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SEKRETÄRINNEN

Zweitbesprechung der Vorstellung vom 16.1. 2014  in der Stadthalle Bayreuth     siehe dort.

Premiere am Theater Hof 9.11. 2013:  Premierenbericht weiter unten

 

 

 

FRAU LUNA                       (Paul Lincke)

Besuchte Vorstellung: Stadthalle Bayreuth am 26.12. 2013

Premiere am Theater Hof am 20.12. 2013

„Donnerwetter. Weeß man ja nich, wo man zuerst hinkiecken soll.“

Wo'a Recht hat, hat Fritz Steppcke Recht. „Frau Luna“, die wo ditt Theata Hof inne unjewöhnlich juut besuchte Stadthalle jeschickt hat, iss wirklich – ick saare nur: BALLETTRATEN! O Mutta! - een Oojenschmaus, aba da jiibt ett nich nur viel und juut zu kiecken. Ett is, sozusaarn, ooch 'n Oohrnschmaus.  

Und damit Schluss mit dem Berlinern – obwohl die Besatzung des Luftschiffs, das da, seit es anno 1899 im Berliner Apollo-Theater in der Friedrichstrasse in den Himmel aufstieg, auch in der Hofer Inszenierung der „Frau Luna“ bestmöglichst berlinert, wenn man nicht gleich wie der krankhaft verseschmiedende Lämmermeier sächselt oder ins Norddeutsche abdriftet: eine sprachliche Verlegenheitslösung. Thilo Andersson ist jedenfalls als Steppcke, und nicht nur sprachlich, mit seiner genialischen Tolle als Grimassenkönig jenauso bombig wie die Frau Luna der Liine Carlsson bezaubernd ist, die den Berliner Charme weniger in der (schönen) Stimme als in ihren üppigen und vielfältig enthüllenden Revuekostümen sitzen hat.  

1899 sah's übrigens nicht ganz so prachtvoll glitzerglänzend aus, wenn auch prachtvoll genug für das Berlin der späten Kaiserzeit, die mit diesem einzigen Meisterwerk Paul Linckes das Gründungswerk der Gattung „Berliner Operette“ geschenkt bekam, in dem sich die Tendenzen der Zeit wie in einem Kristall konzentrierten. Die 120 Kostüme der Mondelfen, der pickelhaubigen Mondpolizei und all der anderen Mondbewohner, natürlich auch des eleganten Bonvivants namens Prinz Sternschnuppe, die Götz Lanzelot Fischer entworfen hat, sind allerbeste Revueware. Sie allein würden schon mehr als die halbe Miete machen, würden die Akteure dieser herzhaften, durchaus nicht nur berlinischen, auch wienerisch angehauchten Revue nicht ein sehr lustiges Stück spielen, dessen Tiefsinn an der Oberfläche versteckt ist.

 

Bezeichnet die Ouvertüre, die, wie die gesamte feingearbeitete Partitur, vom Kapellmeister Roland Vieweg mit dem Sinn für Nuancen, auch für das jeweils richtige Tempo gebracht wird, die Gegensätze von heimischem Glück („Schlösser, die im Monde liegen“: Inga Lisa Lehr singt das so schön, wie es gemeint ist) und Vergnügungswillen („Lasst den Kopf nicht hängen“), so findet das Werk am Ende zu einer paradoxen Lösung: wenn eben jenes zauberhaft lyrische Lied der im Irdischen verhafteten Marie – ausgerechnet im Mondschloss zu einer Apotheose findet. Es ist eben Beides legitim; die Inszenierung Reinhardt Frieses, darin den Publikumserwartungen gehorchend, denunziert keine der beiden Seiten: weder die glanzvoll schillernde, deren silberblauer, auch betörend schwarzer Glanz das pure Talmi ist, noch die selbstbeschränkende, die, zu Ende gedacht, in die gesellschaftliche Erstarrung führt. Wird kurz vor dem Ersten Weltkrieg verkündet, dass die Welt einmal untergehen müsse, geschieht's (auch hier) mit hinreissendstem Schwung. Das sind so die Widersprüche der Revuekultur einer ausgehenden Friedenszeit, die in der Inszenierung in doppeltem Sinne aufgehoben sind.  

Denn, wie gesagt: man schaut manchmal mehr begeistert als dass man den guten Texten Heinz Bolten-Baeckers reflektierend zuhört. Kein Wunder: bei diesem (von Fiona Copley choreographierten) erotischen Ballett: Schöne Gesichter, geschwungene Beine – was will der „Conaisseur“ mehr... Kein Wunder: bei der äußeren, aufgeplusterten Pracht des Haushofmeisters Theophil, dieses gehetzten „Poussierstengels“ (Andreas Bühring), der von der Matrone Frau Pusebach (natürlich Marianne Lang) verfolgt wird. Was noch begeistert: Stefanie Rhaues Stella, ausgestattet mit Charme und Frechheit – und einem vergleichsweise schrillen, eben revuemäßigen Outfit.

 

Verena Held ist ein östereichischer Mondgroom; das passt zur Einschwebmusik des Luftschiffs, die man bei Strauß geklaut hat. Seltsamerweise, wenn auch nicht unpassend, erklingt nämlich die Introduktion des Donauwalzers. Dabei haben wir noch nicht einmal Neujahr...

Dafür hat Mathias Frey als Sternschnuppe, dieser Repräsentant des „eleganten“ Berliner Nachtlebens, ein stimmlich undankbares, weil unmäßig tiefliegendes Auftrittslied – aber ein extrem ablenkendes Quartett von Ballettratten. Gut so – denn eine Berliner Operette ist mehr als ein Schauspiel mit Musik. Es ist ein durchaus tiefsinniges, anspielungsreiches Schaustück mit einfachem wie einfach anrührendem Sentiment und dem Rhythmus eines Spreeathener Marschs, angereichert durch eine „tadellose“ Ausstattung und ebensolche „Puppen“, wie der Kaiser gesagt hätte. Donnerwetter – was für ein Erfolg!

Frank Piontek, 27.12.13                                          Fotos: SFF Fotodesign, Hof

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SEKRETÄRINNEN

9.11.2013 Premiere

6 Frauen – 6 Schicksale – 6 Lebenspläne

Nach der vielbesuchten Nachttankstelle gibt es Hof jetzt die Mutter aller Wittenbrink Liederabenden. Da ist Frau Fischbach, hoch allergisch, überpünktlich, lebt ganz Bio und verweigert den nicht fair gehandelten Bürokaffee. Und sie sieht schlecht, daher viele Tippfehler. Sekretärin mit Leib und Seele, weil das Büro ihr Leben ist.
Frau Löhr, die Bürovorsteherin, war wahrscheinlich die Geliebte von Bregenzer sen, hat aber beim Junior keine Chance. Dominiert den Büroalltag, verteilt die Aufgaben und Pflichten, sorgt sich für das leibliche Wohl des jungen Herrn Bregenzer, der es ihr aber nicht dankt. Erst nach ihrer Kündigung solidarisiert sie sich mit den Kolleginnen.

Am Schreibtisch neben ihr sitzt Frau Stange, behauptet mal Schauspielerin gewesen zu sein. Kennt die Klassiker, aber nur in ihrer persönlichen Version. Ohne ihre Tabletten mutiert sie von der Schlampe zur Kampfmaschine. Vorne links sitzt die Praktikantin, Frau Klee. Jung, attraktiv und sexuell vollkommen unausgelastet. Reagiert auf jede Spur von Testosteron, wird hemmungslos, träumt aber einen Jungmädchentraum vom Glück mit dem richtigen Kerl. Hinter ihr residiert Frau Reutter, nach allen Seiten sexuell offen, tendenziell lesbisch, hofft auf eine Affäre mit der Praktikantin, wird aber abgewiesen. Frau Mucha setzt nebenihren Fähigkeiten als Schreibkraft, voll auf ihre körperlichen Reize. Mit blonder Amy Winehouse Frisur, transparenten Top und Wetlook Leggins weiß sie ob ihre Ausstrahlung, setzt aber auf ihre durchaus auf ihren Verstand. Herr Bregenzer, einst Junior-, jetzt Chef des Damensextetts, ein vermünchnertes Schnöselkind, erfüllt auch jedes Klischee. Egoist, wahrscheinlich Manchesterkapitalist, geht über Leichen.

Der Heinzungsmensch Bregenzer, Handwerker und Trompetenspieler, setzt auf das Image des Cola Light Mannes und setzt es auch mit der Praktikantin auf der Bürotoilette um. Der Bürobote Bregenzer, ein von Selbstzweifeln geprägtes Bübchen, von den Damen gehänselt, bis er seinen Ausbruch erfährt, sich aber nicht ändert.
Kein üblicher Liederabend. Frank Matthus nennt diesen Liederabend ein Songdrama, und er hat recht damit. Ein Sänger einst am Flügel stand, damit hat diese Seelendemontage nichts mehr zu tun. Seine Damen zeigen alles, was die Schauspielkunst in den oft zu kurzen Liedern und Schlagern hergibt. Und deren Spektrum ist sehr weit, am Flügel begleitet, unterstützt Willi Haselbeck, die Damen und den Herrn bei Songs, die jeder schon einmal gehört hat, die durchaus in den Bildungskanon gehören. Dass die Texte nicht ganz original sind, dient durchaus der Dramatik des Stücks. Besonders Bettina Wegners Jammerarie „ Sind so kleine Hände“ gerät zur schonungslosen, aber übertriebenen Selbstanklage der körperlichen Mängel der Schreibkräfte.

Gitte Haennings Durchhalteparole “Ich bin stark“ wird genauso ad absurdum geführt, wie das süßliche“ Dream a little dream of me“ aus den Zwanzigern. Dem schwülen „Je t’aime“ mit lesbischen Annäherungsversuchen folgt Inga Rumpfs „ Ich hab Probleme mit der Identität“. Erste Abrechnung mit den Männern erfolgt mit Nina Hagens „PANK“, der romantischen Vorstellung „Ein Schiff wird kommen“ und dem Zusammenleben in Familie setzen Wittenbrink und Matthus die Material Girl Hymne „Diamonds are a girl’s best friend“ entgegen. Der Topnummer des 1932 geschriebenen  jiddischen Musicals Men ken lebn nor men lost nisht, „ Bei mir bist du schön“, hier beweist Jörn Bregenzer mal wieder seine Qualitäten an der Trompete, und Heinzungsmann Bregenzer schleppt die Praktikantin ab, folgt Kurt Weills Eifersuchtsduett mit einem durchaus pikanten Text. Grönemeyers „Männer“ werden als „Frauen“ zur Chauvihymne(„Frauen haben – Menstruation“, etc), die Damen bieten mit der Selbstmordarie „Bitte, bitte“ ihren Chef aber Paroli.

In der 50er Jahre Calypsonummer „Tipitipitipso“ erkennt Frau Fischbach ihre Mängel beim titelgebenden Tippen. Ebenfalls von Catharina Valente populär gemacht wurde „Casanova“, einen Freifahrschein für alle fremdgehenden Männer(„ Ich weiß, dass dein Herz einer andern gehört“). Wenn Jörn Bregenzer als vollkommen unscheinbarer Bürobote den Superschmachtfetzen „Se bastasse una canzone“ anstimmt, dabei sein unbeholfenes sexuelles Erwachen erlebt, näherte sich die Stimmung beim Premierenabend unaufhaltsam dem Siedepunkt. Nach weiteren Selbstverleugnungen „I wanna be loved by you“ und „Without you“ präsentiert  Bregenzer jr. Die neue Zeit, der Computer zieht ins Büro ein. „James Browns „ It’s a man’s world“ ist dafür der richtige Soundtrack. Wie die Damen am Ende auf ihren Chef und seine Unverschämtheiten reagieren kann man bei Eichendorffs „ In einem kühlen Grunde“ nur vermuten, bei „Lady Marmelade“ zeigen sie dem Chauvi auf alle Fälle, wo der Frosch die Locken hat.Frank Matthus hat ein starkes, wandlungsfähiges Frauenteam, dass es schafft innerhalb kürzester Zeit den verschiedensten Songs neues Leben, neue Bedeutung und die entsprechende Wirkung zu verleihen. Jörn Bregenzer zeigt an diesem Abend die unterschiedlichsten Facetten seines können. Ein weiterer Star dieser Produktion ist Willi Haselbek am Flügel. Barbara Buser choreographierte die Schauspielrevue, forderte viel vom Ensemble und bekam noch mehr. Das Großraumbüro von Annette Mahlendorf, die auch die charakterisierenden Kostüme entwarf, ist ein ungemütlicher, kalter Raum, in dem Gemütlichkeit nur in den hier offenbarten Tagträumen und Sehnsüchten existieren kann.

Fazit:
Mit dem Gesamtkunstwerk „Sekretärinnen“ verteidigte das Theater Hof seine Poolposition bei den Musicalproduktionen Frankens, wenn nicht sogar ganz Bayerns. Ein Beweis für das Können eines „kleinen“ Theaters, wenn man ihm die Mittel dazu lässt, eine Produktion, die man gerne im DVD Schrank stehen hätte.

Alexander Hauer / 20.11.13                    Bilder: SFF Fotodesign Hof

 

 

AIDA

Besuchte Vorstellung: 16.11. 2013      (Premiere: 20.9. 2013)

Schlicht und eindringlich

„Diese 'Aida' verhält sich zu Verdis Werk wie der gleichnamige Vergnügungsdampfer zu einem 'richtigen' Kreuzfahrtschiff: eine unfreiwillige Parodie, zeitgeistig, geschmacklos und – mit höchstem finanziellen Aufwand – billig.“

Nein, keine Angst – diese grausame wie treffende Einschätzung einer „Aida“-Produktion hat der Kollege Andreas Falentin in der „Deutschen Bühne“ nicht auf die laufende Hofer Aufführung, sondern auf das Spektakel in der Arena zu Verona gemünzt, das – in Bezug auf Verdis grundernste Überlegungen eines neuen Musiktheaters – nicht besser ist als die ridiküle Revue, die als Aufguss einer wahrhaft „historischen Produktion“ in Verona die Massen erfreut. Die Fehler, die in einer Inszenierung von Verona liegen, verdanken sich zweifellos dem doppelgesichtigen Gesicht des Werks, das beides zugleich ist: intimstes, psychologisch motiviertes Kammerspiel – und eine (bewusst) äußerliche Show, die zu „großen Bildern“ geradezu provoziert. Der Komponist Dieter Schnebel hat einmal geschrieben, dass „Don Carlos“ Verdis reichste Oper sei, „Aida“ aber seine schönste. In dieser Schönheit, die im traumschönen Todesbild befangen ist, steckt auch die Möglichkeit der Kritik: Claudio Casini befand, dass „Aida“ unter dem Widerspruch von Spektakel und Intimität sehr schwer leide, und der wie immer übereifrige Attila Csampai, dessen Urteile umso forscher sind, je weniger er sie am Material prüft, bezeichnete das Werk als „affirmativstes Zeugnis der spätromantischen Oper“.

Das Theater Hof nimmt – gut: das ist die deutsche Tradition – das Stück in seinem Kern derart Ernst, dass die schlichte wie eindringlich dunkle Bühne auf jeglichen Exotismus verzichten kann, was nicht originell ist, aber gut gemacht werden muss, um zu überzeugen. „Exotismus“ äußert sich hier allein in der Anspielung auf einen Staat des Nahen Ostens oder des nördlichen Afrika. Allein die Ägyptomanie der Verdi-Zeit ist hier nicht einmal mehr im ironischen Zitat vorhanden; die Priesterkaste, die die durchaus nicht geheime Macht im Staate ist, trägt nicht die Glatze der Ptah-Priester, sondern alteuropäisches Schwarz und, beim Oberpriester, das bekannte klerikale Violett. Ist das originell? Nein, aber tatsächlich „werktreu“ - denn Verdi verachtete die „Schwarzen“, zumal dann, wenn sie sich auf einen Pakt mit dem Staat einliessen. Das Dunkel der von Günter Hellweg entworfenen Bühne, die mit einigen verschiebbaren Wänden samt leuchtenden Kreuzmultiples im schier enervierenden Quadrat sehr gut auskommt, entspricht dieser kritischen, bewusst einschichtigen Stimmung, die in der Schwärze des Todesverlieses in zweierlei Sinne endet – unendlich zauberhaft aufgehellt durch die in vierfachem Pianissimo erglänzenden Violinen, die das zwischen Traum (stirbt Radames allein?) und Wirklichkeit (er stirbt zweifellos, und Amneris bleibt gebrochen zurück) changierende Schlussbild akzentuieren. Das Orchester, unter der souveränen Leitung des GMD Arn Goerke, tut sein Allerbestes, um die verschiedensten Valeurs dieser Wunderpartitur zum Tönen zu bringen. Hier der Impressionismus des Nil-Akts, dort die Puccinitöne der gegenstaatlichen Zartheit. Hier die Robustheit des mittleren Verdi im dramatisch glutvoll gebrachten Amonasro-Aida-Duett, dort der äußerliche Prunk des primitiv daherschreitenden„Triumphmarschs“. Es gelingt alles – nur in der Festszene des zweiten Akts hätte sich der Opernfreund – trotz Extrachor - ein bisschen mehr Durchschlagskraft beim Chor gewünscht, der für diese Szene zu klein dimensioniert ist. Ansonsten ist es völlig in Ordnung, dass der Marsch wieder einmal als sadistische Zeremonie inszeniert wird: die Toten, die hier in schwarzen Müllsäcken auf die Vorderbühne geschmissen werden, möchte man sich nicht von Nahem anschauen – und die Gefangenen agieren so, wie man es erwartet: herumgestoßen, gehetzt, von der Soldateska vergewaltigt. 

Verona ist – glücklicherweise – sehr weit entfernt, der Krieg, ja noch der Übermut der Sieger, bleibt ein blutiges Handwerk, keine Revue mit sexy Balletttänzerinnen und lächerlichen Kopftuchträgern. Die Inszenierung mag hier nicht „originell“ sein – dass sie nicht falsch ist, genügt dem Opernfreund. Im Übrigen muss der Zuschauer nicht auf erotische Frauen verzichten – nur, dass sie hier mit ihren Prada- und Chaneltüten erscheinen, um sich für die zurückkehrenden Helden zu rüsten. Text und Musik widersprechen nicht dieser realistischen Lesart. „T'arriderà l'amor“ („Die Liebe wird Dir zulächeln“) - da muss Frau, gestern und heute, einfach vorbereitet sein: zumindest in der zynischen upperclass der vor- und nachdemokratischen Gesellschaften, in denen Kriege dieser Art noch möglich sind. Es ist ein Kreuz!

Aida aber trägt auch das Kreuz, das eigentliche: buchstäblich. Die Regie (Klaus Kusenberg) markiert die Sklavin als zwar gleichermaßen attraktiv gewandete, aber als Andere gekennzeichnete Außenseiterin inmitten einer feindseligen Gesellschaft (dass sie so schick ist wie ihre Herrin, hat im Übrigen schon die Uraufführungsinszenierung im Opernhaus zu Kairo gezeigt; man schaue sich auch einmal die Kostümentwürfe der Mailänder Erstaufführung an). Tamara Haskin macht das ganz apart: ihr Sopran umfasst nicht allein eine angenehme, wenn auch leicht (!) schütter wirkende Höhe in den extremen Passagen, auch eine sonore, in den Alt changierende Tiefe, die sie für den Soul-Gesang prädestinieren mag. Ihre Aida ist eine leidende Frau, die den Typus der femme fragile souverän ausfüllt; im Verhältnis zur betont schick auftretenden, zunächst wie ein Rasiermesser agierenden, dann in sich zurückgenommenen Amneris. Es ist dies, vokal und spielerisch, ein sehr starkes Rollenporträt; die dramatische Eleganz der Stimme Roswitha Christina Müllers kommt ihm ausgesprochen gut zupass. Auch Radames triumphiert in diesem Triumvirat der verzweifelten Emotionen. Mario Zhang besitzt das Format eines guten italienischen Tenors, der in der berühmten „Auftrittsarie“ Schönklang mit Emotion verbindet – und leider den Schluss durch ein kräftiges Mezzoforte, gegen die Piano-Anweisung der Partitur, ins pur Heldische umdeutet. Ein bisschen mehr Spiel wäre bei Zhang allerdings sinnvoll.

Amonasro: mit Sangmin Lee steht ein erstklassiger Bassbariton auf der Bühne, der Beide ausfüllt – den schroffen Vaterlandsverteidiger und den zärtlichen Liebhaber (seines Landes, immer noch seiner Tochter). Der Nil-Akt ist der dramatischste aller „Aida“-Akte, aber auch hier wird die Aktion eher zurückhaltend arrangiert. Kusenbergs Regie zeichnet sich durch einen sympathischen, antiaktionistischen Stil aus, den man als „relativ statisch“ bezeichnen könnte. In Wahrheit haben die Emotionen, hat die Musik, in der diese Emotionen verhandelt werden, allen Platz, um sich zu entfalten.

Es ist auch schön, dass noch die „kleinen Rollen“ in Hof adäquat besetzt werden können: Hyung Wook Lee spielt den König, Matthias Frey den Boten – und Inga Lisa Lehr betört derart als goldklingende Tempelsängerin, dass man ihre optische Abwesenheit von der Bühne keinen Moment bedauern muss. Noch in dieser akustischen Szene – zusamt den profunden Bässen der psalmodierenden Priester, dem dumpfen, unheimlichen Grollen der Pauke in der Gerichtsszene – zeigt sich die Aktualität des Werks, das mitnichten dem 19. Jahrhundert verhaftet bleibt, wie es der Blick auf die südliche Aufführungstradition suggerieren mag. Auch die schlackenlose, geradlinige dunkle wie dramatisch sinnvolle Hofer Inszenierung zeigt, dass „Aida“ solange „modern“ bleiben wird, wie die Liebe zum Individuum über die „Liebe“ zum „Vaterland“ gestellt wird, die „Kollaboration“ und die grenzüberschreitende, den „Freund und Feind“-Begriff übersteigende Leidenschaft ein Verbrechen ist – und solange es Interpreten gibt, die Verdis Ethos und Pathos mit derartigem Elan und derartiger Ernsthaftigkeit erfüllen.

Frank Piontek, 17.11. 2013                  Fotos: SFF Fotodesign Hof

 

 

 

LA CAGE AUX FOLLES

Besuchte Vorstellung 25.10.2013, Premiere

Komödie in Gay Moll

Als 1985 die deutsche Erstaufführung des Musicals über die Bühne ging, hatten wir eine gänzlich andere Situation als heute. Die Aids-Hysterie war auf ihrem Höhepunkt, die Menschheit in ihren „Grundfesten“ zerrüttet. Und dann kam dieses Musical und gewährte einen Blick auf das ganz normale Zusammenleben von Mann und Mann. Heute, 28 Jahre später, hat sich die Situation grundlegend geändert. Nach schwulen Volksmusiksängern, offen schwul lebenden Außenministern und Bürgermeistern, sogar von schwulen CSU Mitgliedern wird gemunkelt, hat sich und wurde die homosexuelle Gemeinde weithin gehend integriert, wird gehört und akzeptiert. Schwule sind ein alltäglicher Teil unseres Lebens geworden, und um einen schwulen Oberbürgermeister zu zitieren „Und das ist gut so!“

In den vergangenen 28 Jahren haben sich die Jungs und Mädels aus dem „La Cage“ einen festen Platz in der Musicalwelt erobert und so war es mehr oder weniger überraschend, als Reinhard Friese das als erstes Musical auf der großen Bühne in seiner zweiten Saison ankündigte. „La Cage aux Folles“ - die Perle an der Riviera, funktioniert das am Saalestrande? Um es klar und unmissverständlich zu sagen: JA! Und wie es funktioniert hat. 

Nach ein paar operettigen Takten ließ Ivo Hentschel die Hofer Symphoniker von der Leine und die Ouvertüre ging ab wie ein aufgemotzter Ford Mustang. Dieses hohe Niveau blieb den ganzen Abend erhalten, egal ob bei den Show Stoppern oder den melodramatischen Szenen. Diana Pähler schuf ein spannendes Bühnenbild, dass nur aus ein paar Versatzstücken bestand und deshalb genügend Raum für die eigene Fantasie ließ, ihre Kostüme waren keine Repliken großer Pariser Showtempeln, die Outfits der Cagelles kamen wunderbar „Hausgemacht“ rüber, also kein Lido, kein Folies Bergère, sondern wie es sich für einen kleinen Nachtclub gehört. Einzig Zaza hat ihre Haute Couture mit viel Federn und Glitter. Sobald es aber privat wird in den Szenen, wird auch Zaza bürgerlich, mit nur einer kleinen Prise Glitter.

Privat sind Zaza-Albin, Christian Venzke, und George, Léon van Leeuwenberg, ein ganz normales Paar. Gemeinsam haben sie ihren kleinen Laden zum Laufen gebracht, gemeinsam haben sie Jean Michel, Andreas Bühring, ein Fehltritt Georges mit Igitte vor 24 Jahren, groß gezogen. Und jetzt will Jean Michel, leider heterosexuell veranlagt, heiraten, ausgerechnet Anne, Lina Rifqa Kamal, ein bezauberndes Hofer Hausgewächs, die Tochter des erzkonservativen Politikers Dindon. Und als dich die Dindons, Stefanie Rhaue und Thilo Andersson, zum Antrittsbesuch anmelden, muss die heile schwule Welt eben schnell zum spießigen Heterohaushalt umgemodelt werden, und Zaza muss verschwinden, weil ja Igitte kommen wird. 

Natürlich kommt Igitte nicht und Zaza rettet die Situation. Die Dindons sind ja verwundert, ob der ganzen Familie oder ob des künstlerischen Porzellans mit bockspringenden griechischen Jünglingen, der Abend im privaten endet bei „Chez Jaqueline“, Marianne Lange macht aus der ehemaligen Professionellen, die jetzt höchst erfolgreich ein Restaurant betreibt, wie so oft wieder ein Einakter. Und weil Jaqueline stets auf Publicity aus ist, bittet sie Zaza ein Chanson zu singen. Am Ende dieses Songs reißt sich Zaza, ganz das alte Bühnentier, die Perücke vom Kopf und der schöne Schein zerbröselt. Die Dindons wollen das Feld räumen, werden aber von Jaqueline zum Bleiben gezwungen, ja sie müssen der Hochzeit ihrer Tochter zustimmen. So kommt dann alles in einem furiosen Finale zum Happy End.

Aber bis dahin ist es ein weiter Weg 

Christian Venzke und Léon van Leeuwenberg zeigen uns die Szenen einer Ehe. Man liebt sich, ist sich aber nach der „Silberhochzeit“ nicht mehr so sicher. Und als der Sohnemann sich verehelichen will, brechen alte Eifersüchteleien auf, und die eher harmonische Beziehung wird einer schweren Prüfung unterstellt. Einerseits die Verpflichtung dem Lebenspartner gegenüber, andererseits will man dem Glück des Kindes nicht im Wege stehen. Reinhard Friese macht daraus ein kleines Kammerspiel, fein geführt, mit Zärtlichkeiten für alle Beteiligten. Niemals diskriminiert er, niemals wird er plakativ. Die Ängste und Nöte der Familie, die Wandlung von Jean Michel, Andreas Brühning zeigt in dieser Entwicklung vom oberflächlichen Jüngelchen hin zum bewusst lebenden Mann, dass er mehr ist als ein „Musicaldarsteller“. Stefanie Rhaue und Thilo Andersson geben das erzkonservative Paar ebenfalls als in höchster Schauspielkunst, er ein unbeirrbarer Klotzkopf, sie, dauernd unterdrückt, wagt den Widerspruch höchstens mal durch ein Kopfschütteln. 

Damit „La Cage“ nicht zu einem Bergmann’schen Drama gerät, haben die Autoren die Figur des Jacob geschaffen. Stephan Brauer, der in Hof den Butler in Identitätskrise, er selbst sieht sich eher als Zofe Claudine, gibt, sorgt für das durchgehend komische Element. Und bei ihm ist alles im richtigen Maß zu viel. Zu hoch die High Heels, zu groß das freche Mundwerk, aber auch das Herz. Egal ob im Zimmermädchenkostüm aus dem Sexshop oder als livrierter Lakai, die Kölner Rosa Funken lassen grüßen, Stephan Claudine Jacob schafft es immer sich in den Mittelpunkt zu stellen.
Aber Brauer agiert nicht nur auf der Bühne, er zeichnet sich auch für die Choreographie verantwortlich. Egal ob es die Cagelles, bei der Marika aus Budapest, Tamás Mester, sogar einen beeindruckenden Sologesang hinlegt, egal ob Chorsänger Hans-Peter Pollmer als Lackdomina Hanna aus Hamburg, die ihren Lover, den Inspizienten Francis, ebenfalls vom Chor Christian Seidel, krankenhausreif liebkost, oder ob es eine gewaltige bühnenfüllende Tanzszene mit allen Akteuren, hier hat der Chor die Gelegenheit sein Können mal wieder zu beweisen, stets hat Stephan Brauer die Wirkung im Blick, auch in den großen Solonummern Zazas. Und genau dann wird aus dem Theater Hof auf einmal die große Show-Welt. 

Dem Regieteam ist es zu verdanken, dass aus „La Cage“ keine platte Tuntenrevue wurde, Christian Venzke zeigt als Zaza, dass auch ein extremes Leben kein Ponyhof ist und wirbt mit der klammheimlichen schwulen Nationalhymne „Ich bin was ich bin“ für Toleranz und Verständnis, auch heterosexuellen Paaren gegenüber. Diese Toleranz, dieses Verständnis sollte sich über die ganze Welt verteilen, vor allem mit Blick auf die olympischen Spiele im homophoben Russland, aber auch auf die, anscheinend von der Entwicklung abgeschotteten Gegenden in Deutschland, denn in einigen Gegenden ist es auch bei uns mit der anfänglich erwähnten Toleranz anderen Lebensvorstellungen gegenüber noch nicht so sehr weit.

Das Hofer Premierenpublikum ging mit wie selten auch wenn der Herr in der Reihe hinter mir bei der Geschlechtsidentifizierung der Cagelles sehr daneben lag. - Diana Pähler verstarb im Oktober dieses Jahres, aber ich bin sicher, dass sie den jubelnden Applaus bis „nach oben“ gehört hat.

Alexander Hauer, 29.10.13                     Bilder von SFF Fotodesign Hof

 

 

AIDA

Premiere am 20.09.13

Das Kammerspiel mit dem Riesenchor

Reinhard Friese lässt seine zweite Saison mit Aida eröffnen, wirft seinem Publikum einen schweren Brocken vor und macht sich nicht überall Freunde

Schon bevor der erste Ton erklungen war, schon bevor man den ersten Blick auf da Bühnenbild werfen konnte hörte man im Foyer schon die ersten kritischen Stimmen. „…die Theater können sich keine ägyptische Ausstattung mehr leisten…die müsste man dann irgendwo mieten“

Es ist immer wieder beruhigend, dass sich selbsternannte Experten so gut in der Theatersituation auskennen. Es stellt sich die Frage, braucht die Aida ein ägyptisches Interieur, oder ist es eher ein kammerspielartiges Drei-Personendrama mit einigen Nebenfiguren?

Kein Hollywoodimitat

Wenn man das große Spektakel sucht ist man in Hof an der falschen Adresse, wenn man allerdings ein klug inszenierte, musikalisch überragende Inszenierung sehen und hören möchte sollte der Weg nach Oberfranken nicht gescheut werden.

Günter Hellwegs mystisch dunkelblau schimmerndes Bühnenbild verweigert jede Folklore. Die weißen Kreuze auf schwarzen Grund erinnern an einen Soldatenfriedhof genauso wie an Markierungspunkte einer militärischen Karte. Mit wenigen Mitteln, zwei Vorhängen und zwei beweglichen Wänden, nur einmal, während des Triumphmarschs wird das Bild konkret, ein altertümlicher Jeep dient als Staatskarosse, verlässt er die Abstraktion. Die eingeblendeten Videos von Boris Brinkmann, hinlänglich bekannt aus den aktuellen Nachrichten, schaffen einen zeitaktuellen Bezug zur Moderne.

Annette Mahlendorfs Kostümbild bedient die Dramaturgie der Oper ohne die Sänger zu diskriminieren. Der Chor trägt Uniformen östlicher Provenienz, einfache Alltagskleidung, aufgepimpt mit Revolutionssymbolen. Die Priesterkaste stattet sie mit modifizierten Soutanen aus. Radames wird im Laufe der Inszenierung mit einer schmucken Ausgehuniform versehen, sein großer Gegenspieler Amonasro trägt Wüstentarnfleck. Amneris kleidet sich in einen Grace Kelly–mäßigen clean chic, für jede Auftritt ein neues Kostüm, stets von einer subtilen Erotik, aber immer etwas unterkühlt, während Aida, die versklavte äthiopische Prinzessin, stets das gleiche rote Ballkleid trägt, das, jetzt verschmutzt, immer noch von vergangener Grandezza zeugt.

Überzeugend reduzierte Personenregie

In seiner Inszenierung verweigert sich Klaus Kusenberg jeglicher moderner oder traditioneller Mätzchen. Klar und distanziert agieren seine Personen, die Leidenschaft, die Verdi in seine Partitur geschrieben hat, verdoppelt er nicht unnötigerweise mit dem Geschehen auf der Bühne. Es bleibt bei einer unmöglichen Liebe, eine Liebe, die durch die Umstände von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Der Feldherr kann eben nicht die Tochter des Feindes lieben. Einzig im sogenannten Nilbild kommt es auch zu körperlicher Nähe zwischen Radames und Aida. Der damit einher gehende Verrat Aidas, der Konflikt zwischen Vater, falschem Patriotismus und Liebe hat Klaus Kusenberg klar und auf das Genaueste gezeichnet.

Auch die Darstellung der Amneris, von der leichtlebigen Königstochter, hin zur verzweifelten liebenden Frau, die ihren Einfluss auf die Macht verloren hat, ist ein deutlich. Nach dem Verrat Radames‘ hat die Priesterkaste zusammen mit dem Militär die Macht übernommen, Amneris‘ Wünsche spielen keine Rolle mehr. Radames wird von einem Femegericht zum Tode verurteilt. Gebrochen erwartet er den Tod, ob sich Aida in seine Todeszelle geschlichen hat oder ob ihre Erscheinung eine Fantasmorgie des Sterbenden ist, erklärt Klaus Kusenberg nicht. Amneris stirbt einsam.

Exotische Klangwelten

Arn Goerke erfüllte sich mit dieser, ersten Aida am Hofer Theater einen persönlichen Herzenswusch. Und dieses „Wunschkind“ war wirklich eine Liebhaberarbeit. Die Hofer Symphoniker folgen ihrem Maestro in die exotisch anmutenden Klangwelten Verdis. Scheinbar aus dem Nichts erklang die pianissimo-Ouvertüre, kraftvoll erklangen die Aidatrompeten, der Triumphmarsch gerät nicht zum militärischen Schaustück, sondern unterstreicht das zum Nachdenken anregende Geschehen auf der Bühne. Das Finale mit den immer schwächer werdenden Pace-Rufen verhallt auch wieder im Nichts.

Den mit dem Extrachor fast verdoppelte Chor unter Cornelius Volke zu loben hieße Eulen nach Athen tragen, wie immer stimmlich bestens und auch perfekt in der choreographischen Gestaltung Barbara Busers.

Jens Walding sang und spielte den Oberpriester mit großer Souveränität, darstellerisch genauso überzeugend wie in der baritonalen Spannweite. Christina Roswitha Müller gestaltete die Amneris als großen Wurf genauso wie ihre Gegenspielerin Tamara Haskin als Aida. Beide sangen ihre Partien ohne hysterische Ausbrüche, ohne jegliche schrillen Spitzen. Der Bruch zwischen verliebten Gesäusel und hart Forderten gelingen beiden Sängerinnen in großer Überzeugung. Mario Zhangs Radames war kraftvoll und sanft zugleich.

Hyung Wok Lee gab als König seinen überzeugenden Einstand im Hofer Ensemble, Matthias Frey sang den Boten in gewohnter Qualität. Leider war Inga Lisa Lehr als Tempelsängerin nicht zu sehen, dafür umso besser aus dem Off zu hören. Für alle drei gilt, eine wunderbare Gestaltung der kleinen Rollen.

Aida ohne Vertretung afrikanischer Tierwelt, ohne Pyramiden, ohne Goldlamékostüme und seltsame Kopfbedeckungen? Ja, wenn man den Konflikt zwischen drei Menschen in einer angespannten Situation und nicht überladene Ausstattung in den Mittelpunkt stellt. Ja, wenn man den Sängern schauspielerische Fähigkeiten abverlangt und diese ihre Rollen nicht spielen sondern leben.

Ein außergewöhnlicher Abend ging unter großem Applaus zu Ende, für die Sänger, für den Chor, für das Orchester und für das Regieteam. Die einsamen Buher nahmen wohl persönliche Rache am Regisseur und wurden regelrecht niedergejubelt. Und das war gut so.

Alexander Hauer, 22.09.2013                    Bilder: SFF Fotodesign Hof

 

 

 

HOCHZEIT MIT HINDERNISSEN

besuchte Vorstellung: 25. Mai 2013

Ein älterer Mann sitzt in seinem New Yorker Appartement und hört sich eine Schallplatte an. Das ist der Inhalt von The Drowsy Chaperon, warum der Verlag auf „Hochzeit mit Hindernissen“ bestand lässt sich mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehen. Ein älterer Mann der sich eine Schallplatte anhört, reicht das für ein Musical? Ein klares JA, wenn es sich dabei um die Musik von Lisa Lambert und Greg Morrison handelt. Der Mann im Sessel, nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in seine Fantasiewelt, in die Zeit der späten 20er, die goldenen Jahre des Musicals. Er lässt vor unseren Augen die titelgebende Revue entstehen, wird Teil dieses Musicals, das er immer wieder unterbricht, um den einen oder anderen Kommentar zum Geschehen oder zu den Darstellern zu geben. In diesem Musical kommen auch die skurrilsten Figuren vor. Figuren, die man aus anderen Musicals zu kennen glaubt. Da sind die beiden Gangster, der taffe Broadwaystar, der sich nach einem Leben abseits der Bühne sehnt, trottelige Trauzeugen, eine sehr attraktive Tante, die sich in einen Filmstar verguckt, aber vor allem ein grandioses, tanzbegeistertes Ensemble.

Karsten Jeszgarz leitet durch diesen Abend, erklärt vieles zum Phänomen Musical und gibt sehr viel über die Figur des Mannes im Sessel preis. Sein Spiel, wird zu einem eigenen Kammerspiel in einer Revue, und wenn er dann am Ende seinen eigenen Song hat, dann merkt man auch seine sängerischen Qualitäten.  Stefanie Rhaue ist die titelgebende Anstandsdame. Nur, mit dem Anstand ist es bei der dauertrinkenden Prohibitionsverächterin nicht weit her. Anstatt ihrer Nichte vor der Hochzeit beizustehen verknallt sie sich in den Italostar Aldopho. Stephan Brauer spielt ihn voller falscher Grandezza, dass es eine wahre Freude ist. Thilo Anderson als verschlagener Broadwayimpressario Feldzieg und Julia Klemm als doofe, aber bauernschlaue, Kitty sind ein weiteres Paar auf der Palette. Beide lassen kein Klischee in der Rollengestaltung aus. Marianne Lang und Tamás Mester sind ein ideales Herrin/Dienergespann. Sie leicht vertrottelt, er mit einem Stock im A…sch, kalauern die beiden sich durch die Show. Aber auch die beiden sind ein Relikt und eine Reminiszenz aus Musicalproduktionen aus schon in den 20er Jahren veralteten Shows.

Janet und Robert, das Brautpaar, das es durch Verwechslung und Eifersüchteleien fast nicht vor den Altar geschafft hätte, werden von Miriam Anna Schwan und Christian Venzke gespielt. Ihre Rollen verlangen höchste sängerische und tänzerische Präzision, kurzum ihre Leistung ist broadwayreif. Mehr zu sagen hieße Eulen nach Athen tragen. Die beiden Gangster werden von Andreas Bühring und Hans-Peter Pollmer gegeben. Es sind zwei liebe Gangsterlein, die eher komisch denn gefährlich wirken, und das ist gut so.

In Annette Mahlendorfs Ausstattung, die bedrohlich dunkle, verkommene Wohnung verwandelt sich in hollywoodreife Sets, ihre, bis in die Filzpantoffeln stimmigen Kostüme, werden von Reinhard Friese ebenso gekonnt in Szene gesetzt, wie er auch die ganze Show zügig, ohne Hänger, aber auch nicht gehetzt, inszeniert. Seine Figuren verlieren ihre Oberflächlichkeit, vermischen sich mit ihren Alter Egos, werden zu echten „Menschen“. Hauschoreographin Barbara Buser gestaltete zusammen mit Tamás Mester, der die überbordenden Steppnummern choreographierte, rauschhafte Tanznummer, die schier vor Energie bersteten und denen man die viele Arbeit, die darin steckte, nicht ansah. In der von mir besuchten Vorstellung in Bayreuth leitete Roland Vieweg die Hofer Philharmoniker. Dieses Orchester besticht immer wieder durch den Wohlklang und die Ausgewogenheit in den einzelnen Stimmen, auch unter den akustisch schwierigen Verhältnissen der Bayreuther Stadthalle.

Ein Musical ohne wirkliche Handlung, zwischen den einzelnen Musiknummern wird von Karsten Jezgarz moderiert, und trotzdem eine ganz große Show. Eine gelungene Choreographie, ein stimmlich perfektes Ensemble voller Spielfreude und ansteckenden Elan, mitreißende Melodien – was will man mehr.

Als Fazit bleibt nur zu sagen, dass der Broadway in Hof eine, nicht ganz so kleine, Seitenstraße hat. Und das ist gut so!

Alexander Hauer                        Bilder von Harald Dietz SFF Fotodesign Hof

 

 

 

 

DIE TOTE STADT

Besuchte Vorstellung: 13.4.2013           (Premiere: 8.3.2013)

Ganz und gar nicht provinziell

Dass sie die Salome im Repertoire hat: man wundert sich nicht. Wenn Jennifer Maines auf der Bühne steht, um die Marietta zu singen, brennt förmlich die Luft. Natürlich liegt diese Hitze auch im Orchester, das die siedend traumatische heiße Atmosphäre permanent speist; es liegt auch am Partner und an dessen Part, auf dass das Beziehungsdrama nach den Regeln Dr. Freuds explodiert, es liegt an der Inszenierung, das dem Stück so weit entgegen kommt – aber wenn Jennifer Maines die Marietta macht, die wiederum den Paul fertig macht, begreift man, wieso Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die Tote Stadt“ zu den meistgespielten Opern der 20er Jahre gehörte, nach groben Schätzungen vielleicht die beliebteste Oper dieser Epoche war.
 
Korngold wurde vor gut 30 Jahren wieder entdeckt, nachdem sich Regisseure wie Götz Friedrich des Hauptwerks des einstigen Wiener Wunderkindes annahmen. Unvergesslich, wie damals, 1983, ein Bravorufer nach der Strangulation der Sopranistin für Heiterkeit und Beifall sorgte. Nun endlich fand das Meisterstück in Hof ein aufmerksames, zuletzt begeistertes Publikum. Die Begeisterung kam zurecht, denn das Stück, das man erst einmal gut besetzen muss, bevor man über irgendeine Inszenierungsidee redet, wurde mit Jennifer Maines - die sich im zweiten Akt wunderbar eingesungen hatte, bevor sie im dritten lyrisch-dramatisch überwältigte –, Wolfgang Schwaninger und Birger Radde hervorragend besetzt. Theater Hof? Provinz? An Aufführungen wie diesen merkt man, dass die Zeiten vorbei sind, in denen das Wort irgendeine Bedeutung hatte. Arn Goerke geleitet die Hofer Symphoniker so sicher durch die komplizierte wie packende Partitur wie die Sänger den titanischen Anforderungen ihrer Partien gewachsen sind: bis hin zur melodischen Variation des berühmten Lautenliedes, das der traurige Held des Stücks, der Witwer Paul, kurz vor Schluss noch melancholisch anstimmen muss. Wolfgang Schwaningers Tenor ist durchschlagend und lyrisch-herb, Birger Raddes Barion von warmer Prägnanz, und Miss Maines' Sopran entzückt irgendwann selbst dann, wenn er reichlich vibriert.
 
Paul, so nennen wir den Mann, der sich in seiner Kirche des Gewesenen, umgeben von den Reliquien seiner Geliebten, in das gestrandete Albtraumboot der unvergessenen Liebe legt, wo er sich zwei Akte lang in eine unmögliche amour fou hinein imaginiert – als wär's ein Film von Hitchcock: „Vertigo“. Die tote Frau ist auch ein Riesenauge, das im Videobild beweglich wird. Immerzu brechen die Imaginationen eines Schaudertraums in die vermeintlich „normale“ Szene: wenn die Haushälterin Brigitta (stark und streng gesungen von Stefanie Rhaue) zur Nonne wird – die plötzlich mit einem knallroten Unterrock den Betrachter aufreizt – und wenn die musikalisch gewaltig ausgemalte Prozession ein sinnliches Pendant in einer gespenstischen Klerikerparade findet. In Fellinis „Roma“ hat sie ihre übersteigerte Entsprechung. Nur sehr schade, dass der gute Chor bisweilen aus der Dose schnarrt.
 
Die Regie (Jens Pesel) und Bühne und Kostüme (Siegfried E. Meyer) schaffen klare Verhältnisse noch im Reich des Nachtmahrs. So grauenvoll auch die Erfahrung für Paul aussieht, zu der Korngold eine Musik fand, die weit über die hörbaren Vorbilder Puccini und Lehar hinausging, indem sie beim mittleren Schönberg landete – so grauenvoll auch die Innenbilder des am Nichtvergessenkönnen leidenden Witwers sind, stilistisch klar sind doch die Interieurs seiner Seele, die die Regie ihm zur Verfügung gestellt hat. Im wahrsten Sinn: ein toller, bejubelter Abend, vor allem dank des erstklassigen, so ganz und gar nicht provinziellen Sänger-Terzetts und des wunderbaren Orchesters.

Frank Piontek

 

 

A STREETCAR NAMED DESIRE

Besuchte Vorstellung: 23.02.2013  (Premiere 25.01.2013)


Ein Ballett der Spannung und der Spannungen

Darf man das? Ein psychologisch hartes, quasi realistisches Theaterstück von 1947 in ein Ballett übertragen, das die traditionellen Formen – die Hebungen, Drehungen und Schritten – in Einsatz bringt?
Man darf – wenn denn das Ergebnis so aussieht wie jenes, das uns das Theater Hof beschert hat.

Es ist nicht das erste Mal, dass Tennessee Williams' „A streetcar named desire“ („Endstation Sehnsucht“) ins Medium des Tanzes verwandelt wurde; schon kurz nach der Premiere des Dramas erschien eine Produktion auf den Bühnen. Die Choreographin Barbara Buser weiß genau, in welche Fußstapfen sie da hineintanzt, um sie schnell wieder zu verlassen, denn auch John Neumeier hat vor vielen Jahren einen berühmten Theaterabend geschaffen. Hier wie dort beginnt und endet das Drama in der Heilanstalt, hier wie dort prägt rhythmisch obstinate und lyrisch in Form gebrachte Musik den Soundtrack. Damals hörte man Sergej Prokofjew und Alfred Schnittke, heute erklingt Musik von George Antheil, die von den Hofer Symphonikern unter Roland Vieweg mit größter Genauigkeit und Klarheit gebracht wird.

Die Hofer Compagnie erzählt die Geschichte der Blanche Dubois, zersplitterten Frau, mit den Mitteln eines Tanztheaters, das zugleich traditionell und modern ist. Tennessee Williams selbst hat den Merksatz gegeben; er lässt ihn Blanche Dubois aussprechen, die Dramaturgie setzte ihn programmatisch aufs Titelblatt: „Ich mag keinen Realismus! Was ich will ist – Magie!“ Die Produktion bestätigt ihn mit dem Einsatz ihrer Tänzer, die zugleich die böse Geschichte erzählen und der Schönheit des Ausdrucks allen Raum geben: selbst dort, wo von der Vernichtung der Seele, von Vergewaltigung und Verachtung gesprochen wird. Im Mittelpunkt steht zweifellos Eriko Koshida: sie spielt eine fragile Blanche voller Widersprüche, eine nervös zuckende Frau, deren Füße noch den verbürgten Formen des Tanzes folgen wollen, während der Oberkörper schon die Brüchigkeit der Seele entlarvt. Witali Damer spielt mit dem Stanley Kowalski ein elegantes Tier, Lucia Colom eine agile Stella, die im pas de deux die Widersprüche ihrer Ehe auflösen möchte (was ihr tatsächlich phasenweise – und bannend schön – gelingt). Als Vierter im Bunde der fatalen Beziehungen steht Mitch, Blanches amouröse Hoffnung, auf der Bühne dieses kaputten Lebens: Norbert Lukaszewsky tanzt ihn so elegant wie Yana Andersson die die Nachbarin Eunice Hubbel in die Lebenslust entlässt.

Darf man Tennessee Williams in einer Melange aus Alt und Neu, totaler Künstlichkeit und relativer Natürlichkeit (der gestischen Aktionen) gleichsam vertanzen? Ja, man darf - und es ist schön, die Musik des guten alten George Antheil endlich einmal auch in Hof live zu erleben, was eine ziemliche Rarität ist - wie dieses Literatur-Ballett der Spannung und der Spannungen.

Frank Piontek

 

 

"Ich bin groß. Es sind die Filme, die klein geworden sind"

SUNSET BOULEVARD

eine neue Musicalära am Theater Hof

Große Ausstattungsshow werden in Zeiten knapper Geldmittel immer schwieriger zu Realisieren. Im kleinem, aber feinen Hofer Theater setzte man „Sunset Boulevard“ auf den Plan. Ein Musical, für das einst ein eigenes Haus gebaut wurde.

Norma Desmond ist eine abgetakelte Stummfilmdiva. Sie lebt in ihrer Villa ohne Kontakt zur Außenwelt. Der arbeitslose Drehbuchautor Joe Gillis dringt auf der Flucht vor Gläubigern in ihr Anwesen ein. Norma verschaut sich in den jungen Mann und nimmt ihn in ihren Haushalt auf. Sie zeigt ihm ihr Drehbuch für Salome. Obwohl er es grässlich findet, verschweigt er es, denn „Die Rechnung zahlt die Dame“. Am Ende schwimmt der Autor tot im Pool und Norma ist dem Wahnsinn verfallen.

Broadway in Oberfranken
Roland Hüve zeigt die schmutzigen Realitäten des Filmbusiness auf Thomas Mogendorfs genial konstruierter Bühne. Ein schlichtes Filmband dominiert, ein paar Versatzstücke schaffen glaubwürdige Räume. Zu Andrew Lloyd Webbers schmissiger Musik, irgendwo zwischen Opernton, 20er Jahre und Hot Jazz angesiedelt, ertanzte sich das Ensemble unter Barbara Busse mitreißende Nummern. Für die musikalische Leitung leistete sich das Theater Hof Kai Tietje, der die Hofer Symphoniker zu einer Höchstleistung antrieb.
Das Stück wird von drei Darstellern dominiert, aber auch die Nebenrollen sind in Hof exzellent besetzt. Da ist Marianne Lang als Wahrsagerin. Sie schafft es aus ihrer Nummer einen „Einakter“ zu machen. Auch die beiden Neuzugänge im Ensemble, Andreas Bühring als Artie Green und Cornelia Löhr als Betty Schaefer, überzeugen in allen Anforderungen.

Hofs überragendes Ensemble
Karsten Jesgarz spielt Max von Mayerling, den ersten Ehemann Normas und jetzt ihr Butler. Seine Studie über einen hoffnungslos Verfallenen und immer noch Verliebten zeichnet ihn als überragenden Charakterdarsteller aus. Sein Gespür für den Richtigen Auftritt und das perfekte Timing lassen ihn auch als Schauspieler bestehen. Thilo Andersson lebt Joe Gilles. Im abgerissenen Anzug wirkt er genauso überzeugend wie im Frack. Sein tänzerisches Können wird von seiner Stimme noch übertroffen, zusammen mit der alles beherrschenden Diva Stefanie Rhaue bildet er ein hollywoodreifes Traumpaar. Stefanie Rhaue ist Norma Desmond. Ihr Spiel, ihr changieren in der Stimme und in den Stimmungen, ihre Auftritte als Diva sind genauso perfekt wie ihre Niederlagen und ihr Übergleiten in den Wahn.
Der Chor unter der neuen Leitung von Cornelius Volke, besticht im Ganzen genauso wie in den vielen Einzelrollen. Voller Spiellaune, voller Schwung bestehen sie auch in den Tanzszenen. Roland Hüve schafft es mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln, die beklemmende Atmosphäre von Billy Wilders Meisterwerk auf die Bühne zu zaubern. Seine Helfer sind ein überragendes Sängerensemble und ein Orchester der Spitzenklasse. Aber auch die vielen Unsichtbaren, die Techniker, die Maske unter Günter Schoberth, und das Team der Schneiderei tragen zum Erfolg dieses Musicals bei und werden den Ruf des oberfränkischen Broadways auch festigen.

 Alexander Hauer, 26.Oktober 2012          Bilder von SFF Fotodesign , Hof

 

 

FIDELIO            zum 2.)

Gelungener Saisonstart in Hof

Nach 16 Jahren Intendanz unter Uwe Drechsel übernahm nun Reinhardt Friese in dieser Saison das renommierte Theater im nördlichen Oberfranken. Für seine erste Opernpremiere beauftragte er Christian Tombeil mit der Inszenierung des Fidelio.

Beethovens weichgespülte Revolutionsoper
Sie hat durchaus ihre Mängel, in der Dramaturgie ganz offensichtlich, Mängel in der Musik liegen im „Ohr“ des Betrachters. Ich bin ein bekennender Nicht-Fidelioaner. Aber vielleicht bewirkt gerade das einen ganz nüchternen Blick auf das Werk, ungetrübt von Sympathien, von Melodieliebhabereien, von Wunschinszenierungen. Christian Tombeil lässt durch ein pantomimisches Vorspiel die Geschichte starten. Auf dem eisernen Vorhang sind DIN A4 Bilder von Vermissten angepinnt. Bilder aus den (Bürger)kriegen der letzten Jahrzehnte werden wach, egal ob Argentinien, Ex-Jugoslawien oder sonst wo, Frauen, die die Bilder auf der Suche ihrer vermissten Männer benutzten, haben sich ins Gedächtnis eingeprägt. Damit war auch klar das Tombeil den Fidelio in moderner Zeit spielen lässt. Das ist durchaus legitim, wenn nicht sogar notwendig, um auf politische Missstände aufmerksam zu machen.

Alltag im Stasi-Knast
Die Bühne von Gabriele Wasmuth, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, zeigt den Alltag in einem vom sinnloser Bürokratie geprägten System. Akten werden sinnlos umgeschichtet, alles wird gesammelt und registriert, aber keiner weiß, was er tut. Da ist Rocco, seines Zeichens Kerkermeister, kritikloser Befehlsempfänger und Ausführer, da ist seine Tochter Marzelline, mit Blick ins Bürgerliche, da ist Jaquino, der Gefängnispförtner, der einen stumpfsinnigen Job verrichtet, ohne über ihn nachzudenken. In dieses Sammelsurium von Gestalten platzt Leonore, als Mann verkleidet hinein, um als Fidelio ihren Mann im Staatsgefängnis zu suchen. Mit flachgebundenen Busen erlangt sie die Stellung des Wachthabenden im Gefängnis von Sevilla. Durch beherztes Auftreten erreicht sie, dass die Gefangenen endlich mal wieder an die Luft dürfen. Und sie überzeugt Rocco, sie mit in den dunkelsten Kerker zu führen. Hier liegt Florestan in Ketten und soll langsam zu Tode gehungert werden. Niemand gibt uns eine Erklärung warum Florestan eingekerkert wurde, weder Beethoven und seine drei Librettisten, noch Tombeil. Gut, in totalitären Systemen werden keine Gründe gebraucht um Menschen verschwinden zu lassen, aber die Frage stellt sich dennoch, wenn Florestan so gefährlich für den Gefängnisdirektor Pizarro ist, warum hat er ihn nicht gleich umgebracht? Nun denn, Rocco und Fidelio machen sich auf dem Weg, um sein Grab auszuheben. Leonore erkennt in dem Gefangenen ihren Mann, Pizarro erscheint um ihn zu töten. Gerade in dem Moment, als alles verloren scheint, tritt der Minister auf, und alles wendet sich zum Guten. Florestan kommt frei. Aber was geschieht dann mit Pizarro? Nichts, es geschieht nichts mit ihm. Er verschwindet aus der Oper, wird er bestraft, kommt er selbst in Gefangenschaft? Dies ist wohl der größte Mangel in der Dramaturgie des Fidelios, und bislang ist es in keiner Inszenierung die ich sah befriedigend erklärt worden.

Der Versuch des bürgerlichen Lebens
Rocco hat sich in seinem Leben eingerichtet. Er strebt auch nach Gold, denn Geld ist schließlich alles, und so wird auch Marzelline auf den gesellschaftlichen Aufstieg vorbereitet. Im Ballettröckchen macht sie ihre Tanzübungen, spielt mit dem unter ihr stehenden Jaquino, und ist sofort Bereit eine Liaison mit Fidelio zu beginnen. Pizarro ist ein subalterner Staatsbeamter, der in seinem kleinen Reich schaltet und waltet wie ein absoluter Herrscher, dies gelingt ihm aber nur, weil die Kontrolle von oben fehlt. Und der Minister? Über ihn erfahren wir nichts, außer, dass er just an diesem Tage einen Kontrollbesuch im Gefängnis angesetzt hat. Tombeil hat nichts Revolutionäres in seiner Fideliodeutung. Und das ist gut so. Er schafft schöne Bilder, die sich Teils nicht auf den ersten Blick erklären, auf den zweiten aber umso intensiver nachwirken.

Schönes und Neues in Hof
Mit Arn Goerke am Pult hat sich in Hof nichts geändert. Die Hofer Symphoniker musizieren auf gewohnt hohem, wenn nicht sogar höchstem Niveau. Der Chor unter der neuen Leitung von Cornelius Volke steht dem Orchester in nichts nach. Inga Lisa Lehr ist den Hofern ein bekanntes und beliebtes Gesicht. Die junge Soubrette überzeugt als Marzelline auf ganzer Linie, selbstbewusst lässt sie Mathias Frey als Jaquino abblitzen. Dessen jugendlicher Tenor klingt nach der Abweisung auch wesentlich geknickter, trauriger. Jens Waldings Rocco besticht durch warmen Bassklang, der die Unsäglichkeiten seiner Dienststelle durchaus Gemütlich gleiten lässt. Birger Raddes Don Fernando ertönt losgelöst vom eigentlichen Geschehen vom Rang des Theaters. Diese auch räumliche Distanz vom Bühnen-geschehen unterstreicht auch seine Rolle, der Minister hat seinen Kontakt zu den Menschen verloren.

Sabine Paßow gibt der Leonore Tiefe. Ihr Sopran bleibt stets, auch in den dramatischsten Stellen, stets angenehm im Klang. Ihr Mann Florestan, von Daniel Kirch sehr innig und einfühlsam gesungen, ist rein körperlich nicht das Paradebeispiel eines ausgehungerten Kerkerinsassen. Dennoch gelingt ihm die Verzweiflung über seine Lage genauso gut wie der Jubel über seine Befreiung. Und das Böse? Hier genau wie im realen Leben hat das Böse seinen besonderen Reiz. Michael Kupfer gibt diesen abgrundtief schlechten Menschen mit einzigartigem baritonalem Schmelz. Tombeils Inszenierung lässt besonders im zweiten Akt sehr viel Platz für die Musik. Arn Goerke und sein musikalisches Team haben mich fast zum Fidelioaner gemacht, fast. Und das ist durchaus eine positive Anmerkung.
Bilder von SFF-Fotodesign, Hof

Alexander Hauer, 21. September 2012

 


 

FIDELIO

„Die Oper war trefflich eingeübt, der Beifall war groß“

„Soviel Anfang war selten.“ Der Hofer Oberbürgermeister, Harald Fichtner, spricht es aus, gleich hebt sich der Vorhang zur ersten Oper der neuen Spielzeit. Beethovens „Fidelio“ eröffnet nicht nur die Spielzeit, auch die Intendanz Reinhardt Frieses, mit der er bereits einen ersten Akzent gesetzt hat. Nicht allein, dass, mit Ausnahme des an schön intonierenden und vergrößerten Chors, fast alle Sänger der Produktion Hofer Neulinge sind. Es scheint auch, dass mit dem Bühnenraum – entworfen von Gabriele Wasmuth – so etwas wie eine neue Hofer Moderne in das Haus einziehen wird.
Eine Besprechung dieser Premiere sollte aber nicht mit dem Raum, sondern mit denen beginnen, die diesen Raum ausfüllen – ausfüllen wie der erstklassige Bassist Jens Waldig, der dem Gefängnisdirektor das Äußere eines Kleiderschranks und das Innere eines Opportunisten verleiht, der zu den vielen Mitläufern der Geschichte gehört. Sabine Paßow ist eine Leonore, die sich im Verlauf des Abends steigert, als würde das seinerseits sich zuspitzende Drama sie antreiben. So gerät sie an ihren Mann, an Daniel Kirch, der dem Florestan die schönsten Tenortöne schenkt, die sein zweijähriges Schmachten in den Tiefen, auf den Kleidern der hier verschimmelten Gefangenen, glücklicherweise wenig wahrscheinlich machen. Schönklang, gepaart mit Ausdruck, muss nicht falsch sein.

Grandios: Michael Kupfers Don Pizarro, ein schneidiger Bösewicht aus dem Bilderbuch der romantischen Oper, gesegnet mit einem machtvollen Bariton, dem der Bariton des deus ex machina Don Fernando, des Retters aus der Not, wie ein positiver Spiegel gegenübersteht: Birger Radde gehört zu den Kräften des Theaters, auf die man sich besonders freuen wird. Inga Lisa Lehr sieht in ihrem bonbonfarbenen, bewusst mädchenhaften Kostüm, einem Kostüm aus einer „anderen Welt“, gut aus – und erfüllt die Rolle der Marzelline mit einem Charme, der übers Soubrettenhafte weit hinaus geht.

Schließlich Mathias Frey als Jaquino; sein Tenor wird mit seinen Hofer Rollen wachsen. Der Dirigent Arn Goerke hält schließlich Beethovens Musik, diese Mischung aus Singspiel, Drama und Oratorium, mit jener Sicherheit und dem Sinn für passende Tempi zusammen, die ein Orchester für Beethovens instrumentale und rhythmische Tücken aufbringen muss
Die Geschichte selbst, so sehr sie auch aus den Wirren der Französischen Revolution heraus wuchs, ist eine heutige: diese Behauptung rechtfertigt alle Bemühungen eines Theaters, dem das Scheltwort „Regietheater“ beigelegt wurde. Dass die Gefangenen nicht von Wachen beaufsichtigt werden, aber der kragenbepelzte Pizarro mit einem Heer von Ledermantelmännern auftritt, die verschwinden müssen, weil sie sich zum Gefangenenchor wandeln müssen – geschenkt. Man schaue auf die Sänger und Choristen, die unter der relativ zurückhaltenden, die Knalleffekte dosierenden Regie Christian Tombeils im Symbolraum mit seinen Kartonablagen einer absurden Beschäftigungsdiktatur gehorchen.

Es wird vom ersten Moment an klar, dass die Idee der Freiheit und der Rettung durch Liebe nicht ad acta gelegt wurde, mag auch die Hoffnung, die das oratorisch-utopische Finale szenisch richtig und statisch über die Rampe bringt, stets von Neuem von der „Politik“ enttäuscht werden. In Hansgünther Heymes „Ring“-Inszenierung gibt es eine Wand der Hoffnung – hier, in dieser Hoffnungsoper, gibt es zunächst eine Wand der Verzweiflung, eine Wand der Vermissten, wie man sie aus neueren Kriegen kennt. Das starke Bild findet seine Antwort in einem Finale, das Beethovens Idee ernst nimmt, indem sie sie nicht konterkariert, mag auch Don Pizarro hier über die Klinge springen. Wie es weitergeht, wird man sehen: auch nach diesem Neuanfang, der vielleicht ein neues System gebiert.
Müsste der Rezensent schließlich historisch argumentieren, so bräuchte er nur zu Friedrich Treitschkes - des „Fidelio“-Librettisten - Erinnerungen greifen: „Die Oper war trefflich eingeübt, der Beifall war groß.“

Frank Piontek               Fotos: Harald Dietz SFF Fotodesign, Hof

 

 

 

DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN

02.12.2012

Uwe Drechsel gibt sich die Ehre

Die werten Leser meiner Generation und älter werden sich sicherlich gerne , oder im Rückblick auch mit einem wohligen Schaudern, an die wunderbare ZDF Show „Anneliese Rothenberger gibt sich die Ehre“ erinnern, von 1971 an bis in die frühen 80ern wurde dort, in gutem Willen, die Operette zu Grabe getragen. Zu sauber, ja klinisch rein, präsentierte Frau Rothenberger die Subversivität des Genres. Die Operette als glücklich machende Samstagabendunterhaltung. Nun 30 Jahre später inszeniert Uwe Drechsel in Hof seine Csárdásfürstin. Ingrid Katzengruber gibt diese Kaschemmen-diseuse hier als elegante, durchgestylte Diva, an deren Können, steht das ein Fachwechsel in Richtung hochdramatischer Sopran an?,  kein Zweifel liegt. Ihr Orpheum ist ein eleganter Nachtclub, die Kostüme (Annette Mahlendorf)  der Damen des Etablissement, falls man überhaupt von Etablissement sprechen darf, dürften auch vor den Augen der päpstlichen Kongregation standhalten, alles ist sehr züchtig und sehr brav. Warum die Eltern des Fürstensprösslings Edwin ob dieser Liaison so erzürnt sind, lässt sich nur durch intensives Librettostudium erklären, schrieben Leo Stein und Bela Jenbach doch eine ganz andere Umgebung für Sylva Varescu und ihre Verehrer. Nun denn, zu dem wunderbar jugendstiligen, von der Eleganz eines Alfons Mucha geprägtem, Bühnenbild würde die leichte Verkommenheit des Orpheum sicherlich nicht passen. Gut so, Uwe Drechsel hat den sicheren Weg gewählt, er will sein Publikum nicht ärgern, und, auch ich geb‘ es gerne zu, der Abend hat dann nicht nur mir gefallen, wenn gleich ich auch ein wenig subversives Bitteres bei all der Mehlspeissüßlichkeit vermisste.

Heiko Mönnich schuf ein stimmiges Bühnenbild, der erste Akt Backstage im Orpheum, der Zweite eine elegante Schlossterrasse, und der Dritte die Empfangsräume eines höchst noblen Wiener Hotels. Klar in der Form und mit genügend Platz für das, wie so häufig in Hof , wunderbare Ballett unter Barbara Buser, das auch wieder mitsang und spielte.

Abschiedsvorstellung im Orpheum, Sylva geht auf Amerikatournee, Feri Bacsi, wie immer voller Eleganz Karsten Jezgarz, als Damenbegleiter und/oder Beschützer zieht mit seinen Mädels weiter in das nächste Varieté, und die Jeunesse dorée Kakaniens feiert mit. Darunter der junge Spross der von und zu Lippert-Weylersheim , Edwin, Hans-Jürgen Schöpflin , und sein Freund Graf Boni Káncsiánu, Thilo Andersson, der neben tänzerischer Quirligkeit und gesanglicher Präzision auch noch jeden Kalauer zum Brüller machte. Edwin will gegen den Willen seiner Eltern Sylva heiraten, diese versuchen dies aber zu verhindern und durch geschicktes Strippen ziehen wird der Jüngling zu einem Manöver einberufen. Flugs gibt er der Sängerin ein schriftliches Eheversprechen, das aber durch die Bekanntgabe seiner Verlobung mit Komtess Stasi, die aus pc Gründen in Hof Komtess Ana genannt wird, quasi unbedeutend wird. Im zweiten Akt lernen wir dann bei der Verlobung endlich Komtess Ana(Stasi)a kennen. Inga Lisa Lehr gibt diesem adligen Backfisch angenehme Stimme und ebensolche Figur, voller Lebenslust erobert sie gleich das Herz von Boni, und zweifelt, lebensklug wie sie ist, an der Liebe ihres Edwin. Boni der sich zu diesem Fest auf Wunsch Sylvas als deren Gatte ausgibt, erwidert in diese Liebe und dies führt dann zu den vergnüglichsten Situationen. Und hier treten auch die eigentlichen Stars des Abends auf, die fürstlichen Eltern Leopold und seine Anhilte, Peer Schüssler als saftlose Adelskarikatur und Marianne Lang als besorgtes Muttertier. Diese beiden Erzkomödianten machen aus ihren Auftritten die besonderen Schmankerln, die auch zum Erfolg des Abends beitragen. Neben dem wunderbaren „Schwalbenlied“, dem „reißendem Liebchen“ wurde aber auch der pas de quatre der Mlles Di Carmine,  Damer, Horiuchi und Lukaszewski des fürstlichen Hofballetts zu einem der absoluten und unerwarteten Höhepunkte der Inszenierung.

Der abschließende und alle Liebesverwicklungen auflösende dritte Akt wies dann noch einmal ein paar Highlights auf. In einem Wiener Luxushotel treffen alle Beteiligten aufeinander. Boni trifft auf Feri Basci, der wieder mit seinen Mädels in Wien weilt. Gemeinsam trösten sie Sylva, die endgültig ihren Edwin verlassen will, mit einer Zigeunerkapelle (so viel zum Thema political correctness) und dem Schlager der Operette „ Nimm Zigeuner deine Geige“. Der diensthabende Nachtportier, extrem hysterisch und schräg: Antonio Di Carmine, versucht die Situation zu retten, was ihm Gott sei Dank nicht gelingt, denn dann würde man den Auftritt von Anhilte, in Gedenken ihrer Jugend, zu einer Einlage aus Kalmans Bajadere verpassen. Marianne Lang beweist mal wieder die Erotik reiferer Damen in „gewagten“ Dessous. Und auch in ihrem Gatten erwacht der Johannestrieb, also Ende gut, alles gut!

Neben seinen Darstellern, und Uwe Drechsel verteilt die Sympathien auch auf die Nebenrollen, seinem wunderbar agierendem Haus Chor, mit vielen kleinen solistischen Aufgaben, unter Michel Roberge,  dem opulenten Bühnenbild, der wunderschönen, farblich stets harmonisierenden Kostümen, kann er sich auch auf ein Orchester der Spitzenklasse verlassen. Roland Vieweg lässt die Hofer Symphoniker in einem selten so schwungvollen und den späteren, jazzigen Kálmán vorwegnehmenden Sound erstrahlen. Präzise Bläsersätze, Streicherteppiche mit Wohlfühlcharakter  und perfektes Schlagwerk machen den Abend zum Genuss.

Fazit: Die Csárdásfürstin in Hof macht Spaß, auch wenn sie nicht genau meinen Geschmack trifft, aber das ist mein privates Problem, der Applaus während und am Ende des Stücks sprechen für sich. Und dass ein Zuviel an Zeitkritik für das Genre tödlich sein kann, bewies Herr Konwitschny in seiner desaströsen Csárdásfürstin 1999 in Dresden, nein, so was wollen wir auch nicht!

Die schönen Bilder sind wieder vom SFF Fotodesign Hof, Danke!

Alexander Hauer

 

 

JEKYLL & HYDE

28.10.2012

The killer in me is the killer of our love

Lassen sie mich bitte einmal die erwähnen, die sonst immer vergessen werden, die Werkstätten an den Theatern. Die Schneidereien, die Schlossereien, Tischlereien, Malersäle und die Maskenabteilung. Was diese Abteilungen im Laufe einer Saison leisten, quasi im 2 Wochenrhythmus neue Welten zu erschaffen, meist extremen Sparzwängen unterworfen, durch Krankheitsfälle oft noch in der Manpower eingeschränkt, damit der Premierentermin eingehalten werden kann, das ist eine mehr als beachtliche, kaum hoch genug ein zu schätzende Leistung.

Dies gilt nicht nur für das Theater Hof, dieses Lob sollte man jeder Kritik voranstellen. Nun, mit Hilfe der Bühnenarbeiter, der Lichtabteilung, den Tonmenschen, werden dann aus unbelebten Fantasiefiguren durch die Darsteller lebendige Wesen, die uns an ihrem Schicksal teilnehmen lassen. Dafür sollte jeder Zuschauer, den oft nur im Kleingedruckten Erwähnten, Respekt zollen. 1886 veröffentlichte Robert Louis Stevenson seine Novelle Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde gab damit vielen zweigespaltenen Bösewichtern eine literarische Basis für ihr Tun. Dr. Jekyll versucht mittels einer Droge das Böse im Menschen abzuspalten. Da seine Forschungsanstalt ihm keine Möglichkeiten für einen Feldversuch einräumt, unternimmt er einen Selbstversuch. Das scheinbare Gelingen fördert nun aber die böse Seite von Dr. Jekyll an die Oberfläche: Mr. Hyde. Und eben dieser Mr. Hyde übernimmt langsam die Kontrolle über den guten und deshalb schwachen Dr. Jekyll. Mr. Hyde kann alles das, was die „gute Erziehung“ im Menschen unterdrückt. Sexuelle Lasterhaftigkeit und ausgelebte Aggression, die Konzentration auf das Ich, der Rücksichtslose Egoismus ist das eigentliche Wesen, oder wie man heute halb bewundert sagt ein „Alphamännchen“.1990 veröffentlichen Frank Wildhorn und Leslie Bricusse ihr Musical Jekyll &Hyde, das an diesem Freitag Premiere in Hof hat.

Der junge Regisseur Karsten Barthold nahm sich diesen Stoff vor und schuf zusammen mit Thomas Mogendorf, Bühne, und Barbara Schwarzenberger, Kostüm, ein zeitloses London, das in sich auch schon zwei Seiten, zwei Persönlichkeiten hat. Schwarzenbergers Chorkostüme sind gespalten, die eine Hälfte ist das ärmliche, wilde London, die andere das Prachtvolle, klar getrennt durch eine blutigrote Linie. Die bewegliche Bühne, mit gut verschiebbaren Elementen wird durch geschickte Beleuchtung ebenso in zwei Aggregatzustände des Lebens geteilt, die einerseits Weite und Freiheit vermitteln , andererseits aber auch zu klaustrophobischer Enge führt.
Mit Kai Hüsgen hat er einen, wenngleich auch noch sehr jungen, Jekyll/Hyde, der es meisterlich schafft, die beiden abgespaltenen Persönlichkeiten in beängstigender Weise darzustellen. Nur mit dem Verwuscheln seiner Haare, Maske von Günther Schoberth und seinem Team, wird aus dem gepflegten Dr. Jekyll das wilde Tier Hyde. Sein Gesichtsausdruck verändert sich genauso erschreckend wie seine Stimmführung, von einem eher lyrischen Tenor hinein in eine gepresste Rockröhre, ein Stimmkiller eigentlich. Im Mittelpunkt seines Lebens, nach Einnahme der Drogen stehen auf der Seite der „Guten“ seine Verlobte Lisa Carew, Inga Lisa Lehr, sanft, treu und ihrem Jekyll treu ergeben, auf der anderen Seite steht Lucy, Anne-Mette Riis, eine Hure aus der untersten Schicht Londons, die zwar Jekyll vertraut, aber von Hyde, und damit der Gefahr, die sie schlussendlich töten wird, fasziniert ist. Wildhorn hat auch diesen Damen zwei völlig verschiedene Liebeslieder zugedacht. Inga Lisa Lehr interpretiert ihre Rolle mit sanfter, sauber geführter Stimme, exakt intoniert. Anne-Mette Riis erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen am Premierenabend leider nicht, zu unsauber die Intonation, zu ungenau die Tanznummer mit den Damen des Balletts, Choreographie von Barbara Buser.

Im weiteren Umfeld Jekyll stehen sein Freund und Rechtsanwalt John Utterson, Thilo Andersson, und Sir Danvers Carew, Karsten Jesgarz. Beide verkörpern auch die Zwiespältigkeit des menschlichen Wesens. Einerseits ist Carew der liebende Vater und Schwiegervater, andererseits aber auch ein zögerlicher Mensch, der mit einer klaren Stellungsname Jekyll gegenüber durchaus viel Unheil abwenden könnte. Da ist Utterson, Thilo Andersson wie immer von überzeugender, operettenhaftiger Eleganz, der aber auch gerne mal einen kleinen Puffbesuch macht und wenn der Junggsellenabschied Jekylls als Grund vorgeschoben wird.

Von den weiteren kleinen Rollen seien nur einige erwähnt, Hans Peter Pollmer, sonst immer auf Sonnyboydarstellung abonniert, spielt den erschreckend bösen Zuhälter Spider, Annett Tsoungui die hinterhältige Lady Beaconsfield, Karsten Schröter verleiht dem Bischof von Basingstoke sonore Basstöne und äußerst gemeine Züge. Peer Schüssler spielt überzeugend Jekylls Butler Pool, der den Wahsinn seines Dienstherrn miterlebt. Marianne Lang machte aus der kleinen Rolle der Puffmutter Nellie einen „Einakter“ und sorgte mit gekonntem Zungenspiel beim Namen Nellie, für erfrischende Heiterkeit bei den „Kennern“ im Publikum.

Michel Roberge brachte seinen Chor wieder einmal zu Höchstleistungen, genau wie Barbara Buser die Damentruppe des Balletts. Karsten Barthold gelang der Spagat zwischen Show und glaubwürdiger Darstellung der zerrissenen Charaktere, Unterstützung fand er dabei im Orchester und seinem Leiter Lorenz C. Aichner, der die unterschiedlichen musikalischen Nummern auf das genaueste einstudierte. Für die atemberaubenden Kampfszenen war zum wiederholten Mal der Schauspieler Jens Hollwedel verantwortlich.

Fazit: Die vom Chor besungene Fassade der Gesellschaft bröckelt, darunter liegt das Beängstigende, Wilde, Freie. Und diese Abgründe, an die Oberfläche gezerrt, faszinieren uns alle. Und allein das rechtfertigt schon einen Besuch des Hofer Jekylls!

Alexander Hauer

Die schönen Bilder stammen wie immer vom SFF-Fotodesign, Hof

 

 

Besprechungen älterer Aufführungen befinden sich unten auf der Seite Hof des Archivs - ohne Bilder

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