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ORPHEUS IN DER UNTERWELT

Musikalische Bearbeitung von Uwe Sochaczewsky (Deutsche Dialogfassung von Elena Tzavara)

Dauer ca. 60 Minuten (keine Pause)

Uraufführung in der Kinderoper Köln am 13. Juni 2013

Qualmende Klappen in die Unterwelt

Welch ein Segen - die Kölner Oper hat wieder eine prachtvolle Aufführung von Offenbachs Meister-Operette "Orpheus in der Unterwelt" im Repertoire. Acht Jahre nach dem Desaster und historischem Kölner Tiefpunkt mit dieser bereits nach wenigen Aufführung abgesetzten Inszenierung (einer der Sargnägel für den damaligen Intendanten Christoph Dammann) hat sich die Kinderoper unter der Regie ihrer Chefin Elena Tzavara des Stoffs angenommen - und wie!

Die gesellschaftskritische Parodie antiker Mythen mag selbst für Erwachsene schon ein wenig kompliziert sein, und erst recht für Kinder – wie ausgeschrieben – ab acht Jahren. Aber die Geschichte um Götter und Menschen, um Liebe, Ehestreit, Entführung und Intrige ist so spannend und optisch vielfältig und kindgerecht inszeniert, dass selbst die ganz Kleinen gebannt bei der Sache waren. Das unter anderem, weil der beliebte TV-Jugend-Moderator Ralph-Caspers („Wissen mach Ah“) als "öffentliche Meinung" und spiritus rector im karierten Sakko die Geschichte mächtig und quirlig vorantreibt und durch Olymp und Unterwelt führt - bis zum typisch neuzeitlichen Ende; aber davon später mehr.

Das Oval des Alten Pfandhauses war eingehüllt in rosa-graue Wolken-Vorhänge, die hochgezogen weitere Spielorte freigaben. In der Arena ein silberglänzender Steg mit allerlei geheimnisvollen und heftig qualmenden Klappen und einem Fenster als Zugänge in die besagte Unterwelt. Der Götterhimmel öffnete sich unter der Musiker-Empore, und natürlich gab es einen großen Fernseher für die "öffentliche Meinung". Und wie es sich für eine echte Operette gehört, durften auch die Nummern-Girls in 20er-Jahre-Outfit nicht fehlen.

Orpheus (Juraj Hollý) als stimmgewaltiger Stehgeiger a la André Rieu mit Gummi-Violine will seine Frau Eurydike (Erika Simons) an den langschwänzigen Teufel Pluto im Schafspelz (Leonard Bernhard) loswerden, aber das passt der „Öffentlichen Meinung“ ganz und gar nicht. Im Götterhimmel schiebt eine köstlich gewandete Schar laszive Langeweile, informiert vom wunderbar dezent schwulen Merkur (Marcelo de Souza Felix) und aufgemuntert über die Entführungsaktion von Eurydike, die auf Befehl von langbärtigen Göttervater Jupiter (Lucas Singer) in der Unterwelt versteckt werden soll. Hier wartet der schwerhörige und vergessliche Hans Styx als Prinz von Arkadien (köstlich das Urgestein Werner Sindemanns im Popsänger-Look), Jupiter verwandelt sich in eine Fliege mit mächtigem blau schimmernden Panzer und schlüpft durch das Schlüsselloch, um Eurydike während des Höllen-Cancans zu entführen. Pluto erwischt jedoch die beiden; auf Vermittlung der Öffentlichen Meinung darf Orpheus seine Eurydike auf die Erde zurückführen - aber nur, wenn er sich nicht nach ihr umdreht. Was er natürlich nicht schafft. Aber auch hier gibt es eine Lösung: Eurydike bekommt eine eigene Fernsehshow, ein heutzutage durchaus gängiger Ablauf bei Menschen, nach denen man sich auf der Straße umdreht. Und dem heulenden Orpheus bleibt nur noch die Fernbedienung.

Uwe Sochaczewsky hat die Musik und Elena Tzavara den Text kindgerecht auf eine Stunde reduziert, ohne die Handlung zu zerstückeln; das geschrumpfte Gürzenichorchester spielt engagiert und launig unter Rainer Mühlbach, dem neuen musikalischen Chef von Kinderoper und Opernstudio. Aus dem Studio stammen überwiegend auch die Sänger, die hier ein hervorragendes und anspruchsvolles Podium vorfinden, um den sängerischen und darstellerischen Alltag zu trainieren. Und um einfach auch Spaß zu haben, was man durchgängig merkt; alle zeichnet eine hohe Gesangsgüte und Spielfreude aus. Dazu passen die originelle Bühne, die prachtvoll-witzigen Kostüme und die skurrilen Accessoires von Elisabeth Vogetseder, die bereits zahlreiche Produktionen der Kinderoper erfolgreich ausstaffiert hat.

FAZIT: Eine wunderbar bunte, originelle, spannende und durchaus auch kindgerechte Adaptation der berühmten Operette. Ebenfalls für Eltern und Großeltern sehr empfehlenswert.

Von Michael Cramer                                                      Fotos: © Matthias Baus

 

 

DIE ZAUBERKÜCHE

Kinderoper nach einer Idee von Thomas Witzmann - gemeinsam erarbeitet von Rüdiger Pape (Regie), Maike Raschke und Thomas Witzmann

Uraufführung in der Kinderoper Köln am 2. Mai 2013

Die Welt ist Klang: Klappershow in der Zauberküche

Essen muss man ja täglich mehrfach, das braucht man den Kindern im ausverkauften Haus bei der Uraufführung der Zauberküche in der Kölner Kinderoper nicht extra beizubringen. Aber dass auch Musik quasi als Grundnahrungsmittel immer verfügbar sein sollte, dass die Welt aus Klängen besteht, wenn man nur gut hingehört, und dass man diese Klänge sogar überall selbst erzeugen kann – das ist die Grundbotschaft des Teams, welches Regisseur Rüdiger Pape, die Sängerin Maike Raschke und der Perkussionist Thomas Witzmann, Ideengeber und selbst als Klangkoch auf der Bühne aktiv, aus den Proben heraus entwickelt haben. Die Kinderopern-Chefin Elena Tzavara hat hier erneut ihr gutes Händchen für die Auswahl der Stücke und Akteure bewiesen. Dass die Inszenierung ganz ohne Musikinstrumente auskommt, ist nicht den Einsparbemühungen der Kölner Oper geschuldet, sondern liegt daran, dass neben dem Gesang auch Rhythmus, Takt, Bewegung und Tanzgleichwertige Teile der Musik sind. Und wie Kinder selbst aktiv werden können, wurde ihnen in turbulenten 45 Minuten praktisch und ganz ohne „Klangweile“ demonstriert.

Die Tages-Fee Chorianda wohnt in einem explosionsgefährdeten, geräuschvollen und verqualmten Kessel und hat große Not, hat sie doch ihr Rezeptbuch für den hellen Weltenklang verlegt, den sie bereits zum Frühstück braucht, da ihre Ohren sonst verhungern. Glücklicherweise hat sie mit ihren futuristisch gekleideten Klangköchen Crescendo, Andante und Tremolo eine bewährte Brigade, die ihr in der Klangküche Ohrenspeisen mit „hohem C und einem Schuss Vitamin D“, einen Mittagsohrenschmaus und mit einer "großen Nachtmusik" sogar ein „Mehr-Klänge-Menü“ bereiten.

Das Oval des Alten Pfandhauses fungierte als ein einziges großes musikalisches Schlag- und Klapperinstrument. Auf Holzlatten ringsum konnte man mit Kochlöffeln quasi Xylophon spielen, an einer Rutsche, die vom Eingang des Kessels auf einen Herd sogar mit fließendem Wasser („Das ist ja cool“) hingen unzählige Küchengeräte, Töpfe, Pfannen, Geschirr bis hin zu großen Backformen, Einmachkesseln und riesigen Paella-Pfannen. Am Ende eine Art Taucherglocke: Vakuum-Zufluchtsstätte für Chorianda, die sie erst bei schönen Klängen wieder verlassen wollte. Das spannende Rein- und Rauskrabbeln klappte natürlich, denn die drei „Musiker“ (noch dazu Rie Watanabe & Jonny Axelsson) klapperten, klopften, schepperten, raschelten und polterten unentwegt mit allem auf allem. Da gab es ein Konzert für sechs Glasschüsseln mit Eierlöffeln, anstatt eines Schlagzeug-Besens wurde ein Bündel Spaghetti eingesetzt, getrocknete Erbsen dienten als Rassel für südamerikanische Rhythmen. Ohne Berührungsängste wurden die heruntergefallen Exemplare vom kleinen Publikum aufgesammelt und verspeist: Lebensmittel zum Spielen – eigentlich ein Unding – darf man auch essen. Stereo-Sphärenklänge entstanden durch Reiben auf den Rändern zahlreicher Gläser, an dem geriffelte Deckel eines Nutella-Glases konnte man wunderbar ratschen. Verblüffend auch für die Erwachsenen war die ungeheure Präzision und Vielfalt von Ideen, Klängen und Zusammenspiel der Profi-Schlagzeuger; schon ein exzellenter Ohrenschmaus, denn selbst die Pfeffermühle wurde im Takt gedreht. Und wer genau hinhörte, konnte auch die charakteristischen Taktfolgen unterschiedlicher Musikrichtungen erkennen, vom Barock über Klassik bis hin zum Schlager.

Chorianda, die phantasievoll gekleidete Maike Raschke, sang a capella mit sicherem glockenreinem Sopran von ihrer Not, wies ihre Klangköche an und ließ sich auch durch manch unruhige Kinder nicht aus der Ruhe bringen. Und zufrieden war sie auch, denn ihre Köche schrubbten und putzen anschließend ihre Klangküche aus Leibeskräften, natürlich nicht einfach so, sondern fein rhythmisch austariert.

Trotz aller Fröhlichkeit, Spaß und reichlichem Zwischenapplaus bei der Aufführung ist sicherlich Einiges bei der jungen Schar hängen geblieben. Nämlich das Vergnügen am Laut alltäglicher Gegenstände, denn das Leben ist Klang und Musik gleichermaßen. Kinder sollen lernen, aufmerksamer in ihre Umwelt hineinzuhören und auch auf die vielfältigen kleinste Töne zu lauschen und bewusster aufzunehmen. Schon eine wirksame Prophylaxe gegen die verdummende musikalische Monotonie und extremen Lautstärkepegel mancherlei Pop-Rock-Musik, die man oft durch geschlossene Autofenster oder trotz Kopfhörern mitbekommt.

Ida und Lotte, die obligaten Begleiterinnen des Rezensenten, haben das Erlebte dann sogleich auf dem Heimweg im Auto und erst recht in der häuslichen Küche begeistert und lautstark umgesetzt; dem Vernehmen nach ist aber nichts entzwei gegangen. 

Eine spaßige Idee mit professioneller Umsetzung - ohne moralischen Zeigefinger, aber dennoch wichtig und lehrreich. 

Michael Cramer                                      Fotos: © Matthias Baus

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