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Besuchte Aufführungen „Figaros Hochzeit“ am 20.07.2012 und „Der Troubadour“ am 22.07.2012

Im letzten Jahr habe ich erneut von Gut Immling geschwärmt und versucht die Philosophie zu erklären. Und ich habe festgestellt, dass ich noch nie eine so hervorragende „Aida“ gesehen habe wie 2011. Ja – und ich war überzeugt davon, dass dies nicht mehr zu toppen ist. Ja – und auch hier wieder habe ich mich völlig geirrt. Doch der Reihe nach. Nachdem ich mit meiner Gruppe (von denen die meisten schon zum dritten Mal dabei waren – und auch das zeugt von der Einzigartigkeit Gut Immlings) angekommen war, machten wir uns bereit zur ersten Aufführung „Die Hochzeit des Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Ich muss zugeben, dass ich kein so großer Mozart-Fan bin und dass ich auch moderne Inszenierungen nicht besonders mag, vor allem, wenn sie das ganze Stück ad absurdum führen. Ja, auch diese Inszenierung von Waltraud Lehner war sehr modern inszeniert, ja, man musste bei den Bühnenbildern manchmal schlucken – aber – und das war auch wieder das Einzigartige an Gut Immling, es passte alles irgendwie zusammen. Man konnte sich in diese Inszenierung hineinversetzen und sie bis zum Schluss genießen.

Ob der Graf mit einer Kettensäge statt mit dem Degen kämpfte, ob Hasenohren dem Zuschauer um die Ohren wackelten – all das wahr hinnehmbar, nein, es war auch überwiegend amüsant und stimmig. Das lag natürlich vor allem auch an den – wie fast immer in Gut Immling - hervorragenden Interpreten. An erster Stelle sei die zupackende, zu jedem Zeitpunkt das Geschehen vollkommen im Griff habende Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock genannt. Unbeschwert, locker, luftig, manchmal einem Sommernachtstraum gleichend, führte sie das hervorragende Festivalorchester Gut Immlings zu Höchstleistungen. Über den Festivalchor, der sich fast ausschließlich aus Sängern der Gegend zusammensetzt, braucht nicht mehr viel gesagt zu werden, er war wie immer brillant. Die Sänger wurden richtig mitgerissen und waren nicht nur äußerst spielfreudig sondern brachten auch überdurch-schnittliche Leistungen, das Niveau, auf welchem praktisch alle sangen war sehr hoch angesiedelt. Der Figaro von Adam Kim ist sehr beweglich, der Stimmansatz füllig und warm, eine gute Leistung, ebenso wie die quirlige, kokette und gleichzeitig liebreizende Susanna von Debra Stanley. Mit ihrem leuchtenden Sopran, der geschmeidig und vollblühend ist, macht sie verständlich – auch vom optischen her – warum sich so viel um sie reißen. Eine tolle Leistung auch von Tijana Grujicic als Cherubino. Darstellerisch gibt sie eine hervorragende Leistung ab, aber auch mit ihrem Timbre, welches schmelzend und verführerisch viele Nuancen auskostet, kann sie punkten. Den Graf als liebestollen frauenmordenden Liebhaber, stellt mit einem sehr beweglichen Bariton Adrian Marcan dar, dem man seine Eskapaden nur zu gern glaubt. Lang anhaltender Beifall des amüsierten Publikum, welches einen unbeschwerten Opernabend erlebt hat.

Vor dem „Troubadour“ waren wir am Vormittag des Aufführungstages auf dem „Gnadenhof von Ludwig Baumann“. Er selbst und die charmante Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock führten uns durch das Gelände. Pferde, Hasen, Hängebauch-schweine, ja selbst Kamele (von einem Zirkus, der sie nicht mehr finanzieren konnten), leben hier mit- und nebeneinander und es ist beeindruckend, wie sehr sich die beiden Künstler mit Helfern um die Tiere kümmern, die sonst keine Chance des Überlebens hätten. Man erzählt uns auch von den immensen Kosten (neben Futter vor allem die Tierarztkosten), die hier auf einen zukommen, man bringt aber auch zum Ausdruck, dass es etliche Gönner gibt, die ihr Scherflein beitragen und ohne die ein Überleben für die Tiere unmöglich wäre. Jeder Gut Immling Besucher sollte sich auch einmal den Gnadenhof anschauen und auch ein paar Kreuzer in die Spendenbox werfen – die Tiere verdienen es.Am Abend kam das das Highlight unseres Aufenthalts. Ja, die „Aida“ des Vorjahres wurde getoppt. Diese Aufführung war optisch und akustisch ein Erlebnis. Immer auch unter der Kenntnis der begrenzten Möglichkeit der Bühne in Gut Immling. Und wir erlebten einen überwiegend konventionellen Troubadour. Die Inszenierung von Verena von Kerssenbrock, der Schwester der Dirigentin, war voller Emotionen, voller Leidenschaft, die sie auch auf der Bühne zeigte, ohne Umdeutungen, nein klar und die nicht unbedingt leichte Oper verständlich inszeniert – und das ist eine ganze Menge. Gemeinsam mit Claus Hipp war sie auch für das stimmige Bühnenbild zuständig. Vorzüglich erneut Cornelia von Kerssenbrock. Sie hatte am Vortag des „Troubadour“ einen Unfall erlitten und sich die linke Hand, die stark bandagiert war, verletzt. Davon merkte man nichts mehr. Sie leitete die Münchner Symphoniker mit zarter aber harter Hand, ließ es erblühen, nahm es aber in den Gesangspassagen erfreulich zurück um es dann wieder zupackend jubilieren zu lassen. Eine tolle Leistung – auch von den Münchner Symphonikern . Man sagt immer, dass eine Aufführung des Troubadour nur dann funktioniert, wenn man die vier besten Sänger, die es gibt, für die Hauptrollen aufbieten kann. Und in Gut Immling waren die Sänger „bombig“. Mario Zhang gab den Manrico und seine Stimme überstrahlte glasklar das Orchester. Die Töne standen wie zementiert und er gab bis zum letzten Ton sein bestes – und das war grandios (in der anschließenden hautnahen Begegnung mit den Opernstars im großen Festzelt sang er dann noch die Arie des Bajazzo und so unnachahmlich, dass man nicht glauben konnte, dass er bereits eine mörderische Partie „in den Knochen“ hatte. Bravo Zhang). Jana Dolezilkova als Leonora wurde vom Publikum ebenfalls verdientermaßen gefeiert, auch wenn ich mich über noch etwas mehr Durchsetzungsfähigkeit der Stimme gefreut hätte. Sensationell dann wieder die Azucena von Mirouslava Yordanova. Die Mezzosopranistin beherrscht die Szene, darstellerisch aber vor allem musikalisch. Die Stimme sitzt bombensicher, leuchtend, trägt in allen Lagen und vermittelt uneingeschränkte Beherrschung der Rolle. Zu Recht wurde sie am Ende der Vorstellung umjubelt. Ebenso wie Graf Luna von Kyung Chun Kim, dessen durchschlagskräftiger markanter Bariton ebenfalls großen Beifall fand. Erwähnt auch Kirill Brochaninov als Ferrando, dessen finsterer, den Raum füllender Bass aufhorchen ließ und für den man sich eine größere Rolle wünschen würde. Dass der Festspielchor wieder zu den Meriten des Abends zählte, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden. Eine ausgezeichnete Inszenierung, die Lust auf nächstes Jahr macht, wo u.a. die Aufführung von „Turandot“ im Gespräch ist. Nächstes Jahr gehen die Festspiele vom 22.06.2013 bis zum 11.08.2013, ich freue mich schon darauf und kann jedem erneut einen Besuch im Chiemgau nur wärmstens ans Herz legen.

Manfred Drescher      Fotos : Julia Binder

 

 

 

 

Le Nozze di Figaro

Vorstellung am 29.07.12 (Premiere am 30.06.2012)

(Häschen-)Jagdszenen aus Oberbayern: Figaros Hochzeit einmal anders als freche italo-bajuwarische Komödie

Im Programm ist vermerkt: Spieldauer zweieinhalb Stunden, 30 Minuten Pause. Zum Glück zählt die Pause extra, denn schon bei zweieinhalb Stunden reiner Spielzeit ist das Stück ungewohnt kurz, wodurch es dramaturgisch nicht ganz stringent wirkt. So ist etwa die Auftrittsarie des Don Bartolo im ersten Akt gestrichen, wodurch der Auftritt der Marcellina etwas in der Luft hängt, obwohl die Regie sie als dralle offenherzig kostümierte, manns- (genauer: Figaro)-tolle Figur mit einigen stummen Extraauftritten profiliert. Auch die Duettszene Gräfin-Susanna im dritten Akt ist beim Briefchenschreiben gekürzt, weshalb man sich später wundert, wo dieses Briefchen mit der bedeutsamen Nadel herkommt. Auch hier ist Ausgleich durch die riesige Größe dieses Objekts als Hutnadel geschaffen, so dass die dann nicht mehr übersehen werden kann. Ansonsten ist im dritten und vierten Akt an den Rezitativen gekürzt worden, teilweise werden diese zur Straffung des Geschehens simultan vorgetragen, was zwar ebenfalls nicht zur Verklarung des Geschehens beiträgt, aber in dem einen Falle einer Überlagerung von sogar drei Duett-Rezitativen eine enorme Wirkung erzielt. Die Rosenarie ist umgestellt und wohl wegen ihrer Berühmtheit aus dem dramaturgischen Konzept herausgenommen. Im Ganzen aber geht das Spiel dramaturgisch auf, besonders im vierten Akt, in welchem das Verkleidungsspiel so in Grenzen gehalten wird, dass auch die weniger gewieften Figarokenner immer wissen, wer hier wer ist.

Waltraud Lehner zeichnet für die Regie verantwortlich und lässt ein frech-witziges Spiel aufführen, in welchem man mit einer Spaßgesellschaft der Jetztzeit konfrontiert wird. Wie in der Originalfassung ist es auch in dieser Inszenierung nur der Gärtner Antonio, der einer sinnvollen Beschäftigung nachgeht. Alle sind allen zugetan ; besonders die Gräfin in fast schon peinlicher Weise em Cherubino. Drei große Bretterverschläge bilden das gekonnte Bühnenbild von Elisabeth Pedross. Die Darsteller bringen während der Ouvertüre auf den Bretterverschlägen den Nebentitel der Oper an: « Der tolle Tag ». Bei der letzten Szene im vierten Akt steht « Wald » darauf. Da weiß man, wo man ist. Der Graf fühlt sich so wichtig, dass er schon während der Ouvertüre über die Bühne läuft und sich stolz vorstellt: « sono il conte Almaviva ». Wie bei Theaterbühnen der Vorhang geöffnet wird, werden die drei Verschläge bei Spielbeginn nacheinander in Position, d.h. ihre offenen Seiten nach vorne gedreht, so dass sie einzeln oder kombiniert die verschiedenen Spielorte der Komödie glaubhaft machen. Obwohl er in den ersten Szenen noch gar nichts darzustellen hat, sieht man den Grafen aber schon in einem Raum neben einem Fernsehsessel mit allem Komfort, wie er sich fit macht für die Abenteuer, die er sich verspricht : kein Alkohol, sondern ein isotonisches Getränk. Später wird dieser Sessel teilweise für die Stuhlszene gebraucht. Cherubino ist ein Tunichtgut in schwarzer Flatterhose, blauer Nylon-Weste und blauer Strickmütze; Susanna und die Gräfin in leicht bunter Sommerkleidchen kostümiert; Figaro in rotem Hemd und ärmelloser gestreifter Weste wie eben ein Gehilfe. Die hübschen Kostüme stammen von Yvonne Forster.Vor einem der Bretterverschläge sitzt ununterbrochen ein altes Mütterchen und strickt. Die Gräfin hat sich viele Schuhe bestellt. Ein Kommis, der sich später als Don Curzio herausstellt, schleppt unermüdlich weitere Schuhkartons an und nimmt auch wieder welche mit: bei Nichtgefallen Rückgaberecht innerhalb von 365 Tagen. Die Kartons stapeln sich so hoch, dass man dahinter den Cherubino verstecken kann. Der Chor trägt Häschenkostüme und Hasenmasken. Bei Figaros « non più andrai » kommt eine lokale Bewegungstruppe in Häschenmasken und weißen Zielscheibenringen auf den schwarzen Oberteilen zum Einsatz: auf die wird mit Schießwerkzeugen eine Jagd simuliert, wobei die Häschen über die gesamte Bühnentiefe und -breite toben. Etliche, schon viel gesehene Regie-Stereotypen der Nozze mischt die Regisseurin neu auf und erzielt damit gute Wirkungen. Dazu kommen viele gelungene Regieeinfälle. Der Graf kommt nicht von der Jagd zurück, sondern hat seinen « Ausritt » auf einem modernen Sportfahrrad unterbrochen und kommt damit gerade zum Gemach der Gräfin geradelt. Zum Öffnen der Tür zum Cabinetto holt er sich eine lächerlich winzige Kettensäge aus der Bastelstube und tritt zu einer frisch komponierten dumpfen Schreckensmusik an die Schranktür. Die geht plötzlich von allein auf; dem Grafen fällt die Kinnlade hinunter; aber nicht Susanna tritt hervor, sondern der Graf zurück. Zu jeder Zeit hält Waltraud Lehner in ihrer Personenführung eine kleine Überraschung bereit und hat die Lacher immer auf ihrer Seite. Die meist jungen Sängerdarsteller bringen das alles durchweg gekonnt rüber.Mit der Spritzigkeit des Geschehens auf der Bühne konnte das etwas über dreißigköpfige Festivalorchester 2012 nicht mithalten. Es setzt sich aus Musikern der Georgian Sinfonietta und Studenten der deds Mozarteums Salzburg zusammen. Es wurde zwar engagiert und auch inspiriert aufgespielt; aber es kam kein filigran-transparenter Mozart heraus, sondern ein breiter, teilweise breiiger Klang, noch dazu von vielen Unschärfen durchzogen. Auch im Zusammenwirken zwischen Sängern und Orchester herrschte vielfach diffuse Unschärfe, so als ob die Sänger nicht auf den Stab der Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock schauten, sondern sich nach den Einsätzen des Konzertmeisters richteten. Warum unterbricht eine gewaltige Generalpause den Fluss des genial konzipierten und komponierten Finales des zweiten Akts? --- Gut eingebunden und hinreichend präzise erschien der Festivalchor Gut Immling, ebenfalls von Frau von Kerssenbrock einstudiert. Die Secco-Rezitative sind größtenteils uminstrumentiert, teilweise auch anders komponiert, um Verfremdungseffekte zu erzielen. Dazu gibt es von der Gräfin noch eine Sprecheinlage in Landessprache (ohne Übertitelung).Das Sängerensemble erfreute das Publikum mit homogener Qualität auf hohem Niveau. Adam Kim gab die Titelrolle mit kernig-kräftigem Bariton in bester Textverständlichkeit und sehr bewegtem Spiel. Kontrastierend dazu der wesentlich heller timbrierte kultivierte Bassbariton von Adrian Marcan als Graf Alamaviva. Don Basilio (von der Regie in ein modernes Türkenkostüm gesteckt) wurde von Alik Ibrahimov mit klarem, hellem Tenor gesungen. Debra Stanley überzeugte mit schlankem Sopran und schlanker Statur als Susanna. Sieglinde Zehethauser, auch sie superschlank, war in ihrer Kavatine zu Beginn des zweiten Akts noch nicht ganz präsent. Aber ihr « dove sono i bei momenti » gestaltete sie so überzeugend, dass sie das Publikum völlig auf ihre Seite brachte. Tijana Grujic gab den pubertierenden Cherubino sauber und klar mit schön nuancierter Färbung. Das Nebenpersonal sei hier einfach nur aufgezählt, denn es wurde ja weitgehend seiner solistischen Einsätze enthoben: Antonela Barnat als Marcellina hatte neben ihren Ensembles noch den größten szenischen Einsatz als Marcellina; Jacek Janiszewski wirkte als Bartolo, Jenisbeck Piyazov als Gärtner Antonio, Andreas Smettan als Curzo, und Jennifer Riedel gefiel als Barbarina.

Alles in allem ein vergnüglicher und unterhaltsamer Abend, für den das Publikum aus dem fast ausverkauften Saal anhaltenden herzlichen Beifall spendete. Die letzte der insgesamt sechs Vorstellungen findet am 10.08. statt.

Manfred Langer, 03.08.2012

 

P.S.

Die Atmosphäre auf dem Gut Immling ist freundlich, locker und ländlich. Das Publikum von ganz leger bis hin zu gepflegtem Chique. Der Blick gleitet über Felder und Wäldchen über den weiten Chiemgau, nach Süden zu den dazugehörigen Alpen. Kuhglocken laden zum Einnehmen der Plätze ein. Wenn man mit dem PKW anreist, sollte man das Navigationsgerät nicht auf Immling einstellen, sondern am nördlich Ortsrand von Bad Endorf nach unscheinbaren Schildern Ausschau halten, die auf die Parkplätze in einem Gewerbegebiet hinweisen, von wo aus Pendelbusse über abenteuerlich schmale Feldwege das Publikum zum Spielort bringen.

 

 

 

 

2011

besuchte Aufführungen

Don Giovanni    am 05.08.2011

Aida                  am 06.08.2011

Wir sahen wir einen ausgezeichneten „Don Giovanni“. Viel war im Vorfeld über diese Aufführung gesprochen und geschrieben worden. Zu laute Liebesspiele auf der Bühne würden die Musik beeinträchtigen, angebliche Kontroversen zwischen der Regisseurin Petra Luise Meyer und dem Dirigenten Georg Schmöhe machten die Runde und gespannt auf das Kommende. Was folgte war eine stimmige und flotte Inszenierung, wer ein Sexspektakel erwartet hatte, wurde enttäuscht.

Nicht enttäuscht wurden diejenigen, die eine nachvollziehbare Inszenierung erwarteten und diese auch bekamen. Don Giovanni ist der Koreaner Adam Kim – und er singt einen prachtvollen Verführer. Explosiv, verführerisch, aber auch sanft, schmelzend und stimmschön. Ein Don Giovanni, der auf Konventionen pfeift und sich nimmt, was er möchte und der schließlich daran scheitert. Neben ihm brillieren vor allem Ivi Karnezi als eine hervorragende Donna Anna. Sie beherrscht die Bühne und zwar darstellerisch als auch stimmlich und Olga Czerwinski als leichte, frische Zerlina. János Szerekován als Don Ottavio gefällt mit einem schönen, kultivierten Tenor, den er in den wenigen Auftritten zum Erblühen bringen kann. Der Leporello von Jacek Janiszewski ist vielleicht ein bißchen ungeho-belt, stimmlich etwas rauh, aber gestalterisch voll „ankommend“. Jana Dolezilková als Donna Elvira ergänzt mit üppigem, ausladendem Sopran das ausgezeichnete Ensemble, den Jenisbek Piyazov als guter Masetto und Kirill Borchaninov als stimmgewaltiger Komtur abrunden. Georg Schmöhe führt die Münchner Symphoniker vielleicht etwas langatmig, ein klein bisschen schwerfällig.

So wird der Fluss des Geschehens doch etwas gebremst, davon lassen sich die Sängerdarsteller aber nicht beein-drucken und zeigen, wie auch das Orchester eine hervorragende Leistung, die vom angetanen Publikum mit großem Applaus bedacht wird. Großen Beifall auch für den hervorragenden Festivalchor, mit rund 70 Sängern aus der Gegend bei denen man in jeder Sekunde merkt, dass sie mit Leib und Seele – und auch viel Stimmschönheit – dabei sind.

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Gespannt waren wir vor allem auf die „Aida“ des nächsten Tages. „Verona gestählt“ wartet man auf Pyramiden und Elefanten, obwohl es klar ist, dass dies auf der Bühne in Gut Immling nicht zu reali-sieren ist. Nein, modern soll alles werden, die Oper in die Neuzeit verlegt, statt dem Schwert die Atomrakete, statt des Triumphmarsches Pappkameraden der Despoten unserer Zeit, Gaddafi, Stalin, Fidel Castro usw. Blau geschminkt das unterdrückte Volk und alles in den Kulissen die von Claus Hipp, einem der großen Förderer von Gut Immling glänzend entworfen worden sind. Das kann nicht gut gehen, na ja, man wird diesen Abend schon herumbekommen. Und dann kommt das Unvorherge-sehene, unfassbar vor allem auch für mich, der sich normal an den Urfassungen klammert und die Nase bei Modernisierungen rümpft.

Man erlebt eine Aida, die stimmig ist, die zu Beifallsstürmen hinreißt und die so toll auf die Bühne gezaubert wird, wie ich es noch nie erlebt habe (und ich habe mindestens 25 Aidas erlebt). Nicht nur ich bin begeistert, der Zuschauerraum brodelt und der Applaus wird immer stärker und drängender. Diese Aida hätte man gerne als Mitschnitt um ihn immer wieder einmal anzusehen. Ja – und dann wird auch noch gesungen, und das einfach prächtig. Radames ist der kanadische Tenor Mario Zhang. Und er, der schon ein alter Bekannter in Gut Immling ist, begeistert. Er lebt die Rolle, die Spitzentöne kommen glasklar und schweben über dem Bühnenraum, die Kondi-tion reicht bis zum letzten Ton. Radames wie man ihn selten zu hören bekommt. Rossana Cardia steht ihm als Aida kaum nach, ihr leicht auf alle Feinheiten reagierender Sopran, der sich zur vollen Blüte entfaltet, nie forciert und immer präsent ist, fügt sich auch im Duett bestens ein. Die Amneris von Yvonne Fontane zeichnet eine interessante Rolleninterpretation, auch stimmlich gibt es nichts an ihr auszusetzen, sie fügt sich nahtlos in die positiven Sängerdarsteller ein. Kein Ausfall im Sängerensemble, Derrick Lawrence als Amonasro, Kirill Borchaninov als Ramphis und Andrzej Saciuk als König vervollständigen das ausgezeichnete Ensemble. Viel Beifall auch für die Regisseurin Verena von Kerssenbrock und langanhaltender überaus verdienter Beifall für die Münchner Symphoniker und dem souveränen Dirigat von Cornelia von Kerssenbrock, der es gelingt die Massen auf der Bühne, im Orchester und im Chor bestens zusammenzuhalten und zu Höchstleistungen anzuspornen.Diese Auf-führung war für mich einer der besten Aida-Interpretationen, die ich in den letzten 30 Jahren gesehen habe. Eine tolle Aufführung, die ihren krönenden Abschluss wie immer im Kulturzelt findet, bei de-nen man den Künstlern weiter bei Arien und Canzonen lauschen kann. Eben Gut Immling. Ich freue mich auf den „Troubadour“, aber auch auf „Die Hochzeit des Figaro“ im nächsten Jahr und kann jedem nur einen Besuch im Chiemgau ans Herz legen.

Manfred Drescher

 

 

Eine Reise nach Gut Immling

Ein Geheimtip – der viele Freunde finden sollte

Gut Immling – ja wo ist das denn? So hörte ich es von vielen Seiten, als ich mich entschloss – auf Empfehlung eines guten Freundes – mit einer größeren Gruppe an den Chiemsee zu reisen. Und diese Reise haben wir nicht bereut. Im Gegenteil, im nächsten Jahr fahren wir wieder hin und über 2/3 der Teilnehmer waren bereits in diesem Jahr dabei. Im nächsten Jahr werden wir uns an „Aida“ und „Don Giovanni“ erfreuen können, in diesem Jahr standen „Der fliegende Holländer“ und „Carmen“ auf dem Programm.

Heute möchte ich ein bisschen über das Opernfestival und dessen Philosophie berichten, die Aufführungen selbst werde ich am Schluss noch kurz behandeln.

Der Bass-Bariton Ludwig Baumann, der sein erstes Engagement 1971 erhielt und dessen Karriere zu den größten Hoffnungen Anlass gab, hatte nach seinem Wechsel vom Bass zum Bariton sein Debüt am Landestheater Coburg. Hier sang er eine Vielfalt von Opernpartien und wurde durch den Coburger Kirchenmusikdirektor Martin Rauch in den Oratorien- und Konzertgesang eingeführt. Seine Karriere führte ihn als Gastsolist nach Berlin an die Deutsche Oper, die Semper Oper Dresden, die Pariser Oper, die Deutsche Oper am Rhein, an die Staatsopern nach München und Hamburg und viele aus-ländische Opern- und Konzerthäuser. Im Jahr 1994 stürzte er an der Semper Oper Dresden bei der Hauptprobe zu Verdis „Ein Maskenball“ so unglücklich auf den Rücken, dass er nach langem Kran-kenhausaufenthalt Dauerschmerzpatient wurde und leider nicht mehr in der Lage ist, Opernpartien körperlich durchzustehen. Er pachtete das Gut Immling (zwischen Bad Endorf und Halfing im Chiemgau) und führte in der dortigen Reithalle im Jahr 1997 Mozarts „Zauberflöte“ auf, da diese - ursprünglich als Freilichtaufführung auf einem nahe gelegenen See geplant – wegen Dauerregens verlagert werden musste. Dies war die Geburt des Reithallen-Opernhauses mit ca. 700 Plätzen. Das stattfindende Opernfestival in traumhafter Kulisse mit den weitläufigen Pferdekoppeln macht den speziel-len Reiz dieser Opernaufführungen im malerischen Chiemgau zwischen Rosenheim und dem Chiem-see aus. Ludwig Baumann stellt kein Tourneetheater auf die Bühne sondern ausschließlich Eigenpro-duktionen mit den Münchner Symphonikern und internationalen Sängern. Die Mischung macht den Reiz aus, neben etablierten Gesangsstars treten junge Nachwuchskünstler auf, von denen viele von Gut Immling aus, den Weg auf die großen Bühnen der Welt fanden.

Man kommt auf das Gut Immling, ist umgeben von Tieren, die hier ein liebevolles Zuhause gefunden haben. Intendant Ludwig Baumann und die Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock (die fast alle Opern auf Gut Immling dirigiert) sind mit der Natur, den Tieren und der Musik verwachsen. Und das spürt man auch. Ich habe im Gespräch selten so natürliche, liebevolle und alles mit Herzblut angehende Künstler erlebt, wie hier auf Gut Immling. Die Augen der beiden leuchten, als sie uns auf dem Gut herumführen, alles zeigen, aber auch von den Schwierigkeiten berichten, die ein so großes Gut mit sich bringt. Und dann das Opernfestival. Neben Intendant Ludwig Baumann und der Dirigentin Cor-nelia von Kerssenbrock zeichnet auch noch deren Schwester Verena von Kerssenbrock als „Stamm-Regisseurin“ für die Aufführungen verantwortlich.

Die Philosophie von Gut Immling ist für mich das Gesamterlebnis. Man wird herzlich begrüßt und geht vor der Oper ins Kultur-Gastronomiezelt, in welchem man vor der großen Oper einen kleinen Imbiss zu sich nimmt. Und dann erlebt man die Oper. Leidenschaftlich inszeniert, leidenschaftlich dirigiert und leidenschaftlich interpretiert. Wenn man dann zur Pause aus der mit hervorragender Akustik versehenen Reithalle heraustritt kann man – wenn man Glück hat – ein farbenprächtiges Abendrot in einer herrlichen Landschaft erleben. Und wenn dann die Oper zu Ende und der langanhaltende Applaus verebbt ist, geht man erneut ins Gastronomiezelt.

Hier nimmt man nun einen ausgiebigen Imbiss zu sich und versucht die hervorra-genden Weine der Umgebung um den Abend ausklingen zu lassen. Doch dann kommt die nächste Überraschung. Begleitet am Klavier geben die Künstler des Festivals ein weiteres Konzert. Einmalig und ausgiebig. Und wenn die Stimmung im Zelt steigt, steigt auch die Laune der Künstler. Nach unse-rer „Carmen-Aufführung“, die exzellent war, erlebten wir noch 20 Lieder und Arien der versammel-ten Künstler. Das ist mehr als bei einem normalen Konzert. Aber hier auf Gut Immling ist eben nichts normal – und dies ist einfach herrlich.

Alles hier ist etwas familiärer, individueller, liebenswerter als bei anderen Festivals. Dieser Satz, der in der Werbung im Internet bei Gut Immling steht, kann von mir voll und ganz unterschrieben wer-den, Ich werbe – aus voller Überzeugung – für dieses tolle Festival mit liebenswerten Verantwortlichen und einer Betreuung, bei der man sich einfach wohl fühlt. Am Rande sei noch erwähnt, dass wir am 24.07.2010 einen imponierenden „Fliegenden Holländer“ sahen.

Cornelia von Kerssenbrock lenkte die Münchner Symphoniker mit Akkuratesse und viel Lust und Gefühl. Und diese sind an diesem Abend sehr gut aufgelegt, musizieren leicht und packend die wagnerischen Klangwogen. Hervorzuheben ist die Senta von Héléne Bernardy mit bravourösen Tö-nen und Leidenschaften, durchschlagskräftig und anrührend. Der Holländer von Dimitri Kharitonov beeindruckt, ebenso wie der Erik des Ralf Willershäuser. Auch Marek Gastecki als Daland fällt nicht ab und alle bekommen ihren verdienten Applaus. Beifall auch für den hervorragenden Festivalchor, der mit vielen Sängern aus der Gegend verstärkt ist und mit Herzblut überzeugen kann.

Dies gilt auch für die „Carmen“ des nächsten Tages, Eine etwas eigenwillige, aber dennoch stimmige Interpretation besticht das mitgehende Publikum.

Cornelia von Kerssenbrock leitet die Münchner Symphoniker, die – bis auf kleinere Abstriche – prächtig musizieren. Karine Ohanyan ist eine exzellent singende und agierende Carmen. Bei ihr fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass sich die Männer reihenweise in sie vergucken. Ihr Don José ist Gustavo Casanova, der mit dem Verführer gleichnamigen Namens nicht so viel „am Hut“ hat. Etwas zu altväterlich wirkt auf mich seine Inter-pretation, wenngleich er die Töne für den Don Jose sicherlich „drauf hat“. Gestalterisch, sowohl stimmlich als auch von der Ausstrahlung ist ihm hier der Escamillo des Michael Bachtadze überlegen. Bei ihm versteht man, warum Carmen Don José für ihn zurücklässt. Eine sehr gute Leistung bietet Sieglinde Zehetbauer, die eine anrührende mit zartem Sopran versehene Micaela darstellt. Insgesamt eine runde Aufführung, die ihren krönenden Abschluss im Kulturzelt findet.

Ich kann nur empfehlen, die Atmosphäre von Gut Immling einmal mit zu erleben. Ich bin sicher, dass es jedem so geht wie mir und meiner Familie, wir werden mit Sicherheit Stammgäste im Chiemgau.

 

Manfred Drescher

 

 

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