leider keine Bilder!
Alceste
Premiere am 09.04.11,
besuchte Aufführung am 30.05.11
Das barocke Koblenzer Theater ist wie gemacht für Werke der
Klassik und Vorklassik, also auch für Opern von Christoph Willibald Gluck, um
so mutiger sich für die selten aufgeführte "Alceste", statt für den
"Orpheus" oder die "Iphigenien" zu entscheiden. Schwierig
ist, die, trotz starker Innenspannung, auf wenig äußere Handlung reduzierte
Reformoper für ein heutiges Publikum interessierend auf die Bühne zu bringen.
Michael Schönfeldt ist da ein recht interessantes Konzept eingefallen: Die
heroische Handlung, um den sterbenden König Admeto und sich seinetwillen dem
Tod hingebenden Gattin Alceste, wird schon während der Ouverture durch ein
Video ( sehr professionell Sabine Loew) auf heutige Alltäglichkeit reduziert:eine
Karrierefrau mit Hausmann und zwei Kindern werden in einem normalen Tagesablauf
gezeigt, bis der Mann bei einem Supermarktüberfall erschossen wird (eine solche
Geschichte geschah unlängst am Düsseldorfer HBF). Alceste findet den Toten auf
einem Flughafen, einem Ort des Übergangs an dem die Seelen (leider mit
schwarzen Hemden und Strumpfhosen bekleidet) auf ihren "Abflug"
warten. Ein merkwürdig glitzernder Duty-Free-Shop erinnert an
Dalli-Dalli-Sendungen (Ausstattung Birgit Angele), das Orakel/Hohepriester geht
als apothekerhafter Verkäufer, der Gott Apollo als etwas zwielichtiger
Security-Mann durch, hier wird Schönfeldts Phantasie, für mich als naiven
Zuschauer, doch etwas kryptisch, dazu kommt eine etwas ungeschickte
Personenführung. Bis zur Pause wird das Alltags-/Unglücksvideo mit anderem
Ausgang , Alcestes Tod, noch zweimal vorgeführt. Nach der Pause geht es um
Opferpunkte für Germanys Next Topopfer" oder so, die Bühne geriert immer
mehr zur Fernsehshow, das mag originell sein, doch wirklich spannend ist das
nicht, so geht Schönfeldts Konzept, meines Erachtens, nicht auf.
Für die musikalische Leitung hatte man den renommierten
Alte-Musik-Spezialisten Reinhard Goebel gewonnen, den in der Abendvorstellung
Karsten Huschke vertrat, ein robuster, manchmal auch knalliger Gluck wurde mit
dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie aus dem Graben geboten, dabei doch
recht vital erklingend. Susanna Pütters läßt in der Titelpartie einen
jugendlich dramatischen Sopran in guter Ausgewogenheit hören, kommt jedoch in
manchen Höhenausbrüchen an ihre stimmlichen Grenzen. Martin Shalitas Tenor
liegt das hohe französische Fach gut, seine Stimme klingt als Admeto
voluminöser und auch farbenreicher als bisher in anderen Partien. Die Kinder
beider sind mit echten, etwas piepsigen Kindern besetzt, Victoria und Ferdinand
Eicher erreichen dadurch einen anrührenden Effekt, doch hätte gerade mit den
Kindern, bei szenischer Daueranwesenheit, intensiver gearbeitet werden müssen.
Tamara Weimerich als Stewardess Ismene und Apollo Christoph Plessers, sorgen
für vokale Kompetenz, Danilo Tepsa als Pilot (?) Evandro singt seine Arie doch
mit recht gellendem Tenor, ansonsten doch sehr zufriedenstellend. Rüdiger
Nikodem Lasa als Priester/Orakel neigt mit seinem Bariton leider zum "Dauerröhren".
Chor und Extrachor mit ihren Solisten unterstützen ein insgesamt recht gutes
Grundniveau.
Martin Freitag
DIE DREI RÄTSEL
Matinée am 5.6.2011 (Premiere)
Spannende Kinderoper fasziniert Jung
und Alt
Oper für Kinder ab acht
Jahren und Erwachsene nennt Detlev Glanert seine 2003 in Halle/Saale
uraufgeführte morgenfüllende Oper und hat damit Recht. Es gefiel Jung und Alt.
Die Handlung des Librettos von Carlo Pasquini ist aus Carlo Gozzis Turandot
entwickelt. Bei der Aufführung in Koblenz handelt es sich um eine Koproduktion
des Theaters Koblenz mit dem Koblenzer Jugendtheater in der Kulturfabrik, einem
zum Kleinkunsttheater umgebauten ausgedienten Industriegemäuer in
Koblenz-Lützel in wenig attraktiver Gewerbeumgebung.
Lasso, ein renitenter
pubertierender Halbwüchsiger lebt im Hinterhof in einer gewaltbereiten
Umgebung. Da liest er in der Zeitung von der Prinzessin Scharada, die ihre
Verehrer einlädt, ihr drei Rätsel zu stellen, und denjenigen zu heiraten
verspricht, von dessen drei Rätseln sie keines zu lösen vermag. Wenn sie aber
nur eines löst: nun, das ist ja bekannt… Lasso reißt von zu Hause aus, um die
Prinzessin zu gewinnen, muss einige Abenteuer bestehen, gelangt schließlich
durch den Mörderwald mit einem zwischenzeitlich gewonnenen Freund an den Hof
des verfressenen König Zephalus, der von ähnlich merkwürdigen Gestalten umgeben
ist wie der Kaiser Altoum in der „Original“-Turandot. Die Prinzessin sitzt auf
einem Bücherstapel. Die drei Rätsel von Lasso kann sie natürlich nicht lösen;
aber es kommt schließlich zu einem romantischen lieto fine einer Art, von der
Lasso schon in seinem Hinterhof geträumt haben mag.
Glanert hat seine Oper Carl
Orff gewidmet und leistet ihm in weiten Passagen nicht nur in ihrem
pädagogischen Gehalt, sondern auch musikalisch Hommage mit
Staccato-Sprechgesangschören über einer prägnanten Schlagzeug-Begleitung. Nicht
nur auf Orff bezogen, schreibt Glanert überwiegend „Retro-Musik“, wobei weitere
Passagen an Weils Bänkelgesänge erinnern und sehr schön instrumentierte
Orchesterbegleitung wie eine harmonisch-tonale Weiterentwicklung von
Gustav Mahler erscheinen. So handelt es
sich um eine musikalische Postmoderne, vor der manche Akademiker wegen ihres Eklektizismus
und Klassizismus vielleicht die Nase rümpfen mögen, die aber hier für die
jugendlichen Zuschauer und Mitwirkenden geradezu ideal unakademisch geschrieben
ist; manchmal auch so einfach strukturiert wie Musical-Musik.
Die Regisseurin Anja Nicklisch bringt das
zweiaktige Stück, das aus vielen kleinen Szenen besteht, in einen gut verständlichen Handlungsfluss mit
viel Humor und Witz. Die Ausstattung besorgt Janina Thiel. Ihre Bühne öffnet
sich hinter einer Wand aus fortzuräumenden Bierkästen als trister aus grauen
Steinen gemauerter Hintergrund mit einigen Schmierereien darauf. Der Raum kann
trotz der geringen Bühnentiefe noch einmal nach hinten aufgebrochen werden und
erweitert sich zum abstrakten Hof beim König. Jeweils dazu gestellte einfache
Requisiten verdeutlichen, um was es sich gerade handelt. Dazu entwirft sie eine
Reihe Fantasiekostüme, von welchen noch das des Lasso der derzeitigen Jugendmode
am nächsten kommt. König und Prinzessin in rotschwarzen kindlichen
Märchenkostümen, „Frau Knochen“ in
schwarzem Leder wie eine Art Hofdompteurin. Mit dem jeweils etwa 16-köpfigen
Kinder- und Erwachsenenchor kommen da über dreißig Personen mit viel Farbe und
Bewegung auf die enge Bühne.
Karsten Huschke leitete ein etwa 30-köpfiges
Orchester, das zu beiden Seiten der Bühne platziert war und mit vielen
jugendlichen Instrumentalisten durchsetzt war. Das klang zu jeder Zeit prägnant
und präzise und erzeugte zudem durch die breite Anordnung einen schönen
Raumklang. Mitglieder des Opernchores und der Kinderchor sangen präzise; letzterer dazu noch
mit unverhohlenem Spaß und ohne jegliches Lampenfieber. Das war auch bei den
beiden Hauptdarstellern zu beobachten: Die Jugendlichen Jannik Weiß (Lasso) und
Tabea Adams (Prinzessin) sangen über Mikroport. Da wurden an die Stimmen nicht
so große Anforderungen gestellt; zudem wurden lange Passagen über
Orchesterbegleitung gesprochen. Erstaunlich, wie locker und stressfrei das
alles rüberkam; da ist wohl eine Menge geprobt worden; kein
Versprecher/Versinger oder Bewegungsfehler. Die weiteren Darsteller wurden von
Mitgliedern des Koblenzer Opernensembles gegeben. Auch die sangen über
Mikroport, wodurch die anstrengungslos ein sonores Übergewicht über die
Kinderstimmen bekamen. Warum Hana Lee als Frau Knochen sich dann so schrill
gerierte, erschloss sich nicht.
Die Premierenvorstellung des
mit Pause knapp zweistündigen Werks im ausverkauften etwas über 300 Leute
fassenden Saal verlief bei gefühlten 50°C und Sauerstoffmangel. Das
Stadttheater Koblenz hätte wohl wesentlich mehr Komfort geliefert. Aber diese
Darsteller und ein großer Teil der Zuschauer fühlten sich sicher in der
Kulturfabrik wohler. Es gab Riesenapplaus für alle Mitwirkenden vom Publikum,
dem sich zum Schluss neben dem Regieteam auch noch der Komponist Detlef Glanert
stellte. Es gibt noch Karten für die drei Vorstellungen am 18. und 19. Juni.
Manfred
Langer
WERTHER
Massenets Werk in
der Zeit des modernen Prekariats
21.02.2011
Der Werther ist das einzige Werk des einstigen
Erfolgskomponisten Massenet, das sich in Deutschland im, wenn auch
randständigen Repertoire einen Platz erobern konnte. Zehn Jahre nach Wagners
Parsifal und 10 Jahre vor Debussys Pelléas et Mélisande uraufgeführt, gebührt
dem Werk kein Platz unter den Avantgardisten, sondern es ist als Spätfolge der
französischen Opernromantik auf den Zeitgeschmack ausgerichtet und von der
Musikkritik nicht sehr hoch eingeschätzt. Bei aller Konventionalität ist die
Musik aber inspiriert und zusammen mit
dem Sujet immer wieder mal einen Besuch wert.
Die Regisseurin Gabriele Wiesmüller, Koblenzer
Operndirektorin, verlegt die Handlung ins Jetzt, und das gelingt ohne logische
Brüche und Widersprüche, wenn auch in der Durchführung etwas bieder. Dazu hat sie das Werk um über eine halbe
Stunde kürzen lassen, worunter allerdings die dramaturgische Entwicklung
leidet. Auf der unprätentiös ausgestatteten
Bühne sieht man eine kleinere nach oben ansteigende Spielfläche, auf welcher
die Kinder des Bailli um einem großen
einfachen Küchentisch herumtollen und mitten im Sommer schon ohne große
Motivation ein Weihnachtslied einüben sollen. Ein Stück weiter steht ein
Kühlschrank für Getränke; mehr ist nicht vorhanden. Später wird hier auch das
Wohnzimmer von Albert mit Couch Sesseln und einem Schreibtisch möbliert. Zum
50. Geburtstag des Pastors wird auf den Bühnenprospekt eine gotische Kathedrale
projiziert. Herrscht im Haus des Bailli kein großer Wohlstand, aber doch
einfacher Anstand, so entstammen die Begleitfiguren Schmidt und Johann
unmittelbar dem Prekariat. Wenn die wenigen Möbel aussehen wie von einem Gebrauchtwarenhändler,
könnte die Garderobe aus einem Fabrik-Outlet
kommen. Charlotte kommt hübsch in
verschiedenen besser geschneiderten Kleidern daher und Albert als stilsicher
gekleideter Erfolgsmann. (Kostüme: Su Sigmund). Schmidt und Brühlmann besaufen
sich anlässlich des Pastorengeburtstags aus Bierbüchsen und besingen dabei
Bacchus und den Wein. Hätte unsere Regierung die Hartz-IV-Erhöhung eher
durchgebracht, wären vielleicht bauchige Chiantiflaschen zum Einsatz gekommen,
und die Dosenmaut war auch noch nicht eingeführt, denn alles lag voller
Büchsen. So weit, so gut!
Welche Steigerung des Kunstsinns die Regisseurin von den
über ein Laufband am Baldachin über dem kleinen Bühnenpodest flimmernden
Sprüchen schaffen wollte ( von klassischen Moralsprüchen bis zu einem
geistarmen dämlichen Werbeslogan des oben erwähnten Möbelhauses) bleibt wohl
ihr Geheimnis. Wann werden wir endlich von solcher Flimmerei befreit, bei der
man gleichzeitig ja noch den Originaltext erfassen, die Übertitelung lesen und
die Musik aufnehmen möchte. Weniger wäre mehr gewesen! Ganz zum Schluss wird
zur Selbsttötungsszene des Werther auch noch der alberne Spruch „Keep calm and
carry on“ mitten ins Geschehen
projiziert. Danke, dass wir auch noch Englisch-Unterricht erhalten! S’il vous plaît, Mme Wiesmüller, bleiben Sie
nicht ruhig und treiben Sie das nicht weiter!
Die Personenführung im ersten Teil wirkt sehr hausbacken,
die Darsteller hölzern. Wenn das in die Rolle des Bailli noch eingebaut ist,
sollte aber Werther auch in der
Jetztzeit ein verzweifelter Liebhaber sein, der über mehr als die Ausstrahlung
eines Azubis verfügt, auch wenn er hier nicht als schwärmerischer Literat
auftritt, sondern eher als Touri mit einer Digitalkamera. In der zweiten Hälfte
wird das wesentlich besser, was natürlich auch der höher aufgeladenen Musik geschuldet
ist, die die Mitwirkenden stärker
antreibt.
Das Staatsorchester Rheinische Philharmonie stand unter der
Leitung von Enrico Delamboye. Um das Orchester im kleinen Graben unterbringen
zu können, halbierte er den Streicherapparat, wodurch die Musik aus dem Graben
nicht mehr ausgewogen klingen konnte, da die Streichergrundierung zu schmal
war. In den ersten beiden Akten gesellten sich zur klanglichen Unausgewogenheit
noch etliche Ungenauigkeiten. Im zweiten Teil setzte Delamboye aber die
eigenartige Instrumentierung besser um. Mit einer schärferen manchmal auch exaltierten Akzentuierung
der Musik folgte er den größeren Emotionen und zeigte doch letztlich wieder,
dass das Orchester die Speckseite des Hauses darstellt.
Bei den überwiegend sehr jungen Sängern war mit einer
Ausnahme (s.u.) die unzureichende französische Aussprache zu bemängeln. Leider
ist das auch bei weitaus größeren Theatern fast durchgängig zu beobachten. (Massenet
könnte man durchaus auch auf Deutsch singen, was aber möglicherweise das
Problem nur durch ein anderes ersetzen würde, da deutsche Muttersprachler auf
den hiesigen Bühnen mittlerweile in der Minderzahl sind.) Jongmin Lim gab einen
darstellerisch wie stimmlich rigiden Bailli, Roger Padullés mit gutem
Stimmmaterial, aber schwacher Ausstrahlung den Werther. Sébastien Soules als
Albert kam naturgemäß mit seiner Muttersprache gut zurecht. Seinem kräftigen
Bariton fehlte es an Souplesse, was in dieser Rolle - wie auch sein eckiges
Spiel - durchaus akzeptabel ist. Die drei männlichen Nebenrollen des Johann und
des Brühlmann (Christoph Plessers und Christiaan Snyman) waren adäquat besetzt, nicht dagegen Danilo
Tepša als Schmidt, der an diesem Abend nicht bühnenreif wirkte. Tamara
Weimerich tobte sehr agil und mit schriller Stimme als Sophie über die Szene.
Überragende Sängerin des Abends war aber Aurea Marston als Charlotte. Mit
jugendlich vorteilhafter Erscheinung überzeugte sie in jeder Facette dieser
dankbaren Rolle spielerisch und betörte das Publikum mit ihrem
warm-geschmeidigem Mezzo. In diesem kleinen Theater kam die Stimme ganz groß
heraus.
Das Publikum füllte das
kleine „Große Haus“ (440 Plätze) in Koblenz gerade zur Hälfte und
spendete warmen Beifall. Der schwache
Besuch gibt zur Sorge Anlass. Die Opernhäuser müssen voll sein, sonst werden
sie von den klammen Gemeinden zu recht
still gelegt. Markus Dietze muss sich etwas einfallen lassen, wobei die Stärken
des Theaters, vor allem seine intime Atmosphäre zur Geltung gebracht werden
müssen.
Manfred
Langer
DIE NASEPremiere am 13.11.10,
besuchte Aufführung am 19.11.10
Es ist schon ein großes Wagnis, wenn ein eher kleines Haus
wie die Koblenzer Bühne sich an ein gewaltiges Werk wie Schostakowitschs Oper
"Die Nase" wagt, ein Werk , das es auch schon an großen Bühnen
ordentlich krachen läßt. Um so mehr kann man in Koblenz über eines dieser
"Theaterwunder" staunen, denn Daniel Raiskin und das Staatsorchester
Rheinische Philharmonie finden einen nahezu luziden Klang, was nicht heißt, das
es an den nötigen Stellen nicht "ordentlich kracht". Doch selbst an
Bühnen wie Köln, Essen oder Frankfurt, habe ich nie so viele Details dieser
wahrlich haarigen Oper gehört. Raiskin schlägt einen nötigen, trockenen Takt,
der selbst beim entfesselten Schlagzeug-Zwischenspiel, ein Kompliment an die
Herren und Damen von der "wunderbaren Rummelbude", durchsichtig
bleibt, die Strukturen der Partitur erfahrbar machend! Doch auch die Chöre des
Koblenzer Hauses leisten Beachtliches und schließen sich dieser Leistung an.
Das Solistenteam, vor allem die höllisch hohen Tenöre
beeindrucken, sei es der passend gellende Ton des Wachtmeisters von Bernd
Könnes, der lyrischere Diener Iwan von Martin Shalita, die ironische
"Nase" von Danilo Tepsa. Auch die tieferen Herren wie der nasenlose
Kowaljow des Baritongastes Tomas Möwes und das Bassprachtvieh von einem russischen
Barbier in der Kehle von Jongmin Lim. Die Damenpartien in ihren verteufelten
Aufgaben ebenfalls immer klangschön, wie Monica Mascus und Tamara Weimerich als
Podtotschina und Tochter stellvertretend zu nennen. Das schwierige Quartett im
zweiten Teil der Oper klang erstaunlich filigran. Die ganzen Neben-und
Kleinrollen wurden von Ensemblemitgliedern und Chorsolisten auf ansprechendem
Niveau gebracht.
Waltraud Lehner erzählt in ihrer Inszenierung die groteske
Geschichte , um eine mehr als laufende Nase, geradlinig mit netten
boulevardeskem Einschlag, das recht sachliche Bühnenbild von Petra Strass lebt
über die Drehbühne und wird durch geschickte Videoeinspielungen aufgelockert,
die Kostüme von Katherina Kopp unterstützen das turbulente Spiel mit leicht
überzogenem Gestus. Doch spätestens nach der Pause läuft sich die Regie etwas
tot, denn man bemerkt das Arrangement der Szene bei leichter Vernachlässigung
des Inhalts, wie beim bereits erwähnten Quartett. Auch scheint mir der innere
Konflikt, des mit seinem Organverlust gewaltig belasteten Kowaljow, etwas mit
linker Hand gegeben, die Verstörung erreicht nicht seine Existenzgrundlagen,
doch das eben müßte sie. Doch richtig störend wirkt das auch nicht.
Das Publikum bemerkt jedoch die außerordentliche Qualität
der musikalischen Darbietung und weiß die Anstrengung durch einen langen und
von Herzen kommenden Applaus gerecht zu würdigen. Mein Fazit: Inszenierung lau,
doch musikalisch "Wow!". Die Fahrt nach Koblenz hat sich gelohnt.
Martin Freitag
DREI SCHWESTERN
Premiere am
13.03.10, bes. Vorst. am 14.05.10
Es ist schon
interessant kurz hintereinander zwei Werke von Peter Eötvös anschauen zu
können, obwohl die neuere "Love and other demons" an der Kölner Oper sicherlich
opernhafter wirkt, überzeugte mich das ältere Werk "Drei Schwestern"
am Stadttheater Koblenz doch mehr. In drei Episoden gegliedert, die durch
ähnliche Terzettsentenzen eingeleitet werden, geht es um Menschen, die
aus einer guten Lebenslage heraus zwar von Unzufriedenheit geplagt werden, doch
nicht bereit sind ihre eigenen Umstände zu ändern; ein Stück wie gemacht, die
Befindlichkeit unserer saturierten Gesellschaft zu spiegeln, was Gabriele
Wiesmüller in ihrer Inszenierung auch eindruckvoll gelingt. Der fast abstrakte,
doch auch konkrete, schnell veränderliche Raum von Kartin Hieronimus spielt
dabei eine wesentliche Rolle. Katharina Beths Kostüme setzen exakt und gut
charakterisierend die Personen um , lediglich die exzentrische Natascha, der ohnehin
akustisch verstärkten Hana Lee, konnte ich in der szenischen Umsetzung als
Schulmädchenreport nicht ganz nachvollziehen. Die drei Schwestern sorgten in
ihren Ensembles gar für luxuriösen Wohlklang, bei der Wiedergabe von
Eötvös`durchaus auch schmeichelnden Klängen. Anne Catherine Wagner als sensible
Olga mit leicht anspringendem Sopran, die robuste Mascha mit dem sinnlichen
Mezzo Aurea Marstons und die beobachtende Irina mit dem balsamisch dunklem
Timbre Tamara Weinrichs. Michael Mroseks Bariton gefällt in differenzierter
Darstellung als der schwache Bruder Andrej. Das Ensemble klingt überhaupt
ausgeglichen und sorgt für farbige Wiedergaben der größeren wie kleineren
Partien, stellvertretend seien die hervorragenden Charakterstudien von Roderic Keatings
Doktor und Peter Lobert mit abgrundtiefem Bass als Anfisa genannt.
Auch die trockene Akustik
des Hauses kommt der musikalischen Umsetzung sehr zu passe, denn im Graben
sitzt ein solistisch besetztes Kammerorchester, deren einzelne Instrumente den
jeweiligen Personen zugeordnet sind, während das große Orchester auf der Hinterbühne
für den satten Klang sorgt, der die Szenen wie eine Filmmusik begleitet, anders
als beim neulich sehr grob musizierten Cimarosa, wirkte die Musik bei Eötvös
ungleich differenzierter herübergebracht, was sicherlich auch der engagierten
Leitung von Enrico Dealmboye zu verdanken ist, der die Rheinische Philharmonie
und die Sänger zu einer packenden Wiedergabe vereinte. Leider ist das Interesse
des Koblenzer Publikums an zeitgenössischer Musik nicht sehr hoch, um so mehr
sei auswärtigen Interessierten diese feine Produktion ans Herz gelegt, um das
reizende, historische Theater zu füllen. Der Applaus kam recht warmherzig, wenn
auch kompakt.
Martin Freitag
Il martimonio segreto
Premiere am 30.01.10, besuchte Vorst. am 22.03.10
Es hätte ein so schöner Abend werden können: Domenico
Cimarosas Buffa-Juwel "Il martimonio segreto" (Die heimliche Ehe) am
Fürsterzbischöflichen Theater in Koblenz, einem Raum wie gemacht für ein Werk
dieser Art. Doch die Rechnung wurde ohne den Regisseur gemacht: Matthias
Schönfeldt überschätzt sich gnadenlos in seiner künstlerischen Potenz und
benutzt die Oper, was ja heute bei vielen Schauspielaufführungen Usus ist, als
"Steinbruch". Ein eigentlich gut funktionierendes Stück wird eigenen
künstlerischen Bedürfnissen zurechtgestutzt. Nicht das die Handlung verändert
wird, eine andere Spielzeit genutzt wird stört, sondern die Streichung eines
großen Teiles von Cimarosas Musik, ersetzt durch eine Art Lesedrama
("Bekenntnisse eines hochschwangeren Mädchenherzens") zu Scarlatti-
Sonaten vom Hammerklavier. Man ist dann schon froh wenn zwischendurch
Opernszenen mit kalauernder Regie stattfindet, eine Garage und ein BMW werden
als vielseitige Spielfolie (Bühne und Kostüme Birgit Angele) benutzt.
Enttäuschend leider auch die musikalische Version: Musik der
Klassik bedarf eines eleganten Feinschliffs, Werner Lemberg am Pult der
Rheinischen Philharmonie erreicht nur ein recht grobes Klangbild, die Sänger
werden nicht gut geführt, die Stimmen klingen manches Mal einfach zu laut für
den Raum. Jongmin Lims beeindruckender Bassbariton setzt als Geronimo
zu sehr auf Volumen, was leichte Intonationstrübungen mit sich führt. Hana Lee
singt sich im Einheitsmezzoforte durch die Carolina, reiht dabei Ton an Ton und
vergißt eine schöne Legatobindung. Martin Shalita als Paolino besitzt mit
seinem leichten Tenor das rechte Gespür für Cimarosa, sein Chaffeur erinnert
dabei auch noch im sexy Blaumann an die California-Dream-Boys. Monica
Mascus´Fidalma leidet manchmal unter zu starker Tongebung, weniger wäre
perfekt. Tamara Weimerich als Elisetta und Falko Hönisch als Conte Robinson
bewähren sich in ihren Partien.
Es ist schwer das als Kritiker zuzugeben, doch die
Aufführung war für mich so ärgerlich, der Heimweg so lang, daß ich in der Pause
gegangen bin. Eine wirklich vertane Chance für ein sehr gutes, selten gegebenes
Werk, schade!
Durchaus unter Ärgerliches zu stellen! (Siehe auch OF-Warnungen!)
Martin Freitag
Domenico
Cimarosa
Il
Matrimonio Segreto
Theater
Koblenz 12.02.2010
Täuschung des
Publikums
Il Matrimonio Segreto ist
die einzige von den fast 70 Opern von Domenico Cimarosa, die man noch hier und
da auf den Spielplänen antrifft. Dabei hätte sie sicher mehr Aufmerksamkeit
verdient. In ihrer musikalischen Schönheit übertrifft sie bis auf die Mozart-Buffe
alle ihre Zeitgenossen und der Stoff ist auch nicht alberner als der von
anderen musikalischen Komödien der Epoche. Auf musikalische Tiefgründigkeit wie
z.B, bei einer Così fan tutte braucht man sich allerdings nicht vorzubereiten.
– Das Theater Koblenz hat die einstmals höchst beliebte Oper wieder
herausgebracht. Der Regisseur Matthias Schönfeldt hat sich hierfür eine neue
Handlung ausgedacht und die Oper bis auf die Arien und Ensembles weitgehend
umgetextet. Das ist gründlich misslungen.
Statt des reichen Kaufmanns
Geronimo agiert ein Bürgermeister im Wahlkampf, Paolino ist sein Fahrer,
weswegen der größte Teil de Geschehens in und um Auto und Garage angesiedelt
ist. Das könnte insoweit noch mit Text und Musik aufgehen, aber nun schwängert
Paolino seine Carolina in besagter Garage in der ersten Szene, und die Handlung
wird quälend auf neun Monate ausgeweitet. (Handelte es sich um Esel, hätte man
zehn Monate gebraucht.) Damit die Arien und Ensembles mit ihrem Originaltext
eingebunden werden können, werden anstelle der Rezitative Unmengen von Text auf
Projektionsschirme auf der Bühne zu Klaviermusik von Domenico Scarlatti
geworfen, um die neun Monate zu füllen. Zur Ouverture wird auf diese Weise eine
umfängliche Vorgeschichte zum eiligen Lesen angeboten. Die Texte werden in
einer unglaublichen Plattheit in der Ich-Form von Carolina im Stil eines
spät-pubertären Teenagers erzählt. Nun gibt es allerdings immer noch Brüche
zwischen den Einschubtexten und den Originalteilen, obwohl diese „zweckdienlich“
in die Übertitelung übersetzt wurden. Dass der Regisseur als Motivation angab,
der Zuschauer sollte sich nicht den Kopf
zwischen Übertiteln und Bühnengeschehen verrenken, ist insofern absurd, als die
meisten Texte nur zur Cembalomusik liefen. Und diese Begleitmusik, teilweise
auch mit Unterstützung aus dem Graben, wurde den gesprochenen Worten noch
häufig angepasst, z. B. indem zu Gesprächen über die Hochzeit Mendelssohns
Hochzeitsmarsch intoniert wurde. Dann kam auch der Schleiertanz aus Salome dran
und zeitgenössische Bar-Musik, und so hörte man in der ersten Hälfte des ersten
Akts nur weniger als die Hälfte Cimarosa-Musik. Damit wurde die Ankündigung des
Theaters „Il Matrimonio Segreto, Komische Oper von Domenico Scarlatti“ zu
spielen, zu einer platten Täuschung des Theaterbesuchers. Erst das Finale zum
ersten Akt wurde korrekt durchgespielt und erinnerte daran, was das für eine
feine Oper sein könnte.
Die szenische Umsetzung
dieses Unfugs erfolgte in ermüdender Langeweile. Das Bühnenbild bestand aus
einer Garage und einem alten 3er BMW (obwohl im Text von einem 7er gesprochen
wurde) und war ebenso wie die Kostüme dem Sujet adäquat (Bühnenbild und
Kostüme: Birgit Angele) Lacher gab es nicht. Das Ganze kann man am besten mit
einer Comedy-Schau oder verlängerten Seifenoper eines privaten Fernsehsenders
vergleichen, mit dessen Niveau hier konkurriert wird. Beim Fortschreiten der
Vorstellung hoffte ich nur noch auf eines: „das Ende“ – und für das Ende sorgte
die Pause… Daher kann diese Kritik nur
die erste Hälfte des Opernabends abdecken. Der Autor bittet um Verständnis
Ach so, da waren ja auch
noch Sänger und Orchester. Das Sänger-Ensemble des Hauses wird vom neuen
Intendanten des Hauses. Markus Dietz, gerade runderneuert. An diesem Abend ließ
sich aber nicht feststellen, dass das mit einer Qualitätssteigerung einhergeht.
Überzeugen konnten mich nur Jongmin Lim mit mächtigem vollen Bass und mit
kleineren Einschränkungen Monica Mascus, die der Mutter Fidalma Profil verlieh.
Martin Shalita sang den Paolino mit etwas schmalem Tenor, Falko Hönisch den
Conte Robinson mit dünnem Bass. Tamara Weimerich als Elisetta und Hana Lee als
Carolina pressten die Höhen, was in dem kleinen Haus gar nicht notwendig wäre.
Zwischen der sauber musizierenden Rheinischen Philharmonie im Graben und der
Bühne gab es zu Beginn erhebliche Koordinationsschwierigkeiten, obwohl mit
Werner Lemberg der Dirigent am Pult stand, der laut Programm die Musikalische
Einstudierung geleitet hatte.
Obwohl die Premiere von der
Lokalpresse freundlich beurteilt worden war (wie fast immer in der Provinz),
war das Haus bei der besuchten Aufführung noch nicht einmal zu einem Viertel
besetzt. Flüsterpropaganda und Publikumsgeschmack sind eben immer noch
eigenständige Größen.
Dass man eine Buffa vom Ende
des 18. Jahrhunderts in ganz modernem Gewand zeigen kann, belegen die
Così-fan-tutte Inszenierungen von Doris Dörries (Lindenoper) und Christoph Loy
(Opernhaus Frankfurt), die hier Kultstatus erreicht haben. Und dass man selbst
einen albernen Stoff sehr gut umsetzen kann, zeigte Lukas Hemleb im
Nationaltheater Mannheim beispielhaft mit der „Scala di Seta“ von Rossini. Da
wurde Vergnügtheit in vollen Häusern erreicht, wie es sich für eine
musikalische Komödie gehört. Das Theater Koblenz wollte möglicherweise eine
andere Kundenschicht ansprechen, die aber nicht erschienen ist.
Manfred Langer
DON QUICHOTTE
Premiere am 07.11.09, ges.
Vorst, am 09.11.09
Wenn man sich die Spielpläne
der europäischen Theater anschaut, so gibt es Opern, die langsam, aber sicher
ins Repertoire rutschen, was so ein wundervolles Werk wie Jules Massenets späte
Blüte "Don Quichotte" absolut verdient hat. Unter der etwas banalen Musikoberfläche
mit viel spanischem Tingeltangel, dabei durchaus unterhaltsam und gekonnt,
verbirgt sich ein schwermütiges Stück mit viel Emotion und durchaus Tiefsinn.
Am Stadttheater Koblenz zeigt sich das Publikum richtiggehend überrascht von
den melodischen Qualitäten der Oper. Philipp Kochheim läßt in seiner
Inszenierung allerdings kein röckeschwenkendes Spanien zu, in einem riesigen
Büroraum zwischen den Weltkriegen sitzt der Künstler Quichotte mit seiner
Dulcinee, die hier kein opernhaftes Kurtisanenluder, sondern eine emanzipierte,
komplexe Persönlichkeit darstellt. Trotzdem funktioniert das Stück ganz
hervorragend in dieser Aufführung, denn die Personenregie leuchtet sensibel und
anrührend die menschlichen Charaktere aus, die Ausstattung beeindruckt in
Opulenz und Funktionalität, so läßt Thomas Grubers Bühnenraum durchaus die
Öffnung zu den skurrilen Geschehnissen zu.
Auch musikalisch beeindruckt
das kleine Koblenzer Stadttheater, mit Kristiina Poska, der jungen Dirigentin,
scheinen sie sich ein großes Talent geangelt zu haben. Viele Orchesterleiter
haben Schwierigkeiten mit Massenets filigranen Temposchwankungen, Poska hat
genau das richtige Händchen dafür, die Sänger dabei stets im Visier. Nur manche
Details wirken etwas knallig, was sicher auch an der trockenen Akustik des
Koblenzer Hauses liegt. Der Chor und Extrachor sind vokal und szenisch exakt,
engagiert und präsent.
Mit Jongmin Lim hat man
einen sehr jungen Bassisten für die Titelpartie am Haus, immerhin wurde der
Quichotte für den reifen Fjodor Schaljapin komponiert, die Interpretation und
Klangfülle überzeugen jedoch, lediglich an der Eleganz der Gesangslinie könnte
noch gefeilt werden. Ebenso toll der satte Bassbariton des Michael Mrosek als
Sancho Pansa, dem sowohl die Komik, als auch die große menschliche Wärme der
Figur liegt. Mit leichtem Vibrato und der gewissen "Träne" in der
Stimme singt und spielt Aurea Marston eine perfekte Dulcinee, weiß das
Chansonhafte, wie die dramatischen Ausbrüche der Partie wunderbar zu nehmen.
Die kleineren Partien werden von Danilo Tepsa (vokal etwas grob), Martin
Shalita, Tamara Weimerich und Monica Mascus adäquat gegeben, lediglich das
Französisch von Knud Fehlauer in der Sprechrolle des Banditenchefs bedürfte
dringender Nachbesserung.
Nach dem "Wozzeck"
die zweite wirklich gute Opernaufführung unter der neuen Leitung des Koblenzer
Stadttheaters, man kann nur sagen: "Weiter so!"
Martin Freitag
WOZZEK
Vorstellung am 28.09.09
Nicht nur die großen Häuser von Köln und Düsseldorf haben
seit dieser Spielzeit eine neue Intendanz, sondern auch das kleine, aber feine
Fürsterzbischöfliche Stadttheater von Koblenz, es sei allen Opernfreunden schon
als kleines architektonisches Juwel ans Herz gelegt. Markus Dietze heißt
"der Neue" und hat auch gleich einen neuen GMD mitgebracht, Enrico Delamboye,
dem ich schon einige gute Opernabende am Pult zu verdanken habe. Der Spielplan
ist sehr spannend und durchaus mutig geworden, also hin mit den Neugierigen ins
Deutsche Eck.
Zur Saisoneröffnung hat man sich mit Alban Bergs Meisteroper
"Wozzeck" einen dollen Brocken für das kleine Haus ausgesucht, so
wird es manchmal, selbst in der reduzierten Orchesterfassung von Eberhard
Kloke, recht laut, was aber stets dem
Drama zwechdienlich genutzt wird. Delamboye vermag es mit dem Staatsorchester
Rheinische Philharmonie ebenso die poetischen, stilleren Stellen in ihrem
süffigen Melos auszukosten.
Die neue Opernchefin, Gabriele Wiesmüller, gibt mit
"Wozzeck" ebenfalls ihre Visitenkarte am Haus ab, sehr gelungen, wie
ich finde, setzt sie die Tragödie in unsere heutige Zeit, das Reisigsammeln
wird zum Horten von Leergut, die medizinischen Experimente finden in unseren
Kliniken gegen Geld ebenso statt, wie zu Büchners Zeiten, das geht erschreckend
gut auf. Die Bühne ist zunächst fast leer und wird erst nach und nach, dafür
umso vehementer mit Bühnenbildteilen zugestellt, Volker Thiele benutzt die
Kulissenelemente auf der Drehbühne , um die Atmosphäre unserer Umwelt aufs Korn
zu nehmen, die uns Menschen mit immer mehr Reizen regelrecht vollballert. Die
Gewänder von Grit Groß unterstreichen das Allzumenschliche in ihren
vorwiegenden Fleischtönen, ohne dabei dem Kostüm die Illusion zu nehmen.
Mit Michael Mrosek hat man einen noch recht jungen,
lyrischen Bariton am Haus, der in seiner schlichten Sanglichkeit als Charakter
überzeugend wirkt, sich dabei stimmlich durchaus nicht nur dem schönen Ton
verpflichtet fühlt. Astrid von Feders Marie klingt sehr mezzolastig, die
dramatischen Höhen wirken recht gestemmt, da würde man sich manches Mal eine
ruhigere stimmliche Ausformung der Partie wünschen. Martin Shalitas
vibratoloser Tenor steht dem Andres recht gut. Thomas Schelers Hauptmann wirkt
mit etwas brüchigem Tenor schon etwas abgesungen, was aber sehr raffiniert zur
Gestaltung dieser fiesen Charakterpartie eingesetzt wird. Ganz satt mit üppigem
Bassbariton dagegen der Hauptmann von Jongmin Lim. Der Narr ist zwar gesanglich
nur eine kleine Partie, wird aber in dieser Inszenierung durch seine ständige
Anwesenheit zu einer Schlüsselrolle, die Danilo Tepsa effektvoll ausspielt. Die
Margret von Aurea Marston macht neugierig auf größere Rollen, was ja in
Massenets "Don Quichotte", der nächsten Premiere, schon zu hören sein
könnte.
Der Chor und die Umbaustatisten zeigen großes Engagement bei den
vielfältigen, durchaus schwierigen Aufgaben auf der rotierenden Drehbühne. Ohne
Pause hat man mit dem "Wozzeck" einen anregenden, niveauvollen
Theaterabend, der sich beim Publikum in Koblenz noch etwas herumsprechen muß.
Eine gute Leistungsschau für das neue Team jedenfalls.
Martin Freitag
DIE WALKÜRE
Auf dem Catwalk nach Walhall
29.3.2009
Soviel Wagner war noch nie in Koblenz: Nach "Rheingold", "Parsifal",
"Holländer" und "Tristan" beschließt nun "Die Walküre"die festspielreifen
Ausflüge zum Werk des Bayreuther Meisters der Wagner reichen Ära Ritzel/Marik .
Altbewährt hat sich dabei die "Koblenzer Lösung" das Orchester auf der Bühne
spielen zu lassen und die Sänger auf dem hochgefahrenen Orchestergraben nebst
Steg im oder über das Orchester agieren zu lassen (Inzenierung/Bühnenbild:
Annegret Ritzel).
Gerade nach der fulminanten "Walküre" ist es mehr als
bedauerlich, daß diese Brünnhilde wohl noch etwas länger auf ihrem Berg
ausharren muß, um vom ersehnten Helden erweckt zu werden. Dabei hat Koblenz mit
der jugendlich und unverbraucht wirkenden Sabine Paßow eine Idealbestzung der
aufmüpfigen Wotanstochter aufzubieten. Paßow, die sich in alter Tradition Zeit
ließ um ihre Stimme reifen zu lassen und nie über Fach sang, gestaltet eine
ergreifende Studie, der sich von Heldenreizerin zur Aufbegehrenden, letztendlich
zur liebenden Frau in allen Konsequenzen entwickelt. Dabei singt sie die Partie
in heute fast ungewohntem Belcanto. Schon die mühelosen Triller von Brünnhildes
"Battle cry" lassen aufhorchen, hier wird nichts getemmt, nichts herausposaunt,
sondern eine festverankerte im Focus sitzende Koloratur bahnt sich den Weg in
diesen Jubel. Voller Idealismus entläßt sie Sieglinde in die so freud- und
leidvolle Hoffnung ihrer Mutterschaft. Von innigster Zartheit gelingt ihr eine
der ergreifendsten Todverkündigungen, die ich je erleben durfte und in der
Auseinanderstzung mit Heervater, scheint es, daß sie immer leicht die Oberhand
behält.
Dabei ist Alexander Macco alles andere als ein göttlicher Schwächling.
Hünenhaft in der Erscheinung mit fast jungenhaft jugendlichen Zügen, zeichnet
der veritable Heldenbariton einen hintersinnig, grüblerischen Monarchen
Walhalls, der in seiner Gardeuniform Ludwig II. nicht unähnlich erscheint und
seine Gattin Fricka (mit kühl schneidendem Aplomp ihres Mezzos: Rita Kapfhammer)
unverkennbare Züge Emmy Görings aufweist. (Kostüme: Gera Graf).
Wo hingegen die
Regisseurin das Geschehen in einem Club der High Society vor der Skyline Big
Appels angesiedelt sehen wollte, in der Welt der ausschweifenden Parties und
Bälle, wo die Walküren als Modells ihre Pelze und Designfrisuren auf dem Catwalk
präsentieren, während der Menschen Geschlecht in den Slums der Bronx dahin
vegetieren. In Warhol Reminiszenz kauern hier die Bosse zweier befeindeter
Gangs um eine Campbell-Tonne.
John Charles Pierce als bäriger Siegmund mit
leicht flackerndem Heldentenor gegen eine Indisposition ankämpfend, zeichnet
trotzdem einen veritablen Siegmund und hat doch genügend Reserven für
ausdauernde Wälse-Rufe und für zarte Kantilenen in der Todesverkündigung. Sigrun
Schell als Einspringerin aus Freiburg war eine ergreifende Sieglinde mit
jugendlich dramatischem Sopran, gegen die Roheit ihres aus Karlsruhe
eingeflogenen Gatten wider Willen aufbegehrend. Ulrich Schneider gab Hunding
eher als einen zynischen Brutalo mit helltimbrierten Baß, denn als bärbeißig
grimmigen Germanenrecken. Stimmgewaltig und homogen in kantabler Schönheit
erwies sich das Walkürenoktett, das Koblenz teilweise aus den Reihen des Chores
besetzte.
Wie bereits in den vorangegangenen Wagner-Produktionen war das
Staatsorchester Rheinische Philharmonie wieder der Garant für den speziellen
Koblenzer "Wagner-Sound" von der Bühne. Anton Marik war stets darauf bedacht,
den Stimmen den Vorzug zu geben, ohne aber auf brillante Orchestererruptionen zu
verzichten. In dramatisch zügigen Tempi verging der Abend wie im Fluge zumal man
einmal das Seltene erleben durfte, daß man jedes Wort verstand und man gut und
gerne auf die Übertitelung hätte verzichten können.
Die noch wenigen
Aufführungen sollten sich Opern- und vor allem Wagnerfreunde keinesfalls
entgehen lassen, wer weiß wann der Bayreuther Meister wieder am Deutschen Eck
Einzug hält.
Dirk Altenaer