DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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Der Dirigent Karsten Januschke im Gespräch

"Laut spielen kann jeder, leise nicht!"

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Redakt.:  Herr Januschke, die Kritiken sind voll des Lobes für Ihre musikalische Arbeit beim “Liebestrank”. Aus Ihrer noch jungen Biografie habe ich entnommen, dass das Ihre erste Belcanto-­Oper  ist. Wie liegt Ihnen der Belcanto? Die Musik kommt ja scheinbar leichtfüßig daher.

KJ: Ja, L’elisir d’amore ist meine erste “echte” Belcanto­-Oper, die ich dirigiere, in meinen früheren Jahren als Assistent habe ich allerdings einigen Belcanto-­Produktionen beigewohnt. Es gibt ja unzählige Vorurteile gegenüber dieser Art von Musik, allen voran das berühmte und herablassende “Ist ja eh nur Hm­ta­ta”. Blödsinn! Es gibt wahrscheinlich zwanzig verschiedene Möglichkeiten, ein “Hm­ta­ta” zu spielen und das Ganze muss derart spritzig klingen, dass das Publikum gar nicht erst die Möglichkeit hat, sanft einzuschlummern. Und dafür bedarf es einer unglaublichen Aktivität, Energie, Präzision und auch Virtuosität des Orchesters. Wichtig sind dynamische Kontraste von extremen fortissimo bis zum verschwindenden, gehauchten piano, eine scharfe Artikulation, eine fast mozartische Phrasierung der musikalischen Bögen sowie natürlich Kreativität in der Gestaltung. Dann ist Belcanto nämlich nicht nur eine reine Sängerdomäne, sondern auch für das Orchester ein echter Prüfstein. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, dass ein Generalmusikdirektor eines Opernhauses, etwa Kirill Petrenko in München mit “Lucia di Lammermoor” sich auch dieser Epoche annimmt, weil es ähnlich wie die Musik der klassischen Generation sich hervorragend eignet für Orchestererziehung, wenn es um exaktes und dennoch emotionsvolles Musizieren und eine Art des kammermusikalischen Zusammenspiels geht.

Redakt.: Gibt es weitere Schwerpunkte, die für sie beim Musizieren von Bedeutung sind?

K.J.: Ein grundsätzliches Problem der Oper, aber nicht nur dort, besteht ja darin, dass Orchester, aber auch Sänger, viel zu laut spielen bzw. singen. Da bin ich wie ein Geier hinterher, dass man vor allem die piano-­Farben ausleuchtet. Laut spielen kann jeder, leise leider nicht, dafür bedarf es viel mehr Technik und Kontrolle über das Instrument, die Stimme oder den Bogen eines Streichinstruments. Es gibt in meinen Ohren kaum etwas schlimmeres, als dieses ganzeinheitliche uninspirierte Dauerforte, dass man doch öfter als einem lieb ist, zu hören bekommt. Dabei ist die piano-­Kultur so unendlich wichtig auch für das Zusammenspiel, nur dann kann man sich gegenseitig zuhören und miteinander musizieren. Und als Dirigent darf man natürlich NIE die Sänger mit dem Orchester zudecken.

Redakt.: Inwiefern sind Sie beeinflusst von den berühmten Aufnahmen früherer Epochen und wie hat sich aus Ihrer Sicht die Interpretation im Laufe der Jahre verändert?

K.J.: Ich glaube, dass sich die Art und Weise der Interpretation über die Jahrzehnte weiterentwickelt oder sogar weiterentwickeln muss. Wir können doch heute nicht mehr so musizieren, wie es die großen Kollegen Mitte des vergangenen Jahrhunderts gemacht haben. Eine Intensität der Emotionen kann oftmals auch durch Schlichtheit erreicht werden. Als Beispiel die berühmte Arie des Nemorino “Una furtiva lagrima”. Wenn da der Sänger rumjammert, lamentiert und alles mit Schmelz niederdrückt, wird’s wahnsinnig banal und platt und widerspricht der natürlichen Schönheit und, im positiven Sinne, Einfachheit der Komposition. Das wurde vor vierzig, fünfzig Jahren sicherlich noch anders praktiziert, aber für mich ist das heute oftmals geschmacklos und zuviel Tränendrüse. Oder ein anderes Beispiel: die Pamina­-Arie aus der Zauberflöte. Wenn da eine Sängerin vor Selbstmitleid vergeht, halte ich das schlicht und ergreifend für falsch. Wie ein Clown, der über seine eigenen Witze lacht. Pamina geht in diesem Moment auf ihren Selbstmord zu, eine schreckliche Tat, die aber ganz klar und bewusst, bei völliger geistiger Wachheit, ausgeführt wird. Darin versteckt sich doch die viel größere Tragik.

Redakt.: Es ist auch Ihre erste Produktion auf einer Freiluftbühne. Das ist nun sicherlich etwas anderes als in einem Opernhaus.

KJ: Ja, eine echte Herausforderung.  Das Besondere bei der Oper im Steinbruch St. Margarethen ist die Positionierung des Orchesters hinter der Bühne. Eigentlich der Albtraum eines jeden Dirigenten, denn die Sänger sehen mich ausschließlich über eine große Leinwand, die zu allem Überfluss auch noch geringfügig zeitverzögert funktioniert. Das hört sich nun unwesentlicher an, als es in Wirklichkeit ist, denn diese Verzögerung ist bei einer sehr präzisen Art und Weise des Musizierens von großer Schwierigkeit. Die Sänger und auch der Chor müssen meine Bewegungen genau um diesen Sekundenbruchteil antizipieren, um mit mir und dem Orchester zusammen zu bleiben. Aber das noch größere Problem ist, dass man sich über Lautsprecher und Kamera viel weniger gegenseitig spürt, ich spüre nicht den Atem des Sängers, die Sänger bekommen nicht meine direkte Energie oder Mienenspiel mit. Eine große Aufgabe für alle Beteiligten.

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Karsten Januschke. Copyright: Interfoto.at

Redakt.: Als Dirigent sind Sie noch sehr jung. Es gibt verschiedene Arten von Dirigenten. Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

KJ: Sich selbst zu beschreiben ist ja immer so eine Sache im Sinne von “Der Esel nennt sich immer selbst zuerst”. Es gibt, grob umrissen, im Bereich Oper zwei Typen von Dirigenten: der eine, der versucht, immer und ständig die Sänger zu begleiten und der zweite, der grundsätzlich versucht zu führen. Ich bin eindeutig und mit großer Überzeugung der zweite Typus. Zum einen, weil ich aus Erfahrung weiß, dass viele Sänger aus oftmals technischen Gründen, manchmal auch Bequemlichkeit beim Atmen, dazu neigen, beim Singen langsamer zu werden, soll heißen sie schleppen. Ich lasse das nicht zu und wirke dem konsequent entgegen, weil das Ganze ja auch einen gewissen Drive und vor allem Bogen braucht. Zum anderen, weil ein Ensemble aus Musikern und Sängern jeweils aus hervorragenden Individualisten und Künstlern besteht, die aber geführt werden wollen. Das ist schließlich die Aufgabe des Dirigenten, klare Ansagen zu machen und seine künstlerischen Intentionen und Interpretationen durchzusetzen. Der reine Kumpeltyp bin ich sicherlich nicht. Ich kann fuchsteufelswild werden, wenn ich merke, dass Sänger oder Orchester nicht mit letzter Konzentration oder guter Vorbereitung zu Werke gehen. Wenn da jemand pennt, bin ich wirklich empfindlich. Schließlich haben wir als Künstler eine Verantwortung, zum einen als Diener des Werkes, zum anderen vor dem zahlenden Publikum. Und ich möchte meine Naivität, dass jede Vorstellung zumindest theoretisch eine Sternstunde werden kann, gerne beibehalten.

Redakt.: Wie sehen Ihre Proben aus?

KJ: Ich probe wahnsinnig gerne, die Entstehung der Musik ist für mich mindestens so interessant wie die Aufführung selbst als i­-Tüpfelchen. Nicht immer einfach, da überall versucht wird, aus Kostengründen die Probenanzahl zu reduzieren. Da werden bereits in der Planung einer Aufführung viele Verbrechen an den Komponisten begangen. Der arme Mozart zum Beispiel. Unglaublich, wie teilweise Sängerbesetzungen innerhalb von Aufführungsserien wechseln, die innerhalb kürzester Zeit einstudiert werden sollen. Dabei sind vor allem seine letzten Opern allesamt wirkliche Ensembleopern, die man nicht so husch husch auf die Beine stellen kann. Ensembles sind meine spezielle Vorliebe und ich ärgere mich sehr, wenn ich merke, dass solche Nummern nicht geprobt wurden und jeder Sänger seinen eigenen Stiefel, möglichst auch noch schön laut, runtersingt. Was da alles in der Partitur nicht beachtet wird! Da bin ich bei meinen Proben sehr unnachgiebig und hartnäckig. Außerdem versuche ich viel, am Klang zu arbeiten, in meinen Augen eine der wichtigsten Aufgaben des Dirigenten, die oft vernachlässigt wird. Einen Gesamtklang zu gestalten, dem Ganzen eine klangliche Idee zu geben, darauf kommt es doch eigentlich an.

Redakt.: Wie sieht Ihr Repertoire aus? Haben Sie eine besondere Vorliebe oder gar reine Spezialisierung für eine bestimmte Epoche oder Richtung?

KJ: Ich freue mich, dass ich mit dem Belcanto auch eine Oper dieses Stils dirigieren kann. Und ich freue mich, wenn ich nicht, ­wie es heutzutage oft üblich ist, als sogenannter “Spezialist” für ein bestimmtes Fachgebiet angesehen werde.  Es gibt ja viele Dirigentenkollegen, die ihr Repertoire,­ sei’s bewusst oder marktbedingt, auf Barock, Mozart, Wagner oder moderne Musik festlegen. Das möchte ich eher nicht. Mir ist es ein Bedürfnis, von Mozart über Beethoven, über die Romantik bis zu zeitgenössischer Musik möglichst viel zu bedienen. Vielleicht auch mal etwas mehr Barock, wobei mir da besonders Bach, einer meiner liebsten Komponisten, mit seinen Oratorien und Passionen am Herzen liegen würde. Wenn man so möchte, bin ich also für nichts ein Spezialist, oder für alles. Ich habe immer Stanley Kubrick als Regisseur bewundert, der in jedem Genre, dass die Filmwelt bietet, künstlerisch gewirkt hat, und das mit hervorragendem Ergebnis und Erfolg. Eine solche Bandbreite des Repertoires ist für mich persönlich nahezu überlebensnotwendig, weil ich mich wahrscheinlich fürchterlich langweilen würde, wenn ich schubladenartig dieselbe Musik dirigieren müsste. Deshalb freue ich mich sehr, dass sich jetzt in meiner ersten Saison als freier Dirigent auch Oper und Konzert schön vermischt. Ich war ja während meines Studiums als Assistent an der Wiener Staatsoper und später als Kapellmeister an der Oper Frankfurt mehr auf Oper fixiert. Dabei ist ursprünglich meine Leidenschaft für die klassische Musik eher an der Konzertmusik entbrannt.

Redakt.: Könnten Sie Ihren Dirigierstil beschreiben?

KJ: Den Stil meines Dirigats versuche ich an das jeweilige Werk anzupassen, das heißt, dass ich einen Mozart niemals wie einen Brahms dirigieren würde. Ich halte es für wichtig, dass die Dirigiertechnik sich dabei ändert, so wie man ja auch vom Orchester erwartet, dass es bei Mozart ganz anders klingt als bei Brahms. Ich dirigiere Mozart für gewöhnlich ohne Taktstock, weil ich eine viel schärfere Klanggebung mit Mozart verbinde, gleichzeitig weniger organisieren und das Orchester zu einem Sich­-Zusammenhören bringen möchte. Bei Brahms kann man natürlich ganz anders im Klang baden und den dirigiere ich mit Taktstock, weil ich so die dunklen Farben seiner Musik besser darzustellen vermag.

Redakt.:  Was dürfen wir in nächster Zukunft von Karsten Januschke erwarten?

KJ: In der kommenden Spielzeit dirigiere ich vermehrt Konzerte, vor allem Repertoire aus der Klassik und der Romantik, etwa Dvoraks “Aus der neuen Welt” oder Schumann-Sinfonien und gebe einige Debüts, z.B. mit dem MDR-Sinfonieorchester im Gewandhaus oder den Bremer Philharmonikern. Auf der Opernbühne leite ich im September eine Neuproduktion von „Le nozze di Figaro“ am Theater St. Gallen. Nach der gemeinsamen “Carmen” aus dieser Spielzeit werde ich auch wieder mit dem Münchner Rundfunkorchester musizieren.

Redakt.: Zum Abschluss noch eine etwas profane Frage: wie verbringen Sie bei all den Proben und Aufführungen Ihre Freizeit hier im Burgenland?

KJ: Zum einen versuche ich zum Ausgleich viel Sport zu machen, dafür eignet sich das Burgenland ganz hervorragend. Beim Joggen in der Natur, vorbei an den vielen Wein-­, Gersten­- und Sonnenblumenfeldern hier, kann man wunderbar abschalten. Und am Neusiedler See leihe ich mir öfter eine Laserjolle aus und gehe segeln. Außerdem lese ich sehr gerne, so etwa war ich tief beeindruckt von dem wunderbaren Buch “Die Glut” von Sándor Márai, das ich gerade verschlungen habe. Zum anderen bin ich leidenschaftlicher Fußballfan und habe versucht, möglichst viel von der Europameisterschaft mitzubekommen. Nun bin ich aber gespannt, wie mein Club FC St. Pauli in die kommende Saison starten wird.

Das Gespräch führte Anton Cupak

 

Bilder (c) Interfoto.at

 

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