DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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GLÜCKLICHE REISE

Premiere am 07.05.11,

besuchte Aufführung am 10.05.11

Die Operette hat es schwer in den Spielplänen, den Theatermachern fallen fast nur noch die Top Ten ein, um so erfreulicher wenn sich ein kleines Haus wie das Hildesheimer TfN (Theater für Niedersachsen) an eine Rarität wagt: von Eduard Künnekes Werken ist außer dem "Vetter aus Dingsda" fast nichts mehr präsent, doch auch die "Glückliche Reise" wartet nicht nur mit einem zugkräftigen Titel, sondern mit jeder Menge Ohrwürmern, gekonnt in Form von Tanzmusik (Rumba, Foxtrott, Paso Doble, etc.) witzig in die Handlung eingeflochten. Die Handlung als solche ist freilich auch ein prima Operettensujet, passt hervorragend in unsere Zeit mit Auswandererthematik, Reiselust und mehr "Schein als Sein". Kalle Kubik denkt zum Glück erst gar nicht groß darüber nach, was man alles querdenken könnte, sondern erzählt das Stück frei von der Leber weg, nach einem etwas retardierenden Beginn, merkt man , daß Kubik von der Münchner Lach-und Schießgesellschaft kommt, denn die lustigen Dialoge werden punktgenau auf den Lacher serviert, Bühne und Kostüme von Manfred Breitenfellner in ihrer bunten Verspieltheit erfreuen die Augen. Die Postkarten-Rahmenbühne wird durch wenige Assesoires ortsgenau verwandelt, die Sechziger-Jahre-Kostüme sind eine Schau. Natascha Flindts Choreographie allerdings ein bißchen "nett" und auch müde, da hätte mit den Sängern ruhig noch etwas gearbeitet werden können. Insgesamt jedoch ein richtig schöner Abend mit wunderbarer Unterhaltungsmusik: "Am Amazonas, da wohnen schließlich unsere Ahnen, die nicht warten können, wenn sie verliebt sind, bitte, bitte sei so nett, schenk mir doch ein Freibillett, nach drüben in der Heimat, wo jede Frau mal so gerne zum Tanztee geht, und, und, und....

Als schwindelnde Reisebüroangestellte Monika lockt Regine Sturm mit Charme, Chuzpe und Temperament die brasilianischen Farmer nach Berlin, schnappt sich den Buffo Jan Christoph Schliep, damit das "hohe Paar" zueinander finden kann: Götz Philipp Körner gefällt mit etwas schmalem, doch höhensicheren Tenor als Robert von Hartenau, Dorothee Velten passt etwas verhaltener gut als Lona Vonderhoff. Der Chef des Reisebüros, Homann, ist so eine rechte Knallcharge, was in der Verkörperung von Uwe Tobias Hieronomi perfekt in Timing und Ton über die Rampe schwappt, doch wer einen zum Lachen bringt, kann schließlich kein böser Mensch sein. Die vielen kleinen Rollen werden von Solisten und Choristen des Ensembles mit viel Freude gespielt, da wird schon mal richtig "die Sau rausgelassen", natürlich nur zum Vergnügen des werten Publikums. Matthias Wegele lenkt die musikalischen Geschicke mit dem Orchester sicher durch die vielfältigen Gewässer der mitreißenden Künnekeschen Melodik, freilich könnte man manchmal noch etwas poinierter an der Rhythmik der tänzerischen Vorgaben arbeiten, die Anschlüsse etwas angeschlossener bringen.

An dieser Aufführung werden sicherlich viele Zuschauer ihre Freude haben, viele Lacher und viel Applaus sind auch der Lohn der Künstler.

Martin Freitag



DER KUSS

Premiere am 19.03.11, besuchte Aufführung am 23. 03. 11

Das Stadttheater Hildesheim, jetzt Theater für Niedersachsen, hat unter GMD Werner Seitzer schon in den letzten Jahren sein Interesse am dramatischen Werk Bedrich Smetanas mit Aufführungen der "verkauften Braut" und "Zwei Witwen" bewiesen, jetzt gibt es als weitere Rarität die Volksoper "Der Kuss " zu erleben. Mag die etwas biedere Handlung der Oper im Wege stehen, so entzückt die große Melodik Smetanas. "Der Kuss" steht seinem bekanntesten Werk in keiner Weise musikalisch nach, die Arien sind romantisch eingängig, der volkstümliche Ton geht durch slawische Tanzrhythmen unwiederstehlich in die Ohren.

Vorgeschichte: Lukas und Wendulka waren Jugendliebende, doch auf Vaters Geheiss winkte eine bessere Ehe. Lukas, jetzt Witwer mit Kind, freit in zweiter Ehe um Wendulka, die mit Freuden darauf eingeht. Doch sie verweigert den Verlobungskuss, die Dickköpfe geraten aneinander. Im zweiten Akt werden sich die Liebenden bei den Schmugglern im nächtlichen Wald ihrer Gefühle klarer, so daß am nächsten Morgen die Versöhnung stattfinden kann. So einfach und banal die Handlung, gelingt Smetana doch eine sympathische, menschlich recht realistische Darstellung von Charakteren, Humor spielt dabei eine große Rolle.

MareikeZimmermann versucht folkloristische Naivität durch eine Verlegung der Handlung in die Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu umgehen, Bernd Frankes Ausstattung spart nicht an Schulterpolstern, Vokuhilas und Fönwellen, doch die Personenführung bleibt dabei sehr herkömmlich, allzu bieder. In zweiten Akt mutieren die Nervenbahnen-Muster der Kulissenhänger zu einem Wald des Unterbewußten, eine Art Banalsymbolismus, einschließlich eines riesigen Leuchtherzens verkitscht die Szenerie. Es wirkt wie das Schießen mit Kanonen auf Spatzen, zumal eine eigenartig choreographische Art der Personenführung die Klarheit der Handlung merkwürdig verwischt. Psychotherapie für Anfänger. Immerhin stört die Szene nicht die vielfältigen musikalischen Schönheiten.

Für Werner Seitzer ist Smetana Chefsache, und so widmet er sich sorgfältig dem slawischen Melos mit dem sauber aufspielenden Orchster des TfN, freilich könnte man manches Mal die Tanzrhythmen noch etwas prononcieren, der musikalische Duktus des Abends gerät so etwas brav. Mit Christian S.Malchow hat das Haus für den Lukas einen Tenor im Ensemble, der der recht hohen Tessitura der männlichen Hauptpartie mit lyrischer Geschmeidigkeit mehr als gerecht wird. Antonia Radneva als Wendulka nimmt mit szenischer Zartheit und lieblichem Sopran, vor allem in den träumerischen Wiegenliedern, für sich ein, freilich spreizt sich die Stimme in der Höhe ein wenig. Piet Bruninx als Wendulkas Vater Paloucky ist als altgedienter Hildesheimer ein Bassbuffo par excellence. Lukas Schwager Tomas ist mit dem Bariton Uwe Tobias Hieronimi ebenso versiert besetzt. Mit angenehmem Mezzosopran bringt Dorothee Schlemm als Martinka ihrer Nichte bei, wie man mit Männern umzugehen hat. Daniel Dropulja als Schmuggler Matous ist das passende Mannsbild dazu. Regine Sturm gewinnt in ihrer kleinen Ohrwurm-Arie als Magd Barce mit klarem Sopran bei feiner Höhe die Herzen der Zuschauer. Die Chöre des TfN bringen mit ihrer Leistung das wichtige Scherflein zum Gelingen des Abends.

Vielleicht keine allzu perfekte Aufführung, doch allein das Kennenlernen mit dieser reizenden Spieloper ist schon die Fahrt nach Hildesheim wert, es wäre erfreulich, wenn das TfN ein kleine Renaissance des dramatischen Werkes Smetanas únd des hierzulande sträflich vernachlässigten Genres der komischen Oper und seiner Komponisten einleiten würde.

Martin Freitag


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