyptischen Staates, deren Repräsentanten nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Als Zeichen ihrer einstigen Größe umgeben sie sich mit prunkvoll gekleideten - die Kostüme stammen von Siegfried Zoller - Generälen aus vergangenen Zeiten und schmücken sich mit Orden. Das alte diktatorische Machtsystem, dem der menschliche Faktor gänzlich abhanden gekommen ist und das sich durch Folter und sonstige Grausam- keiten auszeichnet - der Triumphmarsch dient der Zermürbung der äthiopi- schen Gefangenen, die entkleidet an der Rampe knien - liegt in den letzten Zügen. Der Weg ist frei für den gesellschaftlichen Aufstieg der Unterschicht, deren Angehörige diejenigen Emotionen aufweisen, die den alten Machtha- bern fehlen, die aber für ein intaktes Staatssystem unerlässlich sind. Aida und Radames sind zu Beginn Angehörige einer Putzkolonne. Während letzterer dank seiner ausgeprägten militärischen Fähigkeiten schnell Karriere macht, bleibt die Geisel Aida bis zum bitteren Ende Putzfrau. Für diese Sinn machende Sicht der stark gedemütigten äthiopischen Prinzessin stand Hans Neuenfels Pate.

Kein Zweifel konnte aber auch daran aufkommen, welcher berühmte katalanische Regisseur Frau Steiers hauptsächlicher Lehrer war. Bereits im zweiten Akt, wenn die feine Gesellschaftsdame Amneris ihre Untergebenen rüde misshandelt und gnadenlos eine ihrer Putzfrauen niedersticht, die sich dann noch lange in ihrem Blut winden muss, bevor sie schlussendlich ihr Leben aushaucht, musste man nachhaltig an Calixto Bieito denken. Der Gefühlswelt ihres Lehrmeisters Bieito zeigte sich die Regisseurin auch im vierten Aufzug verpflichtet, der rein szenisch den Höhepunkt der Aufführung bildete. Hier sind Lydia Steier äußerst krasse und eindringliche Bilder gelungen, so z. B. der Auftritt des gefolterten, blutüberströmten Radames. Ziemlich ernüchternde Wirkung entfaltete die Leiche Amonasros, die den ganzen Schlussakt über im Wasser liegt und an die sich Amneris verzweifelt klammert. Stark unter die Haut ging auch, wie sich die Pharaonentochter ihr Kleid vom Leib reißt und ihrem Leben mittels eines Medikamentencocktails ein Ende setzen will. Den Inhalt immer neuer Arzneifläschchen schaufelt sie in sich hinein, während Radames mit Ketten an die hintere Wand geschmiedet ist.

Hier drängen sich Assoziationen an Harry Kupfers bahnbrechende Bayreuther Inszenierung von Wagners „Fliegendem Holländer“ auf. Eine zentralere Stellung als in sonstigen Produktionen des Stückes lässt Frau Steier dem Ramfis zukommen. Er ist gleichsam der heimliche Herrscher in diesem zwiespältigen Machtstaat, in dem er gleichsam als Vermittler zwischen der öffentlichen Terror- und der emotionalen Liebeswelt fungiert. Mit einem feinen schwarzen Anzug angetan, vertritt er eine gleichsam politisierte Kirche, ist Vertreter eines äußerst fragwürdigen Staatskirchen- tums. Brutalität und Gewalt bestimmen sein Handeln. Er schlägt nicht nur Radames, sondern sogar die Königstochter Amneris. Andererseits ist er gegenüber den fragwürdigen Verhältnissen, in denen er wirken muss, nicht blind. Sich der unrühmlichen Funktion, die ihm in diesem System zukommt, durchaus bewusst, scheint er oft fast den Verstand zu verlieren. Schließlich erkennt er, dass der Staat unter derart menschenfeindlichen Bedingungen nicht fortbestehen kann und beschließt, allem ein Ende zu bereiten. Während Radames zusammen mit der zum Schluss im weißen Unterkleid erscheinenden Aida gleichsam einen Liebestod stirbt, schafft Ramfis die benommene Amneris beiseite. Er injiziert ihr den Inhalt einer Giftspritze, bevor er sich selbst die Pistole an die Schläfe setzt. Liebe hat in einem Terrorregime keine Chance zu überleben. Ein Staat ohne Liebe ist kein richtiger Staat. Ein System aber, das diese emotionalen Grundwerte menschlichen Zusammenlebens verachtet, ist dem Untergang geweiht. Dass das Heidelberger Publikum das alles widerspruchslos aufnahm und die Regisseurin sogar mit starkem Applaus bedachte, zeugt von einer großen Aufgeschlossenheit der Opernbesucher dieser Stadt gegenüber modernen Inszenierungen, wofür ihnen ein großes Lob auszusprechen ist.

Musikalisch geriet der Abend prachtvoll. GMD Cornelius Meister drehte den Orchesterapparat mächtig auf und wartete mit einer packenden und farbenreichen Auslotung von Verdis Partitur auf. In der Tat ist er ein Meister von vielfältigen Klangfarben, von feinen dynamischen Nuancierungen und klanglichen Schattierungen bis hin zu ausgeprägten Ausbrüchen. Dabei waren ihm die einzelnen intensiv aufspielenden Instrumentengruppen des Philharmonischen Orchesters Heidelberg, unter denen sich insbeson- dere die markant aufspielenden Bläser zu profilieren wussten, kongeniale Partner, die ihren Part voll auszufüllen verstanden, woraus ein differen- zierter, ausgewogener und homogener Klangteppich resultierte, der den glänzenden Untergrund für das dramatische Geschehen auf der Bühne bildete.

Und was für ein hochkarätiges Sängerensemble hatte das Theater der Stadt Heidelberg aufgeboten. Nahezu sämtliche Vokalsolisten empfahlen sich nachhaltig für große Häuser. Fast durchweg wurde schön im Körper und mit vorbildlicher italienischer Technik gesungen, was keine Selbstverständlichkeit ist. Kleine Abstriche sind leider bei Yannick-Muriel Noah zu machen, die als Aida stark die Luft gegen den Kehlkopf schlug, woraus eine ziemlich tremolierende Tongebung resultierte. Eine Idealbesetzung für den Radames stellte Angus Wood dar. Hier haben wir es mit einem ausgesprochen elegant singenden, metall- und obertonreichen Heldentenor mit starkem Höhenglanz und breiter Ausdrucksskala zu tun. Dass er das hohe ‚b’ bei „Celeste Aida“ nicht im Pianissimo, wie von Verdi vorgeschrieben, sondern im Forte nahm, sei nur am Rande erwähnt und tut seiner phantastischen Gesamtleistung keinen Abbruch. Mit sinnlich-erotischer Mittellage und bei den Spitzentönen prächtig aufblühendem Mezzosopran gab die klug und ausdrucksstark phrasierende Anna Peshes der Amneris beträchtliches Gewicht. Darstellerisch hatte sie im vierten Akt ihre stärksten Momente. Phänomenal schnitt auch der Amonasro von James Homann ab. Mit voluminösem, kernigem und in jeder Lage gleichermaßen gut ansprechen- dem, ausgeglichenem Bariton, den er ausgesprochen nobel und vielschichtig einzusetzen wusste, zog er jede Facette des äthiopischen Herrschers, dem er nicht nur stimmlich große Autorität zu verleihen wusste. Auch schauspie- lerisch ging er voll in seiner Partie auf, der er insgesamt sehr robuste Züge verlieh. Das war die beste Leistung des Abends. Von Mannheim nach Heidelberg gewechselt ist Pavel Shmulevich, der den Ramfis mit volltönenden, geschmeidigen Basstönen ausstattete. Mit dem König empfahl sich Nico Wouterse für größere Aufgaben. Wunderbar ließ Silke Schwarz in der Partie der Sacerdotessa ihren herrlichen dunklen Sopran dahinfließen. Sang Hoon Lees Messaggero verfügte über mehr Stimm-material als man es bei dieser kleinen Rolle sonst gewohnt ist. Der oft aus dem Foyer der Alten Feuerwache singende Chor war von Jan Schweiger trefflich einstudiert.

Fazit: Mit dieser szenisch ausgesprochen interessanten, musikalisch und gesanglich grandiosen „Aida“ ist der neuen Theaterleitung ein hervorragender Einstand gelungen, an dem sich zukünftige Produktionen dieses Hauses werden messen lassen müssen. Der Abend verlief wie im Fluge und man verließ ob der hohen Qualität des Erlebten aufgewühlt und beglückt das Opernzelt.

Ludwig Steinbach

 

 


 

 

 

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