DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Intendant Florian Scholz

www.stadttheater-klagenfurt.at

 

 

 

 

GIULIO CESARE IN EGITTO

2. Vorstellung: 8.2.2014

(Premiere: 6.2.2014)

Großartig in Szene und Musik!

Die Klagenfurter Opernproduktionen sind in dieser Saison besonders erfolgreich: Nach dem Rosenkavalier und Verdis Macbeth gelang nun der dritte einhellige Erfolg bei Presse und Publikum – bravo! Das ist eine enorme Steigerung gegenüber der ersten Saison von Florian Scholz und wird wohl jene Abonnenten zurückbringen, die er in seinem ersten Intendantenjahr mit den szenisch missglückten Produktionen verloren hatte – der Opernfreund berichtete.

In unserer Zeit des Spezialistentums ist es mutig, in einem kleineren Stadttheater eine Barockoper ins Repertoire zu nehmen. Der Mut hat sich gelohnt  – Klagenfurt ist mit dieser Produktion ein Sieg auf allen Linien gelungen. Man erlebt eine szenisch und musikalisch höchstgelungene Produktion, die zweifellos einen „OF- Stern“ verdienen würde! Aber in das südlichste Opernhaus im deutschen Sprachraum kommt eben leider nur ein Opernfreund-Kritiker und für den „Stern“ ist der Bericht eines zweiten Voraussetzung….

Das Team Renate Martin (die Ehefrau des Regisseurs), Andreas Donhauser, Paul Sturminger hat eine moderne Stahl-Glas-Konstruktion auf die Bühne gestellt und das Ensemble in moderne Kostüme gekleidet. Die Hintergrundprojektionen zeigen uns nicht nur Pyramiden, Säulenkolonaden und Palmen, sondern auch das Kairo von heute.

In diesem kühlen, aber stets stimmungsvoll ausgeleuchteten Szenarium führt der erfahrene Theatermann Michael Sturminger  Regie: grundgescheit, stets mit plastisch-drastischer Personenführung, aber auch immer wieder mit vergnüglich-distanzierter Ironie. Die Parallelen zur aktuellen politischen Situation der Intrigen und eines Militärregimes in Ägypten versteht man, ohne dass dabei in plumpen Gegenwartsbezug verfallen wird. Alle Charaktere sind überzeugend gestaltet – das ist wahrhaft zeitgemäßes Musiktheater höchster Qualität! Dazu kommt ein ganz ausgezeichnetes Sängerensemble. Alle fünf Hauptfiguren sind ideal besetzt – dennoch versuche ich eine persönliche Reihung.

Die blutjunge Sizilianerin Adriana di Paola in der Rolle der Cornelia steht zweifellos vor einer großen Karriere. Sie verfügt über eine charakteristisch gefärbte Mezzostimme, die vollkommen ausgeglichen von der Tiefe bis in die Höhe geführt wird und die vor allem über ein breites Spektrum von unterschiedlichen Klangfarben und Ausdrucksmöglichkeiten verfügt, ohne dabei den Stimmsitz zu verlieren. Wie man aus ihrem Lebenslauf entnehmen kann, hat sie praktisch keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet der Barockmusik, nur beim Young Singer Project der Salzburger Festspiele 2012 durfte sie sich einmal mit Händel auseinandersetzen – umso erfreulicher, wie gut ihr die Barockpartie gelang. Zu den stimmlichen Qualitäten kommen eine blendende Bühnenerscheinung und offenbar ein natürliches Darstellungstalent. Wer einen akustischen Eindruck gewinnen will, der höre sie sich mit Rossini bei ihrem letzten Wettbewerbsauftritt im Jahre 2013 an.

Ihr Sesto in der Klagenfurter Aufführung ist der italienische Countertenor Luigi Schifano . Er verfügt bereits über reiche einschlägige Bühnenerfahrung und war an diesem Abend der stimmlich durchschlagskräftigste der drei Countertenöre – geradezu berückend schön gelang sein Duett mit Cornelia „Son nata a lagrimar“. Da verband sich das warme Mezzotimbre Cornelias mit der in Sopranhöhen geführten Counterstimme Sestos in einer idealen Klangmischung. Auch in seiner darstellerischen Verzweiflung überzeugte Schifano in der unglücklichen Sohnfigur, die schließlich den Tod des Vaters rächt.

Die Südafrikanerin Golda Schultz (übrigens mit einem Opernfreundzitat auf ihrer Website ) ist zu recht zu einem Klagenfurter Publikumsliebling geworden. Nach ihren bisherigen Auftritten war zu erwarten, dass sie eine großartige Cleopatra sein würde. Sie bezauberte nicht nur ihren Cesare, sondern auch das Publikum im ausverkauften Haus. Waren die Auftritte im 1.Aufzug zunächst stimmlich noch etwas unruhig, so gewann sie dann speziell in ihrer großen Arie vor der Pause (mit sehr schönem Solofagott!) zu ruhiger Größe und berührendem Ausdruck. Mit der wunderbaren „Piangero“-Wehklage zu Beginn des 3.Aktes überzeugte, ja begeisterte sie dann restlos. Ihr Cesare war der russische Countertenor Dmitry Egorov, den man schon aus Frankfurt, Mainz und Köln im Barockfach kennt und der nun erstmals zum Cesare „aufgestiegen“ ist. Von ihm gibt es auch bereits eine von der Kritik gelobte CD „Il primo Uomo“ mit La Stagione Frankfurt – für Interessierte gibt es hier Hörproben. Egorov war keine martialisch-dominante Heldenfigur, überzeugte aber in seiner eher melancholisch-ernsten Haltung als Figur. Stimmlich bewältigte er die koloraturenreiche Partie sehr gut – in der berühmten sogenannten Jagdarie (mit den ausgezeichneten Hörnern!) war er zu Beginn zu weit hinten im Bühnenraum postiert – der da-capo-Teil an der Rampe gelang dann sehr gut.

Als Tolomeo lieferte der russische Countertenor Vasily Khoroshev eine köstliche Charakterstudie – auch er hat trotz seiner 27 Jahre schon eine reiche internationale Konzert- und Bühnenerfahrung. An diesem Abend stand allerdings die darstellerische über der sängerischen Leistung. Die Nebenrollen waren mit Aleksandra Križan, David Steffens und Michael Schober sehr gut besetzt. Der kleine Chorpart (Leitung: Günter Wallner) erklang sicher aus den Proszeniumslogen. Nicht zu vergessen ist die Statisterie, die in dieser Inszenierung eine wichtige Rolle spielt. Es ist zwar offenbar das nicht gelungen, was das Stadttheater Klagenfurt via Facebook gesucht hatte: „Die Stadttheater Klagenfurt OG sucht für die Produktion "Giulio Cesare in Egitto" dunkelhäutige, afrikanische und asiatische Männer und Frauen/Mädchen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Sportliche Typen wären von Vorteil.“ Aber die ausgewählten Damen und Herren machten ihre Sache überzeugend.

Und zum Schluss sei ein besonderes Loblied auf die musikalische Leitung gesungen – sie war wohl die entscheidende Grundlage für den großen Gesamterfolg des Abends:

Der italienische Barockspezialist Attilio Cremonesi  hatte eine großartige Einstudierungsarbeit geleistet! Das Klagenfurter Sinfonieorchester wuchs auf einem durchaus ungewohnten Terrain geradezu über sich hinaus und wurde dabei durch Spezialisten unterstützt, die Cremonesi offenbar nicht nur klug ausgewählt, sondern auch sehr geschickt links und rechts das Orchesters postiert hatte, In der linken Proszeniumsloge saßen die ausgewiesenen Barockfachleute Pierre Pitzl (Chitarra barocca und Viola da gamba) und Josep Maria Martí Duran (Arciliuto) und am rechten Rand saß der exzellente Cembalist und Cremonesi-Assistent Andrea Marchiol. Diese „Klammer“ hielt das – erhöht sitzende – Orchester ausgezeichnet zusammen. Cremonesi dirigierte ungemein präzise und engagiert-spannungsreich – die Balance der Tempi war ideal. Nie wirkte etwas gehetzt oder verschleppt. Es gab auch kaum rhythmische Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Orchester und die Klangbalance mit dem Sängerteam war nur dann ein wenig beeinträchtigt, wenn die Countertenöre zu weit im Bühnenhintergrund postiert waren. Das Klagenfurter Orchester folgte dem Maestro konzentriert und mit vielen (zum Teil schon erwähnten) sehr schönen Sololeistungen.

Zusammenfassung: Besseres kann von einem Stadttheater nicht geleistet werden – die Produktion verdient höchstes Lob. Also der Rat an alle Opernfreunde: wenn möglich unbedingt nach Klagenfurt fahren! Nächste Termine:

Februar 2014

Di 11 19:30, Do 20 19:30, Mi 26 19:30, Fr 28 19:30

März 2014

Mi 05 19:30, Fr 07 19:30, Mi 19 19:30, Sa 22 19:30, Fr 28 19:30

Hermann Becke, 9.2.2014

Fotos: Stadttheater Klagenfurt, © Karlheinz Fessl

 

P.S.

Zum Schluss noch eine Pressemeldung aus Klagenfurt speziell für die Opernfreunde in Düsseldorf und Duisburg:

Die Österreicherin Alexandra Stampler-Brow, kaufmännische Direktorin des Klagenfurter Stadttheaters, wechselt mit Beginn der neuen Spielzeit 2014/15 als Geschäftsführende Direktorin an die Deutsche Oper am Rhein. Sie wurde von Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung einstimmig zur Nachfolgerin von Jochen Grote gewählt, der in Pension geht.

 

 

MACBETH

Premiere: 31. 10. 2013

Packendes Musiktheater! 

Intendant Florian Scholz, der das Dreispartenhaus in Klagenfurt in der vorigen Saison übernommen hatte, engagierte für die Oper bisher überwiegend junge und auf dem Gebiet des Musiktheaters unerfahrene Regisseure – oft mit zumindest zwiespältigem Erfolg (man denke vor allem an den Freischütz, aber auch an Das schlaue Füchslein und Idomeneo).

Ganz anders nun bei Klagenfurts Beitrag zum Verdi-Jahr: Den Macbeth übertrug man  Cesare Lievi – einem international erfahrene Theatermann. Der 1952 in Gargnano am Gardasee geborene Regisseur und Autor promovierte in Philosophie mit einer Arbeit über Trotzki und den Surrealismus. Erste Erfolge feierte er durch seine Schauspielinszenierungen (u. a. am Schauspiel Frankfurt, an der Schaubühne Berlin, dem Burgtheater Wien oder dem Thalia Theater Hamburg) bevor auch die Oper zu seiner zweiten Heimat wurde. So inszenierte er u. a. an der Metropolitan Opera New York und regelmäßig an der Mailänder Scala und der Oper Zürich. Bis zum Jänner dieses Jahres war er Schauspielchef in Udine. Cesare Lievi hat auf die Frage, wie er bei Macbeth den Bezug zu heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen sehe, eine sehr kluge Antwort gegeben, die geradezu das Grundproblem so mancher Inszenierung des sogenannten „Regietheaters“ trifft:

„Diese Frage ist schwierig. Sie suggeriert Übereinstimmungen zwischen der Vergangenheit, die Verdis Oper Macbeth umgibt, und unserer heutigen Gegenwart. Mich interessieren mehr die Unterschiede als die Ähnlichkeiten, mehr die Distanz, die uns trennt, als der Raum, der uns verbindet. Und warum? Weil wir aus der Entfernung besser erkennen, wer wir sind ……… Theater, wie ich es verstehe, bedeutet über die Distanz und nicht mit Hilfe einer banalen und oft mystifizierenden Aktualisierung den Stoff zu begreifen.“

Und so hat Cesare Lievi gemeinsam mit einem Team, mit dem er schon oft erfolgreich zusammengearbeitet hat ( Josef Frommwieser – Bühne, Marina Luxardo- Kostüme, Luigi Saccomandi – Lichtdesign) eine überaus stringente und packende Inszenierung ausgearbeitet – fern jeder banalen Aktualisierung, aber mit klugen zeitgemäßen Akzenten. 

 Die mysteriöse Sphäre der Hexen wird erweitert durch die Traumvorstellungen und unerfüllten Kinderwünsche von Macbeth und seiner Frau. Geschickt nutzt Lievi die konkreten Vorgaben des Librettos, um durch sie diese Traumvorstellungen sichtbar zu machen. So gibt es neben dem Hexenchor auch noch kindliche Hexen, die im zweiten Akt beim Festbankett präsent sind und die sich im dritten Akt in die Luftgeister und Sylphiden verwandeln. Und auch die von Hexen provozierten Erscheinungen der acht Könige sind Knaben. Es gelingt, die szenischen Anweisungen des Originals genau zu beachten und sie gleichzeitig mit heutigen Augen zu sehen. Es stimmt, was der Insel-Verlag auf seiner Homepage über den Autor Cesare Lievi schreibt: „Er gilt als einer der großen Poeten des Theaters“. Großartig und wahrhaft poetisch, aber gleichzeitig bühnenwirksam sind die Übergänge der einzelnen Bilder gelöst – ohne großen bühnentechnischen Aufwand gleitet man gleichsam durch die Bilderwelt des schottischen Königsdramas. Die Handlung wird klar und einfach erzählt und gleichzeitig mit einfachen bildhaften Mitteln überhöht. Das ist zeitgemäßes Musiktheater, das der genialen Partitur Verdis genügend Raum lässt! 

Und auch in musikalischer Hinsicht ist das Klagenfurter Landestheater mit dieser Produktion geradezu über sich hinausgewachsen. Das beginnt schon im Preludio, das vom Kärntner Sinfonieorchester unter seinem jungen britischen Chef Alexander Soddy transparent, aber nie dünn klingend musiziert wird. Schon da fiel ein Detail auf, das im Laufe des Abends noch mehrfach zu registrieren war: Soddy versteht es, spannungsvoll Generalpausen geschickt vorzubereiten - auch das Publikum hält geradezu den Atem an. Aber auch die großen Melodiebögen und die attackierenden Orchesterpassagen gelingen sehr gut und vor allem weiß Soddy die Solisten ausgezeichnet zu begleiten. Das war an diesem Premierenabend von besonderer Bedeutung, hatte doch der Macbeth des Russen Maksim Aniskin mit einer Indisposition zu kämpfen. Er hatte die Generalprobe nicht singen können und man suchte schon fieberhaft einen Ersatz, um die Premiere zu retten. Aber Aniskin konnte auftreten und wurde auch nicht als indisponiert „angesagt“. Maksim Aniskin ist derzeit an der Oper von Novosibirsk engagiert und singt alle großen Rollen seines Fachs. (Wer von uns westeuropäischen Opernfreunden wusste übrigens, dass Nowosibirsk mit rund 1,5 Millionen Einwohnern die drittgrößte russische Stadt ist, mit dem größten russischen Opernhaus??) Aniskin steht zweifellos am Beginn einer internationalen Karriere – nicht umsonst ist schon derzeit Cover-Besetzung an der Met. Aniskin hat den Macbeth an diesem Abend (wohl auch im Hinblick auf seine aktuelle Disposition) besonders lyrisch und verhalten angelegt, was aber ideal den Anweisungen von Verdi entspricht und den schwachen Menschen großartig charakterisiert. Erst im letzten Akt ist dann Aniskin aus sich herausgegangen und hat auch mit metallisch-dunklen Spitzentönen aufhorchen lassen. 

Seine Lady – die Ukrainerin Tatiana Melnychenko – hat schon international Karriere gemacht. In der Arena von Verona war sie als Abigaille zu hören und die Lady Macbeth sang sind bereits an der Scala, sie wird sie auch demnächst in Athen singen. Melnychenko ist ein Heroinnentyp alten Zuschnitts mit einer kräftigen, leicht gutturalen Stimme. Sie bewältigt die schwierige Partie sehr gut, wenn auch leichte Schwierigkeiten bei den Koloraturen in der Bankettszene im 2.Akt nicht zu überhören waren. Wunderbar verhalten und lyrisch gelang ihr die Wahnsinnsszene im vierten Akt (leider mit missglücktem Schlusston). Gerade in dieser Wahnsinnsszene sind zwei junge Ensemblemitglieder des Hauses durch prägnant-intensive Leistungen sehr positiv aufgefallen: Golda Schultz als Kammerfrau und David Steffens als Arzt (in Sigmund-Freud-Maske). (Auch von diesen beiden ist wohl noch einiges zu erwarten: Golda Schultz wird nach ihrem uneingeschränkten Erfolg in Klagenfurt die Rosenkavalier-Sophie im nächsten Jahr bei den Münchner Opernfestspielen singen, und David Steffens hat gerade erfolgreich das Bravourstück hinter sich, durch seine ganz kurzfristige Übernahme des Ochs eine Rosenkavalier-Aufführung in Klagenfurt gerettet zu haben.)  

Der Moskauer Evgeny Stavinskiy war ein ausgezeichneter Banco – sowohl im Duett mit Macbeth im 1.Akt als auch mit breit strömendem und in allen Lagen ausgeglichenem Bass in seiner großen Arie „Come dal ciel precipita“ im 2.Akt. Die Regie hat übrigens den Übergang von Bancos Ermordung zu seiner Geisterscheinung beim Festbankett großartig und bühnenwirksam gelöst. Den Macduff sang der Litauer Merunas Vitulskis mit heldischem Glanz, aber etwas unruhigen, allzu sehr tremolierenden Legato-Phrasen. Ilker Arcayürek schien als Malcolm (gegenüber seinem Sänger im Rosenkavalier) etwas konsolidierter.

Chor und Extrachor (Leitung: Günter Wallner) haben Erstaunliches geleistet. Vor allem die Damen der drei Gruppen des Hexenchors sangen und agierten mit gut charakterisierender Klangfarbe und prägnanter Präzision. Hingegen klang der Mörderchor etwas unausgewogen. Wunderbar wiederum das große Chorensemble „Patria oppressa!“ im 4.Akt – auch optisch sehr bildhaft und schön gelöst.

Schon in den Pausengesprächen konnte man große Zustimmung des Publikums hören – der Schlussapplaus war einhellig. Klagenfurt ist mit dieser Produktion wahrlich Großes gelungen, das überregionale Beachtung verdient. Also: hinfahren, anschauen - es gibt noch 12 Termine!

Hermann Becke, 1.11.2013

Alle Fotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Arnold Pöschl

 

Links:

Interview mit dem Regisseur Cesare Lievi:

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/3452024/letzte-hexe.story

Video mit Probenausschnitten und Interview:

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/klagenfurt/3454202/cesare-lievi-inszeniert-verdis-oper-macbeth.story

Es lohnt sich, den Macbeth-Darsteller Maksim Aniskin akustisch kennenzulernen – er wird seinen internationalen Weg machen:

http://www.profsonstage.com/artists/11472/maxim_aniskin/videos#.UnOJy-L-urA

Weitere Termine und Karten:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/de/produktionen/macbeth/

 

 

DER ROSENKAVALIER

Sehr respektable Saisoneröffnung

Premiere: 19. September 2013

Florian Scholz hatte – von der Bayrischen Staatsoper kommend - die Intendanz des Dreispartenhauses in Klagenfurt ab 2012/13 übernommen und seine erste Saison unter das Motto „Naturgewalten“ gestellt. Auch für die Saison 2013/14 gibt es ein Motto – dazu ein Zitat aus den Presseunterlagen des Hauses:

„Die zweite Spielzeit der Intendanz von Florian Scholz steht unter dem Thema reich & glücklich – jede Produktion befasst sich in der einen oder anderen Form mit der Frage nach dem Glück und seinen Bedingungen.“ Scholz hatte bei der Präsentation des Jahresprogramms 2013/14 eingeräumt, dass die erste Saison nicht einfach gewesen sei. (Das ist auch in den Berichten des „Opernfreundes“ nachzuvollziehen!) Die Auslastung des Hauses war von 88% auf 76% zurückgegangen, man hatte über 100 Abonnenten verloren – also wolle man in der neuen Spielzeit „Schritte in Richtung Publikum setzen.“

Und dies ist der Intendanz mit der Eröffnungspremiere zweifellos gelungen. Das Wagnis, im kleinen Klagenfurter Stadttheater erstmals den Rosenkavalier auf die Bühne zu bringen, hat sich gelohnt – das ausverkaufte Haus hat die Produktion mit reichem und uneingeschränktem Beifall aufgenommen.

Das Team dieser Klagenfurter Erstaufführung war geschickt zusammen gestellt. Dirigent, Regisseur und die drei Protagonistinnen: alle um die Dreißig, alle Rosenkavalier-Neulinge – und dazu zwei erfahrene Routiniers als Ochs und Faninal.

Der Regisseur Marco Štorman stützt sich in seiner Interpretation auf ein Hofmannsthal-Wort, wonach der Rosenkavalier „ein halb imaginäres, halb reales Ganzes“ sei und schreibt im Programmheft:

„Ich wollte unbedingt ein Bild finden, das diese Reise in die Seelenwelten beschreibt. Was ist Traum, was ist Wirklichkeit? Der Wald ist zwar auf der einen Seite ein konkreter Ort, auf der anderen Seite steht er aber konträr zu in sich geschlossenen Innenräumen, er ist Realität und Fiktion zugleich…..Alle Menschen irren doch durch den Wald ihrer Emotionen, durch Tag und Nacht, Sommer und Winter, Wollen und Handeln, Wünsche und Träume.“

Der erste Aufzug beginnt optisch konventionell im (durchaus engen) Schlafzimmer der Feldmarschallin. Aber zum Lever hebt sich die Tapetenwand mit exotischen Pflanzen und gibt plötzlich den Blick auf eine irreale Waldszenerie frei – alle auftretenden Gestalten passen in ihren Kostümen nicht mehr zu Marschallin, Octavian/Mariandel und Ochs: der Tierhändler in Tropenkleidung mit Schmetterlingsnetz, der Sänger im gold-glitzernden Elvis-Presley-Look, die Stimmung wandelt sich vom Sommer über Herbst bis zum winterlichen Schneefall – der Zuschauer erfasst: aha – eine Traumwelt. Und so geht es auch im zweiten Aufzug weiter: der Wintergarten Faninals ist von Wald umgeben, in den die Männergesellschaft Ochs und Faninal zum Jagen geht und aus dem am Schluss Annina gleichsam als schwarzer Engel mit einem überdimensionalen Mariandel-Brief aus der Höhe herunterschwebt. Der dritte Aufzug spielt überhaupt in einer kleinen Hütte mitten im düsteren Wald, bis sich das Ganze für Schlussterzett und –duett wieder in das Schlafzimmer des 1.Aufzugs wandelt. Sophie und Octavian sind dort angelangt, wo Marschallin und Octavian begonnen haben. Der Regisseur im Programmheft: „Das Happy End ist nur eines im Traum, hinter den Zwängen einer Effizienz- und Egoistenwelt.“ Von Beginn an begleitet eine Panfigur das Geschehen durch alle drei Aufzüge – gleichsam als Drahtzieher der erotischen Ver- und Entwicklungen.

Für dieses in sich konsequente Regiekonzept haben Philipp Nikolai (Bühne) und Sonja Albartus (Kostüme) die passende optische Umsetzung beigesteuert – allerdings mit dem Nachteil, dass dadurch die Spielfläche der ohnehin schon kleinen Klagenfurter Bühne noch mehr eingeengt wurde, was speziell in der engen Waldhütte des dritten Aufzugs dazu führt, dass keine schlüssige Personenführung mehr möglich ist. Wer den Rosenkavalier nicht kennt, der wird den ersten Teil des dritten Aufzugs nicht erfassen können.

Um aber zur Einleitung dieses Beitrags zurückzukommen:

Die Intention des Intendanten, man wolle „Schritte in Richtung Publikum setzen“, hat das Regiekonzept durchaus erfolgreich umgesetzt:

Die Hauptfiguren sehen so aus und agieren so, wie dies hundertjährige Aufführungstradition ist, werden aber mit einer irrealen Traumwelt konfrontiert. Das hat das Publikum mit ehrlichem Beifall offensichtlich gewürdigt. Das Konzept hat auch den großen Vorteil, dass die großen musikalischen Monologe, Duette und Terzette zu Ruhepunkten werden können, bei denen die Musik im Vordergrund steht. Und noch etwas sei befriedigt festgehalten: endlich einmal eine Inszenierung, die ohne Videos und Filmsequenzen auskommt und sich auf genuine Mittel des Theaters beschränkt!

Musikalisch ist das Stadttheater Klagenfurt über sich hinausgewachsen! Ich gebe zu, ich hatte Bedenken, wie es dem Kärntner Sinfonieorchester gelingen werde, die Strauss-Partitur zu bewältigen – ich wurde überaus positiv überrascht! Nach einem recht verwackelten Beginn gelang eine ausgezeichnete Wiedergabe mit vielen schönen Instrumentalsoli, großen Bögen, aber auch mit der so wichtigen Parlandokultur. Der neue aus England stammende Klagenfurter Chefdirigent Alexander Soddy holte zu Recht für den Schlussapplaus das gesamte Orchester auf die Bühne – das war eine exemplarische Leistung für ein Haus dieser Größenordnung!

Die drei Damenrollen waren exzellent besetzt. Die drei jungen Damen - alle Debutantinnen in ihren Partien - stehen alle am Anfang ihrer Karriere und werden zweifellos ihren Weg auf internationalen Bühnen machen. Betsy Horne als Marschallin hat eine warme, aus der Mezzolage überzeugend in das lyrische Sopranfach gewachsene farbenreiche Stimme. Angela Brower ist ein viril drängender Octavian ohne Höhenprobleme – einige Schärfen in der Attacke werden sich mit zunehmender Partienerfahrung noch abrunden lassen.

Zu diesen beiden Amerikanerinnen kam – als neues Klagenfurter Ensemblemitglied die Südafrikanerin Golda Schultz, die für mich die schönste Gesamtleistung bot – sie bezauberte mit ihrer eigentlich untypisch-dunklen Sophie-Stimme nicht nur mit warmen makellosen Höhen, sondern war auch darstellerisch eine authentische Gesamtpersönlichkeit mit großer Bühnenpräsenz – zweifellos ein Glücksgriff für Klagenfurt und man kann sich auf ihr Cleopatra in „Giulio Cesare“ und die Prinzessin in „Die Liebe zu den drei Orangen“ freuen.

Die beiden amerikanischen Damen werden noch daran zu arbeiten haben, in ihren Rollen die ausgezeichneten stimmlichen Leistungen und ihre sympathische menschliche Ausstrahlung mit altösterreichischer Adelsattitude darstellerisch zu ergänzen – erstaunlich und erfreulich bei allen drei Damen die große Textdeutlichkeit.

Der in Dresden engagierte Wiener Michael Eder ist ein erfahrener und überzeugender Ochs, der glaubhaft Adel mit Derbheit verbindet. Zu Beginn wirkte die Stimme noch etwas rau – dann aber steigerte er sich zu einer großartigen Leistung mit der notwendigen saftigen Tiefe und sicheren Höhen. Eine kleine Anmerkung zur an sich exzellenten Textprägnanz: Hofmannsthal schreibt immer „Mädel“ – die derbere Variante „Madel“ passt nicht ganz zum Baron aus altem Adel – und derartige Stellen gab es einige Male…..

Auch alle weiteren Rollen waren mit Gästen und dem Hausensemble sehr solid besetzt. Rolf Haunstein (Dresden/Zürich) war ein souveräner, allerdings absolut unwienerischer Faninal, Daniela Köhler in der stimmlich anspruchsvollen, doch undankbaren Rolle der Leitmetzerin sehr gut. Christa Ratzenböck und Patrick Vogel agierten als überzeugendes Intrigantenpaar - und nur der Sänger von Ilker Arcayürek blieb mit seiner engen Höhe ein wenig unter dem allgemein hohen Niveau. In den kleineren Rollen fielen der markante und textdeutliche Bass von David Steffens (Notar und Kommissar) und der prägnante Tierhändler von Markus Murke positiv auf, aber auch die überwiegend aus dem Chor besetzten übrigen kleinen Rollen bestätigten das gute Ensembleniveau des Hauses.

Chor und Extrachor des Hauses (Einstudierung: Günter Wallner) sangen und agierten mit dem schon gewohnten erfreulichen Einsatz.

Fazit: Klagenfurt ist ein überaus respektabler Saisoneinstand gelungen, zu dem allen zu gratulieren ist. Und allen Opernfreunden ist unbedingt zu empfehlen, die weitere Entwicklung der drei Rollendebütantinnen zu verfolgen.

Hermann Becke

Alle Fotos: Stadttheater Klagenfurt

(Leider wurden keine Fotos für die Publizierung zur Verfügung gestellt, die die Traumbilder der Inszenierung wiedergeben - einen kleinen Eindruck vermittelt die Fotogalerie unter:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/de/produktionen/der-rosenkavalier/ )

 

Links:

Interview mit den drei jungen Rollendebütantinnen:

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/3401433/ein-strauss-drei-damen.story

Golda Schultz: http://goldaschultz.com/Welcome.html

Betsy Horne: http://www.betsyhorne.com/biography.htm

Angela Brower: http://www.angelabrower.com/biography.htm

 

 

 

Vorschau auf die Saison 2013/14

Premieren Musiktheater:

8.9.2013: Der Rosenkavalier (Regie: Marco Štorman, Dir.: Alexander Soddy)

31.10.2013: Macbeth (Regie: Cesare Lievi, Dir.: Alexander Soddy)

24.11.2013: Die Csárdásfürstin (Regie: Tobias Kratzer, Dir.: Günter Wallner)

6.2.2014: Giulio Cesare in Egitto (Regie: Michael Sturminger, Dir.: Attilio Cremonesi )

20.3.2014: Die Liebe zu den drei Orangen (Regie: Immo Karaman, Dir.: Alexander Soddy)

6.4.2014: End of the Rainbow – Judy Garland, ihr Leben, ihre Musik (Regie: Aron Stiehl, Dir.: Mitsugo Hoshino)

22.5.2014: Tokyo Ballett (Künstlerische Leitung: Munetaka Iida )

mehr:

www.stadttheater-klagenfurt.at/de/produktionen/season-2013-14/#stage-buehne

 

Idomeneo

Premiere: 9.Februar 2013

Musikalische Qualität in Stuhl-und Lampenausstellung!

Florian Scholz hat die Intendanz des Hauses ab 2012/13 übernommen und seine erste Saison unter das Motto „Naturgewalten“ gestellt. Nach „Der Freischütz“ und „Das schlaue Füchslein“ folgte nun mit „Idomeneo“ die dritte Opern-Premiere – und da geht es ja wirklich um Naturgewalten. Mozarts Librettist Varesco fügte - im zeitgebundenen Verständnis antiker Mythologie - extreme äußere Situationen aneinander. Hier drei Beispiele aus den szenischen Anweisungen im Libretto: „Poseidon erscheint über dem Meer. Er besänftigt die Winde durch eine Gebärde“ (1.Akt) - „Ein Gewitter erhebt sich; das Meer schwillt an, es donnert, häufige Blitze stecken die Schiffe in Brand; ein gewaltiges Ungeheuer entsteigt den Wellen“ (2.Akt) – „Ein gewaltiges Erdbeben wird hörbar, die Statue Poseidons erzittert“ (3.Akt).

Das szenische Leading-Team kümmert sich allerdings weder um das Motto des Intendanten noch um die szenischen Anweisungen des Stücks. Der für das Bühnenbild verantwortliche Norweger Rune Guneriussen präsentiert im 1.Akt aufeinandergetürmte Stahlrohrsessel (übernommen aus einer seiner Web-Installationen - http://www.thejunction.de/ ), im 2.Akt eine Lampeninstallation (übernommen aus einer eben erst stattgefundenen Wohnungsausstellung – siehe:

http://die-wohngalerie.blogspot.co.at/2012/10/leuchten-installationen-von-rune.html

und im 3.Akt die völlig leere Bühne mit einem darüber gespannten weißen Segel. Diese Installationen, die keinerlei Bezug zum Idomeneo ergeben, sind übrigens nur sichtbar, wenn der Chor beteiligt ist. Bei einem Großteil der Arien, Rezitative und Solistenensembles wird das Ganze gnädig durch einen eigens montierten Zwischenvorhang verdeckt, vor den die Solisten treten, sodass eigentlich das Ganze eher wie eine konzertante Aufführung wirkt.

Dazu kommt die „Kostümierung“ durch Axel Aust, der alle Männer – seien sie nun der König, sein Vertrauter, der Oberpriester oder die Choristen – in graue Anzüge samt Krawatte steckt. Allerdings: wohl als Zeichen der emotionalen Spannung erscheint Idomeneo bei seinem Schiffbruch und am Ende bei der geplanten Hinrichtung des eigenen Sohns im weißen Unterhemd…

In diesem sterilen Umfeld bleibt dem Regisseur Árpád Schilling nur, die Auf- und Abtritte zu organisieren. Alle Solisten wirken allein gelassen, eine situationsadäquate Personenführung gibt es kaum. Der Chor – übrigens durch Günter Wallner sehr gut einstudiert und stimmlich auch bei den Solostellen auf hohem Niveau – bleibt dem Installationscharakter der Inszenierung angepasst ein statischer Block. Und in diesem starren Rahmen überrascht es nicht, dass es kein Ballett gibt. Das Programmheft verweist zwar darauf, dass der Aufführung die Neue Mozart-Ausgabe von Daniel Heartz im Bärenreiter-Verlag zugrunde liegt. Das gilt aber leider nur für den musikalischen Teil. Im Vorwort der Neuen Mozart-Ausgabe heißt es: „Eines der wesentlichen Anliegen der Idomeneo-Edition besteht darin, dem Ballett als einem wichtigen Bestandteil der Oper seinen ursprünglichen, ihm von Mozart zugedachten Platz zurückzugewinnen.“

Die Klagenfurter Produktion bietet zwar die Ballett-Musik im Finale, verabsäumt es aber völlig, diese szenisch – wenn schon aus Finanzgründen nicht durch eine Ballett-Gruppe, so zumindest choreographisch durch den Chor - zu gestalten. Stattdessen muss man der zunächst Fingernägel kauenden, sich mit ihren Stöckelschuhen beschäftigenden, dann sich Idomeneo anbiedernden Elettra zuschauen, die - nachdem das neue Königspaar Idamante/Ilia mit dem Chor durch das große Tor der Hinterbühne entschwunden ist – dem offenbar seinem Thron nachtrauernden abgetretenen König das Richtbeil bringt.

Aber einen großen Vorteil hat diese halb- – fast möchte man sagen viertel- -szenische Präsentationsform: Den Solisten wird für ihre schwierigen Gesangsaufgaben kein Aktionismus vorgegeben - sie können sich auf den musikalischen Part konzentrieren. Und hier bietet die Klagenfurter Produktion hohes Niveau.

An der Spitze des Ensembles stehen für mich die Elettra von Sofia Soloviy und der Idamante von Jurgita Adamonytė. Die ukrainische Sopranistin Soloviy hat schon relativ große internationale Erfahrung und gestaltete ihre erste Elettra mit sicherer Technik und vielen, den unterschiedlichen Gefühlszuständen entsprechenden Stimmschattierungen ausgezeichnet. Ihre lyrischen Phrasen überzeugten ebenso wie ihre Hassausbrüche.

Auch die Litauerin Adamonytė hat trotz ihrer Jugend schon an vielen großen Bühnen gesungen und in Klagenfurt zuletzt im „Schlauen Füchslein“ überzeugt. Ihr Idamante hat charismatische Ausstrahlung, ihre Stimme berührt und bewältigt die schwierige Partie makellos.

Lothar Odinius als Idomeneo ist ein überaus koloraturensicherer Interpret. Alles ist technisch souverän gestaltet, wenn auch für mich die Stimme in den lyrischen Passagen ein wenig trocken klingt.

Die Ilia der erst 28-jährigen Russin Evgeniya Sotnikova zeigt gute Ansätze. Im Piano hat sie ein einnehmend-individuelles Timbre, leider sitzt die Stimme ab dem mezzo forte nicht mehr richtig „im Körper“ (um einen derzeit im „Opernfreund“ diskutierten Terminus zu verwenden) und ist dann nicht mehr zentriert. Schade auch, dass sie besonders im 1.Bild recht unvorteilhaft kostümiert ist.

Die drei kleineren Rollen - Arbace (Patrick Vogel – leider ohne eine der drei Arien), Oberpriester (Thomas Tischler) und Stimme (David Steffens) – waren sehr solid aus dem fixen Hausensemble besetzt. Recht peinlich allerdings die szenische „Lösung“ für den Orakelspruch:

Im Zuschauerraum wird es licht, der junge Sänger erhebt sich in einer Balkonloge, singt seine kurze Passage und setzt sich dann wieder auf seinen Platz. Also keine „Botschaft des Himmels“, wie es im Libretto heißt, sondern offenbar die „Volkesstimme“ - welch hilfloser Regie“einfall“!

Wesentlichen Anteil am musikalischen Erfolg haben zweifellos mehrere Umstände:

- Die Größe des Hauses mit seinen 800 Plätzen passt ideal für Mozart,

- das Sängerensemble war optimal zusammengestellt,

- Chor und Extrachor sind auf hohem Niveau

-  und das Kärntner Sinfonieorchester war durch den jungen englischen Dirigenten Alexander Soddy (der schon bei der Saisoneröffnung im Freischütz überzeugte und ab nächster Saison Chefdirigent in Klagenfurt wird) ausgezeichnet vorbereitet. Die musikalische Spannung wurde stets gehalten, da gab es keine Kontaktprobleme zwischen Bühne und Orchester und so manch schön musiziertes Instrumentalsolo.

Am Ende gab es freundlichen Beifall für die Sängerinnen und Sänger sowie den Dirigenten, beim Erscheinen des szenischen Teams mischte sich hörbares Murren darunter.

Hermann Becke

Alle Fotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Aljosa Rebolj 

 

Links

Lothar Odinius

Jurgita Adamonytė

Sofia Soloviy

Die großartige Elettra-Arie „D’Oreste,d’Aiace“ aus dem 3.Akt hat übrigens Sofia Soloviy beim Viotti-Wettbewerb im Jahre 2009 gesungen (1.Preis und Publikumspreis) >

Interview mit dem Regisseur Árpád Schilling

Weitere Idomeneo-Vorstellungen in Klagenfurt:

9., 12., 14., 16., 20., 22., 27. Februar; 1., 3. Marz 2013

 

 

 

Das schlaue Füchslein

4. Aufführung am 2.11.2012          (Premiere am 25.10.2012)

Österreichs Theater- und Kulturmagazin „Die Bühne“ schreibt in seiner November-Ausgabe über die neue Intendanz in Klagenfurt: „Dieser Einstand kann wohl nicht als gelungen bezeichnet werden: Gleich zwei szenische Flops zu Beginn einer neuen Intendanz und zwar sowohl mit der ersten Opern- als auch der ersten Schauspielproduktion. Denn die Idee des neuen Intendanten Florian Scholz, gleich zum Start jungen Regisseurinnen die Inszenierung von äußerst heiklen Stücken anzuvertrauen, ging ordentlich in die Hose.“ Bei den beiden Premieren handelte es sich um Webers „Frei-schütz“ (der OF berichtete) und Shakespeares „Der Sturm“.

Wie sieht es nun mit der dritten Premiere aus? Hier kooperiert Klagenfurt mit der Bayrischen Staatsoper München, die im Juni dieses Jahres das „Schlaue Füchslein“ mit ihrem Opernstudio im Cuvilliés-Theater in der Sichtweise des Bochumer Schauspielchefs David Bösch herausgebracht hatte. Allerdings spielte man in München eine kammermusikalische Adap- tierung für fünfzehn Instrumentalisten von Jonathan Dove. In Klagen- furt kann man nun die großartige Musik von Leo Janaceks Spätwerk in der vollen Orchesterbesetzung erleben, allerdings mit einer Einschränkung: Die Standardbesetzung des Kärntner Sinfonieorchesters hat offenbar ganz einfach zu wenige Streicher in ihrem Stellenplan und das stört das klangliche Gleichgewicht leider schmerzlich. So sehr sich auch der Klagenfurter Chefdirigent Peter Marschik merklich um Transparenz bemüht und so sehr auch das Orchester engagiert mitgeht: der vollbesetzte Bläser- und Schlagwerksatz dominiert zu sehr – die hohen Streicher können nicht den schwirrenden Janacek-Klang vermitteln.

Die sängerischen Leistungen werden eindeutig von den beiden Füchsen dominiert. Die große Szene zwischen Eva Liebau (Füchsin Schlaukopf) und Jurgita Adamonyté (Fuchs Goldrücken) am Ende des 2.Akts war der eindeutige Höhepunkt des Abends. Beide sangen nicht nur großartig, sie waren auch exzellente Darstellerinnen, die glaubhaft und in gekonnter Körpersprache ihre Rollen verkörpern. Das waren zweifellos Leistungen von überregionalem Rang! Um sie herum präsentiert sich das sehr junge Hausensemble mit lebhaftem Einsatz in Mehrfachbesetzungen: der Baß David Steffens und der Tenor Patrick Vogel sind schon im Freischütz positiv aufgefallen und haben diesmal diesen Eindruck bestärkt. Holger Ohlmann und vor allem Peter Mazalán (der übrigens den Förster schon in München sang) werden ihr großes Stimmmaterial noch zu „zügeln“ und zu kultivieren haben. Positiv die Leistungen von Chor (auch mit sehr ordentlichen Solostimmen) und Kinderchor.

Und nun kann ich mich nicht länger darum herumdrücken und muss doch auch auf die szenischen Umsetzung eingehen: Die Münchner Inszenierung (Regie: David Bösch,Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Falco Herold, Licht: Michael Bauer, Dramaturgie: Rainer Karlitschek, der auch die wesentlichen Teile des Klagenfurter Programmheftes verantwortet) wurde durch die Spielleiterin der Bayrischen Staatsoper Anna Brunnlechner in Klagenfurt neu einstudiert. Wie man aus Berichten über die Münchner Aufführung entnehmen kann, hat sie das ursprüngliche Konzept offenbar „entschärft“ , drastische Sex-und Gewaltszenen weggelassen - und für eine gut durchdachte Personenführung mit dem neuen Team gesorgt, wie man dankbar registrieren kann. Kurzzusammenfassung der Szene: Alles ist herabgekommen und schäbig, das Försterhaus ein Bretterverschlag, links und rechts des Bühnenportals angenagelte Stofftiere, vom Schnürboden hängen unidentifizierbare Wesen, die vielfältigen Tiergestalten sind überwiegend skurrile Monster (die Mücke mit Blutplasmasäcken ??), ein offenbar abgebrannter Wald, der Landstreicher Haraschta mit vollbepacktem Kaufhaus-Einkaufwagen (statt mit „leerem Rückenkorb“, wie es im Orignal steht), der Dachsbau eine Badewanne mit der Aufschrift „Dax“, insgesamt pessimistische Endzeitstimmung - einzig die Fuchsgestalten sind in Kostüm und Spiel großartige und berührende Figuren aus einer Welt zwischen Menschen und Tieren.

Mein grundsätzlicher Einwand zu diesem Konzept: Janaceks Märchen ist in Text und Musik wunderbar vieldeutig. Eine zeitgemäße Inszenierung sollte diese Vieldeutigkeit vermitteln, die Fantasie des Publikums anregen und nicht durch eindimensionale Interpretationen einschränken. Dazu ein einziges konkretes Beispiel: Am Ende des 1.Akts wiegelt das Füchslein die Hennen gegen den Hahn und die bestehende Ordnung auf „Genossinnen, Schwestern! Das wird nicht länger geduldet, wenn der Umsturz kommt! Schafft eine bessere Welt ohne Mensch und ohne Hähne!“ (Text in der Max-Brod-Fassung meines Klavierauszugs und nicht in der neuen, mir an so mancher Stelle unnötig zeitgeistig erscheinenden Fassung dieser Inszenierung). Dazu tragen die – übrigens sehr inspiriert kostümierten - Hühner Tafeln mit der Aufschrift „Arbeit“ bzw.“Streik“. Ein interessiertes Publikum braucht solche Holzhammer-Hinweise nicht, sondern kann selbst denken. Aber eines gelingt der Inszenierung wirklich gut – im Programmheft schreibt der Dramaturg: „Allein zwei menschlichen Tieren ist es vorbehalten, eine eigene idealistische Dynamik zu entwickeln, nur Füchsin und Fuchs finden zum Moment der innigen und befriedeten Zweisamkeit.“

Und das vermittelt sich tatsächlich berührend – hier vertraut die Inszenierung der Musik und der künstlerischen Kraft der beiden schon eingangs gelobten Interpretinnen Eva Liebau und Jurgita Adamonyté. Hier erlebt man modernes Musiktheater – und für diese Momente lohnt es sich, die Klagenfurter Aufführung zu besuchen.

Um am Ende zur Einleitung diese Berichts zurückzukommen: Die dritte Premiere der Klagenfurter Intendanz von Florian Scholz war kein szenischer Flop, sondern – trotz mancher Einwände - eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Freischütz!

Hermann Becke

 

Alle Fotos: Stadttheater Klagenfurt, (c) Arnold Pöschl

Auf die beiden „Füchsinnen“ sei ausdrücklich hingewiesen – ihr weiterer Weg wird hoffnungsvoll zu verfolgen sein:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/de/personen/jurgita-adamonyte/

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/de/personen/eva-liebau/

OF-CD-Tipp:

 

 

 

Der Freischütz

Besuchte Vorstellung: 18.9.2012

Saisonauftakt und Auftakt der neuen Intendanz - Umstritten 

Der 42-jährige gebürtige Heidelberger Florian Scholz – er war zuletzt an der  Bayrischen Staatsoper Direktor für Internationale Beziehungen und Sonderprojekte – hat mit dieser Spielzeit die Intendanz in Klagenfurt übernommen. Die Expertenjury unter dem Vorsitz von Ex-Staatsoperndirektor Joan Holender hatte vor rund eineinhalb Jahren ganz bewußt einen Theatermanager und keinen Regisseur ausgewählt  - siehe dazu den Medienbericht über die Intendantenwahl:

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/klagenfurt/2668440/florian-scholz-neuer-intendant.story

Wenn man  weiß, wo Scholz herkommt (Ernst-Busch-Hochschule, Gorki-Theater und Schaubühne Berlin, persönlicher Assistent von Gérard Mortier), dann überrascht seine erste Premiere nicht. Florian Scholz stellt seine erste Saison unter das Generalmotto „Naturgewalten“, eröffnet mit Webers Freischütz und sagt dazu im Interview:

‚Auch ein klassisches Werk wie "Der Freischütz" verhandelt brisante politische Themen. Man verbindet das Stück oft mit einer fröhlichen, im Wald lebenden Gemeinschaft. Aber es beschreibt etwas ganz anderes, nämlich eine Gesellschaft, die sich zwar als naturverbunden bezeichnet, ihre Individuen aber derart bedrängt, dass ein friedliches, freies Leben nicht möglich ist. Jedenfalls herrschte schon bei der Generalprobe einige Aufregung!’

http://derstandard.at/1345166964061/Ich-moechte-kein-politisches-Sprachrohr-sein )

Und Aufregung gab es nicht nur bei der Premiere, wie man in den ersten Kritiken nachlesen konnte, Aufregung gibt es seither auch bei den Kärntner Leserbrief-Schreibern – und Aufregung und Unruhe im Publikum gab es auch bei der dritten Aufführung, die ich besucht habe. Die junge deutsche Regisseurin Anna Bergmann  hat mit ihrer Dramaturgin Laura Schmidt und den Ausstattern Ben Baur (Bühne), Claudia González Espíndola (Kostüme) und Sebastian Pürcher (Video) zu Webers Musik ein neues Stück erfunden. Von der  „Süddeutschen Zeitung“ (18.3.2011) wird Anna Bergmann als "explodierendes Fräuleinwunder des deutschen Theaterbetriebs" gelobt. Nun – was sie in Klagenfurt präsentiert hat, das war eigentlich nur ein recht hilfloser Versuch, mit den üblichen Mitteln des heutigen Regietheaters aus  Webers Musik und dem Libretto von Friedrich Kind ein anderes Stück zu entwickeln.

Dieses Stück spielt in einer herabgekommenen Dorfgemeinschaft in der amerikanischen Provinz mit stets gewaltbereiten und schiesswütigen Menschen, Transvestiten, Drogensüchtigen, Sexbessessenen, einer dominanten Großmutter, einem ständig und überall präsenten „Unaussprechlichen“ (so wird hier Samiel umbenannt), einem Ännchen mit Baby, einer kindlichen Doppelgängerin von Agathe und einem Dorftrottel als Bruder von Agathe, der im Schlussbild zum Deus ex machina mutiert.

Max kommt als Aussenseiter in diese Gesellschaft – Agathe hofft, mit ihm samt seinem glitzernden Auto und seinem Reitpferd aus dieser bedrückenden Gesllschaft entfliehen zu können. Aber Max passt sich an, wird selbst zum Macho, der am Schluss alles um sich niederschießt und ratlos zurückbleibt, während Agathe durch die Hinterbühne ins Licht schreitet…….

Bei diesem neuen Stück kann man natürlich trefflich Gesellschaftskritik üben, aber wie passt da Webers Musik dazu ? Das Konzept geht am ehesten noch in der Wolfsschlucht auf, als die verzerrten Gestalten der Dorfgesellschaft Max traum- und wahnhaft bedrängen. Aber Weber hat in seiner Musik ganz bewusst dem Schwarz-Nächtlichen das Positive, das Helle gegenübergestellt – und das kommt in Bergmanns Sicht nicht vor. Positives,Transzendenz oder Erlösung gibt es nicht! Noch dazu ist vieles in der Inszenierung handwerklich unreif: entweder agiert der Chor (und auch so manche Solisten) mit den abgenützten Gesten althergebrachter Operntradition oder er wird im Schlussbild zu ritualisierten gymnastischen Bewegungen verurteilt. Und noch etwas, was so ganz gegen den Geist der Musik verstösst:

Agathes Arien sind Ruhepunkte. Aber in dieser Inszenierung gibt es keine Ruhepunkte – ständig muss sich alles (auch die knarrende Drehbühne) bewegen, zusätzlich flimmern Videos im Hintergrund. Die Inszenierung hat keinerlei Vertrauen in die Musik, muss sie zwanghaft ständig mit Aktion konterkarieren und damit von ihr ablenken.

Ein Leserbriefschreiber am Tag der von mir besuchten Aufführung hat nicht unrecht: besser, man vergisst den szenischen Umsetzungsversuch und hört ausschliesslich auf die Musik. Denn hier wird durchaus Hörens- und Lobenswertes geboten!

Die musikalische Leitung hat der junge Brite Alexander Soddy, der für eine intensive und spannungsvolle Leistung des Orchesters und des gesamten Ensembles sorgt. Manchmal wackelt durch sein intensives Gestalten etwas der Kontakt zur Bühne – aber das stört nicht ernsthaft, weil der musikalische Gesamtduktus stets überzeugt. Das Kärntner Sinfonieorchester habe ich kaum je noch so überzeugend gehört. Auch Chor und Extrachor (Leitung: Günter Wallner) waren prächtig. Die vier Hauptfiguren waren sehr gut besetzt. Der Caspar von Martin Winkler ist hier als erster zu nennen. Wenn er sang, vergass man auf die Inszenierung – das war packendes Musiktheater. Eine ideale Besetzung!

Stephan Rügamer war ein glaubwürdiger Max mit dem richtigen Timbre für diese Rolle. Prächtig seine dramatischen Ausbrüche – an den lyrischen Pianophrasen und am Mezzavoce wird noch zu arbeiten sein.

Seine Agathe war die Irin Celine Byrne – schade, dass die hübsche junge Frau zu einer unvorteilhaften Perücke und zu steifer Pose verurteilt war. Sie verfügt über eine schön timbrierte Sopranstimme mit klaren Piano – und Fortetönen und der Fähigkeit zu großen Bögen. Der Registerausgleich wird noch zu verbessern sein – jedenfalls eine neue Stimme mit Zukunftshoffnungen. Als Ännchen kehrte die Kärtnerin Eva Liebau aus Zürich in ihre Heimat zurück und wurde vom Publikum umjubelt . Die Regie zwang sie zu einer völlig manirierten Darstellung, die von ihrer ausgezeichneten stimmlichen Leistung (speziell im dritten Akt) unnötig ablenkte.

Aus dem Ensemble fiel  der 27- jährige David Frédéric Steffens als „Bruder/Eremit“ mit schönem und vielversprechendem Bass auf. Holger Ohlmann war ein kräftiger Kuno. Peter Mazalán (Ottokar) und Patrick Fabian Vogel (Kilian) sind neue junge Ensemblemitglieder, deren Entwicklung man interessiert beobachten wird.

Michael Kuglitsch war ein akrobatischer „Unaussprechlicher/Samiel“ mit leider technisch sehr verfremdeter und dadurch schwer verständlicher Stimme und die erfahrene und geschätzte Schauspielerin Hanne Rohrer gab sich zu der unnötigen Grossmutter-Rolle her.

Zusammenfassend: Klagenfurt hatte schon wesentlich überzeugenderes modernes  Musiktheater erlebt – z.B. Torsten Fischers „Holländer“, mit dem vor einem Jahr die Spielzeit eröffnet wurde. Aber die neue Intendanz hat zumindest auf musikalischem Gebiet die Latte sich selbst hoch gelegt! Warten wir gespannt, wie die nächsten Musiktheaterproduktionen ausfallen werden  (Das schlaue Füchslein, Idomeneo und Perlenfischer)

Hermann Becke

Copyright der Bilder: Stadtheater Klagenfurt 

Video nach der Premiere:

http://www.kleinezeitung.at/allgemein/video/multimedia.do?action=showEntry_VideoDetail&project=462&id=241586

Solisten:

http://www.celinebyrne.com/

http://www.martinwinkler.net/

http://www.stephanruegamer.de/

http://www.salzburgerfestspiele.at/biografie/artistid/2801

 

TOSCA

16.5.2012

Da gab es so manche Probleme vor der letzten Premiere von Intendant Josef E.Köpplinger, der ab Herbst die Leitung des Münchner Gärtnerplatztheaters übernimmt : Zuerst stürzte bei den Proben ein Kulissenteil auf zwei Bühnentechniker und die Sopranistin Annemarie Kremer, die sich in Spitalsbehandlung begeben musste und weder die Premiere noch spätere Vorstellungen singen konnte – siehe dazu:

http://www.krone.at/Oesterreich/Kulisse_stuerzt_bei_Opern-Probe_auf_Buehne_3_Verletzte-Polizei_ermittelt-Story-319062

Und dann brach der Sänger des Scarpia – Francesco Landolfi – bei der Generalprobe mit Kreislaufversagen zusammen.

Ich besuchte die sechste Aufführung – da gab es keine Pannen vor dem ausverkauften Haus.

So wie zuletzt in Graz bei „Maria Stuarda“ (siehe den Bericht vom 30.3.2012) lagen „Regie, Licht, Bühne und Kostüme“ in einer Hand – in der Hand des Italieners Stefano Poda. Auch bei dieser Inszenierung gelingen ihm wunderbare, düstere und nebeldurchwehte Bilder - auch hier wendet er das Mittel der drastischen Verlangsamung des Geschehens an. Er schafft eine geradezu irreale Atmosphäre mit vielen Statisten, deren Funktion sich nicht immer erschließt. Selbst die – von Puccini „molto lontano“ gewünschte – Schäferstimme im letzten Akt wird zu einer seherinnenhaften Frauenfigur im Zentrum der Bühne. Stefano Poda ist die bildhafte, statische Wirkung wichtig. Diese erzielt er – aber das ist unzweifelhaft ein ungeeignetes Mittel, um das umzusetzen, was im Programmheft zurecht wie folgt beschrieben ist: „Tosca ist ein brillanter Reißer und Puccini wußte, was ein Reißer vor allem braucht: Tempo.“ Und gerade dieses Tempo und dieses Reißerhafte fehlten an diesem Abend völlig.

Poda sieht die Figuren nur als einen Bestandteil des Gesamtbildes. Wichtiger als die einzelne Figur ist ihm das optische Gesamarrangement. Das bedeutet, daß den drei Hauptfiguren jede Individualität fehlt, manchmal findet man zwischen den Statisten gar nicht gleich den Protagonisten – es gibt keine knisternde Spannung. Und wo Poda detaillierte Personenführung einsetzt, so ist dies wenig überzeugend – dazu nur drei Beispiele: Warum macht der Mesner bei seinem Angelus-Gebet Liegestützübungen, warum nimmt Tosca am Ende des 2.Akts zunächst ein Messer vom Tisch, um dann Scarpia mit einem Revolver zu erschießen und warum hält im 3.Akt der Schließer Cavaradossi zunächst Schreibpapier hin, um es ihm dann zu entreißen? Alles unnötige Kleinigkeiten!

Das Konzept von Poda könnte – unter Umständen! – dann aufgehen, wenn musikalische Weltklasse am Werk ist und man von deren stimmlicher Interpretation gefesselt würde. Dies ist allerdings in Klagenfurt nicht der Fall: Man erlebt ordentliche, aber nicht außerordentliche Stimmen:

Die junge Ukrainerin Viktoriia Chenska als Tosca ist eine große schlanke Bühnenerscheinung mit manch schöner Pianophrase, aber auch manch tremolierender Forteschärfe, für den 35-jährigen Italiener Francesco Landolfi kommt der Scarpia wohl zu früh. Man hatte den Eindruck, daß er sich im Tedeum des 1.Akts allzu sehr verausgabt hatte, sodaß ihm im entscheidenden 2.Akt die notwendigen Kraftreserven fehlten. Am überzeugendsten war der US-Tenor uruguayischer Abstammung Gaston Rivero mit kraftvollen Attacken, aber auch schönen lyrischen Momenten.

Aber in Podas Regiekonzept konnte niemand der drei ein eigenes Profil entwickeln – sie blieben gleichsam als bloße Bildelemente im mystischen Halbdunkel stecken – schade! Auch den Nebenrollen fehlte die so wichtige stimmliche Prägnanz und scharfe Artikulation.

Und leider konnte auch das Orchester unter dem Klagenfurter Chefdirigenten Peter Marschik nicht überzeugen. So manche Ungenauigkeit (z.B. Celesta – Tosca im 1. Akt) und wenig Klangraffinement fielen auf, manches erinnerte - Verzeihung! - gelegentlich an an italienischen Kaffeehaus-Sound – erst im letzten Akt gelang manches wirklich sehr schön – etwa das Klarinetten-Solo.

Das Publikum quittierte die Aufführung mit freundlichem und kurzem Applaus.

Opernkritiken leben – auch – von Vergleichen. Es wäre natürlich inadäquat, eine Klagenfurter Stadttheater-Aufführung mit größeren Häusern zu vergleichen – aber mit dem Klagenfurter Opernniveau dieser Spielzeit ist ein Vergleich wohl zulässig.

Und da bleibt nur die abschließende Feststellung, daß diese Tosca weder in ihrer szenischen Umsetzung noch musikalisch an die beiden letzten Klagenfurter Premieren (Der fliegende Holländer, Evangelimann) heranreicht. An die großartige, etwa 10 Jahr zurückliegende Tosca-Inszenierung des früheren Klagenfurter Intendanten Dietmar Pflegerl darf man auch nicht denken….

Hermann Becke

Bilder: Helge Bauer

 

 

Viva Belcanto

am 12.4.2012

Das Stadttheater Klagenfurt ist ein Mehrspartentheater, das völlig zurecht der knapp 100.000 Einwohner zählenden Kärntner Landeshauptstadt und deren Umfeld ein vielfältiges Spektrum bietet. In der Spielzeit 2011/12 sind das im Premierenabonnement drei Opern, ein Ballettabend, zwei Musicals, drei Schauspielaufführungen und eben jetzt ein Abend unter dem Titel „Viva Belcanto“.

Coüyright der Bilder: Stadttheater Klagenfurt

Das rund 50 Mitglieder zählende Kärnter Sinfonieorchester (KSO) sitzt auf der Bühne und begleitet drei gastierende Gesangssolisten – unterstützt von Chor und Extrachor des Stadttheaters – in Opernausschnitten von Rossini, Donizetti, Bellini, Meyerbeer, Thomas und Gounod. Dieses Projekt spart Ausstattungskosten und bietet dem Publikum Bekanntes und wenig Bekanntes aus Opern, die man wohl kaum in einem Mehrspartenhaus szenisch aufführen würde – also ein auch in wirtschaftlicher Hinsicht sinnvolles Unterfangen. Der Titel des Abends ist nicht recht überzeugend, stehen doch vier Orchester- und zwei Chorstücke nur acht Gesangsszenen gegenüber – aber ehrlich gesagt: mir fiele auch kein besserer Titel ein! Und diese acht Gesangsnummern sind tatsächlich illustrative Beispiele der italienischen und französischen Belcanto-Literatur.

Nach der ursprünglichen Ankündigung hätte Andrea Rost im Mittelpunkt des Abends stehen sollen – noch am Tag der Premiere standen die Klagenfurter Termine auf dem Kalender ihrer Homepage. Heute – einen Tag danach – sind sie aus ihrem Kalender verschwunden. Warum die ungarische Koloraturvirtuosin, die vor etwa 20 Jahren in allen großen Häusern in den ersten Rollen ihres Fachs international präsent war und die eine ansehnliche Discographie aufzuweisen hat (http://www.andrearost.com/de/discography ), die Klagenfurter Auftritte abgesagt hatte, blieb - auch auf ausdrückliche Rückfrage – unklar. So jedenfalls konnte das Publikum einen Abend erleben, an dem nicht ein einzelner internationaler Star im Mittelpunkt steht, sondern drei Sängerpersönlichkeiten, bei denen es wert ist, sie auf ihrer Belcantoreise durch recht unterschiedliche Partien zu begleiten.

Die großen Sopranszenen hatte die erfahrene Ukrainerin Olga Mykytenko übernommen. Sie überzeugte mich besonders in der Cavatine der Isabelle aus Meyerbeers „Robert le Diable“. Da hörte man nicht nur sichere technische Stimmbeherrschung, sondern auch Virtuosität im Dienste glaubwürdiger Emotion. Die Duette aus „Lucia di Lammermoor“ und aus „Don Pasquale“ litten ein wenig darunter, dass ihre Stimme und die des Tenors nicht recht zusammenpassten und dass sie wohl der Norina schon entwachsen ist.. Überzeugend hingegen die große Norma-Szene „Casta diva“.

Der rumänische Tenor Bogdan Mihai war für mich die erfreuliche Überraschung des Abends. Schon lange habe ich nicht einen derart überzeugenden Rossini -Tenor gehört. Perfekt in der Intonation und in der Koloraturgeläufigkeit beeindruckte er mit heller, aber nie „weißer“ Stimme. Wirklich virtuos war die extrem schwierige und daher meistens gestrichene Almaviva-Arie aus dem Ende des „Barbiere di Siviglia“. Ich bin sicher: von ihm hat man im Rossini-Fach noch viel zu erwarten – sehr verständlich, dass er demnächst in Zürich, Berlin und Genf auftreten wird. Der Edgardo aus der „Lucia“ gelang mit Anstand, ist aber (derzeit noch etwas) ausserhalb seiner Möglichkeiten. Da fehlte der heldische Zugriff.

Der dritte Solist war der 26-jährige slowakische Bass-Bariton Richard Sveda. Ich habe ihn noch in Erinnerung, als er in Grazer Studentenproduktionen vor vier, fünf Jahren Guglielmo, Papageno, aber auch Pilatus in einer szenischen Umsetzung der Bachschen Johannespassion sang. Schon damals vermerkte ich die „gesunde Prachtstimme“. Die ist ihm geblieben, dazu beeindruckt er mit blendender Podiumspräsenz. Er hatte an diesem Abend nur zwei selten zu hörende Arien beizusteuern – sowie die prägnant servierten Oroveso-Einwürfe in der Norma-Szene. Zunächst eine lyrische Szene aus Donizettis „Dom Sébastien, Roi de Portugal“ und im zweiten Teil eine effektvolle Buffo-Arie aus „Le Caid“ von Ambroise Thomas. Die Stimme hat Kern und sichere Höhe, an der französischen Buffo-Brillanz wird noch weiter zu arbeiten sein. Auch er wird seinen Weg sicherlich machen. Seiner Homepage ist zu entnehmen, dass der Escamillo in Duisburg bevorsteht. Da ist mit Sorge darauf zu achten, dass nicht zu früh durch zu gewichtige Rollen das wunderbare Material überbeansprucht wird…..

Der Chor (Leitung: Günter Wallner) war leider hinter dem Orchester ungünstig positioniert. Das wirkte sich sowohl dynamisch als auch durch rhythmische Ungenauigkeit aus. Wenn schon Chor-Nummern auf dem Programm stehen, dann muß der Chor auch adäquat im Vordergrund stehen – warum zum Beispiel nicht in den Proszeniumslogen links und rechts des Bühnenportals ?

Das Orchester bot unter der Leitung von Michael Brandstätter eine solide und offenbar sehr gut geprobte Leistung mit schönen Soli (z.B. Hörner in der Semiramide-Ouvertüre, Flöte in der Lucia, Oboe in der Ballettmusik aus „La Favorite“). Bei Rossini hatten auch die Streicher die nötige Schärfe – nur bei der Ballettmusik aus Gounods „Faust“ fehlte mir das französische „Parfum“ und der Schmelz.

Nach diesem durchaus ansprechenden konzertanten Ausflug in die Welt der großen Belcanto-Oper folgt im Mai die letzte Klagenfurter Oper-Premiere der Ära von Josef E.Köpplinger, der an das Münchner Gärtnerplatztheater wechselt.

Regie, Bühne und Kostüme liegen in der Hand von Stefano Poda, der gerade in Graz eine überzeugende und eigenständige „Maria Stuarda“ auf die Bühne gestellt hatte (siehe den Bericht vom 1.4.2012). Man darf gespannt sein, wie Poda den veristischen Hit gestalten wird und was sich aus folgender Job-Ausschreibung auf der Homepage des Stadttheaters ergeben wird:

„Die Stadttheater Klagenfurt OG sucht für die Produktion TOSCA vom 2. April bis 31. Mai 2012 männliche Statisten die sich gut bewegen können, bzw. eine Tanz-, Yoga- oder Kampfsportausbildung haben. Sie sollten zwischen 18 und 40 Jahre alt sein.“

Sie werden zum gegebenen Zeitpunkt hier nachlesen können, was diese „männlichen Statisten“ in der Tosca bedeuten….

Hermann Becke

Links zu den drei Solisten:

http://olgamykytenko.com/biography

http://www.deutscheoperberlin.de/?page=person_detail&iduser=53809

http://www.richardsveda.sk/de/biographie/

 

DER EVANGELIMANN

Nach der Premiere an der Volksoper Wien (2006) und der Wiederaufnahme an der Grazer Oper im Jahre 2007 brachte Intendant Josef E.Köpplinger seine Inszenierung nun ins eigene Haus und feiert auch hier einen deutlichen Publikumserfolg. Wilhelm Kienzls Oper, uraufgeführt 1895 in Berlin, war um die Jahrhundertwende ein Welterfolg: übersetzt in 16 Sprachen wurde das Werk damals über 5300 mal weltweit aufgeführt. Sie ist auch heute publikumswirksam, sofern das Brüderpaar überzeugende Sängerpersönlichkeiten sind. Dies war in der Klagenfurter Repertoireaufführung der Fall!

Johannes Chum, der aus der Alten Musik und den Mozart-Partien in das jugendlich-dramatische Fach wächst, ist mit seinem klartimbrierten unverwechselbaren Tenor ein glaubwürdiger und nie larmoyanter, ja idealer Interpret der Titelpartie.

Das Copyright aller Bilder liegt beim Stadttheater Klagenfurth

Hans Gröning überzeugt vor allem im 2.Akt mit seinem kräftigen, sehr gut sitzenden Bariton und ausgezeichneter Artikulation. Dazu kommt Anna Agathonos

 

www.anna-agathonos.com

 

mit pastosem Alt und ruhiger Bühnenpräsenz. Die nicht sehr dankbare (weil auf den ersten Akt beschränkte) Sopranpartie singt wie in der Wiener Premiere Alexandra Reinprecht. An diesem Abend wirkte sie etwas distanziert. Ihre Stimme (diesmal mit deutlichem Tremolo) passte auch nicht recht zu Chums „geradem“ Tenor.

Sonst gab es stimmlich Unterschiedliches:

Man freute sich an der Wiederbegnung mit Ks. Peter Wimberger, der an der Wiener Staatsoper alle großen Partien des heldischen Bassbaritonfachs gesungen hatte und nun mit über siebzig Jahren eine prägnante Episodenfigur als Bürger Aibler auf die Bühne stellte. Der kernige Bassbariton des Schnappauf von Derrick Ballard fiel positiv auf.

Sehr gut der Chor und vor allem der Kinderchor. Die musikalische Leitung hatte Michael Brandstätter – der erste Akt zerfiel etwas, was auch am Stück liegen mag. Im zweiten Akt hingegen gelang es ihm, mit dem solide spielenden Orchester dichte Spannung zu vermitteln.

Die Inszenierung verlegt das Stück aus den im Libretto vorgesehenen Jahren 1820 bzw.1850 in die Zeit um 1900 und 1930. Hier kann ich mich nur uneingeschränkt dem anschließen, was Dominik Troger im „Neuen Merker“ schon bei der Wiener Premiere geschrieben hat:

“Anliegen der Regie war es offensichtlich, einen zeitgeschichtlichen Rahmen zu finden. Dazu hat das Regieteam um Josef Ernst Köpplinger nicht die Hauptpersonen genutzt, sondern die Genreszenen. Der schon erwähnte Schneider Zitterbart wird zum Juden und muss für eine brutale antisemitisch-motivierte „Ab-Reaktion“ der St. Othmarer Bevölkerung herhalten. Ihm wird ziemlich eingeschenkt und die an sich harmlose Dorfneckerei wird zum anklagenden Auftakt eines christlich-sozial verbrämten Antisemitismus umgebaut. Davon gabs bekanntlich „um 1900“ genug – aber es ist natürlich festzuhalten, wo die Interpretation anfängt und wo Kienzls Textvorlage aufhört. Weil die Volksempörung musikalisch kaum einen solchen Hassausbruch motiviert, hat man offenbar noch Zwischenrufe eingebaut, um die Szene dramatischer auszuschmücken. Sie gewann dadurch zwar stark an Konturen – entfernte sich aber entsprechend weit vom ursprünglichen Handlungsfaden. Im zweiten Aufzug wird regiegemäß der Austrofaschismus bemüht, Heimwehrmänner versuchen – während Magdalena und Mathias einander ihre Herzen ausschütten – einen Juden „abzuholen“

Insgesamt überzeugt die Regie durch genaue Personenführung - die „Aktualisierung“ war absolut unnötig und es stimmt das, was in der zitierten Kritik steht: „Für die Besprechung dieser Inszenierung ist wichtig anzumerken, dass Kienzl dieses „Selig sind, die Verfolgung leiden“ nur am individuellen Schicksal der Hauptfiguren festmacht. Es gibt keine daraus abgeleiteten politischen Botschaften. Die Verhöhnung des Schneiders im Kegelbild hat Genrecharakter – und spielt mit den typischen Schneider-Klischees, die man auch aus den Grimm’schen Märchen kennt.“

Die Bühnenbilder von Johannes Leiacker und die Kostüme von Marie-Luise Walek sorgen im zweiten Akt für dichte Atmosphäre. Unverständlich hingegen das bayrische Bauernbarock im ersten Akt mit felsigen Bergspitzen und Oktoberfest-„Charme“, wo dieser Akt doch in Niederösterreich an der Donau spielt ……

Aber trotz dieser Einwände insgesamt eine sehr erfreuliche Aufführung, wie die atemlose Aufmerksamkeit des Publikums im zweiten Akt und der lebhafte Beifall bestätigten.

Hermann Becke

 

Die Biographien der Ausführenden sind nachzulesen in:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/900pressdown/text/stk_presseinformation__der_evangelimann.pdf

Weitwere Fotos der Klagenfurter Aufführung:

http://www.stadttheater-klagenfurt.at/216_der_evangelimann_slidesflash.php

Es gibt auch eine DVD der Produktion ( allerdings mit der Wiener Besetzung):

http://www.capriccio.at/der-evangelimann

 

 

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Premiere am 15.09.2011

Intendant Josef E.Köpplinger eröffnete am 15.September 2011 seine letzte Spielzeit in Klagenfurt – bevor er dann das Gärtnerplatztheater in München übernimmt – mit einer einhellig positiv aufgenommenen Produktion von Richard Wagners romantischer Oper. Er hat dafür ein ausgezeichnetes Team zusammengestellt.

Der erfahrene Berliner Regisseur Torsten Fischer erzählt eine neue Geschichte, die das Erlösungsthema durchaus schlüssig in die Probleme unserer heutigen Zeit verlagert. Senta und der Holländer führen das gestrandete Boatpeople in eine positive Zukunft.

Alle Bilder, wenn nicht anders erwähnt © Stadttheater Klagenfurt / Helge Bauer

Dem Regisseur gelingen gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Herbert Schäfer und dem Kostümbildner Vasilis Triantafillopoulos eindringliche Bilder. Vor allem aber schafft er durch den Kunstgriff, die gestrandete (Holländer)-Schiffsbesatzung durch einen Bewegungschor mit Menschen aller Ethnien darzustellen, einen überzeugenden und berührenden Theatereffekt. Die Führung dieses Bewegungschors ist nie platt oder gar peinlich – und noch dazu sehr dem Musikgeschehen entsprechend! Der Bewegungschor der Heimatsuchenden in seiner Buntheit kontrastiert zur Uniformität der Einheimischen – gebildet von Dalands Matrosen und den sekretärinnenhaften Damen.

Von ihnen hebt sich schon durch die Kleidung Senta als Individuum klar ab. Astrid Weber (heuer Bayreuths Elsa) führt das sehr gute Sängerensemble an. Sie gestaltet von Anfang an – schon während der Ouvertüre! – die dominierende Frauenfigur mit ausdrucksstarkem Spiel und einer hervorragenden stimmlichen Leistung. Das ist überzeugendes modernes Musiktheater!

Renatus Mészár ist ein melancholischer Holländer mit dunklem Bassbariton, der manchmal in den dramatischen Ausbrüchen seine Stimme schlanker und zentrierter führen sollte, den aber auch sehr schöne Pianophrasen gelingen und der als Figur überzeugt.

Der junge Daland von Gábor Bretz hat ein reiches Material, das sich noch zu mehr Differenzierung entwickeln kann. Die Deutung als Schmiergeldempfänger ist plausibel. Wunderschön ist vom Regisseur die Szene entwickelt, wie der Holländer dem Schlepper Daland neben einem Packen Banknoten ganz einfach Menschen als „kostbare Perlen, edelstes Gestein“ anbietet. Die Wandlung Dalands zum Unterstützer Senta und des Holländers schien mir von der Regie allerdings nicht vollends überzeugend gelöst.

Den Steuermann singt Daniel Prohaska sprachlich sehr gut artikuliert und fallweise in der Höhe unnötig forciert. Er ist der erste, der sein Menschenbild ändert und sich dem Boatpeople des Holländers zuwendet.

Den Erik verkörpert der amerikanische Tenor Daniel Brenna. Er taucht schon von Anfang an auf – der Jäger als Grenzwächter, der das Boatpeople nicht in sein Heimatland lassen will. Der Regisseur hat ihn als „Couch-Potato“- artige Figur gezeichnet, die offenbar ihre Minderwertigkeitskomplexe mit Waffengewalt übertünchen möchte. Brenna gelingen durchaus eindrucksvolle heldische und metallene Stimmausbrüche. Sein Mentor John Treleaven, der ihn auf Siegfried, Tannhäuser und Parsifal vorbereitet, wird allerdings noch intensiv daran arbeiten müssen, dass auch lyrische Legatophrasen gelingen. Der Beginn der Kavatine im letzten Bild („Willst jenes Tags du nicht dich mehr entsinnen“) war leider fast peinlich…

Die Mary von Anna Agathonos war sicher und solide. Da die Chordamen nicht spinnen, sondern mit Laptop und Kopierautomaten umgehen – einer der wenigen nicht überzeugenden Regiemomente – muss sie anstelle von „Ich spinne fort“ „Ich muss nun fort“ singen.

Für den Chor (Leitung: Günter Wallner) war das Regiekonzept eine praktische Hilfe für die musikalische Bewältigung:

Da der „Holländer-Chor“ ein stummer Bewegungschor ist und seine Pasagen am Schluss von den vier männlichen Solisten übernommen werden, konnten sich Chor und Extrachor mit voller Stimmkraft und eindrucksvollem Erfolg auf die „Einheimischen“ konzentrieren. Die Damen im zweiten Bild waren leider zu sehr im Hintergrund positioniert – da hats zwischen Orchestergraben und Bühne beträchtlich gewackelt!

Das Kärtner Sinfonieorchester unter Chefdirigent Peter Marschik war ambitioniert am Werk, wenn auch nicht alles gelang – man vermisste so manchen schwärmerischen Streicheraufschwung und bemühte sich, über trockene Blechbläser hinwegzuhören. Der Dirigent hätte auch nicht zulassen dürfen, dass die Aufführungspause vor den Beginn des großen Duetts Senta/Holländer hineingezwängt wird. Es ist nicht nur eine musikalische Sünde, den Kontrast zwischen Dalands Geschäftigkeit und dem berührenden Mezza-Voce-Beginn von Holländers „Wie aus der Ferne längst vergangner Zeiten“ durch eine Pause am Buffet zu unterbrechen – es war auch eine unnötige Störung des sonst so stringenten Handlungsflusses.

Dies tut aber dem Gesamterfolg keinen Abbruch:

Es war ein großer Abend des Klagenfurter Stadttheaters. Es war einer der (leider seltenen) Fälle, dass ein aktualisierendes und das Libretto veränderndes Regiekonzept nicht nur nicht gegen den Geist der Musik wirkt, sondern sogar Wagners jugendlichen Sozial – und Erlösungsimpuls in einem heute uns alle bewegenden Sinne trifft!

Hermann Becke

 

P.S. Noch zwei Hinweise:

Im Rundfunk hat der Regisseur sein Konzept erläutert – wen es interessiert, hier ist der link dazu: http://oe1.orf.at/artikel/286091

Und wer das Stadttheater Klagenfurt nicht kennt, dem sei durchaus der Besuch empfohlen:

Es ist ein Bau von Helmer und Fellner, der zum 60-Jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Franz-Josef in den Jahren 1908 bis 1910 errichtet wurde, knapp 1000 Plätze hat und in sehr schöner Form restauriert und durch einen Anbau des bekannten Architekten Günther Domenig erweitert ist. Das Theater wird als Dreispartenhaus geführt

 

Credo vom Regisseur Torsten Fischer

Bei seiner Operninszenierung handle es sich nicht um eine Mitleidsveranstaltung - das müsse, so Fischer, absolut klar sein. Klar sei auch, dass er mit seiner Inszenierung informieren, etwas bewegen wolle. Fischer: "Wir machen Theater nicht für Lob. Wir machen Theater, um Farbe zu bekennen, ein Thema anzupacken, Stellung zu nehmen, eine Oper ins Heute zu bringen, die 1847 komponiert wurde, aber heute noch ihre Gültigkeit behalten muss. Das Theater ist kein Museum, sondern einer der lebendigsten politischen Orte".
Genau an diesem Ort wird sichtbar, dass wir alle irgendwie, wie auch Richard Wagner selbst, Heimatsuchende sind.

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com