PETER GRIMES
- Premiere 7.6.2008
Ob
sich Lars von Trier für sein düsteres Psycho-Epos "Dogville" durch
Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" hat inspirieren lassen wäre eine
wissenschaftliche Analyse wert. Ähnlich ist die beklommende Stimmung in
den doch so unterschiedlichen "geschlossenen Gesellschaften" der beiden
Dörfer und die jeweiligen Dörfler sind sehr schnell mit
Menschenjagd und Lynchjustiz zur Hand wenn es um das Mobben von
Außenseitern geht. Ob es letztendlch Sinn macht einen Filmplot für eine
Operninszenierung zu adaptieren oder doch lieber der Oper zu lassen
oder zu geben was der Oper ist, mag diskutabel sein. Vor allem dann,
wenn wie im jüngsten Fall, grundsätzliche Elemente der Opernhandlung
gekippt werden um den geliebten Film auf die Bühne zu wuchten.
Jungregisseur Lorenzo Fioroni hat es sich und seinen Mitstreitern bei
der Arbeit an der Kasseler Erstaufführung von Brittens Meisterwerk
gewiß nicht einfach gemacht und vieles, vielleicht zuvieles sich und
dem Team abverlangt. In der Erarbeitung geht Fioroni zwar einen nicht
ganz so radikalen Weg, wie sein Regiekollege Stephan Baumgarten an der
Semperoper Dresden, doch auch der Tessiner läuft in eine Sackgasse.
Bigotterie
zeichnet zwar beide Dorfgemeinschaften aus, nur leben die Bewohner des
"Borroughs" an der britischen Nordseeküste aber unter der ständigen
lebensbedrohlichen Angst vor den unberechenbaren Naturgewalten. Sturm
und Springfluten bestimmen den Alltag, das Meer als Lebensspender und
Todbringer. Benjamin Britten schreibt das ausdrücklich in seiner
Partitur, diese Naturgewalten, dieses Element auszuklammern heißt
Gefahr zu laufen der Oper ihren Lebensnerv zu entreißen. Fioroni
gelingt es zwar mit einer klugen Personenführung den Blick auf die
"inneren Gewalten", die das Alltagsleben in diesem Fischernest auch
bestimmen, zu lenken, reduziert die Oper aber schließlich doch "nur"
auf den kriminalistischen Plot. Das ist zwar spannend gemacht und
Fioroni gelingt es die Spannung den ganzen Abend über aufzubauen und
auch zu halten, aber er inszeniert eben "nur" einen Psycho-Krimi im
Handlungsdreieck der markanten Punkte des Dorfes, Pub, Kirche und
Versammlungssaal, für einen Thriller ist es dann doch zu harmlos. Aber
alles was darüber hinausgeht bleibt er uns schuldig. Dabei kommt noch
erschwerend hinzu, daß es zumindest bei der Premiere nicht reibungslos
vonstatten geht, da wirkt doch noch einiges unausgegoren und bedürftig
einiger Nachbesserungen. Soll der Chor im Prolog wirklich nur aus dem
"off" kommen? Gab es keine Verständigungsprobe mit der Tontechnik? Da
schepperte doch einiges zum Gottserbarmen. Daß die Handkamerafahrten
wirkten, als filme eine gymnasiale Film-AG ihr im Kunstunterricht
gebasteltes Märklinmodelldörfchen, zählt ebenso dazu, daß einem die
Arbeit des Teams (Paul Zoller, Bühne und Video; Sabine Blickenstorfer,
Kostüme) recht bitter aufstößt und einen faden Nachgeschmack hinterläßt.
Leider
wirkte auch Patrik Ringborgs Dirigat recht unausgewogen. Mit
ausufernder aber recht wild fahrigem Schlag versucht er bis zum Rande
einer erzwungenen Überforderung aus dem erstaunlich souveränen
Staatsorchester Kassel Expressivität und die Natureruptionen zu
peitschen, die uns die Bühne versagte. Das Ergebnis ist ein recht
unschön klingender Klangbrei, dem man zwar den Mut zum Willen
attestieren möchte, dann aber doch die willfährigen Schludrigkeiten
ankreiden muß, daß es zwischen Bühne und Graben meist ozeantief
klaffte, worunter vor allem der Staatsopernchor (Ltg. Marco Zeiser
Celesti) zu leiden hatte.
Wolfgang
Schmidt, der als bärbeißiger Fischer Peter Grimes bereits an der
Semperoper erfolgreich debütierte, hat sich das Konzept Fioronis wie
eine zweite Haut angepaßt. Schmidt schafft es die Passion des sich vom
unsympathischen Rohling zur hilflosen verzweifelten Kreatur wandelnden
ergreifend darzustellen, ja förmlich zu durchleiden. Dabei wirkt er in
seiner Expressivität noch gereifter als in der schon fulminanten
Leistung seiner Dresdner Interpretation. Die heiklen Stellen, wie die
a-capella Phrasen oder die feine Himmelsvisionserzählung gelingen
Schmidt ebenso souverän, wie sein erschütternder Monolog im dritten Akt.
Hier
gelingt Fioroni vielleicht auch der stärkste Moment seiner Regie, wenn
er dem Verzweifelten als Tröster aber auch als Mahner die beiden toten
Knaben als Vision erscheinen läßt. Kühn ist Fioroni in seiner
Sichtweise des "Gutmenschen" Balstrode, den der Regisseur endlich
einmal vom tradierten Klischee des "guten Onkels" befreit. Warum soll
gerade dieser Mensch unter all diesen verkorksten Existenzen von
selbstgefälligen Heuchlern das reine edle Gute verkörpern? Balstrode
ist hier weiß Gott nicht der irdische Bruder im Geiste eines
Gurnmemanz. Stephen Owen zeichnet diese nach Fioroni zwiespältigste
Figur mit herrischem Bariton, dessen Zuneigung zu Ellen Orford durchaus
nicht gespielt ist, wenn es aber zu brenzlig wird auch diese lieber im
Stich läßt, wie in der sehr starken Kirchenszene die sich zur
bedrohlichen Volksgerichtsszene wandelt. Owen gelingt es auch den
inneren Kampf Balstrodes zu zeigen, wenn er Grimes' Geld in dessen
Hütte entdeckt und sich einverleibt - eine kühne Interpretation
zugegeben aber vom Bariton wie vom Regisseur plausibel gezeichnet. So
bleibt in diesem Sumpf der Niedertracht nur Ellen Orford als einzige
Lichtgestalt, die sich aber letztendlich doch am Tod des zweiten
Lehrjungen wie auch am Untergang Grimes' schuldig macht. Janet Harach
zeichnet das mit unprätentiösem unlarmoyanten Spiel. Dabei hinterläßt
sie mit ihrem makellosen glockenreinen Sopran einen der stärksten
musikalischen Eindrücke des Abends. Zum einen harmoniert ihr Sopran
aufs trefflichste mit dem Heldentenor Schmidt und ihr Monolog gestaltet
sie zu einer fast schon belcantistischen Arie. Stellvertretend für das
in seiner Homogenität vorzügliche Ensemble der
"Borrough-Gemeinschaft"seien genannt, die köstliche Hobby-Detektivin
Mrs Sedley, von Barbara Cramm mit aberwitziger Skurrilität gezeichnet,
der baßgewaltige noble Swallow aus der Kehle Mario Kleins , Janos
Oscoval als tenoral Kantilenensicherer Methodistenmahner Bob Boles und
die harmonischen drei Damen vom Pub, Lona Culmer-Schellbach (Auntie),
Karen Frankenstein (1. Nichte), Nicole Chevalier (2.Nichte). Dankbarer
Applaus für alle.
Dirk Altenaer