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KISSINGER SOMMER 2011

Was wäre ein Festival ohne die Initialzündung einer innovativen Programmkonzeption. Mit einer bunt gestrickten publikumsfreundlichen Mischung, einer Symbiose aus Bewährtem und Neuem, findet der Kissinger Sommer 2011, im 26. Jahr des Bestehens, zu einer locker gestrickten Programm-Facette: Klassik-Galas im historischen Regentenbau, Virtuosen-Auftritten, Liedrecitals, Opernkonzerte, kammermusikalische Matineen, auch zeitgenössische Querschläger, die freilich maßvoll dosiert werden. Auch in diesem Jahr macht wieder ein singuläres Projekt die Runde, zwei Liederwerkstätten. In zwei Veranstaltungen wurde im Rossini-Saal präsentiert, was eine Garde junger aufstrebender Sänger (zwei Soprane, ein Tenor und ein Bariton) dem Sinngehalt von Liedkompostionen aus der Feder von Johannes Brahms, Heinrich von Herzogenberg, Richard Strauss, Paul Hindemith, Ernst Toch, Joseph Marx, Heinz Tiessen und Gustav Mahler zu entlocken verstanden. Dass der Liedgesang zu den schwierigsten musikalischen Darstellungsformen gehört, machten die Recitals zu Hörerfahrung. So ließ der Bariton Peter Schöne an gestalterischer Ernsthaftigkeit mit seinem ebenmäßig wohlklingenden Bariton in Heinz Tiessens „Aus dem Stundenbuch“ kaum Wünsche offen ebenso wenig der Tenor Andreas Post mit Vertonungen von Paul Hindemith. Anna Lucia Richter zog mit Liedern von Richard Strauss ansprechend melodischen Linien, die im Piano sensible Abstufung erfahren, in den höheren Regionen (Amor) noch mehr Glanz vertragen hätten. Die kammermusikalische Bühne ist halt mit anderen Maßstäben zu messen als der Operngesang.

 

Neue Kreationen des Liedgesangs

 

Auch im Jubiläumsjahr 2011 brachte die künstlerische Leiterin Kari Kahl-Wolfsjäger das Kunststück zuwege, sieben Komponisten-Persönlichkeiten vom Schlage eines Wolfgang Rihm, Wilhelm Killmayer, Manfred Trojahn, Aribert Reimann, Moritz Eggert und Philipp Maintz zu inspirieren, neue Liedkreationen auf Texte von Clemens Brentano und Rainer Maria Rilke zu verfassen. Eine Woche lang studierten die Komponisten mit den Sängern und Begleitern (den Pianisten Axel Bauni, Moritz Eggert, Jan Philip Schulze) die neu geschöpften Werke ein, korrigierten an der einen oder anderen Stelle, überarbeiteten Fassungen und passten sie gegebenenfalls unter gesangstechnischen Aspekten den Wünschen der Interpreten an.

 

Die aus der Taufe gehobenen Werke verrieten beachtlichen Ausdrucksreichtum.

Bei Wolfgang Rihm (Vier Gedichte nach Rilke, bereits komponiert im Jahr 2000) spürte man die starke musikalische Persönlichkeit, seine handwerkliche Souveränität und die bezwingende Intensität. Fabelhaft gestaltete Peter Schöne, begleitet von Moritz Eggert.  In einen witzig komödiantischen Tonfall kleidet Wilhelm Killmayer seine Vertonung „Abisag“ nach Rilke (2010) und „Großmutter will, ich soll dir singen“ (Brentano), subtil ausgelotet vom Tenor Andreas Post. Vokalen Spagat bis in höchste Regionen verordnete Aribert Reimann seiner Interpretin, der Sopranistin Caroline Melzer in „Rilke-Fragmente“ 2011. Die Nähe zu Oper ist evident und signalisiert die für den Komponisten typischen Chiffren, die Erweiterung des Klangspektrums in der von Axel Bauni hellhörig betreuten Begleitstimme. Zum viel applaudierten Ereignis machte Anna Lucia Richter  und der Komponist Moritz Eggert den Liedzyklus „Singet leise“ nach Brentano/Rilke. Eggert beherrscht halt das spannende Spiel mit den vibrierend rhythmisierten sprachmusikalischen Sujets.

 

Tschechische Philharmonie

 

Bevorzugt erlesene Klassik und Romantik, interpretiert auf hohem Niveau, sind die dynamischen Konstellationen, die das Kissinger Festival in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren beim Publikum so beliebt machen. Publikumsfreundlich war die Tönung in der Prager Gala im Regentenbau. Ein sensibler, fantasievoll interpretierender mit eigenwilligen Tempovorstellungen überraschender Pianist – das ist David Fray, neunundzwanzigjährig, ganz gewiss. Zwar hegt er eine tiefe Abneigung zu den Werken von Claude Debussy, hält sich nach Möglichkeit auch Frédéric Chopin vom Leib, auch für die Hinterlassenschaften der russischen Komponisten kann er sich auch nicht gerade begeistern. Umso mehr hat ihm das deutsche Fach angetan. Natürlich darf da Mozart nicht fehlen. Fray liebt die Konzerte für Klavier und Orchester, nicht nur des „opernnahen“ Ausdrucks wegen, sondern auch der feinen Dialoge mit den Holzbläsern wegen. Seufzende Fortepiano-Stellen, zarte im Pianissimo ersterbende Passagen und durchwegs getragene Tempi machen Fray zu einem subjektiven Ausdeuter Mozartscher Geheimnisse. Ein drängender angerauter Grundton prägte zwar die Wiedergabe des d-Moll Klavierkonzertes KV 466 von Mozart, doch die pianistische Kommunikation fand in der viel zu üppig besetzten, von historischer Artikulation wohl unberührten Tschechischen Philharmonie unter dem Routinier Lawrence Foster kaum den adäquaten Untergrund. Nach dem Aufruhr der Gefühle im düsteren Kopfsatz wandelt sich die Stimmung in der Romanze anmutig in lichte Farben, die im Minore-Abschnitt recht dickflüssig ausfielen.

 

Mit gepflegter Routine huldigte das Orchester ihrem Nationalheiligen Friedrich Smetana.

Im „Best of Klassik-Hit“ „Die Moldau“ (aus dem Zyklus „Mein Vaterland“) bot Foster eine naturalistische Umweltbetrachtung. Gleich in den Eröffnungstakten (Quelle der Moldau) musste man ein wenig um die klangliche Qualität der Flöte bangen. Sauber erarbeitet zog die „Jagdszene“ vorüber – gediegen in der Klangkultur der Hörner. Umso mehr signalisierte die Bauernhochzeit musikantische Ausgelassenheit. Im Getöse der St.-Johann-Stromschnellen polterte es im Orchester gehörig. Die Bläser ließen an klanglichen Aplomb keine Wünsche offen. Vielleicht hätte man die Übergänge subtiler abtönen, und die Vorbereitung des strahlenden E-Dur noch schlüssiger formen können.

 

 Hommage à Franz Liszt stand im Zeichen von drei sinfonischen Dichtungen. Mit gehörigem orchestralem Drive ereignete sich der Todesritt des 1851 komponierten „Mazeppa“- Thrillers, auch wenn der Triumph des Ivan Mazeppa zum finalen Ende ein wenig unter krachender Pauschalität litt. Da tauchten die Prager Musici in Franz Liszts emotionale Welten schon sensibler ein als sie in die hymnischen Lobgesängen und schwebenden Harmonien der vierten sinfonischen Dichtung „Orpheus“ einstimmten. Instrumentale Gesten in der Siegesapotheose in der im dritten Reich leider zur „Sondermeldungsfanfare“ missbrauchten Tondichtung „Les Préludes“ verlangen schon nach gutem musikalischen Geschmack und wohl überlegtem dynamischen Rubato. Foster geizte nicht mit zackig hochfahrenden Wallungen der Emotionen. Mit der breitwandig abgelichteten, im Blech martialisch dröhnenden Wiedergabe legten die tschechischen Philharmoniker wenig Ehre ein. Da wird Liszt doch arg seiner kompositorischen Glaubwürdigkeit beraubt. Schade darum.

 

Philharmonia della Scala

 

Unter Riccardo Muti avancierten sie zu einem hochrangigen Orchester, die „Philharmonica della Scala“- die im Graben des Teatro della Scala so homogen und klangreich die Kommentare zur Opernaufführungen zu formulieren verstand und auch auf der Konzertbühne schon glanzvolle Auftritte feierte. Hier inszenierte der leider im Streit demissionierende Chefdirigent Riccardo Muti oft genug Klangfestspiele (im Palazzo di Mauro in Ravenna). Die wird man so schnell nicht vergessen. Sicher wahrten die Philharmoniker in der Post-Ära Mutis ihr instrumentales Können. Ob sie allerdings unter dem permanenten Wechsel der am Pult stehenden Maestri noch so farbenreich zu nuancieren und die Homogenität im Zusammenspiel souverän zu wahren verstehen, das bleibe dahin gestellt. Als in der Mailänder Soirée im Regentenbau Semyon Bychkov den Tatstock hob, da meldeten sich doch Zweifel, ob die Milanesen sich noch dieser hohen Standards von einst zu bedienen in der Lage sind. (Holzbläser). Mahlers katastrophenträchtige sechste Sinfonie hatte der Gastdirigent wohl sicher im Griff. Unerbittlich schreckhaft stampfte der ersten Satz dahin – mitreißend von den Kontrabässen pointiert. Diese Instrumentengruppe repräsentiert höchsten musikalischen Rang.  Als im Hexenkessel der Blech- und Schlagzeugbatterien die Attacken der Verzweiflungsrhythmen hitzige Temperaturen verhießen, melden sich einige Unebenheiten im sinfonischen Getriebe. Im Riesenfinale steuerte das  Geschehen unerbittlich jenen Stellen zu, wo als Signum der Katastrophe zweimal der Hammer fällt. Dass Bychkov im weiten Spektrum dieser sinfonischen Landschaft nichts in oberflächlicher Brillanz verkommt ließ, verdient Anerkennung, weniger die Tatsache, dass angesichts der beengten Verhältnisse auf der Bühne der dynamische Pegel viel zu hoch lag. Mahlers Sechste gilt wohl als abendfüllendes Werk. Mit dem springlebendig alle sommernächtlichen Geister weckenden e-Moll Violinkonzert von Mendelssohn – der russische Geiger Mikhail Ovrutsky (31) erlebte einen fulminanten Auftritt – wurde das Programm zum Hörerlebnis auf Marathon-Länge. Aber ein Festspielkonzert ohne ergiebige Pause scheint für die Veranstalter zu Festspielzeiten wohl als zu großes Risiko zu gelten.

 

Bamberger Symphoniker (Bayerische Staatsphilharmonie)

 

Der noble Rang eines Hausorchesters für den Kissinger Sommer begleitet die Bamberger Symphoniker, Bayerns Staatsphilharmonie, seit vielen Jahren. Jonathan Nott, der ja mit dramaturgischem Scharfsinn seine Programme zu konzipieren versteht und im Oktober sein 500. Dirigat in Bamberg feiern darf, begann mit Maurice Ravels „Valses noble sentimentales“ – eine Demonstration sensibler subtil ausgehörter, leuchtkräftiger Klänge –eine elegant-kultivierte Tonsprache, nostalgisch sentimental mit Walzern von elegantem Zuschnitt garniert. Zwei Solisten gaben sich an diesem ausverkauften Abend ein Stelldichein. Unter Volldampf setzte Herbert Schuch, ein Pianist von internationalem Renommé, Franz Liszts Klavierreißer, das erste Klavierkonzert in Es-Dur. Technisch makellos zog er seine Bahn: mächtig zupackend, immer auf Zusammenhang und große Linie bedacht, faszinierend in der lyrischen Versonnenheit der rezitativischen Partien. Die lyrischen Buchten kündeten von der großen Erzählkraft des Komponisten. Da meldete sich der Virtuose Liszt ebenso zu Wort wie auch einiges von biografischen Klischees des Abbé Liszt im hervorragend nuancierten Leggiero-Spiel mitschwingt. Schuchs intelligentes Spiel wird hellhörig von Jonathan Nott mit majestätisch klanglicher Gebärde und solistischer Delikatesse unterstützt, im rechten Moment gezügelt, doch immer sehnig-vibrierend vom moduliert. Stürmischer Beifall für den hochkarätig musizierten Reißer.

 

Sabine Meyer, immer gern gehört und bewundert beim Kissinger Sommer, sorgte im f-Moll Konzert von Carl Maria von Weber mit bläserischem Raffinement und einer aufdringlich zur Show gestellten Choreografie ihrer Bewegungen für virtuoses Hörvergnügen. Die Klarinettistin gebietet über einen schlanken Ton mit imponierender Weite, sanftem Vibrato und einem verhauchenden Pianissimi. Poetische Stimmungen zauberte sie in den zweiten Satz durch angenehm-sanfte Artikulation mit weiten melodischen Bögen. Die Zuhörer waren hingerissen und wurden mit dem dritten synkopenreich für B-Klarinette geschriebenen dritten Satz aus „Drei Stücke für Klarinette“ von Igor Strawinsky belohnt. Die Wiedergabe glich eher einer rasend schnell abgespulten Etüde.

 

Mit einem Werk aus der Ära der künstlerischen Aufbrüche des beginnenden 20. Jahrhunderts, Igor Strawinskys 3. Suite aus dem Ballett „Der Feuervogel“, demonstrierten die Bamberger Symphoniker atemnehmend perfektes Orchesterspiel. Die Körperlichkeit dieser tänzerischen Musik wurde durch akkurate Behandlung des Rhythmischen garantiert. In der Wildheit des infernalischen Tanzes des „Roi Kaschtschai“ entfachte Jonathan Nott bis ins kleinste Detail kontrollierten orchestralen Glanz. Mit wendiger Artikulation und beachtlicher Noblesse bewältigten die Solisten ihre Soli, während die strahlkräftigen Blechbläser im Final fulminant auftrumpften.

 

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

 

Der Gewinner der Münchner Violinsoiree im Regentenbau heißt Jannick Nézet-Séguin. Er stand am Pult des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Mittlerweile avancierte der seit acht Jahren das kanadische „Orchestre Métropolitain du Grand Montréal“ leitende dreiunddreißigjährige Dirigent die Geschicke der Symphoniker aus Rotterdam. Im September 2012 übernimmt er die Funktion des Musikdirektors beim Philadelphia Orchestra. In Claude Debussys „La Mer“ leuchteten die klanglichen Farben. Keine Spur von impressionistischem Dösen über parfümierte Klänge. Alles wirkte präzise ausgehorcht, transparent durchgeformt in den kühnen harmonischen Reibungen. Nichts schäumt hier zum stromlinienförmig schnittigen ozeanischen Relief hoch. Vielmehr manifestieren sich im Spiel der Wellen (Jeux de vagues) die konstruktiven Elemente, bündelten sich Clarté und Emotion zur idealen Balance. Schließlich fesselte die destruktive Drehwildheit des zur Farce gewordenen Walzers in Maurice Ravels gleichnamiger Komposition „La Valse“. Die Apotheose des Wiener Walzers explodierte in der emotional inspirierten Gangart des Dirigenten in einem atemberaubend fatalen Wirbel.

 

Genussvoll spielte Frank Peter Zimmermann – ein Dauergast im Kissinger Sommer – in Ludwig van Beethovens Violinkonzert die weiten melodischen  Bögen ohne durch lang gezogene Crescendi im ersten Satz den zusammenhängenden sinfonischen Charakter in Frage zu stellen. Es gab kaum etüdenhaft-mechanisches Abspulen, auch keine Leerläufe der Figurationen. Mitunter wurde von Frank Peter Zimmermann  der dynamische Pegel nahezu bis zur Unhörbarkeit abgesenkt. So gesehen wäre es zweckdienlicher gewesen, die Besetzung des Orchesters zu minimieren. Dann wäre auch realisierbar, was die sparsamer besetzte Kremerata oder die Kammerphilharmonie Bremen mit einem Solisten vom hohen Rang Frank Peter Zimmermanns anstreben: keine vollmundig  zupackende sinfonische Begleitung, sondern eine kammermusikalisch aufbereitete große Gesangsszene mit Orchester, wo das Dialogisieren mit den Holzbläsern die entscheidende Rolle spielt. Trotz sorgsamer Führung durch Yannick Nézet-Séguin wurde die wünschenswerte klangliche Ausgewohnheit zwischen dem subtil aufgezogenen Spiel Zimmermanns und der pathetisch atmenden, auch dynamisch ausufernden Orchesterkulisse leider verfehlt. Trotzdem: gejubelt wurde aus vollem Hals. Und die Bach-Zugabe ließ auch nicht auf sich warten.  

 

Bad Kissingen, das Festival der kurzen Wege, genießt im Konzert der internationalen Festspielstimmen einen glänzenden Ruf. Erlesene Klassik und Romantik, Auftritte der Stars – das sind die dynamischen Konstellationen, die das Festival schon seit fünfundzwanzig Jahren so beliebt machen. Freilich reden die mit schöner Regelmäßigkeit um die sog. Ewigkeitswerke kreisenden Programmkonzeptionen dem Publikum ganz schön nach dem Mund. Nur gut, dass die nach Hörabenteuern und Abwechslung lechzenden Hörer (sicherlich auch die Jüngeren unter ihnen) wenigstens in den beiden Sitzungen der Liederwerkstatt und der Klangwerkstatt auf ihre Kosten kommen.  

Egon Bezold

   

 

 


 

 KISSINGER SOMMER 2010

Bad Kissingen hob l986 ein Festival aus der Taufe, den Kissinger Sommer. Ursprünglich siedelte er ja ganz am Rande der Bundesrepublik, ins Leben gerufen als eine kulturelle Hilfsmaßnahme im Abseits des ehemaligen „Zonenrandgebietes“. In diesem Festival, dem auch aus staatlichen Töpfen kräftig unter die Arme gegriffen wurde, fanden sich von allem Anfang an Künstler aus Ost und West in großer Harmonie zusammen. Erinnert sei an die Emigranten Mikhail Rudy oder Andrej Gawrilow. Eindringlich geführte Gespräche mit Komponisten stifteten Erkenntnisse und künstlerische Freundschaften.

Wo am Anfang kulturpolitisch gesehen die Weichen in erster Linie  nach Osten gestellt wurden, erschienen die Programme  unter globalen Aspekten sukzessiv buntscheckiger ausgerichtet. Der Kissinger Sommer mutierte zu einem Fest der Vielfalt. Locker reihten sich die Veranstaltungen  aneinander. Musik aus bestimmten Zeiträumen, vorwiegend  zentraleuropäische Klassik und Romantik, geben den Ton an. Mehr oder weniger reden die um die gleichen Ewigkeitswerke kreisenden Programmkonzeptionen dem Publikum ganz schön nach dem Mund. Erlesene, qualitativ hochrangig interpretierte Klassik sind die dynamischen Kräfte, die das Kissinger Festival seit fünfundzwanzig Jahren so beliebt machen. So gibt es Auftritte Stars, die Stammgäste in Kissingen wurden wie die hoch im Ansehen stehende Sängerin Cecilia Bartoli. In der Tat: programmatisch gesehen scheint das kaum ein Unterschied mehr zu bestehen zwischen dem Rheingau-Festival, dem Kissinger Sommer oder dem MDR-Kultursommer oder anderen Orten in der alljährlichen sommerlichen Kulturkirmes. Unverwechselbar drückt seit Beginn des illustren Festivalreigens (seit einigen Jahren gibt es auch einen „Winterzauber“ und eine „Klavierolympiade“) die  künstlerische Leiterin, die Kulturmanagerin Kari Kahl-Wolfsjäger, dem Festival ihren dramaturgischen Stempel auf. Soeben wurde ihr Vertrag um weitere vier Jahre verlängert.  Dass die Besucherfrequenz ein wenig schwächelt, ist sicher eine Folge der globalen wirtschaftlichen Restriktionen, die auch bei kulturellen Institutionen ihre Spuren hinterlassen.

Eines hat der Kissinger Sommer den Mitbewerbern voraus: der Nachwuchs –sofern er mit den richtigen Einfluss nehmenden Künstleragenturen kooperiert -  erhält beim Kissinger Sommer eine Chance, vor allem wenn Erfolge bei Wettbewerben auf den Tisch des Hauses gelegt werden können.

Eindrucksvoll setzte sich im Jubiläumsjahr 2010 eine junge hochmotivierte Garde in Szene. Umschrieben mit „Kissinger Klangwerkstatt“ (künstlerisch unter die Fittiche genommen von Elena Bashkirova) sollte das mehrere Auftritte umfassende Projekt an zwei Konzerttagen die  künstlerische Identität der jungen Künstler unter Beweis stellen. Da gab es tolle Überraschungen. Wie der Klarinettist Sebastian Manz (24) – vor zwei Jahren gewann er den ARD-Preis in München, nach vierzig Jahren wurde erstmals ein erster Preis in der Sparte „Klarinette“ vergeben – Robert Schumanns Fantasiestücke op. 74 mit romantischem Atem erfüllte und sie mit klangrednerischen Impetus vitalisierte, zeugte von fabelhafter Musikalität. Bruchlos funktionierte auch das Zusammenspiel mit Boris Kusnezov. Tiefen Ernst, Akkuratesse beim Spiel der zahlreichen polytonalen Segmente und schmerzvollen wie auch trostvollen Bekundungen, trugen Alfred Schnittkes Klavierquintett, das der Komponist nach dem Ableben seiner Mutter komponiert hatte. Die Interpreten  Michael Barenboim, Elena Bashkirova (Klavier), Mari Samuelsen, Nicolas Altstaedt und Ori Kam widmeten dem Opus vorbildliche gestalterische Sorgfalt und blitzende Präzision.  Auch im frühen Trio Nr. 1 für Klavier, Violine und Violoncello von Dmitri Shostakovich (Boris Kusnezov, Mari Samuelsen, Nicolas Altstaedt)  enthüllte die kammermusikalische Rhetorik spieltechnische Präzision und viel überredende Kraft – ein siebzehnjähriger Youngster ließ da einiges von dem spüren, was sich in den Reifejahren mit aggressiver Schärfe und bezwingender Dichte sich katastrophenträchtig im e-Moll Trio op. 67 ereignen sollte.

Eine Vielzahl von kammermusikalischen Darbietungen schöpften Goldminen. So beim Auftritt des im Cello neu besetzten Philharmonia Quartetts – eine Formation aus dem Kreis der Berliner Philharmoniker. Die vier Streicher boten den Zuhörern im Rossini-Saal ein gut austariertes, nach der Konzertpause durchwegs  inspirierend aufgezogenes Spiel.  Nach Schuberts in den Mittelstimmen ein wenig verhangenem c-Moll Quartett Satz D 703 und dem routiniert abgespulten Mozart Quartett  KV 575 drang das Team mit dem Gast-Cellisten Alban Gerhardt tief in die Geheimnisse von Franz Schuberts C-Dur Quintett D 956 ein. Da wurden all die schmerzlichen Befindlichkeiten, die melodischen Spannungen mit großer Intensität ausgelotet.  Beide Cellisten legten ein sattes Bassfundament. Alban Gerhardt zupfte subtil die Pizzicati und mischte in die klanglichen Kommentare grummelnd vergrübelte Figuren. Wie eindrucksvoll die zweite Cello-Stimme doch den musikalischen Fluss belebte. Kein Wunder, wenn hier Streicherfarben besonders an Leuchtkraft gewannen.

Besondere Aufmerksamkeit - eine wohl bekannte, viel gelobte und immer wieder diskutierte Spezialität von Kari Kahl-Wolfsjäger - gilt der „Liederwerkstatt“, für die auch im Jubiläumsjahr wieder eine eingefleischte Komponisten-Garde mit Moritz Eggert, Wolfgang Rihm, Wilhelm Killmayer, Manfred Trojahn u.a. Spalier stand. Die Kompositionen lagen in den interpretatorischen Händen von Axel Bauni, Moritz Eggert und Jan Philipp Schulz Klavier sowie den Liedsängern Felicitas Fuchs, Olivia Vermeulen, Andreas Post und Hans Christoph Begemann. Vertont werden Texte und Gedichte von Joseph von Eichendorff.

Schade, dass ihr Klaviernachmittag zur klassischen „Horowitz-Uhrzeit“ 16 Uhr ins Wasser fiel, weil die Pianistin Olga Kern wegen eines Trauerfalls in der Familie nicht reisen konnte. Der einspringende siebzehnjährige Kit Armstrong, Sieger in der Kissinger KlavierOlmypiade 2006, setzte sich im sehr gut besetzten Rossini-Saal (just zur Länderspielzeit Deutschland gegen Argentinien) an den Flügel. Vorbilder suchte er nicht zu imitieren.  Er fand zu einer eigenen Linie, gab Mozart, Fantasie und Fuge G-Moll KV 542 nach Bach/Liszt  und Klaviersonate KV 576 D-Dur, eine eigene Linie. Er fand sie im hellen, durchsichtigen, flott aufgezogenen Spiel frei von jeglicher Aggressivität – alles Werke der Spielfreude, auch die 12 Variationen C-Dur KV 265. Armstrong unternahm keine agogischen Extratouren. Sein Spiel verriet sympathische Entschiedenheit. Beschleunigt ging der Puls auch bei Franz Schuberts Impromptus op. 90 D 899. Zwar blieb alles wohl kontrolliert, doch Armstrong verstand aus sich herauszugehen. Und er macht vom Recht der Jugend Gebrauch, ein wenig über die Stränge zu schlagen und entlockte so Franz Schuberts Impromptu Nr. 2 Es-Dur ein feines „jeu perlé“ und der Nummer 4 in As-Dur eine funkelnde Leichtigkeit.  Auch in den lyrischen Eintrübungen der Impromptus  findet das untadelige Spiel zu einer subtilen dynamischen Skala, so in Nr. 1 Allegro molto moderato. Respekt vor Armstrongs erzählerischen Kräften, denen auch ein Komposition „Marke Eigenbau“ entsprang:  leichte Ware, unterhaltsam, seine Origami für Klavier, komponiert 2010, angereichert mit sechs verschiedenen Varianten. Das Publikum fand großen Gefallen an diesem fabelhaften Recital.

Da sich der Kissinger Sommer als ein Institution des Marketing versteht, wird unter ökonomischen Gesichtspunkten die gemeinhin wenig geliebte zeitgenössische Musik recht zaghaft in die Orchesterkonzerte integriert. Doch in den kammermusikalischen Reihen scheint die Moderne jedoch besser aufgehoben. So kamen Besucher im „Konzert für Neugierige“ mit Alexei Lubimov wahrlich auf ihre Kosten. Das Programm vermittelte einen exemplarischen Streifzug durch die russisch-sowjetische Klaviermusik des 20. Jahrhunderts und reflektierte die für Künstler so bedrückenden Repressionen der alten sowjetischen Kulturpolitik.  Die dritte Klaviersonate von Galina Ustwolskaja versetzte  die Zuhörer in ein elektrisierendes Töne-Labyrinth. Welch mutiger Ausrutscher. Dass ein Markus Hinterhäusser, Salzburgs bald scheidender Konzertmanager, noch 2001als mutiger Anwalt der Avantgarde mit allen Sonaten der Ustwolskaja zu hören war, sei nochmals ins Gedächtnis gerufen. Die mitreißende Kraft der Tonsprache in der 7. Sonate  von Serge Prokofieff, den perkussiven Furor, traf den musikalischen Nerv der Zuhörer. Zu hören war auch „Musica stricta“ von André Volkonsky – ein Schlüsselwerk der sowjetischen Musik, in der die Dodekaphonie zur Anwendung kommt. Von avantgardistischen Kompositionstechniken machte Valentin Silvestrov in der zweiten Sonate (l975) Gebrauch.

Publikumsfreundlich ist stets die Tönung in den Orchesterkonzerten im akustisch fabelhaften Max-Littmann-Saal im Regentenbau. Der mittlerweile auf zwei Hochzeiten tanzende Nikolaj Znaider in der Doppelrolle als Geiger und Dirigent trat in der „Prager Gala“ ans Pult der Tschechischen Philharmonie. An künstlerischer Eindringlichkeit bot der Pianist Rudolf  Buchbinder Respektgebietendes. Der Revolutionär Beethoven, sein Pathos, die mitreißende Macht seiner Tonsprache, kam im c-Moll Klavierkonzert Nr. 3 gut zur Geltung. Es fehlte Buchbinder  nicht an der wuchtigen Pranke und an beachtlicher Zielgerichtetheit, wenn gleich seine hoch routinierte Lesart nicht zum Gänsehaut-Kriegen war.  Romantisch duftende Poesie trug den Mittelsatz, während im Schlussrondo die aggressiv pointierten Segmente beeindruckten.

Nach der Konzertpause tönte die zweite Sinfonie von Johannes Brahms im gepflegt routinierten Spiel des tschechischen Paradeorchesters. Der Kopfsatz entwickelte schlüssig die brahmstypischen sperrigen Mechanismen der Motiv-Verarbeitungs- und Verflechtungstechniken. Sehr breit ausgewalzt wirkte der zweite Satz, den Znaider regelrecht zelebrierte. Prononciert schmetterten die Attacken im musikalischen Fluss des vierten Satzes. Keine Frage: Sorgfältig disponierte der Dirigent die sinfonischen Ereignisse sicherlich. Ob immer organisch durchpulst in den Tempi  steht auf einem anderen Blatt. Da sich Znaider auf alle Wiederholungen einließ, wurde die Zweite Brahms zu einer lang währenden Hörerfahrung. Sicher steht Znaider noch am Anfang einer verheißungsvoll beginnenden Karriere als Dirigent. Und es bleibt zu hoffen, dass sein Bewusstsein für die rechte Form, für die schlüssigen Proportionen, noch reifen möge.

Wenn Frank Peter Zimmermann sich in die Heiligtümer der klassischen Violinliteratur begibt, darf man hohe Maßstäbe anlegen. Sein klassisch ausgewogenes Spiel war in W.A. Mozarts Violinkonzert in G-Dur KV 216 von Nerv und Spannung, substanzvoll in der Tongebung, griff-und bogentechnisch perfekt. Zimermann bringt seine Ausdruckspalette in den lyrisch verinnerlichten Momenten mit viel Vibrato zur Geltung. Die Frage ist nur, ob ein hoch angesehener Star nicht mal über die Stränge schlagen sollte, um eine modern komponierte Kadenz in ein Mozart-Konzert zu integrieren. Erinnert sei an Schnittkes Kadenz für Beethovens opus 61.Weniger überzeugte im Konzert der Tschechischen Philharmonie die Wiedergabe des Rondos für Violine und Orchester C-Dur KV 373. Da mangelte es schon an der rhythmischen Feinabstimmung zwischen Orchester und dem Solisten. Ein gerade noch vermiedener Schmiss wäre wohl zu Lasten von Manfred Honeck und des nachlässig begleitenden Orchesters gegangen.

Manfred Honeck dirigierte Dvoráks Neunte. Hier stand alles  im Zeichen einer wohl gepflegten Routine, perfekt im Detail, straff in den Tempi und glanzvoll im Spiel der Blechbläser. Das Werk geriet in den Proportionen äußerst stimmig. Die Grüße aus der böhmischen Heimat, die Dirigenten ja oft genug als sinfonisch-landschaftliches Seelengemälde auskosten, wurden bei Honeck zur klar geformten Kommunikation über absolute musikalische Inhalte. Die Tschechische Philharmonie imponierte mit edlem Streicherklang, nobler Grandezza im Holz und kraftvoll zupackendem Blech.

Ein geschmeidig agierendes Ensemble ist das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks geworden: Der füllige, organisch atmende, dabei durchaus kernige, gut ausbalancierte Orchesterklang machte Eindruck, selbst wenn ein hemdsärmelig robust zupackender Dirigent kräftig am Lautstärkepegel drehte. Wegen eines operativen Eingriffs und nachfolgender Regeneration musste Mariss Jansons seinen Auftritt leider absagen. Der einspringende finnische Dirigent Johan Storgards modellierte routiniert die vielen Details in Robert Schumanns erster Sinfonie. Doch die typische Mischung aus sinfonischer Kraftentfaltung, kleinzelliger Materialien und figurativer Umspielungen geriet zu einer routiniert abgespulten sinfonischen Exekution.

„Ich kann dieses Concert nicht mehr hören – habe ich vielleicht  nur dieses  e in e  Concert geschrieben?“ So klagte Max Bruch einst seinem Verleger Fritz Simrock. Knapp einhundert Werke komponierte Bruch, davon knapp dreißig ohne Opuszahl. Doch ohne sein g-Moll Violinkonzert wäre Max Bruch wohl ein Mr. Unknown geblieben. Diesen g-Moll Dauerbrenner ließ der aus China stammende Geiger Feng Ning (29) in seichte Gewässer abdriften. Mit viel Gefühlsfett bestrich der Chinese das Adagio – die Violindroge Bruch als sentimentale Exekution: stilistisch ist das höchst anfechtbar, zumal der Dirigent das Orchester sehr kompakt korrespondieren ließ. Das Konzert endete mit spanischer Folklore im Kleid eigenständiger Kunstmusik, wie das Manuel de Fallas Konzertfassung des Dreispitz-Balletts offenbart. In diesem orchestralen Paradestück wurden glosende rhythmische Kräfte entfacht, die sich auch in innigen Episoden äußerten. Wem kam da nicht ein auskomponiertes Pulverfass in den Sinn? Bläser und Schlagwerker des Orchesters gaben dem feurigen Brocken den gebührenden instrumentalen Taumel.    

Der Kissinger Sommer 2010 geht am 18. Juli mit Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ in der Wiedergabe durch die Bamberger Symphoniker mit Jonathan Nott, Waltraud Meier und Klaus Florian Vogt zu Ende.

Egon Bezold

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

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