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ZAR & ZIMMERMANN

 

Wie man aus „Zar und Zimmermann“ einen „Troubadour“ macht

5.März 2009

 

„Zar und Zimmermann“ steht und fällt mit einem guten Bürgermeister van Bett. Allein die Verkörperung des aufgeblasenen Vertreters der Obrigkeit durch den jungen Bassisten Dirk Aleschus war den Besuch der Vorstellung wert. Lange schon war keine so vollsaftige Baßstimme zu hören. In allen Lagen sicher, volltönend und reich an Nuancen, lässt sie sich  zwischen Kurt Böhme und Kurt Moll einordnen. Dazu verfügt der Sänger, der aus Neu-Brandenburg stammt, über eine stattliche, raumfüllende Bühnenerscheinung, dabei aber auch über eine gewisse Grazie und Leichtfüßigkeit in den Bewegungen. Ein Genuß!

 

Um ihn herum war wieder eine Schar hochkarätiger Sänger, ein ausgewogenes Ensemble, wie es für Innsbruck typisch ist, aus dem das liebenswerte Paar Marie und Peter besonders herausragte, verkörpert von Ines Lex und Martin Mitterrutzner. Zwei frische, klare Stimmen, zu denen sich eine sichtbare Spielfreude gesellte. Den Zaren sang  Daniel Shay, ein gebürtiger Aachener, der in den heiteren und wehmütigen Passagen ebenso überzeugte wie bei seinem wütenden Ausbruch in der dankenswerterweise nicht gestrichenen großen Arie „Verraten!“

 

Stimmlich schon etwas zu schwer war der Chateauneuf von Ansgar Matthes, dem man anmerkte, dass seine Domäne im jugendlich-dramatischen Fach liegt. Der Abschied vom flandrischen Mädchen war weniger einschmeichelnd als dramatisch und hätte auch zu einem Turiddu  gepasst.  Musiziert wurde unter der Leitung von .Nikolaus Netzer flott und spritzig , mit Witz und Sentiment. Es war schön, dieses Lortzingsche Meisterwerk wieder einmal zu hören und es hätte ein großer Abend daraus werden können, wenn nicht die Regie einen kräftigen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

 

Wieder einmal war  der übliche Aktualisierungsschwachsinn zu sehen. Der Regisseur versuchte, das ohnedies quicklebendige Werk, dessen Inhalt jedes Kind versteht, zu „entstauben“. Mit seinem Staubfetzen erschlug er aber leiderden ganzen „Zar und Zimmermann“. Seine „Idee“: An der Oper zu Saardam sind in der Jetztzeit zwei Russen engagiert, die in der dort geprobten Aufführung von „Zar und Zimmermann“ mitwirken und – wie originell! – die beiden russischen Peter verkörpern. Aus irgendeinem Grund sind sie verdächtig, d.h.einer von ihnen, und wird gesucht. Und so pendelt das Geschehen zwischen altem Holland und Gegenwart hin und her, ein hinzuerfundener Regisseur taucht immer im unpassendsten Moment auf und quatscht in van Betts Szenen hinein. Natürlich dürfen auch Umkleideszenen nicht fehlen. Der Bürgermeister hat zwei Leibwächter, die wie die Sbirren Scarpias wirken, ihn umschwirren und mit ihren Pistolen herumfuchteln. Die drei Gesandten suchen den verdächtigen Russen, tragen helle Trenchcoats, dunkle Hüte und dunkle Brillen – Bilderbuchgeheimdienstler wie in alten Agentenfilmen. Es lohnt nicht, auf diesen Schmarrn näher einzugehen. Warum der Bürgermeister dann doch in der Oper mitspielt? Ein Nebenerwerbs-OB? Wer weiß? Man gibt es bald auf, noch irgendeinen Sinn oder eine Logik zu erkennen; nur soviel noch: In der wieder altholländischen Schlußszene taucht unter lautem Krachen ein U-Boot aus dem Bühnenboden auf, auf der Kommandobrücke steht der Zar in neuzeitlicher Marineuniform und salutiert. Peter und Marie klettern auf das U-Boot und fahren wohl nach St.Petersburg. Für die Umbaupause opferte man den Holzschuhtanz, der als Pausenfüller bei geschlossenem Vorhang dienen muss.

Natürlich hätte alles noch schlimmer sein können als diese „Troubadurisierung“. Mit Beklommenheit denkt man daran, was ein Kusej, Konwitschny oder eine Katharina Wagner alles daraus gemacht hätten. Aber man lernt, sich zu bescheiden. Jedenfalls sollte man mit solch einem Bassisten wie Dirk Aleschus baldmöglichst einen „Wildschütz“ machen, vielleicht mit Pierre Wyss als Regisseur, der in Innsbruck eine zauberhafte und originelle „La Boheme“ inszeniert hatte.

S.C.Augustin



LA BOHEME


Vier Bohemiens auf Wolke Sieben

27.Februar2009

 

Es ist heute selten geworden, daß man von einer rundum gelungenen Opern-inszenierung berichten kann. Die „Boheme“ am Innsbrucker Landestheater ist, nein, war ein solcher Ausnahmefall, denn am 3.März fand leider schon die letzte Aufführung statt. Die Premiere hatte erst am 9.November 2008 stattgefunden. Diese Opernproduktion passte  würdig in das Puccini-Jahr, wie gut, das zeigte letztlich das Schild „Ausverkauft“.

Wie immer im Hause Brigitte Faßbaenders ist musikalisch ein hohes Niveau garantiert, ein Niveau, von dem sich manches hochsubventionierte Staatstheater mehrere Scheiben abschneiden könnte. Fast selbstverständlich ist es in Innsbruck, dass alle großen Rollen doppelt besetzt sind, so auch hier. In dieser Vorstellung sang die aus Moldawien stammende Inna Los eine berührende Mimi, deren Stimme in der Höhe schön aufblühte. Ihr Partner als Rudolf war der Spanier Alex Vicens, der nicht nur über eine höhensichere, für die schwelgerische Kantilene Puccinis sehr gut geeignete Stimme verfügt, sondern auch über ein sympathisches Aussehen, das den Poeten glaubhaft macht und sich wohltuend von dem Eisverkäufer-Design vieler Latino-Tenöre abhebt. Der weiteren Entwicklung des jungen Tenors, der in Barcelona studiert und unter anderem auch bei dem unvergessenen Giacomo Aragall einen Meisterkurs besucht hatte, darf man mit einiger Erwartung entgegensehen. Als Marcel war der Koreaner Gerard Kim zu hören, vor einigen Jahren Gewinner des ARD-Wettbewerbs und Besitzer einer volltönenden, sehr stabilen Baritonstimme, der dem Maler Marcel ein sehr eigenständiges Profil verlieh. Die in Innsbruck schon sehr bewährte und beliebte Jennifer Chamandy sang die Musette, die bei ihrem Musette-Walzer ein bisschen zu stark auftrug, insgesamt aber einen passenden Gegenpol zu Mimi darstellte. Auch Schaunard und Colline waren mit Sebastien Soules und Marc Kugel sehr ausgewogen besetzt, ebenso die kleineren Rollen. Musikalisch lag die Aufführung bei Sascha Goetzel in guten Händen und man erfreute sich an der immer wieder hinreißenden Melodik Puccinis, die der Dirigent und die Sänger genussvoll auskosteten.   

Die Inszenierung von Pierre Wyss mit dem Bühnenbild von Helfried Lauckner und den Kostümen von Michael D. Zimmermann war ein reines Vergnügen. Das Stübchen der vier Bohemiens war auf einer Wolke über Paris angesiedelt, ein Teil der Wolke war dann eine Schneehaube im 3.Bild. Das Cafe Momus strahlte Pariser Charme aus, auch in den Details waren sehr viele pfiffige und sogar verspielt-skurrile Ideen zu finden. Gespielt wurde von den Protagonisten sehr natürlich und glaubhaft. Zum Schluß sah man denn auch viele feuchte und teilweise nasse Augen – wie es bei einer guten „Boheme“ auch sein soll. Es ist zu hoffen, dass diese Inszenierung in der kommenden Spielzeit wieder aufgenommen wird.

S.C.Augustin


TOSCA

  Das Bestreben, in der Opernregie Klischees zu vermeiden, ist selbst längst zum Klischee geworden. So auch in der jüngsten „Tosca“ – Inszenierung am Tiroler Landestheater in Innsbruck, die durch eine unnötige „Aktualisierung“ dem Reißer unter den Puccini-Opern viel von ihrem brutalen Zauber nahm. Die Intendantin, Brigitte Fassbaender, inszenierte selbst und unternahm den Versuch, das Geschehen des 17.Juni 1800 in unsere Zeit zu übertragen. Zum Glück spielte das Orchester aber noch die geniale Musik Puccinis  und die Sänger sangen auch noch die altvertrauten Arien und Szenen: Ludmila Slepneva war eine etwas kühle, aber gesanglich sichere Tosca, die nicht allzu viel Leidenschaft ausstrahlte, zumal ihr der Hosenanzug, den sie im 1. und 3.Akt tragen musste, kein Primadonnenflair zu entwickeln erlaubte. Ihr Mario war der rumänische Tenor  Daniel Magdal, der ein italienisches Timbre mit sicherer Höhe sein eigen nennt und im Vergleich zu seiner Partnerin sehr leidenschaftlich agierte. Sein „Gloria! Vittoria!“ war mitreißend, allerdings hatte er bei den „dolci mani“ leichte Probleme mit der Mezza voce. Den Scarpia verkörperte Sebastien Soules, der darstellerisch den schurkischen Polizeichef glaubhaft machen konnte  - man konnte ihn sich als einen smarten Karrieristen im Staatsdienst recht gut vorstellen. Stimmlich fehlten ihm jedoch die Fülle und Durchschlagskraft, die zu dieser Rolle unbedingt dazugehören,  um dem Tedeum oder der Auseinandersetzung mit Tosca die nötige Dramatik zu verleihen. Wirklich fies und damit sehr gut dargestellt waren seine drei Schergen Spoletta, Sciarrone und Roberti. Ein Kompliment dem Orchester unter Dietfried  Bernet!

War der erste Akt noch durchaus eindrucksvoll inszeniert, in  einer hellen, gut stilisierten  Kirche, in der Cavaradossi am Deckengemälde der Madonna arbeitete, so befremdeten in den Gemächern Scarpias im Palazzo Farnese nicht so sehr die moderne Einrichtung als vielmehr die über Fernbedienung aufgerufenen Überwachungsmonitore, die die Ankunft Toscas in der Tiefgarage des Palazzos ebenso zeigten wie die Folterung Cavaradossis. Tosca tötet Scarpia nicht im „Nahkampf“ mit dem Messer, wie es das Libretto vorsieht, sondern schießt ihn mit einer Pistole vom Schreibtischstuhl herunter und sendet  dem am Boden Liegenden  noch zwei weitere Schüsse nach. Der Pulverdampf zog dann  in den  Zuschauerraum, insofern war es schon realistisch – „Tosca get your gun“.

Damit war das Pulver weitgehend verschossen, denn ein Erschießungskommando gab es im 3.Akt nicht. Der Einfachheit halber besorgten die drei Schergen Scarpias das Henkershandwerk, zwei hielten den Maler, Spoletta schoß ihm mit der Pistole in den Hinterkopf. Hier reichte allerdings ein einziger Schuss. Gelernt ist eben gelernt!  Zu der Plattform auf der Engelsburg führte ein moderner Lift, der die verschiedenen Personen auf und ab beförderte. Aus dem normalerweise hinter der Bühne singenden Hirten machte Frau Fassbaender eine Putzfrau mit Eimer, die flüchtig (Blut?) Flecken von einer Wand wischte, ehe sie mit ihrem Liebhaber Spoletta eine Morgenzigarette rauchte. Als der Maler mit dem Lift gebracht wurde, fuhr sie wieder hinunter, ohne ihre Arbeit fertig gestellt zu haben. Befremdlich war, dass Cavaradossi noch immer einen Brief schrieb statt einer SMS. Wie fast immer sind im Innsbrucker Landestheater die Hauptrollen mehrfach besetzt: Es gibt drei Toscas und je zwei Cavaradossis und Scarpias. Musikalisch wird der Opernfreund in Innsbruck in der Regel sehr gut bedient und findet ein Niveau vor, das sich mit dem größerer Häuser ohne weiteres messen kann – ein Verdienst der Intendantin und ihrer Sängerkompetenz.

Was die Regie betrifft, so muß man sich allerdings damit trösten, dass sie trotz aller Einwände längst nicht so schlimm ist wie in den meisten anderen Häusern des deutschen Sprachraumes.                                          K. Konrad

 


 

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