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www.stadttheater-klagenfurt.at

 

 

I CAPULETI E I MONTECCHI

Konzertant auf der Bühne

Premiere am 7. 4. 2016

Als ich vor fünf Jahren die damalige Münchner Produktion dieses Bellini-Werkes in der Grazer Oper sah, vermerkte ich über die Boussard/Lacroix-Inszenierung lapidar „sehr statisch, schön ausgeleuchtet, fad!“ - und fand mich da durchaus im Einklang mit der Münchner Presse.

Klagenfurt verzichtet nun gleich ganz auf eine szenische Umsetzung und führt das Werk auf der Opernbühne konzertant auf - die fünf Protagonisten tragen prächtige Kostüme, um so ein wenig historisierend-museale Stimmung zu vermitteln. Das Klagenfurter Opernpublikum schien an dieser Sparversion nicht sehr interessiert zu sein - auffallend viele Plätze blieben bei der Premiere frei - und in der Pause verließen weitere Besucher das Haus. Das verbliebene Publikum allerdings spendete am Ende der ambitionierten Aufführung dem jungen Team intensiven, wenn auch kurzen Beifall.

I Capuleti e i Montecchi wurden am 11.März 1830 im Teatro La Fenice uraufgeführt. Am einhelligen Premierenerfolg hatten die beiden Protagonistinnen, die Sopranistin Rosalba Corradori und die Altistin Giuditta Grisi maßgeblichen Anteil. Es war jene Zeit, in der man gezielt für die Primadonnen der italienischen Gesangskunst Werke schrieb - zugleich mit Bellinis „Romeo-und Julia“-Werk war im selben Jahr nach demselben Muster Donizetti mit Anna Bolena in Mailand erfolgreich. Im Mittelpunkt stand im 19.Jahrhundert die virtuose Gesangskunst - das Libretto hatte sich dem unterzuordnen. Und so ist es durchaus legitim, wenn man sich bei heutigen Aufführungen auf den Kern, also auf die Musik fokussiert und auf den (zeitgebundenen und heute nur schwer vermittelbaren) szenischen Aufwand verzichtet.

Das Stück lebt von den beiden Zentralfiguren, die auch das musikalische Zentrum sind. Alles andere ist musikalisch eher beiläufig. Klagenfurt hat für Romeo und Giulietta zwei junge Künstlerinnen im Ensemble, die beim Publikum bekannt und beliebt sind und die mit diesen Belcanto-Partien einen weiteren wichtigen Schritt in ihrer Karriere setzen konnten. Und so hat es durchaus berechtigt, dieses sicher noch nie in Klagenfurt erklungene Werk in konzertanter Form auf der Opernbühne vorzustellen.

Dass der Romeo als Mezzopartie konzipiert ist, geht übrigens auf einen Streit Bellinis mit dem Tenor des Hauses Lorenzo Bonfigli zurück. Damit erzielte aber Bellini gleichzeitig einen subtilen Effekt: die beiden Frauenstimmen heben sich klanglich von der von Männern und kriegerischen Auseinandersetzungen dominierten Umwelt ab. Der sizilianische Mezzo Anna Pennisi verleiht der Romeo-Figur sympathische Natürlichkeit und einnehmende Ausstrahlung. Die Stimme ist wirklich schön timbriert und wird sauber geführt, allerdings fehlt es noch ein wenig an dem gerade für die weitgespannten Bellini-Phrasen so wichtigen, durch den ganzen Körper „durchgezogenen“ appoggiare la voce. So bleibt manche Passage und mancher Spitzenton ein wenig ungestützt und flach. Wenn Pennisi daran konsequent weiterarbeitet, dann steht ihr der Weg auf große Bühnen offen. Die Französin Elsa Benoit ist nicht nur eine bildschöne Giulietta mit spürbarer Bühnenpräsenz, sie singt auch die anspruchsvolle Partie sehr  überzeugend. Die leichte Kühle ihres Timbres kontrastiert reizvoll zu den opulenten Bellini-Melodien. Die Koloraturen glänzen, aber es gelingen ihr auch sehr schöne Pianophrasen. Elsa Benoit ist ab nächstem Jahr Mitglied der Bayrischen Staatsoper und war eben in Lille bei der Uraufführung eines Werks von Wolfgang Mitterer sehr erfolgreich - siehe dazu die französische Kritik. Sie wird ihren internationalen Weg machen!

Für die nicht sehr dankbare Tenor(neben)rolle des Tebaldo  - sie sang bei der Uraufführung jener Tenor, mit dem sich Bellini zerstritten hatte… - hat man in Klagenfurt den aufstrebenden jungen Italiener Giordano Lucà engagiert. Er verfügt über einen gut sitzenden, manchmal etwas nasal gefärbten kompakten Tenor- kräftig attackierend mit sicheren Spitzentönen. Er führt zwar nicht jene feine Belcanto-Klinge, die ich mir eigentlich für Bellini wünschte, aber vielleicht ist er gerade deshalb als kampfbereiter Tebaldo passend besetzt. Als gütiger Arzt und um Vermittlung bemühter Lorenzo überzeugt Nikos Kotenidis mit warmem, gut sitzendem Bariton - ihn würde man gerne ihn einer größeren Belcanto-Partie hören. Michael Schober als Oberhaupt des Capuleti kann man wackeres Bemühen bescheinigen. Der Chor (Einstudierung: Günter Wallner) machte seine Sache gut.

„Mit Giacomo Sagripanti leitet die Produktion einer der talentiertesten jungen Dirigenten, der bereits international an zahlreichen großen Opernhäusern tätig ist“ - das schreibt das Stadttheater Klagenfurt bei der Ankündigung dieser Premiere. Und tatsächlich: wenn man liest, wo und was der 33-jährige Italiener bereits dirigiert hat und was seine

Agentur alles für die nächsten Jahre ankündigt, dann ist das schon sehr eindrucksvoll. Mir erschien an diesem Premierenabend allerdings sein Dirigat nicht so überzeugend -  Sagripanti dirigierte mit klarer Zeichengebung und auf sichere Koordination bedacht, aber doch eher steif-distanziert und nicht allzu engagiert. Das Kärntner Sinfonieorchester konnte mit einigen schönen Instrumentalsoli (Horn, Klarinette, Violoncello) aufwarten, aber auch hier fehlten mir diesmal ein wenig das intensive Engagement und die Musizierfreude, wie man es zuletzt immer wieder unter seinem Chefdirigenten erlebt hatte. Diesmal wirkte alles eher solid-routiniert.

An dieser Stelle sei letztlich noch ein grundsätzlicher Einwand gegen die Aufstellung von Solisten, Orchester und Chor erhoben:

Der Orchestergraben war überdeckt, die Solisten standen ganz vorne unmittelbar vor der ersten Parterre-Reihe. Sie standen damit schon außerhalb des Bühnenraums, sozusagen direkt im Zuschauerraum. Damit fehlte ihnen der akustische Raum und Rückhalt, den sonst die Bühne bietet. Die Stimmen waren isoliert und fügten sich nicht in den Klang des Orchesters. Ich bin überzeugt, dass sich ein einheitlicheres Klangbild hätte entwickeln können, hätte man den Chor nicht auf der Bühne hinter dem Orchester aufgestellt, sondern ihn in den Seitenlogen positioniert. Damit hätte das Orchester auf der Bühne weiter nach hinten rücken können und die Solisten wären dort gestanden, wo erfahrungsgemäß für sie die beste Akustik ist und die beste Mischung mit dem Orchesterklang erzielt wird, nämlich im Bühnenportal.

Aber wie auch immer:

Die Auseinandersetzung mit der wunderbaren Bellini-Musik hat sich gelohnt. Das Klagenfurter Musik-Publikum möge seine bei der Premiere gezeigte Scheu vor Unbekanntem - und vielleicht auch vor konzertanter Oper - ablegen und die weiteren Aufführungen besuchen. Es lohnt sich - nicht zuletzt wegen der Leistungen des jungen, aufstrebenden Sängerteams

Hermann Becke, 8. 4. 2016

Szenenfotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Arnold Pöschl

Hinweise:

-        9 weitere Termine im April und Mai 2016

-        Zeitungsbericht über Elsa Benoit

 

 

MADAMA BUTTERFLY

12. 2. 2016 (2. Vorstellung nach der wegen einer Bombendrohung abgebrochenen Premiere vom 4. 2. 2016)

Szenisch und musikalisch herausragend!

Anstelle einer Premierenkritik konnte man am Morgen nach dem Premierentag in der lokalen Zeitung lesen:

„Es war eine Opernpremiere, die die Besucher des Stadttheaters Klagenfurt wohl lange nicht vergessen werden. Der zweite Akt von Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ lief gerade im ausverkauften Theater, als am Donnerstag um 20.44 Uhr bei der Polizei eine telefonische Bombendrohung einging. Die Theaterleitung rund um den Intendanten Florian Scholz wurde informiert – man entschied sich daraufhin das Stadttheater evakuieren zu lassen. 

Gott sei Dank fand man keine Bombe, aber inzwischen hat schon die politische Diskussion begonnen - in einer Zeitung wird berichtet, wonach Gemeinderäte den Vorwurf in den Raum stellen, dass man vonseiten der Intendanz die Absage aufgeschoben habe, um die Aufführung nicht wiederholen zu müssen (die Vorstellung gilt im juristischen Sinn im Fall eines Abbruches nach der Pause als gespielt). Wie auch immer: die Premiere wurde nicht nachgeholt und so wurde die für 6. Februar regulär geplante Aufführung zur ersten vollständigen Aufführung - Ausschnitte der darüber veröffentlichten, aber nicht online zugänglichen Zeitungskritiken der Lokalzeitungen findet man hier auf der Homepage des Theaters. Überregionales Echo hat die Aufführung bisher nicht gefunden - und die verdient sie wahrhaft!

Über die Grundidee der Inszenierung schreibt der venezolanische deutschstämmige und in England ausgebildete Regisseur Carlos Wagner folgendes: „Bei uns scheint auf den ersten Blick alles so zu sein, wie es in der Geschichte sein soll: Butterfly ist Japanerin und Pinkerton ein amerikanischer Marine-Offizier. Der Kontext aber versucht dem veristischen Inhalt des Stückes einen symbolischen hinzuzufügen: Eine Bühne in der Bühne, die den Traum, die Illusion, Butterflys Liebesvorstellung, einem realen amerikanischen Zuschauerraum gegenüberstellt…In dem Bühnenbild wird das Aufeinandertreffen der Kulturen sichtbar: die Welt der Butterfly ist eine künstliche bzw. auch künstlerische, eine Illusion. Daneben gibt es einen Raum, der von westlicher Industrialisierung geprägt ist.“

Das im Programmheft mit klugen Worten dargestellte Konzept ist auf der Bühne überzeugend aufgegangen - es bildet den hervorragenden szenischen Rahmen (Bühne: Rifail Ajdarpasic, Kostüme: Sonja Alpartus) für eine auch musikalisch herausragende Aufführung - man kann dem Stadttheater Klagenfurt und allen Ausführenden nur gratulieren und allen an zeitgemäßem Musiktheater Interessierten nur dringend raten: hinfahren und sich diese sehens- und hörenswerte Produktion anschauen! Im Mittelpunkt des Abends stand die alles überragende armenische Sopranistin Liana Aleksanyan. Der Neue Merker machte mit ihr im Oktober 2014 ein ausführliches Interview und schrieb:  ein lyrischer Sopran mit Koloraturen auf dem Weg ins dramatische Fach und am Ende: Man wird von Liana Aleksanyan in den nächsten Jahren noch viel hören. ​Und tatsächlich: inzwischen hat sie u.a. an der Hamburgischen Staatsoper und am Teatro Colon gesungen. Als Butterfly hier in Klagenfurt erlebte man sie nicht nur als eine hervorragende Sängerin mit einer sehr schön timbrierten und in allen dynamischen Abstufungen technisch perfekt geführten Stimme, sondern auch als eine berührende Bühnenpersönlichkeit. Jede Bewegung scheint genau durchdacht, aber gleichzeitig aus dem Augenblick der Situation heraus entwickelt zu sein. In ihrer Darstellung verband sich offenbar eine exzellente Personenführung durch den Regisseur mit individuellem Bühnencharisma der Sopranistin. An einem Detail sei das verdeutlicht:

Bei der Hochzeitszeremonie breitet Butterfly ihre bescheidenen Habseligkeiten vor Pinkerton aus - aber diese kleinen Dinge sind real als Requisiten gar nicht vorhanden, sondern werden nur durch Handgesten angedeutet. Und so gibt es in dieser Regiearbeit viele liebevolle Details, die sich nie in den Vordergrund drängen. Der Regisseur hat Elemente des traditionellen Kabuki-Theaters sehr geschickt eingebaut und dadurch die musikalischen Ruhepunkte zur Geltung kommen lassen. Sparsame, stilisierte Bewegungen reichen - ja sie vermitteln den musikalischen Gehalt wesentlich überzeugender als übertriebene Aktion. Die getreuen Begleiter aus östlicher und westlicher Welt - die Dienerin Suzuki und der Konsul Sharpless - bilden gleichsam den stützenden und vermittelnden Rahmen für das Seelendrama von Cio-Cio-San - beide Rollen sind ebenso hervorragend besetzt.

Die Sizilianerin Anna Pennisi kennt man in Klagenfurt schon durch ihre gediegenen Leistungen als Dorabella in Così fan tutte und als Hermia in Brittens Sommernachtstraum. Die Suzuki, die sie bereits im Vorjahr in Rom mit schönem Erfolg gesungen hat, erfüllt sie mit ihrer warmtimbrierten Stimme und ihrem bescheidenen, aber stets präsenten Spiel ausgezeichnet. Im berühmten Blütenduett verbindet sich ihre Stimme ideal mit der Sopranstimme. Sie verkörpert ebenso wie der aus Verona stammende Gianfranco Montresor als Sharpless beste italienische Gesangstradition.

Gianfranco Montresor ist ein eleganter Mann von Welt. In seiner gesanglich untadeligen Interpretation wirkt er immer überzeugend, nie verlegen herumstehend, sondern immer anteilnehmend spürbar präsent. Das ist übrigens eine besondere Stärke der Klagenfurter Produktion: nie wirkt etwas peinlich oder kitschig - ständig folgt man dem Geschehen mit Anteilnahme und Spannung. Die Personenführung von Solisten und Chor wirkt stets genau überlegt und belässt gleichzeitig den Figuren ihre Natürlichkeit. Und das zeigt sich auch an der Figur des Pinkerton in der Interpretation des aus Litauen stammenden Merūnas Vitulskis. Er stellt überzeugend den jungen Amerikaner dar, der sich so gar nicht für die Sitten und Gebräuche der subtilen und ritualisierten japanischen Welt interessiert, sondern in einer charmant-unbeholfenen Art aus dem Augenblick heraus handelt - etwa als er zum Entsetzen von Cio-Cio-San jenen Dolch an sich reißt, mit dem sich ihr Vater selbst getötet hat, und ihn - wohl als Zeichen männlichen Besitzergreifens - im Liebesduett des ersten Aktes durch die Schleppe des Hochzeitskleides in den Boden rammt.

Und fast ist man versucht, auch seine gesangliche Leistung als Bestandteil des Gesamtkonzepts aufzufassen. Der junge Litauer singt kraftstrotzend und mit durchaus beeindruckenden Spitzentönen. Allerdings vermag er nicht die lyrischen Finessen der Rolle auszufüllen - ganz im Gegensatz zu dem vielfältigen stimmlichen Farbenspektrum, das uns die Titelheldin in absoluter stimmtechnischer Sicherheit

vermittelt, bleibt Merūnas Vitulskis eindimensional, ein wenig grobschlächtig. So wie man es schon bei seinem Macduff im Herbst 2013 feststellen musste: das Forte beeindruckt durch Glanz und Kraft, aber ab Mezzoforte und gar im Piano verliert die Stimme ihren Sitz und Kern - schade. Aber wie gesagt: als Figur fügt er seinen Pinkerton überzeugend in das Gesamtbild ein.

Alle kleineren Rollen sind ausgezeichnet und adäquat besetzt: so ist Marlin Miller ein prägnanter Goro, Woohyun Park ein exemplarischer Yamadori, Jihoon Kwon ein respektvoller Standesbeamter und Kommissar und  Larissa Gabshiy verkörpert diskret eine elegante Kate Pinkerton. Der Chor (Leitung: Günter Wallner) singt und spielt mit Animo - dazu ein kleiner Verbesserungsvorschlag für den hinter der Bühne gesungenen Part: sowohl beim Auftritt im 1.Akt als auch beim Summchor und bei den Rufen der Seeleute im letzten Akt ist die akustische Aussteuerung der Lautsprecher nicht optimal - das klang - übrigens ebenso wie bei dem aus dem Off singenden Onkel Bonze - merkwürdig hohl.

Ausgezeichnet war das Dirigat des jungen Briten Alexander Soddy - Opernchef des Hauses und demnächst GMD in Mannheim. Schon mit den ersten Takten des Vorspiels - da spielten die Geigen wirklich vigoroso, wie in der Partitur vermerkt - war die Aufmerksamkeit des Publikums mit einem kräftigen Akzent geweckt. Soddy verstand es, mit dem sehr gut disponierten Orchester den Spannungsbogen über den ganzen Abends zu spannen, ohne dabei die gerade in diesem Werk so wichtigen Ruhepunkte zu vernachlässigen. Ganz wunderbar und in idealer Abstimmung mit der Sopranistin gelangen beispielsweise im 2.Akt in der großen Szene „Un bel di vedremo“ die Fermaten auf den Achtelpausen, bevor die Singstimme mit den Triolen „chi sarà, chi sarà“ wieder das Tempo aufnimmt und im nächsten Augenblick (nach schönem Oboensolo!) wieder innehält. Das war großartiges gemeinsames Musizieren und Atmen zwischen Bühne und Orchester. Für die musikalische Gesamtleistung gilt das, was auch für die Inszenierung gilt: es gab durch alle drei Akte hindurch keinerlei Nachlassen der Spannung - immer waren Szene und Musik beisammen in einem erfüllten Gesamtzusammenhang.

Das Publikum im wohl ausverkauften Haus dankte den Ausführenden mit standing ovations - es war ein großer Abend des Stadttheaters Klagenfurt. Nochmals sei wiederholt, was ich zu Beginn schrieb:

Hinfahren und sich diese sehens- und hörenswerte Produktion anschauen - und das gilt nicht nur für Puccini-Fans, sondern für alle, die zeitgemäßes, ein Werk nicht veränderndes, aber erfrischend neu erweckendes Musiktheater erleben wollen!

Hermann Becke, 13. 2. 2016

Szenenfotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Arnold Pöschl

Hinweise:

-        11 weitere Termine  im Februar und März 2016

-        Video - Probenausschnitte samt Interviews mit dem Regisseur und der Hauptdarstellerin

-        Die letzte Opernpremiere in Klagenfurt wird am 7. 4. 2016 stattfinden: Bellinis I Capuleti e i Montecchi

 

 

 

CARMEN

Ein junger Dirigent als Star des Abends

29. 12. 2015 (4. Vorstellung nach der Premiere vom 12. 12. 2015)

Cesare Lievi ist ein weltweit erfahrener Schauspiel- und Opernregisseur, der im Herbst 2013 eine packende Inszenierung von Verdis Macbeth auf die Klagenfurter Bühne gebracht hatte. Nun war er mit seinem Team (Bühne: Josef Frommwieser, Kostüme: Marina Luxardo) wieder in Klagenfurt - diesmal für Bizets Carmen, für ein Werk, das nach wie vor unangefochten mit Verdis Traviata und Puccinis Bohème weltweit zu den drei meistaufgeführten Opern zählt. Man konnte diesmal eine ordentliche, aber nicht außerordentliche - handwerklich solide - Inszenierung erleben - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist jedenfalls eine repertoiretaugliche Interpretation. Die vierte Aufführung nach der Premiere war bis auf den letzten Platz ausverkauft und wurde vom Klagenfurter Publikum mit viel Beifall bedacht. Der Grundgedanke der Inszenierung ist, Carmen sei „ein menschlicher Traum“. Das Stück beginnt in einer beengt-schwülen Polizeistation - später öffnen sich die weißen Rückwände, um die Zigarettenfabrik sichtbar werden zu lassen. Das Vorspiel zum 2.Akt ist ein Traumvision des eingesperrten Don José, der hinter den Gitterstäben eine sich entkleidende Flamenco-Tänzerin sieht. Die Polizeistation wird zu Lilas Pastias Schenke, um dann im dritten Akt die Bergwelt der Schmuggler in die weiße Enge des Raums geradezu hereinbrechen zu lassen. Im 4.Akt - ohne die großen Ballettszenen - stelzen archaische Puppenfiguren über die Bühne und Don José sitzt starren Blickes rechts vorne an seinem - nun zusammengebrochenen- Polizeischreibtisch, bevor sich zum letalen Ende die Bühne wieder zur ursprünglichen Polizeistation verengt. Nach dem Mord an Carmen öffnet sich die Türe und Micaela erscheint - Don José gleichsam im Spannungsfeld zwischen den beiden Frauen.

In diesem szenischen Rahmen wird die Handlung schlüssig, aber recht konventionell vermittelt. Man erlebt die üblichen Operngesten der handelnden Personen - exzellent allerdings die von Conchita Navarro Y Font choreographierten Tanzszenen. Menschlich berührende Figuren sind nur Don José und Micaela - alle anderen wirken geradezu stilisiert und bloß als gewohnte Carmen-Stereotype. Vielleicht ist es das, was Cesare Lievi meint: blut- und lebensvolle Menschen sind bloß Don José und Micaela, die die Geschichte in einem zwanghaften Traum durchleben müssen?? Wie auch immer: die Inszenierung erschließt sich jenen, die das Stück das erste Mal sehen - und sie vermittelt auch den Opernroutiniers Nachdenkenswertes. Wenn das einem Regisseur bei Carmen gelingt, dann ist das eigentlich ohnedies schon sehr viel!

Der wahre Star dieses Abends war aber wohl der 25-jährige Dirigent Lorenzo Viotti, der im Sommer 2015 bei den Salzburger Festspielen den Young Conductors Award gewonnen hatte. Da muss man kein großer Prophet sein: der junge Mann steht am Beginn einer bedeutenden Karriere! Lorenzo Viotti ist es Klagenfurt gelungen, Bizets Musik ungemein spannungs- und farbenreich zu vermitteln. Alles, was man schon so oft in vielfältigen Interpretationen gehört hatte, klang diesmal geradezu neu entdeckt. Nichts war banal und platt - da blühten in dem straffen musikalischen Ablauf immer wieder wunderschöne kammermusikalische Details auf. Ich habe das Klagenfurter Orchester schon sehr oft gehört, wie in meinen Opernfreund-Berichten der letzten Jahre nachzulesen ist - diesmal ist es unter Viottis Leitung über sich hinausgewachsen. Und natürlich hat auch das junge Sängerteam von Lorenzo Viottis Einstudierungsarbeit profitiert - eine exzellentes Beispiel für vorbildliches Ensemblemusizieren war etwa das durchaus heikle Schmugglerquintett im 2.Akt, in dem Orchester und Stimmen ideal verbunden waren.

Die kleineren Rollen waren alle adäquat besetzt: Grga Peroš war ein sehr guter Dancairo, Ivana Zdravkova eine charmant-quicke Frasquita und Martin Summer ein gut gespielter, mit schönem Stimmmaterial (aber leider ohne zentriertem Stimmsitz) begabter Zuniga - alle drei sind noch in ihrem Gesangsstudium und haben erfreulicher Weise schon die Chance, sich in Klagenfurt im professionellen Rahmen zu erproben. Überzeugend waren auch die Mercédès von Christiane Döcker, der Remendado von Thomas Tischler und der Moralès von Nikos Kotenidis.

Drei der vier Hauptpartien waren mit Rollendebütanten besetzt. Charles Rice war leider ein allzu leichtgewichtiger, also unzureichender Escamillo - da fehlte es an vielem: am nötigen Stimmvolumen, an technischer Reife und an der die Szene beherrschender Präsenz. Die 27-jährige Schweizerin Eve-Maud Hubeaux ließ eine sehr schön timbrierte, technisch sauber geführte Mezzostimme und eine ausgezeichnete Textartikulation hören. Aber das ist für eine überzeugende Carmen noch zu wenig. Da gäbe es noch viele Klangschattierungen zu erarbeiten - aber vor allem ist sie als Bühnenpersönlichkeit eine allzu damenhaft-gezierte, ja artifizielle Erscheinung (die noch dazu im Schlussbild unvorteilhaft kostümiert ist). Die elementar-weibliche, unerbittliche Seite der Titelrolle konnte sie weder in den Auseinandersetzungen mit Don José noch in der Karten-Arie vermitteln. Sie war meist eine brav gespielte Carmen-Schablone.

Die dritte Rollendebütantin Elsa Benoit überzeugte als unsentimental-klare Micaela-Verkörperung mit großer Bühnenpräsenz. Sie sang ihre Partie mit zart-beweglicher Stimme technisch sehr sauber und sicher - aber es fehlten mir doch ein wenig die Wärme und die breitausschwingenden Phrasen eines lyrischen Soprans. Derzeit ist sie vom Stimmcharakter her (noch) keine adäquate Micaela - sie ist stimmlich eben eher eine Despina, Barbarina oder Susanna - man braucht sich ja nur die bisher gesungenen Partien auf ihrer Homepage ansehen. Möge sie den Schritt von der Soubrette zum lyrischen Sopran nicht zu früh machen!

Für ihre ehrliche Rollengestaltung erhielt sie jedenfalls an diesem Abend vom Publikum eindeutig den größten Applaus. Den 36-jährigen griechischen Tenor Demos Flemotomos kennt man in Österreich schon aus verschiedenen mittleren Rollen an der Wiener Staatsoper, man kennt ihn als überzeugenden Cavaradossi in Graz, aber auch als Don José in St. Margareten. Er ließ sich an diesem Abend wegen einer Verkühlung als indisponiert entschuldigen - und bot doch für mich die überzeugendste Solistenleistung des Abends! Flemotomos sang sehr konzentriert, forcierte nie und bewältigte schon im 1.Akt das heikle Duett mit Micaela ausgezeichnet. Da hörte man sehr schöne lyrische Phrasen und sichere Spitzentöne in Piano und Forte. Mag sein, dass er durch die Verkühlung bei den dramatischen Ausbrüchen im 2. und 3. Akt ein wenig „sparte“ - aber auch hier gelang alles wirklich sehr gut mit stets metallischen, aber nie forcierten Spitzentönen. Und im Finale hatte er genügend Reserven, um die tödliche Verzweiflung überzeugend zu gestalten. Dies verband er mit bescheiden-natürlichem Spiel zu einer gültigen, ja sehr guten Interpretation des Don José. Wie schon eingangs gesagt: Micaela und Don José waren menschlich berührend - alles andere um sie herum war durchaus ordentlich, aber eben bloß  Opernkonvention.

Wie so oft in Klagenfurt: Chor und Extrachor (Leitung: Günter Wallner) und die Singschule Carinthia (Leitung: Apostolos Kallos und Krassimir Tassev) machten stimmkräftig und engagiert ihre Sache sehr gut.

Mein Kurzresümee des Abends:

Ein herausragender Dirigent in einer brauchbaren Inszenierung mit einem (teilweise sogar sehr) ordentlichen Solistenensemble!

Hermann Becke, 30. 12. 2015

Szenenfotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Aljosa Rebolj

Hinweise:

-        10 weitere Termine  im Jänner und Februar 2016

-        Probenvideo samt Interviews mit dem Regisseur und der Hauptdarstellerin

 

 

 

 

 

A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM

Premiere am 29. 10. 2015

Wiederum höchst respektables Niveau!

Benjamin Brittens Sommernachtstraum - uraufgeführt 1960 bei dem von Benjamin Britten und Peter Pears 1948 gegründeten Aldeburgh-Festival - wurde durch Walter Felsensteins maßstabsetzende Inszenierung an der Komischen Oper Berlin im Jahre 1961 international berühmt und hat sich seither auf den Bühnen der ganzen Welt durchgesetzt. Allein für die letzten 15 Jahre verzeichnet Operabase 179 Aufführungen von 33 Produktionen in 26 Städten. Die letzte Premiere des Stücks war am 3.10. in Gelsenkirchen (sehr positiv im Opernfreund besprochen), am 7. November folgt dann Bergen und am 20.November Genf - und im Dezember setzt die Oper in Leipzig ihre Produktion des Jahres 2013 wieder auf den Spielplan. Das Stadttheater Klagenfurt hat sich mit seiner Neuproduktion in eine Kette bedeutender Häuser eingereiht - und das durchaus höchst respektabel!

Regisseur Immo Karaman  hat eine reiche Britten-Erfahrung - und man kennt ihn in Klagenfurt seit 2014 mit einer intellektuell-bunten Inszenierung von Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“. Wie bei Prokofjew arbeitete er wiederum mit dem Choreographen Fabian Posca zusammen - diesmal in der Bühnen- und Kostümausstattung von Nicola Reichert. Die Traumgeschichte ist in das  Kaminzimmer eines zu einem Geisterhaus gewordenen englischen Manor House verlegt und spielt offenbar in der Entstehungszeit von Brittens Werk. Hitchcock-Assoziationen werden wach: wallende Vorhänge vor großen offenen Fenstern und Titania ganz in Weiß  im Grace-Kelly-Look - Hitchcocks „Dial M for Murder“ (Bei Anruf Mord) stammt aus dem Jahre 1954.  Bei Shakespeare spielt der Sommernachtstraum in Athen und das ist nicht das historische, sondern das Athen der Poesie, dem freilich einige Farben des Shakespeareschen London beigemischt sind - warum also Brittens Sommernachtstraum nicht im England der Mitte des vorigen Jahrhunderts ansiedeln ?! Der kluge Berliner Theaterwissenschaftler und Dramaturg Han-Jochen Irmer schrieb einmal zum Sommernachtstraum: „Zeit der Handlung - jede Gegenwart, die fähig ist, sich auf diese Handlung einzulassen.“ Und die Klagenfurter Inszenierung hat sich schlüssig und bühnenwirksam auf die Traumwelt der Gefühlsverwirrungen eingelassen - ja sie hat die Gefühlsverwirrungen zwischen Mann und Frau noch erweitert: ganz offensichtlich bestehen nämlich auch zwischen dem Elfenkönig (Ziegenbock) Oberon und seinem - lustvoll gezüchtigten - Diener (Jungböcklein) Puck beträchtliche Gefühlsverwirrungen - dazu ist auch noch die Figur des Puck gleichsam verdoppelt durch den  Knaben, der der Ausgangspunkt für den Streit zwischen Oberon und Titania war. Nicht dass diese gleichgeschlechtlichen Gefühlsspannungen ungebührlich oder allzu vordergründig dargestellt werden, aber sie werden deutlich spürbar, zum Beispiel wenn Oberon den Knaben in seinen Armen von der Bühne trägt und Puck allein zurückbleibt.

Benjamin Britten hat die Figuren des Stücks nach einem genauen Klangplan geordnet. Die beiden Liebespaare erhalten die konventionellen Stimmlagen Sopran-Tenor bzw. Mezzosopran-Bariton (Orchesterbegleitung: Holzbläser und Streicher). Die Figuren aus der Zwischenwelt bewegen sich alle im hohen Klangregister: die Feen sind Kinderstimmen, die Feenkönigin Titania ist Koloratursopran und die Partie des Oberons wurde von Britten eigens für den ersten Countertenor des 20.Jahrhunderts Alfred Deller geschrieben. Diese Feenwelt wird durch Harfen, Cembalo, Celesta und Schlagzeug charakterisiert. Dagegen ist die Begleitung der Handwerker im tiefen Register des Orchesters angesiedelt (Blechbläser und Fagott). In diese drei „Welten“ des Stückes verirrt sich in dieser Inszenierung eine Kindergruppe, angeführt von dem schon erwähnten Knaben, offensichtlich dem zukünftigen Puck, auf den Oberon sein Auge geworfen hat. Diese dazu erfundene Kindergruppe dringt zu Beginn nächtens durch die geöffneten Fenster in das verlassene Geisterhaus ein und bildet gleichsam eine Rahmenhandlung für das ganze Stück - am Ende verwandelt sich die Bühne wieder in das verlassene Geisterhaus - der Spuk ist vorüber - „nun denn, wir sind erwacht, wohl an so lasst uns gehen“. Das ist ein dramaturgisch an sich durchaus akzeptabler Einfall - allerdings störte mich ernsthaft, dass nach dem Aufgehen des Vorhangs und vor Einsetzen der Musik die Kinder bei Blitzen und lautem Donner hereinbrechen. Damit war dem musikalisch zauberhaft gestalteten Beginn - von Britten ausdrücklich „Slow and mysterious (lento misterioso)“ im Pianissimo bezeichnet - jegliche Wirkung genommen und der Zuhörer brauchte einige Zeit, um sich in das subtile Geflecht der Britten-Musik einhören zu können.

Die für Klagenfurt zusammengestellte Solistenbesetzung war sehr gut - es war eine geschlossene Ensembleleistung ohne Schwachpunkt. Anna Pennisi (Hermia) und Nikos Kotenidis (Demetrius) hatte man schon als Dorabella und Guglielmo in der Eröffnungspremiere dieser Saison kennengelernt. Sie überzeugten auch bei ihrem Britten-Debut - Anna Pennisi mit warmem und ausgeglichenem Mezzo, der sich auch in den Ensembles mühelos behauptet - Nikos Kotenidis mit kräftig auftrumpfendem virilen Bariton. Laura Tatulescu hatte man im Vorjahr als berührende Blanche in den Dialogues des Carmélites erlebt - diesmal war sie eine energische Helena mit sicherer Stimmführung. Neu für Klagenfurt war der irische Tenor Robin Tritschler , der als Lysander eine ideale Besetzung war - mit klarer stimmlicher (und natürlich auch textlicher) Artikulation führte er das Quartett an. Bei allen vier war zu erleben, wie wunderbar Britten für Stimmen komponiert hatte - das Quartett mit den ansteigenden Oktavphrasen im 3.Akt war ein Musterbeispiel englischer Kantilene.

Die Feenkönigin Titania war - in traumhafte weißer Robe - die Französin Elsa Benoit - die Despina der Eröffnungs-Cosi. Sie war nicht nur ein wunderschönes und kühl-distanziertes Frauenidealbild, sondern sie sang auch die durchaus exponierte Koloraturpartie klangschön und präzise. Ihr Gemahl Oberon war der Countertenor Yosemeh Adjei - auch er war darstellerisch als exotisch-abgehobene Figur der Männlichkeit eine sehr gute Besetzung. Beim ersten Auftritt mit Titania geriet er stimmlich ein wenig ins Hintertreffen. Britten hat allerding die Partie so klug angelegt, dass er den Countertenor primär solistisch und nicht in Ensembles einsetzt. Und in diesen Solophrasen sang Yosemeh Adjei sehr geschmackvoll und sauber, wenn auch mit wenig differenzierenden Klangfarben. Puck ist eine Artisten- und Sprechrolle - Klagenfurt hatte diese wichtige Partie dem blutjungen Schauspielstudenten Gregor Kohlhofer übertragen, der seine Sache ausgezeichnet machte und auch die wenigen englischen Sätze sehr prägnant artikulierte. Das Sextett der Handwerker wurde vom Engländer Nicholas Crawley  als Zettel/Bottom angeführt - und man ist geneigt, ihn als die geschlossenste Gesamtleistung des Abends besonders herauszuheben. Da stimmte einfach stimmlich und darstellerisch alles - mit kernigem Bassbariton, exzellenter Textartikulation und trocken-markantem Humor stellte er eine Figur prallen Lebens auf die Bühne. Dabei half ihm bei der Verwandlung in einen Esel auch noch ein wahrhaft perfektes Kostüm. Zu Recht wurde er am Ende vom Publikum bejubelt.

Die übrigen Handwerker waren allesamt prägnante Charaktere - der baumlange Waliser Sion Goronwy als Peter Squentz, der Engländer Alexander Sprague, der Kroate Grga Peroš und die beiden Österreicher Michael Schober und Thomas Tischler. Im letzten Akt kamen dann noch Christiane Döcker und Kristian Paul als skurril gezeichnetes und stimmlich solides Herzogpaar dazu. Beim gesamten Ensemble merkte man die Arbeit mit einem eigenen Sprachcoach - das Englisch aller war bemüht. Allerdings wenn man die zahlreichen Muttersprachler im Ensemble hörte, dann war doch ein markanter Unterschied zu registrieren. Übrigens sollte man den Einsatz der Übertitel verbessern - allzu oft, speziell in den Handwerkerszenen, war der gezeigte deutsche Text nicht annähernd synchron mit dem, was gerade von der Bühne auf Englisch erklang …..

Die Elfengestalten verkörperten in grotesken Puppenkostümen mit klarer und sicherer Stimme Mitglieder der Singschule Carinthia. Das ist ein wertvolles Projekt des Stadttheaters Klagenfurt gemeinsam mit den Musikschulen des Landes Kärnten zur Förderung junger Kärntner Gesangstalente - das Projekt steht unter der Ehrenpatronanz der berühmten Mezzosopranistin Bernarda Fink, die auch unter den Premierengästen war. Die musikalische Leitung lag beim Chefdirigenten des Klagenfurter Hauses, dem 33-jährigen Briten Alexander Soddy natürlich in kompetenten und engagierten Händen. Die intensive Probenarbeit war deutlich zu erkennen. Dennoch:  diesmal klang das Kärntner Sinfonie-Orchester trotz vieler schöner Instrumentalsoli für mich insgesamt etwas stumpf und es fehlte ein wenig an Transparenz und Klarheit - ich vermute allerdings, dass dieser Klangeindruck vielleicht auch an meinem akustisch nicht optimalen Platz am Rande des hinteren Parterrebereichs unter dem Balkon lag.

Am Ende gab es im gut besuchten, aber nicht ausverkauften Haus viel Beifall für alle Beteiligten.

Hermann Becke, 30. 10. 2015

Ein Postscriptum zu einer heiteren Panne im Programmheft:

Die Lebensdaten von Benjamin Britten lauten 1913 bis 1976 (Die jedem Musikfreund geläufigen Daten 1756 -1791 sind offensichtlich noch aus dem Programmheft der Eröffnungspremiere „übrig geblieben“……..)

Szenenfotos: Stadttheater Klagenfurt (c) Aljosa Rebolj

 

Hinweise:

- 8 weitere Termine  im November

- Zu Recht empfiehlt der Britten-Verlag

Boosey & Hawkes als Referenztonaufnahme die nach wie vor erhältliche Gesamtaufnahme unter der Leitung von Benjamin Britten mit Alfred Deller, Peter Pears, Elizabeth Harwood usw. (der link ermöglicht auch Hörproben!)

 

 

 

 

 

 

 

COSI FAN TUTTE

Beachtliche Ensembleleistung!

Premiere am 17. 9.2015

Intendant Florian Scholz ist in Klagenfurts Dreispartentheater seit der Saison 2012/13 im Amt - seine erste Spielzeit war nicht einfach, wie er selbst einmal einräumte. Die Auslastung des Hauses war von 88% auf 76% zurückgegangen, man hatte über 100 Abonnenten verloren – also wolle man ab der zweiten Spielzeit „Schritte in Richtung Publikum setzen.“ Und das ist Florian Scholz in den beiden darauffolgenden Spielzeiten durchaus gelungen - man kann es auch in den Berichten des „Opernfreunds“ nachlesen. In der Saison 2014/15 ist die Auslastung wieder auf 83% gestiegen - nicht zuletzt wegen eines publikumsfreundlichen Spielplans z.B. mit der „Zauberflöte“, die immer für ein volles Haus sorgt. Florian Scholz und seine neue kaufmännische Direktorin Iris Dönicke scheinen auch wirtschaftlich erfolgreich zu arbeiten - wen dieser Bereich näher interessiert, der sei auf einen Rundfunkbericht verwiesen, wonach „das Stadttheater Klagenfurt hat in der vorigen Saison nicht seine gesamte Fördersumme von 16,6 Mio. Euro verbraucht hat: 1,3 Millionen wurden eingespart. Das Geld soll nun zum Teil in die Instandhaltung des Theaters investiert werden.“

Die Eröffnungspremiere der Saison 2015/16 brachte einen eindeutigen Publikumserfolg - und der war aufgrund einer überzeugenden Ensembleleistung von Szene und Musik durchaus verdient!

In der elegant ausgestatteten Szene (Regie: Marco Štorman, Bühne: Frauke Löffel, Kostüme: Sara Schwartz) ziehen von Anfang an Don Alfonso und Despina als Varieté-Direktoren die Fäden. Schon während der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang. Adam-und Eva-Figuren stehen da, bekommen von Despina je eine Apfel-Hälfte und gehen getrennten Weges von der Bühne. Alfonso und Despina - mit markanten Zylinderhüten - entzünden Sprühkerzen - das Spiel kann beginnen. Bei diesem Beginn hat der kritische Betrachter noch Bedenken, wie sich dieses Spiel entwickeln wird - allzu zu vordergründig-platt ist für Mozarts bzw. da Pontes artifiziell-subtile „Scuola degli amanti“ wohl die Adam-Eva-Assoziation. Aber der Betrachter freut sich, dass sich dann der Abend vor allem im 2.Akt zu einer schlüssigen, ja berührenden und zeitgemäßen Interpretation rundet. Marco Štorman, den man in Klagenfurt schon mit einer ausgezeichneten Rosenkavalier-Inszenierung und mit einer weniger geglückten Produktion der Verismo-Zwillinge Cavalleria/Pagliacci erlebt hat, ist diesmal (in der Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Laura Schmidt) sehr Erfreuliches gelungen. Gemeinsam mit einem erfrischend jungem Solistenteam und einer ebenso erfrischend-jungen musikalischen Leitung durch Klagenfurts Opernchef Alexander Soddy ist ein geschlossenes Ganzes auf beachtlichem Niveau entstanden. Die kleinen Einwände zur szenischen Umsetzung seien nicht verschwiegen: die schon erwähnte Adam-Eva-Assoziation, die am Ende nochmals auftaucht, könnte ersatzlos wegfallen - das Konzept würde dadurch nichts verlieren, ja es würde sogar an Stringenz gewinnen. Und auch die karikiert-mythologischen ältlichen zehn Statisten beiderlei Geschlechts sind durchaus entbehrlich - ihr Wegfall würde das Spiel noch mehr auf die sechs Figuren zentrieren. Gerade das Spiel der handelnden Personen und die Personenführung überzeugen. Da gibt es keine üblichen opernhaft-stereotypen Gesten - immer erlebt man vier junge Menschen, die sich ihrer Gefühle nicht sicher sind und die diese Liebes-und Lebensschule überzeugend durchleben.

Klagenfurt hat für die sechs Protagonisten ein homogenes und junges Solistenteam zusammengestellt, von dem man annehmen darf, dass alle ihren Weg machen werden. Eine von ihnen hat ja sogar schon den großen internationalen Durchbruch geschafft: Golda Schultz war vor zwei Jahren Klagenfurts Entdeckung als Sophie im Rosenkavalier - nach München hat sie die Sophie nun auch in diesem Sommer bei den Salzburger Festspielen gesungen und ihr Scala-Debut als Susanna steht 2016 bevor. Die Fiordiligi wird sie nach ihrem Klagenfurter Rollendebut ab November auch in München singen. Ich hatte an diesem Abend speziell im 1.Akt den Eindruck, dass diese Rolle für sie noch zu früh kommt. Natürlich verfügt Schultz über eine natürliche Bühnenausstrahlung und über eine sehr sicher sitzende und individuell gefärbte Stimme, aber im 1.Akt - speziell in der großen „Come scoglio“-Arie fehlte mir ein wenig der große Legato-Bogen, aber auch die nötige artifizielle Primadonna-Souveränität. Wunderbar gelang ihr dann allerdings im 2.Akt die Szene „Ei parte“ mit dem Rondo „Per pietà, ben mio“ - das war berührend und wirklich auf hohem interpretatorischen Niveau. Ihr Schwester Dorabella verkörperte die Italienerin Anna Pennisi. Mit ihrer warm-timbrierten Stimme war sie eine ausgezeichnete Besetzung, die auch in allen Ensembles immer markant präsent war. Und man freute sich, dass sie auch die oft gestrichene Arie „E amore un ladroncello“ singen durfte. Sie ist zweifellos ein großer Gewinn für Klagenfurt und man kann gespannt ihre weiteren Auftritte erwarten: die Hermia in Brittens Sommernachtstraum, die Suzuki in Madama Butterfly (damit war sie eben in Rom erfolgreich) und den Romeo in „I Capuleti e i Montecchi“. Aber auch die Herrenpartien waren sehr gut besetzt. Der amerikanische Tenor Matthew Newlin war ein wahrhaft ausgezeichneter Ferrando. Im 1.Akt war er mit seiner großen Arie „Un aura amorosa“ der einzige der vier jungen Liebesverwirrten, der auch die ernste Seite der Figur musikalisch und darstellerisch überzeugend erleben ließ. Sein Terminplan ist mit großen lyrischen Rollen in Berlin ausgefüllt - und so wird man ihn leider wohl nicht so bald wieder in Klagenfurt erleben können.

Der aus Griechenland stammende spielfreudige Guglielmo von Nikos Kotenidis überzeugte mit seinem warmen Bariton. Despina war die Französin Elsa Benoit - von Beginn an als Drahtzieherin des Geschehens omnipräsent. Sie erwies sich als prägnant-charmante Darstellerin mit einem sicheren, ein wenig herb klingenden Sopran. Kotenidis und Benoit werden im Laufe dieser Spielzeit in weiteren Rollen in Klagenfurt zu erleben sein. Don Alfonso war beim Italiener Marco Filippo Romano in besten Händen. Er spielte glaubhaft den „Direktor“ des ganzen Spiels und sang in bester italienischer Rossini-Tradition mit markant-plastischem Bariton.

Dass die Spannung den ganzen Abend nie nachließ, ist nicht nur einer klugen Personenführung in sparsamen und stets geschmackvollen Dekorationen mit prächtigen, teils pittoresk-skurrilen Kostümen  zu danken. Einen ganz entscheidenden Anteil daran hatte der 33-jährige britische Chefdirigent des Hauses Alexander Soddy, der auch den Continuo-Part auf dem Hammerflügel kompetent selbst spielte. Er sorgte für eine höchst spannungsvolle und schwungvolle musikalische Interpretation, die auch breite lyrische Ruhepunkte nicht scheute. Die ganze Aufführung war hörbar präzise und detailreich erarbeitet. Als ein Beispiel für viele sei etwa das Duett Dorabella - Guglielmo „Il core vi dono“ im 2.Akt erwähnt: die Fermaten auf den Sechzehntelpausen waren perfekt gesetzt, ohne den Fluss des melodischen Bogens zu unterbrechen - und das immer in völliger Übereinstimmung mit den Gesangssolisten. Der große musikalische Bogen und Zusammenhang innerhalb der einzelnen Nummern, aber auch innerhalb eines ganzen Aktes ließ nie nach - man hörte stets gebannt zu (und verzieh dann gerne auch kleinere Instrumentalpannen - etwa am Ende der großen Fiordiligi-Szene im 2.Akt). Das war plastische und zeitgemäße Mozart-Interpretation auf hohem Niveau! Man versteht, dass Soddy (in diesem Sommer Studienleiter von Petrenko beim Bayreuther Ring) nicht auf Dauer in Klagenfurt zu halten ist. Er soll ab 2016 als Nachfolger von Dan Ettinger Generalmusikdirektor in Mannheim werden, aber bis 2016/17 noch Chefdirigent in Klagenfurt bleiben.

Hermann Becke, 18. 9. 2015

Szenenfotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Aljosa Rebolj

 

Hinweise:

-        11 weitere Termine im September, Oktober und November

-        Ein reizvolles 5:50- Video mit Golda Schultz über ihre Salzburger Video

 

DIALOGUES DES CARMÉLITES

Modernes Musiktheater auf höchstem Niveau!

Besuchte Vorstellung: 14. 2. 2015

(2.Vorstellung nach der Premiere vom 12.2.2015)

Es ist mutig, in Kärnten, das ja nicht gerade für ein der Moderne aufgeschlossenes Publikum bekannt ist, dieses großartige Werk überhaupt auf den Spielplan zu setzen und es dann auch noch gerade am Faschingsende zu spielen! Der Mut hat sich gelohnt: eine höchsten Maßstäben genügende Produktion ist gelungen und das Publikum war begeistert!

Francis Poulenc (1899 – 1963) verarbeitete in diesem Werk, das im Jahre  1957 an der Mailänder Scala in italienischer Sprache uraufgeführt wurde, ein Geschehen, das sich im Juli 1794 tatsächlich zugetragen hatte. Damals ging eine Gruppe von Karmeliterinnen singend in den Tod durch die Guillotine. Trotz der historischen Verortung in den brutalen Wirren der französischen Revolution ist Poulencs Oper kein historisierendes Stück. Der seit den 1930er Jahren dem Katholizismus zuneigende Komponist hat mit seinem Bühnenwerk, an dem er seit 1953 arbeitete, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen Kontrapunkt zu dem Grauen und der Entmenschlichung des Faschismus gesetzt, dem er, ohne ideologische Scheuklappen zu zeigen, den Glauben entgegensetzt. Poulencs Oper verlässt nie die erweiterte Tonalität. Auf das Widmungsblatt hat Poulenc die Namen Debussy, Mussorgsky und Verdi gesetzt. „Wenn der Name Mozart dabei fehlt, so weil man Gott-Vater nicht gut etwas widmen kann“ (Francis Poulenc).

Der französische Regisseur Richard Brunel der Klagenfurter Erstaufführung dieses bedeutenden Werkes verlegt die Handlung aus der Zeit der französischen Revolution ins Zeitlose und schreibt dazu: „Ein richtiges Maß an Aktualität erlaubt dem Zuschauer in einer Inszenierung seinen eigenen Referenzpunkt zu finden. Von ihm ausgehend kann er sich ein politisches System, einen historischen Kontext, vorstellen, in dem eine friedliche Gruppe, – vereint aus Überzeugung oder Religionszugehörigkeit – sich zur Minderheit gemacht und verfolgt fühlt.“  Das Konzept ist in ganz großartiger und überzeugender Weise aufgegangen. Endlich gibt es hier eine Inszenierung, in der nicht die so oft üblich gewordenen Holzhammer-Versatzstücke banaler Aktualisierung wie etwa karikierende Kirchenroben, Nazi-Uniformen oder Dschihad-Kämpfer verwendet werden, sondern die die dem Stück zugrunde liegenden Phänomene der Gruppenbildung und der Gewalt in diskreter und in einer gerade deshalb besonders bewegenden, ja aufwühlenden Form dem Publikum gezeigt werden. Die Handlung spielt in einem kühl-schlichten Einheitsbühnenbild (Anouk dell’Aiera), das durch das Verschieben einzelner Elemente die einzelnen Handlungsorte präzis gestaltet. Die Kostüme (Axel Aust) charakterisieren die Figuren mit klaren und einfachen Mitteln.

Die Inszenierung zeichnet sich durch eine exzellente Personenführung aus – jede einzelne Figur ist präzise gestaltet, ohne je in abgegriffene Operngestik zu verfallen. Das Regieteam hat behutsam und einfühlend viele kleine Details in das Libretto eingebaut - etwa das kleine Hündchen der adeligen Familie, die „Fußwaschung“ des Marquis durch den Diener, der dann später durch die Revolution selbst zum Herren wird und sich von Blanche die Füße waschen lässt oder die Fotobegeisterung der jungen Nonnen. Schlichtweg atemberaubend und ohne jegliche Peinlichkeit gelingt am Ende die Hinrichtung der Nonnen in perfekter Synchronisation zu der von Poulenc virtuos gestalteten Musik. Das Fallen des Beils ist ja im Orchester von Poulenc minutiös mit einem „bruit sourd et lourd” gestaltet. Dieses Geräusch rhythmisiert mit den „oi – a“ Fortissimo-Rufen der Zuschauermenge das von den Nonnen angestimmte „Salve Regina“. In Brunels Inszenierung wird punktgenau auf die Orchesterschläge jeder Nonne ein weißer Sack über den Kopf gestülpt - dann sinken sie leblos zusammen. An der Wand dahinter werden die Bilder der Ermordeten projiziert: Ein Bild, das niemand vergessen wird.

Diese szenische Perfektion ist auch deshalb möglich geworden, weil es Klagenfurt gelungen ist, ein optimales Ensemble zusammenzustellen. Ursprünglich hätte der (ehemalige) Weltstar Cheryl Studer die Rolle der alten Priorin übernehmen sollen. Sie wurde krank – an ihrer Stelle gestaltete die Schwedin Marianne Eklöf diese Partie stimmlich und darstellerisch mit elementarer Kraft. Die zentrale Figur der Blanche wurde von der US-Rumänin Laura Tatulescu verkörpert. Man kennt Tatulescu von ihren Anfängen an der Wiener Staatsoper – nun ist sie an der Münchner Staatsoper. Tatulescu erwies sich bei ihrem Rollendebut als eine schlichtweg ideale Besetzung – sie überzeugte in ihrer jugendlich-ängstlichen Ausstrahlung sowohl als Adelige als auch als Novizin im alltäglichen Klosterleben darstellerisch und stimmlich restlos – sie spielte nicht die junge Blanche – sie w a r sie.

Herausragend war auch die Mère Marie von Heidi Brunner, die eine erfahrene Künstlerin und auf vielen großen Bühnen zuhause ist. Für sie war diese Rolle auch ein Debut. Ich hatte sie noch vor einigen Jahren im Theater an der Wien in der ausgezeichneten Produktion von Robert Carsen als Madame Lidoine erlebt (hier die damalige Zeitungskritik). Heidi Brunner  wird mit der Mère Marie an diesem Abend zur zweiten Hauptfigur der Handlung – wie sie nach dem Tode der Priorin zunächst die Verantwortung für das Karmel übernimmt, dann hofft, selbst Priorin zu werden und sich schließlich darein fügt, nicht gewählt zu werden und wie sie letztlich am Ende verzweifelt zu den hingerichteten Mitschwestern stürzt, das war wahrlich großes und tief berührendes Musiktheater. Dazu kam eine ebenso wunderbare und überzeugende Bewältigung der stimmlich anspruchsvollen Partie. Auch sie war also eine perfekte Besetzung und entsprach dem, was Francis Poulenc von seinen Frauenrollen erwartete – er schrieb ja dazu:  „..meine fünf großen weiblichen Rollen sind für jeweils klar umrissene Fächer geschrieben. Nebeneinander stehen, wenn man will: Amneris, Desdemona, Kundry,Thais und Zerlina.“ Heidi Brunner sang vor kurzem ihre erste Kundry und ist nun zu einer überwältigenden Mère Marie geworden!

Evgeniya Sotnikova , die man in Klagenfurt schon vor zwei Jahren als Ilia in Idomeneo hören konnte, war eine erfrischend helle und positive Soeur Constanze. Allerdings will man gerne jene Warnung wiederholen, die man schon damals ausgesprochen hatte: Im Piano hat Sotnikova ein einnehmend-individuelles Timbre, leider sitzt aber die Stimme ab dem mezzo forte nicht mehr richtig „im Körper“ (um einen immer wieder  im „Opernfreund“ diskutierten Terminus zu verwenden). Trotz dieser Einwände bot sie jedenfalls eine erfreuliche Leistung, die sich in das Gesamte gut einfügte. Auch Betsy Horne kennt man in Klagenfurt schon – sie war vor zwei Jahren eine vielversprechende Marschallin. In diesem Jahre wird sie in Leipzig erstmals die Arabella singen. Mit ihrer hochragenden Erscheinung und mit ihrem sicheren Sopran war sie als Mme. Lidoine eine eindrucksvolle und Respekt gebietende neue Priorin.

Neben den fünf Hautfiguren waren auch alle anderen Partien adäquat und durchwegs sehr gut besetzt. Zwei Sänger seien hier ausdrücklich hervorgehoben: der den Abend mit perfekter französischer Artikulation eröffnende und stimmgewaltige Marquis des Kristian Paul und der – wie von Poulenc gewünschte – „Mozarttenor“ Ilker Arcayürek als dessen Sohn (und Bruder von Blanche). Aber auch alle anderen verdienen uneingeschränktes Lob – speziell das Damenensemble des Chors. Die musikalische Gesamtleitung lag beim Klagenfurter Opernchef Alexander Soddy, der (gemeinsam mit Studien- und Chorleiter Günter Wallner) offenbar exzellente Einstudierungsarbeit geleistet hatte. Noch selten hörte man das Kärntner Sinfonieorchester derart animiert, konzentriert und klangschön. Die empfindsamen Holzbläser-Soli sollen besonders erwähnt werden - und trotz des großen Orchesterapparats wurden die Stimmen nie zugedeckt.

Der dreistündige Opernabend schlug das Publikum von Anfang bis zum Ende in höchst aufmerksam-konzentriertem Bann – schon lange habe ich nicht einen derart spannenden Opernabend erlebt. Dem kleinen Klagenfurter Stadttheater ist diesmal wirklich für einen ganz großen Wurf auf allerhöchstem Niveau zu danken, der keinen Vergleich mit ersten Häusern zu scheuen braucht! Und das Klagenfurter Abonnementpublikum habe ich offenbar unterschätzt – siehe dazu meinen Eingangssatz. Im Gegensatz zum Premierenpublikum verließ an diesem Abend niemand zur Pause das Haus – alle saßen geradezu atemlos auf ihren Plätzen und spendeten am Ende begeisterten Applaus.

Hermann Becke, 15. 2. 2015

Szenenfotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Jean-Louis Fernandez

Hinweise:

-        Der Besuch einer der weiteren neun Vorstellungen ist dringend und wärmstens zu empfehlen!

-        CD Live-Aufnahme der „Dialogues des Carmélites“ aus dem Theater an der Wien 2011 unter Bertrand de Billy (hier ist Heidi Brunner, die in Klagenfurt die Mère Marie singt, noch die Madame Lidoine)

-        Im nahe gelegenen Maribor werden die Dialogues demnächst ebenfalls bald Premiere haben – hier die Termine

 

 

 

 

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Sauber - aber doch eher blutleer!

Premiere am 18. Dezember 2014

 

Diesmal hat Klagenfurt für die szenische Umsetzung den vom Schauspiel kommenden und wenig opernerfahrenen Regisseur Patrick Schlösser eingeladen und für die Bühne den rumänisch-deutschen Maler Miron Schmückle  gewonnen, der als Bühnenbildner überhaupt sein Opern-Debüt feiert. Dazu liest man unter auf der Homepage des Klagenfurter Stadttheaters:

„Musik, Regie, Malerei – drei Kunstgattungen, die so unterschiedlich sind und doch miteinander verschmelzen! Die Idee, ein Bühnenbild für ‚die Zauberflöte` zu entwerfen, entsprang der intensiven Auseinandersetzung mit Regisseur Patrick Schlösser über Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser Gattungen, erzählt der experimentelle Maler Miron Schmückle. Sein Credo: Ein Stück braucht die Möglichkeit, sich zu entfalten, die Imagination sollte nicht kastriert werden. Patrick Schlösser stellte eine Analogie zwischen der Bilderwelt Miron Schmückles und dem Inhalt der Zauberflöte her. Er entschied sich, für die Inszenierung am Stadttheater Klagenfurt nicht mit einem Bühnenbildner, sondern mit mir als Künstler zu arbeiten. Mit jemandem, der die Inhalte der Oper bildlich umsetzt und märchenhaft in die Musik integrieren kann.“ Und weiter:

Diese Arbeit war wie das Schreiben einer Partitur. Ich spüre die Verwandtschaft zwischen dem Komponieren meiner Bilder und dem Komponieren eines Musikstückes sehr stark. Harmonien und Dissonanzen werden frei gelassen, dann wieder gebändigt. Genauso wie in der Oper Flötentöne die Kräfte der Natur bändigen, so Schmückle. Naturkunde hat ihn schon immer beschäftigt. So entstanden bühnenreife Werke, die die Verbindung von Natur und Mensch rankenhaft und allegorisch zeigen: als Metapher mit indirekter Aussage, reich an Interpretationskraft. Wenn die Flöte ertönt, wird die Bühne zum Blütenhimmel. Jede Blüte ist anders gemalt, kein Ast ähnelt dem anderen. Kein Baum ist doppelt, sondern immer ein gezeichnetes Individuum. Fast ein Jahr lang hat Miron Schmückle an der Umsetzung des Bühnenbildes gearbeitet – sein Opern-Debüt. Aufgrund der Individualität der Zeichnungen ist die Malerwerkstatt des Stadttheaters auch bereits seit Sommer mit den Arbeiten beschäftigt. Ebenso die Requisitenhersteller, die für die Szenen der Wasser- und Feuerprobe, viereinhalb Meter hohe Fratzen-Kulissen bauen, aus denen es heraus raucht, wo Augen glühen und im Schlund ein Krake wohnt. Eine märchenhafte Herausforderung.“

Wenn das alles unter dem Titel „Malerhafte Zauberwelt“ angekündigt wird, dann erinnert sich der  erfahrene Opernfreund daran, dass vor fast fünfzig Jahren Marc Chagall seine maßstabsetzende Ausstattung für die neue Met in New York schuf. Nun – dieser Vergleich ist wohl zu hoch gegriffen, wenn auch tatsächlich Miron Schmückle eine „wunderbar- ornamentale Kulisse, angelehnt an die Bühnenmalerei des 19. Jahrhunderts“ geschaffen hatte, die allerdings der Regisseur leider nicht für theatralisch-wirksames Theater nutzte. Die Figuren – in durchaus pittoresken Kostümen von Katja Wetzel – blieben all ein wenig blutleer-nüchtern. Da sprang kein Funken auf das Publikum über – es gab primär statische Bildkompositionen, aber die wesentlichen Elemente, die so klug von dem im Programmheft zitierten und überaus musikkundigen Ägyptologen Jan Assmann offengelegt werden, wurden szenisch nicht umgesetzt. Da erlebte man weder freimaurerisches Mysterientheater, noch Schikaneders Zauber-und Maschinentheater und auch nicht gemütvolle Natürlichkeit. Saubere Gründlichkeit herrschte vor und kaum lebensvolle Personenführung – schade, denn die sängerische Besetzung war durchaus gut!

Stefan Zenkl hat eine sehr gepflegte lyrische Baritonstimme, die er an diesem Abend leider erst am Ende wirklich frei strömen lässt. Davor hatte man immer den Eindruck, die Regie wolle unter allen Umständen die üblichen Klischees in der Papageno-Darstellung vermeiden. Damit ging aber ganz das verloren, was Papageno selbst „ein gemütvolles Herz“ nennt. Die Dialogtexte wurden zwar ausgezeichnet artikuliert, aber möglichst rasch geradezu abgespult und auch im Gesang herrschte eher Understatement und nicht volksliedhafte Wärme. Hätte man Stefan Zenkl nicht erst unlängst hier in Klagenfurt als belcantesken Silvio gehört, dann hätte man diesmal fast meinen können, dass seine schlanke Stimme für die Opernbühne zu filigran ist. Und an diesem Beispiel komme ich zu meinem zweiten grundsätzlichen Einwand an diesem Abend:

Die musikalische Leitung hatte der Wiener Dirigent Thomas Rösner. Wie man seiner Homepage entnehmen kann, hat er schon eine reiche internationale Erfahrung. Ihm ist zu attestieren, dass er das klein besetzte Kärntner Sinfonieorchester hervorragend vorbereitet hatte. Die Instrumentalisten saßen diesmal nicht im Orchestergraben, sondern praktisch auf dem Niveau des Zuschauerraums. Posaunen, Trompeten und die Pauke waren in der linken Parterreloge, die Celesta in der rechten Parterreloge postiert, aus der auch Bühnenauftritte möglich waren. Das ergab ein wunderbar transparentes und stets präzis ausgewogenes Klangbild und sicherte einen hervorragenden Kontakt mit der Bühne. Rösner wählte durchwegs sehr frische Tempi und sorgte damit für stets spannungsvolles Musizieren. Allerdings fehlte mir an vielen Stellen die innere Ruhe und Gefasstheit – etwa im Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ und bei Paminas g-moll-Arie. Und so gilt für den musikalischen Gesamteindruck das, was ich schon zur Regie gesagt habe: sehr sauber, aber kaum lebensvolle Wärme. Übrigens bestätigt das meine allgemeine Erfahrung, die mir so manch erfahrener Berufsmusiker bestätigt: oft fehlt der heutigen Generation technisch hervorragend arbeitender Dirigenten die Ruhe und das Gefühl für langsame Tempi. Und das wirkt sich natürlich auch auf die Sängerinnen und Sänger aus. Aber wie auch immer: das ist meine Meinung und ändert nichts daran, dass das Klagenfurter Orchester an diesem Abend unter Thomas Rösner ausgezeichnet gespielt hat.

Das hohe Paar Pamina/Tamino war sehr gut besetzt. Die Belgierin Ilse Eerens gestalte ihre erste Pamina respektabel als helles und ein wenig kühl-distanziertes Frauenbild mit klarer Stimme. Der deutsche Tenor Manuel Günther war für mich in diesem Rahmen ein idealer Märchenprinz sowohl in der Erscheinung als auch mit seiner sauber geführten und nie forcierten Stimme. Er wird diese Partie derzeit noch nicht in größeren Häusern als Klagenfurt singen können – da fehlt es ihm noch ein wenig an Volumen und an stimmlicher Breite. Aber in dieser eher kammermusikalisch angelegten Produktion war er stimmlich ausgezeichnet – und er strahlte auch in seiner Darstellung durchaus erhabene Würde aus, selbst wenn ihn die Regie in der Prüfung durch die Priester gleichsam als Säulenheiligen auf eine Stehleiter verbannte. Er wird im nächsten Jahr zweifellos eine sehr gute Pedrillo-Besetzung in Hamburg und Berlin sein. Übrigens gilt für alle Protagonisten ein besonderes Lob für eine makellose Textartikulation. In solcher Klarheit hört man heute schon selten deutsche Dialog- und Arien/Ensemble-Texte. Die Königin der Nacht war die in Deutschland lebende Russin Diana Schnürpel. Sie gestaltete ihre beiden großen Szenen durchaus sicher und eindrucksvoll. Sie hat diese Partie schon in Braunschweig und Detmold gesungen und wird sie im März auch in Graz übernehmen. Man kann sie auch in einer zwei Jahre alten Aufnahme auf youtube nachhören. Sie war von der Regie recht allein gelassen – ihr erster Auftritt hatte so gar nichts Königliches an sich – und die hohen Kothurne, auf denen sie zu stolzieren hatte, waren auch nicht gerade ein überzeugender Einfall.

Einziger Schwachpunkt in der Besetzung war an diesem Abend der erfahrene Sarastro von Andreas Hörl. Die Stimme klingt fahl - sie ist nicht zentriert und damit auch nicht intonationssicher. Dazu kam noch ein Konzentrationsfehler in der Hallen-Arie. Gerade die Figur des Sarastro war auch von der Regie nicht überzeugend gestaltet – man denke nur an seinen ersten „Auftritt“, bei dem er aus der Versenkung in Mitten von Jagdtrophäen emporgefahren wird. Aufhorchen hingegen ließ die kernig-metallische Stimme des Sprechers (und ersten Geharnischten) Peter Kellner, der in einer späteren Aufführung den Sarastro übernehmen darf. Die anspruchsvollen Partien der drei Damen waren mit den Debütantinnen Yuna-Maria Schmidt, Julia Stein und Christiane Döcker besetzt. Da gab es einige rhythmische Unsicherheiten und noch nicht das nötige Gewicht, das diesen Rollen zukommt. Solide gaben Richard Klein den Monostatos und Woohyun Park den Zweiten Geharnischten. Reizend im Spiel und noch etwas filigran im Gesang war die Papagena von Theresa Dittmar. Übrigens war ihr Duett-Auftritt mit Papageno, als sie vom Himmel herabschwebt und dann von einer Unzahl von Kinderlein umgeben wird, einer der seltenen Augenblicke in dieser Inszenierung, wo sich wirklich bühnenwirksam-pralles Theater abspielte.

Geradezu exzeptionell gut waren die drei Knaben – es waren drei etwa 15- bis 17jährige Mädchen, die nicht nur charmante Genien verkörperten, sondern auch gesanglich trefflich neben den Gesangsprofis bestanden. Ein Kompliment dem Klagenfurter Stadttheater für sein Projekt der Singschule Carinthia, mit dem diese jungen Begabungen herangezogen und in adäquaten Partien bereits in den Opernbetrieb einbezogen werden (zuletzt auch im Kleinen Füchslein und in Macbeth). Unnötig war wohl der „Scherz“, den drei Mädchen Tafeln zu geben mit den Aufschriften „Wir sind die 3 Knaben“, „Eigentlich sind wir 3 Mädchen“ und „Die Jungs sind im Stimmbruch“. Und wenn der Regisseur schon vermeint, auf diesen „Gag“ nicht verzichten zu können, dann möge man wenigsten „Buben“ und nicht „Jungs“ schreiben – wir sind ja nicht nur in einem österreichischen Theater, sondern auch in einem österreichischen Stück. Dem Regisseur sei dieser Beitrag über österreichisches Deutsch im Austria-Forum ans Herz gelegt!

Der Chor (Leitung: Günter Wallner) machte seine Sache gut – wenn er auch wiederholt unsichtbar zu wirken hatte.

Während der Aufführung gab es kaum Szenen-Beifall, wohl aber spendete am Ende das Publikum reichlich Applaus – wenn ich die „Phon-Zahlen“ richtig eingeschätzt habe, dann standen Tamino und Papageno am höchsten in der Gunst des Publikums. Zum Schluss noch ein versöhnliches Wort zu der von mir mit nicht allzu freundlich Worten bedachte Inszenierung: sie hat die unsterbliche Musik von Mozart ernst genommen und keineswegs beeinträchtigt – und sie hat auch nicht versucht, aus der Zauberflöte ein anderes Stück zu machen. Es sei auch erlaubt, dem erfahrenen Schauspielregisseur einen Tipp für weitere Operninszenierungen zu geben: Arien haben in der Oper eine andere Funktion als Monologe im Schauspiel. Arien sind Ruhepunkte, die nicht durch Aktionen anderer Figuren „belebt“ werden sollten, wie dies in diesem Falle zum Beispiel mit der Bildnis-Arie des Tamino und der g-moll-Arie der Pamina geschah.

Hermann Becke, 19. 12. 2014

Szenenfotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Aljosa Rebolj

 

P.S.

Von der Premierenfeier gibt es schon ein Video mit einigen Interviews

Es wird auch ein Video angeboten, in  dem Regisseur Patrick Schlösser die Handlung „für unser junges Publikum“  als (recht simpel-nüchterne) Bildgeschichte erzählt 

Die nächsten Vorstellungstermine finden Sie hier

 

 

 

CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI

7. November 2014 ( 4. Vorstellung nach der Premiere vom 25. Oktober)

In unserer Medienwelt ist es möglich, dass man sich schon vor dem Besuch einer Opernvorstellung ein Bild machen kann, was der Regisseur mit seiner Inszenierung zeigen will – und so sei zu Beginn zitiert, was Marco Štorman (der im Vorjahr in Klagenfurt einen sehr stimmigen Rosenkavalier auf die Bühne gestellt hatte) auf Klagenfurts Website  schreibt:

„Für mich ist es wichtig, dass die Inszenierung einen Grund liefert, dass Cavalleria rusticana und Pagliacci an einem Abend aufgeführt werden. Letztlich erzählen sie beide vom immerwährenden und immer kreisenden Spiel der Liebe. Wie sich Sehnsüchte aufbauen, sie zerstört werden, sich Menschen wieder aufrichten. Wie sie kämpfen, in ihrem Kämpfen aber gegen die Mechanismen einer Gesellschaft stoßen, sich gegen diese stellen müssen, wie aus Liebe Hass wird, aus Eifersucht Rache, aus Leben Sterben. Gleichzeitig steht in Pagliacci eine Bühne auf der Bühne. Das Leben kreist also nicht nur als solches, sondern dreht sich weiter in unsere Wunsch- und Traumbilder hinein. Hier liegt unser Anknüpfungspunkt: Wessen Wahrheit wird eigentlich erzählt? Und wer hat die Kontrolle über unsere Wünsche? Gibt es eine objektive Realität? Oder   projizieren wir nicht vielmehr alle qua eigenem Erleben, eigener Ängste, jeder einen eigenen Blick in das Jetzt? Pagliacci ist eine Variation von Cavalleria rusticana. Ein Weiterdrehen der Geschichte. Realität und Fiktion vermischen sich zunehmend. Was ist also Theater, Träumen, was ist Leben? Oder erleben wir nicht vielmehr im Träumen? Tonio, die Erzählerfigur in Pagliacci, taucht bei uns auch in der Person des Alfio im ersten Teil, in der Cavalleria rusticana auf. Er wird zum teuflischen Traumlenker, zu jemandem, der das Spiel unserer Leben spielt, unsere Wahrnehmung verschiebt und uns von einer Bühne des Lebens in die nächste führt.“

Nun muss der Besucher der Aufführung – und erst recht der kritische Berichterstatter – beurteilen, ob dieser Werkzugang überzeugt oder bloß ein intellektuelles Gedankenkonstrukt bleibt. Und leider muss man wieder einmal sagen: Was der Regisseur in seinem Beitrag wortreich darlegt, scheitert in der praktischen Bühnenumsetzung. Die beiden veristischen Opernhits leben an diesem Abend ausschließlich von der unsterblichen Musik Mascagnis und Leoncavallos und von den sängerischen Leistungen. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Dominik Steinmann und der Kostümbildnerin Sara Schwartz hat der Regisseur grelle Variété-Tableaus auf die Bühne gebracht und gar nicht versucht, eine spannende Handlung zu erzählen. Eine szenische Führung des Chors hat sich der Regisseur überhaupt erspart: der Chor steht (in skurril-drastischen Kostümen) meist als regungsloser Block auf der Bühne – wenn es nicht etwa peinliches rhythmisches Köpfewackeln des Herrenchors bei Alfios erstem Auftritt gibt. Die einzige die Aufmerksamkeit des Publikums erregende Bühnenaktion besteht in der Verdoppelung der handelnden Personen durch Kinder – das findet zwar das Publikum rührend, aber es trägt absolut nichts zu einer dramatischen Zuspitzung der Handlung bei und lenkt von den Protagonisten ab.

Das Publikum reagiert übrigens erfrischend-natürlich auf diese Kindereinlagen – und entlarvt damit das gescheiterte Bemühen der Inszenierung. Dazu ein konkretes Beispiel: vor dem Duell Alfio/Turiddu steht im Libretto die szenische Anweisung: „Sie umarmen sich. Turiddu beißt Alfio in das rechte Ohr.“ Das wird natürlich nicht umgesetzt. Stattdessen stehen Alfio und Turiddu regungslos da – das Umarmen und Beißen besorgen ihre kindlichen Doubles. Dann gehen alle ab, nur Turiddu bleibt allein zurück, steht (in seinem peinlich engen Anzug) hölzern  in der Mitte der Bühne und singt „Mamma“. Das Publikum lacht. Die tragische Stimmung des Abschieds von der Mutter und vom Leben ist zerstört…..Die angesungene Mamma Lucia ist übrigens nicht auf der Bühne - sie singt ihre Einwürfe zunächst unsichtbar und erscheint dann in  einer Loge im Zuschauerraum. Das Drama der verlassenen und zutiefst verletzten Santuzza wird nur dann spürbar, wenn die wunderbare Mary Elizabeth Williams   ihre große, leicht raue Stimme erhebt. Sie wirkt durch ihr Singen überzeugend und berührend – trotz unvorteilhafter Kostümierung und mangelnder Personenführung. Ihrer dramatischen Stimme gewinnt sie auch zarte Farben und schöne Piani ab. Allerdings hat man an diesem Abend den Eindruck, dass sie primär aus ihrem reichen Stimmmaterial schöpft und dass der Stimmsitz nicht ganz zentriert ist.

Alfio ist natürlich kein bäuerlicher Fuhrmann, sondern schon in der Cavalleria der Clown, den die Regie zu einem beide Stücke durchziehenden und unablässigen dümmlichen Grinsen verurteilt – selbst an jenen Stellen des Stücks, wo es bei Gott um ernste, ja existenzielle Dinge geht. Und mit der Peitsche knallt der Alfio natürlich nicht bei seinem Auftrittslied, sondern im Duett mit Santuzza – auch das wahrlich kein überzeugenden Einfall. Der erst 32 Jahre alte ungarische Bariton Csaba Szegedi überzeugt stimmlich vor allem als Tonio. Für den Alfio fehlt ihm noch ein wenig das bedrohlich-düstere Stimmgewicht. Turiddu und Canio ist der erfahrene Ricardo Tamura , der im nächsten Jahr an der Met den Don Carlo singen wird. Die Siziliana hinter geschlossenem Vorhang gelang nicht so recht – aber dann steigerte er sich zu einer großartigen stimmlichen Leistung mit strahlenden Höhen. Den jugendlich-leichtsinnigen Bauernburschen konnte er weder szenisch noch stimmlich  vermitteln, da war er als Canio dann in jeder Hinsicht überzeugender, auch wenn er seine großen Szenen primär völlig statisch zu singen hatte.

Das krampfhafte Regiekonzept ging in „Pagliacci“ noch weniger auf als in der „Cavalleria“. Das Libretto vermittelt uns  drei menschliche Ebenen – das dörfliche Leben, das private Leben der Komödiantentruppe und das Spiel auf der abendlichen Bühne – von den Spannungen zwischen diesen drei Ebenen lebt das Stück, daraus entwickeln sich die dramatischen Verknüpfungen. Die Regie trägt dieser Ausgangssituation überhaupt nicht Rechnung, zeigt nur eine einzige grell-bunte Kunstwelt und vergibt damit die Chance auf spannendes Bühnengeschehen. Dazu wieder ein Beispiel: der Bauernbursch Silvio kommt aus dem dörflichen Leben. Ausgerechnet sein Auftritt erfolgt auf der grell erleuchteten Schmierenbühne und nicht in der nächtlichen Verborgenheit des Dorfes. Geradezu unbeholfen gelöst ist auch die Schlussszene mit den Notenpulten und herumgeworfenen Textbüchern. Packendes Musiktheater gibt es nur durch die Musik.

Zu den beiden Konkurrenten Turiddu/Canio bzw.  Alfio/Tonio kommt in den „Pagliacci“ eine neue Frauenfigur. Aus Stimmfachgründen konnten natürlich Santuzza und Nedda nicht von einer Sängerin gestaltet werden ( aber das Kinderdouble der Santuzza musste auch im Bajazzo auftreten, um die krampfhafte Idee des Regisseurs zu manifestieren, dass die beiden Stücke zusammengehören). Die Chinesin Guanqun Yu  war eine stimmlich sehr sichere Nedda, die die lyrischeen Stellen ebenso überzeugende gestaltete, wie die dramatischen Ausbrüche, wenn es ihr auch ein wenig an der gebotenen erotischen Laszivität fehlte. Für mich war allerdings ihr Silvio eine besondere Entdeckung. An diesem Abend sang der Österreicher Stefan Zenkl  diese Partie zum ersten Male in der Klagenfurter Produktion und überzeugte nicht nur durch darstellerische Präsenz, sondern auch mit seinem markanten, technisch ausgezeichnet geführten Bariton. Man versteht seinen Erfolg als Wolfram im vorigen Jahr in Kassel und freut sich auf seinen Papageno, der im Dezember in Klagenfurt folgt. Auch alle kleineren Rollen waren sehr gut besetzt: Anna Werle als kühle Lola, Eibe Möhlmann als markante Mamma Lucia und Ilker Arcayürek als präsenter Beppe, aber auch die beiden Chorsolisten Michael Schober und Woohyun Park. Der stark besetzte und in diesen beiden Opern so wichtige Chor (Leitung: Günther Wallner) profitierte von der statischen Regie und bot eine geschlossene, klangschöne und im Wesentlichen präzise Leistung – nur zu Beginn des 2.Akts „Pagliacci“ wackelte es ein wenig.

Das Kärntner Sinfonieorchester unter seinem Chef Alexander Soddy begann zunächst etwas zaghaft – die ersten Takte des Cavalleria-Vorspiels waren eher dünn als „dolce e religioso“. Dann aber steigerte sich das Orchester zu einer sehr guten Leistung mit etlichen schönen Holzbläser-Stellen, aber auch die Streicher gewannen an Substanz. Soddy bemühte sich um eine differenzierte Orchestergestaltung. Er sollte nur darauf achten, dass gerade bei dieser plakativen Musik nicht der große Bogen verloren geht. Speziell bei den großen Santuzza-Szenen bestand ein wenig die Gefahr, dass die Piano-Stellen aus dem Gesamtzusammenhang herausfallen. Und ein ernsthafter Hinweis an den Dirigenten: sein Glenn-Gould-artiges Mitbrummen/singen war bis in die 6.Reihe zu hören und gerade bei Piano-Stellen durchaus störend!

Zusammenfassung: Klagenfurt hat mit dieser Aufführung ein sehr respektables Niveau bewiesen – schade, dass die Regie an dieses Niveau nicht heranrecht.

Hermann Becke, 8. 11. 2014

Szenenfotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Aljosa Rebolj

Die nächsten Vorstellungstermine finden Sie hier . Wegen der sehr guten musikalischen Leistungen lohnt sich der Besuch – trotz der verunglückten Regie…..

Video(3 Minuten)

  

 

DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN

Premiere: 20. 3. 2014

Gediegene Ensembleleistung

Gespannt  durfte man die nächste Opernpremiere in Klagenfurt erwarten – waren doch die ersten drei Produktionen dieser Spielzeit unumstrittene Erfolge. Klagenfurt kooperiert diesmal mit dem Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Dort ist heute der frühere Klagenfurter Intendant Josef E. Köpplinger Intendant. Allerdings stammt diese Münchner Produktion noch aus der Zeit davor – sie hatte schon im Mai 2011 am Gärtnerplatz Premiere. Natürlich gibt es  - mit einer Ausnahme - in Klagenfurt eine völlig neue Besetzung.

Noch bevor die Musik einsetzt, öffnet sich der Vorhang - das Publikum sieht Chor und Solisten in einem Bilderrahmen als tableau vivant und reagiert mit spontanem Beifall.

Lebende Bilder waren im 19. Jahrhundert ein beliebtes  szenisches Gestaltungsmittel – man denke nur daran, dass Sibelius seine Tondichtung  Finlandia (1900) für eine Folge lebender Bilder komponiert hatte. Es ist also aus dem damaligen Zeitgeist heraus durchaus berechtigt, dieses Stilmittel für Sergej Prokofjews 1921 in Chicago uraufgeführte Oper zu verwenden. Das Inszenierungsteam (Regie – Immo Karaman, Bühne & Kostüme - Timo Dentler, Okarina Peter, Choreographie – Fabian Posca, Lichtdesign – Immo Karaman, Helmut Stultschnig) stellt dieses Tableau vivant dem berühmten Triptychon Großstadt (1927/28) von Otto Dix nach, wie man dem Text und den Illustrationen des Programmheftes entnehmen kann.

Die Grundidee der Inszenierung passt überzeugend zur Entstehungszeit des Werkes und sorgt für eine optisch sehr reizvolle Lösung. Im Programmheft ist zu lesen: „Uns war wichtig die Oper aus dem Dunkeln heraus zu erzählen. Keine bunt schillernde, dekorierte Märchenausstattung, sondern eine möglichst morbide, melancholische Grundstimmung.“ Das ist unzweifelhaft gelungen – allerdings sind dagegen zwei gewichtige Einwände zu erheben: den einzelnen Figuren fehlt durch die streng-choreographische Führung nicht nur die menschlich anrührende Individualität, durch die einheitliche Kostümierung fällt es außerdem dem Betrachter immer wieder schwer, die handelnden Personen innerhalb des üppig-bunten Bildes zu identifizieren, ja am Beispiel der ganz ähnlich gekleideten Damen Clarisse und Fata Morgana gewinnt gar man den Eindruck, es sei geradezu gewünscht, dem Publikum das Verfolgen der ohnedies skurril-schwierigen Handlung bewusst zu erschweren.

So bleibt vieles in einer distanziert-starren Kunstfertigkeit stecken und überdeckt die brillante Musik Prokofjews, die eigentlich genau das Gegenteil anstrebt, weist doch jede Szene eine höchstpersönliche Klangfarbe auf. Es geht durch die angestrebte „morbide, melancholische Grundstimmung“  die heitere Fröhlichkeit und Buntheit des Werks ein wenig verloren. Diese Einwände schmälern aber nicht die bewundernswerte Geschlossenheit der Inszenierung, die auch der respektablen Besetzung zu danken ist. 16 Gesangs- und 7 Tanzsolisten sowie Chor und Extrachor (Leitung: Günter Wallner) leisten Erstaunliches. Viele der kleinen, aber dennoch sehr wichtigen Figuren sind mit Chormitgliedern besetzt, die weder stimmlich noch darstellerisch gegenüber den Darstellern der größeren Partien abfallen.

Stephan Klemm war schon bei der Münchner Premiere der König Treff – mit sonorem, in allen Lagen ausgeglichenem Bass war er ein überzeugendes Zentrum. Der Königssohn ist der türkische Tenor Ilker Arcayürek , den man in dieser Saison in Klagenfurt schon als Sänger im Rosenkavalier und als Macduff hören konnte. Er vermittelte den melancholischen Prinzen darstellerisch sehr überzeugend – an den zwar sicheren, aber recht engen Höhen seines durchaus ansprechenden Tenors wird er noch weiter zu arbeiten haben, wie schon mehrmals angemerkt

Als Zauberer Tschelio fällt der kräftige junge Bass von David Steffens positiv auf (wie in allen Klagenfurter Produktionen der letzten Zeit). Das gleiche gilt für den markanten Charaktertenor von Patrick Vogel  als Truffaldino. Bei den Damen sei besonders die Prinzessin Clarisse von Bea Robein hervorgehoben, die mit voller Brangänenstimme ihre Rolle charaktervoll gestaltete – und dann natürlich die lyrisch-zarte Sopranstimme der Orangenprinzessin Ninetta von Golda Schultz, die sich zum Klagenfurter Publikumsliebling entwickelt hat, aber wohl bald an München „verloren“ gehen wird, wo sie in der nächsten Saison wesentliche Rollen singen wird. Alle anderen Solisten müssen sich mit einem generellen Pauschallob genügen. Es ist ein Ensemblestück – und da gelang Klagenfurt auf hohem Niveau eine gediegene Leistung.

 

Das Kärntner Sinfonieorchester spielte unter der Leitung seines Chefdirigenten Alexander

Soddy ambitioniert – diesmal wäre mehr heiter-ironische Durchsichtigkeit wünschenswert gewesen. Die Prokofjew-Partitur braucht doch mehr brillante Schärfe, als an diesem Abend zu hören war – die differenzierte Prokofjew-Instrumentation kam einfach zu wenig zur Geltung. Aber diesbezügliche Verbesserungen sind in den kommenden Aufführungen möglich und jedenfalls zu wünschen. Am Ende gab es einhelligen Beifall für alle Ausführenden.

 

Hermann Becke, 21.3.2014,

Szenenfotos: Stadttheater Klagenfurt, © Karlheinz Fessl

Die nächsten Termine, die detaillierte Besetzungsliste samt vielen Szenenfotos finden Sie hier

 

 

 

GIULIO CESARE IN EGITTO

2. Vorstellung: 8.2.2014

(Premiere: 6.2.2014)

Großartig in Szene und Musik!

Die Klagenfurter Opernproduktionen sind in dieser Saison besonders erfolgreich: Nach dem Rosenkavalier und Verdis Macbeth gelang nun der dritte einhellige Erfolg bei Presse und Publikum – bravo! Das ist eine enorme Steigerung gegenüber der ersten Saison von Florian Scholz und wird wohl jene Abonnenten zurückbringen, die er in seinem ersten Intendantenjahr mit den szenisch missglückten Produktionen verloren hatte – der Opernfreund berichtete.

In unserer Zeit des Spezialistentums ist es mutig, in einem kleineren Stadttheater eine Barockoper ins Repertoire zu nehmen. Der Mut hat sich gelohnt  – Klagenfurt ist mit dieser Produktion ein Sieg auf allen Linien gelungen. Man erlebt eine szenisch und musikalisch höchstgelungene Produktion, die zweifellos einen „OF- Stern“ verdienen würde! Aber in das südlichste Opernhaus im deutschen Sprachraum kommt eben leider nur ein Opernfreund-Kritiker und für den „Stern“ ist der Bericht eines zweiten Voraussetzung….

Das Team Renate Martin (die Ehefrau des Regisseurs), Andreas Donhauser, Paul Sturminger hat eine moderne Stahl-Glas-Konstruktion auf die Bühne gestellt und das Ensemble in moderne Kostüme gekleidet. Die Hintergrundprojektionen zeigen uns nicht nur Pyramiden, Säulenkolonaden und Palmen, sondern auch das Kairo von heute.

In diesem kühlen, aber stets stimmungsvoll ausgeleuchteten Szenarium führt der erfahrene Theatermann Michael Sturminger  Regie: grundgescheit, stets mit plastisch-drastischer Personenführung, aber auch immer wieder mit vergnüglich-distanzierter Ironie. Die Parallelen zur aktuellen politischen Situation der Intrigen und eines Militärregimes in Ägypten versteht man, ohne dass dabei in plumpen Gegenwartsbezug verfallen wird. Alle Charaktere sind überzeugend gestaltet – das ist wahrhaft zeitgemäßes Musiktheater höchster Qualität! Dazu kommt ein ganz ausgezeichnetes Sängerensemble. Alle fünf Hauptfiguren sind ideal besetzt – dennoch versuche ich eine persönliche Reihung.

Die blutjunge Sizilianerin Adriana di Paola in der Rolle der Cornelia steht zweifellos vor einer großen Karriere. Sie verfügt über eine charakteristisch gefärbte Mezzostimme, die vollkommen ausgeglichen von der Tiefe bis in die Höhe geführt wird und die vor allem über ein breites Spektrum von unterschiedlichen Klangfarben und Ausdrucksmöglichkeiten verfügt, ohne dabei den Stimmsitz zu verlieren. Wie man aus ihrem Lebenslauf entnehmen kann, hat sie praktisch keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet der Barockmusik, nur beim Young Singer Project der Salzburger Festspiele 2012 durfte sie sich einmal mit Händel auseinandersetzen – umso erfreulicher, wie gut ihr die Barockpartie gelang. Zu den stimmlichen Qualitäten kommen eine blendende Bühnenerscheinung und offenbar ein natürliches Darstellungstalent. Wer einen akustischen Eindruck gewinnen will, der höre sie sich mit Rossini bei ihrem letzten Wettbewerbsauftritt im Jahre 2013 an.

Ihr Sesto in der Klagenfurter Aufführung ist der italienische Countertenor Luigi Schifano . Er verfügt bereits über reiche einschlägige Bühnenerfahrung und war an diesem Abend der stimmlich durchschlagskräftigste der drei Countertenöre – geradezu berückend schön gelang sein Duett mit Cornelia „Son nata a lagrimar“. Da verband sich das warme Mezzotimbre Cornelias mit der in Sopranhöhen geführten Counterstimme Sestos in einer idealen Klangmischung. Auch in seiner darstellerischen Verzweiflung überzeugte Schifano in der unglücklichen Sohnfigur, die schließlich den Tod des Vaters rächt.

Die Südafrikanerin Golda Schultz (übrigens mit einem Opernfreundzitat auf ihrer Website ) ist zu recht zu einem Klagenfurter Publikumsliebling geworden. Nach ihren bisherigen Auftritten war zu erwarten, dass sie eine großartige Cleopatra sein würde. Sie bezauberte nicht nur ihren Cesare, sondern auch das Publikum im ausverkauften Haus. Waren die Auftritte im 1.Aufzug zunächst stimmlich noch etwas unruhig, so gewann sie dann speziell in ihrer großen Arie vor der Pause (mit sehr schönem Solofagott!) zu ruhiger Größe und berührendem Ausdruck. Mit der wunderbaren „Piangero“-Wehklage zu Beginn des 3.Aktes überzeugte, ja begeisterte sie dann restlos. Ihr Cesare war der russische Countertenor Dmitry Egorov, den man schon aus Frankfurt, Mainz und Köln im Barockfach kennt und der nun erstmals zum Cesare „aufgestiegen“ ist. Von ihm gibt es auch bereits eine von der Kritik gelobte CD „Il primo Uomo“ mit La Stagione Frankfurt – für Interessierte gibt es hier Hörproben. Egorov war keine martialisch-dominante Heldenfigur, überzeugte aber in seiner eher melancholisch-ernsten Haltung als Figur. Stimmlich bewältigte er die koloraturenreiche Partie sehr gut – in der berühmten sogenannten Jagdarie (mit den ausgezeichneten Hörnern!) war er zu Beginn zu weit hinten im Bühnenraum postiert – der da-capo-Teil an der Rampe gelang dann sehr gut.

Als Tolomeo lieferte der russische Countertenor Vasily Khoroshev eine köstliche Charakterstudie – auch er hat trotz seiner 27 Jahre schon eine reiche internationale Konzert- und Bühnenerfahrung. An diesem Abend stand allerdings die darstellerische über der sängerischen Leistung. Die Nebenrollen waren mit Aleksandra Križan, David Steffens und Michael Schober sehr gut besetzt. Der kleine Chorpart (Leitung: Günter Wallner) erklang sicher aus den Proszeniumslogen. Nicht zu vergessen ist die Statisterie, die in dieser Inszenierung eine wichtige Rolle spielt. Es ist zwar offenbar das nicht gelungen, was das Stadttheater Klagenfurt via Facebook gesucht hatte: „Die Stadttheater Klagenfurt OG sucht für die Produktion "Giulio Cesare in Egitto" dunkelhäutige, afrikanische und asiatische Männer und Frauen/Mädchen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Sportliche Typen wären von Vorteil.“ Aber die ausgewählten Damen und Herren machten ihre Sache überzeugend.

Und zum Schluss sei ein besonderes Loblied auf die musikalische Leitung gesungen – sie war wohl die entscheidende Grundlage für den großen Gesamterfolg des Abends:

Der italienische Barockspezialist Attilio Cremonesi  hatte eine großartige Einstudierungsarbeit geleistet! Das Klagenfurter Sinfonieorchester wuchs auf einem durchaus ungewohnten Terrain geradezu über sich hinaus und wurde dabei durch Spezialisten unterstützt, die Cremonesi offenbar nicht nur klug ausgewählt, sondern auch sehr geschickt links und rechts das Orchesters postiert hatte, In der linken Proszeniumsloge saßen die ausgewiesenen Barockfachleute Pierre Pitzl (Chitarra barocca und Viola da gamba) und Josep Maria Martí Duran (Arciliuto) und am rechten Rand saß der exzellente Cembalist und Cremonesi-Assistent Andrea Marchiol. Diese „Klammer“ hielt das – erhöht sitzende – Orchester ausgezeichnet zusammen. Cremonesi dirigierte ungemein präzise und engagiert-spannungsreich – die Balance der Tempi war ideal. Nie wirkte etwas gehetzt oder verschleppt. Es gab auch kaum rhythmische Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Orchester und die Klangbalance mit dem Sängerteam war nur dann ein wenig beeinträchtigt, wenn die Countertenöre zu weit im Bühnenhintergrund postiert waren. Das Klagenfurter Orchester folgte dem Maestro konzentriert und mit vielen (zum Teil schon erwähnten) sehr schönen Sololeistungen.

Zusammenfassung: Besseres kann von einem Stadttheater nicht geleistet werden – die Produktion verdient höchstes Lob. Also der Rat an alle Opernfreunde: wenn möglich unbedingt nach Klagenfurt fahren! Nächste Termine:

Februar 2014

Di 11 19:30, Do 20 19:30, Mi 26 19:30, Fr 28 19:30

März 2014

Mi 05 19:30, Fr 07 19:30, Mi 19 19:30, Sa 22 19:30, Fr 28 19:30

Hermann Becke, 9.2.2014

Fotos: Stadttheater Klagenfurt, © Karlheinz Fessl

 

P.S.

Zum Schluss noch eine Pressemeldung aus Klagenfurt speziell für die Opernfreunde in Düsseldorf und Duisburg:

Die Österreicherin Alexandra Stampler-Brow, kaufmännische Direktorin des Klagenfurter Stadttheaters, wechselt mit Beginn der neuen Spielzeit 2014/15 als Geschäftsführende Direktorin an die Deutsche Oper am Rhein. Sie wurde von Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung einstimmig zur Nachfolgerin von Jochen Grote gewählt, der in Pension geht.

 

 

MACBETH

Premiere: 31. 10. 2013

Packendes Musiktheater! 

Intendant Florian Scholz, der das Dreispartenhaus in Klagenfurt in der vorigen Saison übernommen hatte, engagierte für die Oper bisher überwiegend junge und auf dem Gebiet des Musiktheaters unerfahrene Regisseure – oft mit zumindest zwiespältigem Erfolg (man denke vor allem an den Freischütz, aber auch an Das schlaue Füchslein und Idomeneo).

Ganz anders nun bei Klagenfurts Beitrag zum Verdi-Jahr: Den Macbeth übertrug man  Cesare Lievi – einem international erfahrene Theatermann. Der 1952 in Gargnano am Gardasee geborene Regisseur und Autor promovierte in Philosophie mit einer Arbeit über Trotzki und den Surrealismus. Erste Erfolge feierte er durch seine Schauspielinszenierungen (u. a. am Schauspiel Frankfurt, an der Schaubühne Berlin, dem Burgtheater Wien oder dem Thalia Theater Hamburg) bevor auch die Oper zu seiner zweiten Heimat wurde. So inszenierte er u. a. an der Metropolitan Opera New York und regelmäßig an der Mailänder Scala und der Oper Zürich. Bis zum Jänner dieses Jahres war er Schauspielchef in Udine. Cesare Lievi hat auf die Frage, wie er bei Macbeth den Bezug zu heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen sehe, eine sehr kluge Antwort gegeben, die geradezu das Grundproblem so mancher Inszenierung des sogenannten „Regietheaters“ trifft:

„Diese Frage ist schwierig. Sie suggeriert Übereinstimmungen zwischen der Vergangenheit, die Verdis Oper Macbeth umgibt, und unserer heutigen Gegenwart. Mich interessieren mehr die Unterschiede als die Ähnlichkeiten, mehr die Distanz, die uns trennt, als der Raum, der uns verbindet. Und warum? Weil wir aus der Entfernung besser erkennen, wer wir sind ……… Theater, wie ich es verstehe, bedeutet über die Distanz und nicht mit Hilfe einer banalen und oft mystifizierenden Aktualisierung den Stoff zu begreifen.“

Und so hat Cesare Lievi gemeinsam mit einem Team, mit dem er schon oft erfolgreich zusammengearbeitet hat ( Josef Frommwieser – Bühne, Marina Luxardo- Kostüme, Luigi Saccomandi – Lichtdesign) eine überaus stringente und packende Inszenierung ausgearbeitet – fern jeder banalen Aktualisierung, aber mit klugen zeitgemäßen Akzenten. 

 Die mysteriöse Sphäre der Hexen wird erweitert durch die Traumvorstellungen und unerfüllten Kinderwünsche von Macbeth und seiner Frau. Geschickt nutzt Lievi die konkreten Vorgaben des Librettos, um durch sie diese Traumvorstellungen sichtbar zu machen. So gibt es neben dem Hexenchor auch noch kindliche Hexen, die im zweiten Akt beim Festbankett präsent sind und die sich im dritten Akt in die Luftgeister und Sylphiden verwandeln. Und auch die von Hexen provozierten Erscheinungen der acht Könige sind Knaben. Es gelingt, die szenischen Anweisungen des Originals genau zu beachten und sie gleichzeitig mit heutigen Augen zu sehen. Es stimmt, was der Insel-Verlag auf seiner Homepage über den Autor Cesare Lievi schreibt: „Er gilt als einer der großen Poeten des Theaters“. Großartig und wahrhaft poetisch, aber gleichzeitig bühnenwirksam sind die Übergänge der einzelnen Bilder gelöst – ohne großen bühnentechnischen Aufwand gleitet man gleichsam durch die Bilderwelt des schottischen Königsdramas. Die Handlung wird klar und einfach erzählt und gleichzeitig mit einfachen bildhaften Mitteln überhöht. Das ist zeitgemäßes Musiktheater, das der genialen Partitur Verdis genügend Raum lässt! 

Und auch in musikalischer Hinsicht ist das Klagenfurter Landestheater mit dieser Produktion geradezu über sich hinausgewachsen. Das beginnt schon im Preludio, das vom Kärntner Sinfonieorchester unter seinem jungen britischen Chef Alexander Soddy transparent, aber nie dünn klingend musiziert wird. Schon da fiel ein Detail auf, das im Laufe des Abends noch mehrfach zu registrieren war: Soddy versteht es, spannungsvoll Generalpausen geschickt vorzubereiten - auch das Publikum hält geradezu den Atem an. Aber auch die großen Melodiebögen und die attackierenden Orchesterpassagen gelingen sehr gut und vor allem weiß Soddy die Solisten ausgezeichnet zu begleiten. Das war an diesem Premierenabend von besonderer Bedeutung, hatte doch der Macbeth des Russen Maksim Aniskin mit einer Indisposition zu kämpfen. Er hatte die Generalprobe nicht singen können und man suchte schon fieberhaft einen Ersatz, um die Premiere zu retten. Aber Aniskin konnte auftreten und wurde auch nicht als indisponiert „angesagt“. Maksim Aniskin ist derzeit an der Oper von Novosibirsk engagiert und singt alle großen Rollen seines Fachs. (Wer von uns westeuropäischen Opernfreunden wusste übrigens, dass Nowosibirsk mit rund 1,5 Millionen Einwohnern die drittgrößte russische Stadt ist, mit dem größten russischen Opernhaus??) Aniskin steht zweifellos am Beginn einer internationalen Karriere – nicht umsonst ist schon derzeit Cover-Besetzung an der Met. Aniskin hat den Macbeth an diesem Abend (wohl auch im Hinblick auf seine aktuelle Disposition) besonders lyrisch und verhalten angelegt, was aber ideal den Anweisungen von Verdi entspricht und den schwachen Menschen großartig charakterisiert. Erst im letzten Akt ist dann Aniskin aus sich herausgegangen und hat auch mit metallisch-dunklen Spitzentönen aufhorchen lassen. 

Seine Lady – die Ukrainerin Tatiana Melnychenko – hat schon international Karriere gemacht. In der Arena von Verona war sie als Abigaille zu hören und die Lady Macbeth sang sind bereits an der Scala, sie wird sie auch demnächst in Athen singen. Melnychenko ist ein Heroinnentyp alten Zuschnitts mit einer kräftigen, leicht gutturalen Stimme. Sie bewältigt die schwierige Partie sehr gut, wenn auch leichte Schwierigkeiten bei den Koloraturen in der Bankettszene im 2.Akt nicht zu überhören waren. Wunderbar verhalten und lyrisch gelang ihr die Wahnsinnsszene im vierten Akt (leider mit missglücktem Schlusston). Gerade in dieser Wahnsinnsszene sind zwei junge Ensemblemitglieder des Hauses durch prägnant-intensive Leistungen sehr positiv aufgefallen: Golda Schultz als Kammerfrau und David Steffens als Arzt (in Sigmund-Freud-Maske). (Auch von diesen beiden ist wohl noch einiges zu erwarten: Golda Schultz wird nach ihrem uneingeschränkten Erfolg in Klagenfurt die Rosenkavalier-Sophie im nächsten Jahr bei den Münchner Opernfestspielen singen, und David Steffens hat gerade erfolgreich das Bravourstück hinter sich, durch seine ganz kurzfristige Übernahme des Ochs eine Rosenkavalier-Aufführung in Klagenfurt gerettet zu haben.)  

Der Moskauer Evgeny Stavinskiy war ein ausgezeichneter Banco – sowohl im Duett mit Macbeth im 1.Akt als auch mit breit strömendem und in allen Lagen ausgeglichenem Bass in seiner großen Arie „Come dal ciel precipita“ im 2.Akt. Die Regie hat übrigens den Übergang von Bancos Ermordung zu seiner Geisterscheinung beim Festbankett großartig und bühnenwirksam gelöst. Den Macduff sang der Litauer Merunas Vitulskis mit heldischem Glanz, aber etwas unruhigen, allzu sehr tremolierenden Legato-Phrasen. Ilker Arcayürek schien als Malcolm (gegenüber seinem Sänger im Rosenkavalier) etwas konsolidierter.

Chor und Extrachor (Leitung: Günter Wallner) haben Erstaunliches geleistet. Vor allem die Damen der drei Gruppen des Hexenchors sangen und agierten mit gut charakterisierender Klangfarbe und prägnanter Präzision. Hingegen klang der Mörderchor etwas unausgewogen. Wunderbar wiederum das große Chorensemble „Patria oppressa!“ im 4.Akt – auch optisch sehr bildhaft und schön gelöst.

Schon in den Pausengesprächen konnte man große Zustimmung des Publikums hören – der Schlussapplaus war einhellig. Klagenfurt ist mit dieser Produktion wahrlich Großes gelungen, das überregionale Beachtung verdient. Also: hinfahren, anschauen - es gibt noch 12 Termine!

Hermann Becke, 1.11.2013

Alle Fotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Arnold Pöschl

 

Links:

Interview mit dem Regisseur Cesare Lievi:

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/3452024/letzte-hexe.story

Video mit Probenausschnitten und Interview:

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/klagenfurt/3454202/cesare-lievi-inszeniert-verdis-oper-macbeth.story

Es lohnt sich, den Macbeth-Darsteller Maksim Aniskin akustisch kennenzulernen – er wird seinen internationalen Weg machen:

http://www.profsonstage.com/artists/11472/maxim_aniskin/videos#.UnOJy-L-urA

Weitere Termine und Karten:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/de/produktionen/macbeth/

 

 

DER ROSENKAVALIER

Sehr respektable Saisoneröffnung

Premiere: 19. September 2013

Florian Scholz hatte – von der Bayrischen Staatsoper kommend - die Intendanz des Dreispartenhauses in Klagenfurt ab 2012/13 übernommen und seine erste Saison unter das Motto „Naturgewalten“ gestellt. Auch für die Saison 2013/14 gibt es ein Motto – dazu ein Zitat aus den Presseunterlagen des Hauses:

„Die zweite Spielzeit der Intendanz von Florian Scholz steht unter dem Thema reich & glücklich – jede Produktion befasst sich in der einen oder anderen Form mit der Frage nach dem Glück und seinen Bedingungen.“ Scholz hatte bei der Präsentation des Jahresprogramms 2013/14 eingeräumt, dass die erste Saison nicht einfach gewesen sei. (Das ist auch in den Berichten des „Opernfreundes“ nachzuvollziehen!) Die Auslastung des Hauses war von 88% auf 76% zurückgegangen, man hatte über 100 Abonnenten verloren – also wolle man in der neuen Spielzeit „Schritte in Richtung Publikum setzen.“

Und dies ist der Intendanz mit der Eröffnungspremiere zweifellos gelungen. Das Wagnis, im kleinen Klagenfurter Stadttheater erstmals den Rosenkavalier auf die Bühne zu bringen, hat sich gelohnt – das ausverkaufte Haus hat die Produktion mit reichem und uneingeschränktem Beifall aufgenommen.

Das Team dieser Klagenfurter Erstaufführung war geschickt zusammen gestellt. Dirigent, Regisseur und die drei Protagonistinnen: alle um die Dreißig, alle Rosenkavalier-Neulinge – und dazu zwei erfahrene Routiniers als Ochs und Faninal.

Der Regisseur Marco Štorman stützt sich in seiner Interpretation auf ein Hofmannsthal-Wort, wonach der Rosenkavalier „ein halb imaginäres, halb reales Ganzes“ sei und schreibt im Programmheft:

„Ich wollte unbedingt ein Bild finden, das diese Reise in die Seelenwelten beschreibt. Was ist Traum, was ist Wirklichkeit? Der Wald ist zwar auf der einen Seite ein konkreter Ort, auf der anderen Seite steht er aber konträr zu in sich geschlossenen Innenräumen, er ist Realität und Fiktion zugleich…..Alle Menschen irren doch durch den Wald ihrer Emotionen, durch Tag und Nacht, Sommer und Winter, Wollen und Handeln, Wünsche und Träume.“

Der erste Aufzug beginnt optisch konventionell im (durchaus engen) Schlafzimmer der Feldmarschallin. Aber zum Lever hebt sich die Tapetenwand mit exotischen Pflanzen und gibt plötzlich den Blick auf eine irreale Waldszenerie frei – alle auftretenden Gestalten passen in ihren Kostümen nicht mehr zu Marschallin, Octavian/Mariandel und Ochs: der Tierhändler in Tropenkleidung mit Schmetterlingsnetz, der Sänger im gold-glitzernden Elvis-Presley-Look, die Stimmung wandelt sich vom Sommer über Herbst bis zum winterlichen Schneefall – der Zuschauer erfasst: aha – eine Traumwelt. Und so geht es auch im zweiten Aufzug weiter: der Wintergarten Faninals ist von Wald umgeben, in den die Männergesellschaft Ochs und Faninal zum Jagen geht und aus dem am Schluss Annina gleichsam als schwarzer Engel mit einem überdimensionalen Mariandel-Brief aus der Höhe herunterschwebt. Der dritte Aufzug spielt überhaupt in einer kleinen Hütte mitten im düsteren Wald, bis sich das Ganze für Schlussterzett und –duett wieder in das Schlafzimmer des 1.Aufzugs wandelt. Sophie und Octavian sind dort angelangt, wo Marschallin und Octavian begonnen haben. Der Regisseur im Programmheft: „Das Happy End ist nur eines im Traum, hinter den Zwängen einer Effizienz- und Egoistenwelt.“ Von Beginn an begleitet eine Panfigur das Geschehen durch alle drei Aufzüge – gleichsam als Drahtzieher der erotischen Ver- und Entwicklungen.

Für dieses in sich konsequente Regiekonzept haben Philipp Nikolai (Bühne) und Sonja Albartus (Kostüme) die passende optische Umsetzung beigesteuert – allerdings mit dem Nachteil, dass dadurch die Spielfläche der ohnehin schon kleinen Klagenfurter Bühne noch mehr eingeengt wurde, was speziell in der engen Waldhütte des dritten Aufzugs dazu führt, dass keine schlüssige Personenführung mehr möglich ist. Wer den Rosenkavalier nicht kennt, der wird den ersten Teil des dritten Aufzugs nicht erfassen können.

Um aber zur Einleitung dieses Beitrags zurückzukommen:

Die Intention des Intendanten, man wolle „Schritte in Richtung Publikum setzen“, hat das Regiekonzept durchaus erfolgreich umgesetzt:

Die Hauptfiguren sehen so aus und agieren so, wie dies hundertjährige Aufführungstradition ist, werden aber mit einer irrealen Traumwelt konfrontiert. Das hat das Publikum mit ehrlichem Beifall offensichtlich gewürdigt. Das Konzept hat auch den großen Vorteil, dass die großen musikalischen Monologe, Duette und Terzette zu Ruhepunkten werden können, bei denen die Musik im Vordergrund steht. Und noch etwas sei befriedigt festgehalten: endlich einmal eine Inszenierung, die ohne Videos und Filmsequenzen auskommt und sich auf genuine Mittel des Theaters beschränkt!

Musikalisch ist das Stadttheater Klagenfurt über sich hinausgewachsen! Ich gebe zu, ich hatte Bedenken, wie es dem Kärntner Sinfonieorchester gelingen werde, die Strauss-Partitur zu bewältigen – ich wurde überaus positiv überrascht! Nach einem recht verwackelten Beginn gelang eine ausgezeichnete Wiedergabe mit vielen schönen Instrumentalsoli, großen Bögen, aber auch mit der so wichtigen Parlandokultur. Der neue aus England stammende Klagenfurter Chefdirigent Alexander Soddy holte zu Recht für den Schlussapplaus das gesamte Orchester auf die Bühne – das war eine exemplarische Leistung für ein Haus dieser Größenordnung!

Die drei Damenrollen waren exzellent besetzt. Die drei jungen Damen - alle Debutantinnen in ihren Partien - stehen alle am Anfang ihrer Karriere und werden zweifellos ihren Weg auf internationalen Bühnen machen. Betsy Horne als Marschallin hat eine warme, aus der Mezzolage überzeugend in das lyrische Sopranfach gewachsene farbenreiche Stimme. Angela Brower ist ein viril drängender Octavian ohne Höhenprobleme – einige Schärfen in der Attacke werden sich mit zunehmender Partienerfahrung noch abrunden lassen.

Zu diesen beiden Amerikanerinnen kam – als neues Klagenfurter Ensemblemitglied die Südafrikanerin Golda Schultz, die für mich die schönste Gesamtleistung bot – sie bezauberte mit ihrer eigentlich untypisch-dunklen Sophie-Stimme nicht nur mit warmen makellosen Höhen, sondern war auch darstellerisch eine authentische Gesamtpersönlichkeit mit großer Bühnenpräsenz – zweifellos ein Glücksgriff für Klagenfurt und man kann sich auf ihr Cleopatra in „Giulio Cesare“ und die Prinzessin in „Die Liebe zu den drei Orangen“ freuen.

Die beiden amerikanischen Damen werden noch daran zu arbeiten haben, in ihren Rollen die ausgezeichneten stimmlichen Leistungen und ihre sympathische menschliche Ausstrahlung mit altösterreichischer Adelsattitude darstellerisch zu ergänzen – erstaunlich und erfreulich bei allen drei Damen die große Textdeutlichkeit.

Der in Dresden engagierte Wiener Michael Eder ist ein erfahrener und überzeugender Ochs, der glaubhaft Adel mit Derbheit verbindet. Zu Beginn wirkte die Stimme noch etwas rau – dann aber steigerte er sich zu einer großartigen Leistung mit der notwendigen saftigen Tiefe und sicheren Höhen. Eine kleine Anmerkung zur an sich exzellenten Textprägnanz: Hofmannsthal schreibt immer „Mädel“ – die derbere Variante „Madel“ passt nicht ganz zum Baron aus altem Adel – und derartige Stellen gab es einige Male…..

Auch alle weiteren Rollen waren mit Gästen und dem Hausensemble sehr solid besetzt. Rolf Haunstein (Dresden/Zürich) war ein souveräner, allerdings absolut unwienerischer Faninal, Daniela Köhler in der stimmlich anspruchsvollen, doch undankbaren Rolle der Leitmetzerin sehr gut. Christa Ratzenböck und Patrick Vogel agierten als überzeugendes Intrigantenpaar - und nur der Sänger von Ilker Arcayürek blieb mit seiner engen Höhe ein wenig unter dem allgemein hohen Niveau. In den kleineren Rollen fielen der markante und textdeutliche Bass von David Steffens (Notar und Kommissar) und der prägnante Tierhändler von Markus Murke positiv auf, aber auch die überwiegend aus dem Chor besetzten übrigen kleinen Rollen bestätigten das gute Ensembleniveau des Hauses.

Chor und Extrachor des Hauses (Einstudierung: Günter Wallner) sangen und agierten mit dem schon gewohnten erfreulichen Einsatz.

Fazit: Klagenfurt ist ein überaus respektabler Saisoneinstand gelungen, zu dem allen zu gratulieren ist. Und allen Opernfreunden ist unbedingt zu empfehlen, die weitere Entwicklung der drei Rollendebütantinnen zu verfolgen.

Hermann Becke

Alle Fotos: Stadttheater Klagenfurt

(Leider wurden keine Fotos für die Publizierung zur Verfügung gestellt, die die Traumbilder der Inszenierung wiedergeben - einen kleinen Eindruck vermittelt die Fotogalerie unter:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/de/produktionen/der-rosenkavalier/ )

 

Links:

Interview mit den drei jungen Rollendebütantinnen:

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/3401433/ein-strauss-drei-damen.story

Golda Schultz: http://goldaschultz.com/Welcome.html

Betsy Horne: http://www.betsyhorne.com/biography.htm

Angela Brower: http://www.angelabrower.com/biography.htm

 

 

 

Vorschau auf die Saison 2013/14

Premieren Musiktheater:

8.9.2013: Der Rosenkavalier (Regie: Marco Štorman, Dir.: Alexander Soddy)

31.10.2013: Macbeth (Regie: Cesare Lievi, Dir.: Alexander Soddy)

24.11.2013: Die Csárdásfürstin (Regie: Tobias Kratzer, Dir.: Günter Wallner)

6.2.2014: Giulio Cesare in Egitto (Regie: Michael Sturminger, Dir.: Attilio Cremonesi )

20.3.2014: Die Liebe zu den drei Orangen (Regie: Immo Karaman, Dir.: Alexander Soddy)

6.4.2014: End of the Rainbow – Judy Garland, ihr Leben, ihre Musik (Regie: Aron Stiehl, Dir.: Mitsugo Hoshino)

22.5.2014: Tokyo Ballett (Künstlerische Leitung: Munetaka Iida )

mehr:

www.stadttheater-klagenfurt.at/de/produktionen/season-2013-14/#stage-buehne

 

Idomeneo

Premiere: 9.Februar 2013

Musikalische Qualität in Stuhl-und Lampenausstellung!

Florian Scholz hat die Intendanz des Hauses ab 2012/13 übernommen und seine erste Saison unter das Motto „Naturgewalten“ gestellt. Nach „Der Freischütz“ und „Das schlaue Füchslein“ folgte nun mit „Idomeneo“ die dritte Opern-Premiere – und da geht es ja wirklich um Naturgewalten. Mozarts Librettist Varesco fügte - im zeitgebundenen Verständnis antiker Mythologie - extreme äußere Situationen aneinander. Hier drei Beispiele aus den szenischen Anweisungen im Libretto: „Poseidon erscheint über dem Meer. Er besänftigt die Winde durch eine Gebärde“ (1.Akt) - „Ein Gewitter erhebt sich; das Meer schwillt an, es donnert, häufige Blitze stecken die Schiffe in Brand; ein gewaltiges Ungeheuer entsteigt den Wellen“ (2.Akt) – „Ein gewaltiges Erdbeben wird hörbar, die Statue Poseidons erzittert“ (3.Akt).

Das szenische Leading-Team kümmert sich allerdings weder um das Motto des Intendanten noch um die szenischen Anweisungen des Stücks. Der für das Bühnenbild verantwortliche Norweger Rune Guneriussen präsentiert im 1.Akt aufeinandergetürmte Stahlrohrsessel (übernommen aus einer seiner Web-Installationen - http://www.thejunction.de/ ), im 2.Akt eine Lampeninstallation (übernommen aus einer eben erst stattgefundenen Wohnungsausstellung – siehe:

http://die-wohngalerie.blogspot.co.at/2012/10/leuchten-installationen-von-rune.html

und im 3.Akt die völlig leere Bühne mit einem darüber gespannten weißen Segel. Diese Installationen, die keinerlei Bezug zum Idomeneo ergeben, sind übrigens nur sichtbar, wenn der Chor beteiligt ist. Bei einem Großteil der Arien, Rezitative und Solistenensembles wird das Ganze gnädig durch einen eigens montierten Zwischenvorhang verdeckt, vor den die Solisten treten, sodass eigentlich das Ganze eher wie eine konzertante Aufführung wirkt.

Dazu kommt die „Kostümierung“ durch Axel Aust, der alle Männer – seien sie nun der König, sein Vertrauter, der Oberpriester oder die Choristen – in graue Anzüge samt Krawatte steckt. Allerdings: wohl als Zeichen der emotionalen Spannung erscheint Idomeneo bei seinem Schiffbruch und am Ende bei der geplanten Hinrichtung des eigenen Sohns im weißen Unterhemd…

In diesem sterilen Umfeld bleibt dem Regisseur Árpád Schilling nur, die Auf- und Abtritte zu organisieren. Alle Solisten wirken allein gelassen, eine situationsadäquate Personenführung gibt es kaum. Der Chor – übrigens durch Günter Wallner sehr gut einstudiert und stimmlich auch bei den Solostellen auf hohem Niveau – bleibt dem Installationscharakter der Inszenierung angepasst ein statischer Block. Und in diesem starren Rahmen überrascht es nicht, dass es kein Ballett gibt. Das Programmheft verweist zwar darauf, dass der Aufführung die Neue Mozart-Ausgabe von Daniel Heartz im Bärenreiter-Verlag zugrunde liegt. Das gilt aber leider nur für den musikalischen Teil. Im Vorwort der Neuen Mozart-Ausgabe heißt es: „Eines der wesentlichen Anliegen der Idomeneo-Edition besteht darin, dem Ballett als einem wichtigen Bestandteil der Oper seinen ursprünglichen, ihm von Mozart zugedachten Platz zurückzugewinnen.“

Die Klagenfurter Produktion bietet zwar die Ballett-Musik im Finale, verabsäumt es aber völlig, diese szenisch – wenn schon aus Finanzgründen nicht durch eine Ballett-Gruppe, so zumindest choreographisch durch den Chor - zu gestalten. Stattdessen muss man der zunächst Fingernägel kauenden, sich mit ihren Stöckelschuhen beschäftigenden, dann sich Idomeneo anbiedernden Elettra zuschauen, die - nachdem das neue Königspaar Idamante/Ilia mit dem Chor durch das große Tor der Hinterbühne entschwunden ist – dem offenbar seinem Thron nachtrauernden abgetretenen König das Richtbeil bringt.

Aber einen großen Vorteil hat diese halb- – fast möchte man sagen viertel- -szenische Präsentationsform: Den Solisten wird für ihre schwierigen Gesangsaufgaben kein Aktionismus vorgegeben - sie können sich auf den musikalischen Part konzentrieren. Und hier bietet die Klagenfurter Produktion hohes Niveau.

An der Spitze des Ensembles stehen für mich die Elettra von Sofia Soloviy und der Idamante von Jurgita Adamonytė. Die ukrainische Sopranistin Soloviy hat schon relativ große internationale Erfahrung und gestaltete ihre erste Elettra mit sicherer Technik und vielen, den unterschiedlichen Gefühlszuständen entsprechenden Stimmschattierungen ausgezeichnet. Ihre lyrischen Phrasen überzeugten ebenso wie ihre Hassausbrüche.

Auch die Litauerin Adamonytė hat trotz ihrer Jugend schon an vielen großen Bühnen gesungen und in Klagenfurt zuletzt im „Schlauen Füchslein“ überzeugt. Ihr Idamante hat charismatische Ausstrahlung, ihre Stimme berührt und bewältigt die schwierige Partie makellos.

Lothar Odinius als Idomeneo ist ein überaus koloraturensicherer Interpret. Alles ist technisch souverän gestaltet, wenn auch für mich die Stimme in den lyrischen Passagen ein wenig trocken klingt.

Die Ilia der erst 28-jährigen Russin Evgeniya Sotnikova zeigt gute Ansätze. Im Piano hat sie ein einnehmend-individuelles Timbre, leider sitzt die Stimme ab dem mezzo forte nicht mehr richtig „im Körper“ (um einen derzeit im „Opernfreund“ diskutierten Terminus zu verwenden) und ist dann nicht mehr zentriert. Schade auch, dass sie besonders im 1.Bild recht unvorteilhaft kostümiert ist.

Die drei kleineren Rollen - Arbace (Patrick Vogel – leider ohne eine der drei Arien), Oberpriester (Thomas Tischler) und Stimme (David Steffens) – waren sehr solid aus dem fixen Hausensemble besetzt. Recht peinlich allerdings die szenische „Lösung“ für den Orakelspruch:

Im Zuschauerraum wird es licht, der junge Sänger erhebt sich in einer Balkonloge, singt seine kurze Passage und setzt sich dann wieder auf seinen Platz. Also keine „Botschaft des Himmels“, wie es im Libretto heißt, sondern offenbar die „Volkesstimme“ - welch hilfloser Regie“einfall“!

Wesentlichen Anteil am musikalischen Erfolg haben zweifellos mehrere Umstände:

- Die Größe des Hauses mit seinen 800 Plätzen passt ideal für Mozart,

- das Sängerensemble war optimal zusammengestellt,

- Chor und Extrachor sind auf hohem Niveau

-  und das Kärntner Sinfonieorchester war durch den jungen englischen Dirigenten Alexander Soddy (der schon bei der Saisoneröffnung im Freischütz überzeugte und ab nächster Saison Chefdirigent in Klagenfurt wird) ausgezeichnet vorbereitet. Die musikalische Spannung wurde stets gehalten, da gab es keine Kontaktprobleme zwischen Bühne und Orchester und so manch schön musiziertes Instrumentalsolo.

Am Ende gab es freundlichen Beifall für die Sängerinnen und Sänger sowie den Dirigenten, beim Erscheinen des szenischen Teams mischte sich hörbares Murren darunter.

Hermann Becke

Alle Fotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Aljosa Rebolj 

 

Links

Lothar Odinius

Jurgita Adamonytė

Sofia Soloviy

Die großartige Elettra-Arie „D’Oreste,d’Aiace“ aus dem 3.Akt hat übrigens Sofia Soloviy beim Viotti-Wettbewerb im Jahre 2009 gesungen (1.Preis und Publikumspreis) >

Interview mit dem Regisseur Árpád Schilling

Weitere Idomeneo-Vorstellungen in Klagenfurt:

9., 12., 14., 16., 20., 22., 27. Februar; 1., 3. Marz 2013

 

 

 

Das schlaue Füchslein

4. Aufführung am 2.11.2012          (Premiere am 25.10.2012)

Österreichs Theater- und Kulturmagazin „Die Bühne“ schreibt in seiner November-Ausgabe über die neue Intendanz in Klagenfurt: „Dieser Einstand kann wohl nicht als gelungen bezeichnet werden: Gleich zwei szenische Flops zu Beginn einer neuen Intendanz und zwar sowohl mit der ersten Opern- als auch der ersten Schauspielproduktion. Denn die Idee des neuen Intendanten Florian Scholz, gleich zum Start jungen Regisseurinnen die Inszenierung von äußerst heiklen Stücken anzuvertrauen, ging ordentlich in die Hose.“ Bei den beiden Premieren handelte es sich um Webers „Frei-schütz“ (der OF berichtete) und Shakespeares „Der Sturm“.

Wie sieht es nun mit der dritten Premiere aus? Hier kooperiert Klagenfurt mit der Bayrischen Staatsoper München, die im Juni dieses Jahres das „Schlaue Füchslein“ mit ihrem Opernstudio im Cuvilliés-Theater in der Sichtweise des Bochumer Schauspielchefs David Bösch herausgebracht hatte. Allerdings spielte man in München eine kammermusikalische Adap- tierung für fünfzehn Instrumentalisten von Jonathan Dove. In Klagen- furt kann man nun die großartige Musik von Leo Janaceks Spätwerk in der vollen Orchesterbesetzung erleben, allerdings mit einer Einschränkung: Die Standardbesetzung des Kärntner Sinfonieorchesters hat offenbar ganz einfach zu wenige Streicher in ihrem Stellenplan und das stört das klangliche Gleichgewicht leider schmerzlich. So sehr sich auch der Klagenfurter Chefdirigent Peter Marschik merklich um Transparenz bemüht und so sehr auch das Orchester engagiert mitgeht: der vollbesetzte Bläser- und Schlagwerksatz dominiert zu sehr – die hohen Streicher können nicht den schwirrenden Janacek-Klang vermitteln.

Die sängerischen Leistungen werden eindeutig von den beiden Füchsen dominiert. Die große Szene zwischen Eva Liebau (Füchsin Schlaukopf) und Jurgita Adamonyté (Fuchs Goldrücken) am Ende des 2.Akts war der eindeutige Höhepunkt des Abends. Beide sangen nicht nur großartig, sie waren auch exzellente Darstellerinnen, die glaubhaft und in gekonnter Körpersprache ihre Rollen verkörpern. Das waren zweifellos Leistungen von überregionalem Rang! Um sie herum präsentiert sich das sehr junge Hausensemble mit lebhaftem Einsatz in Mehrfachbesetzungen: der Baß David Steffens und der Tenor Patrick Vogel sind schon im Freischütz positiv aufgefallen und haben diesmal diesen Eindruck bestärkt. Holger Ohlmann und vor allem Peter Mazalán (der übrigens den Förster schon in München sang) werden ihr großes Stimmmaterial noch zu „zügeln“ und zu kultivieren haben. Positiv die Leistungen von Chor (auch mit sehr ordentlichen Solostimmen) und Kinderchor.

Und nun kann ich mich nicht länger darum herumdrücken und muss doch auch auf die szenischen Umsetzung eingehen: Die Münchner Inszenierung (Regie: David Bösch,Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Falco Herold, Licht: Michael Bauer, Dramaturgie: Rainer Karlitschek, der auch die wesentlichen Teile des Klagenfurter Programmheftes verantwortet) wurde durch die Spielleiterin der Bayrischen Staatsoper Anna Brunnlechner in Klagenfurt neu einstudiert. Wie man aus Berichten über die Münchner Aufführung entnehmen kann, hat sie das ursprüngliche Konzept offenbar „entschärft“ , drastische Sex-und Gewaltszenen weggelassen - und für eine gut durchdachte Personenführung mit dem neuen Team gesorgt, wie man dankbar registrieren kann. Kurzzusammenfassung der Szene: Alles ist herabgekommen und schäbig, das Försterhaus ein Bretterverschlag, links und rechts des Bühnenportals angenagelte Stofftiere, vom Schnürboden hängen unidentifizierbare Wesen, die vielfältigen Tiergestalten sind überwiegend skurrile Monster (die Mücke mit Blutplasmasäcken ??), ein offenbar abgebrannter Wald, der Landstreicher Haraschta mit vollbepacktem Kaufhaus-Einkaufwagen (statt mit „leerem Rückenkorb“, wie es im Orignal steht), der Dachsbau eine Badewanne mit der Aufschrift „Dax“, insgesamt pessimistische Endzeitstimmung - einzig die Fuchsgestalten sind in Kostüm und Spiel großartige und berührende Figuren aus einer Welt zwischen Menschen und Tieren.

Mein grundsätzlicher Einwand zu diesem Konzept: Janaceks Märchen ist in Text und Musik wunderbar vieldeutig. Eine zeitgemäße Inszenierung sollte diese Vieldeutigkeit vermitteln, die Fantasie des Publikums anregen und nicht durch eindimensionale Interpretationen einschränken. Dazu ein einziges konkretes Beispiel: Am Ende des 1.Akts wiegelt das Füchslein die Hennen gegen den Hahn und die bestehende Ordnung auf „Genossinnen, Schwestern! Das wird nicht länger geduldet, wenn der Umsturz kommt! Schafft eine bessere Welt ohne Mensch und ohne Hähne!“ (Text in der Max-Brod-Fassung meines Klavierauszugs und nicht in der neuen, mir an so mancher Stelle unnötig zeitgeistig erscheinenden Fassung dieser Inszenierung). Dazu tragen die – übrigens sehr inspiriert kostümierten - Hühner Tafeln mit der Aufschrift „Arbeit“ bzw.“Streik“. Ein interessiertes Publikum braucht solche Holzhammer-Hinweise nicht, sondern kann selbst denken. Aber eines gelingt der Inszenierung wirklich gut – im Programmheft schreibt der Dramaturg: „Allein zwei menschlichen Tieren ist es vorbehalten, eine eigene idealistische Dynamik zu entwickeln, nur Füchsin und Fuchs finden zum Moment der innigen und befriedeten Zweisamkeit.“

Und das vermittelt sich tatsächlich berührend – hier vertraut die Inszenierung der Musik und der künstlerischen Kraft der beiden schon eingangs gelobten Interpretinnen Eva Liebau und Jurgita Adamonyté. Hier erlebt man modernes Musiktheater – und für diese Momente lohnt es sich, die Klagenfurter Aufführung zu besuchen.

Um am Ende zur Einleitung diese Berichts zurückzukommen: Die dritte Premiere der Klagenfurter Intendanz von Florian Scholz war kein szenischer Flop, sondern – trotz mancher Einwände - eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Freischütz!

Hermann Becke

 

Alle Fotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Arnold Pöschl

Auf die beiden „Füchsinnen“ sei ausdrücklich hingewiesen – ihr weiterer Weg wird hoffnungsvoll zu verfolgen sein:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/de/personen/jurgita-adamonyte/

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/de/personen/eva-liebau/

OF-CD-Tipp:

 

 

 

Der Freischütz

Besuchte Vorstellung: 18.9.2012

Saisonauftakt und Auftakt der neuen Intendanz - Umstritten 

Der 42-jährige gebürtige Heidelberger Florian Scholz – er war zuletzt an der  Bayrischen Staatsoper Direktor für Internationale Beziehungen und Sonderprojekte – hat mit dieser Spielzeit die Intendanz in Klagenfurt übernommen. Die Expertenjury unter dem Vorsitz von Ex-Staatsoperndirektor Joan Holender hatte vor rund eineinhalb Jahren ganz bewußt einen Theatermanager und keinen Regisseur ausgewählt  - siehe dazu den Medienbericht über die Intendantenwahl:

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/klagenfurt/2668440/florian-scholz-neuer-intendant.story

Wenn man  weiß, wo Scholz herkommt (Ernst-Busch-Hochschule, Gorki-Theater und Schaubühne Berlin, persönlicher Assistent von Gérard Mortier), dann überrascht seine erste Premiere nicht. Florian Scholz stellt seine erste Saison unter das Generalmotto „Naturgewalten“, eröffnet mit Webers Freischütz und sagt dazu im Interview:

‚Auch ein klassisches Werk wie "Der Freischütz" verhandelt brisante politische Themen. Man verbindet das Stück oft mit einer fröhlichen, im Wald lebenden Gemeinschaft. Aber es beschreibt etwas ganz anderes, nämlich eine Gesellschaft, die sich zwar als naturverbunden bezeichnet, ihre Individuen aber derart bedrängt, dass ein friedliches, freies Leben nicht möglich ist. Jedenfalls herrschte schon bei der Generalprobe einige Aufregung!’

http://derstandard.at/1345166964061/Ich-moechte-kein-politisches-Sprachrohr-sein )

Und Aufregung gab es nicht nur bei der Premiere, wie man in den ersten Kritiken nachlesen konnte, Aufregung gibt es seither auch bei den Kärntner Leserbrief-Schreibern – und Aufregung und Unruhe im Publikum gab es auch bei der dritten Aufführung, die ich besucht habe. Die junge deutsche Regisseurin Anna Bergmann  hat mit ihrer Dramaturgin Laura Schmidt und den Ausstattern Ben Baur (Bühne), Claudia González Espíndola (Kostüme) und Sebastian Pürcher (Video) zu Webers Musik ein neues Stück erfunden. Von der  „Süddeutschen Zeitung“ (18.3.2011) wird Anna Bergmann als "explodierendes Fräuleinwunder des deutschen Theaterbetriebs" gelobt. Nun – was sie in Klagenfurt präsentiert hat, das war eigentlich nur ein recht hilfloser Versuch, mit den üblichen Mitteln des heutigen Regietheaters aus  Webers Musik und dem Libretto von Friedrich Kind ein anderes Stück zu entwickeln.

Dieses Stück spielt in einer herabgekommenen Dorfgemeinschaft in der amerikanischen Provinz mit stets gewaltbereiten und schiesswütigen Menschen, Transvestiten, Drogensüchtigen, Sexbessessenen, einer dominanten Großmutter, einem ständig und überall präsenten „Unaussprechlichen“ (so wird hier Samiel umbenannt), einem Ännchen mit Baby, einer kindlichen Doppelgängerin von Agathe und einem Dorftrottel als Bruder von Agathe, der im Schlussbild zum Deus ex machina mutiert.

Max kommt als Aussenseiter in diese Gesellschaft – Agathe hofft, mit ihm samt seinem glitzernden Auto und seinem Reitpferd aus dieser bedrückenden Gesllschaft entfliehen zu können. Aber Max passt sich an, wird selbst zum Macho, der am Schluss alles um sich niederschießt und ratlos zurückbleibt, während Agathe durch die Hinterbühne ins Licht schreitet…….

Bei diesem neuen Stück kann man natürlich trefflich Gesellschaftskritik üben, aber wie passt da Webers Musik dazu ? Das Konzept geht am ehesten noch in der Wolfsschlucht auf, als die verzerrten Gestalten der Dorfgesellschaft Max traum- und wahnhaft bedrängen. Aber Weber hat in seiner Musik ganz bewusst dem Schwarz-Nächtlichen das Positive, das Helle gegenübergestellt – und das kommt in Bergmanns Sicht nicht vor. Positives,Transzendenz oder Erlösung gibt es nicht! Noch dazu ist vieles in der Inszenierung handwerklich unreif: entweder agiert der Chor (und auch so manche Solisten) mit den abgenützten Gesten althergebrachter Operntradition oder er wird im Schlussbild zu ritualisierten gymnastischen Bewegungen verurteilt. Und noch etwas, was so ganz gegen den Geist der Musik verstösst:

Agathes Arien sind Ruhepunkte. Aber in dieser Inszenierung gibt es keine Ruhepunkte – ständig muss sich alles (auch die knarrende Drehbühne) bewegen, zusätzlich flimmern Videos im Hintergrund. Die Inszenierung hat keinerlei Vertrauen in die Musik, muss sie zwanghaft ständig mit Aktion konterkarieren und damit von ihr ablenken.

Ein Leserbriefschreiber am Tag der von mir besuchten Aufführung hat nicht unrecht: besser, man vergisst den szenischen Umsetzungsversuch und hört ausschliesslich auf die Musik. Denn hier wird durchaus Hörens- und Lobenswertes geboten!

Die musikalische Leitung hat der junge Brite Alexander Soddy, der für eine intensive und spannungsvolle Leistung des Orchesters und des gesamten Ensembles sorgt. Manchmal wackelt durch sein intensives Gestalten etwas der Kontakt zur Bühne – aber das stört nicht ernsthaft, weil der musikalische Gesamtduktus stets überzeugt. Das Kärntner Sinfonieorchester habe ich kaum je noch so überzeugend gehört. Auch Chor und Extrachor (Leitung: Günter Wallner) waren prächtig. Die vier Hauptfiguren waren sehr gut besetzt. Der Caspar von Martin Winkler ist hier als erster zu nennen. Wenn er sang, vergass man auf die Inszenierung – das war packendes Musiktheater. Eine ideale Besetzung!

Stephan Rügamer war ein glaubwürdiger Max mit dem richtigen Timbre für diese Rolle. Prächtig seine dramatischen Ausbrüche – an den lyrischen Pianophrasen und am Mezzavoce wird noch zu arbeiten sein.

Seine Agathe war die Irin Celine Byrne – schade, dass die hübsche junge Frau zu einer unvorteilhaften Perücke und zu steifer Pose verurteilt war. Sie verfügt über eine schön timbrierte Sopranstimme mit klaren Piano – und Fortetönen und der Fähigkeit zu großen Bögen. Der Registerausgleich wird noch zu verbessern sein – jedenfalls eine neue Stimme mit Zukunftshoffnungen. Als Ännchen kehrte die Kärtnerin Eva Liebau aus Zürich in ihre Heimat zurück und wurde vom Publikum umjubelt . Die Regie zwang sie zu einer völlig manirierten Darstellung, die von ihrer ausgezeichneten stimmlichen Leistung (speziell im dritten Akt) unnötig ablenkte.

Aus dem Ensemble fiel  der 27- jährige David Frédéric Steffens als „Bruder/Eremit“ mit schönem und vielversprechendem Bass auf. Holger Ohlmann war ein kräftiger Kuno. Peter Mazalán (Ottokar) und Patrick Fabian Vogel (Kilian) sind neue junge Ensemblemitglieder, deren Entwicklung man interessiert beobachten wird.

Michael Kuglitsch war ein akrobatischer „Unaussprechlicher/Samiel“ mit leider technisch sehr verfremdeter und dadurch schwer verständlicher Stimme und die erfahrene und geschätzte Schauspielerin Hanne Rohrer gab sich zu der unnötigen Grossmutter-Rolle her.

Zusammenfassend: Klagenfurt hatte schon wesentlich überzeugenderes modernes  Musiktheater erlebt – z.B. Torsten Fischers „Holländer“, mit dem vor einem Jahr die Spielzeit eröffnet wurde. Aber die neue Intendanz hat zumindest auf musikalischem Gebiet die Latte sich selbst hoch gelegt! Warten wir gespannt, wie die nächsten Musiktheaterproduktionen ausfallen werden  (Das schlaue Füchslein, Idomeneo und Perlenfischer)

Hermann Becke

Copyright der Bilder: Stadtheater Klagenfurt 

Video nach der Premiere:

http://www.kleinezeitung.at/allgemein/video/multimedia.do?action=showEntry_VideoDetail&project=462&id=241586

Solisten:

http://www.celinebyrne.com/

http://www.martinwinkler.net/

http://www.stephanruegamer.de/

http://www.salzburgerfestspiele.at/biografie/artistid/2801

 

TOSCA

16.5.2012

Da gab es so manche Probleme vor der letzten Premiere von Intendant Josef E.Köpplinger, der ab Herbst die Leitung des Münchner Gärtnerplatztheaters übernimmt : Zuerst stürzte bei den Proben ein Kulissenteil auf zwei Bühnentechniker und die Sopranistin Annemarie Kremer, die sich in Spitalsbehandlung begeben musste und weder die Premiere noch spätere Vorstellungen singen konnte – siehe dazu:

http://www.krone.at/Oesterreich/Kulisse_stuerzt_bei_Opern-Probe_auf_Buehne_3_Verletzte-Polizei_ermittelt-Story-319062

Und dann brach der Sänger des Scarpia – Francesco Landolfi – bei der Generalprobe mit Kreislaufversagen zusammen.

Ich besuchte die sechste Aufführung – da gab es keine Pannen vor dem ausverkauften Haus.

So wie zuletzt in Graz bei „Maria Stuarda“ (siehe den Bericht vom 30.3.2012) lagen „Regie, Licht, Bühne und Kostüme“ in einer Hand – in der Hand des Italieners Stefano Poda. Auch bei dieser Inszenierung gelingen ihm wunderbare, düstere und nebeldurchwehte Bilder - auch hier wendet er das Mittel der drastischen Verlangsamung des Geschehens an. Er schafft eine geradezu irreale Atmosphäre mit vielen Statisten, deren Funktion sich nicht immer erschließt. Selbst die – von Puccini „molto lontano“ gewünschte – Schäferstimme im letzten Akt wird zu einer seherinnenhaften Frauenfigur im Zentrum der Bühne. Stefano Poda ist die bildhafte, statische Wirkung wichtig. Diese erzielt er – aber das ist unzweifelhaft ein ungeeignetes Mittel, um das umzusetzen, was im Programmheft zurecht wie folgt beschrieben ist: „Tosca ist ein brillanter Reißer und Puccini wußte, was ein Reißer vor allem braucht: Tempo.“ Und gerade dieses Tempo und dieses Reißerhafte fehlten an diesem Abend völlig.

Poda sieht die Figuren nur als einen Bestandteil des Gesamtbildes. Wichtiger als die einzelne Figur ist ihm das optische Gesamarrangement. Das bedeutet, daß den drei Hauptfiguren jede Individualität fehlt, manchmal findet man zwischen den Statisten gar nicht gleich den Protagonisten – es gibt keine knisternde Spannung. Und wo Poda detaillierte Personenführung einsetzt, so ist dies wenig überzeugend – dazu nur drei Beispiele: Warum macht der Mesner bei seinem Angelus-Gebet Liegestützübungen, warum nimmt Tosca am Ende des 2.Akts zunächst ein Messer vom Tisch, um dann Scarpia mit einem Revolver zu erschießen und warum hält im 3.Akt der Schließer Cavaradossi zunächst Schreibpapier hin, um es ihm dann zu entreißen? Alles unnötige Kleinigkeiten!

Das Konzept von Poda könnte – unter Umständen! – dann aufgehen, wenn musikalische Weltklasse am Werk ist und man von deren stimmlicher Interpretation gefesselt würde. Dies ist allerdings in Klagenfurt nicht der Fall: Man erlebt ordentliche, aber nicht außerordentliche Stimmen:

Die junge Ukrainerin Viktoriia Chenska als Tosca ist eine große schlanke Bühnenerscheinung mit manch schöner Pianophrase, aber auch manch tremolierender Forteschärfe, für den 35-jährigen Italiener Francesco Landolfi kommt der Scarpia wohl zu früh. Man hatte den Eindruck, daß er sich im Tedeum des 1.Akts allzu sehr verausgabt hatte, sodaß ihm im entscheidenden 2.Akt die notwendigen Kraftreserven fehlten. Am überzeugendsten war der US-Tenor uruguayischer Abstammung Gaston Rivero mit kraftvollen Attacken, aber auch schönen lyrischen Momenten.

Aber in Podas Regiekonzept konnte niemand der drei ein eigenes Profil entwickeln – sie blieben gleichsam als bloße Bildelemente im mystischen Halbdunkel stecken – schade! Auch den Nebenrollen fehlte die so wichtige stimmliche Prägnanz und scharfe Artikulation.

Und leider konnte auch das Orchester unter dem Klagenfurter Chefdirigenten Peter Marschik nicht überzeugen. So manche Ungenauigkeit (z.B. Celesta – Tosca im 1. Akt) und wenig Klangraffinement fielen auf, manches erinnerte - Verzeihung! - gelegentlich an an italienischen Kaffeehaus-Sound – erst im letzten Akt gelang manches wirklich sehr schön – etwa das Klarinetten-Solo.

Das Publikum quittierte die Aufführung mit freundlichem und kurzem Applaus.

Opernkritiken leben – auch – von Vergleichen. Es wäre natürlich inadäquat, eine Klagenfurter Stadttheater-Aufführung mit größeren Häusern zu vergleichen – aber mit dem Klagenfurter Opernniveau dieser Spielzeit ist ein Vergleich wohl zulässig.

Und da bleibt nur die abschließende Feststellung, daß diese Tosca weder in ihrer szenischen Umsetzung noch musikalisch an die beiden letzten Klagenfurter Premieren (Der fliegende Holländer, Evangelimann) heranreicht. An die großartige, etwa 10 Jahr zurückliegende Tosca-Inszenierung des früheren Klagenfurter Intendanten Dietmar Pflegerl darf man auch nicht denken….

Hermann Becke

Bilder: Helge Bauer

 

 

Viva Belcanto

am 12.4.2012

Das Stadttheater Klagenfurt ist ein Mehrspartentheater, das völlig zurecht der knapp 100.000 Einwohner zählenden Kärntner Landeshauptstadt und deren Umfeld ein vielfältiges Spektrum bietet. In der Spielzeit 2011/12 sind das im Premierenabonnement drei Opern, ein Ballettabend, zwei Musicals, drei Schauspielaufführungen und eben jetzt ein Abend unter dem Titel „Viva Belcanto“.

Coüyright der Bilder: Stadttheater Klagenfurt

Das rund 50 Mitglieder zählende Kärnter Sinfonieorchester (KSO) sitzt auf der Bühne und begleitet drei gastierende Gesangssolisten – unterstützt von Chor und Extrachor des Stadttheaters – in Opernausschnitten von Rossini, Donizetti, Bellini, Meyerbeer, Thomas und Gounod. Dieses Projekt spart Ausstattungskosten und bietet dem Publikum Bekanntes und wenig Bekanntes aus Opern, die man wohl kaum in einem Mehrspartenhaus szenisch aufführen würde – also ein auch in wirtschaftlicher Hinsicht sinnvolles Unterfangen. Der Titel des Abends ist nicht recht überzeugend, stehen doch vier Orchester- und zwei Chorstücke nur acht Gesangsszenen gegenüber – aber ehrlich gesagt: mir fiele auch kein besserer Titel ein! Und diese acht Gesangsnummern sind tatsächlich illustrative Beispiele der italienischen und französischen Belcanto-Literatur.

Nach der ursprünglichen Ankündigung hätte Andrea Rost im Mittelpunkt des Abends stehen sollen – noch am Tag der Premiere standen die Klagenfurter Termine auf dem Kalender ihrer Homepage. Heute – einen Tag danach – sind sie aus ihrem Kalender verschwunden. Warum die ungarische Koloraturvirtuosin, die vor etwa 20 Jahren in allen großen Häusern in den ersten Rollen ihres Fachs international präsent war und die eine ansehnliche Discographie aufzuweisen hat (http://www.andrearost.com/de/discography ), die Klagenfurter Auftritte abgesagt hatte, blieb - auch auf ausdrückliche Rückfrage – unklar. So jedenfalls konnte das Publikum einen Abend erleben, an dem nicht ein einzelner internationaler Star im Mittelpunkt steht, sondern drei Sängerpersönlichkeiten, bei denen es wert ist, sie auf ihrer Belcantoreise durch recht unterschiedliche Partien zu begleiten.

Die großen Sopranszenen hatte die erfahrene Ukrainerin Olga Mykytenko übernommen. Sie überzeugte mich besonders in der Cavatine der Isabelle aus Meyerbeers „Robert le Diable“. Da hörte man nicht nur sichere technische Stimmbeherrschung, sondern auch Virtuosität im Dienste glaubwürdiger Emotion. Die Duette aus „Lucia di Lammermoor“ und aus „Don Pasquale“ litten ein wenig darunter, dass ihre Stimme und die des Tenors nicht recht zusammenpassten und dass sie wohl der Norina schon entwachsen ist.. Überzeugend hingegen die große Norma-Szene „Casta diva“.

Der rumänische Tenor Bogdan Mihai war für mich die erfreuliche Überraschung des Abends. Schon lange habe ich nicht einen derart überzeugenden Rossini -Tenor gehört. Perfekt in der Intonation und in der Koloraturgeläufigkeit beeindruckte er mit heller, aber nie „weißer“ Stimme. Wirklich virtuos war die extrem schwierige und daher meistens gestrichene Almaviva-Arie aus dem Ende des „Barbiere di Siviglia“. Ich bin sicher: von ihm hat man im Rossini-Fach noch viel zu erwarten – sehr verständlich, dass er demnächst in Zürich, Berlin und Genf auftreten wird. Der Edgardo aus der „Lucia“ gelang mit Anstand, ist aber (derzeit noch etwas) ausserhalb seiner Möglichkeiten. Da fehlte der heldische Zugriff.

Der dritte Solist war der 26-jährige slowakische Bass-Bariton Richard Sveda. Ich habe ihn noch in Erinnerung, als er in Grazer Studentenproduktionen vor vier, fünf Jahren Guglielmo, Papageno, aber auch Pilatus in einer szenischen Umsetzung der Bachschen Johannespassion sang. Schon damals vermerkte ich die „gesunde Prachtstimme“. Die ist ihm geblieben, dazu beeindruckt er mit blendender Podiumspräsenz. Er hatte an diesem Abend nur zwei selten zu hörende Arien beizusteuern – sowie die prägnant servierten Oroveso-Einwürfe in der Norma-Szene. Zunächst eine lyrische Szene aus Donizettis „Dom Sébastien, Roi de Portugal“ und im zweiten Teil eine effektvolle Buffo-Arie aus „Le Caid“ von Ambroise Thomas. Die Stimme hat Kern und sichere Höhe, an der französischen Buffo-Brillanz wird noch weiter zu arbeiten sein. Auch er wird seinen Weg sicherlich machen. Seiner Homepage ist zu entnehmen, dass der Escamillo in Duisburg bevorsteht. Da ist mit Sorge darauf zu achten, dass nicht zu früh durch zu gewichtige Rollen das wunderbare Material überbeansprucht wird…..

Der Chor (Leitung: Günter Wallner) war leider hinter dem Orchester ungünstig positioniert. Das wirkte sich sowohl dynamisch als auch durch rhythmische Ungenauigkeit aus. Wenn schon Chor-Nummern auf dem Programm stehen, dann muß der Chor auch adäquat im Vordergrund stehen – warum zum Beispiel nicht in den Proszeniumslogen links und rechts des Bühnenportals ?

Das Orchester bot unter der Leitung von Michael Brandstätter eine solide und offenbar sehr gut geprobte Leistung mit schönen Soli (z.B. Hörner in der Semiramide-Ouvertüre, Flöte in der Lucia, Oboe in der Ballettmusik aus „La Favorite“). Bei Rossini hatten auch die Streicher die nötige Schärfe – nur bei der Ballettmusik aus Gounods „Faust“ fehlte mir das französische „Parfum“ und der Schmelz.

Nach diesem durchaus ansprechenden konzertanten Ausflug in die Welt der großen Belcanto-Oper folgt im Mai die letzte Klagenfurter Oper-Premiere der Ära von Josef E.Köpplinger, der an das Münchner Gärtnerplatztheater wechselt.

Regie, Bühne und Kostüme liegen in der Hand von Stefano Poda, der gerade in Graz eine überzeugende und eigenständige „Maria Stuarda“ auf die Bühne gestellt hatte (siehe den Bericht vom 1.4.2012). Man darf gespannt sein, wie Poda den veristischen Hit gestalten wird und was sich aus folgender Job-Ausschreibung auf der Homepage des Stadttheaters ergeben wird:

„Die Stadttheater Klagenfurt OG sucht für die Produktion TOSCA vom 2. April bis 31. Mai 2012 männliche Statisten die sich gut bewegen können, bzw. eine Tanz-, Yoga- oder Kampfsportausbildung haben. Sie sollten zwischen 18 und 40 Jahre alt sein.“

Sie werden zum gegebenen Zeitpunkt hier nachlesen können, was diese „männlichen Statisten“ in der Tosca bedeuten….

Hermann Becke

Links zu den drei Solisten:

http://olgamykytenko.com/biography

http://www.deutscheoperberlin.de/?page=person_detail&iduser=53809

http://www.richardsveda.sk/de/biographie/

 

DER EVANGELIMANN

Nach der Premiere an der Volksoper Wien (2006) und der Wiederaufnahme an der Grazer Oper im Jahre 2007 brachte Intendant Josef E.Köpplinger seine Inszenierung nun ins eigene Haus und feiert auch hier einen deutlichen Publikumserfolg. Wilhelm Kienzls Oper, uraufgeführt 1895 in Berlin, war um die Jahrhundertwende ein Welterfolg: übersetzt in 16 Sprachen wurde das Werk damals über 5300 mal weltweit aufgeführt. Sie ist auch heute publikumswirksam, sofern das Brüderpaar überzeugende Sängerpersönlichkeiten sind. Dies war in der Klagenfurter Repertoireaufführung der Fall!

Johannes Chum, der aus der Alten Musik und den Mozart-Partien in das jugendlich-dramatische Fach wächst, ist mit seinem klartimbrierten unverwechselbaren Tenor ein glaubwürdiger und nie larmoyanter, ja idealer Interpret der Titelpartie.

Das Copyright aller Bilder liegt beim Stadttheater Klagenfurth

Hans Gröning überzeugt vor allem im 2.Akt mit seinem kräftigen, sehr gut sitzenden Bariton und ausgezeichneter Artikulation. Dazu kommt Anna Agathonos

 

www.anna-agathonos.com

 

mit pastosem Alt und ruhiger Bühnenpräsenz. Die nicht sehr dankbare (weil auf den ersten Akt beschränkte) Sopranpartie singt wie in der Wiener Premiere Alexandra Reinprecht. An diesem Abend wirkte sie etwas distanziert. Ihre Stimme (diesmal mit deutlichem Tremolo) passte auch nicht recht zu Chums „geradem“ Tenor.

Sonst gab es stimmlich Unterschiedliches:

Man freute sich an der Wiederbegnung mit Ks. Peter Wimberger, der an der Wiener Staatsoper alle großen Partien des heldischen Bassbaritonfachs gesungen hatte und nun mit über siebzig Jahren eine prägnante Episodenfigur als Bürger Aibler auf die Bühne stellte. Der kernige Bassbariton des Schnappauf von Derrick Ballard fiel positiv auf.

Sehr gut der Chor und vor allem der Kinderchor. Die musikalische Leitung hatte Michael Brandstätter – der erste Akt zerfiel etwas, was auch am Stück liegen mag. Im zweiten Akt hingegen gelang es ihm, mit dem solide spielenden Orchester dichte Spannung zu vermitteln.

Die Inszenierung verlegt das Stück aus den im Libretto vorgesehenen Jahren 1820 bzw.1850 in die Zeit um 1900 und 1930. Hier kann ich mich nur uneingeschränkt dem anschließen, was Dominik Troger im „Neuen Merker“ schon bei der Wiener Premiere geschrieben hat:

“Anliegen der Regie war es offensichtlich, einen zeitgeschichtlichen Rahmen zu finden. Dazu hat das Regieteam um Josef Ernst Köpplinger nicht die Hauptpersonen genutzt, sondern die Genreszenen. Der schon erwähnte Schneider Zitterbart wird zum Juden und muss für eine brutale antisemitisch-motivierte „Ab-Reaktion“ der St. Othmarer Bevölkerung herhalten. Ihm wird ziemlich eingeschenkt und die an sich harmlose Dorfneckerei wird zum anklagenden Auftakt eines christlich-sozial verbrämten Antisemitismus umgebaut. Davon gabs bekanntlich „um 1900“ genug – aber es ist natürlich festzuhalten, wo die Interpretation anfängt und wo Kienzls Textvorlage aufhört. Weil die Volksempörung musikalisch kaum einen solchen Hassausbruch motiviert, hat man offenbar noch Zwischenrufe eingebaut, um die Szene dramatischer auszuschmücken. Sie gewann dadurch zwar stark an Konturen – entfernte sich aber entsprechend weit vom ursprünglichen Handlungsfaden. Im zweiten Aufzug wird regiegemäß der Austrofaschismus bemüht, Heimwehrmänner versuchen – während Magdalena und Mathias einander ihre Herzen ausschütten – einen Juden „abzuholen“

Insgesamt überzeugt die Regie durch genaue Personenführung - die „Aktualisierung“ war absolut unnötig und es stimmt das, was in der zitierten Kritik steht: „Für die Besprechung dieser Inszenierung ist wichtig anzumerken, dass Kienzl dieses „Selig sind, die Verfolgung leiden“ nur am individuellen Schicksal der Hauptfiguren festmacht. Es gibt keine daraus abgeleiteten politischen Botschaften. Die Verhöhnung des Schneiders im Kegelbild hat Genrecharakter – und spielt mit den typischen Schneider-Klischees, die man auch aus den Grimm’schen Märchen kennt.“

Die Bühnenbilder von Johannes Leiacker und die Kostüme von Marie-Luise Walek sorgen im zweiten Akt für dichte Atmosphäre. Unverständlich hingegen das bayrische Bauernbarock im ersten Akt mit felsigen Bergspitzen und Oktoberfest-„Charme“, wo dieser Akt doch in Niederösterreich an der Donau spielt ……

Aber trotz dieser Einwände insgesamt eine sehr erfreuliche Aufführung, wie die atemlose Aufmerksamkeit des Publikums im zweiten Akt und der lebhafte Beifall bestätigten.

Hermann Becke

 

Die Biographien der Ausführenden sind nachzulesen in:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/900pressdown/text/stk_presseinformation__der_evangelimann.pdf

Weitwere Fotos der Klagenfurter Aufführung:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/216_der_evangelimann_slidesflash.php

Es gibt auch eine DVD der Produktion ( allerdings mit der Wiener Besetzung):

http://www.capriccio.at/der-evangelimann

 

 

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Premiere am 15.09.2011

Intendant Josef E.Köpplinger eröffnete am 15.September 2011 seine letzte Spielzeit in Klagenfurt – bevor er dann das Gärtnerplatztheater in München übernimmt – mit einer einhellig positiv aufgenommenen Produktion von Richard Wagners romantischer Oper. Er hat dafür ein ausgezeichnetes Team zusammengestellt.

Der erfahrene Berliner Regisseur Torsten Fischer erzählt eine neue Geschichte, die das Erlösungsthema durchaus schlüssig in die Probleme unserer heutigen Zeit verlagert. Senta und der Holländer führen das gestrandete Boatpeople in eine positive Zukunft.

Alle Bilder, wenn nicht anders erwähnt © Stadttheater Klagenfurt / Helge Bauer

Dem Regisseur gelingen gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Herbert Schäfer und dem Kostümbildner Vasilis Triantafillopoulos eindringliche Bilder. Vor allem aber schafft er durch den Kunstgriff, die gestrandete (Holländer)-Schiffsbesatzung durch einen Bewegungschor mit Menschen aller Ethnien darzustellen, einen überzeugenden und berührenden Theatereffekt. Die Führung dieses Bewegungschors ist nie platt oder gar peinlich – und noch dazu sehr dem Musikgeschehen entsprechend! Der Bewegungschor der Heimatsuchenden in seiner Buntheit kontrastiert zur Uniformität der Einheimischen – gebildet von Dalands Matrosen und den sekretärinnenhaften Damen.

Von ihnen hebt sich schon durch die Kleidung Senta als Individuum klar ab. Astrid Weber (heuer Bayreuths Elsa) führt das sehr gute Sängerensemble an. Sie gestaltet von Anfang an – schon während der Ouvertüre! – die dominierende Frauenfigur mit ausdrucksstarkem Spiel und einer hervorragenden stimmlichen Leistung. Das ist überzeugendes modernes Musiktheater!

Renatus Mészár ist ein melancholischer Holländer mit dunklem Bassbariton, der manchmal in den dramatischen Ausbrüchen seine Stimme schlanker und zentrierter führen sollte, den aber auch sehr schöne Pianophrasen gelingen und der als Figur überzeugt.

Der junge Daland von Gábor Bretz hat ein reiches Material, das sich noch zu mehr Differenzierung entwickeln kann. Die Deutung als Schmiergeldempfänger ist plausibel. Wunderschön ist vom Regisseur die Szene entwickelt, wie der Holländer dem Schlepper Daland neben einem Packen Banknoten ganz einfach Menschen als „kostbare Perlen, edelstes Gestein“ anbietet. Die Wandlung Dalands zum Unterstützer Senta und des Holländers schien mir von der Regie allerdings nicht vollends überzeugend gelöst.

Den Steuermann singt Daniel Prohaska sprachlich sehr gut artikuliert und fallweise in der Höhe unnötig forciert. Er ist der erste, der sein Menschenbild ändert und sich dem Boatpeople des Holländers zuwendet.

Den Erik verkörpert der amerikanische Tenor Daniel Brenna. Er taucht schon von Anfang an auf – der Jäger als Grenzwächter, der das Boatpeople nicht in sein Heimatland lassen will. Der Regisseur hat ihn als „Couch-Potato“- artige Figur gezeichnet, die offenbar ihre Minderwertigkeitskomplexe mit Waffengewalt übertünchen möchte. Brenna gelingen durchaus eindrucksvolle heldische und metallene Stimmausbrüche. Sein Mentor John Treleaven, der ihn auf Siegfried, Tannhäuser und Parsifal vorbereitet, wird allerdings noch intensiv daran arbeiten müssen, dass auch lyrische Legatophrasen gelingen. Der Beginn der Kavatine im letzten Bild („Willst jenes Tags du nicht dich mehr entsinnen“) war leider fast peinlich…

Die Mary von Anna Agathonos war sicher und solide. Da die Chordamen nicht spinnen, sondern mit Laptop und Kopierautomaten umgehen – einer der wenigen nicht überzeugenden Regiemomente – muss sie anstelle von „Ich spinne fort“ „Ich muss nun fort“ singen.

Für den Chor (Leitung: Günter Wallner) war das Regiekonzept eine praktische Hilfe für die musikalische Bewältigung:

Da der „Holländer-Chor“ ein stummer Bewegungschor ist und seine Pasagen am Schluss von den vier männlichen Solisten übernommen werden, konnten sich Chor und Extrachor mit voller Stimmkraft und eindrucksvollem Erfolg auf die „Einheimischen“ konzentrieren. Die Damen im zweiten Bild waren leider zu sehr im Hintergrund positioniert – da hats zwischen Orchestergraben und Bühne beträchtlich gewackelt!

Das Kärtner Sinfonieorchester unter Chefdirigent Peter Marschik war ambitioniert am Werk, wenn auch nicht alles gelang – man vermisste so manchen schwärmerischen Streicheraufschwung und bemühte sich, über trockene Blechbläser hinwegzuhören. Der Dirigent hätte auch nicht zulassen dürfen, dass die Aufführungspause vor den Beginn des großen Duetts Senta/Holländer hineingezwängt wird. Es ist nicht nur eine musikalische Sünde, den Kontrast zwischen Dalands Geschäftigkeit und dem berührenden Mezza-Voce-Beginn von Holländers „Wie aus der Ferne längst vergangner Zeiten“ durch eine Pause am Buffet zu unterbrechen – es war auch eine unnötige Störung des sonst so stringenten Handlungsflusses.

Dies tut aber dem Gesamterfolg keinen Abbruch:

Es war ein großer Abend des Klagenfurter Stadttheaters. Es war einer der (leider seltenen) Fälle, dass ein aktualisierendes und das Libretto veränderndes Regiekonzept nicht nur nicht gegen den Geist der Musik wirkt, sondern sogar Wagners jugendlichen Sozial – und Erlösungsimpuls in einem heute uns alle bewegenden Sinne trifft!

Hermann Becke

 

P.S. Noch zwei Hinweise:

Im Rundfunk hat der Regisseur sein Konzept erläutert – wen es interessiert, hier ist der link dazu: http://oe1.orf.at/artikel/286091

Und wer das Stadttheater Klagenfurt nicht kennt, dem sei durchaus der Besuch empfohlen:

Es ist ein Bau von Helmer und Fellner, der zum 60-Jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Franz-Josef in den Jahren 1908 bis 1910 errichtet wurde, knapp 1000 Plätze hat und in sehr schöner Form restauriert und durch einen Anbau des bekannten Architekten Günther Domenig erweitert ist. Das Theater wird als Dreispartenhaus geführt

 

Credo vom Regisseur Torsten Fischer

Bei seiner Operninszenierung handle es sich nicht um eine Mitleidsveranstaltung - das müsse, so Fischer, absolut klar sein. Klar sei auch, dass er mit seiner Inszenierung informieren, etwas bewegen wolle. Fischer: "Wir machen Theater nicht für Lob. Wir machen Theater, um Farbe zu bekennen, ein Thema anzupacken, Stellung zu nehmen, eine Oper ins Heute zu bringen, die 1847 komponiert wurde, aber heute noch ihre Gültigkeit behalten muss. Das Theater ist kein Museum, sondern einer der lebendigsten politischen Orte".
Genau an diesem Ort wird sichtbar, dass wir alle irgendwie, wie auch Richard Wagner selbst, Heimatsuchende sind.

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com