Le Nozze di Figaro
13. Juli 2011
(Premiere am 10. Juli 2011)
Mozart vom Feinsten - das bietet heuer
"operklosterneuburg". Das kleine Festival, welches 2011 zum
17. Mal im barocken Kaiserhof des Stiftes Klosterneuburg (20 Minuten Autofahrt
von Wien entfernt) stattfand, steht seit 1998 unter der Intendanz von Michael
Garschall, der Vinzenz Praxmarer mit der musikalischen Leitung und
Regiejungstar Matthias von Stegmann mit der szenischen Umsetzung von
Wolfgang Amadeus Mozarts "Le Nozze di Figaro" betraute.
Und wie dieses Team zusammen mit dem
engagierten Sängerensemble Mozarts Meisterwerk auf die Bühne brachte, war
einfach gelungen und atemberaubend schön. Das klassische Ambiente des Stiftes
Klosterneuburg passte da ideal zum Bühnensujet, sogar die Uhrzeit der
Aufführung war perfekt gewählt, spielten die ersten beiden Akten noch in der
Dämmerung, während die nächtliche Schlussszene perfekt zur schwülen Sommernacht
passte. Alexandra Burgstaller hatte ein zeitlos sevillianischen
Bühnenbild geschaffen, ein bereits in die Jahre gekommenes gräfliches Schloss,
dazu gerade nur das nötigste Beiwerk wie den librettomäßig geforderten
Ohrensessel zu Beginn. Gespielt wurde eine straffe Rezitativ-Fassung, welche
zwar den komplexen Plot der Handlung verständlich machte, andererseits aber den
Rahmen eines Openair-Abends nicht sprengte. Agnes Hamvas zeichnete für
die historisch stilisierten Kostüme verantwortlich und Matthias von Stegmann
verzichtete auf eine hochintellektuelle Deutung, sondern vertraute auf konzise
Personenführung und die Spielleidenschaft aller Akteure. Er bewies, dass es
nicht eines modernen Regietheaters bedarf um die auch heute noch gültigen
Aussagen Lorenzo da Pontes dem Publikum näher zu bringen. Wenn der Graf im
Finale der Oper als ein von seinen Hormonen gesteuerter Machtmensch hilflos
zusehen muss, wie seine Untertanen jenes Glück finden, das er selbst
(vergeblich) sucht, dann kam mir sofort ein gewisser Dominique Strauss-Kahn in
den Sinn - mit dem einzigen Unterschied, dass der französische Banker und Politiker
von seiner (wenig emanzipierten) Frau medienwirksame Unterstützung erhielt,
während sich Gräfin Almaviva von ihrem Ehemann angewidert abwendet.
Die von mir besuchte Aufführung hatte
auch sonst alle Ingredienzien, die Freilufttheateraufführungen spannend machen.
Die Ouvertüre erklang noch bei prächtigem Sonnenschein, aber stark aufkommendem
Wind, später störten penetrante Geräusche einer Baustelle (so agiert
hierzulande eben die Österreichische Bundesbahn, wobei eine derartige
Lärmbelästigung auch für die normale Wohnbevölkerung eine Zumutung darstellt)
und mitten im zweiten Akt fielen die ersten Regentropfen. Wurde halt die Pause
vorgezogen. Als es aber vor dem Finale 1 nochmals zu regnen begann, musste
Garschall und sein Team harte Arbeit leisten: Übersiedlung in die benachbarte
Babenbergerhalle, Fortsetzung im Trockenen, eine logistische Meisterleistung!
Was mich am meisten begeisterte war die
Qualität des Sängerensembles. Dominik Köninger gab einen anfangs noch
schaumgebremsten, später aber seine Position brutal ausnutzenden Grafen
Almaviva, der mit seinen wunderbaren Phrasierungen fast "zu schön"
sang. Der gebürtige Hamburger wird ja auch nächstes Jahr wieder in einigen
Partien an der Wiener Volksoper zu hören sein, man kann sich darauf freuen. Das
gilt auch für Sébastien Soulès, der als Figaro mit all seinen Stärken
punkten konnte: Quirlig, komödiantisch, wortdeutlich, mit hellem angenehmen
Timbre, seine manchmal sehr freie Interpretation der mozartschen Noten war für
die Puristen im Publikum sicher gewöhnungsbedürftig. Den beiden Männerpartien
standen adäquate weibliche Counterparts gegenüber: Netta Or gab die
coole Gräfin, die aber ihre Leidenschaft zu Cherubino durchaus offen zeigte.
Ihre fast vibratolose wunderbare Gesangslinie beeindruckte mich sehr. Noch mehr
fesselte mich aber Chaira Skerath als Susanna. Die in Belgien geborene
Schweizerin steht in Klosterneuburg alternierend als Barbarina und Susanna auf
der Bühne. Geschickt umgarnt sie ihren Figaro, ihre Stimme entfaltete im
Kaiserhof den schöneren Klang als in der (in jeder Hinsicht) trockenen Halle
der Ausweichbühne. Die Linzerin Katrin Auzinger hatte es als Cherubino
natürlich nicht leicht neben diesem hochkarätigen Quartett zu bestehen, was ihr
aber nach nervösem Beginn (es war für sie als Zweitbesetzung ja die
Premierenvorstellung) durchaus gelang. Allein durch ihre Körpergröße war sie
ein sehr männlicher Cherubino, das "Voi che sapete" gestaltete sie
besonders fein.
Victoria Massey als Marcelline, Horst Lamnek als Bartolo, Andrew Johnson
als Don Basilio und Don Curzio sowie eine extra hervorzuhebende Ethel
Merhaut als Barbarina vervollständigten die Sängerliste. Vinzenz
Praxmarer ließ sich mit der Sinfonietta Baden auf keine Experimente
ein, musizierte einen kammermusikalisch feinen Mozart, gestaltete die
Entsendung Cherubinos als Offizier betont martialisch und motivierte auch den Chor
des Gymnasiums Klosterneuburg zu einer ansehnlichen Leistung. Ein Extralob
an alle Beteiligten für ihre Nervenstärke und die Flexibilität an diesem an
Unterbrechungen nicht armen Abend. Die Aufführungsserie endet am 2. August, im
nächsten Jahr gibt’s noch mehr Komik, nämlich Donizettis Don Pasquale.
Ernst Kopica
DIE REGIMENTSTOCHTER
Die Stadtgemeinde
Klosterneuburg veranstaltet seit nunmehr 15 Jahren (seit 1998 unter der
Intendanz von Michael Garschall) im
Kaiserhof des altehrwürdigen Augustiner-Chorherrenstiftes exquisite Sommeropern,
die sich in einigen Punkten wesentlich von anderen Freiluftaufführungen im
Wiener Raum unterscheiden. Zum Ersten vertraut man - auf Grund der Intimität
des wunderschönen Innenhofes des Stiftes durchaus berechtigt – auf den
Originalklang der Stimmen und Instrumente ohne elektronischer Verstärkung,
zweitens steht bei Schlechtwetter die nahe gelegene Babenbergerhalle als
Indoor-Ausweichspielstätte zur Verfügung. 2009 kam eine dritte Besonderheit
hinzu: Mit shooting-star Daniela Fally sah
und hörte man eine Sängerin, die das Zeug für eine Weltkarriere hat und
dementsprechend das knapp dreistündige Geschehen in Gaetano Donizettis
Meisterwerk La Fille du Regiment dominierte. Markus Kupferblum schrieb eine durchaus überzeugende witzige
deutschsprachige Dialogfassung der 1840 komponierten Opera Buffa, gesungen wird
jedoch im Original in Französisch. Dabei schrammt die Aufführung manchmal gefährlich
knapp an einer Opernparodie vorbei, doch selbst die aktuellen Anspielungen auf
tagespolitische Missstände wirkten am Ende ebenso wenig peinlich wie die
Tatsache, dass Tonio als Tiroler Schilehrer Toni im Norwegerpullover seinen
Auftritt hatte.
Das Regiekonzept der
Französin Pascale-Sabine Chevroton
überzeugte durch Witz und Schwung, mit Augenzwinkern wird das Soldatenleben
dargestellt und die feine Adelsgesellschaft auf die Schaufel genommen. Die
Ausstattung Alexandra Burgstallers und
die Kostüme Andrea Hölzls gefallen
vor allem durch die Liebe zum Detail – so verwandelt sich eine Militärkiste schwupps
in eine bunte Blumenwiese! Dem in Erfurt tätigen Enrico Calesso war die musikalische Leitung der Sinfonietta Baden
(das Jugendorchester kooperiert seit 1999 mit Klosterneuburg und meistert auch
heikle Stellen wie den Bläsereinsatz zu Beginn der Ouvertüre mit Bravour) anvertraut.
Der sympathische Italiener fand während der Dialoge sogar noch Zeit mit
Duchesse von Crakentorp (Tini Kainrath)
ungeniert zu flirten. Damit sind wir schon bei jener Darstellerin angelangt,
die sicherlich über den höchsten Bekanntheitsgrad der Mitwirkenden verfügt,
wirbelte sich doch über Wochen in der Fernsehshow Dancing Stars über die
Bildschirme des österreichischen Fernsehpublikums. Dass die Sängerin des
Pop-Damen-Terzetts „Rounder Girls“ neben Schlagfertigkeit und Humor aber auch
über eine tolle Stimme verfügt, bewies sie bei ihrem Auftritt mit einem
Alt-Wiener-Dudler, also einer Art Jodler, womit sich wieder der Bogen zum
Schauplatz Tirol schloss.
War das Engagement Kainraths also
vielleicht ein Zugeständnis an das nicht so klassik-kundige Sommerpublikum, so
wurde der puristische Opernfreund mit der übrigen Besetzung reichlich
entschädigt. Allen voran natürlich durch die Marie Daniela Fallys. Vor einem Monat brillierte die junge ehrgeizige
Niederösterreicherin in der Wiener Volksoper als Zerbinetta, in der kommenden
Saison wird sie an die Staatsoper übersiedeln, wo sie schon 2006 als
Fiakermilli einen Sensationserfolg feierte. Neben ihren begeisternden
Koloraturen punktet Fally durch ihre Darstellungskraft, die nicht nur
komödiantisches Talent beinhaltet (sooo schön sooo falsch zu singen wie bei der
köstlichen Gesangslehrerszene ist eine wahre Kunst!), sondern die auch in
sentimentalen Stellen in jeder Weise den richtigen Ton findet. Ihr
zerbrechliches „Adieu“ beim Abschied von ihrem Regiment zum Ende des ersten
Aktes rührte wahrlich zu Tränen.
Ihr Liebhaber Tonio könnte
hingegen ein paar schauspielerische Nachhilfestunden vertragen, aber was der
aus Istanbul stammende Caner Akin
stimmlich drauf hat, das lässt über seine doch statische Rollengestaltung nonchalant
hinwegsehen. Die berühmten neun hohen C’s seiner Arie schüttelt er locker aus
dem Ärmel und setzt beim letzten noch eine Fermate drauf. Als Sulpice sah man
einen staatsopern-erprobten Clemens
Unterreiner, dessen samtiger Bariton Belcanto in Reinkultur verströmte und
der auch seiner Kollegin Fally ein idealer (Schau)spiel-Partner war. Rita-Lucie Schneider-Ploy als am Ende
doch einsichtige und das Happy End herbeiführende Marquise von Berkenfeld und
ihr Lakai Hortensius (Sebastian Huppmann)
ergänzten das Ensemble ideal. Der von Thomas
Böttcher exakt einstudierte Chor hatte ein einziges Manko: sein
jugendliches Alter und damit auch entsprechende schauspielerische Defizite.
Aber Schwamm darüber, knappe drei Stunden vorzügliche Unterhaltung mit einer
der besten von 74 Donizetti-Opern machen schon heute Neugierde und Vorfreude
auf den Sommer 2010, wo man sich immerhin an das Opernschlachtross Carmen wagt.
Ernst Kopica