GLÜCKLICHE REISE
Premiere am 07.05.11,
besuchte Aufführung am 10.05.11
Die Operette hat es schwer in den Spielplänen, den
Theatermachern fallen fast nur noch die Top Ten ein, um so erfreulicher wenn
sich ein kleines Haus wie das Hildesheimer TfN (Theater für Niedersachsen) an
eine Rarität wagt: von Eduard Künnekes Werken ist außer dem "Vetter aus
Dingsda" fast nichts mehr präsent, doch auch die "Glückliche
Reise" wartet nicht nur mit einem zugkräftigen Titel, sondern mit jeder
Menge Ohrwürmern, gekonnt in Form von Tanzmusik (Rumba, Foxtrott, Paso Doble,
etc.) witzig in die Handlung eingeflochten. Die Handlung als solche ist
freilich auch ein prima Operettensujet, passt hervorragend in unsere Zeit mit
Auswandererthematik, Reiselust und mehr "Schein als Sein". Kalle
Kubik denkt zum Glück erst gar nicht groß darüber nach, was man alles
querdenken könnte, sondern erzählt das Stück frei von der Leber weg, nach einem
etwas retardierenden Beginn, merkt man , daß Kubik von der Münchner Lach-und
Schießgesellschaft kommt, denn die lustigen Dialoge werden punktgenau auf den
Lacher serviert, Bühne und Kostüme von Manfred Breitenfellner in ihrer bunten
Verspieltheit erfreuen die Augen. Die Postkarten-Rahmenbühne wird durch wenige
Assesoires ortsgenau verwandelt, die Sechziger-Jahre-Kostüme sind eine Schau.
Natascha Flindts Choreographie allerdings ein bißchen "nett" und auch
müde, da hätte mit den Sängern ruhig noch etwas gearbeitet werden können.
Insgesamt jedoch ein richtig schöner Abend mit wunderbarer Unterhaltungsmusik: "Am
Amazonas, da wohnen schließlich unsere Ahnen, die nicht warten können, wenn sie
verliebt sind, bitte, bitte sei so nett, schenk mir doch ein Freibillett, nach
drüben in der Heimat, wo jede Frau mal so gerne zum Tanztee geht, und, und,
und....
Als schwindelnde Reisebüroangestellte Monika lockt Regine
Sturm mit Charme, Chuzpe und Temperament die brasilianischen Farmer nach
Berlin, schnappt sich den Buffo Jan Christoph Schliep, damit das "hohe
Paar" zueinander finden kann: Götz Philipp Körner gefällt mit etwas
schmalem, doch höhensicheren Tenor als Robert von Hartenau, Dorothee Velten
passt etwas verhaltener gut als Lona Vonderhoff. Der Chef des Reisebüros,
Homann, ist so eine rechte Knallcharge, was in der Verkörperung von Uwe Tobias
Hieronomi perfekt in Timing und Ton über die Rampe schwappt, doch wer einen zum
Lachen bringt, kann schließlich kein böser Mensch sein. Die vielen kleinen
Rollen werden von Solisten und Choristen des Ensembles mit viel Freude
gespielt, da wird schon mal richtig "die Sau rausgelassen", natürlich
nur zum Vergnügen des werten Publikums. Matthias Wegele lenkt die musikalischen
Geschicke mit dem Orchester sicher durch die vielfältigen Gewässer der
mitreißenden Künnekeschen Melodik, freilich könnte man manchmal noch etwas
poinierter an der Rhythmik der tänzerischen Vorgaben arbeiten, die Anschlüsse
etwas angeschlossener bringen.
An dieser Aufführung werden sicherlich viele Zuschauer ihre
Freude haben, viele Lacher und viel Applaus sind auch der Lohn der Künstler.
Martin Freitag
DER KUSS
Premiere am 19.03.11, besuchte Aufführung am 23. 03. 11
Das Stadttheater Hildesheim, jetzt Theater für
Niedersachsen, hat unter GMD Werner Seitzer schon in den letzten Jahren sein
Interesse am dramatischen Werk Bedrich Smetanas mit Aufführungen der
"verkauften Braut" und "Zwei Witwen" bewiesen, jetzt gibt
es als weitere Rarität die Volksoper "Der Kuss " zu erleben. Mag die
etwas biedere Handlung der Oper im Wege stehen, so entzückt die große Melodik
Smetanas. "Der Kuss" steht seinem bekanntesten Werk in keiner Weise
musikalisch nach, die Arien sind romantisch eingängig, der volkstümliche Ton
geht durch slawische Tanzrhythmen unwiederstehlich in die Ohren.
Vorgeschichte: Lukas und Wendulka waren Jugendliebende, doch
auf Vaters Geheiss winkte eine bessere Ehe. Lukas, jetzt Witwer mit Kind, freit
in zweiter Ehe um Wendulka, die mit Freuden darauf eingeht. Doch sie verweigert
den Verlobungskuss, die Dickköpfe geraten aneinander. Im zweiten Akt werden
sich die Liebenden bei den Schmugglern im nächtlichen Wald ihrer Gefühle
klarer, so daß am nächsten Morgen die Versöhnung stattfinden kann. So einfach
und banal die Handlung, gelingt Smetana doch eine sympathische, menschlich
recht realistische Darstellung von Charakteren, Humor spielt dabei eine große
Rolle.
MareikeZimmermann versucht folkloristische Naivität durch eine Verlegung der Handlung
in die Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu umgehen, Bernd Frankes
Ausstattung spart nicht an Schulterpolstern, Vokuhilas und Fönwellen, doch die
Personenführung bleibt dabei sehr herkömmlich, allzu bieder. In zweiten Akt
mutieren die Nervenbahnen-Muster der Kulissenhänger zu einem Wald des
Unterbewußten, eine Art Banalsymbolismus, einschließlich eines riesigen
Leuchtherzens verkitscht die Szenerie. Es wirkt wie das Schießen mit Kanonen
auf Spatzen, zumal eine eigenartig choreographische Art der Personenführung die
Klarheit der Handlung merkwürdig verwischt. Psychotherapie für Anfänger.
Immerhin stört die Szene nicht die vielfältigen musikalischen Schönheiten.
Für Werner Seitzer ist Smetana Chefsache, und so widmet er
sich sorgfältig dem slawischen Melos mit dem sauber aufspielenden Orchster des
TfN, freilich könnte man manches Mal die Tanzrhythmen noch etwas prononcieren,
der musikalische Duktus des Abends gerät so etwas brav. Mit Christian S.Malchow
hat das Haus für den Lukas einen Tenor im Ensemble, der der recht hohen
Tessitura der männlichen Hauptpartie mit lyrischer Geschmeidigkeit mehr als gerecht
wird. Antonia Radneva als Wendulka nimmt mit szenischer Zartheit und lieblichem
Sopran, vor allem in den träumerischen Wiegenliedern, für sich ein, freilich
spreizt sich die Stimme in der Höhe ein wenig. Piet Bruninx als Wendulkas Vater
Paloucky ist als altgedienter Hildesheimer ein Bassbuffo par excellence. Lukas
Schwager Tomas ist mit dem Bariton Uwe Tobias Hieronimi ebenso versiert
besetzt. Mit angenehmem Mezzosopran bringt Dorothee Schlemm als Martinka ihrer
Nichte bei, wie man mit Männern umzugehen hat. Daniel Dropulja als Schmuggler
Matous ist das passende Mannsbild dazu. Regine Sturm gewinnt in ihrer kleinen
Ohrwurm-Arie als Magd Barce mit klarem Sopran bei feiner Höhe die Herzen der
Zuschauer. Die Chöre des TfN bringen mit ihrer Leistung das wichtige Scherflein
zum Gelingen des Abends.
Vielleicht keine allzu perfekte Aufführung, doch allein das
Kennenlernen mit dieser reizenden Spieloper ist schon die Fahrt nach Hildesheim
wert, es wäre erfreulich, wenn das TfN ein kleine Renaissance des dramatischen
Werkes Smetanas únd des hierzulande sträflich vernachlässigten Genres der
komischen Oper und seiner Komponisten einleiten würde.
Martin Freitag