KISSINGER SOMMER 2011
Was wäre ein Festival ohne die Initialzündung einer
innovativen Programmkonzeption. Mit einer bunt gestrickten
publikumsfreundlichen Mischung, einer Symbiose aus Bewährtem und Neuem, findet der
Kissinger Sommer 2011, im 26. Jahr des Bestehens, zu einer locker gestrickten
Programm-Facette: Klassik-Galas im historischen Regentenbau,
Virtuosen-Auftritten, Liedrecitals, Opernkonzerte, kammermusikalische Matineen,
auch zeitgenössische Querschläger, die freilich maßvoll dosiert werden. Auch in
diesem Jahr macht wieder ein singuläres Projekt die Runde, zwei Liederwerkstätten.
In zwei Veranstaltungen wurde im Rossini-Saal präsentiert, was eine Garde
junger aufstrebender Sänger (zwei Soprane, ein Tenor und ein Bariton) dem
Sinngehalt von Liedkompostionen aus der Feder von Johannes Brahms, Heinrich von
Herzogenberg, Richard Strauss, Paul Hindemith, Ernst Toch, Joseph Marx, Heinz
Tiessen und Gustav Mahler zu entlocken verstanden. Dass der Liedgesang zu den
schwierigsten musikalischen Darstellungsformen gehört, machten die Recitals zu
Hörerfahrung. So ließ der Bariton Peter Schöne an gestalterischer
Ernsthaftigkeit mit seinem ebenmäßig wohlklingenden Bariton in Heinz Tiessens
„Aus dem Stundenbuch“ kaum Wünsche offen ebenso wenig der Tenor Andreas Post
mit Vertonungen von Paul Hindemith. Anna Lucia Richter zog mit Liedern von
Richard Strauss ansprechend melodischen Linien, die im Piano sensible Abstufung
erfahren, in den höheren Regionen (Amor) noch mehr Glanz vertragen hätten. Die
kammermusikalische Bühne ist halt mit anderen Maßstäben zu messen als der
Operngesang.
Neue Kreationen des Liedgesangs
Auch im Jubiläumsjahr 2011 brachte die künstlerische
Leiterin Kari Kahl-Wolfsjäger das Kunststück zuwege, sieben
Komponisten-Persönlichkeiten vom Schlage eines Wolfgang Rihm, Wilhelm Killmayer,
Manfred Trojahn, Aribert Reimann, Moritz Eggert und Philipp Maintz zu
inspirieren, neue Liedkreationen auf Texte von Clemens Brentano und Rainer
Maria Rilke zu verfassen. Eine Woche lang studierten die Komponisten mit den
Sängern und Begleitern (den Pianisten Axel Bauni, Moritz Eggert, Jan Philip
Schulze) die neu geschöpften Werke ein, korrigierten an der einen oder anderen
Stelle, überarbeiteten Fassungen und passten sie gegebenenfalls unter
gesangstechnischen Aspekten den Wünschen der Interpreten an.
Die aus der Taufe gehobenen Werke verrieten beachtlichen
Ausdrucksreichtum.
Bei Wolfgang Rihm (Vier Gedichte nach Rilke, bereits komponiert
im Jahr 2000) spürte man die starke musikalische Persönlichkeit, seine
handwerkliche Souveränität und die bezwingende Intensität. Fabelhaft gestaltete
Peter Schöne, begleitet von Moritz Eggert. In einen witzig komödiantischen Tonfall
kleidet Wilhelm Killmayer seine Vertonung „Abisag“ nach Rilke (2010) und
„Großmutter will, ich soll dir singen“ (Brentano), subtil ausgelotet vom Tenor
Andreas Post. Vokalen Spagat bis in höchste Regionen verordnete Aribert Reimann
seiner Interpretin, der Sopranistin Caroline Melzer in „Rilke-Fragmente“ 2011.
Die Nähe zu Oper ist evident und signalisiert die für den Komponisten typischen
Chiffren, die Erweiterung des Klangspektrums in der von Axel Bauni hellhörig
betreuten Begleitstimme. Zum viel applaudierten Ereignis machte Anna Lucia
Richter und der Komponist Moritz Eggert
den Liedzyklus „Singet leise“ nach Brentano/Rilke. Eggert beherrscht halt das
spannende Spiel mit den vibrierend rhythmisierten sprachmusikalischen Sujets.
Tschechische Philharmonie
Bevorzugt erlesene Klassik und Romantik, interpretiert auf
hohem Niveau, sind die dynamischen Konstellationen, die das Kissinger Festival
in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren beim Publikum so beliebt machen. Publikumsfreundlich
war die Tönung in der Prager Gala im Regentenbau. Ein sensibler, fantasievoll
interpretierender mit eigenwilligen Tempovorstellungen überraschender Pianist –
das ist David Fray, neunundzwanzigjährig, ganz gewiss. Zwar hegt er eine tiefe
Abneigung zu den Werken von Claude Debussy, hält sich nach Möglichkeit auch
Frédéric Chopin vom Leib, auch für die Hinterlassenschaften der russischen
Komponisten kann er sich auch nicht gerade begeistern. Umso mehr hat ihm das
deutsche Fach angetan. Natürlich darf da Mozart nicht fehlen. Fray liebt die
Konzerte für Klavier und Orchester, nicht nur des „opernnahen“ Ausdrucks wegen,
sondern auch der feinen Dialoge mit den Holzbläsern wegen. Seufzende Fortepiano-Stellen,
zarte im Pianissimo ersterbende Passagen und durchwegs getragene Tempi machen
Fray zu einem subjektiven Ausdeuter Mozartscher Geheimnisse. Ein drängender
angerauter Grundton prägte zwar die Wiedergabe des d-Moll Klavierkonzertes KV
466 von Mozart, doch die pianistische Kommunikation fand in der viel zu üppig
besetzten, von historischer Artikulation wohl unberührten Tschechischen
Philharmonie unter dem Routinier Lawrence Foster kaum den adäquaten Untergrund.
Nach dem Aufruhr der Gefühle im düsteren Kopfsatz wandelt sich die Stimmung in
der Romanze anmutig in lichte Farben, die im Minore-Abschnitt recht dickflüssig
ausfielen.
Mit gepflegter Routine huldigte das Orchester ihrem
Nationalheiligen Friedrich Smetana.
Im „Best of Klassik-Hit“ „Die Moldau“ (aus dem Zyklus „Mein
Vaterland“) bot Foster eine naturalistische Umweltbetrachtung. Gleich in den
Eröffnungstakten (Quelle der Moldau) musste man ein wenig um die klangliche
Qualität der Flöte bangen. Sauber erarbeitet zog die „Jagdszene“ vorüber –
gediegen in der Klangkultur der Hörner. Umso mehr signalisierte die
Bauernhochzeit musikantische Ausgelassenheit. Im Getöse der
St.-Johann-Stromschnellen polterte es im Orchester gehörig. Die Bläser ließen
an klanglichen Aplomb keine Wünsche offen. Vielleicht hätte man die Übergänge
subtiler abtönen, und die Vorbereitung des strahlenden E-Dur noch schlüssiger
formen können.
Hommage à Franz Liszt
stand im Zeichen von drei sinfonischen Dichtungen. Mit gehörigem orchestralem
Drive ereignete sich der Todesritt des 1851 komponierten „Mazeppa“- Thrillers,
auch wenn der Triumph des Ivan Mazeppa zum finalen Ende ein wenig unter
krachender Pauschalität litt. Da tauchten die Prager Musici in Franz Liszts
emotionale Welten schon sensibler ein als sie in die hymnischen Lobgesängen und
schwebenden Harmonien der vierten sinfonischen Dichtung „Orpheus“ einstimmten.
Instrumentale Gesten in der Siegesapotheose in der im dritten Reich leider zur
„Sondermeldungsfanfare“ missbrauchten Tondichtung „Les Préludes“ verlangen
schon nach gutem musikalischen Geschmack und wohl überlegtem dynamischen
Rubato. Foster geizte nicht mit zackig hochfahrenden Wallungen der Emotionen. Mit
der breitwandig abgelichteten, im Blech martialisch dröhnenden Wiedergabe legten
die tschechischen Philharmoniker wenig Ehre ein. Da wird Liszt doch arg seiner
kompositorischen Glaubwürdigkeit beraubt. Schade darum.
Philharmonia della Scala
Unter Riccardo Muti avancierten sie zu einem hochrangigen
Orchester, die „Philharmonica della Scala“- die im Graben des Teatro della
Scala so homogen und klangreich die Kommentare zur Opernaufführungen zu
formulieren verstand und auch auf der Konzertbühne schon glanzvolle Auftritte
feierte. Hier inszenierte der leider im Streit demissionierende Chefdirigent
Riccardo Muti oft genug Klangfestspiele (im Palazzo di Mauro in Ravenna). Die
wird man so schnell nicht vergessen. Sicher wahrten die Philharmoniker in der
Post-Ära Mutis ihr instrumentales Können. Ob sie allerdings unter dem permanenten
Wechsel der am Pult stehenden Maestri noch so farbenreich zu nuancieren und die
Homogenität im Zusammenspiel souverän zu wahren verstehen, das bleibe dahin
gestellt. Als in der Mailänder Soirée im Regentenbau Semyon Bychkov den
Tatstock hob, da meldeten sich doch Zweifel, ob die Milanesen sich noch dieser
hohen Standards von einst zu bedienen in der Lage sind. (Holzbläser). Mahlers
katastrophenträchtige sechste Sinfonie hatte der Gastdirigent wohl sicher im
Griff. Unerbittlich schreckhaft stampfte der ersten Satz dahin – mitreißend von
den Kontrabässen pointiert. Diese Instrumentengruppe repräsentiert höchsten
musikalischen Rang. Als im Hexenkessel
der Blech- und Schlagzeugbatterien die Attacken der Verzweiflungsrhythmen
hitzige Temperaturen verhießen, melden sich einige Unebenheiten im sinfonischen
Getriebe. Im Riesenfinale steuerte das Geschehen
unerbittlich jenen Stellen zu, wo als Signum der Katastrophe zweimal der Hammer
fällt. Dass Bychkov im weiten Spektrum dieser sinfonischen Landschaft nichts in
oberflächlicher Brillanz verkommt ließ, verdient Anerkennung, weniger die
Tatsache, dass angesichts der beengten Verhältnisse auf der Bühne der
dynamische Pegel viel zu hoch lag. Mahlers Sechste gilt wohl als abendfüllendes
Werk. Mit dem springlebendig alle sommernächtlichen Geister weckenden e-Moll
Violinkonzert von Mendelssohn – der russische Geiger Mikhail Ovrutsky (31)
erlebte einen fulminanten Auftritt – wurde das Programm zum Hörerlebnis auf
Marathon-Länge. Aber ein Festspielkonzert ohne ergiebige Pause scheint für die
Veranstalter zu Festspielzeiten wohl als zu großes Risiko zu gelten.
Bamberger Symphoniker (Bayerische Staatsphilharmonie)
Der noble Rang eines Hausorchesters für den Kissinger Sommer
begleitet die Bamberger Symphoniker, Bayerns Staatsphilharmonie, seit vielen
Jahren. Jonathan Nott, der ja mit dramaturgischem Scharfsinn seine Programme zu
konzipieren versteht und im Oktober sein 500. Dirigat in Bamberg feiern darf,
begann mit Maurice Ravels „Valses noble sentimentales“ – eine Demonstration
sensibler subtil ausgehörter, leuchtkräftiger Klänge –eine elegant-kultivierte
Tonsprache, nostalgisch sentimental mit Walzern von elegantem Zuschnitt
garniert. Zwei Solisten gaben sich an diesem ausverkauften Abend ein
Stelldichein. Unter Volldampf setzte Herbert Schuch, ein Pianist von
internationalem Renommé, Franz Liszts Klavierreißer, das erste Klavierkonzert
in Es-Dur. Technisch makellos zog er seine Bahn: mächtig zupackend, immer auf
Zusammenhang und große Linie bedacht, faszinierend in der lyrischen
Versonnenheit der rezitativischen Partien. Die lyrischen Buchten kündeten von
der großen Erzählkraft des Komponisten. Da meldete sich der Virtuose Liszt
ebenso zu Wort wie auch einiges von biografischen Klischees des Abbé Liszt im
hervorragend nuancierten Leggiero-Spiel mitschwingt. Schuchs intelligentes
Spiel wird hellhörig von Jonathan Nott mit majestätisch klanglicher Gebärde und
solistischer Delikatesse unterstützt, im rechten Moment gezügelt, doch immer
sehnig-vibrierend vom moduliert. Stürmischer Beifall für den hochkarätig
musizierten Reißer.
Sabine Meyer, immer gern gehört und bewundert beim Kissinger
Sommer, sorgte im f-Moll Konzert von Carl Maria von Weber mit bläserischem Raffinement
und einer aufdringlich zur Show gestellten Choreografie ihrer Bewegungen für
virtuoses Hörvergnügen. Die Klarinettistin gebietet über einen schlanken Ton
mit imponierender Weite, sanftem Vibrato und einem verhauchenden Pianissimi. Poetische
Stimmungen zauberte sie in den zweiten Satz durch angenehm-sanfte Artikulation
mit weiten melodischen Bögen. Die Zuhörer waren hingerissen und wurden mit dem
dritten synkopenreich für B-Klarinette geschriebenen dritten Satz aus „Drei
Stücke für Klarinette“ von Igor Strawinsky belohnt. Die Wiedergabe glich eher
einer rasend schnell abgespulten Etüde.
Mit einem Werk aus der Ära der künstlerischen Aufbrüche des
beginnenden 20. Jahrhunderts, Igor Strawinskys 3. Suite aus dem Ballett „Der
Feuervogel“, demonstrierten die Bamberger Symphoniker atemnehmend perfektes
Orchesterspiel. Die Körperlichkeit dieser tänzerischen Musik wurde durch
akkurate Behandlung des Rhythmischen garantiert. In der Wildheit des
infernalischen Tanzes des „Roi Kaschtschai“ entfachte Jonathan Nott bis ins
kleinste Detail kontrollierten orchestralen Glanz. Mit wendiger Artikulation
und beachtlicher Noblesse bewältigten die Solisten ihre Soli, während die
strahlkräftigen Blechbläser im Final fulminant auftrumpften.
Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Der Gewinner der Münchner Violinsoiree im Regentenbau heißt
Jannick Nézet-Séguin. Er stand am Pult des Sinfonieorchesters des Bayerischen
Rundfunks. Mittlerweile avancierte der seit acht Jahren das kanadische „Orchestre
Métropolitain du Grand Montréal“ leitende dreiunddreißigjährige Dirigent die
Geschicke der Symphoniker aus Rotterdam. Im September 2012 übernimmt er die
Funktion des Musikdirektors beim Philadelphia Orchestra. In Claude Debussys „La
Mer“ leuchteten die klanglichen Farben. Keine Spur von impressionistischem
Dösen über parfümierte Klänge. Alles wirkte präzise ausgehorcht, transparent
durchgeformt in den kühnen harmonischen Reibungen. Nichts schäumt hier zum
stromlinienförmig schnittigen ozeanischen Relief hoch. Vielmehr manifestieren
sich im Spiel der Wellen (Jeux de vagues) die konstruktiven Elemente, bündelten
sich Clarté und Emotion zur idealen Balance. Schließlich fesselte die
destruktive Drehwildheit des zur Farce gewordenen Walzers in Maurice Ravels
gleichnamiger Komposition „La Valse“. Die Apotheose des Wiener Walzers
explodierte in der emotional inspirierten Gangart des Dirigenten in einem
atemberaubend fatalen Wirbel.
Genussvoll spielte Frank Peter Zimmermann – ein Dauergast im
Kissinger Sommer – in Ludwig van Beethovens Violinkonzert die weiten
melodischen Bögen ohne durch lang gezogene
Crescendi im ersten Satz den zusammenhängenden sinfonischen Charakter in Frage
zu stellen. Es gab kaum etüdenhaft-mechanisches Abspulen, auch keine Leerläufe
der Figurationen. Mitunter wurde von Frank Peter Zimmermann der dynamische Pegel nahezu bis zur
Unhörbarkeit abgesenkt. So gesehen wäre es zweckdienlicher gewesen, die
Besetzung des Orchesters zu minimieren. Dann wäre auch realisierbar, was die
sparsamer besetzte Kremerata oder die Kammerphilharmonie Bremen mit einem
Solisten vom hohen Rang Frank Peter Zimmermanns anstreben: keine vollmundig zupackende sinfonische Begleitung, sondern eine
kammermusikalisch aufbereitete große Gesangsszene mit Orchester, wo das
Dialogisieren mit den Holzbläsern die entscheidende Rolle spielt. Trotz
sorgsamer Führung durch Yannick Nézet-Séguin wurde die wünschenswerte
klangliche Ausgewohnheit zwischen dem subtil aufgezogenen Spiel Zimmermanns und
der pathetisch atmenden, auch dynamisch ausufernden Orchesterkulisse leider
verfehlt. Trotzdem: gejubelt wurde aus vollem Hals. Und die Bach-Zugabe ließ
auch nicht auf sich warten.
Bad Kissingen, das Festival der kurzen Wege, genießt im
Konzert der internationalen Festspielstimmen einen glänzenden Ruf. Erlesene
Klassik und Romantik, Auftritte der Stars – das sind die dynamischen
Konstellationen, die das Festival schon seit fünfundzwanzig Jahren so beliebt
machen. Freilich reden die mit schöner Regelmäßigkeit um die sog.
Ewigkeitswerke kreisenden Programmkonzeptionen dem Publikum ganz schön nach dem
Mund. Nur gut, dass die nach Hörabenteuern und Abwechslung lechzenden Hörer
(sicherlich auch die Jüngeren unter ihnen) wenigstens in den beiden Sitzungen
der Liederwerkstatt und der Klangwerkstatt auf ihre Kosten kommen.
Egon Bezold
KISSINGER SOMMER 2010
Bad Kissingen hob l986 ein Festival aus der Taufe, den
Kissinger Sommer. Ursprünglich siedelte er ja ganz am Rande der Bundesrepublik,
ins Leben gerufen als eine kulturelle Hilfsmaßnahme im Abseits des ehemaligen
„Zonenrandgebietes“. In diesem Festival, dem auch aus staatlichen Töpfen
kräftig unter die Arme gegriffen wurde, fanden sich von allem Anfang an
Künstler aus Ost und West in großer Harmonie zusammen. Erinnert sei an die
Emigranten Mikhail Rudy oder Andrej Gawrilow. Eindringlich geführte Gespräche mit
Komponisten stifteten Erkenntnisse und künstlerische Freundschaften.
Wo am Anfang kulturpolitisch gesehen die Weichen in erster
Linie nach Osten gestellt wurden,
erschienen die Programme unter globalen
Aspekten sukzessiv buntscheckiger ausgerichtet. Der Kissinger Sommer mutierte
zu einem Fest der Vielfalt. Locker reihten sich die Veranstaltungen aneinander. Musik aus bestimmten Zeiträumen,
vorwiegend zentraleuropäische Klassik
und Romantik, geben den Ton an. Mehr oder weniger reden die um die gleichen
Ewigkeitswerke kreisenden Programmkonzeptionen dem Publikum ganz schön nach dem
Mund. Erlesene, qualitativ hochrangig interpretierte Klassik sind die
dynamischen Kräfte, die das Kissinger Festival seit fünfundzwanzig Jahren so
beliebt machen. So gibt es Auftritte Stars, die Stammgäste in Kissingen wurden
wie die hoch im Ansehen stehende Sängerin Cecilia Bartoli. In der Tat:
programmatisch gesehen scheint das kaum ein Unterschied mehr zu bestehen
zwischen dem Rheingau-Festival, dem Kissinger Sommer oder dem MDR-Kultursommer
oder anderen Orten in der alljährlichen sommerlichen Kulturkirmes. Unverwechselbar
drückt seit Beginn des illustren Festivalreigens (seit einigen Jahren gibt es
auch einen „Winterzauber“ und eine „Klavierolympiade“) die künstlerische Leiterin, die Kulturmanagerin
Kari Kahl-Wolfsjäger, dem Festival ihren dramaturgischen Stempel auf. Soeben
wurde ihr Vertrag um weitere vier Jahre verlängert. Dass die Besucherfrequenz ein wenig schwächelt,
ist sicher eine Folge der globalen wirtschaftlichen Restriktionen, die auch bei
kulturellen Institutionen ihre Spuren hinterlassen.
Eines hat der Kissinger Sommer den Mitbewerbern voraus: der
Nachwuchs –sofern er mit den richtigen Einfluss nehmenden Künstleragenturen
kooperiert - erhält beim Kissinger
Sommer eine Chance, vor allem wenn Erfolge bei Wettbewerben auf den Tisch des
Hauses gelegt werden können.
Eindrucksvoll setzte sich im Jubiläumsjahr 2010 eine junge
hochmotivierte Garde in Szene. Umschrieben mit „Kissinger Klangwerkstatt“
(künstlerisch unter die Fittiche genommen von Elena Bashkirova) sollte das
mehrere Auftritte umfassende Projekt an zwei Konzerttagen die künstlerische Identität der jungen Künstler
unter Beweis stellen. Da gab es tolle Überraschungen. Wie der Klarinettist
Sebastian Manz (24) – vor zwei Jahren gewann er den ARD-Preis in München, nach
vierzig Jahren wurde erstmals ein erster Preis in der Sparte „Klarinette“
vergeben – Robert Schumanns Fantasiestücke op. 74 mit romantischem Atem
erfüllte und sie mit klangrednerischen Impetus vitalisierte, zeugte von
fabelhafter Musikalität. Bruchlos funktionierte auch das Zusammenspiel mit
Boris Kusnezov. Tiefen Ernst, Akkuratesse beim Spiel der zahlreichen
polytonalen Segmente und schmerzvollen wie auch trostvollen Bekundungen, trugen
Alfred Schnittkes Klavierquintett, das der Komponist nach dem Ableben seiner
Mutter komponiert hatte. Die Interpreten Michael Barenboim, Elena Bashkirova (Klavier),
Mari Samuelsen, Nicolas Altstaedt und Ori Kam widmeten dem Opus vorbildliche
gestalterische Sorgfalt und blitzende Präzision. Auch im frühen Trio Nr. 1 für Klavier, Violine
und Violoncello von Dmitri Shostakovich (Boris Kusnezov, Mari Samuelsen,
Nicolas Altstaedt) enthüllte die
kammermusikalische Rhetorik spieltechnische Präzision und viel überredende
Kraft – ein siebzehnjähriger Youngster ließ da einiges von dem spüren, was sich
in den Reifejahren mit aggressiver Schärfe und bezwingender Dichte sich
katastrophenträchtig im e-Moll Trio op. 67 ereignen sollte.
Eine Vielzahl von kammermusikalischen Darbietungen schöpften
Goldminen. So beim Auftritt des im Cello neu besetzten Philharmonia Quartetts –
eine Formation aus dem Kreis der Berliner Philharmoniker. Die vier Streicher
boten den Zuhörern im Rossini-Saal ein gut austariertes, nach der Konzertpause
durchwegs inspirierend aufgezogenes
Spiel. Nach Schuberts in den
Mittelstimmen ein wenig verhangenem c-Moll Quartett Satz D 703 und dem routiniert
abgespulten Mozart Quartett KV 575 drang
das Team mit dem Gast-Cellisten Alban Gerhardt tief in die Geheimnisse von Franz
Schuberts C-Dur Quintett D 956 ein. Da wurden all die schmerzlichen
Befindlichkeiten, die melodischen Spannungen mit großer Intensität ausgelotet. Beide Cellisten legten ein sattes Bassfundament.
Alban Gerhardt zupfte subtil die Pizzicati und mischte in die klanglichen
Kommentare grummelnd vergrübelte Figuren. Wie eindrucksvoll die zweite
Cello-Stimme doch den musikalischen Fluss belebte. Kein Wunder, wenn hier Streicherfarben
besonders an Leuchtkraft gewannen.
Besondere
Aufmerksamkeit - eine wohl bekannte, viel gelobte und immer wieder diskutierte Spezialität
von Kari Kahl-Wolfsjäger - gilt der „Liederwerkstatt“, für die auch im
Jubiläumsjahr wieder eine eingefleischte Komponisten-Garde mit Moritz Eggert,
Wolfgang Rihm, Wilhelm Killmayer, Manfred Trojahn u.a. Spalier stand. Die
Kompositionen lagen in den interpretatorischen Händen von Axel Bauni, Moritz
Eggert und Jan Philipp Schulz Klavier sowie den Liedsängern Felicitas Fuchs,
Olivia Vermeulen, Andreas Post und Hans Christoph Begemann. Vertont werden
Texte und Gedichte von Joseph von Eichendorff.
Schade, dass ihr Klaviernachmittag zur klassischen „Horowitz-Uhrzeit“
16 Uhr ins Wasser fiel, weil die Pianistin Olga Kern wegen eines Trauerfalls in
der Familie nicht reisen konnte. Der einspringende siebzehnjährige Kit Armstrong,
Sieger in der Kissinger KlavierOlmypiade 2006, setzte sich im sehr gut
besetzten Rossini-Saal (just zur Länderspielzeit Deutschland gegen Argentinien)
an den Flügel. Vorbilder suchte er nicht zu imitieren. Er fand zu einer eigenen Linie, gab Mozart,
Fantasie und Fuge G-Moll KV 542 nach Bach/Liszt und Klaviersonate KV 576 D-Dur, eine eigene
Linie. Er fand sie im hellen, durchsichtigen, flott aufgezogenen Spiel frei von
jeglicher Aggressivität – alles Werke der Spielfreude, auch die 12 Variationen
C-Dur KV 265. Armstrong unternahm keine agogischen Extratouren. Sein Spiel
verriet sympathische Entschiedenheit. Beschleunigt ging der Puls auch bei Franz
Schuberts Impromptus op. 90 D 899. Zwar blieb alles wohl kontrolliert, doch
Armstrong verstand aus sich herauszugehen. Und er macht vom Recht der Jugend
Gebrauch, ein wenig über die Stränge zu schlagen und entlockte so Franz
Schuberts Impromptu Nr. 2 Es-Dur ein feines „jeu perlé“ und der Nummer 4 in
As-Dur eine funkelnde Leichtigkeit. Auch
in den lyrischen Eintrübungen der Impromptus findet das untadelige Spiel zu einer subtilen
dynamischen Skala, so in Nr. 1 Allegro molto moderato. Respekt vor Armstrongs
erzählerischen Kräften, denen auch ein Komposition „Marke Eigenbau“ entsprang: leichte Ware, unterhaltsam, seine Origami für
Klavier, komponiert 2010, angereichert mit sechs verschiedenen Varianten. Das
Publikum fand großen Gefallen an diesem fabelhaften Recital.
Da sich der Kissinger Sommer als ein Institution des
Marketing versteht, wird unter ökonomischen Gesichtspunkten die gemeinhin wenig
geliebte zeitgenössische Musik recht zaghaft in die Orchesterkonzerte
integriert. Doch in den kammermusikalischen Reihen scheint die Moderne jedoch
besser aufgehoben. So kamen Besucher im „Konzert für Neugierige“ mit Alexei
Lubimov wahrlich auf ihre Kosten. Das Programm vermittelte einen exemplarischen
Streifzug durch die russisch-sowjetische Klaviermusik des 20. Jahrhunderts und
reflektierte die für Künstler so bedrückenden Repressionen der alten
sowjetischen Kulturpolitik. Die dritte
Klaviersonate von Galina Ustwolskaja versetzte
die Zuhörer in ein elektrisierendes Töne-Labyrinth. Welch mutiger Ausrutscher.
Dass ein Markus Hinterhäusser, Salzburgs bald scheidender Konzertmanager, noch
2001als mutiger Anwalt der Avantgarde mit allen Sonaten der Ustwolskaja zu
hören war, sei nochmals ins Gedächtnis gerufen. Die mitreißende Kraft der
Tonsprache in der 7. Sonate von Serge
Prokofieff, den perkussiven Furor, traf den musikalischen Nerv der Zuhörer. Zu
hören war auch „Musica stricta“ von André Volkonsky – ein Schlüsselwerk der
sowjetischen Musik, in der die Dodekaphonie zur Anwendung kommt. Von
avantgardistischen Kompositionstechniken machte Valentin Silvestrov in der
zweiten Sonate (l975) Gebrauch.
Publikumsfreundlich ist stets die Tönung in den
Orchesterkonzerten im akustisch fabelhaften Max-Littmann-Saal im Regentenbau.
Der mittlerweile auf zwei Hochzeiten tanzende Nikolaj Znaider in der
Doppelrolle als Geiger und Dirigent trat in der „Prager Gala“ ans Pult der
Tschechischen Philharmonie. An künstlerischer Eindringlichkeit bot der Pianist
Rudolf Buchbinder Respektgebietendes.
Der Revolutionär Beethoven, sein Pathos, die mitreißende Macht seiner
Tonsprache, kam im c-Moll Klavierkonzert Nr. 3 gut zur Geltung. Es fehlte
Buchbinder nicht an der wuchtigen Pranke
und an beachtlicher Zielgerichtetheit, wenn gleich seine hoch routinierte
Lesart nicht zum Gänsehaut-Kriegen war. Romantisch duftende Poesie trug den
Mittelsatz, während im Schlussrondo die aggressiv pointierten Segmente
beeindruckten.
Nach der Konzertpause tönte die zweite Sinfonie von Johannes
Brahms im gepflegt routinierten Spiel des tschechischen Paradeorchesters. Der
Kopfsatz entwickelte schlüssig die brahmstypischen sperrigen Mechanismen der
Motiv-Verarbeitungs- und Verflechtungstechniken. Sehr breit ausgewalzt wirkte
der zweite Satz, den Znaider regelrecht zelebrierte. Prononciert schmetterten
die Attacken im musikalischen Fluss des vierten Satzes. Keine Frage: Sorgfältig
disponierte der Dirigent die sinfonischen Ereignisse sicherlich. Ob immer organisch
durchpulst in den Tempi steht auf einem
anderen Blatt. Da sich Znaider auf alle Wiederholungen einließ, wurde die
Zweite Brahms zu einer lang währenden Hörerfahrung. Sicher steht Znaider noch
am Anfang einer verheißungsvoll beginnenden Karriere als Dirigent. Und es bleibt
zu hoffen, dass sein Bewusstsein für die rechte Form, für die schlüssigen
Proportionen, noch reifen möge.
Wenn Frank Peter Zimmermann sich in die Heiligtümer der klassischen
Violinliteratur begibt, darf man hohe Maßstäbe anlegen. Sein klassisch
ausgewogenes Spiel war in W.A. Mozarts Violinkonzert in G-Dur KV 216 von Nerv
und Spannung, substanzvoll in der Tongebung, griff-und bogentechnisch perfekt.
Zimermann bringt seine Ausdruckspalette in den lyrisch verinnerlichten Momenten
mit viel Vibrato zur Geltung. Die Frage ist nur, ob ein hoch angesehener Star
nicht mal über die Stränge schlagen sollte, um eine modern komponierte Kadenz
in ein Mozart-Konzert zu integrieren. Erinnert sei an Schnittkes Kadenz für
Beethovens opus 61.Weniger überzeugte im Konzert der Tschechischen Philharmonie
die Wiedergabe des Rondos für Violine und Orchester C-Dur KV 373. Da mangelte
es schon an der rhythmischen Feinabstimmung zwischen Orchester und dem
Solisten. Ein gerade noch vermiedener Schmiss wäre wohl zu Lasten von Manfred
Honeck und des nachlässig begleitenden Orchesters gegangen.
Manfred Honeck dirigierte Dvoráks Neunte. Hier stand alles im Zeichen einer wohl gepflegten Routine, perfekt
im Detail, straff in den Tempi und glanzvoll im Spiel der Blechbläser. Das Werk
geriet in den Proportionen äußerst stimmig. Die Grüße aus der böhmischen
Heimat, die Dirigenten ja oft genug als sinfonisch-landschaftliches
Seelengemälde auskosten, wurden bei Honeck zur klar geformten Kommunikation
über absolute musikalische Inhalte. Die Tschechische Philharmonie imponierte
mit edlem Streicherklang, nobler Grandezza im Holz und kraftvoll zupackendem
Blech.
Ein geschmeidig agierendes Ensemble ist das
Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks geworden: Der füllige, organisch
atmende, dabei durchaus kernige, gut ausbalancierte Orchesterklang machte
Eindruck, selbst wenn ein hemdsärmelig robust zupackender Dirigent kräftig am
Lautstärkepegel drehte. Wegen eines operativen Eingriffs und nachfolgender Regeneration
musste Mariss Jansons seinen Auftritt leider absagen. Der einspringende finnische
Dirigent Johan Storgards modellierte routiniert die vielen Details in Robert Schumanns
erster Sinfonie. Doch die typische Mischung aus sinfonischer Kraftentfaltung,
kleinzelliger Materialien und figurativer Umspielungen geriet zu einer
routiniert abgespulten sinfonischen Exekution.
„Ich kann dieses
Concert nicht mehr hören – habe ich vielleicht
nur dieses e in e Concert geschrieben?“ So klagte Max Bruch
einst seinem Verleger Fritz Simrock. Knapp einhundert Werke komponierte Bruch,
davon knapp dreißig ohne Opuszahl. Doch ohne sein g-Moll Violinkonzert wäre Max
Bruch wohl ein Mr. Unknown geblieben. Diesen g-Moll Dauerbrenner ließ der aus
China stammende Geiger Feng Ning (29) in seichte Gewässer abdriften. Mit viel
Gefühlsfett bestrich der Chinese das Adagio – die Violindroge Bruch als
sentimentale Exekution: stilistisch ist das höchst anfechtbar, zumal der
Dirigent das Orchester sehr kompakt korrespondieren ließ. Das Konzert endete
mit spanischer Folklore im Kleid eigenständiger Kunstmusik, wie das Manuel de
Fallas Konzertfassung des Dreispitz-Balletts offenbart. In diesem orchestralen
Paradestück wurden glosende rhythmische Kräfte entfacht, die sich auch in innigen
Episoden äußerten. Wem kam da nicht ein auskomponiertes Pulverfass in den Sinn?
Bläser und Schlagwerker des Orchesters gaben dem feurigen Brocken den gebührenden
instrumentalen Taumel.
Der Kissinger Sommer 2010 geht am 18. Juli mit Gustav
Mahlers „Das Lied von der Erde“ in der Wiedergabe durch die Bamberger
Symphoniker mit Jonathan Nott, Waltraud Meier und Klaus Florian Vogt zu Ende.
Egon Bezold