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Opp na Kölle !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

www.koeln.de

KÖLN ist nicht nur die große,  lohnenswerte Kulturstadt am Rhein, sondern hat außerhalb von Oper und Philharmonie auch im Umfeld  viel zu bieten.

 

 

 

Arien-Konzert in der Trinitatis Kirche Köln

Benefizveranstaltung des Lions-Club Köln mit Eunyee You

am 19.Mai 2017

"Heutzutage gibt es leider keine Kastraten mehr" konstatierte Hubert Käppel, international renommierter Gitarrist, Hochschullehrer und im Lions-Club Köln zuständig für Musik, bei seiner Einführung in ein Benefizkonzert seines Vereins. Auch mit seinem Outing, noch nie in einer Händel Oper gewesen zu sein, erntete er in der vollbesetzten Kirche, dem Kölner "evangelischen Dom", dezentes Gelächter. Aber das muss ja auch nicht; Belkanto, Königin des Kunstgesangs, kann man immer genießen, selbst ohne jegliche musikalische Vorbildung.

Händel, Mozart und besagter Belcanto war Inhalt eines Opern-Konzertes, gestaltet von der Koreanerin Eunyee You und begleitet von Theresia Renelt am Flügel. Der Lions-Club feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag; die weltweit verbreitete Gesellschaft unterstützt unter dem Motto "we serve - wir helfen" hilfsbedürftige Menschen in ihrer Umgebung und in ihrem Land tatkräftig und finanziell. In den Genuss des Konzerterlöses kommt die größte Kindertagesstätte in Bergisch Gladbach mit einem Migrationshintergrund von 70 % und deren Kooperation mit der lokalen Musikschule; die Musik soll in einem Pilotprojekt die schwierige Kommunikation mit den Kindern verbessern.

Geboten wurde Musik vom feinsten. Die Sopranistin, ehemaliges Mitglied des Internationalen Opern Studios Zürich, ist Solistin der Oper Leipzig und tritt regelmäßig auf im europäischen Ausland, in China und in ihrer Heimat Korea. Und ist überdies Ehefrau von Patrick Schmeinck, Geschäftsführer des Kölner Gürzenichorchesters und Mitglied bei Lions.

Unglaubliche 13 Arien umfasste Ihr zweistündiges Programm, zunächst fünf von Händel (u. a. aus Alcina u. Rinaldo) und drei von Mozart, darunter die extrem hohe "ach ich liebte" der Konstanze aus der "Entführung". Etwas Stimm-Erholung verschaffte ein Prelude von Debussy (und im zweiten Teil ein Copin-Walzer), von der Pianistin eben so professionell vorgetragen wie ihre perfekte Begleitung der Sängerin. Die bekannten Arien hat man natürlich mit Orchester in Ohr; Renelt, Solo-Repetitorin der Oper Köln, die derzeit Hammerflügel in der Kölner Neuinszenierung des Figaro spielt, ließ das Fehlen des Orchesters rasch vergessen. Präzise Abstimmung mit der Sängerin, Harmonie im Ausdruck und der Dynamik, immer wieder ein kommunikatives Lächeln – das macht schon große Freude zu hören und zu sehen.

Die Pause war auch nötig, denn danach ging es mit Arien aus "La Sonnambula" und "I Capuleti" von Bellini weiter, bekannte und sehr schwer zu singende Höhepunkte des italienischen Belkanto. Eunyee Sun ist ein etwas tief timbrierter Sopran mit einer wunderbaren Fülle in den unteren Lagen, meistert jedoch auch die Koloraturen und Spitzentöne sicher und locker. Das war schon etwas für Rückenschauer. Von Donizetti gab es dann noch etwas aus der „Lucia die Lammermoor; die berühmte Arie der Norma „Casta Diva“ von Bellini, ein Paradestück der Callas, schloss das eindrucksvolles Konzert ab. Sollte man meinen. Aber die Sängerin ließ sich noch drei weitere Arien als Zugabe vom begeistert applaudierenden Publikum entlocken, ihre physische Kraft schien unerschöpflich. Ein wahres Mammutprogramm, eigentlich zwei Marathonläufe hinter einander.

Außer einem zusammengekommen Betrag (die Solisten agierten ohne Honorar) dürften vielleicht etliche, in Sachen „Oper“ weniger kundige Zuhörer ihre Affinität für die wunderbare Kunstform entdeckt haben. Dann hätten wir gleich zwei Sieger auf einen Schlag.

Michael Cramer 23.5.2017

Fotos © Felixa Wingen

 

Vier Streicher auf einer Insel

12. Februar 2017

Berückendes amerikanisches Streichquartett

Wenn ein junges, bereits international tätiges und vielfach prämiertes amerikanisches Streichquartett auf einer kleinen Insel im Rhein in einem mit 120 Zuhörern ausverkauften Saal auftritt, muss da schon etwas Besonderes dran sein. Nun, ist es auch. Die Rede ist hier vom Calidore String Quartett, und die Location ist  das Kloster auf der Insel Nonnenwerth auf der Höhe des beschaulichen Rhöndorf, dem geliebten Wohnort von Konrad Adenauer. Er war es, der sich nach dem Krieg aus diesem Grunde für Bonn als Bundeshauptstadt stark gemacht hatte. Knapp 2 km lang und maximal 200 m breit beherbergte die nur über Wasser erreichbare Insel seit dem Jahr 1100 ein Benediktinerinnenkloster. Nach sehr wechselvoller Geschichte mit Feuersbrünsten, Zerstörung und barockem Wiederaufbau wurde die Anlage 1854 den Franziskanerinnen übergeben. Es folgte die Nutzung als Hotel – George Sand, Franz Liszt und Louis Spohr hatten sich hier aufgehalten, später dann als Kriegslazarett und Schule Die Nonnen betrieben hier zunächst ein Mädcheninternat, nachfolgend dann ein offenes, bis heute sehr gut besuchtes Gymnasium in Koedukation.

Eben diese Schule hatte Verena Sennekamp besucht. Sie war schon als Pennälerin auf das Cello gestoßen, hatte später u.a. bei Aldo Parisot an der Yale School of Music studiert und hier Estelle Choi kennengelernt, die Cellistin des besagten Calidore-Quartetts. So kam es, dass die Amerikaner anlässlich mehrerer Konzerte in Deutschland auch ein enAbstecher an den Rhein machen konnten. Denn die Nonnen hatte vor langer Zeit bei Verena, die zahlreiche  Cello-Preise errungen hat und u.a. als Dozentin in Frankfurt tätig ist, angefragt, ob sie nicht mal etwas Musik im Kloster organisieren könnte. Gesagt, getan; Verena gründete mit einigen Freunden den gemeinnützigen Verein Inselkonzerte, der seit 2012/13 mehrere Konzerte pro Jahr im schönen barocken Kapitelsaal und in der Klosterkapelle veranstaltet, mit einem Förderverein im Hintergrund und vor ständig zunehmender Zuhörerschaft.

Beim jüngsten Konzert am 12. Mai 2017 war die Nachfrage so groß, dass sich die Musiker bereit erklärten, das Konzert - nein, nicht zu wiederholen, sondern am Vortag noch einmal zu spielen. Natürlich war das nicht wirklich eine Generalprobe; das Quartett, gegründet 2010, spielt regelmäßig auch in Europa und Asien, hat zahlreiche internationale Wettbewerbe -auch in Deutschland- gewonnen, so 2016 mit dem Eröffnungs-M-Preis den weltweit größten Preis für Kammermusik. Es tritt regelmäßig in berühmten Hallen wie Carnegie oder Wigmore auf und bei Festivals wie Verbier, Rheingau oder Mecklenburg-Vorpommern; im November 2017 wird es in der Kölner Philharmonie sein Debut gegen. Kritiker schreiben vom „Inbegriff von Vertrauen und Finesse“ oder dem „Wunder des vereinten Denkens“. Viele Vorschusslorbeeren, man durfte sehr gespannt sein.

Verena Sennekamp, auch die künstlerische Leiterin der Inselkonzerte, hatte zusammen mit den Musikern eine interessante Mischung aus der riesigen Streichquartett-Literatur zu einem sehr interessanten Thema erstellt: „Heimat in der Ferne“, sachkundig und sehr charmant erläutert von der Pressechefin Carolin Gstädtner. Sie fragte, ob man in Kompositionen Gefühlswelten erspüren könne, die von alter oder neuer Heimat, von der Sehnsucht nach Vertrautem oder Begeisterung für Neues geprägt sind. Als Beleg durfte Beethoven mit seiner ersten Quartettkomposition op. 18, Mendelssohn mit dem op. 44, Nr. 2 aus seiner mittleren Schaffensperiode und Dvorák mit seinem Spätwerk „Amerikanisches“ Streichquartett op. 96 antreten, ein wenig seiner berühmten 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ nachempfunden und herauszuhören. Uneingeschränkt bewundernswert war die Präzision und unerbittliche Intensität der jungen Musiker, ihre Detailtreue, ihre Magie und ihr voller Klang, erstaunlich ihre fast unmerkliche Verständigung.

Beim Beethoven-Quartett konnte man etwas Wärme und Musikalität im Ausdruck vermissen, was aber, wie später im privaten Gespräch zu erfahren war, Absicht ist: „wir spielen es halt ein wenig anders als üblich“. Dennoch erklangen ausdrucksstarke Heiterkeit und Gelassenheit, abrupte Wechsel in Tempo und Farbe, hohe innere Spannung auch an den leisen und langsamen Stellen, und ein berückendes Versinken ins Nichts am Ende der gewaltigen Schlusscoda.

Dieser Eindruck legte sich rasch, als das zweite Mendelssohn-Quartett erklang. Vom Komponisten, ein glühender Verehrer von Mozart, als Geburtstagsgeschenk für seinen Bruder Paul geschrieben, empfand er es selbst als eher minderwertig nach seinem virtuosen Opus 44,1  und war erstaunt über die gute Resonanz beim Publikum. Im ersten Satz erkennt man das Thema seines Violinkonzertes, der Mittelteil ist ein Scherzo mit hoher spieltechnischer Anforderung, dem dann ein ruhiger Teil mit einer herrlich singenden Viola, mit dem Cello als markanter Nebenstimme, mit dauerhafter atemloser Spannung folgt.

Nach der Pause dann das berühmte "amerikanische" Quartett, oft gespielt, sicher nicht nur, weil es lediglich 25 Minuten dauert. Dvorák hatte es während seines Urlaubs als Direktor des Musikkonservatoriums in New York in Spyville geschrieben, inmitten tschechischstämmiger Bewohner. Es ist schlicht und einfach, hat eine außerordentliche Frische und ein Einprägsamkeit der Themen und sehr zur Popularität des Komponisten beigetragen. Dieser hatte versucht, die Musik der neuen Welt mit der seiner tschechischen Heimat zu verbinden, als Gruß aus Amerika in sein Geburtsland, voller Heimatliebe und Naturverbundenheit. Auch hier verblüffte das Quartett mit reinem Wohlklang, ohne sentimental zu werden, huldigte im Lento dem weiten Land, um dann mit einem furiosen tänzerischen Abschluss zu endigen.

Für den überreichlichen, spontan stehenden Applaus gab es als Dank den 3. Satz aus op. 44 Nr. 1: schwelgerisch und besinnlich zugleich, gespielt von versonnen lächelnden, perfekt harmonisierenden jungen Musikern. Einfach toll.

Die Inselkonzerte aus Nonnenwerth www.inselkonzerte.de sind ein gutes Beispiel für hochwertige Musik auch außerhalb einer großen Metropole wie Köln. Genannt seien hier zum Beispiel die Konzerte im Kloster Knechtsteden www.knechtsteden.com, die Brühler Schlosskonzerte www.schlosskonzerte.de oder die im Altenberger Dom http://altenberg-dommusik.de. Auch die kleine Kirche in Honrath www.musik-honrath.de mit hervorragender Akustik (das Auryn-Quartett hat hier sämtliche 68 Haydn-Quartette aufgenommen) schafft es seit über 30 Jahren, eine sehr qualifizierte Konzertreihe zu präsentieren. Die Betreiber haben es natürlich nicht ganz einfach gegen die große Konkurrenz, aber bei netter, persönlicher Atmosphäre und begeistertem Publikum kommen die großen Namen auch gerne mal in die Provinz und  zu durchaus erträglichen Honoraren.

Michael Cramer  19.2.2017                                                             

Fotos © Inselkonzerte

 

„Der Nubbel ist schuld!“

Circus Colonia im StaatenHaus Köln

In diesem Jahr feiert der Kölner Männer-Gesangsverein (KMGV) seinen 175. Geburtstag. Das ist der gegebene Anlass für die Spielgemeinschaft „Cäcilia Wolkenburg“, die gleichsam eine Tochter des KMGV darstellt, ein ganz besonderes, topaktuelles Spektakel auf die Bühne des StaatenHauses zu stellen, wo man nach einjähriger Abwesenheit zur Freude aller wieder Gast der Oper Köln ist.
Das „Divertissementchen“ (wörtlich: Zwischenspiel) erfreut die Kölner Bürger seit 1874 jährlich mit einem urkölschen Singspiel, bei dem die Mitglieder dieses hochprofessionellen Laienchores als Solisten und Chorsänger zusammen mit dem immer wieder bejubelten „Zillche“- Ballett die Lachmuskeln des Publikums strapazieren. Gesprochen und gesungen wird in kölschem Dialekt, für die vielen zugewanderten „Imis“ unter den Zuhörern bietet das sorgfältig konzipierte Programmheft die Liedtexte zum Mitlesen und eine ausführliche Inhaltsangabe, natürlich in Hochdeutsch.

„Circus Colonia“ bringt in humorvoller, z.T. auch bissig satirischer Form all das zur Sprache, was im realen „Zirkus“ in Köln so alles schief läuft (der Einsturz des Stadtarchivs und das dadurch entstandene klaffende Loch, die sich immer weiter hinausziehende Opernsanierung, das Hickhack um die Interimsstätte der Oper, das Verwirrspiel um die Bebauung der Archäologischen Zone etc), und verbindet es mit dem großen Jubiläum, dem der KMGV in diesem Jahr entgegensieht. Im Singspiel „Circus Colonia“ erscheint all dies in neuem, altem Gewand. Zum Schreck von Zirkusdirektor Gregor Colonia ist die Galaaufführung zum 175. Geburtstag des Zirkus akut gefährdet, da sich dort, wo die Aufführung in der Manege des Zirkus stattfinden soll, ein klaffendes Loch auftut. Für drei Jahre muss ein Ersatzspielort gefunden werden, wenn denn überhaupt drei Jahre ausreichen.

Eine Ersatzspielstätte in Ossendorf oder Deutz, das ist hier die Frage! Nur gut, dass die materiellen Interessen, die Ossendorf ins Spiel gebracht haben, schließlich den künstlerischen Argumenten unterliegen. Die Interimsstätte für den Zirkus wird in Deutz, auf dem „grünen Hügel“, errichtet, wo Trude Colonia, die Frau des Zirkusdirektors, ein paar Wiesen besitzt. So kommt es doch noch zu einer glanzvollen Galaaufführung, bei der auch Zilli Colonia, die Tochter der Zirkusleute, zum ersten Mal mit einem poesievollen Auftritt ihre Vorstellung von Zirkuskunst realisieren kann. Natürlich darf sie nun auch endlich mit dem Segen der Eltern ihren geliebten Stallburschen Pit in die Arme schließen und muss nicht den Löwenbändiger Hülsmann als Ehemann akzeptieren.

Ende gut, alles gut? So ganz auch wieder nicht. Denn Zilli Colonia wendet sich am Ende mit einem flammenden Appell an die Zirkusbesucher, nein an das Publikum und alle Verantwortlichen in Köln:  So zufrieden man auch mit der Ausweichstätte ist, so sehnt man sich doch nach der eigentlichen Spielstätte des Zirkus – oder besser der Oper – zurück. Denn Köln braucht die Kunst wie das tägliche Brot. Da dürfen auch finanzielle Gesichtspunkte und parteipolitische Interessen keine Rolle spielen. An Kultur und Kunst, so die eindringliche Botschaft, darf nicht gespart werden. Ob die politisch Verantwortlichen in Köln den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden haben?
 Im Stück selbst wird ihre Verantwortung auf echt kölsche Art relativiert. Wer hat denn nun den Oberverantwortungshut auf?  Die echt kölsche Antwort darauf lautet: „Der Nubbel ist schuld!“ Und wie sind die Aussichten auf eine Behebung aller Missstände? Auch darauf gibt es eine beruhigende Antwort: Der Verantwortliche für den Neubau des Berliner Flughafens und für die Renovierung der Staatsoper Berlin hat nun auch die Sanierung der Kölner Oper in die Hand genommen!!! Na, dann Kölle Alaaf!

Für das turbulente Geschehen auf der Bühne hat Bettina Neuhaus eine stimmungsvolle Zirkuswelt erstellt, die von Clowns, Löwen, Heinzelmännchen, Stuntman, Wahrsagerin, lebenden Tischen, Kunstreiterin, Bauarbeitern, Reportern und vielen anderen in wunderbar phantasievollen Kostümen (Judith Peter) bevölkert wird. Ein Conférencier (Frank Oppermann) führt durch die verzwickte Handlung. Ganz köstlich ist das Zirkusehepaar mit Theo Rüben und Hennig Jäger geraten, die in ihren Zwerchfell erschütternden Auseinandersetzungen Eheleben in Reinkultur vorführen. Manuel Anastasi als Tochter Zilli ist wirklich ein fesches Weibsbild, vor allem aber singt sie/er die Partie mit viel Gefühl und wohlklingendem Tenor.

Überhaupt ist die musikalische Seite dieses bejubelten Abends im StaatenHaus der Kölner Oper ein wahrer Ohrenschmaus. Begleitet vom schmissigen Orchester der „Bergischen Symphoniker“ und der „Westwood Slickers“ unter Leitung des aufmerksamen Dirigenten Bernhard Steiner brillieren die Sängerinnen und Sänger des KMGV in den musikalischen Arrangements von Thomas Guthoff, die einen verwegenen Streifzug durch Oper, sinfonische Musik, Operette, Musical, Schlager und Karnevalslieder bieten. Leitmotivisch erklingen dabei immer wieder Sphärenklänge aus Richard Strauss‘ „Rosenkavalier“, der Triumphmarsch aus Verdis „Aida“ und Passagen aus Griegs „Peer Gynt Suite“, je nachdem ob es um die Morgenstimmung, den Einmarsch der Zirkusleute oder die poesievollen Darbietungen Zillis geht. Bei den Karnevalsliedern der „Bläck Fööss“ und der „Höhner“ rockt dann der Saal: Da singen und schunkeln alle im Publikum mit.

Ganz wunderbar gelingen die Balletteinlagen. Michaela Niederhagen hat dabei mit einem Quallen-Wasserballett ein Arrangement geschaffen, das man so schnell nicht vergisst. Wie die Herren des Balletts im Spitzenröckchen einen Spitzentanz hinzaubern, ist ebenfalls einfach nur köstlich und macht den größten lebenden Primaballerinen schärfste Konkurrenz!  Das Publikum feierte am Ende alle Beteiligten lautstark und ausdauernd. Man war sich einig: „Im nöhkste Johr simmer all wigger do!

Fazit: Ein temporeiches, musikalisch und szenisch sehr phantasievolles Gastspiel der „Cäcilia Wolkenburg“ im StaatenHaus der Oper Köln, mit dem Lajos Wenzel (Regie und Produktionsleitung, Buch und Idee) eine mehr als gelungene Persiflage der augenblicklichen Kölner Verhältnisse gelungen ist, die aber auch keinen Zweifel daran lässt, dass die Liebe zu der Heimatstadt „Kölle“ durch nichts, aber auch durch gar nichts infrage gestellt werden kann.

Norbert Pabelick 6.2.2017

Fotos©: Uwe Rosenhahn, Michael Meurer

 

 

„Loss m´r laache“

Puppensitzung 2017 im Hänneschen-Theater Köln

Premiere am 12.1.2017

 

Das Hänneschen ist ein Teil von Köln, und sicher auch Kult (ur).

 

Das Theater am Eisenmarkt. Die Plastik von Willy Millowitsch, bereits zu seinen Lebzeiten aufgestellt,  wurde kürzlich an den gleichnamigen Platz in der Innenstadt versetzt. 

Die Eintrittskarten sind begehrt und rar fast wie die der Elbphilharmonie, nächtliche Schlangen vor der Kasse zeugen von größter Beliebtheit in Köln, alle Aufführungen sind lange vor der Premiere bereits ausverkauft. Die Rede ist von der berühmten Puppensitzung im Kölner Hänneschen-Theater. Diese Traditionsbühne, offiziell die „Puppenspiele der Stadt Köln“, gibt es seit 1802, begonnen vom Bonner Schneider Johann Christoph Winters diente ursprünglich als Krippenspielort für Kinder. Das Theater war von Anfang an erfolgreich, war seit 1823 auch Teil des Kölner Rosenmontagszugs, wurde allerdings 1919 mit dem Tode des letzten Mitglieds der Puppenspielerfamilie geschlossen. Der damalige Oberbürgermeister und spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer sorgte dafür, dass die Puppenspiele 1926 unter städtischer Trägerschaft wieder in Betrieb gingen. Nach mehreren Zwischenstationen befindet sich das Hänneschen-Theater heute am Eisenmarkt in der Kölner Altstadt. Es soll nicht verschwiegen werden, dass unter den Nazis auch Spiele mit rassistisch-antisemitischem Inhalt aufgeführt wurden.

Restaurierte historische Hänneschen-Figuren, gemalt von Dirk Schmitt. Bild im Privatbesitz des Rezensenten

Neben den populären Figuren Hänneschen, seiner Freundin Bärbelchen (die in den Kinderaufführungen zu seiner Schwester mutiert), Tünnes und Schäl, dem stotternden und spuckenden Speimanes oder dem Polizisten Schnäuzerkowski und einer großen Zahl weiterer „Künstler“ spielen auch VIPs, bekannte Musiker oder sogar Tiere mit. Das Besondere: es handelt sich um fest montierte Stockpuppen mit beweglichen Gliedern; nur der rechte Arm kann vom Spieler mit einem zweiten Stock individuell bewegt werden. Es ist erstaunlich, wie viel Vitalität und Lebendigkeit diese an sich einfache Konstruktion ausstrahlen kann. Was aber auch daran liegt, dass die Hauptpuppen immer von den selben, fest angestellten Spielern geführt werden, welche auch alle Texte selbst sprechen. Leicht ist das nicht, die Puppen wiegen bis zu 4 Kg, die Puppenspieler arbeiten im Stehen und von den Zuschauern unbemerkt „hinger d´r Britz“, einer Balustrade, die für den Schlussapplaus versenkt werden kann. Dazu kommt die fünfköpfige Hänneschen-Band unter der Leitung von Jura Wajda, die ebenfalls live dabei ist. Das muss schon alles sorgsam einstudiert werden, damit man sich nicht gegenseitig ständig auf die Füße tritt.

Unter den Premierengästen der diesjährigen Puppensitzung entdeckte man neben viel lokaler Prominenz wie Susanne Laugwitz-Aulbach, Kulturdezernentin der Stadt und Opernintendantin Dr. Birgit Meyer auch den WDR-Intendanten Tom Buhrow. Der wurde von der Bühne heftig gescholten, hatte er doch die Fernsehübertragung der Puppensitzung im WDR abgesetzt, was ein kräftiges Loch in den ohnehin schmalen Bühnenetat reißt. „Ich war schon als Kind im Hänneschen, das ist grandios, aber Zuschauer im TV gibt es einfach zu wenig, genau wie beim Millowitsch-Theater“. Wer die Sitzung sehen möchte: Am 21.2. um 17:30 per Public von Viewing von RTL-West vor dem Theater und ab 19:00 als Streaming auf der RTL-Seite.

Und das kann nur dringend angeraten werden. Die junge Intendantin Frauke Kemmerling hat mit „Loss m´r laache“ eine liebevolle Persiflage auf eine Karnevalssitzung gestaltet, in der auch aktuelle Größen der Stadt mitspielen, und wo bissige Seitenhiebe auf die Politik verteilt werden; ob auf Trump und dessen Frisur, die „ussüht wie en plattjefahrene Katz“, auf den Schlankheitswahn von Anemie als skurriles Skelett: „alles wat do ess, jitt Schwabbel“. Auch die AfD bekam ihr Fett weg: „Wähle jonn ess wie Zäng putze. Wer et nitt deht, kritt brunge Zäng“. Für jeden Vortragenden gibt es traditionell eine „Blootwoosch“, die der Speimanes dem Redner hinter der Bühne wieder abnehmen muss, da nur ein Exemplar vorhanden ist. Ort des Geschehens ist die Kneipe von Mählwurms Pitter in Knollendorf, ein fiktiver ländlicher Ort bei Köln Richtung Vorgebirge, der Heimat der ganzen Truppe. Zum 175sten Jubiläum des Kölner Männergesangsverein tanzt das lokale Männerballett im Tütü den Schwanensee, und der türkische Köbes Aslan versucht zwei schweren Jungs, die sich prügeln wollen, die historische Schlacht von Worringen zu erklären: „Voll krass, die Schlagerei“. Und das Glasverbot gilt in Köln wie in Schottland: „Glas gow“ wird diskutiert , ebenso die Burka als Schuluniform: „Keine Zwänge, kein Mobbing“, und auch  die Altersarmut, wo man „Angst haben muss, vom eigenen Haltbarkeitsdatum überholt zu werden“, um dann in der „Senioren-Klappe“ zu landen.

Das „Hänneschen“ ist eine feste Institution im Kölner Kulturleben, es gibt einen riesigen Förderverein, man versucht mit der Oper, dem Schauspiel, dem Stadt- und dem Römisch-Germanischen Museum zusammenzuarbeiten, um eine weitere Kulturmarke in Köln zu etablieren. Aber im Herzen der Kölner gibt es diese natürlich längst, ebenso wie die „Akademie för de kölsche Sproch“, um diese lebendig zu halten, vor allem für die Jugend. Die drei Stunden plus Pause vergingen wie im Fluge, es gab viel Gelegenheit zum Lachen, Schunkeln und Mitsingen, eine Puppenband im karierten Outfit und dem Sound von Peter Brings brachte den Saal noch einmal zu Kochen.

Heißer Tipp: Mitglied im Förderverein werden, dann bekommt man alle 2 Jahre eine Karte für die Puppensitzung. Und wenn mal außerhalb des Theaters Hänneschen-Atmosphäre schnuppern möchte: Heribert Malchers hat nach 20 Jahren Intendanz und seiner Pensionierung eine Gaststätte in Köln-Sülz eröffnet, die – wie kann es anders sein - natürlich „Knollendorf“ heißt.

Michael Cramer 16. 1. 2017                                                       

Fotos © Hänneschen-Theater

  

DIDO UND AENEAS

im Theater im Bauturm Köln am 05.01.2017

Gelungenes Experiment in kleinem Theater

www.bauturmtheater.de

Das Theater im Bauturm in der Kölner Innenstadt platzte aus allen Nähten. Denn die Neugier war groß auf das Gastspiel der „Hochschule für Musik und Theater Hamburg“, die mit sechs Solisten, vier Choristen und einem siebenköpfigen Instrumentenensemble Purcells viel zu selten gespielte Barockoper „Dido and Aeneas“ auf die Bretter des kleinen, aber in Köln viel besuchten und hoch geschätzten Theaters brachten.

Regisseur Martin Mutschler erläuterte vor Beginn der Vorstellung, wie er sich dem berühmten mythologischen Stoff über die tragische Liebe zwischen Karthagos Königin Dido und dem aus dem brennenden Troja entkommenen Feldherrn Aeneas, dem Ahnherrn der Römer, zu nähern gedenkt. Dieses für seine Zeit revolutionäre Werk der Operngeschichte, in dem die Handlung ganz auf die psychologische Ausleuchtung der beiden Protagonisten abzielt, möchte Mutschler gegen den Strich bürsten und als ein „multimediales Spektakel der Erinnerung“ jeder historischen Verortung entziehen.

So etabliert er denn konsequent eine zweite Erzählebene, die im Heute und Jetzt angesiedelt ist. Dido und Aeneas sind zwei junge Leute unserer Tage, die sich an ihre Begegnung vor über 3000 Jahren zurückerinnern, auf Spurensuche gehen, um sich ihrer Identität bewusst zu werden. Der Zuschauer ist, so Mutschler, eingeladen, diese Spurensuche mitzumachen. Ganz im Brechtschen Sinne wird er durch zahlreiche Verfremdungen aus der Rolle des kulinarischen Genießers in die des kritischen Betrachters versetzt, der aus der antiken Liebesgeschichte den Rekurs auf die eigene Existenz vollziehen soll. Und natürlich bleibt im Gegensatz zur historischen Vorlage am Ende der „Vorhang offen“. Stirbt die karthagische Königin wirklich? Kommt Aeneas unbeschadet aus der Liebesverstrickung davon? Kann er nach allem wirklich weiterleben?

Die schmucklose, eher spartanisch ausgestattete Bühne (Carolin Gödecke) und die antikisierenden Kostüme (Dennis Peschke) spiegeln getreu diesen Spagat zwischen den Zeitebenen. Mittels Beamer werden Ornamente, Bildelemente, aber auch kurze Texte auf die Bühnenrückwand projiziert, werden kombiniert und immer wieder neu zusammengesetzt, um das vordergründige Geschehen zu kommentieren und zu spiegeln. Ein „Erzähler“ gibt kurze, manchmal beinahe gebellte Handlungsanweisungen für die Schauspielsänger. Nicht alles an dieser Multimediakonstellation wird dabei dem Zuschauer einsichtig, manches bleibt sogar ganz unverständlich und rätselhaft. Vielleicht ist aber auch gerade dies gewollt. Eindeutige Antworten gibt es in dieser Lesart des Stücks eben nicht.

Die musikalische Leitung dieses Abends lag in den Händen von Felix Schönherr, der vom Cembalo aus das auf alten Instrumenten spielende siebenköpfige Barockensemble zu einem federnden, in den Tempi durchaus zügigen Spiel anhielt. Die Koordination mit den sechs Solisten und den vier vorzüglichen Choristen klappte reibungslos. Juliane Dennert  als Dido, vor allem aber Maurice Lenhard  als Aeneas  sangen ihre Partien klangschön und stilsicher. Hanna Ramminger als Belinda und First Witsch sowie Marlen Korf als Second Woman und Second Witch nahmen durch ihre leuchtenden Sopranstimmen sehr ein. Benjamin Boresch als Sorceress und Axel Heil als Spirit und Sailor komplettierten als Countertenöre das junge Ensemble, das Purcells herrliche Musik mit viel Leidenschaft und Verve in Szene setzte und dem Regieansatz Mutschlers aufmerksam folgte.

Das nicht unbedingt opernaffine Publikum im Theater am Bauturm war jedenfalls restlos begeistert und spendete allen Beteiligten lang anhaltenden, lautstarken Beifall. Den hatten die jungen Leute für ihre engagierte Darbietung auch mehr als verdient.

Norbert Pabelick  9.1.2017                                                               

Fotos © Der Opernfreund

 

 

THE GERMAN TENORS

am 29.12.2016 im "Bergischen Löwen" in Bergisch Gladbach

Tenorale Stimmband-Kraftmeierei,

zelebriert in einer nervenden Selbstfeier

Blick auf Bergisch Gladbach

Es macht durchaus Sinn, auch in der Peripherie der großen Städte nach kulturellen Events Ausschau zu halten, so in Bergisch Gladbach. Die Einwohnerzahl ist durch Fusionen auf über 100.000 angewachsen, die Stadt bietet ein vielfältiges Kulturprogramm, wenn auch mit wenig Geld und viel Mühe um suffiziente Zuschauerzahlen. Denn Köln mit seinem immensem Angebot ist nur 20 Minuten entfernt. Zentrum in GL ist der „Bergische Löwe“ von 1904; er wurde mehrfach erweitert, zuletzt von Gottfried Böhm um einen Theatersaal mit 650 Plätzen, der allerdings eher den Charme eines Hallenbads ausstrahlt.

Die Konzerte werden immer groß angekündigt, diesmal eines für die Liebhaber von Opern- und Operettenarien:  „Freunde, das Leben ist lebenswert“ mit den „German Tenors www.german-tenors.de, begleitet von Claudia Hirschfeld, dem „absoluten Ausnahmetalent an den Tasten“. Die Sänger, so auf der Webseite der Tenöre nachzulesen, würden von der Presse gar „frenetisch gefeiert als deutsche Antwort auf Pavarotti & Co.“ und seien „wahre Sangeskünstler“, die „in allen großen Konzertsälen Europas zu Hause seien“, wo das Publikum „fieberhaft den Auftritt erwarte“. Nun, der Bergische Löwe war nicht mal halb voll, und Luis del Rio, einer der beiden Supertenöre, ist seinem Sprachvermögen nach überhaupt kein Deutscher. Auch sein Kollege Johannes Groß, der „Gründer der German Tenors“ leidet nicht gerade an mangelnden Selbstbewusstsein; dem Lokalblatt „Bergische Landeszeitung“ des Kölner Stadtanzeigers verriet er jüngst, dass man ihm bescheinigt hätte, „einer der besten Heldentenöre Deutschlands“ zu sein (leider ohne Quelle). Aber „Wagner zu singen“ käme für ihn wegen des modernen Regietheaters nicht in Frage.

Luis del Rio, Claudia Hirschfeld, Johannes Groß

Starke Worte an Eigenwerbung, die neugierig machten auf eventuell bisher ungehörtes Sängerglück im Bergischen Land. Leider war dem mitnichten so. Das Programm umfasste einige zugkräftige Ohrwürmer aus Oper und Operette wie Verdi´s „Donna è mobile“ und die berühmte Arie des Cavaradossi aus der Tosca von Puccini. Auch „Nessun Dorma“, die Standard-Zugabe von Pavarotti, musste dran glauben, ebenso wie Arien aus Operetten von Lehar und das auf die Tränendrüsen drückende „Ave Maria“ von Schubert. Und selbstverständlich das obligate „O Sole Mio“. Man kann schon fast von Missbrauch der Arien sprechen, denn zu hören war eine durchgängig schlechte Intonation beider Tenöre mit zahlreichen Wacklern, mit gepressten Höhen, mit teilweise verkorksten Spitzentönen, die von unten angeschliffen wurden: Lautstärke statt Wohlklang.

Nichts von einwandfreiem Passagio, von Leichtigkeit, von Legato, von leisem Singen; Belcanto geht anders, hier gab es nur Kraftmeierei am Stimmband. Denn die Knallhöhen wurden geschmacklos und selbstgefällig ausgekostet, und das heftig applaudierende Publikum war begeistert, als hätte man Pavarotti zurück ins Heute geklont.

Als Begleitung und auch mit einigen Solostücken fungierte die offensichtlich recht bekannte Claudia Hirschfeld – die sogar über einen eignen Fanclub Reisen zu ihren Konzerten veranstaltet – auf einem futuristischen elektronischen Instrument mit ihrem überdimensionalen Namenszug, welches von ihr und auch von den Sängern, die „sogar ohne Mikrofon singen würden“, in den höchsten Tönen gelobt wurde. Verdi´s berühmter Gefangenenchor „Va pensiero“ ohne Gesang, aber dafür mit heftig waberndem Tremolo – das muss man nicht wirklich haben. Hirschfeld hopste lustig auf der Klavierbank auf und ab, riss regelmäßig und effektiv die Arme hoch und versuchte sich auch mit flachen Sprüchen aus der Welt der Musik.

Und vor allem: man lobte man sich ständig gegenseitig; eine unerfreuliche und nervende Selbstfeier; das ist keine Kunst, das ist Kunstgewerbe. Das Trio traf allerdings doch den Nerv des anwesenden heftig jubelnden Publikums, dem es augenscheinlich egal ist, ob da echte Instrumente oder Elektronik spielen, und für welches „Laut“ gleichbedeutend mit „Gut“ ist.

Wer mal reinhören möchte: https://www.youtube.com/watch?v=OpteSEINVf0

Ob ein Opernhaus nach alldem den Herrn Groß für Wagner engagieren würde, darf stark bezweifelt werden.

Michael Cramer 1.1.2016

Fotos © Thomas Max Müller  / pixelio.de

Hirschfeld, German Tenors, Bergischer Löwe

 

 

ICH, OFFENBACH.

Ein zwiespältiges Vergnügen über den Kölner Sohn

Volksbühne am Rudolfplatz

Premiere am 9. September 2016, besuchte Aufführung am 16.9

Im Dezember 2015 haben eine Reihe von Musikfreunden befunden, dass das Ansehen und der Bekanntheitsgrad von Jaques Offenbach, berühmter Komponist und Sohn der Stadt Köln, in seiner Heimatstadt viel zu gering sei. Er hat an seinem späteren Wirkungsort Paris immerhin über 50 Operetten (als deren Schöpfer er gilt) und zwei Opern geschrieben, war ein berühmter Cellist und erfolgreicher Varietébetreiber. Allerdings geriet er in den Wirren des Kriegs 1870/71 zwischen die französischen und deutschen Fronten, sein Stern sank, er wurde krank und ging bankrott. Sein letztes Werk, die fantastische Oper „Hoffmanns Erzählungen“ hinterließ er nur als Fragment; an ihr beißen sich die Musikwissenschaftler bis heute die Zähne aus.

Aber immerhin, es gibt einen unmittelbar vor der hochproblematischen Kölner Oper gelegenen und somit oft erwähnten „Offenbachplatz“ und natürlich auch eine „Offenbachstraße“ sowie eine Ofenbachfigur am historischen Rathauturm. Mehrere Werke von ihm wurden immer wieder in der Kölner Oper und sogar auch in der Kinderoper aufgeführt, darunter die berühmte Inszenierung von „Hoffmanns Erzählungen“ des ehemaligen Intendanten Michael Hampe, die sogar von einem renommierten Fachmagazin als „Opernproduktion des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Und dann gibt es den jährlichen „Offenbach-Preis“, der von den „Freunden der Kölner Oper“ www.opernfreunde-koeln.de an einen herausragenden Nachwuchs-Sänger verliehen wird. Dennoch reicht das offensichtlich noch nicht.

Also wurde flugs eine Offenbach-Gesellschaft www.koelner-offenbach-gesellschaft.de gegründet, was ja generell sehr zu begrüßen ist, auch im Hinblick auf den 200. Geburtstag des Komponisten in 2019. Und erst recht darauf, dass in München eine solche Gesellschaft bereits lange existiert; da muss man als Kölner ja wohl mithalten dürfen. Sponsoren wurden gefunden und einige Promis wie die beiden Ex-Oberbürgermeister Jürgen Roters und Fritz Schramma als Vorstände gewonnen, dazu Thomas Höft, Chef des renommierten „Zentrum für alte Musik“ www.zamus.de als künsdtlerrischer Leiter. Als erste größere Aktion wurde eine musikalische Revue „Ich. Offenbach“ über das Leben und die Musik des Namensgeber zusammengestellt; Ort war die perfekt renovierte hübsche „Volksbühne am Rudolfplatz“, langjährige Heimat des Millowitsch-Theaters. Dazu passte es prima, dass vom Kölner Soziologie- und Musikprofessor Alphons Silbermann (1909-2000), wie Offenbach ebenfalls ein Jude, das „imaginäre Tagebuch des Herrn Jaques Offenbach“ (1960) existierte, um welches herum man seine Musik prima positionieren konnte. Als Vorleser in der Figur des Offenbach fand man Herbert Feuerstein, bekannt aus vielfältigen Fernsehsendungen und vor allem als gewitzten und schlagfertigen Partner von Harald Schmidt. Der inzwischen 79 -jährige ist sicher immer noch ein Zugpferd, hatte allerdings sichtlich Mühe, den umfangreichen Passus in der notwendigen Frische und Originalität vorzutragen; in der besuchten vierten Aufführung klebte er immer noch arg am Textbuch.

Der Regisseur Thomas Höft, eigentlich in der seriösen Barockszene gut zu Hause, konnte beim reichhaltigen Oeuvre des Komponisten mit der Musik-Auswahl aus dem Vollen schöpfen mit Teilen aus „Hoffmanns Erzählungen“, „La Grande Duchesse de Gerolstein“, „Orpheus in der Unterwelt“ und „La Belle Helene“. Glücklicherweise gab es ein „echtes“ 11-köpfiges und auch sehr ordentlich aufspielendes professionelles Orchester incl. munteren Bläsern und Klavier, und nicht Musik vom Band wie bei der unsäglichen Mozart-Revue jüngst in der Kölner Kammeroper. Das wurde auch für reine Musiknummern eingesetzt, darunter auch ganz spezielle für das Cello; der Musikanteil hätte allerdings durchaus etwas kürzer ausfallen dürfen. Die Konzertmeisterin Maria Bader-Kubizek dirigierte mit knappen aber effektvollen Bewegungen ihrer Violine die Truppe, welche offensichtlich viel Spaß an ihrem Spiel hatte; der Pianist Pascal Schweren hatte die meisten Nummern effektvoll und eingängig arrangiert.

Feuerstein alias Offenbach setzte sich immer wieder auf ein großes rotes Sofa und beobachtet die Gesangsnummern der Sopranistin Marie Friederike Schröder, von Ulrich Cordes (Tenor) und vom Bass Marek Reichert, wurde aber auch immer mal wieder in die Aktionen einbezogen. Und da hakte das Ganze schon deutlich, sowohl für die Besucher, welche die Offenbach´schen Werke nicht kennen, als auch für die, welche damit vertraut sind. Der Tenor sang, ausgestattet mit einem Krückstock, das Couplet des Franz aus dem „Hoffmann“, mit fiepender Stimme und trotzdem heftig beklatscht. Warum stellt der Erzähler ihn nicht vor als sehr alten Diener, der aber immer noch meint, gut singen und tanzen zu können. Schlimmer noch die Nummer mit Olympia. Die Sopranistin Marie Friederike Schröder versuchte mit unsicherer Intonation, mit zackigen Bewegungen und mühsamen Höhen die singende Puppe Olympia darzustellen, wackelte heftig mit dem Hintern und kopulierte eindeutig mit Hoffmann. Als dann ihre Batterie zur Neige geht, steckt ihr der Konstrukteur gar ein Ladekabel in den Hintern. Peinlich, peinlich. Und warum muss bei der berühmten Barcarole aus dem Giulietta-Akt sich der arme Feuerstein eines homoerotischen Angriffs mit Griff in den Schritt mühsam erwehren ? Ähnlich ging es nach der Pause weiter mit Teilen aus dem „Orpheus“: eine tolle Musik, durchaus schmissig gespielt, ein frivoler Can-Can, ein Stückchen „Klein Zack“, aber ob das reicht, „Offenbach den Kölnern wieder näher zu bringen“, wie es das Programm in roter Schrift  fordert ?

Denn die Nummern bewegten sich schon arg auf niedrigem RTL2-Niveau, die Vorstellung dürften daher für einen Opernfreund eher verdrießlich sein, der vielleicht auch darüber nachdenkt, warum Thomas Höft sich auf solcherlei einlässt. Aber das weitgehend ausverkaufte Haus applaudierte fast überschwänglich, und die Lokalpresse hatte zuvor äußerst freundlich berichtet – sicherlich auch im Hinblick auf das löbliche Engagement der Gesellschaft; sogar im eigenen Bekanntenkreis gab es sehr positive Stellungnahmen. Aber eben nicht überall, auch ganz andere seriöse Stimmen waren zu vernehmen. Zum Glück, denn sonst würde der Rezensent ernsthaft an sich zu zweifeln beginnen.

Michael Cramer

 

In memoriam Karlrobert Kreiten

21. Juni 2016

Florian Heinisch

Der Titel „Das ungespielte Konzert“ suggeriert Geheimnisvolles, sogar Verdrängtes, vor allem jedoch Vergessenes. Denn wem hat der Name Karlrobert Kreiten heute noch etwas zu sagen? Und doch steht er für ein besonders tragisches Kapitel unbewältigter Vergangenheit, welche bei Gelegenheit von Kreitens 100. Geburtstag vielleicht wieder zu etwas mehr Gegenwart findet. Eine Initiative Moritz von Bredows (Musikenthusiast, im Hauptberuf Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin) macht da einen Anfang, welcher hoffentlich eine Fortsetzung findet.

 

Dank seiner Initiative findet gegenwärtig eine Konzerttournee des 26jährigen Pianisten Florian Heinisch statt, mit einem Programm, welches sein damals gleichaltriger Kollege (*1916) in Heidelberg 1943 hatte vortragen wollen. Doch kurz vor der Veranstaltung wurde er von der Gestapo verhaftet: „Freundinnen“ seiner Mutter hatten unvorsichtige politische Äußerungen Kreitens an hohe politische Kreise gehässig weiter gegeben. Das reichte für eine Anklage wegen Hochverrats. Karlrobert Kreiten musste vor dem Volksgerichtshof erscheinen, welcher ihn zum Tod durch den Strang verurteilte. Die Hinrichtung erfolgte in der Nacht vom 7. Zum 8. September 1943 in Plötzensee. Die Kosten wurden den Eltern in Rechnung gestellt.

 

Zu den Befürwortern des Todesurteils gehörte ein Mann, welcher nach 1945 als Frühschoppen-Leiter eine honorige Karriere machte: Werner Höfer. Ein Zeitzeuge bezeichnete ihn freilich als einen „der schlimmsten Einpeitscher in der Nazi-Presse“. Höfer leugnete seine alten journalistischen Äußerungen im Allgemeinen und auch (Karlrobert Kreiten) im Besonderen bis zuletzt, musste aber dann doch aufgrund eines beweiskräftigen „Spiegel“-Artikels (1987) seinen Hut nehmen. In der Folgezeit erschienen diverse Textveröffentlichungen zum Fall Kreiten, weiterhin eine Schallplatte mit Privataufnahmen des vielversprechenden Pianisten, über den sich sein Berliner Lehrer Claudio Arrau noch in späten Jahren euphorisch äußerte. Rundfunkeinspielungen haben den Krieg leider nicht überdauert. Anlässlich von Karlrobert Kreitens 100. Geburtstag soll aber die Platte von 1984 wiederveröffentlicht werden, ergänzt durch neu aufgefundene Tondokumente.

Eine besondere Würdigung ist die gegenwärtig laufende Konzerttournee  von Florian Heinisch, den Moritz von Bredow für dieses kräftezehrende Unternehmen gewinnen konnte. Auch Heinisch war der Name Karlrobert Kreiten zuvor kein Begriff. Aber nun entdeckte er anhand der vorhandenen Aufnahmen einen Künstler, der „vor Lebensfreude und Energie nur so sprühte“. Hinsichtlich des Repertoires gibt es bei beiden Pianisten unterschiedliche Schwerpunkte. Florian Heinisch setzt sich nachdrücklich für aktuelle Musik ein, Karlrobert Kreiten widmete sich zwar auch Werken von Serge Prokofjew, Igor Strawinsky und anderen, war aber wahrscheinlich vorrangig ein romantischer Charakter.

 

Auf der anderen Seite enthält das „ungespielte Konzert“ eine ganze Reihe ausgeprägt virtuoser Werke: Präludium und Fuge D-Dur BWSM 532 von Johann Sebastian Bach in der Bearbeitung Ferruccio Busonis, Etüden von Frédéric Chopin, die „Appassionata“-Sonate Ludwig van Beethovens, die In C-Dur KV 330 von Wolfgang Amadeus Mozart sowie Franz Liszts „Rhapsodie espagnole“. Karlrobert Kreiten war also wohl auch ein Feuergeist. Die dem Autor dieser Zeilen derzeit einzig zugängliche Kreiten-Aufnahme, Chopins Nocturne cis-Moll op. posth (die Einspielung eines 18jährigen, von ihm selber abgesagt), enthalten in der Kassette „Forbidden, but not forgotten“ (Label: Documents), ist allerdings von einem vornehmlich lyrischen Tonfall bestimmt.

 

Solche Töne waren Florian Heinisch aufgrund des vorgegebenen Programms nur hier und da möglich. Außerdem litt der Kölner Abend im Steinway-Haus an der Überakustik des kleinen Raumes, welcher eine Beurteilung der Interpretationen  jenseits der Feststellung manueller Sicherheit kaum zulässt. Beim Tourneestart zwei Tage zuvor im Beethoven-Haus von Kreitens Geburtsstadt Bonn waren bessere Bedingungen gegeben. Dennoch erlebte man in Köln einen bewegenden Abend, zumal sich einige Mitglieder aus der weitläufigen Familie Karlrobert Kreitens unter den Zuhörern befanden. Das unterstrich den Mahncharakter der Veranstaltiung.

Christoph Zimmermann 30.6.16

 

Weiteres

karlrobertkreiten.de

Eine der wenigen gebliebenen Aufnahmen auf Tube

 

Opernfreund-Büchertipp:

noch im Buchhandel - ein MUST HAVE !!!

 

Weitere Artikel unserer Kollegen:

"Von den Nazis hingerichtet..." TAZ

"Ungespielte Töne" SZ

"Auf den Spuren eines toten idols" BR-Klassik

"Späte Ehre für den Nazi-Gegner..." Hamburger Abendblatt

"Ende einer Pianisten Kariere"  Kölner Rundschau

 

 

 

PETITE MESSE SOLENELLE

Köln, St. Maternus, 22. Mai 2016

Rossinis opernhaftes Spätwerk

"Letzte Todsünde des Alters"

 

In der großen Kölner Chorlandschaft hat mit der „Petite Messe Solenelle“ von Gioachino Rossini die Kölner Kurrende erneut eine eindrucksvolle Visitenkarte abgegeben. Der Laienchor wurde 1970 von der Dirigentin und Komponistin Elke Mascha Blankenburg gegründet, hat viele große Werke aufgeführt und zahlreiche Preise abgeräumt. Ihr Chor wird seit 2000 von Michael Reif geführt; er war Leiter des Kölner Gürzenich-Chors, ist weltweit als Dirigent und Lehrer unterwegs, hat viele maßgebliche Aufnahmen eingespielt und arbeitet als Dozent an der Kölner Musikhochschule für Chordirigieren.
Zur Gründerin der Kurrende sei noch eine Besonderheit erwähnt: Sie hatte mit dem "Clara-Schumann-Orchester“ ein rein professionelles Frauenorchester ins Leben gerufen, welches allerdings ständig auf der Suche nach damals raren weiblichen Besetzungen war. So geht die Mär, dass immer, wenn aus der Not ein männlicher Tubist, Kontrabassspieler oder Posaunist engagiert werden musste, die ironische Frage kann: „Und was soll ich anziehen?“ Mascha war als Dirigentin ein echter Pionier; wegen eines Hörsturzes musste sie ihre Tätigkeit vorzeitig beenden, war allerdings weiter in Sachen Frauenmusik sehr aktiv. Sie starb 2013 in Köln. 

Diese Rossini-Messe gehört zusammen mit dem „Stabat Mater“, der genialen Vertonung des mittelalterlichen lateinischen Marienverehrungsgebets, zu den wichtigsten geistlichen Werken des italienischen Opernkomponisten. Rossini hatte sich nach seiner letzten Oper „Wilhelm Tell“ von 1829 weitgehend auf die faule Haut gelegt, seinen Ruhm und seine reichlichen Tantiemen ausgekostet und viele damalige Größen der Gesellschaft angeblich selbst bekocht. So sind auch die „Tournedos Rossini“ nach ihm benannt worden. Dann, mit 71 Jahren und nach 41 Opern, nahm er einen Kompositionsauftrag an und schuf seine "Petite Messe solennelle", wörtlich eine kleine feierliche Messe. Sie war eine Auftragskomposition für eine gräfliche Privatkapelle in Paris, wo halt wenig Platz war; so verfiel Rossini auf die reizvolle Lösung für die Begleitung mit zwei Klavieren und Harmonium (wobei das zweite Klavier meist weggelassen wird). Später schuf er noch eine heute selten gespielte, eher langweilige Orchesterversion.

In der Partitur hatte der Komponist vermerkt: „12 Sänger von drei Geschlechtern - Männer, Frauen und Kastraten werden genug sein für ihre Aufführung, d.h. acht für den Chor, vier für die Soli, insgesamt also 12 Cherubine“. Und eine Widmung, ebenso skurril wie diese Besetzungsangabe, findet sich am Ende der Partitur, neben den letzten Takten des „Agnus Dei" stehend: „Lieber Gott - voilà, nun ist diese arme kleine Messe beendet. Ist es wirklich heilige Musik die ich gemacht habe oder ist es vermaledeite Musik? Ich wurde für die Opera buffa geboren. Wenig Wissen, ein bisschen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies."

Man kann diesen Titel nur als humorvolle Untertreibung Rossinis auffassen, denn mit 90 Minuten Aufführungsdauer entspricht sie im Stil einer groß angelegten Missa Solemnis. Dieses einzigartige Werk der Musikgeschichte ist eine wirkungsvolle Mischung aus opernhaft angelegtem Belcanto und emotionsgeladenen melodischen Bögen, von Bach inspirierter Polyphonie und ausgeprägt positionierten harmonischen Markierungen. Wenngleich auch immer wieder Kritik in Form von „zu spielerisch, zu unterhaltend oder zu opernhaft“ aufkam; dem entgegnete Rossini, dass seine Musik halt „immer semiseria“ sei. Und: Warum sich Heiterkeit, tänzerisches Element und Leichtigkeit nicht mit dem Lobpreis Gottes vereinbaren lassen könnten.

Die Aufführung in der St. Maternus-Kirche (Bild oben, Wikipedia) in der Kölner Südstadt zeigte staunenswert, auf welch hohem musiklischem Niveau sich die Kurrende derzeit befindet – klar das Werk ihres Dirigenten Michael Reif, der seinen sehr aufmerksamen Chor subtil, aber nachdrücklich zwischen himmlischer Ruhe und ausgeprägter Dynamik leitete. Das Ergebnis waren Klangschönheit, Homogenität, Durchsichtigkeit, gutes Textverständnis, Ausgewogenheit der Stimmen, Präzision in den Einsätzen – der Chor braucht sich auch vor großen Namen nicht zu verstecken. Die Virtuosität in den oft geteilten polyphonen Chorstimmen und den beiden großen Doppelfugen am Ende des „Gloria“ und des „Credos“ machte fast atemlos – die Hände zuckten da schon ein wenig zum Applaus etwa bei der aufpeitschenden Stretta des Chores "Cum sancto spirito".

Ein großes Glück für die Aufführung waren auch die Solisten, junge Sänger, die an der Schwelle internatinalen Ruhmes stehen und schon viele bedeutende Engagements hinter sich haben. Anna Herbst, die schon mehrfach in der Kölner Oper aufgetreten ist, glänzte mit hellem und reinem, sehr ausdrucksstarkem Sopran, strahlend ihr anfängliches „Gloria“, überzeugend lyrisch und berührend ihr Fronleichnamshymnus „O Salutaris Hostia“. Die Polin Marta Wryk ist als ehemaliges Mitglied des Kölner Internationalen Opernstudios ins Ensemble aufgestiegen, ihr raumfüllender und dunkel-geheimnisvoller klarer Mezzo berührte insbesondere in der hochdramatisch ausklingenden Friedensbitte „Dona nobis pacem".
 

Highlight des Konzerts war zweifellos der junge Koreaner Taejun Sun, ebenfalls ein sehr erfolgreicher Spross des Kölner Opernstudios. Er verfügt über einen unglaublich strahlenden Tenor mit lockerer, unangestrengter Höhe, aber dennoch mit eher weichem und sehr angenehmen Timbre, welches hier perfekt passte. Seine große Arie „Domine Deus“, mit viel Inbrunst und Herzblut gesungen, riss in der Generalprobe am Vortag den gesamten mit offenem Mund lauschenden Chor zu einem spontanen Beifallssturm hin. Eine eher ungewöhnliche Begebenheit.  Der junge deutsch-mexikanische Bariton Rafael Bruck, der kurzfristig (und vom Dirigenten in seiner Begrüßung leider nicht angekündigt) für den erkrankten Maximilian Haschemi perfekt eingesprungen war, war schon als Student solistisch vielfältig engagiert und ist derzeit festes Ensemblemitglied in Krefeld- Mönchengladbach. Mit seiner herrlich schwarzen und beweglichen Stimme, verbunden mit für einen Bariton viel Volumen auch in der Tiefe, deklamierte er eindrucksvoll sein Solo im „Quoniam“.

Anna Herbst, Marta Wryk

Die instrumentale Begleitung schwächte den  Gesamteindruck leider schon ein wenig. Der Flügel von Dorothy Gemmeke war leider weit geöffnet, die Pianistin spielte oft unnötig laut, wenig differenziert und mit viel Pedaleinsatz, sodass ein eher verwaschener Klang entstand, der die Durchsichtigkeit des Chorgesangs arg beeinträchtigte. Schade. Routiniert ergänzte Gerd Schmidt auf einem seltenen 2-manualigem und elektrisch betriebenen Harmonium (was man gerne etwas prägnanter gehörte hätte) das originelle Klangspektrum und erzeugte immer wieder paradiesische Stimmung, leider ohne das Solostück „Preludio religioso“, welches hier das Klavier übernommen hatte.

Michael Reif, G. Schmidt, D. Gemmke, Rafael Bruck, Taejun Sun, Marta Wryk, Anna Herbst

Nach dem finalen“ Agnus Dei“ herrschte eine gefühlte Minute atemlose Stille und Spannung, die sich dann in jubelnden Applaus wandelte. Großes Kompliment an alle Beteiligten für dieses imponierende Konzert, von dem es leider keine zeitnahe Wiederholung geben wird.

Text und Foto von Michael Cramer 25.5.16

 

 

„city life“

Ein Abend für Kammerorchester und digitale Elektroniker

Kölner Gürzenich-Orchester und KOMPAKT in Kooperation

Wenn jemand Sorge hat, dass das Konzertpublikum ausstirbt, hätte er mal in die Kölner Wassermannhalle, einem ehemaligen Fertigbetonwerk im Kölner Norden aus den 50er-Jahren, kommen sollen. Die Veranstaltungs-Halle, die aufwändig saniert wurde, hat jedoch den Charme der alten Industrie dabei nicht verloren. Hier lassen die Betonsäulen und die Originalkräne aus dem Jahre 1964, eine riesige Disko-Kugel sowie der Blick aus dem Glasfoyer auf einen beleuchteten alten Wasserturm die Gäste in eine andere Zeit eintauchen. Hier war zwar keine Barockmusik oder Wiener Klassik zu goutieren, aber eine hochinteressante Mischung zwischen Neutönernen wie Edgar Varèse, John Adams und Györgi Ligeti mit rein elektronischer Musik vom original benutzten Laptop, zusammen mit reichlich Tasteninstrumenten und einer Viola. Und dirigiert – nein, eher zelebriert vom neuen Kölner GMD François Xavier Roth; jeder Besucher bekam einen fetten FXR-Stempel auf den Handrücken, was die  zweistündige Veranstaltung mental ein wenig in die Nähe eines Mega-Events rückte.

Und das war sie auch; brechend voll war es, beide Abende waren ausverkauft, Altersdurchschnitt gefühlt 40: wenn das mal kein gutes Zeichen für die Zukunft ist und vielleicht für ein unmerkliches Ende der Aufspaltung in E- und U-Musik. Und für Roth, der sich von seinen Musikern von Anbeginn an duzen lässt, eine prima Möglichkeit, sich auch auf diesem Gebiet gleich zu Anfang eindrucksvoll zu präsentieren. Denn gerade Köln war mit seinem elektronischen Studio des WDR, mit Markus Stockhausen oder mit John Cage das Nest dieser Musik weltweit.

„Mitunternehmer“ des sehr nachdrücklichen Abends war Wolfgang Voigt, Chef des Labels „Kompakt“, führend für elektronische Musik; der Insider-Tipp kam von Roth´s Sohn selbst. Voigt war natürlich sehr angetan von der Idee, und so schuf man eine hochinteressante und spannende Synthese, und das auch in einem ganz anderen Umfeld; die gewohnte Philharmonie wäre unpassend gewesen.

Namensgeber der Veranstaltung und auch das letzte Stück des Abends war „City Life“, das späte Stück von Steve Reich von 1995, eine minimalistische Komposition für Oboen, Klarinetten, Schlagzeug, Streichquartett und Kontrabass, gespielt von Musikern des Gürzenichorchesters unter der Leitung ihres Chefs; er hatte zuvor auch den dritten Satz der Chamber Symphony von John Adams und den ersten Satz von Ligety´s Kammerkonzerte für 13 Instrumentalisten dirigiert. Auffällig am Abend war die große Anzahl von Gürzenich-Musikern unter den Zuhörern; auch dies ist ein großes Kompliment für den neuen Chef. Reich hatte in seine Musik eine große Vielfalt von Klängen und Sprachproben aus seiner Heimatstadt New York wie Autohupen, Bremsen, Alarmanlagen oder Sirenen aufgenommen; eine spannende Mischung, welche große Aufmerksamkeit erforderte.

Edgar Varèse ist der Klassiker unter den „Neutönern“. Mit „Octandre“ für sieben Bläser und Kontrabass begann der Abend, interessant choreografiert, da die neun Stücke zuzüglich Pause alle nahtlos ineinander übergingen: der eine war noch aktiv und schlich sich dann heimlich heraus, während der Nachfolger sich langsam an die Arbeit machte. So war Applaus fast nicht möglich und auch sicher so nicht gewollt.

Dreimal waren die Komponisten der rein elektronischen Musik zu hören – und vor allem zu sehen, alleine vor ihren Laptops und hoch oben auf der Galerie: Markus Schmickler mit dem langsamen und intensiven „Param“, Gregor Schwellenbach mit „Koze´s Room 303“ (beide sind Mitorganisatoren des Events) und „Konstrukt 1“ von Wolfgang Voigt. Dazu gesellte sich Florian Peelmann, der neue Solobratscher der „Gürzenichs“, mit seinem Instrument in Pierre Charvets elektronisches „And Death“, ein interessantes Aufeinanderprallen ganz unterschiedlicher Klangräume: die Bratsche glänzte mit virtuosen Kaskaden und Doppelgriffen.

Die ca. 20 Musiker zuzüglich einiger Gäste bewegten sich auf diesem zum Teil ungewohnten Terrain mit erstaunlicher Sicherheit, Präzision und Klangfülle, aber auch mit sichtbarer Freude an diesen Werken; kein Wunder bei einem solchen Dirigenten. Roth hat sehr viel Erfahrung mit Neuer Musik, dirigierte mit eindringlicher und nachvollziehbarer Körpersprache beinahe jeden Musiker einzeln - ein Genuss, ihm dabei zuzusehen. Zu erwähnen ist noch Schwellenbachs „Geduld-Ungeduld“, ein Stück für Klavier solo und Elektronik; alles in allem ein hochinteressanter musikalischer Klangkosmos.

Es ist zu hoffen, dass sich diese Art Konzerte wiederholen wird. Das Interesse erscheint riesengroß, so unterschiedliche Stücke neuer Musik en bloc erleben zu dürfen, die Verbindung zur Klassik und auch zur Oper ist durchaus naheliegend und der Weg vom Rhein nach Köln-Ehrenfeld ja auch nicht gar so weit.

Michael Cramer 26./27. Februar 2016       

Fotos (c) Cramer           

 

Die schöne Magelone und der Ritter Peter

„Im Zentrum Lied“ mit Andreas Durban (Erzähler), Fabian Hemmelmann (Bariton), Andreas Frese (Klavier) und Martin Walser (Rezitation)

20.Januar 2016, Fritz-Thyssen-Stiftung Köln

Es ist schon ein berückendes Erlebnis, einen großen deutschen Schriftsteller, den Doyen seiner Zunft, hautnah erleben zu dürfen. Die Rede ist vom vielfach gelesenen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Martin Walser, welcher mit 88 Jahren soeben seinen neuen Roman „Ein sterbender Mann“ veröffentlich hat. Chapeau Chapeau ! Nach Köln gelockt hatten ihn die Sängerin Ingrid Schmithüsen, künstlerische Leiterin und Motor der von ihr vor neun Jahren initiierte Konzertreihe „Im Zentrum Lied“; früher angesiedelt im „Belgischen Haus“ und nach dessen Schließung nunmehr im großen Saal der „Fritz-Thyssen-Stiftung“, dem ehemaligen Amerikahaus im Schatten der ehrwürdigen romanischen Apostelkirche.

Martin Walsser und Ingrid Schmidthüsen

Geboten wurde eine hochdelikate literarisch-musikalische Zusammenstellung. Der vielfältig tätige Berliner Dichter, Herausgeber und Literat Johann Ludwig Tieck (1773-1853) hatte 1797 die "Liebensgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence" herausgebracht; eine romantische, etwas schwülstige Rittererzählung, der auf einem volkstümlichen französischen Roman aus dem 15. Jahrhundert fußt. Darin wird die Liebe des Ritters Peter zu Magelone, Tochter des Königs von Neapel, in Gedichtform blumigst erzählt. Held und Heldin (so muss es ja heute heißen) sind stramm verliebt und müssen alle möglichen Klippen überwinden, um endlich heiraten zu können. Um die etwas dürre Geschichte besser nachvollziehen zu können, hatte Tieck zusätzlich eine Art Zwischentexte als Verbindung der einzelnen Gedichte verfasst. Nun sind diese sprachlich schon etwas sehr mühsam, helfen allerdings, die Geschichte zu verstehen.

Dem Romantiker Johannes Brahms lag es offensichtlich am Herzen, diese Gedichte zu vertonen; so entstand der Liederzyklus „Die schöne Magelone“. Die Anzahl der Aufführungen blieb über die Jahre allerdings sehr überschaubar, nicht zuletzt aus sprachlichen Gründen. Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer, Fachmann für das Werk von Martin Walser, brachte diesen mit dem Sänger Christian Gerhaher, Musikprofessor in München und examinierter Arzt, zusammen. Der wollte immer schon mal „die Magelone“ singen, was aber am schrecklich antiquierten Text scheiterte. Also bot der Schriftsteller an, diesen Text von Grund auf zu überholen und zu modernisieren, allerdings unter Belassung der typischen sprachlichen Merkmale, vergleichbar mit einer renovierten alten Villa, die aber immer noch den Geist ihrer Entstehungszeit atmet. Und diesen Text auch noch im Konzert selbst zu lesen – welch eine Freude!

Auch in Köln stand Walser ebenfalls auf dem Podium, wenngleich er sich aus Altersgründen zwischendurch hinsetzen durfte. Statt Gerhaher sang der sehr angenehm klingende Fabian Hemmelmann, der bereits früher das Projekt mit Walser in Köln angedacht hatte. Er ist eingebunden in die künstlerische Leitung der Konzertreihe und ausgebildet bei Thomas Quasthoff und Klesie Kelly. Er wurde am Klavier begleitet von seinem Jugendfreund Andreas Frese, der kurzfristig für die erkrankte Kölner Pianistin Lara Jones eingesprungen war. Der letzte im „Eintopf Tieck-Brahms-Walser-Hemmelmann-Frese“ war der Schauspieler und Lehrer an der Musikhochschule in Köln Andreas Durban. Es war sein dritter Auftritt in der Nachfolge des verstorbenen Hans Winking als traditioneller „Erzähler“ in diesem Rahmen, und was für einer ! Durban rezitierte einen eigenen Text über alle möglichen Ritter und Rittergeschichten, über Minne, Rösser und Waffen, über König Artus, Götz von Berlichingen bis hin zum Parzival. Seine geschliffene Sprache, die Originalität und sein fein-humoriger Vortrag waren blendend geeignet, um auf das nachfolgende Werk einzustimmen. „Achtung Rittergeschichten – ich hatte Sie ja vorher gewarnt !“

Fabiab Hemmelmann und Martin Walser

Martin Walser erzählte dann die Geschichte vom jungen Ritter Peter, hoch erfolgreich in zahlreichen Turnieren, der mit seiner angebeteten Magelone durchbrennt, allerdings nicht sehr erfolgreich; er wird auf dem Mittelmeer entführt und kommt in die Hände eine heidnischen Sultans, dem er erst nach langen Jahren entkommen kann. Zurück bei Magelone merkt er, dass sie ihm offensichtlich treu geblieben ist: eine durchaus interessante Fragestellung.

Es war die pure Lust, Walser beim Rezitieren sehen und hören zu können, zumal das kleine Amélie-Thyssen-Auditorium nur etwa 140 Plätze hat - die natürlich alle belegt waren. Walser sprach vergleichsweise bedachtsam, aber mit blitzendem Augenzwinkern und erheblichem Schalk im Nacken. Und ließ Zeit zum Zuhören, Aufnehmen und Nachdenken. Man versank nach kurzer Zeit förmlich in die Geschichte, in die Nöte der Liebenden, ihren Schmerz über die Trennung und die Freude des Wiedersehens.

Andreas Durban 3. von links

Dazu trug auch der Bariton Fabian Hemmelmann maßgeblich bei, der immer wieder von Walser liebevoll angestupst wurde :“Und er sang …. “. Wenngleich man sich von ihm gelegentlich etwas mehr Empathie und Dynamik in seiner vorzüglichen und sprachlich sehr gut verständlichen Stimme vorstellen konnte. Andreas Frese hatte seinen schwierigen Klavierpart sicher im Griff, er begleitete subtil und verständnisvoll, sängergerecht und mit fabelhaftem Anschlag.

Martin Walser „Im Zentrum Lied“ – das war klar ein Highlight in der Geschichte dieses kleinen und feinen Vereins. Das Publikum wusste dies nach langer Pause des Versenkens mit einem riesigen Beifallssturm zu würdigen. Und Glück hatte, wer noch beim anschließenden Restaurantbesuch dabei sein durfte; Walser parlierte munter weiter, brichtete von den 25 bundesweiten Leseterminen für sein neue Buch und hielt bis spät in die Nacht locker durch. Ein beachtliches Pensum für einen Mann am Ende seines neuntn Lebensjahrzehnts.

Text und Fotos: Michael Cramer 25.1.16

 

Das besondere Geburtstagsgeschenk – der Arienabend für die Freunde

Junge Künstler vom Feinsten

Was könnte man einem ausgewiesenen Opernenthusiasten zu dessen 70. Geburtstag denn nur schenken? Etwa CDs, Bildbände oder Gutscheine für eine Veranstaltung - das übliche halt. Origineller sind da schon Kochbücher mit passender Opern-CD wie „Pasta & Opera“ oder „Puccini zur Pasta“, sie klingen gut und schmecken prima.

 

Es geht aber auch ganz anders: der Jubilar Norbert Pabelick, pensionierter Gymnasiallehrer, Ausbilder für zahlreiche Pädagogen-Jahrgänge und immer noch fleißiger Oberstufen-Lehrbuchautor, hat den Spieß umgedreht und seinen zahlreichen Freunden -und sich selbst- einen fabulösen privaten Arienabend geschenkt.

Und dazu gehören nun mal ein Sänger, besser noch zwei, und ein Pianist; der Aufwand für ein eigenes Kammerorchester scheitert meistens am Platzbedarf. Dank seiner guten Vernetzung in Opernkreisen - so ist Pabelick seit kurzem auch stellvertretender Vorsitzender der „Freunde der Kölner Oper“ http://www.opernfreunde-koeln.de - gelang es ihm, zwei junge Sänger an der Schwelle zum Ruhm für den Abend zu gewinnen. Das zweite Glück: die als Innenarchitektin zusammen mit ihrer Partnerin Astrid Kölsche sehr erfolgreiche Tochter Silke http://studio-ash.de, die auch den Programmzettel gestaltete, stellte ihre stimmungs- und stilvollen Büroräume in einem Kölner Loft zur Verfügung.

 

Es präsentierten sich mit der polnischen Mezzosopranistin Marta Wryk, dem koreanischen Tenor Taejun Sun und dem russischen Pianisten Igor Kirillov drei junge Künstler, die schon beachtliche Reputation bei Publikum und Kritik gewonnen haben. Marta Wryk hat aus dem Opernstudio heraus ihre Karriere an der Kölner Oper gestartet und singt nach zahlreichen Auslandsverpflichtungen mittlerweile u.a. an den Opernhäusern in Bonn und Wiesbaden wesentliche Partien. Taejun Sun gehört dem Kölner Opernstudio an, welches von den Förderern der Kölner Oper tatkräftig unterstützt wird; der Vorsitzende Dr. Kemper ließ es sich denn auch nicht nehmen, sich unter die Gäste dieses Konzerts zu mischen. In der kommenden Spielzeit übernimmt Sun in Köln mehrere tragende Partien, so z.B. den Don Ottavio in der Neuproduktion des Don Giovanni, den Male Chorus im „Raub der Lucrezia“ oder den Messagero in „Aida“. Der Pianist Igor Kirillov, schon in jungen Jahren in Russland bei einem Wettbewerb als bester Tschaikowsky-Interpret ausgezeichnet, hat sich u.a. durch Einspielungen beim WDR einen Namen gemacht. 

Die jungen Künstler begeisterten das festlich gestimmte Publikum mit einem sehr abwechslungsreichen Programm, das mit Arien und Duetten aus Opern von Mozart, Rossini, Bellini, Donizetti oder Bizet lauter Highlights der Opernliteratur bot. Ein Höhepunkt des Abends war aber zweifellos die Arie der Dalila aus Camille Saint-Seans Oper „Samson und Dalila“, die Wryk mit ihrem warm timbrierten Mezzo betörend sinnlich gestaltete, und das nicht nur musikalisch. Da konnte man fast life nachvollziehen, warum Samson den erotischen Verführungskünsten Dalilas immer wieder erliegt. Die sympathische, attraktive Sängerin braucht sich jedenfalls vor den großen Interpretinnen dieser Rolle in unserer Zeit wie Vesselina Kasarova oder Eleana Garanca kaum zu verstecken und dürfte eine große Zukunft vor sich haben.

Den Mount Everest aller Tenorarien, die Arie „Ah! Mes amis“ aus der „Regimentstochter“ von Gaetano Donizetti mit sage und schreibe neun hohen Cs, erklomm Taejun Sun mit einer Leichtigkeit und Brillanz, die allen Zuschauern schier den Atem raubte. Da kann man verstehen, dass Sun als eine ganz große Tenorbegabung schon jetzt von der regionalen und überregionalen Presse gefeiert wird. Dass er neben kraftvollen, strahlenden Spitzentönen über eine erstaunliche Legato- und Pianokultur verfügt, zeigten seine Blumenarie und das abschließende Duett aus dem 2. Akt von „Carmen“. Hier konnten die beiden Jungstars auch ihr schauspielerisches Talent voll zur Geltung bringen. Igor Kirillov war ein einfühlsamer, kongenialer Begleiter und entlockte dem E-Piano bei Mozarts Rondo D-dur KV 485 oder Robert Schumanns Arabeske C-Dur Op. 18 erstaunliche, verinnerlichte Töne. Nach den Zugaben mit einem polnischen Volkslied von Chopin und der Arie „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“, ganz nach dem Vorbild des großen Pavarotti, wollte der Beifall nicht enden. Die Ovationen der gut 80 Gäste waren der Lohn für einen großen Opernabend. Reinhold Knodel, Chef der Pandion AG www.pandion.de, Lebensgefährte von Silke Pabelick und großzügiger Sponsor der Kölner Oper, setzte dem dann noch das Sahnehäubchen auf mit dem Hinweis auf den vierten Künstler des Abends, nämlich den Jubilar selbst, mit seiner Zusammenstellung des Programms, seiner wundervollen Conference und der Organisation, dies zusammen mit seiner famose Ehefrau Ute.

Es müssen nicht die großen Häuser, nicht die berühmten Namen von Sängerstars oder Regisseuren sein, um wirkliches Opernglück ganz hautnah zu erleben. Und wenn dann noch bei erfrischenden wie edlen Kaltgetränken und einem von den Freunden gestifteten vielfältigen Buffet das interessante Gespräch mit den Künstlern und den Fans dazukommt, ist das schon etwas ganz Besonderes. Lieber Norbert, Danke dafür und auch von dieser Stelle aus ein herzlicher Glückwunsch.

Michael Cramer 26.10.2015

 

 

Das Aus für das „Belgische Haus“

Keine Konzerte mehr nach 65 Jahren

Die Nachricht fuhr der Kölner klassischen Kulturszene wie ein Schock durch die Glieder: Das „Belgische Haus“ im Herzen von Köln, just gegenüber dem Schnütgen– und Völkerkundemuseum, denkmalgeschütztes Kleinod von 1949 mit einem wunderbar altmodischen holzgetäfelten Konzertsaal für 200 Personen, soll im Zuge der Sparmaßnahmen der belgischen Regierung geschlossen werden. Das Haus war - neben dem Sitz des Generalkonsuls, der ebenfalls „abgewickelt“ wird - die Heimstätte für unzählige Konzerte, Liederabende, Bilderausstellungen und einer der vielfältigsten kulturellen Plätze in Köln. Legendär war das Restaurant für die belgischen Offiziere, welches auch Zivilisten auf Einladung offenstand; der Schreiber dieser Zeilen vermag dazu aus eigener Erfahrung zu berichten. Ein rühriger Förderverein versucht derzeit, das Schlimmste zu verhindern und das Haus in dieser Form zu erhalten, um es vor den Klauen gieriger Investoren zu schützen.

Foto: Folkert Herlyn

Neben dem Konsul wurden auch zwei etablierte Kölner Musikgruppierungen aus der vertrauten Umgebung entlassen; zum einen „Im Zentrum Lied“, eine Veranstaltungsreihe um das Kunstlied, vor neun Jahren ins Leben gerufen von der bekannten Sopranistin Ingrid Schmidthüsen. Der Verein www.imzentrumlied.de organisiert fünf Liederabende im Jahr mit namhaften Solisten und Pianisten; die künstlerische Leitung obliegt weiterhin Frau Schmidthüsen, Vorsitzender des Trägervereins  ist der Kölner Rechtsanwalt Peter Verspay.

Die andere Gruppe ist das Kollektiv „Kammermusik-für-Köln“. Etabliert hat es sich 2012 mit engagierten und hoch qualifizierten jungen Musikern aus dem WDR- und Gürzenichorchester, die sich nicht zu fein waren, selbst Flyer vor der Kölner Philharmonie zu verteilen und Karten zu verkaufen. Köln hat zwar ein reiches Angebot an Kammermusik, aber leider keinen richtig gut passenden Saal. So wurde auch beim Neubau des zentral liegenden Rautenstrauch-Joest-Museums der angedachte Kammermusiksaal nicht verwirklicht. Ein Trauerspiel für eine Kulturstadt wie Köln.

Die Sänger haben für ihre Konzertreihe 15/16 glücklicherweise im „Amélie Thyssen Auditorium“ in der Fritz-Thyssen-Stiftung gegenüber der Apostelkirche ein neues Domizil gefunden. Die Stiftung hat das ehemalige Amerika-Haus zu einem sehr schicken Zentrum für ihre wissenschaftlichen Aktivitäten umgebaut, dazu gehört auch das Auditorium mit 140 Plätzen, einem Flügel und einer hervorragenden Akustik.

Foto: Thomas Riehle

Letzteres konnte man gleich beim ersten Konzert der Reihe „Frauengestalten“ erfreut feststellen. Der Musikstar Salome Kammer, als Sängerin und Schauspielerin im Theater und  im Musical, in neuer Musik und im Kabarett weithin berühmt, spielte, sprach und sang zum Thema „Von Dirnen, Nutten und Huren“; nicht immer ganz jugendfrei, aber mit ungeheurer Lust am Sujet der Stücke, mit ausladender Gestik und Mimik, witzig und feinsinnig. Ein Genuss, „die Kammer“, die als Dozentin für zeitgenössische Musik für Sänger an der Musikhochschule München lehrt und für die zahlreiche Neutöner eigens komponiert haben, bei ihren Aktionen auf der Bühne zuzusehen. Ist sie eine schauspielende Sängerin oder singende Schauspielerin? Bei Stücken wie dem „Lied eines Freudenmädchens“ oder der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“, bei „Sexappeal“ oder dem "Alabama-Song" denkt man an schnell an die Leiden, die Einsamkeit und das Elend im ältesten Gewerbe der Welt.

Einfühlsam und energisch wurde sie begleitet wurde sie von Rudi Spring, der auch in kurzen Stücken als singender Duopartner fungierte. Celloschüler und Partner von Heinrich Schiff, Kirchenorganist, Dirigent, Kammermusik- und Liedpianist, Dozent – ein Mensch mit einem ausgeprägtem musikalischem Leben. Er spielte die Späße der Sängerin zum Vergnügen des ausverkauften und begeistert applaudierenden Hauses auch körperlich mit, ein perfektes Duo.

Foto: Ernst Sell

Eingeführt in das Konzert wurde erstmalig durch Andreas Durban, Sänger, Schauspieler und Dozent an der Kölner Musikhochschule, launig und locker und mit vielen hintersinnigen und faszinierenden Details. Er ersetzt als traditioneller „Erzähler“ den leider plötzlich verstorbenen Hans Winking, dem dieses Konzert gewidmet war.

Hinweis: Beim Konzert No. 3 am 20. Januar 2016 (Johannes Brahms „Die schöne Magelone“) wird Martin Walser die von ihm neu geschriebene abenteuerlichen Geschicke der Prinzessin Magelone selbst lesen.

Die Kammermusiker www.kammermusik-fuer-koeln.de hingegen spielen auf deutlich niedrigeren Niveau: Statt in der ersten Etage der Stiftung "nur" im zweiten Untergeschoss des Hauses der Architekten Kaspar und Sybil Kraemer am Römertum, dem „Sancta Clara Keller“. Er ist ein Gewölbe des ehemaligen Clarissinnen-Klosters, welches anlässlich der Säkularisation zerstört wurde. Beim Wiederaufbau nach dem Krieg machte man den Keller wieder zugänglich; er ist heute ein Ort der Begegnung, um im Rahmen von Vorträgen und Führungen Stadtgeschichte wach zu halten, aber auch um Konzerte und Lesungen zu erleben.

Foto: HG Esch

Im Eröffnungskonzert „Einflüsse – Freundschaft“ ihrer aktuellen und vieldeutig benannten Reihe „Ein-Klang“ gab es Erstaunliches zu hören – Nepomuk Hummels Septett d-moll op. 74 für Klavier, Flöte, Oboe, Horn, Viola, Violoncello und Kontrabass. Hochvirtuos, originell und witzig, blendend gespielt; ein Sonderlob für das Horn von Marcus Wittgens, die Oboe von Tom Owen und den berühmten Gast-Pianisten Florian Uhlig. Und: ab sofort die neue Lieblings-Kammermusik des Rezensenten. Als zweites großes Werk das Es-Dur-Septett von Beethoven. Ein Klassiker des Sujets, auch hier sind die Musiker in Klang, Dynamik und Einsätzen perfekt aufeinander abgestimmt unter der Führung des ersten Geigers José Maria Blumenschein. Er war in der kompetenten und launigen Einführung durch Holger Noltze auch der Gesprächspartner dieses bekannten Musikjournalisten und Buchautors.

Zentrum des Abends waren die kurzen „Diabelleries“, genannt nach den Beethoven´schen Diabelli-Variationen von 1819, damals angeregt vom gleichnamigen Musikverleger, und 1955 nachgeahmt vom Briten Ralph Vaughan Williams, einem sehr fleißigem, allerdings nicht sonderlich erfolgreichen Komponisten. Er hatte mehrere Kollegen um eine Variation eines bekannten Kinderlieds gebeten, komponierte auch selbst. Der Sancta Clara Keller war Ort der deutschen Uraufführung dieser ungewöhnlichen, sehr originellen und in den einzelnen Sätzen höchst unterschiedlicher Musik. Es war ein pures Vergnügen, die hohe Spielfreude dieser musikalischen Individuen nicht nur zu hören, sondern auch sehen zu können; so achte man mal auf die ausgeprägte Körpersprache von Thorsten Johanns, international beschäftigter Soloklarinettist beim WDR-Symphonieorchester. Und das alles trotz hoher Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit im Keller, welche auch die geringer beschäftigen Zuhörer etwas lähmten. Aber in der anstehenden Wintersaison dürfte sich dieses Problem ohnehin von selbst lösten. 

Der Santa Clara Keller – ein toller und stimmungsvoller, wenn auch etwas enger Spielort mit Künstlern „zum Anfassen“ nahe; tiefer Dank gebührt den großzügigen Gastgebern. Denn muss ja nicht immer nur die Philharmonie ein.

Nachtrag vom 30.10.: Die Belgier ziehen sich definitiv zum Jahresende aus dem Haus zurück und verkaufen es. Der Förderverein bemüht sich, das Haus für kulturelle Veranstaltungen auch weiterhin nutzen zu können.

 

Michael Cramer 8.10.15

 

Festival Alte Musik im Kloster Knechsteden

Georg Philipp Telemann

Pimpinone oder die ungleiche Heirat

„... und die Moral von der Geschicht ....“

Aufführung am 12. September 2015

Lautes Gelächter schallte durch die prachtvolle romanische Basilika, im 12. Jahrhundert als Stiftskirche der Prämonstatenserabtei erbaut; Grund war ein tragisch-komisches Alltagsleben – aber natürlich nicht im Gotteshaus selbst, sondern beim reichen „Pimpinone“ zu Hause. Jedoch davon später.

Die Kirche ist Teil des Klosters Knechtsteden, nördlich von Köln gelegen. An diesem ehrwürdigen Ort, seit 1000 Jahren Hort für etliche Mönche und heute auch für ein privates Gymnasium, leitet der Dirigent und Alte-Musik-Spezialist Herrmann Max, eine der markanten Schlüsselfiguren in der Szene, seit 1992 jeweils in der zweiten Septemberhälfte ein stark beachtetes Festival mit lokalen Chören und Barockformationen, mit illustren Gästen sowie Newcomern und seinem spezialisierten Orchester „Das kleine Konzert“. Früher pilgerten die Gläubigen, heute die Barockliebhaber zu diesem architektonischen Kleinod, dessen Besuch auch außerhalb des Festivals nur nachdrücklich empfohlen werden kann.

Das diesjährige 24. Festival unter dem Motto „...und die Moral von der Geschicht ... –Spott und Humor in Sprache und Musik “ umfasst musikalische Erzählungen über die Beurteilung tugend- wie lasterhafter Menschen in der Barockzeit, in illustrativen Kurzgeschichten, in klingenden Bildern. Ein spannendes und ungewöhnliches Thema. Einer der Höhepunkte war „Pimpinone“, eine Kurzoper von Georg Philipp Telemann, komponiert 1725 als „Pausenfüller“ für die langen Umbauarbeiten der Bühne bei Händel´s „Tamerlano“ am Hamburger Gänsemarkt – es wurde sein beliebtestes Bühnenwerk. Da es in den damaligen Theatern kein Foyer gab, bot man den Zuschauern während der langen und ernsten Opernaufführungen auf diese Weise etwas Kurzweil, Spaß und Unterhaltung mit den beliebten „Intermezzi“. Bei der Einführung in der Bibliothek hoben Hermann Marx und der Autor und Theatermann Thomas Höft, der auch die launige und originelle Conference vor und zwischen den drei Akten übernommen hatte, darauf ab, dass hier etwas zusammengestellt wurde, was eigentlich nicht recht zusammen passt.

Das Sujet der Oper – der alte und hässliche, aber steinreiche Mann und ein hübsches Mädchen – ist in vielen Variationen in Commedia del´ Arte vertreten; man denkt automatisch an den armen Don Bartolo oder Don Pasquale. So auch in Pergolesis oft zitierter Oper „Serva Padrona“, die aber nicht, wie oft ausgeführt, den Beginn der Buffa-Oper darstellt; „Pimpinone“ erblickte einige Jahre früher das Licht der Bühnenbretter. In Knechtsteden war eine halbszenische Aufführung zu genießen, im Gegensatz zum Original (Arien in italienisch) komplett mit gut verständlichen deutschen Texten. Telemann hat hier die ungleiche Heirat (er hatte selbst einschlägige bittere Erfahrungen mit seiner ersten jungen Frau gemacht) mit feinsinnigem Humor und scharfer Ironie erfolgreich aufs Korn genommen.

Die pfiffige, junge und hübsche, aber arme Vespetta ist auf der Suche nach einer Anstellung und einer guten Partie an den alten Pimpinone geraten, einen Junggesellen, der eine Dienerin sucht und erheblichen erotischen „Nachholbedarf“ zu haben scheint. Dieser erliegt rasch ihren Verführungskünsten, verliebt sich in sie und bietet ihr gar die Heirat an, inklusive eines Brautschatzes von 10.000 Talern. Das war sein Fehler; denn nach der Hochzeit dreht sie den Spieß um und mutiert von der vorgeblich braven, bescheidenen Haushaltsperle mit Kittelschürze zur vornehmen Dame im langen Abendkleid, mit großem Hausschlüssel, mit Ohrringen und Brillantcollier, zur zänkischen und schnippisch emanzipierten Frau des 18. Jahrhunderts. Dumm gelaufen.

Die beiden Sänger standen rechts und links vom Dirigenten, das reichte für die Szene vollends. Denn ihr ausgeprägtes Spiel, ihre Gestik und kräftig aufgetragene Mimik sorgten immer wieder für deutlich vernehmbare Heiterkeit in der vollen Kirche. Wunderbar zeigt Pimpinone in tapsiger Behäbigkeit seinen Ärgern über die Wandlung der Kräfteverhältnisse in seinem Hause, wischt sich imaginären Schweiß von der Stirn, blättert wütend seine Noten um und ergibt sich schließlich resignierend und mit gefalteten Händen in sein Schicksal - „ich bin halt in sie verliebt“. Der Bariton, der klassische Buffo Christos Pelenakos, der auch figürlich bestens zu seiner Rolle passte, hätte durchaus ein wenig prägnanter klingen können, war aber sehr wandlungsfähig und gut geführt; köstlich seine große Arie, wo er sich wechselnd zwischen Fistelstimme und tiefer Brustlage das geschwätzige Plappern einiger Damen vorstellt.

 

Hannah Morrison ist eine wunderbare Soubrette, lebendig und originell im Spiel, mit fast unbegrenzter, leicht ansprechender Höhe, rundum wohlklingend und hübsch anzusehen obendrein. Köstlich ihre Beschimpfungen und die Zankerei mit ihrem Ehemann, dem armen Kerl. Und ihre Wandlung in der Stimme auf dem Wege von der braven Dienerin zu ihrem wahren Gesicht, wo sich das ungleiche Paar im köstlichen Duett „Wilde Hummel, böser Engel“ alles gegenseitig an den Kopf schmeißt, was man sich schon immer sagen wollte.

Hermann Max hatte sein kleines feines Orchester, namentlich das stark beschäftigte Continuo, bestens im Griff, mit präzisen Einsätzen, glut- und klangvoll, einfach perfekt in der Darstellung der Witzes und der Originalität in der Partitur. Eine zauberhafte Stunde, auch ganz ohne Bühne.

Vorausgegangen waren Quartett-Lieder von Mendelssohn Bartholdy, Giacomo Meyerbeer und Carl Friedrich Zelter, gesungen von den Männerstimmen der Rheinischen Kantorei, einer ebenfalls von Herrmann Max geründeten Chorformation mit Profi-Sängern unter Ezard Buchards. Hier konnte man hören, was einen solchen Chor auszeichnet: sauberste Intonation, Homogenität, Präzision, Leichtigkeit und Beweglichkeit.

Ein höchst beglückender und vergnüglicher Abend; schade, dass er nur einmal stattgefunden hat.

 

Michael Cramer 27.9.15

www.knechtsteden.com

Fotos: S. Gawlick, Rolf Franke, M. Cramer

 

Barockes im Rokoko-Schloss Brühl

„Sinfonie und Oper“ im Rahmen des Haydn-Festivals

Joseph Haydn „La Canterina“, Sinfonien d-Moll und G-Dur

Aufführung am 21. August 2015

Es ist ein erfolgreiches Anliegen von Andreas Spering, künstlerischer Leiter des alljährlichen Haydn-Festivals im Schloss Augustusburg im rheinischen Brühl und seiner Cappella Augustina, jeweils eine frühe Oper des barocken Meisters vorzustellen. Generell eine reizvolle Idee, um das umfangreiche Oeuvre von Haydn entsprechend zu würdigen; automatisch denkt man dabei an die Jugendopern Mozarts wie "Bastien und Bastienne"  oder „La finta semplice“. Nur – Mozart schrieb diese Werke bereits mit 11 bzw. 12 bzw. Jahren. In diesem Jahr nun „La canterina“ (die Sängerin), vermutlich von 1766, Hob. XXVIII:2, im Alter von 34 Jahren komponiert. Eine kleine feine Buffo-Oper voll skurril frecher Späße, ohne Ouvertüre, gerade mal 40 Minuten lang. Und sehr selten aufgeführt: Das Programm kennt nur eine Aufführung an der Kölner Musikhochschule und eine einzige Aufnahme auf CD unter Rudolf Palmer. Etwas mehr darf es allerdings doch sein: Zwei Produktionen gab es,  2012 im spanischen Teatro Arriga in Bilbao und 2014 im Teatro Barocco im Stift Altenburg bei Wien.

 Im Gegensatz zum italienischen „la cantante“ bedeutet „la canterina“ die „eifrige“ Sängerin, ein leicht herabsetzender Ausdruck. Das mag begründet sein in der Rolle der Sängerin Gasparina (die Spanierin Sandra Pastrana war für die erkrankte Francesca Aspromonte eingesprungen). Diese versucht nämlich mit ihrer vorgeblichen Mutter Apollonia (mal ein Mann in einer Frauenrolle: Gregory Bonfatti) ihren Vermieter, den Kapellmeister und Komponisten Don Pelagio (Krystian Adam) übers Ohr zu hauen. Er gibt der jungen Sängerin zwar Musiklektionen, steigt aber auch sehr eindeutig hinter ihr her. Und auch noch ein Dritter ist im Spiel: Gasparinas reicher Verehrer Don Ettore (Sophie Harmsen in einer Hosenrolle). Viel Verwirrspiel hin und her, aber letztlich geht es den beiden Frauen nur ums Geld, um den Erlass der längst überfälligen Miete, da der Herauschmiss droht.

Die „falsche“ Theatermutter Apollonia steuert ihren Zögling geschickt durch die Kunst der Verführung und eine vorgetäuschte Ohnmacht, sodass sich beide Verehrer gründlich täuschen lassen. Statt eines belebenden Riechfläschchens kommt ein Säckchen mit Schmuck und Geld von Don Ettore zum Einsatz, von dem augenblicklich eine wiederbelebende Wirkung ausgeht. Auch der Vermieter gewährt den listigen Künstlerinnen weiterhin Wohnrecht in seinem Hause, ein Triumpf für das weibliche Geschlecht.

 Die kleine Oper hat Haydn in seiner ersten Zeit in Eisenstadt als sogenanntes "Intermezzo "geschrieben; solche kurzen Werke wurden früher zwischen den Akten einer großen Seria-Oper gespielt. Dem nachempfunden wurde auch in Brühl: zwei Haydn-Sinfonien füllten den Abend, die Sängerriege schritt schon während des jeweils letzten Satzes die Rokoko-Treppe des großen Baumeisters Balthasar Neumann herab zur „Bühne“, dem Absatz zwischen den beiden großzügigen Treppenteilen, der die knapp 25 Musiker und 4 Sänger nur mit Mühe fassen konnte. Das Orchester spielte ohne Pause durch und ließ sich auch von einem kurzem Applaus nicht aufhalten.

Reizvoll – vor allem für das damalige Publikum – dürfte auch der Geschlechtertausch in dieser Komödie um Liebe, Eifersucht und Täuschung gewesen sein. Männer in Frauenkleidern wirkten schon sehr aufreizend, und solche amourösen Verwirrspiele auf der Bühne spiegeln durchaus das reale Leben der feinen Leute. Nun ist die Handlung der „Canterina“ eher schlicht und buffa-typisch gestrickt, der Ablauf vorhersehbar, Kollegen wie Rossini oder Mozart hätten weitaus Größeres daraus gemacht. Aber die Musik und auch das unglaubliche Ambiente des Schlosses adeln (fast) jedes Werk; und es muss doch nicht immer ganz oben angesiedelt sein. Vor allem, wenn die orchestrale Qualität stimmt und ein solch prächtiges Ensemble wie die Cappella Augustina und eine erlesene Sängerschar zur Verfügung stehen. Spering dirigierte mit präzisem Schlag und gefühlvollem Gestus, die Musiker folgten aufmerksam, die Naturhörner kamen gänzlich kieksfrei, herrlich der Chor der Oboen und Fagotte. Und bewundernswert die kurzfristig eingesprungene Sandra Pastrana sowie die Cembalistin Wiebke Weidanz, die sich als musikalisches Rückgrat des Opus nie aus der Ruhe und dem Takt bringen ließ. Die prachtvollen Sänger versuchten auf dem knappen Platz ein wenig Spiel in die Rezitative zu bringen, mit durchweg ausgezeichneten Stimmen, kecker Mimik und sparsamen theatralischen Gesten.

In gleicher wunderbarer Weise waren die beiden Haydn-Sinfonien zu erleben, die eher dunkel gestimmte d-moll, Hob. 1:34 und die fröhliche G-Dur, Hob. 1:18. Auch hier ein reizvoller Kontrast zwischen beiden Werken des in den musikalischen Köpfen des gemeinen Publikums leider manchmal etwas unterrepräsentierten genialen Komponisten. Und wenn dann noch ein lauer Sommerabend mit blauem Himmel über dem Schloss, einem Gesamtkunstwerk des deutschen Rokoko von höchstem Rang und Weltkulturerbe, und ein barocker Garten dazukommt, zusammen mit einem gut gekühlten Riesling, muss man sich schon mal an die Nase fassen, um nicht zu träumen.

Das Konzert wurde mitgeschnitten und wird am 13. September 2015 um 20:05 im WDR 3 gesendet.

Michael Cramer 27.815

Fotos: Schlosskonzerte© (1, 2, 4) und privat (3)

www.schlosskonzerte.de

 

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