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Über  Konzerte in Köln

und Umgebung berichten

Christoph Zimmermann &

Michael Cramer (unten)

 

 

 

 

 

 

 

Schöne Musik aus dem 21. Jahrhundert

Philharmonie 6. März 2014

Berliner Philharmoniker: Sir Simon Rattle

Die Wiener Philharmoniker kann man in Köln regelmäßig, wenn auch nur in größeren Abständen, erleben; der letzte Auftritt der Berliner Philharmoniker liegt hingegen schon drei Jahre zurück. Mit dem diesmal gebotenen Programm konnte sich der Radio-orientierte Musikfreund schon vorab auseinandersetzen, denn die Berliner Konzertpremiere vom 20. Februar mit Sir Simon Rattle am Pult wurde in Deutschlandradio live übertragen. Freilich ist kaum vorstellbar, dass “dark dreams“ von Georg Friedrich Haas - eingerahmt von Johannes Brahms‘ dritter Sinfonie und Claude Debussys „La mer“ - am heimatlichen Lautsprecher die gleiche Wirkung erzeugt hat wie jetzt bei der Liveveranstaltung in der weit gestaffelten Raumakustik des Kölner Konzerthauses.

 

Sie ist freilich nicht auf allen Plätzen gleich gut. Auf den (zumal vorderen) Außensitzen dominiert zwangsläufig der Klang der am Rande platzierten Instrumentengruppen, bei den Hörnern mit ihren nach hinten gerichteten Schalltrichtern wirkt die Rückwand des Konzertpodiums mitunter als ungünstiger Klangverstärker. In der Reihe 19/Seite (prinzipiell ein Top-Platz) wirkte der Beginn der Brahms-Sinfonie etwas massig und unbehauen, was sich nach einigen Takten allerdings gab. Über diesen vorübergehenden Moment der Irritation müssten bei Bedarf Akustik-Spezialisten näher befinden.

 

Für die Haas-Komposition war die arenaartig angelegte Kölner Philharmonie allerdings ein idealer Resonanzraum. „dark dreams“ (die Kleinschreibung ist original) wurde von der Berliner Philharmonie und der New Yorker Carnegie Hall in Auftrag gegeben. Das knapp halbstündige Werk enthält viele mikrointervallische Passagen, eine „Spezialität“ von Haas. Das ergibt harmonische Reibungen, wie andererseits sich überlagernde Tempi für metrische Instabilität sorgen. Tremoli und Glissandi unterstreichen den Schwebecharakter der Musik, die sich wie ein Nebel hier verdichtet, dort auflöst. In der Mitte des Stückes okkupiert eine gedehnte Terzenbewegung dreiklangsharmonisch das musikalische Geschehen, was an das Prinzip der Minimal Music erinnert. Am Schluss mündet „dark dreams“ in kurze Soli von Kontrafagott (wegen der von Haas überaus geschätzten Sophie Dartigalongue geschrieben), Kontrabass und Tuba. Diese tiefen Instrumente korrespondieren sinnfällig mit dem Werktitel. Klangdunkel und Nachtstimmung ist bei Werken von Haas häufig anzutreffen („Nachtschatten“, Kammeroper „Nacht“, „Nocturno“ für Frauenchor und Akkordeon). Bei einigen ist sogar Dunkelheit im Konzertsaal vorgeschrieben.

 

Wie einst Alban Berg sagt auch Georg Friedrich Haas, dass für das Verstehen bzw. Rezipieren seiner Musik nicht unbedingt eine Detailanalyse der Partitur erforderlich ist, sondern dass man sich vorrangig dem „Sog der Klänge und Emotionen hingeben“ und den „wunderbaren Klang der Blasinstrumente genießen“ soll, was wohl auch ein wenig auf die Qualität der Berliner philharmonischen Musiker anspielt. Die spielten unter der überlegenen, kontrollierten Stabführung von Sir Simon Rattle denn auch mit allem erforderlichen Dunkel-Klang, mit Sfumato-Elegie und irrlichternden Klangdetails. Auch dank dieser Interpretation kann man bei „dark dreams“ von schöner Musik sprechen. Der Dirigent Lothar Zagrosek, in der Moderne nun wahrlich zu Hause, soll sich nach der Berliner Uraufführung über das Stück über die Maßen entzückt geäußert haben. Aber wie so oft bei Musik, die sich als publikumswirksam erweist, gibt es Gegenstimmen aus dem Bereich der akademischen Avantgarde. Ob es wirklich „klanglich raffiniertere Werke“ von Haas gibt, möchte man ohne Eigenprüfung nicht unbedingt glauben. Der abfälligen Bemerkung „viel Verschwommenes und wenig wirkliche Substanz“ kann bei „dark dreams“ aber nun wirklich nicht gefolgt werden.

 

Die Interpretation der Brahms-Sinfonie kam bei einem Hamburger Gastspiel der Berliner übrigens nicht sonderlich gut weg, wurde (wie auch das Haas-Werk) sogar als „Ärgernis“ bezeichnet, u.a. weil die Geigen „unbekümmert so manches Bläsersolo hinweg pflügten“. So hörte man das Werk in Köln wahrlich nicht, auch wenn sehr bald klar wurde, dass Sir Simon Rattle keinen Schmalspur-Brahms zu bieten gesonnen war. Der voll aufgedrehte Orchester-Sound kostete hier und da vielleicht etwas an Eleganz - doch welch ein satter, vibrierender Klang erfüllte den Raum. Aber es kam vor allem im Poco Allegretto auch eine fein abgestufte Dynamik zum Einsatz, und Stefan Dohr blies auf seinem Horn einige Pianissimo-Wundertöne. An bekannten Gesichtern entdeckte man im Orchester noch den Oboisten Albrecht Mayer, welcher ebenfalls mit einigen subtilen Soli aufwartete.

 

Debussys „La mer“ wiederum gönnte Dominik Wollenweber (Englischhorn) eine Reihe elegisch schwelgerischer Phrasen. Es schwelgte aber auch das gesamte Orchester. Sir Simon Rattle, neuerlich auswendig dirigierend, setzte voll auf den narkotischen Klang dieser wunderbaren Musik, welche den Zuhörer förmlich aufsog und noch lange nach dem Schlussakkord gefangen hielt.

 

 

8.3.2014              Christoph Zimmermann

 

Finnische Schwermut

Philharmonie 12.2.2014

Igor Levit, Helsinki Philharmonic Orchestra: John Storgards

„Land der dunklen Wälder und kristall’nen Seen“. Mit diesen stimmungsvoll raunenden Worten beginnt das Ostpreußenlied. Um wie viel dunkler hat man sich die noch weiter nördlich liegenden Wälder Skandinaviens vorzustellen, so auch die von Finnland. Bei diesem Land assoziiert der Musikfreund in erster Linie den Komponisten Jean Sibelius mit seinen meist düsteren, schwerblütigen Werken. Selbst der Dreivierteltakt klingt bei ihm meist wie der populäre „Valse triste“. Das Konzert des Helsinki Philharmonic Orchestra in der Kölner Philharmonie widersprach dem zumindest nicht, denn die „Lemminkäinen-Suite“ erzählt wie auch Leevi Madetojas „Kullervo“ ausgesprochen rauhe, kämpferische, trauergesättigte Geschichten aus dem finnischen Nationalepos „Kalevala“.

Foto: Heikki Tuuli

Es ist natürlich Ehrensache für das HPO, Musik aus seinem Heimatland zu offerieren, vor allem, wenn ihr international er Bekanntheitsgrad begrenzt ist. Sibelius hat sich zwar auf ganzer Linie durchgesetzt, aber nicht alle seine Werke sind so populär wie „Finlandia“, die Karelia-Suite, das Violinkonzert oder „Der Schwan von Tuonela“, die zweite oder (je nach Interpretenentscheid) dritte der Legenden in der Lemminkäinen-Suite. Wirklich noch zu entdecken bleibt hierzulande Leevi Madetoja, eine Generation jünger als sein gelegentlicher Lehrer Sibelius, musiksprachlich gleichwohl immer noch postromantisch. Das HPO unter seinem derzeitigen Chefdirigenten John Storgards, der auch das Kölner Konzert leitete, hat vor einiger Zeit Werke von ihm auf CD eingespielt (u.a. „Kullervo“); aber da greifen wohl doch vorrangig Connaisseurs oder Raritätenjäger zu.

Kullervo ist, wie auch Ibsens Peer Gynt, ein stürmischer junger Mann, den es in die Welt zieht und der sich einigermaßen hemdsärmelig durch das Leben boxt. Seine Eltern scheinen bei einer Familienfehde umgekommen zu sein, seine Schwester hat sich verloren. Irgendwann trifft er unbekannterweise auf sie, und aus dieser Begegnung ergibt sich eine Wälsungen-Beziehung. Die Schwester ertränkt sich, als ihr das Schwester-Bruder-Verhältnis bewusst wird, auch Kullervo macht seinem Leben später ein Ende. Bis auf einen kurzen, melodisch zarten Mittelteil ist die eine Viertelstunde dauernde Tondichtung wild und stürmisch, sehr bildhaft und harmonisch spannend: somit ein attraktives Werk, welches ein Jahrhundert nach seiner Entstehung vielleicht doch mit mehr Aufmerksamkeit bedacht zu werden verdient. Das HPO tat jedenfalls alles, um sich Madetojas Musik leuchtkräftig und dramatisch konzentriert ausbreiten zu lassen. Eine Interpretation, die merklich Eindruck machte.

(c) Borggreve

Auch bei der Lemminkäinen-Suite bestach die orchestrale Vitalität, der theatralische Impetus, aber auch die feinsinnige Klangdramaturgie. Lemminkäinens Erdenfahrt endet nicht so tragisch wie die von Kullervo, über seiner Rückkehr zur greisen Mutter liegen musikalisch dennoch unüberhörbar einige Schatten. Und er hat ja auch eine Begegnung mit dem Totenreich Tuonela. Auf dessen See zieht ein Schwann seine Kreise, klagevoll aus dem Jenseits mahnend. Wie anders ist doch das Schwanen-Porträt von Camille Saint-Saens im „Karneval der Tiere“, lyrisch und licht. Die harmonisch verschwimmende Musik von Sibelius mit ihrem elegischen Grundton besitzt etwas zutiefst Bezwingendes, und der Englischhorn-Spieler eines Orchesters freut sich natürlich auf sein ausgedehntes, dankbares Solo. Der Interpret des HPO machte seine Sache wunderbar, das Orchester breitete ihm einen dunkelsamtigen Klangteppich aus.

(c) Felix Broede

Nicht ganz so glücklich wurde man mit Ludwig van Beethovens 3. Klavierkonzert. Es fehlte dem Orchester durchaus nicht an Prägnanz, John Storgards nicht an klarer, vervehafter Zeichengebung. Aber der Solist Igor Levit (kurzfristig eingesprungen für Rafal Blechacz) ist ein derart pointierter und anschlagssensibler Pianist, dass für ein überzeugendes Musizieren noch mehr Feinabstimmung erforderlich gewesen wäre. Ein Indiz für dynamisches Ungleichgewicht war der meist zu laute Fagottist. Der erst 26jährige Levit hat sich binnen kurzer Zeit in der vordersten Reihe der jüngeren Pianistengeneration etablieren können. Sein Spiel ist, ohne Pedalverwischung, so kristallin wie männlich. Besondere Wirkung kam jedoch von seinen raumgreifenden Pianissimo-Akkorden im langsamen Mittelsatz. Nach dem zugegebenen f-Moll-Moment-Musical hätte man gerne noch sehr viel mehr Schubert gehört.

Das Orchester verabschiedete sich seinerseits mit Robert Schumanns „Abendlied“, von Johan Severin Svendsen in ein mystisches Streichergewand gehüllt.

Christoph Zimmermann 13.2.14

 

 

  

Mit der Harfe im Mittelpunkt

Philharmonie 3.2.2014

Magali Mosnier, Xavier de Maistre, Academy of St.Martin in the Fields

Vor erst einem knappen Monat war die Academy of St Martin in the Fields in der Philharmonie zu Gast. Auch damals gab es (mit Joshua Bell und Albrecht Mayer) ein Doppelkonzert zu hören (Bach). Diesmal spielten Magali Mosnier und Xavier de Maistre das Mozartsche für Flöte und Harfe. Und neuerlich kam das im besten Sinne routinierte Orchester ohne Dirigenten aus. Impulsgeber am Konzertmeisterpult war diesmal Zsolt-Tilhamer Viscontay, dessen Karriere nota bene in Altenburg-Gera begann. Der junge Geiger war fraglos vorrangig für den Stil der Interpretation zuständig.

Einmal Edward Elgar, dreimal Mozart: ein dramaturgisch vielleicht nicht gerade logisches, gleichwohl attraktives Programm. Bei Elgars Introduktion und Allegro opus 47, wo Streichquartett und -orchester mit- und gegeneinander agieren, frappierte der weiträumige Luxusklang der Musiker, ihre entschlossene Tongebung, ihre elegante Dynamisierung. Ein Spiel wie aus einem Guss, und schöne spätromantische Musik überdies, wie auf schwerem Samt dargeboten.

Der Tendenz zu energisch dramatischem Spiel entsprach bei Mozart am meisten die Sinfonie Nr. 17 (KV 129). Wieder einmal machte einigermaßen fassungslos, welch hinreißende Musik aus der Feder eines Sechzehnjährigen geflossen ist. Eine gewisse Adoleszenz im Ausdruck sollte nicht weiter in Rechnung gestellt werden. Auf jeden Fall wirkt das lichte Werk voller Frische, und so spielte es auch die Academy, mit feurigem Ton und nervigem Elan. Die Zugabe (Finalsatz aus der Sinfonie KV 124) brachte sogar noch eine Steigerung.

Sein Konzert für Flöte und Harfe brachte Mozart nicht gerade in entspannter Atmosphäre zu Papier und bediente fraglos auch gewisse Konventionen: doch welch ein Geniestück, zwei Instrumente miteinander versöhnend, welche der Komponist gar nicht einmal besonders mochte. Xavier de Maistre gab seinen Part mit fein ziselierter Virtuosität. Bei Magali Mosnier, prinzipiell untadelig, vermisste man ein wenig den blühenden „Zauberton“, wie es Tamino in Mozarts Spätoper ausdrückt.

Kleine Einwände sind auch bei der Adaption des Klavierkonzertes KV 459 durch den Harfenisten zu machen. Die Sololiteratur für sein Instrument ist sicher nicht sonderlich groß, außerdem haben Transkriptionen dieser und ähnlicher Art eine lange Tradition. Sei’s also - nur muss das Ergebnis stimmen. De Maistres prägnantes und dynamisch wunderbar abgestuftes Spiel ging im eigentlich sehr subtil begleitenden Orchester manchmal unter, verlor auch an Individualklang.

Versöhnt wurde man freilich die die zauberhafte, silberblättrige Zugabe: La Mandoline von Elias Parish-Alvars, in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts seinerseits ein Harfenviruose von Rang. Das effektvolle Stück ist auch auf Xavier de Maistres CD „Notte Veneziana“ zu hören.

4.2.2014 Christoph Zimmermann

Foto: Philharmonie Köln

 

 

 

Exotischer Topp-Geiger

Philharmonie: 24.1.2014

Ray Chen, Shanghai SDymphony Orchestra: Long Yu

Während man sich in unseren Breitengraden um den Publikumsnachwuchs für klassische Musik sorgt, scheint in China Aufbruchsstimmung zu herrschen. Dennoch wird pädagogisch nachgeholfen. Ein Dirigent wie Long Yu

ist dafür der rechte Mann. Er leitet nicht weniger als drei der führenden Sinfonieorchester Chinas, nämlich das 2000 von ihm gegründete China Philharmonic, das Guanzhou Symphony und auch das von Shanghai. Dieses beendete seine aktuelle Europa-Tournee (München, Nürnberg, Eindhoven, Düsseldorf, Hamburg, Amsterdam) in der Kölner Philharmonie. Das hiesige Gürzenich-Orchester wird seinerseits Mitte Februar zu einer Asien-Reise aufzubrechen, welche auch nach Shanghai führt.

Long Yu ist weiterhin Gründer und Leiter des Beijing-Music Festivals, welches sich derzeit in der 15 Spielzeit befindet. Dann gibt es noch das MISA Festival, an welchem auch Charles Dutoit mitwirkt. Es dient vor allem dazu, bei jungen Menschen Interesse für klassische Musik zu wecken. Darüber hinaus steht Long Yu der chinaweit ersten Orchester-Akademie vor, bei welcher das Shanghai Symphony, die Musikhochschule der Stadt sowie das New York Philharmonic zusammen arbeiten. Die New Yorker wird Yu demnächst häufiger leiten und bei dieser Gelegenheit mit dem Repertoire seines Heimatlandes bekannt machen

Auch in Köln gab es ein Stück aus China zu hören: „Der Mond spiegelt sich im Erquan-See“ von Hua Yanjun (1893-1950). Der Komponist ist noch stärker unter dem Namen Abing bekannt und durch seine Tätigkeit als Instrumentalist: Vor allem die lautenähnliche Pipa und die chinesische Geige Erhu beherrschte Abing perfekt. Er war arm, aber beim Volk außerordentlich populär und beliebt, zumal sich seine Lieder mit aktuellen, bodenständigen Themen beschäftigten. Er trat gerne unter freiem Himmel auf, wobei er den „Erquan“-Platz im Xihui-Park von Wuxi bevorzugte. Von seinem in der Philharmonie zu hörenden Werk hat er freilich nur die seinem Instrument zugedachte Melodie geschrieben. Erst später machte die Streicherbearbeitung des Musikwissenschaftlers Wu Zuquiang aus dem 10-Minuten-Werk eine kleine Tondichtung.

Bestimmte melodische und harmonische Wendungen geben der Musik eine leicht exotische Note. So werden Intervalle werden gerne glissandierend verbunden. Man könnte das Stück dennoch mit einer Streicher-Serenade à la Tschaikowsky vergleichen. Auch die Spielkultur des Orchesters ist von einer „westlichen“ im Grunde nicht zu unterscheiden. Dem war möglicherweise das Studium Long Yus an der Universität der Künste in Berlin förderlich. Dass einige Mitglieder des Shanghai Symphony Europäer sind (darunter der Konzertmeister), hat damit hingegen nichts zu tun.

Auch bei dem Geiger Ray Chen ist die Nationalität zu spezifizieren. Geboren wurde der Mittzwanziger in Taiwan (das erklärt die physiognomische Ähnlichkeit mit dem noch jüngeren Pianisten Kit Armstrong),er wuchs aber in Australien auf. Mit 15 Jahren kam er an das Curtis Institute of Music zu dem legendären Aaron Rosand, dessen individuellen Ton Ray Chen für sich gerne mit der Brillanz von Jascha Heifetz, dem Charme von Fritz Kreisler und der Integrität von Nathan Milstein verbinden würde, wie in einem Interview auf Youtube erklärt. Hier kann man den 19jährigen Ray auch beim Preisträger-Konzert bei der Mehuhin-Competition in Cardiff 2008 mit dem Mendelssohn-Konzert erleben, begleitet von der Sinfonia Cymru unter Garreth Jones. Wenn man ein wenig weiter surft, stößt man auf eine köstliche String Showcase vom Folgejahr, wo Ray in Aspen mit seinem Kollegen Steven Chang „Stars and Stripes“ zum Besten gibt. In Köln wirkte der junge, attraktive Geiger außerordentlich bescheiden, aber er scheint durchaus gerne zu plaudern, wenn man ihn ein wenig antippt.

Mit seinem Repertoire scheint sich Ray Chen zunächst einmal nicht festlegen zu wollen. Die Konzerte von Mendelssohn und Tschaikowsky (dieses auch in Köln) hat er mit dem Schwedischen Rundfunk-Sinfonieorchester unter Daniel Harding eingespielt, seine aktuelle Aufnahme ist ein Mitschnitt vom Schleswig-Holstein Festival mit den Mozart-Konzerten 3 und 4 unter Christoph Eschenbach. Rays Studio-Debüt erfolgte freilich unter dem Titel „Virtuoso“ (Tartini, Bach, Wieniawski, Franck), und diese Richtung scheint Ray Chen auch Spaß zu machen. Bei Tschaikowsky fand er ideale Möglichkeiten, sich in allen Stilen zu beweisen. Die Süße der Canzonetta bezauberte, doch wirkte der Satz erfreulicherweise nicht überzuckert. Bei den Allegro-Rahmensätzen gab sich der Geiger ausgesprochen nervig, spitzte Punktierungen mitunter extrem zu und gab manchen Tönen magyarische Intensität (bei leichtem Überdruck hier und da). Imponierend präzise war die rhythmische Übereinstimmung mit dem Orchester, welches immerhin mit größter Besetzungsstärker (8 Celli!) antrat. Bei der Interpretation von Long Yu fiel besonders die deutliche Herausarbeitung instrumentaler Koloristik auf, zumal bei den Holzbläsern. Der guten Akustik der Kölner Philharmonie ist dies alleine nicht zuzuschreiben. Sinnfälliges Encore: „Tambourin chinois“ von Fritz Kreisler.

Das perfekte Spielt des Shanghai Symphony war nochmals und gesteigert bei Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ zu erleben. Vier Tage zuvor war das Werk an gleicher Stelle in einer Streicherfassung von Agnieszka Duczmal, der Dirigentin des Amadeus Chamber Orchestra of Polish Radio, zu erleben gewesen, ein übrigens erstaunlich stimmiges Experiment. Aber Ravels Orchestrierung ist und bleibt ein Ereignis der besonderen Art. Long Yu brachte es auch hier fertig, melodische Details und Farbtupfer in all der Klangüppigkeit nicht untergehen zu lassen. Als Beispiel sei nur die Harfe genannt, deren Arpeggien sonst fast immer unhörbar bleiben.

Die Zuhörer zeigten sich zu Recht begeistert. In einer kleinen Ansprache erinnerte sich Long Yu an einen schon etwas zurückliegenden Auftritt in Köln, der ihm als besonders angenehm in Erinnerung geblieben sei. So widmete er die Zugabe, eine Pièce chinesischer Herkunft, ausdrücklich dem anwesenden Publikum.

26.1.14.  Christoph Zimmermann

Bilder: Philharmonie Köln

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