DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Die Geburt der Operette aus dem Geist der Pornografie

In Wien präsentiert eine Ausstellung im alt-ehrwürdigen Theatermuseum eine ungewöhnliche Sicht auf die Operette. Statt als biedere Unterhaltung für Rentner wird das Genre als sexuell befreites Entertainment für vergnü-gungssüchtige Großstadtherren gezeigt, die das Theater einst zum Bordell machten. Und vielleicht irgendwann wieder einmal machen werden

Dass hier etwas anders sein könnte als sonst, wird dem Besucher schon beim Betreten des ersten Saal im imposanten Palais Lobkowitz deutlich, dem heutigen Theatermuseum Wien, gleich neben der Albertina.

http://events.wien.info/de/2on/welt-der-operette-glamour-stars-und-showbusiness/

Denn in diesem ersten Saal steht in riesigen Lettern gleich an der allerersten Wand: „Die Operette ist doch schließlich nicht für Betschwestern, Hyper-moralisten und alte Jungfern gemacht“. Ein Zitat aus der Süddeutschen Theaterzeitung von 1885. Gleich darunter liest man etwas von der „Geburt der Operette aus dem Geist der Groteske und Pornografie“. So, so. Und schon geht‘s weiter mit überlebensgroßen Bildern von Edelkurtisanen als Operettenstars des 19. Jahrhunderts, mit Beschreibungen von Bordellen in Theatern, mit nackten Frauen als „Schönen Helenas“ allüberall, mit Särgen, in denen exzentrische Komponisten wie Franz von Suppé schliefen und mit Zeichnungen von Walzerkönig Johann Strauss, die seine Ehefrau als vollbusiges Walross zeigen und auf denen er etwas von „Filzwarzen-Polkas“ schwadroniert.

Dann folgt eine Wand zum Thema Cross-Dressing: Männer in Frauenrollen. Was mit teils sehr komischen historischen Fotos von den Urvätern der Operette illustriert wird. Und zum Schluss – sechs üppig behangene und stark kontrastierende Räume später – lächelt ein knackiger Torero als Chanteur des Mexico, aus der gleichnamigen Operette von Francis Lopez. Ehemals vom schwulen Startenor Luis Mariano zur Uraufführung gebracht und vor nicht allzu langer Zeit von der neuen Direktion des Theatre du Chatelet in Paris neu aufgelegt als Superkitsch-Produktion mit einem Poster von Pierre et Gilles.

Wie sich die Zeiten doch geändert haben. Denn als die selige Anneliese Rothenberger noch das keusche Operettenzepter schwang (von Johannes Heesters und Peter Alexander ganz zu schweigen) wäre eine Ausstellung wie diese sicher nie denkbar gewesen. Schon gar nicht im konservativen Wien, wo das Theatermuseum zum altehrwürdigen Kunsthistorischen Museum gehört, über das schon Thomas Bernhard in Alte Meister seine bösen Witzchen riss.

Doch die Kuratorin der Ausstellung Welt der Operette. Glamour, Stars und Showbusiness, Marie-Theres Arnbom, wollte unbedingt, dass ihre große Schau rund um die Operette anders würde als das, was man bislang auf dem Gebiet kannte. Frech, frisch und frivol sollte es werden. Und zum Neudenken anregen, genauso wie zum Nachdenken. Arnbom hatte letztes Jahr im Schwulen Museum Berlin

http://www.schwulesmuseum.de/

eine Ausstellung zu Operettenproduzent Erik Charell (Im weißen Rössl) gesehen und fand die „queere“ Art der Herangehensweise ans Genre über- zeugend, auch weil sie dem historischen Original vielfach näher kommt als das, was nach 1933 von den Nazis aus der Kunstform gemacht wurde: biedere Unterhaltung für den kleinen Mann. Deshalb fragte Arnbom den damaligen Kurator der Charell-Ausstellung, ob er mit ihr zusammen die neue Schau für Wien gestalten wolle.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kevin_Clarke

Da Kevin Clarke, neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur dieser Zeitschrift, bereits diverse Bücher und Aufsätze zur Operette geschrieben hatte, von Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer bis zu Die Pornografie der Operette, wusste Arnbom, worauf sie sich einließ. Und überzeugte das Theatermuseum, mitzuziehen.

Pornos, Camp und Kitsch ebenso inklusive wie Aspekte der Aufführungspraxis in der NS-Zeit. Auch auf die Gefahr hin, dass der ein oder andere betagte Waltraut-Haas-Fan

http://de.wikipedia.org/wiki/Waltraut_Haas

beim Gang durch die Räume Herzrhythmusstörungen bekommen könnten. (Die propere Haas hängt als überlebensgroße Rössl-Wirtin im Dirndl und mit Hairsprayfrisur im Raum mit den Superstars, direkt gegenüber der noch größeren halbnackten Elsie Altmann von 1923, einer Soubrette ganz ande- ren Formats. „Es geht nicht darum, irgendein Form von Operette schlecht zu machen“, sagt Arnbom, „sondern vielmehr wollen wir die Parallelwelten aufzeigen, die es fast zu allen Zeiten gab.

Als das Genre populärer wurde und immer mehr Menschen erreichte, ent- wickelte es sich weg von exklusiven Musiktheater für schwerreiche vergnü-gungssüchtige Herren hin zu einer nostalgischen Massenware. Die High Society ging fortan in laszive Kaberettoperetten, die in einschlägigen Etablissements gespielt wurden, während die Masse sich Herzschmerzstücke mit moralischem Zeigefinger zu Gemüte führte. Auch in einem Raum, der der NS-Zeit gewidmet ist, geht’s explizit um Parallelwelten. Während in Auschwitz, Theresienstadt und anderswo jüdische Operettenschaffende umgebracht wurden, tanzten Stars wie Johannes Heesters, Marika Rökk und Willi Forst im Auftrag des Führers durch diverse Operettenfilme und lenkten von der schrecklichen Realität ab. Das geschah alles gleichzeitig. Und gibt der Beschäftigung mit Operette eine Tiefe, die viele nicht wahrhaben wollen. Bis heute. Holocaust und Operette ist für viele Menschen genauso tabu wie Sexualität und Operette.

Von Homosexualität will ich erst gar nicht anfangen zu sprechen. Schließlich tummelten sich in der sexuell befreiten Welt der Ur-Operette im 19. Jahr- hundert etliche schwule Charaktere, meist um komische Effekte zu erzeu- gen, etwa in Offenbachs Die Insel Tulipatan. Später gab es auch viele, viele schwule Darsteller. Denken Sie nur an Wilhelm Bendow

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Bendow

den Starkomiker aus Berlin in den 20er Jahren oder an Luis Mariano, das umschwärmte Idol zahlloser Frauen in Frankreich in den 50er Jahren.

http://www.cyranos.ch/sbmari-d.htm

Als sein letzter Biograf jüngst enthüllte, dass Mariano Verhältnisse mit Männern hatte, bekam er Morddrohungen von dessen Ex-Chauffeur.“
Die Deutungshoheit in der Welt der Operette ist schwer umkämpft, wie‘s scheint. Während die einen auf die Heile-Welt-Ästhetik der Nachkriegsära pochen und diese für allein glücklich machend erklären, wollen andere nicht mal tot in der Nähe einer Operette gesehen werden, aus Angst, das könne ihrem Ruf schaden. Irgendwo zwischen den Extremen haben sich viele Schwule angesiedelt. Sie lieben vielfach den schillernden Kitsch des Genres. Andererseits tun auch sie sich oft schwer mit der hemmungslosen Sexua- lität, die besonders in den frühen Operetten Offenbachs und seiner Zeitge- nossen zu finden ist.

Wahrscheinlich, weil sie sich einfach nicht vorstellen können, wie enthemmt die Zustände in der Welt der Operette einmal waren. Dabei genügt ein Blick in den berühmten Roman Nana (1880) von Émile Zola, wo ziemlich dra- stisch beschrieben wird, wie’s damals vor und hinter der Bühne eines Operettenhauses in Paris zuging. Etwa so, also würden heute die Produk- tionen von Im weißen Rössl mit den Jungs von Cazzo Porno besetzt, und die Zuschauer könnten sich in der Pause mit ihren Lieblingsdarstellern in den Garderoben vergnügen, wenn sie genug Geld dabei haben.

Man mag bedauern, dass Operette derzeit nicht so aufgeführt wird. Aber man sollte nicht die Augen vor solchen historischen Realitäten verschließen, schon gar nicht, wenn derzeit so viel von „historisch informierter Auffüh-rungspraxis“ die Rede ist bei Dirigenten wie Nicolas Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder Marc Minkowski, und von „Rückbesinnung auf die Intentionen des Komponisten“.

„Natürlich ist es nicht möglich, in einer einzigen Ausstellung alle Aspekte der Operettengeschichte aus über 150 Jahren darzustellen“, erzählt Arnbom. „Wir mussten Schwerpunkte setzen, die logischerweise unsere eigenen Interessen spiegeln.“ So gibt’s neben einem Raum zur „Transatlantischen Operette“ in Wien-Berlin-New York einen Raum zur Revue- und einen zur Filmoperette. Und: Eine Wand, die sich der aktuellen Operettenneuproduk- tion widmet. Da wird ein Stück aus Los Angeles von 2006 vorstellt mit dem Titel The Beastly Bombing. Darin geht es um schwule Al-Kaida-Terroristen und Neonazis, einen Homo-Jesus, pädophile Priester und einen durch-geknallten US-Präsidenten. Sie alle singen perfekt im Stil von Gilbert & Sullivans Operetten von der verdrehten Welt heute. Das Stück von Holly-wooddrehbuchautor Julien Nitzberg und Filmkomponist Roger Neil wurde gleich nach der Premiere von der New York Times hoch gelobt und hat inzwischen seine europäische Erstaufführung in Amsterdam erlebt. In Wien macht die Ausstellung erstmals im deutschsprachigen Raum auf das grandiose Werk aufmerksam, das in bester ursprünglicher Operettentra-dition die aktuelle gesellschaftliche Lage als beißende Groteske mit viel Sex ausspielt. Für ein jugendliches, intellektuell anspruchsvolles Großstadt-publikum, statt für debile Rentner auf Kaffeefahrt, die nur im Dreivierteltakt schunkeln wollen.

Wie die Wiener auf die Ausstellung reagieren werden, wird sich zeigen, wenn diese am 2. Februar ihre Pforten öffnet, bevor sie 2013 weiterwandert ins Theatermuseum München. Eine erste Ahnung konnte man bereits bekommen beim Durchblättern des üppigen Buchs zur Ausstellung, das im Brandstätter Verlag erschienen ist – ganz in Pink. Der Spiegel titelte in seiner Rezension „Das Bordell tanzt“

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,804900,00.html

und zeigte sich enthusiastisch über eine Präsentation des Genres, die er nicht erwartet hatte. Aber das ist das Gute am „queeren“ Blickwinkel: man entdeckt Dinge, die andere lange übersehen haben. Und auch wenn Ope- rette historisch betrachtet eine überwiegend heterosexuelle Angelegenheit war, so kann man sich auch als Homo im ursprünglich liberalen Operetten-universum wunderbar austoben. Und fragen, wieso eine angeblich so befreite Gesellschaft wie unsere heute immer noch solche Berührungsängste mit dieser Form des Musiktheaters hat.

Wäre es nicht höchste Zeit, in der Operette mal wieder richtig die Sau rauszulassen, oder besser: die Eber? Das Theater in der Josephstadt hat es bereits vorgemacht, mit einem hinreißenden Weißen Rössl in rosa Latex-Höschen, die in der Ausstellung zu sehen sind. Auf den Auftritt der Cazzo Boys als saftige Tiroler Jungs, „die sich im Takt Dinger runterhauen – mein Gott, sie haben die kernigen Backen dazu“ (wie die BZ am Mittag über die Rössl-Uraufführung 1930 schrieb), wird man vermutlich noch etwas warten müssen. Aber hoffentlich nicht zu lange.

Sebastian Holder

* die Links wurden von der Opernfreund-Redaktion ergänzt.

Mit freundlicher Genehmigung

http://m-maenner.de/

Besonderer Dank an den Herausgeber Kevin Clarke


 

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