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CARMEN
Ein Mythos aus dem Bilderrahmen
Gleichsam einem Museum für Bilderrahmen scheint die neue Heidelberger „Carmen“ entsprungen zu sein. Nadja Loschky inszenierte zum ersten Mal im Opernzelt, in dem das Theater der Stadt Heidelberg noch bis zum Herbst residiert, konnte indes die großen Erwartungen, die man in sie als ehemalige Assistentin von Hans Neuenfels setzte, nicht erfüllen. Mit ihrer Deutung von Bizets Werk hat sie dessen Aufführungsgeschichte nicht gerade vorangebracht. Die Produktion geriet alles andere als aufregend. Allein ein trefflicher gedanklicher Überbau reicht für einen spannenden Opernabend noch lange nicht aus.

Wir danken Klaus Fröhlich für die schönen Produktionsbilder
Die Gedanken, die sich die junge Regisseurin über das Stück gemacht hat, sind durchaus interessant. Sie fasst die Handlung als Mythos im weiteren Sinne auf, der mit unserem heutigen psychologischen Realismus kollidiert. Bei ihr avanciert Carmen selber zum Mythos. Die Einbeziehung der Rezeptionsgeschichte, das Aufzeigen des Scheiterns zwischenmenschlicher Beziehungen sowie die Hinzufügung einer Rahmenhandlung sind alles legitime Theatermittel, gegen die nichts einzuwenden ist. In dem Bestreben, eine Grätsche zwischen den realistischen Szenen und der sie überlagernden Rahmengeschichte herzustellen (so Frau Loschky) hat sie sämtliche herkömmliche Dialoge gestrichen und durch neue, surrealistisch anmutende Texte ersetzt, die sie von einer dazu erfundenen Figur in deutscher Sprache rezitieren lässt, womit sie einen bewussten Bruch zwischen Musik und Text herbeiführt.

In immer neuen Zitaten reflektiert und kommentiert dieser neu kreierte, von einem Angehörigen des Sprechtheaters verkörperte Erzähler das Geschehen, lässt es gleich dem lyrischen Ich aus Prosper Merimees „Carmen“-Novelle, die Bizets Oper zugrunde liegt, in seiner Erinnerung, vor seinem geistigen Auge abfließen. Eine Traum- und Phantasiewelt öffnet sich, in der größtenteils Klischees bedient, dem Publikum aber auch eigene Interpretationsspielräume eröffnet werden. Wenn sich Carmen von dem Erzähler nur teilweise verdeckt im zweiten Akt anscheinend nackt auszieht - das war von meinem Platz nicht so genau zu sehen - und anstelle ihres konventionellen langen Zigeunerinnenkleides ein schlichtes und kurzes beiges Hauskleid anlegt, wird deutlich, dass es neben den herkömmlichen noch andere Deutungsmöglichkeiten gibt, deren Ergründung die Regisseurin aber dem Intellekt der Zuschauer überlässt. Nicht zu beanstanden ist auch ihre Idee, Carmen eine allegorische Figur, gleichsam das Schicksal in Person, zur Seite zu stellen. Das war alles klug gedacht und machte auch Sinn.

Indes haperte es an der Umsetzung. Nadja Loschky siedelte das Geschehen weder in einem traditionellen noch in einem modernen Ambiente an, sondern verpasste ihm zusammen mit der Bühnenbildnerin Gabriele Jaenecke, von der auch die Kostüme stammen, einen zeitlosen, abstrakten Rahmen. Der Raum wird von mehreren Bilderrahmen verschiedener Größe eingenommen, in denen die Handlungsträger in spanischer Aufmachung gleichsam zu Statuen erstarrt verharren. Nach und nach erwachen diese Standbilder zum Leben und beginnen ein Spiel mit dem Titel „Carmen“, das sie mit vielfältigen Gedanken und Emotionen anreichern - leider aber nicht mit sonderlich vielen Aktionen. Und hier liegt der Problempunkt der Inszenierung: Die Personenregie ist nicht gerade sehr ausgeprägt und wirkt häufig statisch. Zeitweilig wird lediglich purem Rampensingen gefrönt, wodurch sich nicht nur einmal Leerläufe einstellen. Von Musiktheater konnte an diesem teilweise etwas langatmigen Abend leider nicht die Rede sein. Gute Regieeinfälle, wie beispielsweise im ersten Akt die Attacke Carmens auf Micaela, in der sie instinktiv eine Rivalin um Joses Gunst wittert, sind selten. Auch die sehr beeindruckende Erscheinung von Micaela als Königin im weißen Hochzeitskleid während ihrer Arie „Je dis que rien ne m’ epouvante“ im dritten Akt machte den Kohl nicht fett. Das waren lediglich Eintagsfliegen in einem insgesamt belanglosen Ganzen. So zog sich die Vorstellung rein szenisch etwas in die Länge. Die Chance, ein geistig durchaus beachtliches Konzept mit Leben zu erfüllen, hat die Regisseurin nicht genutzt.

Dietger Holm setzte bei seinem Dirigat in erster Linie auf eine einfühlsame Begleitung der Sänger. Leider gelang es ihm zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Heidelberg nicht, die musikalische Essenz des Stückes in allen Einzelheiten freizulegen. Dazu fehlte es seinem manchmal etwas zu bedächtig klingenden Dirigat etwas an Feuer und Rasanz - ein Mangel, der bereits während des zu gemächlich ertönenden Vorspiels offenkundig wurde. Hier wäre etwas mehr Fulminanz schön gewesen.

Von den aufgebotenen Sängern machten insbesondere die Vertreter der Hauptpartien nachhaltig auf sich aufmerksam. Rein optisch erwies sich Mariselle Martinez als Idealbesetzung für die rasante Carmen, die sie darstellerisch mit großem Temperament ausstattete. Auch gesanglich konnte sie insgesamt gut überzeugen. Ihr dunkler, trefflich focussierter Mezzosopran hatte Fülle, Erotik und ein breites Spektrum an Farben. Leider neigte sie hin und wieder zum Überzeichnen. Um eines besonders sinnlichen Ausdrucks willen gab sie manchmal ihre an sich vortreffliche Körperstütze auf und ging mehr verzerrt deklamierend als singend in die Maske. Das hatte sie doch nicht nötig. Auch ohne diese Kunstgriffe wäre sie ihrer Rolle stimmlich voll gerecht geworden. Prächtig schnitt Angus Wood ab, der für den Don Jose einen hervorragend sitzenden, strahlkräftigen italienischen Heldentenor mit stählerner Höhe mitbrachte und die Partie auch glaubhaft spielte. Eine hervorragende italienische Schulung seines ansprechenden Baritons wies auch der markant und intensiv singende James Homann als junger, charismatischer Escamillo auf. Weiterentwickelt hat sich Annika Ritlewski, die die Micaela mit größtenteils sauber verankerten und emotional eingefärbten Tönen versah. Wenn es ihr jetzt noch gelingt, die etwas hart klingenden Spitzentöne ebenfalls in den Körper zu bekommen, wäre sie perfekt. Einen tadellosen, robusten Bass brachte der schon oft bewährte Wilfried Staber für den Zuniga mit. Um die Nebenrollen war es leider nicht so gut bestellt. Ziemlich rau und halsig gab David Otto den Morales. Eine vorbildliche italienische Gesangstechnik ging leider auch Sharleen Joynt (Frasquita), Young Kyoung Won (Dancairo) und Sang Hoon Lee (Remendado) ab, die alle ziemlich dünn sangen. Da gefiel die Mercedes von Patrizia Herborn schon besser. Als Erzähler bewährte sich der Schauspieler Jan Schreiber. Eine ansprechende Leitung erbrachte der von Jan Schweiger einstudierte Chor.
Ludwig Steinbach
OPERNGALA
Am 7. November 2011 lud das Theater der Stadt Heidelberg zu einer Operngala in das Opernzelt, das noch cirka ein Jahr als Ausweichspielstätte dienen wird; im Herbst 2012 soll der neue Theaterbau eröffnet werden. Zweck des Festkonzertes war es, den Zuschauern die zahlreichen neuen Ensemblemitglieder des Musiktheaters zu präsentieren. Auf einfühlsame Weise konnte man sich an diesem Abend ein umfassendes Bild von den gesanglichen Qualitäten der zum großen Teil frisch nach Heidelberg verpflichteten Vokalsolisten machen. Und da gab es so manche positive Überraschung. In der Tat war das sängerische Niveau dieser Gala überwiegend sehr hoch. Der neue Intendant Holger Schultze und sein Operndirektor Heribert Germeshausen, der als Moderator durch die Veranstaltung führte, haben ihre Sänger mit großer Sorgfalt ausgewählt und größtenteils hervorragend italienisch geschulte Stimmen mit herrlichem appoggiare la voce engagiert, denen zuzuhören geradezu ein Traum war. Den meisten von ihnen wird bei pfleglichem Umgang mit ihrem kostbaren Material wohl eine große Karriere bevorstehen, und Heidelberg kann auch weiterhin ein Sprungbrett für erfolgreiche Sängerlaufbahnen sein.
Die erste vokale Darbietung stammte aus Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“. Mit mächtig ausladendem, bestens gestütztem Mezzosopran trug Anna Peshes die Arie der Fürstin von Bouillon „Acerba volutta, dolce tortura“ vor. Beeindruckte sie hier in erster Linie durch große Kraft, Dramatik und Fulminanz ihres Vortrages, so schlug sie im weiteren Verlauf des Abends bei der Carmen ganz andere Töne an. In der Habanera entlockte sie ihrer Stimme so betörende sinnlich-erotische Klänge, das man ihrem demnächst stattfindenden Heidelberger Debüt in dieser Rolle schon regelrecht entgegenfiebert. In dem Duett „Mario! Mario! Mario!...Son qui“ aus Puccinis „Tosca” präsentierten sich ein altes und ein neues Ensemblemitglied. Hye-Sung Na war eine sehr bestimmt auftretende, prägnante Tosca, während sich Angus Wood als Cavaradossi mit seinem etwas an Franco Corelli erinnernden italienischen Heldentenor sehr feurig und viril gab. Beiden gemeinsam war die große Leidenschaftlichkeit, die sie in ihre prachtvollen Stimmen legten. Mit ausladender Emphase und stählernen Spitzentönen stattete Wood später das aus derselben Oper stammende „E luccevan le stelle“ aus und Frau Na sang im zweiten Teil ein beseeltes „Senza Mamma“ aus der „Sour Angelica“ desselben Komponisten, bei dem ihre verzweifelten Ausbrüche in der gleichen Weise unter die Haut gingen wie die tief empfundene Innigkeit, mit der sie in den mehr lyrischen Passagen aufwartete. Dass er nicht nur ein phantastischer Spinto-Tenor ist, sondern auch für das lyrische Fach eine erste Wahl darstellt, bewies Herr Wood bei dem Duett „In un coupe? - Con pariglia e livree - O Mimi, tu piu non torni“ aus „La Boheme“, in dem er als Rodolfo seiner ehemaligen Geliebten Mimi sehr gefühlvoll nachtrauerte, wobei er von James Homann in der Partie des Marcello eindrucksvoll unterstützt wurde. Dieser famose junge Bariton darf ruhig zu den ganz großen Hoffnungen im italienischen Fach gezählt werden. Insbesondere in der voluminös und ausdrucksstark vorgetragenen - entgegen landläufiger Meinung von Offenbach nicht für seine einzige Oper „Les contes d’Hoffmann“ geschriebenen - Diamantenarie kamen sämtliche Vorzüge seiner kernigen, dramatischen Stimme aufs Trefflichste zum Tragen. Leicht verwunderlich war, dass er das Stück mit einem glänzenden hohen ‚a’ abschloss, kurz zuvor aber statt dem hohen ‚gis’ nur das vom Komponisten als leichtere Variante erlaubte hohe ‚fis’ gesungen hatte. Das aber nur am Rande. Der Höhepunkt der Gala war zweifellos das Duett zwischen dem Grande-Inquisitore und Philipp II „Son io dinanzi al Re“ aus Verdis „Don Carlo“, in dem zwei ungemein beeindruckende Bass-Gewalten bravourös aufeinanderprallten und sich ein ungemein packendes vokales Duell lieferten, das vor Spannung nur so knisterte. Trotz einer Indisposition, deretwegen er sich zu Beginn entschuldigen ließ, überzeugte Wilfried Staber als Philipp mit kernigem, robustem Bass, dem von Pavel Shmulevichs wunderbar dahinströmendem sonorem, gleichzeitig aber auch recht charismatischem Bass auf hohem Niveau Paroli geboten wurde. Im zweiten Teil konnte Shmulevich unter Beweis stellen, dass er auch für den spanischen König eine erste Wahl darstellt. Sein „Ella giammai m’amo“ zeichnete sich durch lange Bögen und subtile Linienführung aus. Von der Unpässlichkeit Herrn Stabers war auch bei dem mit großer Noblesse dargebotenen „A te l’estremo addio“ aus Verdis „Simone Boccanegra“ nichts zu merken. Aber auch bei diesem insgesamt vorzüglichen Konzert waren leider auch Stimmen zu hören, die eine vorbildliche italienische Technik vermissen ließen. Wie man es bereits viele Jahre lang von ihm gewohnt ist, sang Winfrid Mikus das „Vesti la giubba“ aus Leoncavallos „I Pgliacci“ und das Ponchiellis „La Gioconda“ entstammende „Cielo e mar“ bar jeder soliden Körperstütze flach und halsig. Mit „Glitter and be gay“ aus Bernsteins „Candide“ machte Sharleen Joynt ein wenig den Eindruck eines noch ungeschliffenen Diamanten. Die Vorzüge dieser jungen Sopranistin sind sicher einmal die ungeheure Intensität, mit der sie dieses Bravourstück bewältigte sowie das phantastische Jonglieren mit ihrer flexiblen Stimme noch in höchsten, lange ausgehaltenen Höhen. Hier wurde das Potential, über das Frau Joynt zweifellos verfügt, deutlich. Indes verlegte sie sich auf einen ziemlich variablen Stimmsitz. Sie sang in der Mittellage zeitweilig schön im Körper, produzierte in der oberen Lage aber auch stark in Maske und Kopf sitzende Töne, die oft ziemlich schrill waren. Durchweg vokal dünn legte sie die Arie der Zerbinetta „Großmächtige Prinzessin“ aus Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ an. Bei beiden Stücken wurde indes deutlich, dass sie ausgezeichnet die Inhalte des von ihr Gesungenen vermitteln kann. Sie verfügt über eine ausgeprägte schauspielerische Ader, wie sie nicht alle ihre Kollegen/innen aufweisen, die aber im heutigen Opernbetrieb zunehmend unerlässlich ist. Wenn es ihr gelingt, ihren nicht unschönen Sopran gänzlich in den Körper zu bekommen, hat sie das Zeug zu einem großen Bühnenstar.
Auch das von Dietger Holm geleitete Philharmonische Orchester Heidelberg hatte einen guten Tag. Dirigent und Musiker begleiteten die Sänger umsichtig und durften auch in rein orchestralen Stücken ihr Können zeigen. In der eingangs erklingenden Ouvertüre aus Verdis „I Vespri Siciliani“ waren es v. a. der energisch und furios dargebotene Mittelteil sowie die anschließenden Kantilenen der Streicher, die nachhaltig in Erinnerung blieben. Ebenfalls beeindruckend war, wie sich bei dem Zwischenspiel zu Pucicnis „Manon Lescaut“ aus einigen wenigen flirrenden Streichinstrumenten ein gewaltiger Ausbruch des gesamten Orchesterapparates entwickelte, den die gut gelaunten Spieler mit großer Vehemenz zum Besten gaben. Der von den Musikern beherzt interpretierte Hexentanz aus „Le Villi“ zeigte dessen Komponisten Puccini noch auf dem Weg zur späteren Meisterschaft.
Fazit zum Schluss: Ein herzliches Dankeschön an das Heidelberger Theater für diesen wunderbaren Abend, der Ende Dezember eine Wiederholung erfährt und dessen Besuch jedem Opernbegeisterten dringendst empfohlen wird!
Ludwig Steinbach
Wir wollen anspruchsvolles Musiktheater machen...
Interview mit der neuen Theaterleitung

Holger Schultze (SCH)

Heribert Germeshausen (GERM)
OF: Was hat Sie dazu bewogen, sich um die Intendanz am Theater der Stadt Heidelberg zu bewerben? Was reizt Sie an diesem Haus?
SCH: Dafür gibt es viele Gründe. Einmal ist Heidelberg ein traditionsreiches Haus, das sowohl im Musiktheater als auch im Schauspiel ein Renommee aufweist, das sicher sehr bald über die Landesgrenzen hinausgehen wird. Zum anderen ist Heidelberg ein sehr zentraler Ort, um Theater zu machen; Mannheim, Stuttgart und Frankfurt liegen in der Nähe. Zudem wird hier in einem Jahr ein ganz außergewöhnlicher neuer Theaterbau eröffnet.
OF: Als erste Neuproduktion des Musiktheaters präsentierten Sie Verdis „Aida“. Warum gerade dieses Werk?
SCH: Da haben einige wichtige Faktoren zusammengespielt. Wir sind ja im Augenblick in einer Ausweichspielstätte, dem Opernzelt. Es hat uns sehr gereizt, darin eine Oper aufzuführen, die man später in unserem neuen Haus von der Größe und vom Volumen her wohl gar nicht machen könnte.
GERM: Außerdem konnten wir mit diesem Werk unsere neuen Sänger hervorragend präsentieren. Zudem war die „Aida“ ein Wunsch von GMD Cornelius Meister. Und auch die Größe des Orchestergrabens stimmte. Rezeptionsgeschichtliche Erwägungen, speziell auf das Rhein-Main-Gebiet bezogen, spielten bei unserem Entschluss, mit der „Aida“ zu beginnen, ebenfalls eine gewichtige Rolle. Denken Sie nur an Hans Neuenfels’ geniale Frankfurter Deutung des Stückes.
OF: Wie wird der Opernspielplan in den kommenden Spielzeiten aussehen? Setzen Sie auf Altbewährtes oder werden Sie auch moderne Oper und Uraufführungen bringen?
SCH: Natürlich werden wir auch Bewährtes spielen. Daneben ist es uns aber auch ungemein wichtig, moderne Komponisten und zeitgenössisches Musiktheater zu fördern.
GERM: Uns liegt daran, das ganze, mehr als vierhundert Jahre Operngeschichte ausmachende Spektrum auszufüllen. So werden wir das Barock-Festival „Winter in Schwetzingen“ weiterführen mit einer speziellen Ausrichtung auf die neapolitanische Oper. Wir werden spannende Ur- und Zweitaufführungen haben und letztlich natürlich, wie Holger Schultze eben schon sagte, das gängige Repertoire pflegen.
OF: Haben Sie schon konkrete Pläne für die Wiedereröffnung des neuen Theaters im Herbst nächsten Jahres?
SCH: Selbstverständlich haben wir bereits Pläne. Diese wollen wir aber noch geheim halten, um die Spannung auf das, was da kommen wird, etwas zu steigern.
OF: In welcher Phase befindet sich der Neubau im Augenblick? Liegt man im Zeitplan?
SCH: Erfreulicherweise ja. Die Eröffnung des Hauses ist für den November 2012 geplant. Der Rohbau steht bereits. Jetzt geht es zum Innenausbau. Die Struktur des Theaters ist bereits deutlich zu sehen. Es ist ein sensationeller Bau, der in die Altstadt hervorragend hineinpasst. Diese Kombination von altem und neuem Saal, von alter und neuer Architektur ist sehr außergewöhnlich.
OF: Wie werden Sie das Wagner-Jahr 2013 begehen? Werden Sie eines oder mehrere von Wagners Musikdramen auf den Spielplan setzen?
GERM: Wagner wird sicher in der einen oder anderen Form auf dem Spielplan 2013 stehen. Aber ganz genaues werden wir erst später bekannt geben.
OF: Ebenso wie Wagners feiert die Musikwelt 2013 auch Verdis zweihundertsten Geburtstag. Was planen Sie bzgl. Verdi?
SCH: Auch Verdi werden wir nicht ignorieren.
OF: Welchen dieser beiden Komponisten verehren Sie mehr, Wagner oder Verdi? Auf wem wird in Heidelberg in zwei Jahren das Hauptgewicht liegen?
SCH: Vom Repertoire her wird natürlich Verdi sehr essentiell sein. Wenn man sich die anderen Opernhäuser hier in der Gegend anschaut, die jetzt alle den „Ring“ stemmen, wäre es etwas vermessen, wenn wir in Heidelberg die Nibelungen-Tetralogie jetzt ebenfalls bringen würden. Ich denke, Verdi wird 2013 für uns wichtiger sein als Wagner.
OF: Die „Aida“ wurde von Lydia Steier sehr modern und oft krass, aber auch ungeheuer spannend inszeniert. Werden Sie diesen Kurs im Musiktheater weiterverfolgen?
SCH: Selbstverständlich. Theater braucht unterschiedliche Handschriften. Aber wenn man der Fachzeitschrift „Die deutsche Bühne“ Glauben schenken darf, haben wir dieses Jahr im Musiktheater vier der bedeutendsten Regisseurinnen und einen Regisseur. Ob das nun Nadja Loschky ist, die ja sowohl in Zürich als auch an der Komischen Oper Berlin inszeniert, oder beim „Winter in Schwetzingen“ Eva-Maria Höckmayr, die auch in Karlsruhe, Frankfurt und anderen großen Häusern arbeiten wird. Last but not least wird Lorenzo Fioroni, der ebenfalls ein wichtiger Nachwuchsregisseur ist, bei uns „Ariadne auf Naxos“ in Szene setzen. Klar ist, dass diese Regisseure immer zuerst in Heidelberg inszenieren werden, und dann erst an die großen Theater gehen. Damit kommt unserem Theater auch eine Sprungbrettfunktion zu.
GERM: Darüber hinaus wollen wir eine Kontinuität mit diesen Leuten anstreben, d. h. sie immer wieder engagieren.
OF: Frau Steier schien mir sehr von ihrem Lehrer Calixto Bieito, aber auch von Hans Neuenfels beeinflusst zu sein. Werden diese beiden genialen Regiegrößen auch einmal in Heidelberg inszenieren?
SCH: Das ist es ja gerade, was uns interessiert. Für diese Spielzeit sind von uns v. a. junge Regisseure verpflichtet worden. Andererseits haben wir aber beispielsweise auch Hans Kresnik wieder nach Heidelberg geholt, der ein spartenübergreifendes Projekt mit Tänzern und Schauspielern auf die Beine stellen wird. Unsere Absicht ist es, sowohl renommierte als auch junge Inszenatoren zu präsentieren, die gleichsam am Start ihrer Karriere stehen. Namen möchte ich aber erst nennen, wenn ich sie unter Vertrag habe.
OF: Könnten Sie sich vorstellen, mit Regisseuren wie Katharina Wagner, Tilman Knabe, Sebastian Baumgarten, Martin Kusej oder Stefan Herheim zusammenzuarbeiten?
SCH: Das sind fünf Namen, die nicht unbedingt im gleichen Atemzug zu nennen sind. Ich bin mit diesen Künstlern im Augenblick zwar nicht im Gespräch, könnte mir aber schon vorstellen, mit ihnen zu arbeiten. Das Ziel ist wirklich, hier in Heidelberg anspruchsvolles Musiktheater zu schaffen und dafür die besten Leute zu bekommen.
OF: Sind Sie sich darüber im Klaren, was für ein phantastisches Publikum Sie hier haben? So wie es der „Aida“ Beifall gezollt hat, scheint es zeitgenössischen Deutungen gegenüber sehr aufgeschlossen zu sein.
SCH: Da stimme ich Ihnen zu. Das ist wirklich ungeheuerlich, wie diese Produktion bei den Zuschauern ankommt. Man merkt, dass das Publikum die Aufführung akzeptiert. Es schätzt die hohe musikalische Qualität, aber auch die Ästhetik. Es wurde über diese Inszenierung schon heiß diskutiert. Aber was kann es für ein Theater besseres geben? Jedenfalls gibt es für die nächsten Vorstellungen nur noch Restkarten.
OF: Die „Aida“ - Premiere wies gesanglich ein ausgesprochen hohes Niveau auf, zu dem man Ihnen nur gratulieren kann. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Sänger aus? Was für eine Ensemblepolitik verfolgen Sie?
GERM: Wir setzen ganz klar auf das Ensemble und versuchen alle Partien mit unserem hauseigenen Sängerstamm zu besetzen. Bis auf die Darstellerin der Aida ist uns das auch gelungen. Die Gäste, die wir haben, versuchen wir langfristig an unser Haus zu binden und so ein über das Kernsensemble hinausgehendes erweitertes Ensemble zu bilden. Wir planen für ein Stadttheater sehr weit im Voraus, so dass wir unseren Sängern eine langfristige Perspektive bieten können. So war Angus Wood vor drei Jahren, als ich ihn kennenlernte, noch ein Mozart-Tenor. Inzwischen hat er sich vom lyrischen zum dramatischen Fach entwickelt und kann jetzt einen Don Jose und einen Radames singen. Die Gesangssolisten, die bei uns arbeiten, habe ich vor ihrer Verpflichtung nach Heidelberg bereits alle in einigen Vorstellungen gesehen und gehört. Ich bin kein Freund von Vorsingen. Mir ist wichtig, dass ich Sänger, die ich verpflichte, oft auf der Bühne erlebt habe. Es gibt nämlich solche, die bei Vorsingen phantastisch sind, aber auf der Bühne keine große Wirkung entfalten. Andere wiederum schneiden bei Vorsingen nicht hundertprozentig ab, sind dagegen bei den Aufführungen dann umso überzeugender.
OF: Nächste Saison wird GMD Cornelius Meister nach sieben Jahren Heidelberg verlassen. Haben Sie bereits einen Nachfolger führ ihn?
SCH: Ja - einen, über den wir uns sehr freuen: Yordan Kamdzhalov, ein bulgarischer Dirigent.
GERM: Er hatte vor wenigen Wochen sein Debüt in der Berliner Philharmonie. Am 13. Oktober wird er in der Royal Festival Hall in London dirigieren. Auch an der Komischen Oper Berlin wird er diese Saison erstmalig zu hören sein. Vor kurzem gewann er zwei wichtige Dirigierwettbewerbe. Er ist Meisterschüler von Simon Rattle und Pierre Boulez. Hier hat er uns und die Jury mit einem furiosen Probedirigat begeistert.
OF: Eine der hervorragendsten Heidelberger Dirigentinnen der vergangenen Jahre war die erst 24jährige Joana Mallwitz, die mir schon so manchen unvergesslichen Opernabend in Heidelberg beschert hat und die wir vom OPERNFREUND bereits mehrere Male ausgezeichnet haben. Werden Sie diese geniale junge Pultmeisterin auch künftig viel dirigieren lassen?
SCH: Dazu muss man sagen, dass Frau Mallwitz auch die enge Mitarbeiterin von Cornelius Meister ist. Ich gehe davon aus, dass es auch sie in andere Gefilde ziehen wird. Das ist aber vollkommen normal. Es ist wirklich großartig, dass so ein Ausnahmedirigent wie Cornelius Meister sieben Jahre lang in Heidelberg geblieben ist. Und auch seine enge Mitarbeiterin Joana Mallwitz muss sich weiter ausprobieren. Es ist wichtig, dass Künstler, die einen derart großen Erfolg haben, an den unterschiedlichsten Häusern Erfahrungen sammeln. Denn darum geht es letztendlich.
OF: Wie werden die Schlossfestspiele unter Ihrer Ägide aussehen?
SCH: Die Situation ist im Augenblick nicht ganz einfach, da wir uns in einer Umzugssituation befinden. Wir gehen ja in einem Jahr vom Opernzelt zurück in das neue Theater. Ab Mitte Juni nächsten Jahres werden wir mit Werkstätten, Kostümfundus usw. das neue Theaterhaus beziehen. Da werden alle unsere Mitarbeiter ganz schön unter Beschlag stehen. Große Produktionen sind unter diesen besonderen Umständen nicht möglich. Aus diesem Grunde können wir in der Spielzeit 2012/13 nur eingeschränkte Schlossfestspiele veranstalten. Im Zentrum werden Konzerte und ein Kindertheaterstück stehen.
OF: Was hat es mit Ihrer neuen Reihe „Sängerporträts“ auf sich?
GERM: Ziel ist es, unser Ensemble fest im Publikum und auch untereinander zu verankern. Deshalb stelle ich in dieser Veranstaltung immer einen Sänger vor, den das Publikum schon länger kennt, und ein neues Ensemblemitglied. So geschehen bereits am ersten Abend dieser Art, den das langjährige Hausmitglied Kammersängerin Carolyn Frank sowie der neu engagierte Pavel Shmulevich bestritten.
OF: Zum Auftrag jedes Theaters gehört, ein neues Auditorium heranzuziehen. Was werden Sie tun, um Kinder und Jugendliche für das Theater, speziell für die Oper zu interessieren?
SCH: Das Problem ist ja, dass viele Kinder und Jugendliche in ihren Elternhäusern nicht mehr an das Musiktheater und das Schauspiel herangeführt werden. Wir beabsichtigen, eine Schulkooperation aufzubauen - ein Modell, mit dem ich in Osnabrück bereits begonnen hatte. Da gab es dreißig Partnerschulen, mit denen wir Partnerschaftsverträge abgeschlossen hatten. Für die fünfte Jahrgangsstufe werden wir Kinderkonzerte anbieten, für die neunte eventuell die „Aida“. Die Jugendlichen, egal ob aus Realschule oder Gymnasium, sollen jedes Jahr ins Theater gehen und zusätzlich ein theaterpädagogisches Beiprogramm erhalten. Das ist das Ziel dieser Theaterkooperation. In Osnabrück haben wir auf diese Art sechzigtausend Schüler für das Theater begeistern können. Dass wollen wir auch in Heidelberg erreichen. Bereits jetzt sind die Verträge mit sieben Partnerschulen unterschrieben und mit weiteren fünfzehn sind wir im Gespräch. Wir streben an, am Schluss vierzig bis fünfzig solche Partnerschulen zu haben. Das werden wir wohl auch erreichen, weil unsere Idee auf ungeheure Begeisterung gestoßen ist. Wenn wir dieses Projekt erfolgreich durchziehen, werden wir vielleicht in einigen Jahren durch Heidelberg gehen und keinen Schüler mehr finden, der nicht weiß, was Musiktheater ist.
OF: Wie sieht es mit den Finanzen aus? Sind Sie mit Ihrem Budget zufrieden?
SCH: Ich glaube, dass es in Deutschland keinen Intendanten gibt, der mit seinem Budget zufrieden ist. Unter meinem Vorgänger Peter Spuhler sind dem Theater eine Million Euro gestrichen worden und jetzt sind im laufenden Haushalt noch mal fünfhunderttausend Euro dazugekommen. Und das bevor ich hier überhaupt angefangen habe. Man kann damit auf gar keinen Fall glücklich sein. Es ist so: Heidelberg baut ein neues Theater und steht auch hinter diesem. Ich denke, wenn es der Stadt wirtschaftlich wieder etwas besser geht, dass sie dann auch an ihre Theaterleute denkt. Wir streben ein hohes Niveau an. Und für eine gewisse Qualität ist eben Geld erforderlich.
OF: Wie werden die Gelder auf die verschiedenen Sparten verteilt werden?
SCH: Die Realität in den vergangenen Jahren sah so aus, dass im Gesamtetat für die Ausstattung kaum noch Geld vorhanden war. Ich halte von dieser Spartentrennung ehrlich gesagt gar nichts. Eine Musiktheater-Produktion wie die „Aida“ ist natürlich teurer als eine Inszenierung des Schauspiels. Darüber hinaus aber glaube ich, dass das Schauspiel ebenfalls eine große Produktion zustande bringen kann. Dann wird man sich in der Oper dafür etwas zurücknehmen müssen. Im Rahmen unseres Budgets versuchen wir, jede Sparte stark zu halten. Ein gut funktionierendes Stadttheater, wie wir es sind, funktioniert nur, wenn die Gelder gut verteilt werden. Das ändert sich aber von Inszenierung zu Inszenierung, von Sparte zu Sparte und von Jahr zu Jahr je nach den Projekten, die wir machen.
OF: Was erträumen Sie sich langfristig von Ihrer Intendanz am Heidelberger Theater?
SCH: Zuerst einmal künstlerische Akzeptanz. Durch das neue Haus hoffe ich, dass das Theater noch mehr ins Zentrum der städtischen Gesellschaft rückt und dass sich wirklich viele Menschen unterschiedlicher Generationen mit unserem Musiktheater auseinandersetzen. Und letztlich wünsche ich mir natürlich auch ein volles Haus mit begeisterten Zuschauern.
Das Opernfreund-Exklusiv-Interview führte Ludwig Steinbach
AIDA zum 2.)
1.10.2011
Die hässliche Fratze der Macht
(Bilder: bitte runterscrollen!)
Nach der Premiere versprach der neue Intendanz Holger Schultze das Theater Heidelberg von der Regionalliga in die Bundesliga zu führen.
Ein Land im Kriegszustand. Die Führungsriege hat sich in die Kasematten des Regierungssitzes zurückgezogen und führt dort, im ehemaligen Wellnessbereich ein feudales Leben. Zu mindestens drückt das das Bühnenbild von Katharina Schlipf aus. Ein verkommenes Bad, das mühsam von Kriegsgefangenen sauber gehalten wird. Aida als Putzfrau, seit Neuenfels‘ Jahrhundertdeutung Anfang der 80er in Frankfurt kein neues Bild, aber in dieser Drastigkeit und mit diesen menschenverachtenden Kälte doch erschreckend. Inszenierte man in Frankfurt noch den Clash der Kulturen, erinnerte man, damals ganz en vogue noch an die Naziverbrechen, so zieht Lydia Steier in Heidelberg ganz andere Saiten auf.
In demütigenden schweinchenrosa Dienstmädchenkleidern, stimmige Kostüme aus den 20ern von Siegfried Zoller, müssen die ausschließlich weiblichen Gefangenen schon während der Ouvertüre die Leiche eines eben Erschossenen wegschaffen, das Blut von den Wänden wischen und den Raum mit ungelöschtem Kalk desinfizieren. Schwere Kost gleich zu Beginn, und es gab keine Erlösung. Im Gegenteil, Lydia Steier treibt das Karussell des menschlichen Bösen immer schneller an. Dabei findet sie größtmögliche Unterstützung in ihren Sängerdarstellern, die die Grenzen der psychischen Belastbarkeit scheinbar überschreiten.
Der Krieg scheint verloren, Generäle werden zur Mangelware. Da bietet es sich doch an, den jungen Militär Radamès schnell zu befördern. In einer eilig zusammengerufen Versammlung verpasst man ihm eine viel zu große Uniform die notdürftig von den weiblichen Adjutantinnen des Königs mit großen Büroklammern in Form gebracht wird. Der König selbst, eine hustende und wild zuckende Marionette seiner Tochter und seines Beraters Ramfis, ist nicht mehr fähig die Staatsgeschäfte zu leiten. Sein überalterter Regierungsapparat, lebt nur noch von Spritzen und Tabletten und ist der jungen Königstochter Amneris hörig. Diese Sadistin im platinblonden Jean Harlow Look übt ungestraft ihre Macht an den Kriegsgefangenen aus, im Gegenteil, sie ermuntert den Hofstaat es ihr gleich zu tun. Während des Triumphmarschs, werden kleine Giftcocktails an die Gefangenen gereicht, Verlierer ist der, der überlebt, alte Säcke vergreifen sich, unter Jubel der anderen, an kleinen Kindern. Lydia Steier hat ihre Hausaufgaben sehr gut gemacht. Zitate von de Sade werden genauso heraufbeschworen, wie die Nachrichten aus Abu Graib oder Elfriede Jelineks „Rechnitz“.
Die Verrohung der Sitten fordert immer neuere, größere Opfer. Letztendlich wird auch Radamès dem Altar der Machterhaltung preisgegeben. Seine Verbindung mit Aida würde sicherlich die verfeindeten Nationen miteinander versöhnen, aber die Persönlichen Interessen von Amneris und Ramfis sprechen dagegen. Nach einer Folterung wird er zum Verrecken zurückgelassen, während die Hauptschuldigen sich durch kollektiven Selbstmord der Verantwortung entziehen.
Durch geschickte Regie erreicht Lydia Steier, dass das Publikum auch das letzte Verständnis für das Liebespaar Aida Radamès verliert. Beide verlieren auch sich in Machtträumen. Der eine durch Etappensiege, die andere durch Rachewünsche des Vaters. Beide verlieren aber ihre Unschuld, und finden erst in der aussichtslosen Schlusssituation wieder zusammen.
Cornelius Meister leitete das Philharmonische Orchester Heidelberg auf wahrlich höchster Ebene. Verdis, dem Verismo weichende, verblassende Italia, angereichert mit Pseudoorientalik, verströmt eine warmen, auf den Punkt genau dirigierten Klang, der niemals die Sänger übertönt, bei den schwierigen Verhältnissen im Heidelberger Theaterzelt, eine beachtliche Leistung. Der Chor unter Jana Schweiger ist ein wunderbarer, spielfreudiger Klangkörper, der sich perfekt der Regie unterordnet, ohne an Charakter zu verlieren. Silke Schwarz singt eine makellose Hohe Priesterin, Nico Wouterses König besticht durch dramatisches Spiel und baritonale Tiefen. Pavel Shmulevich beängstigender tiefer Bass zu loben hieße Eulen nach Athen tragen. Sein Ramfis gewinnt durch sein Spiel, das die Exzesse der Macht fürchten lässt, genau wie seine Partnerin im Staat Amneris, Anna Peshe. Ihr perfekt geführter Mezzo, ergänzt das erschreckend realistische Spiel, insbesondere bei den Ausflügen in den Sadobereich. James Homann ist ein sehr junger Amonosro, mit sehr schöner, warmer Baritonlage, überzeugend in der Darstellung des rachesuchenden Königs. Über die beiden Hauptpartien, Radamès und Aida, lässt sich nur eines sagen: Perfekt. Angus Woods geschmeidiger Tenor, seine Darstellungskraft und sein genaues Timing findet in Yannick-Muriel Noahs makelloser Aida seine Entsprechung.
Der Abend endete mit, zu Beginn verhaltenem, dann zu wahrer Raserei gesteigerten Applaus, für alle Beteiligten. Ein paar wenige Buhs für das Regieteam wurden aber von allen anderen in Grund und Boden gejubelt.
Dass das Heidelberger Theater in die Bundesliga führt steht außer Frage, mit Inszenierungen wie diese Aida spielt Heidelberg auf alle Fälle schon in der Champions League.
Alexander Hauer
AIDA - Kritik Nr.1
Spannendes Psychokammerspiel
Seit dieser Spielzeit verfügt das Theater der Stadt Heidelberg über ein neues Leitungsteam. In den folgenden Jahren werden Holger Schultze als Intendant und Heribert Germeshausen als Operndirektor für die Geschicke des Hauses verantwortlich sein. Als Eröffnungsvorstellung des Musiktheaters entschied man sich für Verdis „Aida“ - eine hervorragende Wahl. Der in jeder Beziehung gelungene Premierenabend offenbarte nachhaltig den von der neuen Führungsliga der Heidelberger Oper propagierten Kurs, hochkarätiges modernes Musiktheater zu präsentieren. Unter den Augen von Theatergrößen wie Regula Gerber, Klaus-Peter Kehr, Andrea Moses und nicht zuletzt Klaus Zehelein lief auf der Bühne des Opernzeltes ein gut durchdachtes, ungemein spannendes und stringent umgesetztes Psychokammerspiel in mächtigen und imposanten Bildern ab, zu dem man der jungen Regisseurin Lydia Steier nur gratulieren kann. Sie versteht ihr Handwerk trefflich und ist sich des kulturpolitischen Auftrages der Theater, einen Spiegel der Jetztzeit zu bilden, wohl bewusst.

Alle Produktionsbilder Copyright: Klaus Fröhlich / Theater Heidelberg
Der Bezug, den sie zu den derzeit in Afrika herrschenden Verhältnissen herstellt, war nur zu berechtigt. Dabei präsentiert sie das Ganze eher in einem zeitlosen Rahmen. Sie siedelt das Geschehen in einem von Katharina Schlipf entworfenen alten, schmutzigen und stark heruntergekommenen Volksbad an, das zu einem Sanatorium für die altersschwache und debile Oberschicht Ägyptens umfunktioniert wurde. Man geht am Stock, sitzt im Rollstuhl, ist einäugig und hängt am Tropf. Der Pharao windet sich, von schweren Hustenanfällen geschüttelt, in konvulsivischen Zuckungen am Boden, er leidet augenscheinlich an Tuberkulose. Medikamentenabhängigkeit und Drogenkonsum bestimmen das Leben des degenerierten ägyptischen Staates, deren Repräsentanten nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Als Zeichen ihrer einstigen Größe umgeben sie sich mit prunkvoll gekleideten - die Kostüme stammen von Siegfried Zoller - Generälen aus vergangenen Zeiten und schmücken sich mit Orden. Das alte diktatorische Machtsystem, dem der menschliche Faktor gänzlich abhanden gekommen ist und das sich durch Folter und sonstige Grausamkeiten auszeichnet - der Triumphmarsch dient der Zermürbung der äthiopischen Gefangenen, die entkleidet an der Rampe knien - liegt in den letzten Zügen. Der Weg ist frei für den gesellschaftlichen Aufstieg der Unterschicht, deren Angehörige diejenigen Emotionen aufweisen, die den alten Machthabern fehlen, die aber für ein intaktes Staatssystem unerlässlich sind. Aida und Radames sind zu Beginn Angehörige einer Putzkolonne. Während letzterer dank seiner ausgeprägten militärischen Fähigkeiten schnell Karriere macht, bleibt die Geisel Aida bis zum bitteren Ende Putzfrau. Für diese Sinn machende Sicht der stark gedemütigten äthiopischen Prinzessin stand Hans Neuenfels Pate.

Kein Zweifel konnte aber auch daran aufkommen, welcher berühmte katalanische Regisseur Frau Steiers hauptsächlicher Lehrer war. Bereits im zweiten Akt, wenn die feine Gesellschaftsdame Amneris ihre Untergebenen rüde misshandelt und gnadenlos eine ihrer Putzfrauen niedersticht, die sich dann noch lange in ihrem Blut winden muss, bevor sie schlussendlich ihr Leben aushaucht, musste man nachhaltig an Calixto Bieito denken. Der Gefühlswelt ihres Lehrmeisters Bieito zeigte sich die Regisseurin auch im vierten Aufzug verpflichtet, der rein szenisch den Höhepunkt der Aufführung bildete. Hier sind Lydia Steier äußerst krasse und eindringliche Bilder gelungen, so z. B. der Auftritt des gefolterten, blutüberströmten Radames. Ziemlich ernüchternde Wirkung entfaltete die Leiche Amonasros, die den ganzen Schlussakt über im Wasser liegt und an die sich Amneris verzweifelt klammert. Stark unter die Haut ging auch, wie sich die Pharaonentochter ihr Kleid vom Leib reißt und ihrem Leben mittels eines Medikamentencocktails ein Ende setzen will. Den Inhalt immer neuer Arzneifläschchen schaufelt sie in sich hinein, während Radames mit Ketten an die hintere Wand geschmiedet ist.

Hier drängen sich Assoziationen an Harry Kupfers bahnbrechende Bayreuther Inszenierung von Wagners „Fliegendem Holländer“ auf. Eine zentralere Stellung als in sonstigen Produktionen des Stückes lässt Frau Steier dem Ramfis zukommen. Er ist gleichsam der heimliche Herrscher in diesem zwiespältigen Machtstaat, in dem er gleichsam als Vermittler zwischen der öffentlichen Terror- und der emotionalen Liebeswelt fungiert. Mit einem feinen schwarzen Anzug angetan, vertritt er eine gleichsam politisierte Kirche, ist Vertreter eines äußerst fragwürdigen Staatskirchentums. Brutalität und Gewalt bestimmen sein Handeln. Er schlägt nicht nur Radames, sondern sogar die Königstochter Amneris. Andererseits ist er gegenüber den fragwürdigen Verhältnissen, in denen er wirken muss, nicht blind. Sich der unrühmlichen Funktion, die ihm in diesem System zukommt, durchaus bewusst, scheint er oft fast den Verstand zu verlieren. Schließlich erkennt er, dass der Staat unter derart menschenfeindlichen Bedingungen nicht fortbestehen kann und beschließt, allem ein Ende zu bereiten. Während Radames zusammen mit der zum Schluss im weißen Unterkleid erscheinenden Aida gleichsam einen Liebestod stirbt, schafft Ramfis die benommene Amneris beiseite. Er injiziert ihr den Inhalt einer Giftspritze, bevor er sich selbst die Pistole an die Schläfe setzt. Liebe hat in einem Terrorregime keine Chance zu überleben. Ein Staat ohne Liebe ist kein richtiger Staat. Ein System aber, das diese emotionalen Grundwerte menschlichen Zusammenlebens verachtet, ist dem Untergang geweiht. Dass das Heidelberger Publikum das alles widerspruchslos aufnahm und die Regisseurin sogar mit starkem Applaus bedachte, zeugt von einer großen Aufgeschlossenheit der Opernbesucher dieser Stadt gegenüber modernen Inszenierungen, wofür ihnen ein großes Lob auszusprechen ist.

Musikalisch geriet der Abend prachtvoll. GMD Cornelius Meister drehte den Orchesterapparat mächtig auf und wartete mit einer packenden und farbenreichen Auslotung von Verdis Partitur auf. In der Tat ist er ein Meister von vielfältigen Klangfarben, von feinen dynamischen Nuancierungen und klanglichen Schattierungen bis hin zu ausgeprägten Ausbrüchen. Dabei waren ihm die einzelnen intensiv aufspielenden Instrumentengruppen des Philharmonischen Orchesters Heidelberg, unter denen sich insbesondere die markant aufspielenden Bläser zu profilieren wussten, kongeniale Partner, die ihren Part voll auszufüllen verstanden, woraus ein differenzierter, ausgewogener und homogener Klangteppich resultierte, der den glänzenden Untergrund für das dramatische Geschehen auf der Bühne bildete.
Und was für ein hochkarätiges Sängerensemble hatte das Theater der Stadt Heidelberg aufgeboten. Nahezu sämtliche Vokalsolisten empfahlen sich nachhaltig für große Häuser. Fast durchweg wurde schön im Körper und mit vorbildlicher italienischer Technik gesungen, was keine Selbstverständlichkeit ist. Kleine Abstriche sind leider bei Yannick-Muriel Noah zu machen, die als Aida stark die Luft gegen den Kehlkopf schlug, woraus eine ziemlich tremolierende Tongebung resultierte. Eine Idealbesetzung für den Radames stellte Angus Wood dar. Hier haben wir es mit einem ausgesprochen elegant singenden, metall- und obertonreichen Heldentenor mit starkem Höhenglanz und breiter Ausdrucksskala zu tun. Dass er das hohe ‚b’ bei „Celeste Aida“ nicht im Pianissimo, wie von Verdi vorgeschrieben, sondern im Forte nahm, sei nur am Rande erwähnt und tut seiner phantastischen Gesamtleistung keinen Abbruch. Mit sinnlich-erotischer Mittellage und bei den Spitzentönen prächtig aufblühendem Mezzosopran gab die klug und ausdrucksstark phrasierende Anna Peshes der Amneris beträchtliches Gewicht. Darstellerisch hatte sie im vierten Akt ihre stärksten Momente. Phänomenal schnitt auch der Amonasro von James Homann ab. Mit voluminösem, kernigem und in jeder Lage gleichermaßen gut ansprechendem, ausgeglichenem Bariton, den er ausgesprochen nobel und vielschichtig einzusetzen wusste, zog er jede Facette des äthiopischen Herrschers, dem er nicht nur stimmlich große Autorität zu verleihen wusste. Auch schauspielerisch ging er voll in seiner Partie auf, der er insgesamt sehr robuste Züge verlieh. Das war die beste Leistung des Abends. Von Mannheim nach Heidelberg gewechselt ist Pavel Shmulevich, der den Ramfis mit volltönenden, geschmeidigen Basstönen ausstattete. Mit dem König empfahl sich Nico Wouterse für größere Aufgaben. Wunderbar ließ Silke Schwarz in der Partie der Sacerdotessa ihren herrlichen dunklen Sopran dahinfließen. Sang Hoon Lees Messaggero verfügte über mehr Stimmmaterial als man es bei dieser kleinen Rolle sonst gewohnt ist. Der oft aus dem Foyer der Alten Feuerwache singende Chor war von Jan Schweiger trefflich einstudiert.

Fazit zum Schluss: Mit dieser szenisch ausgesprochen interessanten, musikalisch und gesanglich grandiosen „Aida“ ist der neuen Theaterleitung ein hervorragender Einstand gelungen, an dem sich zukünftige Produktionen dieses Hauses werden messen lassen müssen. Der Abend verlief wie im Fluge und man verließ ob der hohen Qualität des Erlebten aufgewühlt und beglückt das Opernzelt.
Ludwig Steinbach
P.S.
Besonderer Dank an Klaus Fröhlich für die tollen lebendigen Bilder
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