DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Manon

Eine unmögliche Liebe

Der Stoff, der bis in unsere Zeit (Hans-Werner Henze 1950) Tonsetzer zu Musikwerken angeregt hat, ist schon fast dreihundert Jahre alt. 1731 erzählt ein französischer Schriftsteller des Barock erstmals die Geschichte von dem lebensgierigen Kindweib Manon Lescaut, die einen Adeligen ins Verderben reißt. Auch wenn sich der handlungsarme Stoff nur bedingt zur Umsetzung in eine Oper eignet, haben   sich im 19. Jahrhundert Auber, Massenet und Puccini daran versucht. Den durchschlagendsten Erfolg hatte dabei der Letztgenannte. Dass aber auch Massenet ein großartiges Werk geschaffen hat, zeigt jetzt die Kieler Oper in einer Fassung der hier bereits aus mehreren Regiearbeiten wohl bekannten Regisseurin Sivlana Schröder. Und weil die die Handlung in unsere Zeit verlegt, hat dafür der Erste Kapellmeister Leo Siberski für eine Szene des ersten Bildes des dritten Aktes sogar eine neue Musik entworfen, die von Peer Baierlein umgesetzt wird.

 

Eigentlich geschieht auf der Bühne nicht viel: Die lebenslustige Manon (Ekaterina Isachenko alternierend mit Susan Gouthro) soll ins Kloster geschickt werden. Ihr Vetter (Tomohiro Takada) soll sie abholen. Weil er eben mal ein Spielchen mit zwei Gendarmen machen will, lässt er sie auf dem Bahnsteigen sitzen, wo sie dem Chevalier des Grieux (Yoonki Baek) begegnet. Der ist eigentlich auf dem Wege zu seinem Vater, wittert aber ein Abenteuer und willigt ein, mit Manon zusammen in Paris zu leben. Operngemäß recht ärmlich, weshalb sein Vater (Petros Magoulas) ihn entführen lässt. Diese Erlebnisse erschüttern den jungen Mann derart, dass er ins Kloster gehen will – wovor Manon ihn bewahrt. Das nötige Klein- und Großgeld für das künftige gemeinsame Leben soll beim Spiel im Hotel Transsylvanie ergattert und ergaunert werden. Ein sich betrogenen wähnender Mitspieler Guillot de Marfotaine (Fred Hofmann) ruft die Polizei. Manon wird abgeführt und die angetrunkenen Gendarmen verunglücken mit ihrer Gefangenen. Die ist tödlich verletzt und sie und ihr Liebhaber nehmen – wie sich das für eine Oper gehört – ergreifend Abschied.

Die Regisseurin Silvana Schröder stellt das Geschehen – dem der Komponist eine eindrucksvolle Musiksprache verliehen hat – mit Hilfe ihres Ausstatters Andreas Auerbach in bunte Bilder, immer bestrebt um lebhaftes Geschehen. Chor und eine umfangreiche Statisterie – die Chordirektorin hat das Programmheft vergessen –bieten großartige Bilder und sind gesanglich überaus präsent. Das aber gilt an diesem Abend vor allem für die Männerstimmen, die mit viel Glanz daher kommen. Ekaterina Isachenko ist als Manon darstellerisch wie sängerisch großartig. Ihre Sterbeszene erschüttert.

Das Kieler Premierenpublikum – in dessen Reihen ohnehin ungewöhnlich große Lücken klaffen. ist von dieser eindrucksvollen Leistung nur mäßig beeinruckt. Nur ein einziger zaghafter Versuch zu Szenenbeifall. Der Schlussbeifall ist gemessen und ungewöhnlich kurz.

Horst Schinzel

 

LOHENGRIN

Entmythologisierter „Lohengrin“

Richard Wagners „Lohengrin“ in Kiel  - selbst Stammgäste des dortigen Opernhauses können sich nicht an eine Inszenierung im letzten Vierteljahrhundert erinnern. Entsprechend groß ist die Erwartung an dieses Inszenierung, für die Georg Köhl verantwortlich zeichnet. Verantwortlich für ein Märchen aus fernen Zeiten, das er zusammen mit dem Bühnenbildner Norbert Ziermann und der Kostümbildnerin Claudia Spielmann in ein modernes Umfeld stellt.

Copyright aller Bilder: Oper Kiel

Mit der Geschichte, die uns Richard Wagner erzählt, setzt der Komponist  erhebliche Geschichtskenntnisse bei seinen Zuschauern voraus – Kenntnisse, die der „normale“ Opernbesucher kaum mehr hat. Der deutsche König Heinrich der Vogler – der zu Beginn des 10. Jahrhunderts regierte – ist nach Brabant gekommen, um den Heerbann der Grafschaft für einen Feldzug gegen die Ungarn auszugeben. Dabei muss er feststellen, dass die Grafschaft kurz vor einem Bürgerkrieg steht. Der Graf ist verschwunden, und seine Schwester Elsa wird des Brudermordes bezichtigt, Graf Telramund strebt nach der Macht. Elsa aber träumt von einem gottgesandten Helfer.
Vor diesem Hintergrund ha die Regie Wagner kräftig gegen den Strich gebürstet. Lohengrin und der Heerrufer mit Brille,  ein Winkelemente schwenkendes und Transparente ausrollendes brabantisches Volk, das sich auf offener Szene in Fantasieuniformen umkleidendes Heer, ein sich selbst entleibender Lohengrin – das ist allemal  gewöhnungsbedürftig.  Gewöhnungsbedürftig auch, dass der stimmlich sehr erfreuliche König des Petros Magoulas in Maske und Aufmachung zur lächerlichen Figur wird und der Heerrufer des Tomohiro Takada wenig ehrfurchtgebietend ständig durch das Volk wuselt und von Zeit zu Zeit dem König aus einer Aktentasche offenbar wichtige Reichspapiere vorlegt. Das alles goutiert dem einen oder anderen Zuschauer durchaus nicht und in den Schlussbeifall mischen sich zaghafte Buhrufe gegen Chor und die Ortrud der Alexandra Petersamer.

Wenn der Abend zu einem großen Erlebnis wird, dann dank der großartigen Gäste. Sung-Kyu Park haben wir in Kiel schon mehrfach in fremdsprachigen Rollen erlebt. Jetzt also muss er Deutsch singen – und das tut er ohne Fehl und Tadel. Eine saubere Aussprache und überraschende Betonungen, die durchaus Sinn machen. Auch die beiden weiblichen Hauptrollen sind mit Gästen besetzt. Die noch junge Katrin Adel als Elsa und Alexandra Petersamer als Ortrud gelten als Spezialistinnen für Wagnerrollen. Beide sind freischaffend tätig, wobei Katrin Adel von der kommenden Spielzeit an in St. Gallen verpflichtet ist. Vor allem das lange Duett der beiden Protagonistinnen im zweiten Akt wird zu einem eindrucksvollen Erlebnis.

Große Aufgaben hat an diesem  Abend der von Barbara Klier einstudierte Chor. Dem Regisseur sind großartige Massenszenen gelungen, doch dürfte hier Vieles kaum dem Geschmack eines überzeugten Wagner-Fans entsprechen. Das Philharmonische Orchester unter Generalmusikdirektor Georg Fritzsch leistet Herausragendes.

Das Premierenpublikum hält tapfer 4 ½ Stunden durch und feiert Sänger wie Regie stürmisch.

Horst Schinzel



Weitere Aufführungen

18. Februar, 12. März, jeweils 17 Uhr, 24. März, 18 Uhr  


 

 

HELLO DOLLY

Broadway - Glanz am Kleinen Kiel

Premiere: 5.11.2011

Entertainment at it's best, nicht am Broadway oder Berlin, sondern in Schleswig- Holstein, im Opernhaus Kiel. Hier hatte das Musical „Hello, Dolly“ von Jerry Herman seine umjubelte Premiere.

Olaf Strieb, der in der letzten Saison mit grossem Erfolg bei „Crazy for you“ in Kiel Regie führte, kehrte nun zurück mit Veronika Lindner (Kostueme) und Diana Paehler (Buehne).

Schon die wundervolle Ouvertüre riss mit, der Dirigent Michael Nuendel liess die Kieler Philharmoniker schmissig Marsch, Foxtrott, Walzer und Swing spielen, als täten sie das jeden Abend. Es war ein einziges Vergnügen, dem Orchester zuzuhören, das die jazzigen Anteile der Musik in perfekter Vaudeville- Art herauskitzelte und sich auch nicht vor Gefühl scheute.

Olaf Strieb zeigt das Musical als Revue, im positiven Sinn „altmodisch“, ohne verstörende Aktualisierung. Das Musical wird in seiner Zeit gelassen, auch in seiner Umgebung:New York. Ein grosses Treppengestell stellt den Bahnhof dar, dann das Geschäft von Horace Vandergelder und eine Strasse in New York. Das wird blitzschnell verändert, ohne störende Umbaupausen.

Seit dieser Spielzeit hat die Oper Kiel endlich wieder ein eigenes Ballettensemble, das sich auch für Musical nicht zu schade ist und ein Riesengewinn für die Show war.

Schien es im ersten Teil des Abends noch am richtigen Timing zu hapern, ging im 2. Akt so richtig die Post ab!

Heike Wittlieb, seit 1995 Ensemblemitglied, die Sophie im „Rosenkavalier“, die Guiletta in „Hoffmanns Erzählungen“ und in diversen anderen Rollen zu sehen, jetzt als Dolly Levi. Das Frau Wittlieb gut bei Stimme ist, steht ausser Frage, doch wie sie diese Dolly spielte und tanzte, war eine Klasse für sich. Grosser Beifall für eine grosse Leistung!

Ihr griesgrämiger Widerpart, der alte Hagestolz Horace Vandergelder, wurde von Jörg Sabrowsi, unvergessen im legendären Kieler „Ring“ (von Kirsten Harms) gespielt und er bewies auch im Musical-Fach sein Können.

Ein Musical, wie geschaffen für die Silvester- Vorstellung, inklusive Konfetti- Bomben!

Claus Brandt

 

HELLO DOLLY

Großer Erfolg nach müdem Beginn

Ohne Zweifel – diese Neuinszenierung von Jery Hermans 1964 am Broadway uraufgeführtem Musical „Hello Dolly“ nach einer Komödie von Thornton Wilder am Kieler Opernhaus ist ein beachtlicher Erfolg. Wozu eine geschickte Applausordnung das Ihre beiträgt. Und doch hinterlässt Olaf Striebs Inszenierung einen zwiespältigen Eindruck. Auf weite Strecken hat er mit dem Stück seine liebe Not. Fast eine Stunde – von 160 Minuten der Gesamtaufführung – kommt nur gepflegte Langeweile über die Rampe. Witzige Dialoge und Situationskomik . damit sind Musicalbesucher nicht unbedingt zufrieden. So bleiben nach der Pause etliche Stühle leer. Wer gegangen ist, hat allerdings den eigentlichen Pfiff dieses Abends verpasst 

Denn mit dem Schluss des ersten Aktes – Dollys Ankunft in New York und der Parade zum Unabhängigkeitstag auf der 14. Straße – bekommt der Regisseur die Kurve, und das Stück wird spannend und lebensvoll. Und diese Diive kann Olaf Strieb dann bis zum Schluss durchhalten. Sehr zur zunehmenden Begeisterung des Premierenpublikums.

Copyright: alle Bilder Theater Kiel

Die Aufführung lebt von großartigen Massenszenen, an denen erstmals seit langem auch das Ballett (Choregrafie Jochen Schmidtke) beteiligt ist. Das stand in der Vergangenheit für Musicals und Operetten nicht zur Verfügung. Die neuen Ballettchefs Yaroslav Ivanenko und Heather Jurgensen haben das glücklicherweise keine Berührungsängste. Getragen werden diese Massenszenen auch vom Chor, auch wenn man dem gelegentlich anmerkt, dass mitten in den Vorbereitungen der langjährige Chordirektor David Maiwald abgelöst worden und durch Barbara Kier ersetzt worden ist. Er wie Tänzer und Solisten agieren in den farbenprächtigen Kostümen von Veronika Lindner, während das Einheitsbühnenbild – ohne Treppen geht es ja wohl nicht mehr – von Diana Pähler es dem Zuschauer schwer macht, die Handlungsorte zu assoziieren.

Eine arg verwirrende Handlung von der Heiratsvermittlerin Dolly Levi, dem Großkaufmann Horace Vandergelder, seinen Gehilfen, Modistinnen und allerlei anderem Volk, das aus einem Provinzkaff nach New York aufbricht, um dort das wahre Leben zu suchen. Großartig Heike Wittlieb in der Titelrolle, die sie bezaubernd zu geben weiß. Sie singt, spielt und tanzt hinreizend. Jörg Sabrowski

als Horace Vandergelder steht ihr nur wenig nach. Dass er über weite Strecken arg steif wirkt, ist sicher der Rolle geschuldet. Großartig sind auch die vielen andseren Rollen – meist mit Gästen – besetzt. Gäste Katharina Abt und Frank Logemann – sollen auch in den kommenden Aufführungen die beiden Hauptrollen übernehmen. Besser machen können sie es kaum….

Am Pult steht der auf solche Spezialaufgaben inzwischen versierte Michael Nündel. Das Philharmonische Orchester kommt mit der jazzigen Musik prächtig zurecht, und so kann er den großen Apparat mühelose zusammenhalten. Und der berühmte Funke springt dann irgendwie über. Zu Szenenapplaus und lang anhaltendem Schlussbeifall.

Horst Schinzel

Weitere Aufführungen: 12. und 25. November, jeweils 20 Uhr.

 

I LOMBARDI

besuchte Aufführung am 21.10.11

Bilder bitte runterscrollen!

Ein seltener Gast auf den Bühnen ist Verdis Frühwerk "Die Lombarden", wenn dann meistens konzertant, so erstaunlicher und mutiger die Oper Kiel, die zur Spielzeiteröffnung sich dieses schwierigen Werkes annahm. Schwierig, weil die kolportagehafte Dramaturgie lediglich Schlaglichte auf einzelne, dramatische Szenen wirft, "Troubadour" oder "Macht des Schicksals" wirken wie ein Ausbund an Schlüssigkeit dagegen. Musikalisch schlummert manche Preziose in der Partitur, die erst in späteren Werken richtig ausgebrütet wird.

Wenn sich der Vorhang öffnet blickt man auf einen imposanten, romanischen Kirchenraum (durchaus in Anspielung auf die Erlöserkirche in Jerusalem), Dorit Lievenbrücks Raum kann durch wenig Änderungen geschickt in einen muslimischen Raum verwandelt werden, Ordensangehörige betreten den Raum, die Protagonisten im Vordergrund streifen die Kutten ab, in mittelalterlich stilisierten Kostümen (ebenfalls Lievenbrück) läßt Regisseur Uwe Schwarz die Handlung gleich einem Mysterienspiel in schön beleuchteten Räumen ablaufen. Das funktioniert in gediegener Ästhetik gut, geriert jedoch eine konzertante Aufführung mit Ausstattung. Überraschend wenn nach der Pause ein echter Einfall, den Jerusalem-Chor als dezent inszeniertes Gerangel von diversen Christengruppen in der Erlöserkirche (, was ja heutige Realität ist, ) einschließlich israelischer Security zu geben. Überhaupt wird die Szene moderner und parallelisiert Opernhandlung mit heutigem Leben. Wenn das Spiel am Schluß endet, sagen an der Rampe stehende Särge, das religiöser Fanatismus nur Verlierer hinterläßt. Dem Zuschauer bleibt es überlassen, den Abend kulinarisch zu erleben oder über das Gesehene nachzudenken, was kein schlechtes Fazit ist.

Schwierig bleibt das Werk, weil eigentlich alle Protagonisten eher unsympathisch sind, außer dem christlich-islamischen Liebespaar, so gibt es wenig Identifizierungsmöglichkeiten des Zuschauers. Gerade in der heiklen Partie der Giselda, als einzige wahrhaft dem christlichen Denken und Glauben (jedenfalls meistens) verpflichtet, zeigte Agnieszka Hauzer deutliche Defizite mit einer mühevoll gestemmten Höhe und wackelig genommenen Koloraturen, nach einer Indispositionsankündigung in der Pause wirkte ihre Leistung ausgeglichener, so sei eine Bewertung eigentlich nicht möglich, der Sängerin der Dank für das Durchhalten und die Rettung der Vorstellung gewiß.

Der muslimische Liebhaber Oronte wurde mit schönen Tenor von Yoonki Baek gesungen, jedoch sei dem hoffnungvollen Tenor noch ans Herz gelegt seine Meriten im lyrischen Fach zu suchen, diese bereits heroisch angelegte Verdi-Partie kommt etwas zu früh. Fred Hoffmann als Arvino (Giseldas Vater) dagegen besitzt den nötigen Heldentenor und bringt seine Stimme mit enormem Aplomb in dieser ungewöhnlich mit Tenor besetzten Vaterpartie, einer der ersten bei Verdi so wichtigen Rollenvertretern, zur Geltung. Der Bösewicht Pagano, sein meuchlerischer Bruder, der sich zum reuigen Sünder entwickelt, liegt mit edlem Belcanto-Gesang bei Petros Magoulas goldrichtig, sein viriler Bariton steigert sich immer weiter im Laufe des Abends. Sämtliche kleineren Partien sind gut durch das Kieler Ensemble abgedeckt. Besonders hervorzuheben der klangvolle und stilistisch grandiose Chor und Extrachor des Theaters Kiel, dem bei frühem Verdi eine bedeutende Aufgabe zufällt.

Doch was wäre das Alles, ohne die ungemein differentierte Leitung des glänzend disponierten Philharmonischen Orchesters Kiel unter Leo Siberski, der den manchmal recht floskelhaften, frühen Verdi in jeder Note ernst nimmt und zur bestmöglichen Geltung bringt. Besondere Erwähnung des Geigers Maximilian Lohse, dem nahezu ein vollstängier Satz eines romantischen Violinkonzertes in seinem Solo traumhaft gelingt.

Das ausverkaufte Haus bei einer solchen Rarität, der begeisterte Applaus des Kieler Publikums, geben der Opernleitung hoffentlich Mut, nach einer Konsolidierung der Zuschauerstruktur über einen recht konventionellen Spielplan der letzten Jahre, Raritäten anzusetzen und die Zuschauer auf Unbekanntes neigierig zu machen.

Martin Freitag

 

I LOMBARDI

alla prima Crociata

Premiere:24.09.11

Besuchte Vorstellung: 22.10.11

Gelungene Ausgrabung

Man mag es kaum glauben: Seit 1845 wurde Verdis Oper „ Lombardi alla prima Crociata“ in Deutschland nicht szenisch aufgeführt! Das hat jetzt das Opernhaus Kiel getan und der Mut, die Spielzeit mit einem unbekannten Werk zu beginnen, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Risiken, die damit verbunden sind, zeigten sich bei der zweiten Vorstellung: Kyung- Sik Woo, der den Pirro gab, wurde angesagt mit fiebriger Erkältung, vor dem dritten Akt wurde Agnieszka Hauzer, die die mörderische Partie der Giselda sang, als ebenfalls erkältet entschuldigt. Eine Zweitbesetzung ist in ganz Deutschland nicht aufzutreiben! Das schadete aber dem wundervollen Abend ganz und gar nicht!

Ich räume ein, mir war Inhalt und Musik gänzlich unbekannt. Beschäftigt man sich intensiv mit dieser Oper, stösst man immer unisono auf Kritikpunkte, die Libretto und Musik betreffen: das Libretto zu abstrus, die Musik uneinheitlich und höchstens konzertant wegen diverser Arien zu geniessen. Diese Vorurteile hat die Oper Kiel temperamentvoll vom Tisch gefegt! Unter uns:Finden Sie „Il Trovatore“ logisch? Geht man wegen der Handlung in diese Oper? 

Zwei Brüder lieben eine Frau,der Versuch, den Bruder zu ermorden, endet in Vatermord. Jahre später, der Vatermörder lebt in Jerusalem als Eremit, kommt es zum Showdown zwischen den Brüdern. Grossen Anteil hat daran Giselda, die Tochter Arvinos, die gefangen wurde und sich in Oronte, einen Muslim verliebt.

Copyright aller Bilder: Oper Kiel

Was frappiernd ist: Liest man intensiv die Uebertitel, fühlt man sich in einen Dokumentarbericht des „Auslandsjournals“ versetzt, so aktuell, leider, ist immer noch die Handlung. Der Regisseur Uwe Schwarz, der den Kielern eine gekonnt- provokative „Aida“ schenkte, kam auf den genialen Trick, die Oper als Mysterienspiel in der Grabeskirche Jerusalem spielen zu lassen. Das schafft nötigen Abstand, andererseits auch Spielraum für intensive Szenen. Dorit Lievenbrück (Bühne und Kostüme) hat ein wirklich imposantes Bühnenbild geschaffen, den inneren Bereich einer Kirche. Dies und die, im positiven Sinne, traditionellen Kostüme, sind eine wahre Augenweide. Geglückt ist auch der Einfall, zwischen den kurzen Umbauphasen einen Vorhang herunter zu lassen mit der Aufschrift „Deus lo vult“, Gott will es. Auf den Vorhang werden Bilder mit biblischen Motiven projiziert. Ein Sonderlob gebührt dem Kieler Opernchor, der in dieser Oper extrem gefordert wird. Die Preisung der Stadt Jerusalem im 3. Akt kann es leicht mit dem Gefangenenchor aufnehmen. David Maiwald kitzelt mit dem wundervollen Chor alle Feinheiten der Partie heraus. Eine grossartige Leistung!

Agnieszka Hauser ist trotz Erkältung eine Idealbesetzung der Giselda, hochdramatisch und extrem gefühlvoll in den lyrischen Passagen. Petros Magoulas, einer der Kieler Lieblinge, singt und spielt den Mörder Pagano stimmgewaltig und überzeugend. Yoonki Baek (Oronte) wurde vom Publikum beim Schlussapplaus gefeiert und mit Bravos überhäuft, Lohn für eine überragende Leistung. Zum berührenden Höhepunkt des Abends geriet ein genialer Regieeinfall in der letzten Szene des 3. Aktes: Uwe Schwarz nimmt den Sologeiger aus dem Orchestergraben heraus und stellt ihn hinter einen schwarzen Sarg auf die Bühne, quasi als Todesverkündung. Und gerade hier wird die Qualität von Verdis Musik körperlich erspürbar, man wird eingehüllt von geradezu überirdisch schönen Klängen.

Grossen Anteil daran hat Leo Siberski, neu an der Förde, er zelebriert diese Oper, er fragt das Publikum durch seine wundervolle Interpretation: Warum gab es diese Oper nicht füher? Das Philharmonische Orchester Kiel gewohnt auf hohem Niveau mit bestem Verdi- Klang.

Hut ab vor so viel Mut der Oper Kiel!

Claus Brandt

 

I LOMBARDI

zum2.)

25. September 2011

Vergessene Verdi-Oper

Schon seit langem ist die Kieler Oper auf Ausgrabungen spezialisiert. Allerdings haben die den betreffenden Werken kaum je zu neuem Leben verholfen. Die Kieler Aufführungen haben meist gezeigt, dass sie zu Recht vergessen sind. Das lässt sich auch von der frühen Verdi-Oper „I Lombardi“ sagen, mit der am Kleinen Kiel die neue Spielzeit eröffnet worden ist. Dieser Oper aus dem Jahre 1843 ist in Deutschland bislang nur einmal 1845 in Berlin gespielt worden. Dabei zeigt der junge Verdi hier eine Klangfülle, die jeden Opernfreund begeistern muss. Den Sängern hat er geradezu atemberaubende Koloraturen in die Kehle geschrieben und den Orchesterpart besonders reich ausgestaltet.  Nur: Kaum ein anderes Werk aus seiner Feder ist so blutrünstig wie dieses. Und die Verherrlichung von Krieg und Gewalt passt einfach nicht mehr in unsere Zeit. Dazu ist das Libretto von Temistocle Solera nicht schlüssig und dramaturgisch schlecht gebaut.

Copyright alle Bilder: Oper Kiel

In der Geschichte aus dem ersten Kreuzzug unter Gottfried von Bouillon wird der Beitrag der Langobarden dramatisiert. Zwei versuchte Brudermorde, ein Aufruhr, ein Vatermord, ein gerade verhinderter Tochtermord, der Lobpreis des Gemetzels der Kreuzfahrer unter den Landesbewohnern und der Preis Gottes, dass er den Sieg verliehen hat – das ist heute schwer erträglich. „Deus lo vult“ – Gott will es so – dieser Aufruf zum Kreuzzug wird dann doch selbst vom Komponisten hinterfragt. In einer großen Szene ruft die Fürstentochter Giselda (Agniezka Hauser) dazu auf, der Gewalt ein Ende zu machen. Um anschließend selbst die Langobarden zum Sturm auf Jerusalem zu führen. In die blutrünstige Handlung ist eine zarte Liebesgeschichte zwischen dem moslemischen Fürstensohn Oronte (Yoonki Baek) und Giselda geflochten. Oronte kann vor seinem Tod noch durch die Taufe Erlösung finden und aus dem Jenseits den Kreuzfahrern den Weg zu einer Quelle weisen. Hm,---

Regisseur Uwe Schwarz stellt die Handlung als Mysterienspiel in die Grabeskirche( Ausstattung Dorit Lievenbrück). Aus dem vielköpfigen Ensemble ragen an diesem Abend insbesondere  Agniezka Hauser als Giselda, Petros Magoulas als Pagano und Yoonki Baek als Oronte heraus. Dagegen bleibt Fred Hoffmann als Kreuzzugsanführer Arvino arg blass. Großen Befall findet das Gegensolo von Maximilian Lohse. Die übrigen Rollen sind mit Susan Gouthro, Juliane Harberg, Kyung-Sik Woo, Luis Araos und Ulrich Burdack angemessen besetzt. David Maiwald hat den viel geforderten Chor herausragend auf seine Aufgaben vorbereitet.  Der neue Erste Kapellmeister Leo Siberski hält den großen Apparat aufmerksam und mit viel Liebe zum Detail zusammen. Sein Orchester könnte manchmal etwas leiser aus dem Graben kommen.

Die Premiere wird vom beifallfreudigen Publikum stürmisch gefeiert. Was zweifellos den Leistungen der Mitwirkenden, nicht der blutrünstigen Geschichte gilt.

Horst Schinzel

 

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com