In Bayreuth wird die Erinnerung geweckt
Opernfreund-Kritiker Ludwig Steinbach interviewt KATHARINA WAGNER
OF: Liebe
Frau Wagner, Sie sind die Urenkelin des berühmtesten deutschen Komponisten,
nämlich Richard Wagner, dessen künstlerisches Erbe Sie hier in Bayreuth als
Festspielleiterin verwalten. Wie ist es, in die Familie Wagner hineingeboren zu
werden? Bringt das schon in der Kinderzeit eine gewisse Verantwortung mit sich?
KW: Eine
Verantwortung den Bayreuther Festspielen gegenüber hatte ich als Kind natürlich
nicht - und eigentlich auch bis zu meinem dortigen Regiedebüt mit den
„Meistersingern“ nicht. Meine Eltern haben sich stets darum bemüht, mich wie
ein normales Kind zu behandeln. Da spielten unsere Vorfahren genausowenig eine
Rolle wie in anderen Familien. Natürlich waren die Festspiele durch den Beruf
meines Vaters als Festspielleiter in gewisser Weise immer präsent. Aber ebensowenig,
wie Apotheker beispielsweise beim Abendbrot mit ihren Kindern über die Apotheke
reden, wurde bei uns pausenlos über den Festspielbetrieb gesprochen.
OF: Wie
geht man mit dieser ehrenvollen Tradition um? Ist es für Sie nicht anstrengend,
dauernd in der Öffentlichkeit zu stehen? Hat man als eine Wagner überhaupt noch
ein Privatleben?
KW: Man
kann sich dem ja auch in einem gewissen, für einen selber gesunden Maß
entziehen. Und diese Balance gelingt mir doch bisher so gut, dass ich auch noch
einige Momente habe, in denen ich mich voll und ganz meinem Privatleben widmen
kann. Ich werde auch alles dafür tun, dass das so bleibt.
OF: Sie
haben sich in den letzten Jahren zu einer der bedeutendsten Opernregisseurinnen
entwickelt. Sie haben Ihr Metier u. a. bei Ihrem Vater gelernt, dem Sie hier in
Bayreuth auch assistiert haben. Nun hat Wolfgang Wagner aber immer sehr
konventionell inszeniert. Sie dagegen bevorzugen moderne Deutungen und
präsentieren durchweg gut durchdachtes und spannendes Musiktheater. Wie kommt
es, dass sich Ihr Selbstverständnis als Regisseurin so grundsätzlich von der
Regieführungsart Ihres Vaters unterscheidet? Hat seine Arbeitsweise Sie nicht
in irgendeiner Weise geprägt?
KW: Man
muss da ganz konsequent differenzieren zwischen der Sichtweise und dem
Handwerk. Erstere kann man nicht lernen, weil es auf den eigenen Erfahrungen,
der eigenen stilistischen Prägung und dem grundsätzlichen Horizont basiert. Das
Handwerk wiederum muss man erlernen und durch intensive Beobachtung eines in
dem Metier ausgereiften Regisseurs für
sich und seine spezielle Arbeitsweise adaptieren. Das Handwerk habe ich so
gezielt gelernt, meine eigene Bildersprache und Sichtweisen sind dagegen in mir
gewachsen - bei weitem aber nicht nur durch den Einfluss meines Vaters, sondern
auch durch Kollegen wie beispielsweise Harry Kupfer.
OF: Sie
scheinen Ihrem genialen Onkel Wieland Wagner nachzuschlagen, dessen hervorragende
Inszenierungen ich teilweise Anfang der 1980er Jahre in Stuttgart noch erleben
durfte und die einen schweren Eindruck bei mir hinterlassen haben. Sie sind
keine Regisseurin, die sich darauf beschränkt, eine Oper einfach nur mit dem
Reclam-Heft in der Hand in gefälligen Bildern nachzuerzählen. Vielmehr kommt es
Ihnen immer darauf an, die Inhalte der von Ihnen inszenierten Werke zu
hinterfragen und deren innersten Kern freizulegen. Und genau das hat Wieland
Wagner ebenfalls vortrefflich
beherrscht. Insoweit ist Ihre Herangehensweise an die Stücke der seinen sehr
ähnlich. Ist Ihr Onkel Ihnen ein Vorbild? Worin liegen die Gemeinsamkeiten,
worin die Unterschiede bei Ihnen beiden hinsichtlich des Erfassens und
Ausdeutens des geistigen Gehalts der auf die Bühne zu bringenden Werke?
KW: Im
Grunde kann es gar nicht darum gehen, einem anderen Kollegen nachzueifern -
auch oder vor allem, wenn es der eigene Onkel ist. Wenn mich der Beruf der
Regisseurin interessiert und ich ihn ausüben möchte, muss ich mich grundsätzlich
entscheiden, was ich mit einer Produktion sagen möchte. Daher brauche ich auch
immer eine ordentliche Bedenkzeit, wenn mir ein Stück angeboten wird. Ich
beschäftige mich mit der Oper intensiv und frage mich dann: „Was kann ich über
den eigentlichen Stoff hinaus dem Zuschauer noch an die Hand geben und in
meiner Inszenierung als Aussage rüberbringen?“ Und erst wenn ich das
ausführlich genug getan habe, nehme ich eine Regiearbeit an. Ich glaube aber,
dass ich mich da von den Kollegen wenig unterscheide. Möglicherweise gibt es
Unterschiede in der Stringenz der Umsetzung oder auch in der Radikalität einer
das Heute betreffenden Aussage, aber grundsätzlich nehmen wir den Zuschauer
ernst und wollen in ihm etwas bewegen. Und das ist letztendlich unser Hauptanliegen.
OF: Wie
Wieland Wagner im Jahre 1956 haben Sie bei Ihrer ersten Bayreuther Regiearbeit
im Jahre 2007 die „Meistersinger“ ebenfalls gründlich entschlackt. Der frische
Wind, den Sie durch diese heitere Oper wehen ließen, hat gut getan. Dabei huldigten
Sie stark dem Epischen Theater Bertolt Brechts. Gleich ihm verfremdeten Sie das
Altvertraute und forderten das Publikum dazu auf, mitzudenken, das Gesehene
kritisch zu reflektieren und einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Haben Sie
eine besondere Affinität zu Brecht? In
welchem Ausmaß beeinflusst sein Stil Ihre Arbeiten?
KW: Da
muss ich Sie leider enttäuschen. Ich habe gar keine besondere Affinität zu
Brecht und glaube nicht, dass er selbst mit der von Ihnen hergestellten
Verbindung meiner „Meistersinger“-Inszenierung zu seiner Form des Epischen
Theaters einverstanden wäre. Eine unkonventionelle Bildersprache mit etwas -
sagen wir - leicht überspitzten Regieeinfällen macht ja noch keinen V-Effekt.
Bei weitem nicht. Von daher kann man vielleicht sagen, dass ich
selbstverständlich Brecht in seiner Theorie vom Theater allein schon
studienbedingt durchdrungen habe, aber gerade auf dieser Basis meine Produktion
keinesfalls einer Form des Epischen Theaters zurechnen würde. Dafür wird
beispielsweise die Handlung dann doch zu stringent erzählt. Die Figuren
entwickeln sich für mich logisch von Anfang bis zum Ende aus dem Stück heraus.
Es fehlt in meiner Sicht auf die „Meistersinger“ jegliches Episodenhafte. Aber
das alles jetzt genau zu analysieren, ginge doch sicher zu weit.
OF:
Allgemein gefragt: Ist Brecht im modernen Opern- und Theaterbetrieb überhaupt
noch wegzudenken?
KW: Brecht
hat natürlich viel zur (Weiter-) Entwicklung des Theaters und gemeinsam mit
Kurt Weill vor allem auch zur Fortführung und selbstreflektierenden Beleuchtung
der Gattung Oper beigetragen. Ich bin mir sicher, dass wir ohne diese beiden
nicht da wären, wo wir uns glücklicherweise zumindest hier in Deutschland heute
rezeptionsgeschichtlich befinden.
OF: Ein
absolutes Novum war Ihre Sicht des Beckmesser, den Sie zum Hoffnungsträger, zum
Wegbereiter einer neuen, zeitgenössischen Kunst und damit zum eigentlichen
Helden der „Meistersinger“ machten. Bereits Ihr Onkel und ihr Vater haben in
ihren Inszenierungen den Stadtschreiber stark aufgewertet und deutlich gemacht,
dass er durchaus keine lächerliche Karikatur ist, sondern ein ernstzunehmender
Charakter. Glauben Sie, dass Ihre Interpretation Beckmessers als Held die
Spitze der Deutungsmöglichkeiten dieses Menschen - ich sage bewusst MENSCH -
darstellt? Ist eine noch positivere Sicht des Stadtschreibers überhaupt noch
möglich?
KW: Ich
kann Ihnen natürlich nicht sagen, wie andere Kollegen nach mir in ihren
Produktionen den Beckmesser deuten werden. Womöglich ist da noch mehr drin.
Aber Sie haben das schon richtig beobachtet. Beckmesser ist für mich eine der
spannendsten Figuren des Stücks, die in dauerhaftem Konträr zu Stolzing steht.
Beide entwickeln sich gegensätzlich und treffen sich ungefähr in der Mitte.
Letztendlich ist Beckmesser der befreite Künstler, der die Kunst den Regeln
voranstellt, während Stolzing sich ganz dem Allgemeingeschmack unterworfen und
die Kunst damit in gewisser Weise sogar verraten hat.
OF: Früher
wurde der Beckmesser immer von Bass-Buffos verkörpert. Wieland Wagner eröffnete
ihn den lyrischen Baritonen, die sich inzwischen in der Partie fest etabliert
haben. In Bayreuth sang in den letzten Jahren der junge Adrian Eröd, der in
Wien auch ein trefflicher Loge war, diese Rolle sehr erfolgreich. Nicht nur
darstellerisch, auch stimmlich hat er mit seinem tenoral anmutenden Bariton Ihr Konzept
glänzend erfüllt. Sein heller Stimmtyp hat hervorragend mit Ihrer
Interpretation der Figur harmoniert. Könnten Sie sich vorstellen, die Linie,
die Ihr Onkel im Jahre 1956 begonnen hat, fortzuführen und den Beckmesser mit
einem echten Tenor zu besetzen? Halten Sie es für möglich, dass sich auch
Tenöre in dieser Partie auf Dauer etablieren können?
KW: Sehen
Sie, mir ist wichtig, dass ein Sänger die Rolle ausfüllt, sowohl stimmlich als
auch szenisch. Wenn das dann auch noch vom Publikum goutiert wird, bestens! Da
ist es für mich eher von geringerer Bedeutung, ob er ein Bass-Buffo oder ein
Tenor ist. Das Ergebnis zählt - wie immer in der Kunst.
OF: Noch
in anderer Hinsicht kommt Ihrer Bayreuther „Meistersinger“-Inszenierung
essentielle Bedeutung zu, nämlich als Brücke der Jetztzeit zur jüngeren
Vergangenheit. Wenn sich Sachs im Festwiesenbild an der Verbrennung eines
modernen Regieteams beteiligt, beschwören Sie damit nachhaltig die Erinnerung
an das schwärzeste Kapitel in der Geschichte der Bayreuther Festspiele herauf,
nämlich ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus. Das ist der springende
Punkt: Erinnerung. Lange Zeit war man in Bayreuth nachhaltig darauf bedacht,
die Erinnerung an die NS-Zeit zu verdängen. Sie aber haben mit dieser Szene
bewusst den diametralen Weg eingeschlagen, was ich persönlich sehr mutig und
lobenswert fand. Sind Sie der Ansicht, dass sich Bayreuth der Verantwortung vor
seiner eigenen Geschichte stellen muss, auch wenn diese, wie im konkreten Fall,
fragwürdiger Natur ist?
KW:
Natürlich spielt gerade bei der Interpretation der „Meistersinger“ die
Rezeptionsgeschichte eine wesentliche Rolle - vor allem in Bayreuth. Sicherlich
wäre meine Interpretation dieser Oper an einem anderen Ort anders ausgefallen -
schon allein auf der Tatsache beruhend, dass ich in Bayreuth beim Publikum eine
stärkere Kenntnis des Werks voraussetzen kann als bei vielen anderen
Opernhäusern der Welt. In Bayreuth war es für mich wichtig, die „Meistersinger“
genau so zu präsentieren, wie ich es getan habe. Und so stehe ich auch heute,
im fünften Jahr der Inszenierung, voll und ganz hinter dem, was wir uns damals
im Team dazu haben einfallen lassen. Dass dazu auch gehört, dass wir uns auf
verantwortungsvolle Weise der Vergangenheit des Stücks und somit auch
zwangsläufig derjenigen der Bayreuther Festspiele stellen müssen, versteht sich
für mich von selbst.
OF: Es war
insbesondere das oben erwähnte Bild, das im Premierenjahr 2007 die Gemüter
stark erhitzte und sehr kontrovers diskutiert wurde. Haben Sie damals mit
solchen Reaktionen gerechnet? Wollten Sie mit dieser Szene bewusst die
Diskussion um die Rolle Bayreuths im Dritten Reich wieder ankurbeln?
KW: Dazu
ist zunächst einmal eines festzuhalten: Ich inszeniere nicht, um zu provozieren
oder Gemüter zu erhitzen. Ich inszeniere aus dem Stück heraus, was ich darin
sehe und wie es in der Veränderung auch aus Sicht der eigenen
Rezeptionsgeschichte für das Hier und Jetzt noch etwas zu sagen hat. Welchen
besonderen Aspekt sich jeder einzelne dabei aussucht, um in eine auf den Besuch
der Aufführung folgende Diskussion einzusteigen, ist jedem selbst überlassen.
Es gibt da ja auch noch genug andere Anknüpfungspunkte in meiner Inszenierung -
das kann man für mich nicht nur auf den Aspekt der Rolle des Werkes im Dritten
Reich beschränken. Das wäre auch viel zu wenig. Da gibt es den Gedanken des
allgemeinen Kunstdiskurses, der in der Oper viel essentieller ist. Was ist
Kunst überhaupt? Wer definiert, was Kunst ist? Und was kann Kunst im Betrachter
bewirken? Aber ich gebe Ihnen natürlich Recht darin, dass auch der Umgang mit
der eigenen Geschichte ein Gedanke ist, der von nicht geringer Bedeutung für
unsere Interpretation war und ist. Aber grundsätzlich zählt für mich die Idee,
dass man über meine Produktion nachdenken und diskutieren kann, viel mehr als
der eigentlich gewählte Aspekt der Interpretation, den man bei einer
anschließenden fortführenden inhaltlichen Auseinandersetzung für sich gewählt
hat.
OF: Schon
Richard Wagner war sich der Existenz von Berührungspunkten zwischen Kunst und
Politik voll bewusst. Sein Gesamtkunstwerk enthält zahlreiche politische
Anspielungen. Das trifft insbesondere auf den „Ring“ zu, mit dem er 1876 die Bayreuther
Festspiele eröffnete. Kann es sein, dass Wagner seine Festspiele auch als Forum
für die Verbreitung seiner politischen Überzeugungen nutzen wollte?
KW: Fakt
ist, dass in den Schriften meines Urgroßvaters unzählige unterschiedliche, auch
konträre Aussagen zu politischen Gedanken und Überzeugungen zu finden sind. Inwieweit
er eine davon bei seinen Festspielen in den Vordergrund rücken wollte, liegt
aber außerhalb meines Bewertungshorizontes.
OF: Das
Motto von Neu-Bayreuth war seit 1951 immer „Hier gilt’s der Kunst“. Damals
baten Ihr Vater und Ihr Onkel „im Interesse einer reibungslosen Durchführung
der Festspiele von Diskussionen politischer Art auf dem Hügel abzusehen“. Haben
Sie die Absicht, dieses Prinzip fortzusetzen oder ist Ihnen daran gelegen, wieder
eine politische Komponente in die Diskussion um Bayreuth einzubringen?
KW: Eines
ist sicher: Hier gilt es immer noch vornehmlich der Kunst. Wenn aus diesem
Gedanken auch eine politische Diskussionskomponente entsteht, werden wir
natürlich nichts unternehmen, um diese zu unterbinden. Es zählt, was ein
Regisseur zu der von ihm in Szene gesetzten Oper zu sagen hat. Das muss in sich
schlüssig, glaubwürdig und gut sein. Der Rest ergibt sich dann ganz von selbst
und wird weder forciert noch unterbunden.
OF: Der
Kritiker Claus-Henning Bachmann, der die Festspiele seit 1951 regelmäßig
besuchte, hat das Wesen von Neu-Bayreuth einmal als „Versuch einer
Avantgarde-Utopie, praktiziert als Verdrängung von Erinnerung“ beschrieben.
Jetzt hat sich die Situation geändert: Mit Ihrer Produktion der „Meistersinger“
haben Sie die Erinnerung wieder geweckt und, dem Trend unserer Zeit folgend,
damit zum Ausdruck gebracht, dass auch die Bayreuther Festspiele jeglichem
Vergessen einen Riegel vorschieben wollen. Was denken Sie: Muss man den Begriff
„Bayreuth“ jetzt neu definieren? Ist es unter diesen Voraussetzungen vielleicht
gerechtfertigt, von einem „Neuen Neu-Bayreuth“ zu sprechen?
KW: Ich
glaube nicht, dass man jetzt zwanghaft eine neue Begrifflichkeit bemühen muss, um
das zu charakterisieren, wohin sich Bayreuth in den vergangenen Jahren entwickelt
hat: Zu einem Opernzentrum mit spannenden, mitunter auch kontroversen, aber
stets in allen Bereichen der höchsten Qualität verschriebenen Inszenierungen.
Die Bayreuther Festspiele waren immer die Bayreuther Festspiele und werden es
immer bleiben.
OF: Ist
eine Neudefinition des Begriffs „Bayreuth“ nicht schon deshalb angebracht, weil
die Festspiele im Jubiläumsjahr 2013 in einer Kooperation mit der Oper Leipzig
auch die drei „Jugendsünden“ Wagners „Die Feen“, „Das Liebesverbot“ und
„Rienzi“ aufführen werden, was eine ganz wesentliche Abweichung von Wagners
Konzeption der Festspiele bedeutet?
Erweiterung des Bayreuther Werkekanons um die von Wagner für Bayreuth
verworfenen frühen Opern und Zusammenarbeit mit einem normalen Opernhaus: Wie
verträgt sich das mit der ursprünglichen Festspielidee Ihres Urgroßvaters?
KW: Es
handelt sich bei den Frühwerken um eine einmalige Ergänzung der Festspiele zum
Wagner-Jahr als Geschenk an die Bayreuther und die Wagnerfans in aller Welt.
Sie werden nicht im Festspielhaus und auch zeitlich nicht während der
eigentlichen Festspiele in Bayreuth gezeigt. Die ursprüngliche Festspielkonzeption
meines Urgroßvaters wird also im Grunde gar nicht tangiert. Und das haben wir
auch in Zukunft nicht vor.
OF: Vom
äußeren Erscheinungsbild her haben Sie und Ihre Schwester Eva Wagner-Pasquier
die Festspiele einer leichten Modifikation unterzogen, indem Sie z. B. das
Public Viewing mit Live-Übertragungen von Festspielaufführungen auf einen
Bayreuther Platz einführten sowie das Projekt „Richard Wagner für Kinder“
starteten. Wäre das im Sinne Richard Wagners gewesen?
KW: Ich
bin der festen Überzeugung, dass alles, was seine Musikdramen einer breiteren
Masse zugänglich macht und auch in jungen Jahren ein Verständnis für die
eigenen Werke weckt, für Richard Wagner eine große Genugtuung gewesen wäre. Es
ist vielleicht anmaßend, das zu behaupten, aber er hätte es vermutlich nicht
anders gemacht.
OF: Wobei
es sicherlich kein Fehler ist, Kinder auf solche Weise an das Werk Wagners
heranzuführen. Ich habe den Eindruck, dass Ihnen der Publikumsnachwuchs sehr am
Herzen liegt. Das belegt nicht zuletzt die „Hänsel und Gretel“-CD in der von
dem Label DECCA ins Leben gerufenen Hörspielreihe „Der kleine Hörsaal“, auf der
Sie die mitwirkenden Kinder mit großem Einfühlungsvermögen in die
Inszenierungspraxis einführen, ihnen moderne Sichtweisen nahe bringen und auch
einen kleinen Ausflug zu Wagner mit ihnen unternehmen. Hat Ihnen das Spaß
gemacht? Wären Sie auch für weitere derartige Projekte zu haben? Wollen Sie so
ein zeitgenössischen Sichtweisen aufgeschlossenes Publikum heranziehen?
KW: Es war
nicht nur eine große Freude, sondern vor allem eine große Herausforderung, mit
Kindern über den Beruf des Regisseurs zu sprechen. Von daher bin ich solchen
Projekten gegenüber immer aufgeschlossen. Das erstaunlichste für mich war, dass
die Kinder beim „Kleinen Hörsaal“ eine viel abgeklärtere und in diesem Sinne
auch unverdorben zeitgemäße Sicht auf Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“
hatten. Ich glaube, wenn wir es schaffen, diese freie Sichtweise auch auf eine
Interpretation zu fördern und zu bewahren, dann brauchen wir uns um das
Publikum von morgen keine Sorgen zu machen. Und um nichts anderes kann es bei
dieser Form der Nachwuchsförderung gehen.
OF: Sind
Sie der Ansicht, dass das heutige Publikum zu konventionell eingestellt ist und
zum Fortschritt erzogen werden muss?
KW: Es
gibt ja im Grunde nicht das eine Publikum. Jeder einzelne hat seine eigene
Sichtweise auf eine Inszenierung. Der eine kann mal mehr und mal weniger mit
der Interpretation des Regisseurs anfangen. Zu viele Faktoren tragen einfach
zum Verständnis und zur Durchdringung eines Werkes in einer bestimmten
Interpretation bei. Da wird man nie auf einen Nenner mit jedem einzelnen im
Auditorium kommen. Von Erziehung kann hier also gar keine Rede sein. Vielmehr
von der Weckung der Neugier eines jeden einzelnen in der Hoffnung, in immer
mehr Zuschauern eine gewisse Offenheit auch einer neuartigen Interpretation
eines jahrhundertealten Werkes gegenüber hervorzurufen. Denn nur dann kann ein
Opernbesuch auch die Basis einer fundierten Debatte sein.
OF: Frau Wagner - wir danken Ihnen herzlich für das Interview.