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Johan Botha, Tenor

 

JOHAN BOTHA

"Über Inszenierungen und Regisseure spreche ich grundsätzlich nicht"

Kurz vor Weihnachten, auf dem Sprung in die Heimat Südafrika, hat Johan Botha unserer Mitarbeiterin Renate Wagner noch das ausführliche Interview gegeben, das er ihr in Chicago versprochen hat. Obwohl er gleich die erste Frage nicht beantworten wollte.

Herr Botha, ich habe Sie im Sommer in Bayreuth in dem schrägen „Ring“ von Frank Castorf als Siegmund gesehen, im Oktober in der schönen, konventionellen „Othello“-Inszenierung von Peter Wood in Chicago, und in München haben sie dann im Dezember in der zwar durchaus modernen, aber viel gepriesenen Inszenierung der „Frau ohne Schatten“ von Krzysztof Warlikowski mitgewirkt. Wie steht man als Sänger zu so verschiedenen Regisseuren?

Über Inszenierungen und Regisseure spreche ich grundsätzlich nicht – ich will schließlich, dass die Opernhäuser mich weiterhin engagieren… Ich kann nur, ganz allgemein, so viel sagen: Von mir verlangt man zu Recht, dass ich eine Partie auswendig kann, wenn ich auf die Probe komme. Ich kann meinerseits auch von einem Regisseur verlangen, dass er genauso gut vorbereitet ist wie ich. Es gibt leider immer öfter Fälle, da denke ich: Wenn ich so auf eine Probe komme, hätte die Direktion jedes Recht, mich zu entlassen. Da kann ich richtig wütend werden…

Gibt es gar kein positives Beispiel?

Aber natürlich: früher besonders Christine Mielitz oder Keith Warner. Zuletzt hier in Wien, als ich mit Harry Kupfer im Theater an der Wien „Ariadne auf Naxos“ gemacht habe. Ich dachte immer, Kupfer sei ein zutiefst ernsthafter Mann – und dann verlangt er von mir, dass ich auf der Bühne so viel Unsinn mache! Ich glaube, wir haben bei den Proben mehr gelacht als sonst etwas. Das war eine gute Erfahrung.

Kann man, um auf die viel gelobte „Frau ohne Schatten“ in München zurückzukommen, eigentlich definieren, was hier den Erfolg ausgemacht hat?

Es war nicht nur das Einverständnis in der durchwegs sehr guten Besetzung, das wir bei den Proben hatten, ich denke, es geht vor allem auf das Konto von Kirill Petrenko, mit dem ich ja schon im Sommer die „Walküre“ in Bayreuth gemacht habe. Ich habe den Kaiser in der „Frau ohne Schatten“ ja schon oft gespielt und gesungen, aber noch nie hat ein Dirigent so peinlich genau gearbeitet, so exakt versucht alles zu erfüllen, was in der Partitur steht, die Dynamik des Orchesterparts so ausgeschöpft. Ein Orchestermitglied sagte zu mir: „Auf einmal muss man wieder üben, endlich ein Dirigent, der uns wirklich fordert.“ Und wenn man eine Partitur so punktgenau erfüllt, klingt ein alt bekanntes Werk wie ein neues Stück. Ich denke, vor allem deswegen hat das Publikum aufgehorcht und gesagt: „Wow, so haben wir das noch nie gehört!“

Nun muss ich die Frage nach Siegmund – Othello – Kaiser und den Rollen, die Sie demnächst in Wien singen werden, Andrea Chenier und Parsifal, anders anpacken. Es herrscht ja doch am „Opern-Markt“, wenn auch einzelne Sänger es zu durchbrechen suchen, eine gewisse Spezialisierung in „Fächer“. Wagner-Sänger haben früher meist nur das deutsche Fach mit raren Ausflügen in etwas anderes gesungen, und selten werden Tenor-Spezialisten für Verdi, Puccini und das italienische Repertoire genau so gut Wagner singen. Sie sind in beiden Welten zuhause. War das ein Entschluss für ihre Karriere von Anfang an?

Als ich meinem Vater mit 5 Jahren sagte, ich werde Opernsänger, habe ich die „La Traviata“-Platte mit Anna Moffo und Richard Tucker ununterbrochen mitgesungen. „Halt endlich die Klappe“, sagte mein Vater, und ich antwortete: „Eines Tages werde ich so singen.“ Dann habe ich daheim in Südafrika, in meiner Geburtsstadt Rustenburg, mit zehn Jahren den ersten professionellen Gesangsunterricht bei Jarmila Tallenger erhalten. Erst war ich als Junge ein Sopran, nach dem Stimmbruch landete ich beim Bassbariton, und nach zwei Jahren bei der Armee – mit 18, 19 – kam ich in die Opernschule in Prätoria. Dort zeigte sich dann, dass sich die Stimme nach oben verlagerte – obwohl ich noch heute noch die Philipp-Arie aus „Don Carlos“ singen könnte… 1989 bin ich dann in Roodepoort als Max im Freischutz erstmals auf der Bühne gestanden. Seither bin ich Tenor – ich habe zwar die Tiefe behalten, aber meine Stimme fühlt sich wohl „da oben“. Ich muss nur beim Einsingen immer aufpassen, auch „von oben“ zu kommen.

So viel zum Tenor. Wie kam es zur Parallelität des deutschen und des italienischen Repertoires?

James King hat einmal zu mir gesagt: „Lass Dich nicht dabei erwischen, dass Du Wagner singst, bevor Du alt genug dazu bist!“ Ich habe mit 24 Jahren angefangen und hatte die Riesenlücke bis 31 vor mir, als ich meinen ersten Lohengrin sang. Ich habe sie mit Verdi und Puccini und den Veristen gefüllt (Mozart lag mir leider immer zu tief), auch in der Wiener Volksoper habe ich in „La Boheme“ debutiert. Entscheidend für den Lauf meiner Karriere war mein zweiter Lehrer Eric Muller, der mir nicht nur genau gezeigt hat, wie ein Sänger „funktioniert“ – quasi wie ein Motor. Wir müssen im menschlichen Körper genau wissen, welche Funktionen wofür beim Singen notwendig sind, um sie dann so richtig einzusetzen. Wir haben damals auch einen Plan ausgearbeitet, welche Rollen ich wann singen soll – Schritt für Schritt und richtig aufgebaut. Daran habe ich mich eigentlich bis heute gehalten – die einzige unvorhergesehene Ausnahme war „I Vespri Siciliani“; da hat mir Ioan Holender 1998 in der Premiere die Rolle des Arrigo angeboten, und die habe ich dann sozusagen eingeschoben.

Ioan Holender hat Sie überhaupt sehr geschätzt und dafür gesorgt, dass Ihnen 2003 die Kammersänger-Würde zuerkannt wurde.

Ja, und das bedeutet auch etwas, vor allem, wenn man wie ich mit Familie seit 1996 in Wien lebt und sich hier heimisch fühlt. Der kleine angenehme Wiener Nebeneffekt ist natürlich, wenn man in einem überfüllten Lokal einen Tisch bestellen will, wo man normalerweise abgewiesen würde, aber wenn man „Kammersänger Botha“ sagt, heißt es nur: „Wann dürfen wir Sie erwarten?“ Ioan Holender hat meine Familie und mich auch sehr bei der Erlangung der Staatsbürgerschaft unterstützt, vor allem aber konnte ich an der Wiener Staatsoper mein deutsches und mein italienisches Repertoire gleichermaßen singen, also einerseits Siegmund, Stolzing, Lohengrin, Tannhäuser, Parsifal, Erik, Florestan, Kaiser, Apollo und andererseits Radames, Otello, Chenier, Cavaradossi, Calaf, Don Carlos, Turridu, Canio. Und die erwähnte „Sizilianische Vesper“. Es fällt mir nicht schwer – ich bin das, was man einen C-Tenor nennt und ich genieße es, das abwechselnd zu singen - ich kann es gar nicht genau erklären. Als ich Barenboim einmal ganz am Beginn meiner Karriere auf einer Bayreuther Probebühne die Florestan-Arie vorsang, meinte er zur Korrepetitorin (einer gewissen Simone Young): „Der Mensch weiß gar nicht, wie schwer das ist.

Gibt es bei dieser Fülle von Rollen besondere Vorlieben?

 

Wenn man mir die klassische Frage nach der Lieblingsrolle stellt, dann gehöre ich zu den Sängern, die antworten: „Diejenige, die ich heute Abend singe.“ Mein Lehrer hat zu mir gesagt: „Du musst die Musik lieben, dann liebt sie dich.“ Ob ich als Stolzing oder Othello auf die Bühne gehe, ich bin einfach die Figur. Natürlich kommt es auch vor, dass sich etwas der Kehle verweigert – ich hätte einmal in „Mathis der Maler“ den Bischof singen sollen, aber ich habe beim Studium der Musik bemerkt, dass ich ihn nicht in die Stimme und in den Kopf bekomme. Ähnlich ging es mir beim Rienzi – da mochte ich aber dann auch die Musik und die Figur nicht. Man weiß natürlich nie von vornherein, ob etwas funktioniert, wenn man daran zu arbeiten beginnt, aber im Endeffekt muss man auch nein sagen können, wenn es einmal nicht so geht, anstatt sich zu etwas zu zwingen.

Bedeutet das, dass die Moderne Ihnen nicht liegt und dass Ihr Repertoire für Sie ausgereizt ist?

Nein überhaupt nicht. Was die – klassische – Moderne betrifft, so bin ich stolz, den Part in den „Gurreliedern“ ohne weiteres geschafft zu haben, und ich möchte auf jeden Fall einmal den Peter Grimes singen. Sehr gerne hätte ich einmal den Manrico im „Troubadour“ gemacht, aber den hat mir seltsamerweise nie jemand angeboten, weil ja die Anfragen für Wagner immer weit häufiger sind als für die anderen Rollen: Beim italienischen Fach kann man auf ein viel breiteres Angebot von Sängern zurückgreifen als bei Wagner, wo wir nur eine Handvoll Tenöre sind. Als ich den Tannhäuser ins Repertoire aufgenommen habe, bekam ich eine zeitlang nur Anfragen dafür. Gefragt wird auch immer nach den beiden Siegfrieds, aber ich glaube nicht, dass ich mich dazu entschließe werde.

Und außerdem wartet ja noch die ultimative Wagner-Rolle auf Sie…

Ja, der Tristan, 2017 Unter den Linden in Berlin unter Barenboim. Man braucht Jahre, um eine solche Partie zu lernen. Ich studiere immer zuerst die ganze Partitur, nicht nur meine Rolle, und es dauert lange, Text und Musik zu verinnerlichen. Auch bin ich Legastheniker, lerne also nicht so leicht Text – das geht dann immer nur in Zusammenhang mit der Musik. Andererseits bin ich das lebende Beispiel dafür, dass man auch mit einer solchen „Behinderung“, und es ist eine, es trotzdem zu etwas bringen kann.

Es gibt geradezu Legenden über Ihr Einspringen im „Lied von Erde“. Es wäre schön, das aus erster Hand zu hören.

Es war im März 2012, als ich für eine Aufführung des Theaters an der Wien gerade „Christus am Ölberg“ probte, und zwar im Musikverein als Ausweichquartier. Meine Söhne wollten nach der Probe am Nachmittag am Schwarzenbergplatz essen gehen. Satt und mit einem Glas Bier im Bauch kam ich zuhause an und das Telefon läutet, sobald wir bei der Tür hereinkamen. Am Apparat war eine Dame aus dem Musikverein, die schüchtern fragte: „Herr Kammersänger, könnten Sie sich vorstellen, bei uns im ‚Lied von der Erde’ einzuspringen?“ Ich sagte: „Ja – wann denn?“ Die Antwort war: „In zehn Minuten“, und ich weiß, dass ich darauf nur „Scheiße“ sagte. Ich brauchte ein Taxi, meinen Klavierauszug und meinen Smoking, von dem ich nicht wusste, wo er nach dem Reinigen hingehängt worden war. Als ich ins Taxi sprang, hatte ich nicht einmal eine Geldbörse dabei und sagte zur Fahrerin nur: „Ich weiß nicht, wie Sie das machen, aber ich müsste in zehn Minuten beim Musikverein sein“ – und ich wohne in einem ziemlich äußeren Winkel von Hietzing. Und sie sagte nur: „Herr Kammersänger, anschnallen, festhalten, wir fahren“ – und sie war wie eine Rakete unterwegs, auf Schleichwegen in den Musikverein, währenddessen ich den Kopf im Klavierauszug hatte – denn ich hatte das Stück 6 Jahre nicht gesungen. Im Musikverein war Pause, keine Zeit sich einzusingen, Thomas Hampson hatte die ersten zwei seiner drei Lieder des „Liedes von der Erde“ gesungen, dann hatte man das Publikum mit dem Versprechen in die Pause geschickt, meine drei kämen danach. Zubin Mehta und ich verständigten uns kurz und dann sang ich die drei Lieder hintereinander – und das Publikum war sehr dankbar. Zuhause bin ich wie tot ins Bett gefallen. Ich frage mich heute noch wie ich das hinbekommen habe – es war fast wie in Trance. Ja – und am nächsten Tag war dann die Generalprobe von „Christus am Ölberg“…

Sie werden nächstes Jahr den Pedro in „Tiefland“ in Frankfurt singen. Wieso Frankfurt?

Wieso nicht Frankfurt? Zum einen ist es heute eins der besten Opernhäuser in Europa und ich halte nichts davon den Superstar zu geben, der nur an Met, Scala, Wien und Salzburg auftritt. Meine Anfänge in Deutschland waren in Kaiserslautern, dann kam Hagen, Dortmund und Bonn. Wenn ich ein interessantes Angebot bekomme, dann singe ich natürlich auch an anderen Häusern. Pedro ist eine Partie, die ich liebe, Sebastian Weigle ein phantastischer Dirigent – also was soll´s? Ich lerne nach fast einem Vierteljahrhundert auf der Bühne immer noch. Bis vor kurzem habe ich auch noch bei Irmgard Hartmann in Berlin, die jetzt leider mit fast 90 Jahren gestorben ist, Unterricht genommen. Sie hat mich die längste Zeit meiner Karriere betreut und manchmal hart hergenommen. Als ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal zu ihr kam und ihr die Bajazzo-Arie vorsang, sagte sie: „Warum schreien Sie mich eigentlich so an?“ Sie hatte ein unglaubliches Gehör und Gespür. Sie hat mir das „leise singen“ beigebracht und vieles mehr. Wenn man sich die Partituren ansieht, bei Wagner wie bei Verdi, sind im Durchschnitt 80 Prozent der Rollen (und auch des Orchesters, ganz nebenbei bemerkt) im Piano geschrieben, so dass man überhaupt nicht auf die Stimme drücken muss. Und ich versuche mich auch möglichst daran zu halten und daran zu denken, dass Wagner selbst gewünscht hat, wie er in einem Brief an Liszt schrieb, dass seine Rollen belcanto gesungen werden sollten…

Was Sie ja nun auch wirklich tun… Schleppen Sie eigentlich auch immer Ihre Klavierauszüge mit sich herum wie manche Kollegen?

Natürlich, die Fluggesellschaften sind immer ganz ärgerlich über meine Massen von Handgepäck, aber man kann sie natürlich nie aus dem Auge lassen. Meine Klavierauszüge sind im übrigen mit Notizen und auch Zeichnungen gespickt, die ich manchmal benötige, um mir etwas zu merken. Zeichnen hat für mich auch einen therapeutischen Effekt; wenn ich mich sehr ärgere, hilft der Griff zu Bleistift und Zeichenblock… Im übrigen versuche ich nicht allzu viel unterwegs zu sein (was schwer ist) und nicht viel mehr als 40 Vorstellungen pro Jahr zu singen (was mir meistens gelingt). Ich habe jetzt aber zuletzt wegen des neuen „Rings“ in Bayreuth und des ganzen Wagner/Verdi-Jahres quasi ohne Unterbrechungen ein ganzes Jahr durchgearbeitet. Da spürt man schon, dass sich der Körper langsam wehrt. In Chicago bekam ich solche Rückenschmerzen, dass ich die letzten zwei „Othello“-Vorstellungen leider absagen musste, und nun ist bis Mitte Februar ohne wenn und aber Pause. Überhaupt will ich eines Tages – auch wenn es auch jetzt noch zu früh ist, daran zu denken – rechtzeitig aufhören: Ich habe zu meiner Frau gesagt, „Hau mir eine Pfanne über den Kopf, wenn ich 60 bin, und sag: Jetzt ist Schluss."

Herr Botha, Sie sind Botschafter der „Blue-Shield-Foundation“. Worum geht es da?

Vor allem um Toleranz. Ich bin ja in Südafrika aufgewachsen und habe nie begriffen, warum Schwarze weniger wert sein sollten als Weiße, darum ist es mir besonders wichtig, meine beiden Söhne im Sinne dieser Toleranz zu erziehen, wenn sie auch die Heimat der Eltern nur von unseren Familienbesuchen her kennen. Auch andere Dinge sind wichtig in einem Südafrika, wo Nelson Mandela, der nun leider nicht mehr unter uns ist, uns die Zehn Gebote wahrhaft vorgelebt hat: Es gibt dort 15 verschiedene schwarze Stämme mit ihren eigenen Sprachen und Traditionen, und die Tendenz geht dahin, dies alles einzuebnen – ebenso wie man das Afrikaans, mit dem ich aufgewachsen bin, verdrängen will. Ich finde ganz wichtig, Respekt vor solchen Traditionen zu haben und sie zu erhalten – wie ich es auch wichtig finde, sich in dem Land, in dem man lebt, einzufügen. Meine Familie und ich haben uns völlig auf Österreich eingelassen, was so weit geht, dass ich sogar mal „Musikantenstadl“ ansehe. Ich war mit meinen Söhnen aber auch im Konzert von Bon Jovi und höre mit ihnen Guns N’ Roses – diese Offenheit in jede Richtung muss sein.

Herr Kammersänger, Sie wollen grundsätzlich nicht über Ihr Privatleben sprechen, und ich verstehe, dass Sie dieses schützen. Also dürfen wir nur wissen, dass Sie über Weihnachten mit Frau und Kindern zu Ihren Eltern nach Südafrika fahren. Aber gibt es ein persönliches Hobby, das nichts mit Musik zu tun hat?

O ja! Modelleisenbahnen. Ich bin gerade dabei, mir die meine im Keller meines Hauses auszubauen, und meine beiden Söhne werden vergattert, mir dabei zu helfen. Ich mag aber nur Dampflocks. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, und durch das Land meines Großvaters führte ein Gleis. Dort kam immer der Milchzug durch, und wenn die Dampflock hielt und wieder anfuhr, war das für mich ein großes Erlebnis und ein herrliches Geräusch. Offenbar wirkt das bis heute nach…

Renate Wagner

Dank an den Merker (Wien)

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