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Boris Godunow
Eine Oper für den Großen Chor
Als Johannes Reitmeier vor einigen Jahren Webers „Freischütz“ am Theater Hof inszenierte, konnte man eine außerordentlich gut gemachte, fantasievolle Inszenierung bewundern. Was damals besonders auffiel, war die Chorarbeit: Reitmeier holte aus dem Chorensemble das Letzte an Ausdruck und Bewegung heraus – ohne je unsinniges Theater zu machen. Nun hat er mit Mussorgskys unvergleichlicher Oper „Boris Godunow“ wiederum – zusammen mit Urs Häberli - ein Werk auf die Bühne gestellt, in dem der Chor eine zentrale, nicht ignorierbare Rolle spielt. Die Wahl war wieder goldrichtig: und wieder ist der Hofer Opernchor, in dem die szenischen Potentiale meist nur vor sich hin schlummern (so liebenswürdig und engagiert er auch meist agiert) – und wieder also ist der Opernchor des Hauses ein sicherer szenischer und musikalischer Trumpf. Man hat ihn mit einem Extrachor erweitert, man hat einen Kinderchor engagiert, der den armen „Gottesnarren“ mit Blechgetrommel verfolgt
– und man hat, in Rudolf Rischers genialisch einfachem wie effektivem Bühnenbild, die schönsten Möglichkeiten akustisch machtvoller Auftritte.
Nicht, dass ohne den Chor die Produktion so ins Wanken geriete wie der Zar Boris, den es am Ende aufgrund seiner überdimensionalen Schuldgefühle buchstäblich hinhaut. Dafür sorgen schon die Hofer Symphoniker, die unter Arn Goerke die Urfassung des „Boris“ mit größter Kompetenz, ja atemberaubend glühend – und still finsternd bringen (vermutlich sitzen dort unten ein paar Russen am Schlagzeug). Wenn zudem Wieland Satter als Boris auf der Bühne steht, füllt er den Raum mit seiner schier machtvollen Präsenz. Nein, man muss nicht an die berühmten, baßschwarzen Vertreter dieser Partie denken, aber man sieht einen Sänger und Darsteller bei der Arbeit, der den Wahnsinn und die Angst der „Macht“ trefflich über die Rampe bringt. Wenn „das Kind“, der getötete Dimitri, als gespenstischer Albino erscheint, begreift man, wieso Shakespeare nicht weit ist. Die Inszenierung setzt mit einfachen wie sinnfälligen Bildern auf die Durchschlagskraft einer psychologisc
hen Parabel, die an Edgar Allan Poes Kerkerwelten erinnert. Aus diesem sich nach hinten verengenden, großen grauen Bühnenraum gibt es kaum ein Entkommen. So vermittelt die Szene zwanglos zwischen der altrussischen und der modernen Zeit der Wirren, was nicht jedem Zuschauer gefallen muss – aber der Beifall war am Ende denn doch einhellig begeistert.
Man muss sie alle nennen: die „Großen“ und die „Kleinen“ im Ensemble der Macht und der Entrechteten: Andrew Zimermans messerscharfen Schuiskij, Thilo Anderssons Schtschelkalow – ein Technokrat der Macht im Gewand des „vornehmen“ Ministerialbeamten -, Paulo Ferreiras tenorglänzenden Grigorij, Karsten Schröters pastosen, uralten Pimen. Chong Sun singt kurz – und anrührend – seinen Gottesnarren, Thomas Rettensteiner, wer sonst, stellt den Warlaam als monumentale, derbe Gestalt auf die Bühne, Karsten Jesgarz singt zwar wenig, sieht aber als Pennbruder Missail grauslich kaputt aus (ein Extralob für die Maske: Günter Schoberth). Schließlich die Damen: Ingrid Katzengrubers Feodor ist ganz entzückend frisch, und Inga Lisa Lehr gestaltet die kleine, aber berührende Rolle der Xenia – einfach berührend. Die Wirtin, hier eher eine verhinderte Bordellchefin, erhält durch Stefanie Rhaue ein chansonettenhaftes Profil.
Was für ein Abend! Wer immer Probleme hat mit dieser noch nach 140 Jahren ungewöhnlichen, politisch und psychologisch motivierten Musikdramatik und Mussorgsky „doch eher schwierig“ findet, sollte ihn nicht verpassen – und ein weites Mal hingehen, um sich wieder vom großen Hofer Opernchor und all den Anderen packen zu lassen.
Frank Piontek
Die Csárdásfürstin
2.12.2012
Uwe Drechsel gibt sich die Ehre
Die werten Leser meiner Generation und älter werden sich sicherlich gerne , oder im Rückblick auch mit einem wohligen Schaudern, an die wunderbare ZDF Show „Anneliese Rothenberger gibt sich die Ehre“ erinnern, von 1971 an bis in die frühen 80ern wurde dort, in gutem Willen, die Operette zu Grabe getragen. Zu sauber, ja klinisch rein, präsentierte Frau Rothenberger die Subversivität des Genres. Die Operette als glücklich machende Samstagabendunterhaltung. Nun 30 Jahre später inszeniert Uwe Drechsel in Hof seine Csárdásfürstin. Ingrid Katzengruber gibt diese Kaschemmendisseuse hier als elegante, durchgestylte Diva, an deren Können, steht das ein Fachwechsel in Richtung hochdramatischer Sopran an?, kein Zweifel liegt. Ihr Orpheum ist ein eleganter Nachtclub, die Kostüme (Annette Mahlendorf) der Damen des Etablissement, falls man überhaupt von Etablissement sprechen darf, dürften auch vor den Augen der päpstlichen Kongregation standhalten, alles ist sehr züchtig und sehr brav. Warum die Eltern des Fürstensprösslings Edwin ob dieser Liaison so erzürnt sind, lässt sich nur durch intensives Librettostudium erklären, schrieben Leo Stein und Bela Jenbach doch eine ganz andere Umgebung für Sylva Varescu und ihre Verehrer. Nun denn, zu dem wunderbar jugendstiligen, von der Eleganz eines Alfons Mucha geprägtem, Bühnenbild würde die leichte Verkommenheit des Orpheum sicherlich nicht passen.
Gut so, Uwe Drechsel hat den sicheren Weg gewählt, er will sein Publikum nicht ärgern, und, auch ich geb‘ es gerne zu, der Abend hat dann nicht nur mir gefallen, wenn gleich ich auch ein wenig subversives Bitteres bei all der Mehlspeissüßlichkeit vermisste.

Heiko Mönnich schuf ein stimmiges Bühnenbild, der erste Akt Backstage im Orpheum, der Zweite eine elegante Schlossterrasse, und der Dritte die Empfangsräume eines höchst noblen Wiener Hotels. Klar in der Form und mit genügend Platz für das, wie so häufig in Hof , wunderbare Ballett unter Barbara Buser, das auch wieder mitsang und spielte.
Abschiedsvorstellung im Orpheum, Sylva geht auf Amerikatournee, Feri Bacsi, wie immer voller Eleganz Karsten Jezgarz, als Damenbegleiter und/oder Beschützer zieht mit seinen Mädels weiter in das nächste Varieté, und die Jeunesse dorée Kakaniens feiert mit. Darunter der junge Spross der von und zu Lippert-Weylersheim , Edwin, Hans-Jürgen Schöpflin , und sein Freund Graf Boni Káncsiánu, Thilo Andersson, der neben tänzerischer Quirligkeit und gesanglicher Präzision auch noch jeden Kalauer zum Brüller machte. Edwin will gegen den Willen seiner Eltern Sylva heiraten, diese versuchen dies aber zu verhindern und durch geschicktes Strippen ziehen wird der Jüngling zu einem Manöver einberufen. Flugs gibt er der Sängerin ein schriftliches Eheversprechen, das aber durch die Bekanntgabe seiner Verlobung mit Komtess Stasi, die aus pc Gründen in Hof Komtess Ana genannt wird, quasi unbedeutend wird. Im zweiten Akt lernen wir dann bei der Verlobung endlich Komtess Ana(Stasi)a kennen. Inga Lisa Lehr gibt diesem adligen Backfisch angenehme Stimme und ebensolche Figur, voller Lebenslust erobert sie gleich das Herz von Boni, und zweifelt, lebensklug wie sie ist, an der Liebe ihres Edwin. Boni der sich zu diesem Fest auf Wunsch Sylvas als deren Gatte ausgibt, erwidert in diese Liebe und dies führt dann zu den vergnüglichsten Situationen. Und hier treten auch die eigentlichen Stars des Abends auf, die fürstlichen Eltern Leopold und seine Anhilte, Peer Schüssler als saftlose Adelskarikatur und Marianne Lang als besorgtes Muttertier. Diese beiden Erzkomödianten machen aus ihren Auftritten die besonderen Schmankerln, die auch zum Erfolg des Abends beitragen. Neben dem wunderbaren „Schwalbenlied“, dem „reißendem Liebchen“ wurde aber auch der pas de quatre der Mlles Di Carmine, Damer, Horiuchi und Lukaszewski des fürstlichen Hofballetts zu einem der absoluten und unerwarteten Höhepunkte der Inszenierung.
Der abschließende und alle Liebesverwicklungen auflösende dritte Akt wies dann noch einmal ein paar Highlights auf. In einem Wiener Luxushotel treffen alle Beteiligten aufeinander. Boni trifft auf Feri Basci, der wieder mit seinen Mädels in Wien weilt. Gemeinsam trösten sie Sylva, die endgültig ihren Edwin verlassen will, mit einer Zigeunerkapelle (so viel zum Thema political correctness) und dem Schlager der Operette „ Nimm Zigeuner deine Geige“. Der diensthabende Nachtportier, extrem hysterisch und schräg: Antonio Di Carmine, versucht die Situation zu retten, was ihm Gott sei Dank nicht gelingt, denn dann würde man den Auftritt von Anhilte, in Gedenken ihrer Jugend, zu einer Einlage aus Kalmans Bajadere verpassen. Marianne Lang beweist mal wieder die Erotik reiferer Damen in „gewagten“ Dessous. Und auch in ihrem Gatten erwacht der Johannestrieb, also Ende gut, alles gut!
Neben seinen Darstellern, und Uwe Drechsel verteilt die Sympathien auch auf die Nebenrollen, seinem wunderbar agierendem Haus Chor, mit vielen kleinen solistischen Aufgaben, unter Michel Roberge, dem opulenten Bühnenbild, der wunderschönen, farblich stets harmonisierenden Kostümen, kann er sich auch auf ein Orchester der Spitzenklasse verlassen. Roland Vieweg lässt die Hofer Symphoniker in einem selten so schwungvollen und den späteren, jazzigen Kálmán vorwegnehmenden Sound erstrahlen. Präzise Bläsersätze, Streicherteppiche mit Wohlfühlcharakter und perfektes Schlagwerk machen den Abend zum Genuss.
Fazit: Die Csárdásfürstin in Hof macht Spaß, auch wenn sie nicht genau meinen Geschmack trifft, aber das ist mein privates Problem, der Applaus während und am Ende des Stücks sprechen für sich. Und dass ein Zuviel an Zeitkritik für das Genre tödlich sein kann, bewies Herr Konwitschny in seiner desaströsen Csárdásfürstin 1999 in Dresden, nein, so was wollen wir auch nicht!
Die schönen Bilder sind wieder vom SFF Fotodesign Hof, Danke!
Alexander Hauer
Musikalische Leitung: Roland Vieweg
Inszenierung: Uwe Drechsel
Bühne: Heiko Mönnich
Kostüme: Annette Mahlendorf
Choreographie: Barbara Buser
Chor: Michel Roberge
Opernchor Theater Hof
Ballett Theater Hof
Hofer Symphoniker
Leopold Maria Fürst von und zu Lippert-Weylersheim: Peer Schüssler
Anhilte: Marianne Lang
Edwin: Hans-Jürgen Schöpflin
Komtesse Stasi: Inga Lisa Lehr
Graf Boni Káncsiánu: Thilo Andersson
Sylva Varescu: Ingrid Katzengruber
Eugen von Rohnsdorff: Hans-Peter Pollmer
Feri von Kerekes, gen. Feri Bacsi: Karsten Jesgarz
Kiss: Thorsten Stammberger
Mac Grave: Joscha Blatzheim
Zigeunerprimas: András Dénes
Portier: Antonio Di Carmine
Juliska: Iris Inderbitzin
Jekyll & Hyde
28.10.
The killer in me is the killer of our love
Lassen sie mich bitte einmal die erwähnen, die sonst immer vergessen werden, die Werkstätten an den Theatern. Die Schneidereien, die Schlossereien, Tischlereien, Malersäle und die Maskenabteilung. Was diese Abteilungen im Laufe einer Saison leisten, quasi im 2 Wochenrhythmus neue Welten zu erschaffen, meist extremen Sparzwängen unterworfen, durch Krankheitsfälle oft noch in der Manpower eingeschränkt, damit der Premierentermin eingehalten werden kann, das ist eine mehr als beachtliche, kaum hoch genug ein zu schätzende Leistung.

Dies gilt nicht nur für das Theater Hof, dieses Lob sollte man jeder Kritik voranstellen. Nun, mit Hilfe der Bühnenarbeiter, der Lichtabteilung, den Tonmenschen, werden dann aus unbelebten Fantasiefiguren durch die Darsteller lebendige Wesen, die uns an ihrem Schicksal teilnehmen lassen. Dafür sollte jeder Zuschauer, den oft nur im Kleingedruckten Erwähnten, Respekt zollen. 1886 veröffentlichte Robert Louis Stevenson seine Novelle Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde gab damit vielen zweigespaltenen Bösewichtern eine literarische Basis für ihr Tun. Dr. Jekyll versucht mittels einer Droge das Böse im Menschen abzuspalten. Da seine Forschungsanstalt ihm keine Möglichkeiten für einen Feldversuch einräumt, unternimmt er einen Selbstversuch. Das scheinbare Gelingen fördert nun aber die böse Seite von Dr. Jekyll an die Oberfläche: Mr. Hyde. Und eben dieser Mr. Hyde übernimmt langsam die Kontrolle über den guten und deshalb schwachen Dr. Jekyll. Mr. Hyde kann alles das, was die „gute Erziehung“ im Menschen unterdrückt. Sexuelle Lasterhaftigkeit und ausgelebte Aggression, die Konzentration auf das Ich, der Rücksichtslose Egoismus ist das eigentliche Wesen, oder wie man heute halb bewundert sagt ein „Alphamännchen“.
1990 veröffentlichen Frank Wildhorn und Leslie Bricusse ihr Musical Jekyll &Hyde, das an diesem Freitag Premiere in Hof hat.

Der junge Regisseur Karsten Barthold nahm sich diesen Stoff vor und schuf zusammen mit Thomas Mogendorf, Bühne, und Barbara Schwarzenberger, Kostüm, ein zeitloses London, das in sich auch schon zwei Seiten, zwei Persönlichkeiten hat. Schwarzenbergers Chorkostüme sind gespalten, die eine Hälfte ist das ärmliche, wilde London, die andere das Prachtvolle, klar getrennt durch eine blutigrote Linie. Die bewegliche Bühne, mit gut verschiebbaren Elementen wird durch geschickte Beleuchtung ebenso in zwei Aggregatzustände des Lebens geteilt, die einerseits Weite und Freiheit vermitteln , andererseits aber auch zu klaustrophobischer Enge führt.
Mit Kai Hüsgen hat er einen, wenngleich auch noch sehr jungen, Jekyll/Hyde, der es meisterlich schafft, die beiden abgespaltenen Persönlichkeiten in beängstigender Weise darzustellen. Nur mit dem Verwuscheln seiner Haare, Maske von Günther Schoberth und seinem Team, wird aus dem gepflegten Dr. Jekyll das wilde Tier Hyde. Sein Gesichtsausdruck verändert sich genauso erschreckend wie seine Stimmführung, von einem eher lyrischen Tenor hinein in eine gepresste Rockröhre, ein Stimmkiller eigentlich. Im Mittelpunkt seines Lebens, nach Einnahme der Drogen stehen auf der Seite der „Guten“ seine Verlobte Lisa Carew, Inga Lisa Lehr, sanft, treu und ihrem Jekyll treu ergeben, auf der anderen Seite steht Lucy, Anne-Mette Riis, eine Hure aus der untersten Schicht Londons, die zwar Jekyll vertraut, aber von Hyde, und damit der Gefahr, die sie schlussendlich töten wird, fasziniert ist. Wildhorn hat auch diesen Damen zwei völlig verschiedene Liebeslieder zugedacht. Inga Lisa Lehr interpretiert ihre Rolle mit sanfter, sauber geführter Stimme, exakt intoniert. Anne-Mette Riis erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen am Premierenabend leider nicht, zu unsauber die Intonation, zu ungenau die Tanznummer mit den Damen des Balletts, Choreographie von Barbara Buser.

Im weiteren Umfeld Jekyll stehen sein Freund und Rechtsanwalt John Utterson, Thilo Andersson, und Sir Danvers Carew, Karsten Jesgarz. Beide verkörpern auch die Zwiespältigkeit des menschlichen Wesens. Einerseits ist Carew der liebende Vater und Schwiegervater, andererseits aber auch ein zögerlicher Mensch, der mit einer klaren Stellungsname Jekyll gegenüber durchaus viel Unheil abwenden könnte. Da ist Utterson, Thilo Andersson wie immer von überzeugender, operettenhaftiger Eleganz, der aber auch gerne mal einen kleinen Puffbesuch macht und wenn der Junggsellenabschied Jekylls als Grund vorgeschoben wird.

Von den weiteren kleinen Rollen seien nur einige erwähnt, Hans Peter Pollmer, sonst immer auf Sonnyboydarstellung abonniert, spielt den erschreckend bösen Zuhälter Spider, Annett Tsoungui die hinterhältige Lady Beaconsfield, Karsten Schröter verleiht dem Bischof von Basingstoke sonore Basstöne und äußerst gemeine Züge. Peer Schüssler spielt überzeugend Jekylls Butler Pool, der den Wahsinn seines Dienstherrn miterlebt. Marianne Lang machte aus der kleinen Rolle der Puffmutter Nellie einen „Einakter“ und sorgte mit gekonntem Zungenspiel beim Namen Nellie, für erfrischende Heiterkeit bei den „Kennern“ im Publikum.
Michel Roberge brachte seinen Chor wieder einmal zu Höchstleistungen, genau wie Barbara Buser die Damentruppe des Balletts. Karsten Barthold gelang der Spagat zwischen Show und glaubwürdiger Darstellung der zerrissenen Charaktere, Unterstützung fand er dabei im Orchester und seinem Leiter Lorenz C. Aichner, der die unterschiedlichen musikalischen Nummern auf das genaueste einstudierte. Für die atemberaubenden Kampfszenen war zum wiederholten Mal der Schauspieler Jens Hollwedel verantwortlich.

Fazit: Die vom Chor besungene Fassade der Gesellschaft bröckelt, darunter liegt das Beängstigende, Wilde, Freie. Und diese Abgründe, an die Oberfläche gezerrt, faszinieren uns alle. Und allein das rechtfertigt schon einen Besuch des Hofer Jekylls!
Alexander Hauer
Die schönen Bilder stammen, wie immer, vom SFF-Fotodesign, Hof
Tosca
23.9.2011
Wunderbar, mit kleinen Abstrichen
14. Juni 1800 – Bei Marengo, einem Dorf in der italienischen Provinz Alessandria erringt Napoleon im Zweiten Koalitionskrieg den entscheidenden Sieg über die Österreicher

Man kann also davon ausgehen, dass Puccinis Meisterwerk „Tosca“ am 15 Juni 1800 beginnt und in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages endet. Selten haben musikalische Werke so eine genaue Datumsangabe.
Kay Metzger belässt auch in diesem Zeitrahmen, versucht erst gar nicht, der Oper eine andere Deutung über zu stülpen. Und das ist auch gut so.
Thomas Mogendorf schuf mit seinem Einheitsbühnenbild, das sich schnell und praktikabel, von einer Kirche in das Arbeitszimmer Scarpias wie auch in die Zitadelle der Engelsburg verwandeln lässt. Alles stark stilisiert, aber stets erkennbar und überzeugend. Ebenso seine Kostüme, viel Klerikales in Schwarz und Purpur, andererseits viel Uniformales in verschiedenen Rottönen und modisch modifiziertes Empire bei der Titelheldin. Einzig Cavaradossi bleibt farblos ins seinen zeitlosem Leinen mit lässig weitem Hemd und T-Shirt und seinem grauen Sträflingsanzug zur Hinrichtung.
Metzger legt mehr Wert auf die Personenregie, denn auf die Ausstattung. Genau zeichnet er die Hauptpersonen und handelnden Nebenfiguren, schon sein Mesner, Carsten Schröter, gibt nicht den ausgehungerten Fratre, der auf den Fresskorb Cavaradossis aus ist. Er gibt eine linientreuen, der Obrigkeit verpflichteten, Teilzeitspitzel, der durchaus in der Lage ist geschehenes Unrecht zu übersehen.

Cavaradossi, Paolo Ferreira, bleibt ein eher unbedeutender Charakter, der seinen Neigungen, hier die Malerei, und einem noch wesentlich angenehmerem Hobby, den Frauen, nachgeht. Seine politischen Ambitionen erwachen erst, wenn es schon zu spät ist und die Falle über ihm zusammen schnappte. Tosca, Rossana Potenza und Katerina Sokolová-Rauer, gibt die etwas dümmliche, sich selbst im Mittelpunkt sehende Sängerin, die nicht mehr zwischen Bühne und realem Leben unterscheiden kann. Selbst in den bedrohlichsten Situationen ihres Lebens, verfällt sie in Bühnenkonventionen des damals modernen Melodrams, so stilisiert sie sich als „Opfer“ nach der versuchten Vergewaltigung durch Scarpia im zweiten Akt. Scarpias Mannen werden als dienstbeflissenen Sadisten gezeichnet, Karsten Jesgarz‘ und Thilo Anderssons Spoletta trägt die kriecherischen Züge eines, stets auf den eigenen Vorteil bedachten, Befehlsempfänger, während der Polizeichef, Thomas Rettensteiner, selbst als kunstbeflissener, feinsinniger Psychopath gezeichnet wird.
Soweit so gut, aber …

… da sind so die kleinen Fehlerchen, die dem Werk etwas die Spannung nehmen. Gleich zu Beginn sucht Cesare Angelotti den Schlüssel zur Familienkapelle, die seine Schwester an einer Säule unter der Maria versteckt hat. „La pila... la colonna... A piè della Madonna mi scrisse mia sorella...”, in Hof weder eine Säule, noch eine Marienstatue, sondern der Schlüssel liegt in einer Blumenvase, aus der er auch laut klappernd mit geketteten Händen herausgefischt wird. Auch in den Morgenstunden des Juni 1800 würde ein Gefesselter auffallen. Weiterhin beschuldigt Tosca ihren Lover Cavaradossi die Augen der Gräfin Attavanti in das Bild der Maria Magdalena gemalt zu haben. Warum er aber vor einem Marienbild steht und ein vollkommen anderes Bild kopiert, das wissen die Götter. Im zweiten Akt muss Scarpia sein Abendessen von einem Flügel zu sich nehmen. Sind wie nun in der Privatwohnung des Polizeichefs oder in seinem Büro? Man wird nicht so ganz schlau aus der Situation. Ein Flügel ist immer ein schönes Bild auf der Bühne und er eignet sich zu so vielem, man kann auch ein Abendessen davon einnehmen, man kann auch darauf spielen, während das Objekt der Begierde in einem anderem Raum des Palazzos eine Kantate singt (tut er aber nicht), man kann aber auch mit einem sehr kleinen, dafür aber umso deutlicher präsentiertem Küchenmesserchen ein Äpfelchen, das darauf lag, schälen. Nun wusste auch der unbedarfteste Opernneuling, wie der Herr am Ende sterben wird. Also, Scarpia steht in einem äußerst eleganten Hausmantel bereit seine Tosca zu empfangen und sie zu verführen, und dazu sind ihm alle Mittel recht. Von Schmeicheleien, über Folter des Lovers, bis hin zu reiner Gewalt ist ihm alles recht. Warum er den geplanten Akt mit Tosca aber auf dem auf dekorativ auf dem Boden ausgebreiteten Hausmantel vollziehen will sei dahingestellt, wahrscheinlich lag es daran, dass man vergessen hat ein Sofa oder eine Ottomane beim Raumausstatter zu bestellen. Nachdem Madame Tosca nun den Bariton mit chirurgischer Präzision und genauesten anatomischen Kenntnissen abgemurkst hat eilt sie zur Erschießung des Freundes. In seiner Todesstunde zeigt sie ihm zunächst den Freibrief für die geplante Flucht aus dem Königreich Neapel und dann das Mordinstrument. Immer gut, die Tatwaffe verschwinden zu lassen, können wir jeden Sonntag im Tatort sehen. Natürlich war der Freibrief ein Fake und die Scheinerschießung war selbstverständlich auch in echt, klar kein Thema. Der Mord im Affekt an Scarpia wird entdeckt und Tosca entzieht sich der Verhaftung durch Spoletta durch den Freitod. Üblicherweise springt sie von der Engelsburg, die klassische Deutung, oder sie wird auf der Flucht erschossen, eine durchaus adäquate Darstellung des Endes, aber das sie sich an eine andere Opernfigur Puccinis, nämlich die verehrte Cho-Cho-San, jene sanfte Soprankollegin aus „Madama Butterfly“, erinnert und mit dem eben erwähnten Küchenmesserchen Harakiri begeht, entbehrt jeder Logik.
Gut, genug dieser Beckmessereien, insgesamt eine gute Inszenierung, die ihre schönen Momente auch einen ganzen Abend halten kann, die geschlossen wirkt, ohne gänzlich ins Lächerliche zu gleiten, wie es in letzter Zeit gerne praktiziert wird.

Arn Goerke und seine Hofer Symphoniker machen dann zusammen mit dem Chor und den Solisten alles wieder gut. Kraftvoll, punktgenau und an den entsprechenden Stellen zart und lyrisch dirigiert, schaffen die Hofer Symphoniker ein Klangbild, dass dem italienischen Flair, zu Beginn des dritten Aktes, genauso entspricht wie den menschlichen Abgründen Scarpias während des „Te Deum“ im Finale des ersten Aktes und den Nöten der Tosca im zweiten. Paolo Ferreira debütiert in Hof mit der Rolle des Cavaradossi. Sein Spinto trägt makellos über die ganze Partie, nach dem anstrengenden zweiten Akt hat er noch genügend Reserven um im Dritten die Sterne zum Leuchten zu bringen. Seine beiden Toscas, Rossana Potenza, die die Premiere sang, ist eine eher lyrische, sanft verschleierte Tosca mit einem warmen Timbre, Katerina Sokolovà-Rauer, die für die Gala und einige ausgesuchte Vorstellungen engagiert wurde, brilliert mit kristallklarem leidenschaftlich geführtem Sopran, der keine Wünsche an die Rolleninterpretation offen ließ. Mit ebensolcher Power singt und spielt Thomas Rettensteiner den Sadisten in Liebesnöten. Schon während des „Te Deum“ wird der fiese Machtmensch zur Bestie wenn er seine Sexualvorstellungen mit Tosca zu Gehör bringt, die beste Stelle in Puccinis Schaffen überhaupt. Wenn er dann im zweiten Akt den gurrenden Täuberich mimt, um Tosca doch auf einen eher einverständlichen Akt zu überreden, um dann in einem Bruchteil von Sekunden zur menschlichen Ratte zu mutieren, versteht man, was unter dem Begriff Sängerdarsteller zu verstehen ist.

Das Michel Roberge den Chor und den Kinderchor aufs Beste einstudiert hat, ist in Hof eine nicht mehr zu erwähnende Selbstverständlichkeit. Die Beweglichkeit, die Spielfreunde, das exakte Timing steht im krassen Gegensatz zur Kostümierung. Lauter Kardinäle, auch weibliche(!) und jugendliche, singen da zum vermeintlichen Sieg auf.
Das Fazit, ein auf alle Fälle lohnender Abend, und wenn man die kleinen „Fehler“ übersieht, ein perfekter Pucciniabend, der bis in die kleinsten Nebenrollen überragend besetzt ist.
Besuchte Vorstellungen, Premiere 23.September und Gastspiel Bayreuth, 2. Oktober.
Alle Bilder von SFF Fotodesign Hof
Alexander Hauer