DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR

Premiere 15.3.2014

Liebevoll ausgearbeitet

Der früh vollende Komponist Otto NIcolai (1810 – 1849) hat nur ein schmales Oeuvre hinterlassen. Von dem hat sich nur die 1849 wenige Wochen vor seinem Tode uraufgeführte komische Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ auf den Spielplänen halten können. Nicolai folgt der von Shakespeare erzählten Geschichte von dem liebeshungrigen Sir John Falstaff. Dabei muss sich sein Werk den Vergleich mit der späteren Oper „Falstaff“ Verdis gefallen lassen. Und bei aller Schönheit der Musik Nicolais und der liebevoll ausgearbeiteten Spielhandlung zeigt sich doch, dass verglichen mit dem großen Italiener Nicolai doch eben nur ein Kleinmeister war.. 

In Kiel ist diese Oper nach fast zwanzig Jahren wieder auf den Spielplan gehoben worden Dafür hat die freie Regisseurin Adriana Altaras in ihrem Debüt am Kleinen Kiel  zusammen mit dem Chefdramaturgen Ulrich Frey die gesprochenen Dialoge – nicht immer glücklich – neu gefasst und auch sonst das Stück aufgemotzt. So etwa in der Arie der Frau Reich zu Beginn des dritten Akts. Dem Publikum gefällts

Die Regisseurin zeigt die turbulente Handlung im Bühnenbild von Norbert Ziermann

und den nicht sehr stilsicheren Kostümen von Nina Lepilina im Hier und Jetzt in einem Stundenhotel . In dem ist der Sir John Falstaff des Timo Rhiihonen abgestiegen. Der ist keineswegs feist und lüstern, sondern – zwar durchaus stattlich – einsam auf der Suche nach einem Menschen und ein bisschen Liebe. Und weil er die nicht findet, ertränkt seinen Kummer im Suff. Seine Zerrissenheit macht er eindrucksvoll in der s o kaum gehörten Bravourarie „Als Büblein klein“ deutlich.

Heike Wittlich und Rosanne von Sandwijk sind als Alice Fluth und Margaret Reich zwei starke Frauen, die die Gelegenheit zwar zu derben Späßen mit dem bedauernswerten Falstaff nutzen, vor allem aber ihren Männern Jörg Sabrowski als Frank Fluth und Christoph Woo als George Reich zeigen, dass deren Eifersucht verfehlt und grundlos ist. Daneben finden noch Susan Gouthro als Anna Reich

und Michael Müller als Fenton zu einander.

Der Regisseurin sind mit dem von Barbara Kler einstudierten Chor und süßen Kindern großartige Massenszenen gelungen, die ihren Höhepunkt in der Schlussszene im Wald von Windsor finden. Hier reißt der Musikalische Leiter Leo Siberski das Philharmonische Orchester zu Höchstleistungen mit. Alle Mitwirkenden – auch die in Nebenrollen – bieten darstellerisch und sängerisch eine runde Leistung – sieht man davon ab, dass hier und da sie der Versuchung erliegen, zu statuarisch zu singen.

Ein rundum gelungener Abend, der vom Premierenpublikum nach vielem Szenenbeifall begeistert gefeiert wird.

Fotos Otto Struck

Horst Schinzel 16.3.2014

 

 

 

TRISTAN UND ISOLDE

Premiere 25. 01 2014

Nach Lübeck hat nun auch die Kieler Oper dem Wagner-Jubiläum mit einer Inszenierung seines Liebesdramas „Tristan un Isolde“ Tribut gezollt. Der „Wagnerianer“ möchte reizvolle Vergleiche ziehen. Hausherr Daniel Karasek hat das Musikdrama werkgetreu auf die Bühne gebracht. Er ist nicht der Versuchung erlegen, die frühmittelalterliche Sage neu zu interpretieren. Wagners Oper fußt auf einer Erzählung aus dem Sagenkreis um den König Artus des mittelalterlichen Dichters Gottfried von Straßburg.

Für das Bühnenbild hat er  mit der renommierten japanischen Künstlerin Chiharu Shiota eine für ihre Wollfadentechnik bekannte Gestalterin an den Kleinen Kiel geholt. Die bietet in den ersten beiden ersten Akten eine minimalistische Ausstattung, die sich im dritten Akt zu reizvollen Fadengeflechten steigert. Immer neue Scheiben mit den Geknüpften einer Klasse der Muthesius-Hochschule sinken auf die Bühne herab und engen die Möglichkeiten der Darsteller ein. Sehr eindrucksvoll! Für die Kostüme zeichnet einmal mehr Claudia Spielmann verantwortlich.

Für die Hauptrollen hat Karasek mit Bryan Register und Jane Dutton zwei international erfahrene Gäste verpflichtetet. Für beide ist der Auftritt in Kiel ein Rollen-Debüt. Jane Dutton verfügt über eine schöne und schön geführte Stimme, die allerdings in den Höhen mitunter schrill klingt. Bryan Register beeindruckt vor allem in der langen Sterbeszene des Dritten Aktes. Hier und da Intonationstrübungen sind gewiss der Premieren-Nervosität geschuldet und werden sich sicher  mit zunehmender Erfahrung abschleifen. Als Brangäne gefällt  in Spiel und Gesang Alexandra Petersamer. Thorsten Grümbel ist ein sonorer König Marke. Endrucksvoll singend und spielend gibt Alejandro Marco-Buhrmester den Tristan-Freund Kurwenal. Fred Hofmanns  Melot ist eine  Karikatur eines Höflings.

Den in diesem Werk nur wenig geforderten Chor hat Barbara Kler einstudiert. Generalmusikdirektor Georg Fritzsch führt das klar und sicher spielende Philharmonische Orchester mit langsam genommenen Tempi durch den Abend, der so zu einem großen Erlebnis wird und vom Premierenpublikum nach Schluss stürmisch gefeiert wird. 

Horst Schinzel 26.1.14                                      Fotos Olaf Struck

 

 

 

 

Gleich drei begeisterte Jenufa-Kritiken führen zur Verleihung des raren OPERNFREUND-STERNs für diese Produktion

JENUFA

Pemiere am 28.9.13                1.Kritik

Das reine Opernglück!

„Dir, Kind, soll es einmal besser ergehen als mir!“ Ein Satz, der Geschichten erzählen kann,  nicht nur positive, ein Satz, der quasi als Leitmotiv steht bei Leo Janaceks  Meisterwerk „Jenufa“, ein Satz, der hier das Scheitern schon beinhaltet.
Das hat sich die Küsterin geschworen, ihre Stieftochter Jenufa soll nicht so von einem Mann enttäuscht werden wie sie. Dafür ist ihr jedes Mittel recht, auch Mord. Doch Jenufa liebt Steva, den Dorfbeau, der die Küsterin fatal an ihren Mann erinnert. Sie favorisiert Laca, Stevas Halbbruder, zuverlässig, bieder und auch in Jenufa verliebt. Doch Jenufa ist schwanger, von Steva, der nichts mehr von ihr wissen will. Eine Katastrophe im Dorf! Die Küsterin schafft das Problem auf ihre Art aus dem Weg: Sie ermordet das Baby, wirft es in den eiskalten Fluss und erzählt Jenufa, dass es bei der Geburt verstorben sei. Der Weg ist frei für Laca, doch die Küsterin hat mit einem nicht gerechnet: Ihrem Gewissen, ihrem Leben mit der Schuld. Aber die Geschichte endet positiv, Jenufa geht mit Laca in eine gemeinsame Zukunft, eine Liebe, die viel ausgehalten hat, eine Liebe, die nicht an Katastrophen verzweifelte. Musikalisch ein so ergreifender Schluss, dass das Publikum einige Sekunden in Schockstarre verharrt, bevor der Jubel losbricht. 

„Jenufa“ am Opernhaus Kiel, das ist, schlicht und einfach, eine gelungene Produktion, ein Abend, der unter die Haut geht und der zeigt, wozu Oper fähig ist. Das liegt auch an der interessanten und packenden Inszenierung von Arila Siegert, die die Geschichte sauber und schlüssig erzählt, ohne konventionell zu wirken. Frau Siegert kommt vom Tanztheater, sie war Solotänzerin an der Staatsoper Dresden, sie arbeitete mit Ruth Berghaus und Peter Konwitschny zusammen, ihre erste Oper war „Macbeth“ in Ulm 1998, zusammen mit dem Bühnenbildner Hans- Dieter Schaal und Marie- Luise Strandt ( Kostüme), die auch jetzt auch mit ihr nach Kiel kamen. Alles folkloristische Beiwerk ist aus der Inszenierung verbannt, ohne die Geschichte zu beschädigen, im Gegenteil, geradezu schmerzlich wird das Leid der Akteure, die Enge der dörflichen Gemeinschaft brennpunktartig auf die Bühne gebracht. Und man merkt an jeder Stelle der Inszenierung, dass Frau Siegert vom Tanz kommt. Ob es nun die wundervollen Chöre sind  oder nur Bewegungsabläufe der Sänger, die Personenführung ist durchdacht bis in kleinste Kleinigkeiten.  Bei der Besetzung ist sehr bemerkenswert, dass die Oper Kiel alle Rollen, bis auf eine Ausnahme ( Laca), mit eigenem Ensemble besetzt.
Marina Fideli verkörpert die Küsterin nicht als Monster, nicht als alte, verbitterte Frau. Dank ihrer wundervollen, lyrischen Stimme wird hier eher das Rollenportrait einer sich sorgenden Mutter, einer Frau, vom Leben gezeichnet , geboten. Ich habe Frau Fideli in Kiel in diversen Rollen gesehen, doch als Küsterin macht sie sprachlos. Ein extrem starker Auftritt, den das begeisterte Publikum zu Recht bejubelte. Ganz wundervoll die Besetzung der zwei Stiefbrüder, allein schon vom Äußeren ein Volltreffer: Auf der einen Seite Yoonki Baek als der junge, flatterhafte Steva, auf der anderen Seite George Oniani als sein biederer, rechtschaffener Bruder. Er wurde vom Publikum begeistert gefeiert. Sie beide zeichnen stimmlich und darstellerisch ein restlos überzeugendes Bild der ungleichen Brüder. Tenoral voll aufblühend, geradezu schmachtend Yoonki Baek als Steva, George Oniani dagegen ein Mann, der verzweifelt liebt und dieser Liebe stimmlich perfekt Ausdruck gibt.

Ein Glücksfall ist Agnieszka Hauser in der Titelrolle. Ihr ist es zu verdanken, dass dieser Abend zum reinen Opernglück wird. Eine zierliche, hübsche Person, die den Leidensweg der Jenufa fesselnd und anrührend nachzeichnet, das Gebet im 2. Akt gerät zum magischen Moment, wo man weiss, wieso man  opernsüchtig werden kann, quasi eine Legitimation für dies Genre. Mühelos packt sie die Klippen der Partitur, führt ihren wundervollen Sopran  durch alle Höhen , verzaubert das Publikum in den leisen Passagen.Und das Finale mit Laca singt sie so hinreißend, das allein hierfür der Abend lohnt.

Auch die kleineren Rollen waren geradezu luxuriös besetzt. Neu am Opermhaus Kiel ist Timo Riihonen, dessen Dorfrichter neugierig auf weitere Rollen machte. Juliane Harberg als  Buryja und Christoph Woo als Altgesell rundeten die  stimmige Besetzung ab. Ein Sonderlob dem Kieler Opernchor, der, wie immer, wundervoll sang und von Barbara Klier hervorragend einstudiert war.

Welche Raffinesse  in der Partitur steckt, wurde einem durch das Dirigat von Leo Siberski, erstem Kapellmeister am Opernhaus Kiel, bewusst.Geradezu traumwandlerisch sicher das Spiel der Kieler Symphoniker, ein Genuss die Soloparts, hier hervorzuheben die Violine. Alles passte zusammen, alles wie aus einem Guss und man kann dem Opernhaus Kiel nur danken für einen Opernabend, der Suchtpotential hat!

Claus Brandt                          Bilder: Theater Kiel / Olaf Struck

 

 

JENUFA

Premiere am 28.9.13                 2.Kritik


Emotion pur in einer grandiosen Vorstellung!

Vor einigen Jahren habe ich in Prag erstmalig Leo Janaceks „Jenufa“ gesehen. Wie in Prag so üblich, bestach das Bühnenbild durch seinen ausgeprägten Naturalismus, um es einigermaßen positiv auszudrücken. Deutsches Regietheater ist von solch durchaus gelungenen Interpretationen etwa so weit entfernt wie Anna Netrebko von ihrer ehemaligen Figur.

Nun also zweites Kennenlernen, an der Förde, im Opernhaus Kiel und welch ein grandioser Unterschied. Alle Beliebigkeit, alles künstliche Drumherum mit  folkloristischen Tanzeinlagen, bunten Kostümen und großen Birken, hinweggefegt von einer packenden Inszenierung, für die Arila Siegert verantwortlich zeichnet. Mit dem Bühnenbildner Hans- Dieter Schaal und den Kostümen von Marie- Luise Strandt erlebt man die tragische Geschichte einer verzweifelten jungen Frau hautnah, ja, man leidet mit. Da ist nichts überzeichnet, die Tragik der handelnden Personen erschließt sich durch sparsame Gesten, Blicke. Eine herausragende Inszenierung, die sich mit jedem großen Opernhaus messen kann! Die Leistung der Regie besteht in der stringenten Erzählweise ohne Mätzchen. Da reichen ein Tisch, Stühle, eine in dunkles Blau ausgeleuchtete Bühne, um die Emotionen der handelnden Personen transparent erscheinen zu lassen. Ganz hervorragend die Lichtregie.

Ohnehin straft die Handlung der „Jenufa“ all die Lügen, die meinen, Opernlibretti seien doch realitätsfern und unglaubwürdig. Jenufa soll es besser haben als die Küsterin! Das hat sie sich geschworen. Und sie schreckt auch vor Kindsmord nicht zurück. Den passenden Mann hat sie auch schon ausgesucht, aber nichts läuft nach Plan. Ausgerechnet bei der Hochzeit wird die Leiche des Babys gefunden. Auch hier zeigt sich die Stärke von Jenufa, sie findet die Kraft, ihrer Stiefmutter zu verzeihen. Der Schluss der Oper, wo Jenufa und Laca gemeinsam in ein neues Leben gehen, gehört musikalisch zu den Highlights der Opernliteratur. So schön, so ergreifend wie in Kiel präsentiert, das muss man gesehen haben. Gänsehaut pur!

Stimmlich gehört ihr der Abend, Agnieszka Hauser als Jenufa! Eine junge Sängerin, die speziell im 2. Akt ( der für mich neben Puccinis „Suor Angelica“ zu den Sachen gehört, die emotional extrem packen) die ganze Bandbreite ihres Könnens abliefert. Schauspielerisch eine Offenbarung, wie sie beim Gebet auf die Knie sinkt, dann die Nachricht verdauen muss, dass ihr Kind angeblich bei der Geburt verstorben ist. Sie stemmt  die Partie grandios. Mühelos die tückischen Höhen, zart und lyrisch die Pianostellen, eine wundervolle Sängerin mit Potential für die Zukunft.

Marina Fideli, die in Kiel als Carmen und Ortrud überzeugte, nun als Küsterin, wahrlich keine leichte Partie. Wurde diese Rolle in der bereits erwähnten Prager Inszenierung als alte, verhärmte, knallharte Matriarchin gezeichnet, erlebt man hier eine zwar vom Leben geprägte Frau, die aber auch liebende Mutter ist und die durch ihre Vorgeschichte nur „das Beste“ für ihre Tochter will. Wie so etwas ausgeht, weiss man. Frau Fideli wurde vom Publikum gefeiert, völlig zu Recht. Sie beherrschte die Bühne, zuerst als strenge Mutter, dann als gebrochene Frau. Ihre sängerische Leistung war grandios, messerscharf ihre Attacken, dann im 3. Akt sanft und lyrisch.  Yoonki Baek singt den Tunichtgut Steva, mit ausdrucksstarkem Spiel und müheloser Höhe. Schon rein vom Aussehen das genaue Gegenteil: George Oniani als Laca, als verzweifelt Liebender. Von der Regie war sein Rollenprofil eher verhalten angelegt, er überzeugte durch seinen wunderbar geführten Tenor. Auch für ihn Bravorufe vom Publikum. Der Rest des Ensembles ebenso hochkarätig. Juliane Herberg als alte Buryja, Christoph Woo als Altgesell und, neu in Kiel, Timo Riihonen, der kraftvoll den Dorfrichter gab. Ganz vorzüglich der Opernchor, der auch stark schauspielerisch gefordert wurde. Betörend sinnlich und opulent auftrumpfend die Kieler Symphoniker unter Leo Siberski. Da war nichts holzschnittartig, die Solovioline einer der Höhepunkte des Abends. Welche Kraft und Schönheit in Janaceks Musik steckt, wurde auch dem Teil des Publikums deutlich gemacht, die diese Oper noch nicht kannten.


Ein Abend, den man nicht vergisst, der einem zeigt, warum man Opernfan ist. Alle Janacek- Fans und die, die es werden wollen: Auf nach Kiel!

Maximilian von Grünfeldt                               Fotos: Olaf Struck

 

 

JENUFA

PR 28.9.13                                            3.Kritik

Spannender Opernkrimi

Der tschechische Komponist Leos Janacek (1854 – 1928) hat ein umfangreiches musikalisches Werk hinterlassen, wovon sich auf unseren Bühnen und Konzertpodien neben dem reizvollen Tiermärchen „Das schlaue Füchslein“ vor allem die anspruchsvolle Oper „Jenufa“ erhalten hat. Auch die wird selten gespielt – in Kiel zuletzt vor40 Jahren. An diesem Sonnabend hatte im Opernhaus am Kleinen Kiel ebne Neueinstudierung von Arila Siegert in der Urfassung von 1908 ihre gefeierte Premiere.

Die Handlung dieses expressionistischen Musikwerkes ist dunkel, und sehr spannend. Eine im Dorf durchaus als Küsterin angesehene Frau will ihrer Stieftochter eignes Leid ersparen. Als diese von einem wohlhabenden Müller schwanger wird, fordert sie vom Kindesvater, dass dieser sein Kind anerkenne. Der verweigert dies und in irrer Verzweiflung bringt die Großmutter das Kind um. Dies wird erst im nächsten Frühjahr ruchbar, als das Eis die versteckte kleine Leiche freigibt. Die Frau bekennt sich zu ihrer Schuld und öffnet so ihrer Steiftochter den Weg in ein – hoffentlich – schöneres Leben mit einem biederen Bürger dieses Dorfes.

Dies alles wird in dem minimalistischen Bühnenbild von Hans-Dieter Schaal – das vor allem auf die Vorstellungskraft der Zuschauer setzt – und den zeitgenössischen Kostümen von Marie-Luise Brandt spannend und mit großartigen Volksszenen erzählt. Janaceks expressionistische Tonsprache gibt den Geist der Entstehungszeit wider und geht bis an die Grenzen der Tonalität, ohne diese zu sprengen. Die Komposition setzt hohe Anforderungen an die Sänger – insbesondere an die beiden wesentlichen Frauenrollen der Küsterin Buryia und der Jenufa, die mit Marina Fideli and Agnieska Hauser hervorragend besetzt sind. Beide singen und spielen über 150 Minuten hinweg großartig. Neben ihnen haben es Yoonki Baek als Steva und George Oniani als Laca schwer. Vor allem Letzterer bleibt recht blass. Als neues Ensemblemitglied stellt sich der finnische Bassist Timo Riihonen in der kleinen Rolle des Dorfrichters vor. Die zahlreichen Nebenrollen sind eindrucksvoll besetzt und der von Barbara Kler einstudierte Chor überzeugt einmal mehr.

Der Erste Leo Siberski hat das Philharmonische Orchester und den großen Apparat jederzeit gut im Griff. Vor allem die vom Komponisten geforderten Bläser haben eindrucksvolle Einsätze. Und der Dirigent weiß das Orchester so zu dämpfen, dass es die Sänger nicht überdeckt. Der Schlussbeifall ist lang und stürmisch.

Horst Schinzel                                                    Fotos Olaf Struck

Weitere Aufführungen: 6., 13. und 18. Oktober

 

 

 

 

Sommeroper in Kiel auf dem Rathausplatz

DER TROUBADOUR

Premiere am 17.8.13

Als es in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel im August vorigen Jahres erstmals eine sommerliche Freilichtaufführung einer Oper gab, war der künstlerische und besuchsmäßige Erfolg enorm. Der verlockte zur Wiederholung – zumal die Kieler Wirtschaft das Vorhaben großzügig mit namhaften Beträgen unterstützt und überdies Übertragungen auf Großeinwand in den Bootshafen und auf den Vineta-Platz im Problemstadtteil Gaarden ermöglicht. Und die Nachfrage ist riesig: Für das diesjährige Spektakel „Der Troubadour“ waren schon Wochen zuvor fast alle Vorstellungen ausverkauft.

Spektakel: Denn wie die Premiere an diesem Sonnabend wieder einmal zeigt, ist der Rathausplatz für eine Freilichtbühne denkbar ungeeignet. Erneut zeigt sich als Problem, dass das Orchester abseits der Bühne in einem Zelt untergebracht ist. Zwar ist die Seitenfront diesmal durchsichtig und ermöglicht den Zuschauern mit einigen Kopfverenkungen, den Dirigenten Generalmusikdirektor Georg Fritzsch und die Seinen zu sehen. Aber nach wie vor hat dieser mit dem Geschehen auf der Bühne nur über einen Bildschirm Kontakt, während die Mitwirkenden überhaupt keinen haben. Für die Solisten höchst anstrengend, wie der Sänger des Troubadours beim Schlussbeifall deutlich macht. Das Ergebnis bleibt unbefriedigend: Mehr als einmal lassen sich Orchester und Solisten nicht in Einklang bringen. Die Musiker sind schon fertig, während noch deutlich länger gesungen wird.

Die Sänger werden über Microports verstärkt, und das bringt zu Beginn deutliche Probleme. Die herrliche Stimme der Serena Daolio als Leonora wird bei deren ersten Auftritt deutlich verzerrt. Das bekommen die Techniker glücklicherweise rasch in den Griff, ebenso, wie ihnen auffällt, dass die Übertitel anfänglich fehlen. Der Inhalt der ziemlich verworrenen Verdi-Oper wird am Anfang und zu Beginn des zweiten Teils über Lautsprecher erläutert. Das ist auch nötig, denn die Handlung ist bekanntlich kompliziert, und wird sie in Kiel in der Regie des Generalintendanten Daniel Karasek kaum deutlicher. Dem gelingen zwar einige großartige Massenszenen – etwa im Zigeunerlager, wo die Roma keine Kessel flicken, sondern Autos reparieren und pflegen. Sonst aber weiß Karasek die Weite der Bühne (Bühnenbild: Norbert Ziermann) kaum zu nutzen. Er überlässt sowohl die Solisten als auch weitgehend den Chor (von Barbara Kler einstudiert) sich selbst. Und so wird fast den ganzen Abend über sehr statuarisch, manchmal gar an der Rampe gesungen. Da wird eigentlich mehr erwartet!

Musikalisch aber ist dieser Abend dennoch ein großartiges Erlebnis; auch dank der herrlichen Stimmen der Solisten und des Chors, den allerdings Die Kostümbildnerin Claudia Sielmann teilweise in recht merkwürdige Unifomen gesteckt hat. Die meisten Rollen sind doppelt besetzt. Am Premierenabend glänzen Jesus Garcia als Manrico, Cristina Melis als Azucena, Serena Daolio als Leonora, Tomohiro Takada als Graf Luna, Lesia Mackowycz als Ines und Thomas Scheler als Ruiz. Lunas Hauptmann Ferrando gibt Christoph Woo.

Das Premierenpublikum auf der ausverkauften Tribüne tobt vor Begeisterung bis zum abschließenden Feuerwerk. Für die weiteren Vorstellungen bis zum 25. August gibt es nur noch Restkarten.

Horst Schinzel, 18.08.13                             Fotos Olaf Struck

 

 

 

ZARUELA - GALA

Unbekannte Klänge im Kieler Opernhaus

30.5.13

In jedem Frühling lädt das Kieler Musiktheater zusammen mit der Gesellschaft der Theaterfreunde zu einer höchst speziellen Gala-Vorstellung. Dank der Freigiebigkeit der Freunde können dazu immer sehr namhafte Gäste eingeladen werden. So ist diese Veranstaltung Kult geworden, und in den letzten Jahren war das Haus immer bis auf den letzten Platz besetzt. Nicht so an diesem Freitag: Das Thema der spanischen Zarzuela ich doch offenbar zu sperrig, und so bleiben an diesem Abend auf den Rängen sehr viele Plätze frei.

Zarzuela - so verrät das Programmheft dem Nichtkundigen - ist seit Jahrhunderten in Spanien eine sehr spezielle Form der Oper und vor allem der Operette. Auch mit ungewohnten Klangformen, wie das Symphonische Orchester unter dem gut gelaunten Ersten Kapellmeister Mariona Rivas dazustellen weiß. Über weite Strecken Programmmusik vom Feinsten. Und wenn dann noch eine Madrilenin aus diesem Klangkörper die Kastangneten zu schwingen weiß, ist das Publikum begeistert. Das wird von Generalintendant Daniel Karasek und der Sängerin Maxine Kazis beschwingt durch den Abend geführt. Beide sind bemüht, den Inhalt der Arien und Lieder verständlich zu machen, denn Spanisch-Kenntnisse können natürlich bei den Zuhörern kaum vorausgesetzt werden. Insofern war die Einstudierung für Operndirektorin Barbara Kler und ihre Sängerinnen und Sänger eine sicherlich überaus schwierige Aufgabe. Zumal die Komponisten und deren Schöpfungen im deutschen Sprachraum denkbar unbekannt sind. Die kundige Einführung im Programmheft durch Ulrich Frey ist des Aufbewahrens wert.

Als Solisten glänzen an diesem Abend die viel beschäftigte und international gefeierte Mezzosopranistin Ana Ibarra mit ihrer herrlichen und voluminösen Stimme und der spielfreudige Tenor Alex Vicens. Auch dieser Spanier ist in aller Welt zuhause und wird überall gefeiert. Zu Recht, wie dieser Abend zeigt. Zum Ensemble gehören - zumindest teilweise –der chilenische Bariton Salomon Zulic del Canto, die Kanadierin Susan Gouthro und der Chilene Luis Araos-Guiterrez. Ein großer Abend für alle Beteiligten, der stürmisch gefeiert wird. Wer ihn verpasst hat: Am 5. Juni, 19.30 Uhr, gbt es eine Wiederholung.

Horst Schinzel

 

 

 

SCHACHNOVELLE

Kiel feiert den Komponisten Cristòbal Halffter

23.5.13

Der deutsch-spanische Komponist Cristóbal Halffter ist seit vierzig Jahren dem Kieler Musikleben eng verbunden. Hier sind zwei seiner Opern uraufgeführt worden, und auch andere seiner Werke waren hier zu hören. An diesem Pfingstsonnabend nun die Uraufführung seiner neuesten Schöpfung: „Schachnovelle“ nach Stefan Zweig mit einem Text des früheren Chefdramaturgen des Hauses Wolfgang Haendeler. Gleichermaßen ein gesellschaftliches wie kulturelles Ereignis. Ein Ereignis, dass vom Premierenpublikum im dicht besetzten Opernhaus trotz der ungewohnten Klänge stürmisch gefeiert wird. Das Auftragswerk wurde ermöglicht von der Ernst-von-Siemens-Musik-Stiftung.

Halffters Musik lässt sich schwer einordnen. Teils ist sie eigenständig, dann wieder ekletizistisch. Der Deutsch-Spanier steht in der Tradition etwa eines Nono. Vor allem nach eigenem Bekunden von Schönberg, Webern und Alban Berg. Seinen Zuhörern setzt Halffter hartes Brot vor, und an die Interpreten – Orchester, Solisten und Chor - stellt er hohe Anforderungen. Schrille Dissonanzen, laut und atonal prägen seine Anklage gegen jede Form von Tyrannei.

Der Komponist und sein Librettist folgen Zweig in der Geschichte eines Mannes, der nach dem „Anschluss“ Österreichs als vermeintlicher politische Gegner in einem leeren Hotelzimmer durch Isolationshaft gefoltert wird. In seiner Not spielt er Schachszenen nach und zuletzt gegen sich selbst. Darüber zerbricht er körperlich und geistig. In der Emigration kann er langsam genesen. Auf einer Schiffsreise spielt er gegen den Schach-Weltmeister mit großem Erfolg. Aber das Vergangene drängt wieder auf ihn ein. Noch einmal bricht er zusammen, um endgültig geheilt in das befreite Wien zurück zu kehren – in das Hotelzimmer, das einst seine Isolationszelle war. Nun aber mit der Fülle der Weltliteratur ausgestattet.

In der Inszenierung von Daniel Karasek – dessen Vertrag als Generalintendant gerade bis 2020 verlängert worden ist – und unter der Stabführung von Generalmusikdirektor Georg Fritzsch – mit dem bis Mitte 2019 kontrahiert worden ist – gibt Kammersänger Jörg Sabrowski mit atemberaubender Eindringlichkeit den Dr. Leo Berger. Er hat die Intentionen des Komponisten eindrucksvoll erfasst. Ihm steht in dem sehr realistischen Bühnenbild von Norbert Ziermann und den Kostümen von Claudia Spielmann ein kopfreiches Ensemble zur Seite, in dem Tamahiro Takada den Schachweltmeister Mirko Centovic und Kammersängerin Heike Wittlieb die betreuende Krankenschwester geben. Der Regisseur hat dem von Barbara Kler einstudieren Chor sehr bedrohliche Szenen hinter einem durchsichtigen Vorhand anvertraut, aber auch lustige auf einem Passagierdampfer. Das Philharmonische Orchester hat die ungewöhnlichen Klangfarben auch mit nicht alltäglichen Instrumenten umzusetzen.

Auch wenn das Alles für die Ohren des durchschnittlichen Musikfreundes sehr ungewöhnlich und teilweise auch verschreckend klingt: Das Premierenpublikum ist begeistert und feiert neben allen Mitwirkenden den Komponisten und seinen Librettisten lang und anhaltend.

Horst Schinzel                             Bilder: Thorsten Wulf

 

 

 

 

Ein bürgerlicher

DON GIOVANNI

März 2013

Auf den Opernbühnen des deutschen Sprachraums wird Mozarts „Don Giovanni“ nicht gerade selten gegeben. Üblicherweise wird die Titelfigur als adeliger Wüstling gesehen, der sich skrupellos nimmt, was ihm an Frauen über den Weg läuft. Nicht so in Kiel Regisseur Dariusch Yazdkhasti stellt  seinen Giovanni (Petros Magoulas, der sich diese Rolle mit Tomohiro Takada teilt) in ein fades bürgerliches Umfeld. Davon zeugt sein altbackenes Wohnzimmer mit einem altertümlichen Fernseher (Bühnenbild Simeon Meier, wobei eindrucksvolle Videoeinspielungen von Konrad Kästner ergänzen). Folgerichtig singt Giovanni von seinem Haus und nicht von seinem Schloss, auf das Zerlina (Amira Elmadfa) mitkommen soll. Und die Freiheit, von der am Ende dese ersten Aufzuges alle singen, ist offensichtlich die sexuelle Freizeit. Dass Giovanni dabei weder Tod noch Teufel furchtet, zeigt er glaubwürdig in der Höllenfahrtszene.

Zwar spielt die Handlung im Hier und Jetzt, wie dies bereits Mozart und seinem Librettisten Da Ponte vorschwebte. Aber dieses Jetzt ist  offensichtlich die Hippiezeit und die der sexuellen Befreiung. Das  macht der Regisseur deutlich, wenn er die Hochzeitsszene des etwas tumben Masetto (Ulrich Burdack) in den Zuschauerraum verlegt. Die Chorsängerinnen (Einstudierung Barbara Kler) erinnern in ihren Kostümen (Katharina Krumminga) doch sehr an diese Zeit. Und sind schrecklich durstig, wie barhaupt an diesem Abend auf der Bühne viel getrunken wird.

So ist denn Giovanni – mit einem Hirschgeweih (!) verkleidet – offensichtlich unter diesen Auspizien in Annas Schlafzimmer eingedrungen. Und der tödliche Schuss auf den Komtur (Kemal Yasar alternierend mit Ulrich Burdack) ist eher ein Unfall in Selbstverteidigung denn feiger Mord.

Des Komturs Tochter Anna sieht das allerdings so und ihre Rachgelüste treiben die Handlung voran. In dieser Rolle gefällt Susan Gouthro mit eienr runden darstellerischen wie gesanglichen Leistung Bei ihrem Gegenspieler Petros Magoulas neigt die Stimme in den hohen Lagen zur Schärfe. Dem Leporello des Christoph Woo möchte man gelegentlich mehr Spielfreude wünschen. Amira Elmadfa ist eine reizvolle Zerlina, die schön zu singen weiß. Gleiches gilt für Agnieszka Hauser als Donna Elvira.

Leo Siberski weiß das Orchester auf dem hoch gefahrenen Graben klug zurückzuhalten. Nie werden die Solisten überdeckt. Sicher sind es Mozarts herrliche Melodien, die den Regisseur veranlassen, das Werk mehr oder minder in voller Länge auszuspielen. Auch solche Partien, die üblicherweise gestrichen werden. So, wenn Anna ihrem Verlobten Don Ottavio (Yoonki Baek) eingehend die Anfangsszene schildert, obwohl dieser doch weitgehend dabei gewesen ist. Und auch die Schlussszene ist breiter angelegt als üblich. So dauert denn die Aufführung vertikale 210 Minuten. Das Premierenpublikum ist begeistert, geizt nicht mit Szenenbeifall und feiert am Schluss alle  Beteiligten stürmisch.

Horst Schinzel                           Bilder: Theater Kiel

 

 

 

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Kiels Beitrag zum Wagner-Jahr

Pemiere am 26.01.13

Die musikalische Welt gedenkt des zweihundertsten Geburtstages des Komponisten Richard Wagner. Da steht auch das Kieler Opernhaus nicht zurück und hat dessen frühe Oper „Der Fliegende Holländer“ auf den Spielplan gesetzt. Eine Oper, die dem Anschein der Premiere nach nur noch ältere Musikfreunde interessiert. Schade, wer nicht gekommen ist, hat eine abgerundete und werktreue Inszenierung des Venezolaners Carlos Wagner versäumt Erfreulicherweise nichts von dem neumodischen Schnickschnack, mit dem neuerdings selbst in der Provinz die Regisseure die Musikfreunde zu verstören pflegen.

Richard Wagner hat eine Wandersage in Musik gesetzt. Aber mutet er nicht in dem nun rund eindreiviertel Jahrhundert alten Werk seinen Zuhörern eine durchaus abenteuerliche und alten Wertvorstellungen widersprechende Handlung zu? Da ist der Frachtschiffer Daland (Petro Magoulas). Den hat der Sturm in eine einsame Bucht nahe seinem Heimathafen verschlagen. Am nächsten Morgen stellt er erstaunt fest, dass er einen Nachbarn bekommen hat. Sein Steuermann (Fred Hofmann) hat dessen Ankunft von seiner Liebsten träumend schlicht verpennt.

Der Kollege (Kammersänger Jukka Rasilainen als Gast) prahlt mit seinem Reichtum und bittet um Quartier für einen Abend. Daland ist eilfertig bereit, seine Tochter Senta (Orla Boylan als Gast) zu verschachern. Der Kollege – von dem wir erst am Schluss der Oper erfahren, dass er der Fliegende Holländer ist – beklagt sein Schicksal, seit langer Zeit verdammt zu sein, auf dem Meer umher zu irren. Nur eine Frau, die ihm in den Tod folgen will, kann ihn erlösen. Und er ist  bereit, ein solches Opfer anzunehmen. Senta aber hat seit ihrer Jugend davon geträumt, den Holländer zu erlösen. Dies, obwohl sie mit dem Jäger Erik (Sung Kyu Park) verlobt ist.

Die sich aus dieser Konstellation ergebenden Konflikte arbeitet der Regisseur sorgfältig heraus. Dabei nimmt er in Kauf, dass seine Solisten sehr statuarisch agieren. Nur der verstärkte Chor (Einstudierung Barbara Kler) der Seeleute und der Spinnerinnen bringt Leben in die Handlung  Vor allem das Fest der Seeleute wird zum Musterbeispiel gekonnter Personenführung. Schade nur, dass der Text vom Wein spricht, während Daland und seine Seeleute mit Bierdosen fuchteln.

Großartig an diesem Abend das Philharmonische Orchester, das fein abgestimmt unter der Leitung des Generalmusikdirektors Georg Fritsch um einen rechten Wagner-Sound bemüht ist. Das Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic ist geheimnisvoll mit sich drehenden Mühlen, Kraft übertragenden Seilen und Rädern, die an die Stelle der Spinnräder treten. In die runde Ensembleleistung der Stammsängerinnen und -sänger fügen sich die renommierten Gäste - deren saubere Aussprache beeindruckt - nahtlos ein.

Ein großer Abend, der begeistert vom Premierenpublikum geiert wird.

Horst Schinzel                                            Fotos Olaf Struck

 

 

 

LA TRAVIATA

Besuchte Vorstellung am 19.01.2013      (Premiere Sept. 2012)

Emotion pur!

Was ist schon alles über „La Traviata“ geschrieben worden, angeblich beliebteste Oper weltweit, als Schmachtfetzen verhöhnt,einziger intellektueller Tupfer bei „Pretty woman“, als Emotion pur geliebt. Fakt ist, dass Verdi ein berührendes Meisterwerk abgeliefert hat, dass für drei Hauptpersonen genug Gelegenheit gibt, sich voll einzubringen. Nun also im Opernhaus Kiel, eine „normale“ Repertoire- Aufführung, Premiere war im September 2012. Die Qualität eines Hauses zeigt sich ja nicht nur am Premierenabend, sondern vielmehr im alltäglichen Betrieb. Und welches Magazin, ausser dem „Opernfeund“, berichtet schon darüber?   

Regie führte Uwe Schwarz, der die Produktion nach dem tragischen Tod von Thomas Wünsch übernahm. Zusammen mit dem Bühnenbildner Heiko Mönnich gelang eine perfekte Symbiose zwischen traditionell und modern. Oeffnet sich der Vorhang, sieht man ein komplettes Opernhaus mit Rängen, Parkett und Bühne, das aber schon sehr viel bessere Zeiten erlebt haben muss. Alles ist dunkel, morbide und angeschlagen. Ein toller Einfall ist die Tanzeinlage zur Ouvertüre (Sonia Dvorak und Sebastian Grundler), die perfekt zur Musik passt und schon etwas von Abschied und Tod suggeriert. Und die Leistung der Regie besteht darin, auch abgebrühte Opernvielseher und Nörgelkritiker so zu fesseln, dass man gespannt und ergriffen der Handlung folgt. Die Personenführung war sehr präzise und überlegt. Grossen Beitrag daran hat auch die ausgefeilte Lichtregie. Die Szene im 3. Akt, in der man durchs Fenster die Karnevalsmusik hört, habe ich noch nie so packend gesehen: die vorher trist- dunkle Bühne in grelles Rot getaucht, Violetta reglos auf dem nackten Boden, dazu die zwei Tänzer mit einer geradezu gespenstischen Einlage.

Nun wird natürlich auch gesungen, aber wie! Ekaterina Isachenko, dem Kieler Publikum als Gast in diversen Produktionen bekannt, lieferte sängerisch und schauspielerisch eine Glanzleistung ab. Wie sie es schaffte, diese Frau zwischen unbändiger Lebensgier und Krankheit dem Publikum nahe zu bringen, verdient Hochachtung. Hinzu kommt ihr erstklassig geführter Sopran, der jede Tücke der Partitur meisterte. Ihr „E strano“ geriet zu einem der Höhepunkte des Abends. Bei ihrer Sterbeszene, eingewickelt in den heruntergerissenen Bühnenvorhang, herrschte atemlose Stille im Opernhaus. Erst nach einer ergriffenen Pause brach der Beifall los.

Sorgen machte man sich im 1. Akt um Yoonki Baek, der den Alfredo sang. Allzu verhalten, geradezu verschüchtert begann er die Partie, was besonders dem Brindisi sehr schadete. Gerade diese Nummer muss doch bei der „Traviata“ sitzen. Ab dem 2. Akt hatte er sich gefangen und lieferte eine solide Leistung ab. Gleichwohl, sein Abend war es nicht.

Als Giorgio Germont ist Tomohiro Takada, Ensemblemitglied in Kiel, vorgesehen, doch er sang an diesem Abend den „Don Giovanni“ am Stadttheater Bremerhaven. Seine Rolle übernahm der italienische Bariton Elia Fabbian, den die Kieler noch in bester Erinnerung als Scarpia in der diesjährigen open-air „Tosca“ hatten.

Und enttäuschte sein Publikum nicht! Die Szene Violetta/ Giorgio im 2. Akt wurde so eiskalt von ihm dargestellt, dass man fast körperliches Unbehagen verspürte. Sein sattes Timbre, sein in allen Lagen perfekt sitzender Bariton begeisterte. Ein, und das ist nur positiv gemeint, Routinier, der die Rolle perfekt beherrscht.

Hervorgehoben werden muss, natürlich, der Kieler Opernchor, von Barbara Kler gewohnt hoch klassig einstudiert.

Die Kieler Philharmoniker wurden von Leo Siberski, dem 1. Kapellmeister im Haus an der Förde, klanggewaltig und einfühlsam geleitet. Grossartig, wie er es schaffte, auch in den sehr melodischen Momenten immer einen leicht morbiden Klang einzubringen, dabei aber auch mit dem nötigen Mut, die expressiven Passagen schmissig, mit dem richtigen Gefühl für Verdi, spielen zu lassen.  

Ein rundum gelungener Abend, für den sich das Publikum im fast ausverkauften Opernhaus mit Ovationen für alle Beteiligten bedankte. Und ein erneuter Beweis für die Leistungsfähigkeit und hohe Qualität unserer „kleinen“ (Entschuldigung, Herr Karasek!) Häuser!

Claus Brandt                                     Bilder: Olaf Struck

 

 

 

REQUIEM

Pemiere am 15.12.12

In Kiel wird Verdis „Requiem“ vertanzt

 Das ist schon schwere Kost, die Kiels Ballettdirektor Yaroslav Ivanenko seinen erfreulich viel jungen – Ballettfreunden vorsetzt. Im Vorfeld von Verdis 200. Geburtstag lässt er dessen „Requiem“ als szenische Aufführung des Chorwerkes vertanzen- als große Show, die indes den Zuschauer mit vielen Fragen allein lässt. Denn hier gibt es ja keine Handlung, die sich in Tanz umsetzen lässt. Kiels Prinzipal lässt seine Tänzerinnen und Tänzer die Musik in eindrucksvollen Tanzbewegungen mit vielen Sprüngen und Hebefiguren ausdrücken. Sehr beeindruckend und kunstvoll umgesetzt, aber doch meist schwer verständlich.

Ein großes Ensemble mit den Solisten Agnieska Hauser, Marina Fideli, Yoonki Baek und Petros Magula, den Solotänzern Victoria Lane Green und Nikolaus Doede und einer Bassgruppe mit Julian Botnarenko, Didar Sarsembayev und Alexander Abdukarimov gestaltet unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Georg Fritsch Verdis Schöpfung als Tanzshow. Der dunkel gekleidete – Kostüme Elisabeth Richter - verstärkte Chor – Einstudierung Barbara Kler - ist von Norbert Ziermann in setzkastenartige Gerüste gesteckt worden.

Das verstärkt den düsteren Eindruck dieser Totenklage. Wobei insbesondere die Solisten besonders gefordert sind – singen sie doch üblicherweise vom Blatt. Das bleibt dem Chor vorbehalten. Das Premierenpublikum ist sicht- und hörbar ergriffen. Erst nach eienr Pause setzt jubelnder Beifall ein.

Horst Schinzel                                                  Fotos Olaf Struck

 

 

 

 

Ausblick auf vielversprechende Spielzeit

Es ist am Kieler Opernhaus eine lange Tradition: Zum Auftakt der Spielzeit bieten Theater und Volksbühne einen Ausblick auf die kommende Spielzeit. In diesem Jahr leicht verspätet. Die Programmfolge ist bereits eine Woche zuvor mit der hier als Kammeroperette gebotenen „Im  weiße Rössl“  eröff- net worden. Kiels früherer Kulturdezernent Gerd Müller als Vorsitzender der Volksbühne nutzt die Gelegenheit zu einem Aufruf an die Verantwortlichen, bei einer zu erhoffenden Stärkung des Kulturetats im Lande sich endlich des maroden Konzertsaals im Kieler Schloss anzunehmen. Überdies kündet er eine engere Zusammenarbeit der Volksbühnen in Kiel und Hamburg an.

Durch das Programm mit Ausschnitten unter anderem aus „Don Giovanni“, „Agrippina“, „Der fliegende Holländer“ und „La Traviata“ führt Generalmusik-direktor Georg Fritzsch. Er kämpft heftig mit seinem sächsischen Akzent und vertritt launig den Generalintendanten Daniel Karasek, der an diesem Abend bei der Premiere des neuen Liederabends „Familienbande“ im Schauspiel- haus nicht entbehrlich ist. Allerdings ist  seine Moderation recht oberfläch- lich. Er rühmt die Leistungen des Hauses-  „Vier Premieren  in vier Wochen „ und die des Orchesters, das noch am Morgen beim ersten Sinfoniekonzert gewirkt hat und wirbt vor allem für dee Kartenkauf. Es wäre sicher sinnvoller gewesen, etwas mehr zu den anstehenden Produktionen zu sagen, Dass Wagner seinen „Fliegenden Holländer“ unter den Eindrücken einer Schiffs- reise nach Riga geschrieben hat, ist doch bei Musikfreunden geläufig.

An diesem drei Stunden langen Abend präsentiert sich das ganze Ensemble mit der in Kiel beliebten Russin Ekaterina Isachenko. Deren glanzvoller Auftritt im Duett der Violette und es Giorgio Germont aus „La Traviata“ wird zum glanzvollen Höhepunkt des Abends. Nicht geringen Anteil an diesem schönen Programm haben Opern- und Extrachor, die von Barbara Kier einstudiert worden sind.

Horst Schinzel 

 

 

 

 

Auf dem Rathausplatz

TOSCA

als Sommeroper in Kiel

Schon lange sei eine Freilichtaufführung einer Oper ihr Traum gewesen, verraten uns Kiels Generalintendant Daniel Karasek und sein General-musikdirektor Georg Fritzsch im Vorfeld der erstmaligen Aufführung einer „Sommeroper“. Ein Traum sicherlich, der durch das Engagement der Kieler Philharmoniker bei den Gala-Abenden der Eutiner Festspiele, vor zwei Jahren auch durch den Auftritt Kieler Sänger gestärkt worden ist. Ein Engagement freilich, das durch die Insolvenz der damaligen Trägergesellschaft ein ungutes Ende genommen hat.

Diesen Traum umsetzen, sei sehr schwierig gewesen, lesen wir. Ermöglicht worden sei es durch die Zuwendungen bedeutender Kieler Wirtschafts-unternehmen. Nun ist es nicht damit getan, für die Freiluftaufführung enger Oper irgendwo eine Tribüne aufzuschlagen und ein paar Holzbohlen als Bühne zu verlegen. Leider haben die Kieler Verantwortlichen mit der Bestimmung des gesichtslosen Rathausplatzes zur Freilichtbühne arg daneben gegriffen – auch wenn unser Ministerpräsident Torsten Albig im Programmheft dem Platz italienisches Flair andichtet. Nun wissen die Schleswig-Holsteiner: Unsere Landeshauptstadt ist ein Konglomerat von Bausünden, und allenfalls am Wasser hat sie einen gewissen maritimen Charme. Italienisches Flair hat ihr noch niemand bisher nachgesagt.

Der technisch geprägte Seitenflügel des Opernhauses ist als Rückwand einer Freilichtbühne nur sehr bedingt geeignet. Zumal der Bühnenbildner Norbert Ziermann sich in einer Orgie von Technik mit Treppen, Verstrebungen und Beleuchtungs- und Lautsprecher-Türmen ergießt. Und auch die arg steile Tribüne lässt zu wünschen übrig. Sichtfreiheit ist nur bedingt gegeben, und die Abstände zum Geschehen auf der Bühne sind so riesig, dass nur mit Opernglas bewehrtem Auge etwas von der Mimik der Darsteller zu erkennen ist. Und weil die Flächen so groß sind, geht es nicht ohne Mikroports der Sänger. Überdies spielt das Orchester unsichtbar für Publikum und Sänger abseits der Bühne in einem Zelt. So werden Gesang und Musik über die Lautsprecher zusammen gemischt – Schwerstarbeit für die Tontechniker. Trotz deren Bemühen ist der Eindruck nicht zu vermeiden, Orchester und Solisten wollten sich darin übertreffen, wer es lauter kann. Überdies kommt zwischen dem Musikalischen Leiter und seinen Sängern ein Kontakt nur über Monitore zustande –sehr unbefriedigend. 

Angesichts so vieler Technik kommt an diesem warmen Sommerabend das blutrünstige Geschehen der Oper „Tosca“ nur arg unterkühlt über die Rampe. Der berühmte Funken will nicht überspringen. Schade, denn die Inszenierung hat ihre Reize. Daniel Karasek sind eindrucksvolle Massen-szenen gelungen, die die Weite der Bühne gut nutzen. Seine Solisten spielen dagegen zu oft  arg statuarisch. Eigentlich hat die Kieler Oper ausreichend gute Kräfte, um eine solche Aufführung aus dem eigenen Haus heraus zu besetzen. Daniel Karasek hat aber der Versuchung nicht widerstehen kön- nen, für die A-Besetzung renommierte Gäste aus dem Ausland zu verpflich- ten. Allen voran die Italienerin Raffaella Angeletti, die als Puccini-Spezialistin gilt. Den Scarpia singt der Mexikaner Alfredo Daza in der B-Besetzung, wäh- rend der in Kiel schon bekannte Ella Fabbian in der Premiere sang. Der Amerikaner Jesus Garcia gibt alternierend mit Yoonki Baek den Maler Cava- radossi. Agiert wird in farbenprächtigen Kostümen von Claudia Spielmann. Barbara Kler und Michael Nündel haben die Chöre einstudiert.

Diese Sommeroper ist gewiss nicht der große Wurf, von dem die Verant-wortlichen geträumt haben. Das Premierenpublikum auf der an diesem Abend ausverkauften Tribüne ist dennoch mehr als nur zufrieden. Falls es in künftigen Jahren eine Wiederholung der Sommeroper geben sollte: Bitte an geeigneterer Stelle und mit einem erheblich reduzierten Aufwand an Technik

Horst Schinzel                                            Bilder: Sommeroper Kiel

 

Besprechungen älterer Aufführungen befinden sich auf der Seite Kiel unseres Archivs weiter unten

 

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com