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CARMEN

Besuchte Aufführung: 19. 7. 2013    (Premiere: 13. 7. 2013)

Mitreißendes Spektakel im Palmengarten

Auch dieses Jahr präsentierte die Kammeroper Frankfurt unter der bewährten Leitung von Rainer Pudenz eine Freilichtaufführung im Frankfurter Palmengarten. Diesmal stand Bizets „Carmen“ auf dem Programm und wurde am Ende von dem zahlreich erschienen Publikum zu Recht begeistert gefeiert. Wieder einmal erwies sich, dass auch solche Freiluftspektakel, die eher traditionell als modern anmuten, trotzdem mitreißendes Musiktheater darstellen können, wenn der Regisseur nur sein Handwerk versteht. Und das ist beim Hausherrn Rainer Pudenz in hohem Maße der Fall. Trotz des etwas beengten Rahmens der Orchestermuschel, in dem die Aufführung stattfand, gelang ihm eine lebendige, fetzige und äußerst unterhaltsame Umsetzung von Bizets Oper. Mit Sängern kann er hervorragend umgehen und wartete innerhalb der von Mateo Vilagrasa und Frank Keller mit mehreren Stiergemälden ausgestatteten Bühne mit einer erstklassigen Personenführung und gelungenen Charakterzeichungen auf, wobei Auftritte und Abgänge manchmal durch das Publikum erfolgten. Auf Tschechow’sche Elemente versteht sich der Regisseur trefflich. Das wird insbesondere auch im zweiten Akt deutlich, als bei Carmens Tanz für Don José die anderen Zigeunerinnen, die beiden Schmuggler und auch Lilias Pastia anwesend sind, sowie bei Micaelas Arie im dritten Akt, die sie in Anwesenheit ihres Führers singt, der sie schließlich symbolisch ans Kreuz der Angst schlägt - das stärkste Bild der Inszenierung! Durch derartige Schachzüge der Regie wird das Geschehen auf der Bühne noch spannender. Aber auch ohne das war der Unterhaltungswert an diesem Abend groß. Die ernste Komponente des Stückes hat Pudenz einfühlsam herausgestellt und sich insbesondere mit der Frage nach dem Schicksal befasst. Diesem ist jeder unterworfen. Demgemäß lässt er bereits beim ersten Erklingen des Schicksalsmotivs im Vorspiel den von Margarete Berghoff mit Schirmmützen, gelben Hemden und schwarzen Hosen versehenen Männerchor auftreten und auf das Kommende warten. Entgegen dem Libretto geht im dritten Akt die Initiative zum Legen der Wahrsagekarten nicht von Frasquita und Mercedes, sondern von Carmen selber aus, die ihr Schicksal dann auch akzeptiert. Sie wird vom Regisseur sehr erotisch vorgeführt und ist wahrlich ein Rasseweib, dem man glaubt, dass die Männer ihm scharenweise verfallen. Sie nimmt unter den Zigeunerinnen eine Führerrolle ein und verteilt an ihre Untergebenen auch mal Backpfeifen, wenn ihr etwas nicht gefällt. In Sachen Erotik kann die mit einem blauen Kleid versehene, bieder wirkende Blondine Micaela nicht mithalten. Dass aber auch sie auf das starke Geschlecht anziehend wirkt, zeigt sich schon ganz am Anfang, als ihr Morales und die Soldaten ungeniert unter das Kleid greifen, was sie dann auch prompt mit einer gepfefferten Ohrfeige quittiert. Innerhalb der Truppe ist es Zuniga, dem die ganze Liebe von Pudenz gehört und den er im Vergleich zu anderen Inszenierungen ungemein aufwertet. Er ist es, der für die heitere Seite der Aufführung zuständig ist und in der Tat mit so vielen komischen Einlagen aufwartet, dass es eine Freude ist. Sein ständiges „Zack-Zack“-Geplapper war wohl dem Schauspieler Hubert von Meyerinck in den „Wirtshaus im Spessart“-Filmen entlehnt. Als er Carmen das erste Mal erblickt, ist er völlig verblüfft und lässt im Folgenden keinen Zweifel daran, dass er sie ausgesprochen begehrenswert findet und wohl gerne ins Bett kriegen möchte. Köstlich war auch die Szene im vierten Akt, als er mit einem durch Orangen selbst fabrizierten künstlichen Busen eine herrliche Transvestiteneinlage zum Besten gab. Carmens Ende schließlich ist bei Pudenz weniger ein geplanter Mord, sondern eher eine Affekthandlung. Insgesamt ist ihm eine großartige, sehr sehenswerte Inszenierung zu bescheinigen.

Gesungen wurde, wie immer bei der Kammeroper Frankfurt, leider in deutsch, und zwar in einer von Anke-Eva Blumenthal und Stanislav Rosenberg stammenden Übersetzung, was sich hinsichtlich der musikalischen Stilistik nachteilig auswirkte. Vielleicht sollte Rainer Pudenz einmal in Erwägung ziehen, fremdsprachige Opern in ihrer originalen Diktion zu präsentieren. Das wäre nicht zuletzt auch für die von ihm aufgebotenen Sänger/innen vorteilhaft, die dann ihre Rollen auch an anderen Opernhäusern singen könnten. Und diese wären dabei gut bedient, denn die Sänger der Hauptpartien waren an diesem Abend vorzüglich. Dzuna Kalnina gab eine ausgesprochen erotische Carmen, der sie mit einer trefflichen schauspielerischen Ader ein darstellerisch sehr glaubhaftes Profil verlieh und die sie mit ihrem gut focussierten, sinnlichen Mezzosopran auch phantastisch sang. Neben ihr war Alec Otto ein robuster, bodenständiger Don José, der die Entwicklung des Sergenaten vom pflichtbewussten Soldaten zum Carmen total verfallenen eifersüchtigen Liebhaber glaubhaft vermittelte und der Rolle mit kräftigem, gut sitzendem Tenor auch stimmlich voll entsprach. Christian Snyman war ein viriler, charismatischer und mit bestens verankertem lyrischem Bariton auch perfekt singender Escamillo. Einen wunderbaren Sopran italienischer Schulung, den sie emotional und einfühlsam zu führen verstand, brachte Katharina Schwesinger für die Micaela mit. Der mit einer ungemein köstlichen komischen Ader gesegnete Jürgen Orelly machte aus dem Zuniga ein wahres Kabinettstückchen. Er ist wahrlich ein Erzkomödiant, der zudem über einen vorbildlich gestützten, klangvollen Bass verfügt. Man möchte ihn gerne einmal in einer großen Rolle des seriösen Bassfaches erleben. Angenehmes Stimmmaterial brachten Maximiliane Schünemann und Lisa Koroleva für die Frasquita und die Mercedes mit. Dem in der Doppelrolle des Morales und des Dancairo ziemlich dünn singenden Markus Matheis fehlte es erheblich an der nötigen Körperstütze seines Baritons. Überhaupt nicht mein Fall war der männliche Sopran Robert Crowe in der kleinen Partie des Remendado. Den Lilias Pastia gab Harald Mathes. Gesangstechnisch noch nicht ganz ausgereift klang der von Armin Rothermel einstudierte Chor.

Eine solide Leistung ist Florian Erdl zu bescheinigen, der das Orchester zu einem flüssigen, transparenten Klang in ausgewogenen Tempi animierte. Wenn zeitweilig eine Stelle nicht so intensiv klang wie man es sonst gewohnt ist, wird das an dem reduzierten Orchesterapparat von ca dreißig Musikern gelegen haben.

Ludwig Steinbach, 23. 7. 2013

Die Bilder stammen von Wolfgang Fuhrmannek.

 

 

LA TRAVIATA

Besuchte Aufführung: 12.08.2012

Problematische Vater-Sohn-Beziehung

Solide präsentierte sich die Freilicht-Aufführung von Verdis „La Traviata“ im Musikpavillon des Frankfurter Palmengartens. Der Leiter der Kammeroper und Regisseur Rainer Pudenz wusste die Dimensionen dieser romantischen Örtlichkeit geschickt zu nutzen. Seine Inszenierung zeichnete sich durch eine unaufdringliche, logische Personenführung und ein einleuchtendes Grundkonzept aus. Von Anfang an lässt er keinen Zweifel daran, in welchem Milieu sich das Geschehen abspielt. Insbesondere die von Margarete Berghoff stammenden Kostüme von Violetta, Flora und ihren Berufsgenossinnen belegen, dass sie dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Traviata wechselt im Lauf des Stücks zu einer etwas dezenteren Kleidung. Bezeichnend für dieses Ambiente sind auch die im Hintergrund der von Beatriz Bobenrieth eingerichteten Bühne aufragenden Statuen von Dionysos und den Bacchantinnen als Versinnbildlichung von Rausch und ungezügelter Lebenslust, was ganz der Mentalität der Violetta des Beginns entspricht. Die griechischen Standbilder befinden sich den ganzen Abend über auf der Bühne und sind für die todkranke Protagonistin am Ende nur noch stumme Reminiszensen an ihre frühere Zeit als Prostituierte. Bertolt Brecht erweist der Regisseur seine aufrichtige Reverenz, wenn er Germont stets aus dem Publikum heraus auftreten lässt, Der Vater Alfredos wird zum stillen Beobachter der Handlung, der sich immer dann einschaltet, wenn er es für notwendig erachtet. Germonts Beziehung zu seinem Sohn gilt das Hauptinteresse von Herrn Pudenz. Hier dringt er mit seiner Regiearbeit tiefschürfend in interessante psychologische Dimensionen vor. Alfredo hat stark unter der Dominanz seines Vaters zu leiden. Seine Beziehung zu Violetta ist als Ausbruchsversuch aus dem übermächtigen Schatten seines Erzeugers aufzufassen. Dieses Unterfangen ist indes zum Scheitern verurteilt. Es gelingt ihm nicht, eine eigene, selbstbewusste Identität aufzubauen. Wenn Germont ihn am Ende gewaltsam von Traviatas Leiche wegreißt, wird deutlich, dass er auch weiterhin in demütigender und erniedrigender Weise unter der Kuratel seines Vaters stehen wird. Auf seinem Weg zur Selbstfindung ist er kläglich gescheitert.

Am Pult setzte Florian Erdl auf recht zügige Tempi, wobei er nicht gerade viele Ruhepunkte aufkommen ließ. An eine Nummer schloss sich unmittelbar die nächste an, so dass dem Publikum meistens Zwischenapplaus verwehrt blieb. Unter Erdls Leitung spielte das Orchester der Kammeroper Frankfurt im Übrigen weich und getragen und ließ es auch an Emotionalität nicht fehlen.

Von Herrn Erdl stammte auch die deutsche Übersetzung, in der Verdis Werk gegeben wurde. Das war stilistisch verfehlt und wirkte ziemlich irritierend. In einer Zeit des internationalen Opernbetriebes, in der fast alle Opernhäuser Musiktheater in der Originalsprache präsentieren, wird den Gesangssolisten auf diese Weise die Möglichkeit eines Gastierens in ihren Rollen nachhaltig eingeschränkt, was schade wäre. Hier waren die Leistungen der Sänger der Hauptpartien recht überzeugend. Die Violetta von Helene Lindqvist zeichnete sich insbesondere in der Mittellage durch eine gut gestützte und warme Tongebung aus. Zur Höhe hin wurden indes manchmal einige stimmliche Härten bemerkbar, ihren Klängen fehlte es hier noch etwas an sinnlicher Rundung. In diesem Bereich hätte ihr durchaus beachtlicher Sopran etwas besser im Körper sitzen können. Darstellerisch gab es nichts an ihr auszusetzen. Samuel Kim war ein passabel singender Alfredo, dem es im Augenblick indes noch etwas an Ausdrucksintensität mangelte. Angesichtes seines durchaus beachtlichen und sauber focussierten Tenormaterials ist aber anzunehmen, dass er seinen Weg machen wird. Zufrieden sein konnte man auch mit Christian Balzer, der einen schauspielerisch sehr autoritären und gesanglich ordentlichen Germont gab. Prächtig schnitt Annette Fischer ab, die einen vorbildlich fundierten, vollen und tiefsinnigen Mezzosopran für die Flora und die Annina mitbrachte. Nicht zu gefallen vermochte der männliche Sopran Robert Crowe in der Rolle des Gaston. Mehr trockenen Schauspiel- als Operngesang pflegten Eric Lenke (Dr. Grenvil), Harald Mathes (Marchese d’ Obigny, Diener), Alexander Winn (Baron Duophol) und Benedikt Schmidt (Giuseppe). Von einer guten italienischen Gesangstechnik konnte bei ihnen leider keine Rede sein. Sie sollten daran arbeiten, ihre Stimmen in den Körper zu bringen. Auch in dem von Armin Rothermel einstudierten Chor waren teilweise nur halb ausgebildete Stimmen zu vernehmen.

Ludwig Steinbach

 

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